Also erzählte Zarathustra seinen Traum und schwieg dann: denn er wusste
noch nicht die Deutung seines Traumes. Aber der jünger, den er am
meisten lieb hatte, erhob sich schnell, fasste die Hand Zarathustra’s
und sprach:
„Dein Leben selber deutet uns diesen Traum, oh Zarathustra!
Bist du nicht selber der Wind mit schrillem Pfeifen, der den Burgen des
Todes die Thore aufreisst?
Bist du nicht selber der Sarg voll bunter Bosheiten und Engelsfratzen
des Lebens?
Wahrlich, gleich tausendfältigem Kindsgelächter kommt Zarathustra in
alle Todtenkammern, lachend über diese Nacht- und Grabwächter, und wer
sonst mit düstern Schlüsseln rasselt.
Schrecken und umwerfen wirst du sie mit deinem Gelächter; Ohnmacht und
Wachwerden wird deine Macht über sie beweisen.
Und auch, wenn die lange Dämmerung kommt und die Todesmüdigkeit, wirst
du an unserm Himmel, nicht untergehn, du Fürsprecher des Lebens!
Neue Sterne liessest du uns sehen und neue Nachtherrlichkeiten;
wahrlich, das Lachen selber spanntest du wie ein buntes Gezelt über
uns.
Nun wird immer Kindes-Lachen aus Särgen quellen; nun wird immer
siegreich ein starker Wind kommen aller Todesmüdigkeit: dessen bist du
uns selber Bürge und Wahrsager!
Wahrlich, _sie selber träumtest du_, deine Feinde: das war dein
schwerster Traum!
Aber wie du von ihnen aufwachtest und zu dir kamst, also sollen sie
selber von sich aufwachen—und zu dir kommen!“—
So sprach der jünger; und alle Anderen drängten sich nun um Zarathustra
und ergriffen ihn bei den Händen und wollten ihn bereden, dass er vom
Bette und von der Traurigkeit lasse und zu ihnen zurückkehre.
Zarathustra aber sass aufgerichtet auf seinem Lager, und mit fremdem
Blicke. Gleichwie Einer, der aus langer Fremde heimkehrt, sah er auf
seine Jünger und prüfte ihre Gesichter; und noch erkannte er sie nicht.
Als sie aber ihn hoben und auf die Füsse stellten, siehe, da
verwandelte sich mit Einem Male sein Auge; er begriff Alles, was
geschehen war, strich sich den Bart und sagte mit starker Stimme:
„Wohlan! Diess nun hat seine Zeit; sorgt mir aber dafür, meine jünger,
dass wir eine gute Mahlzeit machen, und in Kürze! Also gedenke ich
Busse zu thun für schlimme Träume!
Der Wahrsager aber soll an meiner Seite essen und trinken: und
wahrlich, ich will ihm noch ein Meer zeigen, in dem er ertrinken kann!“
Also sprach Zarathustra. Darauf aber blickte er dem jünger, welcher den
Traumdeuter abgegeben hatte, lange in’s Gesicht und schüttelte dabei
den Kopf. -