3.
Ich gehe durch diess Volk und lasse manches Wort fallen: aber sie
wissen weder zu nehmen noch zu behalten.
Sie wundern sich, dass ich nicht kam, auf Lüste und Laster zu lästern;
und wahrlich, ich kam auch nicht, dass ich vor Taschendieben warnte!
Sie wundern sich, dass ich nicht bereit bin, ihre Klugheit noch zu
witzigen und zu spitzigen: als ob sie noch nicht genug der Klüglinge
hätten, deren Stimme mir gleich Schieferstiften kritzelt!
Und wenn ich rufe: „Flucht allen feigen Teufeln in euch, die gerne
winseln und Hände falten und anbeten möchten“ : so rufen sie:
„Zarathustra ist gottlos“.
Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung—; aber gerade ihnen
liebe ich’s, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich _bin_ Zarathustra, der
Gottlose!
Diese Lehrer der Ergebung! Überall hin, wo es klein und krank und
grindig ist, kriechen sie, gleich Läusen; und nur mein Ekel hindert
mich, sie zu knacken.
Wohlan! Diess ist meine Predigt für _ihre_ Ohren: ich bin Zarathustra,
der Gottlose, der da spricht „wer ist gottloser denn ich, dass ich mich
seiner Unterweisung freue?“
Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich Meines-Gleichen? Und
alle Die sind Meines-Gleichen, die sich selber ihren Willen geben und
alle Ergebung von sich abthun.
Ich bin Zarathustra, der Gottlose: ich koche mir noch jeden Zufall in
_meinem_ Topfe. Und erst, wenn er da gar gekocht ist, heisse ich ihn
willkommen, als _meine_ Speise.
Und wahrlich, mancher Zufall kam herrisch zu mir: aber herrischer noch
sprach zu ihm mein _Wille_,—da lag er schon bittend auf den Knieen—
—bittend, dass er Herberge finde und Herz bei mir, und schmeichlerisch
zuredend: „sieh doch; oh Zarathustra, wie nur Freund zu Freunde
kommt!“—
Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Und so will ich es
hinaus in alle Winde rufen:
Ihr werdet immer kleiner, ihr kleinen Leute! Ihr bröckelt ab, ihr
Behaglichen! Ihr geht mir noch zu Grunde—
—an euren vielen kleinen Tugenden, an eurem vielen kleinen Unterlassen,
an eurer vielen kleinen Ergebung!
Zu viel schonend, zu viel nachgebend: so ist euer Erdreich! Aber dass
ein Baum _gross_ werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln
schlagen!
Auch was ihr unterlasse, webt am Gewebe aller Menschen-Zukunft; auch
euer Nichts ist ein Spinnennetz und eine Spinne, die von der Zukunft
Blute lebt.
Und wenn ihr nehmt, so ist es wie stehlen, ihr kleinen Tugendhaften;
aber noch unter Schelmen spricht die _Ehre_: „man soll nur stehlen, wo
man nicht rauben kann.“
„Es giebt sich“—das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage
euch, ihr Behaglichen: _es nimmt sich_ und wird immer mehr noch von
euch nehmen!
Ach, dass ihr alles _halbe_ Wollen von euch abthätet und entschlossen
würdet zur Trägheit wie zur That!
Ach, dass ihr mein Wort verstündet: „thut immerhin, was ihr wollt,—aber
seid erst Solche, die _wollen können_!“
„Liebt immerhin euren Nächsten gleich euch,—aber seid mir erst solche,
die _sich selber lieben_—
—mit der grossen Liebe lieben, mit der grossen Verachtung lieben!“ Also
spricht Zarathustra, der Gottlose.—
Doch was rede ich, wo Niemand _meine_ Ohren hat! Es ist hier noch eine
Stunde zu früh für mich.
Mein eigner Vorläufer bin ich unter diesem Volke, mein eigner
Hahnen-Ruf durch dunkle Gassen.
Aber _ihre_ Stunde kommt! Und es kommt auch die meine! Stündlich werden
sie kleiner, ärmer, unfruchtbarer,—armes Kraut! armes Erdreich!
Und _bald_ sollen sie mir dastehn wie dürres Gras und Steppe, und
wahrlich! ihrer selber müde—und mehr, als nach Wasser, nach _Feuer_
lechzend!
Oh gesegnete Stunde des Blitzes! Oh Geheimniss vor Mittag!—Laufende
Feuer will ich einst noch aus ihnen machen und Verkünder mit
Flammen-Zungen:—
—verkünden sollen sie einst noch mit Flammen-Zungen: Er kommt, er ist
nahe, der grosse Mittag!
Also sprach Zarathustra.