Ihr

unglücklicher Freund aus dem Baltenlande.«

Das Blatt flog zu Boden, -- ich sprang die Treppe hinauf und eilte zum

Kapitän.

»Der Balte, der russische Herr ist über Bord,« -- wie ein Lauffeuer

schnellte diese Kunde über das Schiff. Kommandorufe flogen hin und

her, Rettungsboote wurden klar gemacht, alle Räume des Schiffes wurden

abgesucht, Ferngläser wurden nach allen Seiten hin gerichtet, -- --

Menschenwerk! -- unaufhaltsam, unerbittlich sank die Dämmerung auf

die leise wogende Meeresfläche, -- unser Balte ruhte im Schoße der

Unendlichkeit.

* * * * *

Du armer Mensch, der du ohne Hoffnung warst!

Ohne Hoffnung, ja, ohne Hoffnung muß das Leben unerträglich sein. In

der Hoffnung wurzelt alles menschliche Leben, von der Wiege bis zum

Grabe, -- Hoffnung hebt uns über das Irdische hinaus, -- Hoffnung läßt

uns den Himmel offen sehen.

Mußtest du sterben, du Armer?

War die Erde nicht vor Urzeiten eiserstarrt, und ist sie nicht doch

wiedererstanden in neuer lebenspendender Wärme?

Kann nicht auch aus deinem Volke, aus dem Schoße des mächtigen

russischen Reiches wieder neues Leben erstehen, sind nicht auch dort

geheime Kräfte im Verborgenen tätig, Keime des Guten zu erhalten?

Um wieviel glücklicher sind wir daran in Deutschland! Wieviel weiter

sind wir! -- Wie regt die Volksseele bei uns bereits ihre Schwingen.

Auch bei uns wird es noch Arbeit von Generationen kosten, -- aber

die Grundlage ist geschaffen! Es lebt und sproßt da unten in der

Volksseele, -- oh, ich weiß es genau --, ich kenne sie, -- in allen

Schichten, -- es brodelt und drängt, -- alte Vorurteile weichen zurück.

Überall schließen sich die Geister zusammen. --

Mir war es, als ob mein Geist mit Riesenschritten über die Erde ginge,

alles sehend, alles hörend, -- während mein Körper auf unserem kleinen

Schiffe über die schäumenden Wogen des Ozeans getragen wurde.

Aber ist nicht unser ganzes Leben eine Reise? Ich hab's gespürt am

ganzen Leibe. Wohin geht's? Wo ist der Hafen? --

Ich weiß, wie es tut, wenn man müde wird von vergeblichem Kampfe.

Mutlos bin ich gewesen, aber ohne Hoffnung? Nein! Nur nicht ohne

Hoffnung! -- --

* * * * *

Der Kapitän nahm die Daten und Einzelheiten des Unfalls zu Protokoll

und trug sie ins Schiffsbuch ein. Und damit war seiner Pflicht

einstweilen Genüge getan.

Ich aber fand reiche Arbeit. Überall stieß ich auf erregte Gemüter:

mehrere Damen weinten zum Herzbrechen, keinem schmeckte das Essen,

Brausepulver und Zuspruch wurden verlangt.

Selbst im Zwischendeck herrschte Unruhe und fast Furcht vor der Nacht.

* * * * *

Das tiefe Blau des Ozeans bekam einen leichten Stich ins Gelbliche.

Wie ein großer, starker Mensch weit um sich her seinen Einfluß spüren

läßt, so dringen die gelben Fluten des Amazonenstromes wohl hundert

Seemeilen weit in das Meer vor, durch ihre Farbe schon kündend: »wir

stammen von ihm und bringen Kunde von den Ländern, die er befruchtend

durchschneidet!« --

Unsere Auswanderer banden Spaten und Äxte zusammen, knirschend fügte

sich Holz zu Eisen. Kisten wurden auf Deck geholt, gelüftet und

gepackt. Es wurde gewaschen und gebürstet. Dazwischen Gesang und

Kastagnettengeklirr.

Die beiden Magyaren und der Weinhändler droschen ihren Skat oder

rekelten sich auf ihren Stühlen, ihre unvermeidlichen Zigaretten

paffend.

Unser kleiner Kreis saß traulich beisammen auf Deck. Der Tod des Balten

hatte uns alle tief erschüttert. Aber er bedrückte uns nicht, im

Gegenteil, es war uns allen, als ob ein Alp von uns gewichen sei.

Wir versuchten, uns darüber klar zu werden. Es wollte nicht so recht

gelingen.

Da begann unser Hexlein: »Ich will es euch sagen, muß aber ein wenig

weiter ausholen. Ihr wißt, alles, was wir sehen, ist nur ein Gleichnis

für die geistige Welt. So sind auch wir Menschen nur Symbole unserer

geistigen Beziehungen, äußerliche Erscheinungen unseres Seelenlebens.

Das erstreckt sich naturgemäß auch auf die Tierwelt. Nennen wir nicht

selbst den Hund das Sinnbild der Treue, die Ameise und die Biene das

Bild des Fleißes, den Fuchs das Symbol der Schlauheit?

Ist's mit uns Menschen etwa anders? Jeder von uns ist eben nur ein

Symbol, ein äußerliches Zeichen dessen, was er ist. Seht unsere Spanier

dort. Sind sie nicht ein natürliches Bild hoffnungsfrohen Wagemutes?

Und unser Trio dort ein trauriges Symbol ödesten Stumpfsinnes?« --

Unser Hexlein saß, das Haupt sinnend nach hinten gebeugt, während die

Augen sich an dem herrlichen Sternenhimmel zu verlieren schienen, auf

ihrem Stühlchen, die Hände über den Knien gefaltet. »Woran denkst du?«

fragte der Freund, der Träumenden mit der Hand über das braune Haar

streichend. »Ich denke noch immer,« sprach sie, »wie unsere schöne

Fahrt so bis ins kleinste dem Leben gleicht, und wie alles, was wir

erleben, was wir sehen, alles, was wir sind, nur Gleichnisse des

Geistigen sind.

Und so kam es, daß ich mich in meinen Gedanken in eine fesselnde

Geschichte vertiefte.« --

»Erzählen! erzählen!« tönte es von allen Seiten. --

»Nun wohl,« begann sie mit ihrer weichen Stimme. »Meine Geschichte

fängt an, wie alle Geschichten, mit ›es war einmal‹.

Es war also einmal ein starker Mann; wir wollen ihn die Verkörperung

des praktischen Idealismus nennen. Der lebte glücklich zwischen seinen

Kindern, die in ihrer blühenden Entwicklung den Künsten und Gewerben

in seiner schönen Heimat glichen. Sein Weib war die Verkörperung der

glücklichen, gesunden Häuslichkeit.

In seinem Garten blühten die Blumen als die Symbole für seine

Freundschaften, seine Neigungen. Ihr kennt sie bereits.

Aber allerhand Getier unterwühlte seinen Garten und ermüdete ihn

in seiner Arbeit: Neid, Dummheit und Torheit, kleinlicher Sinn und

Eifersucht erregten seinen Ekel, so daß er, um Atem zu schöpfen und

neue Kraft zu sammeln, einmal hinausziehen mußte in die Ferne.

Hier entdeckte er, daß seine Angreifer und Widersacher tatsächlich nur

Ungeziefer waren.

Ganz glatt ging aber die Fahrt in die Ferne nicht vor sich. Fast

wäre sein Schiff im Sturme gescheitert; denn die Gemeinheit und die

Gewinnsucht fuhren mit und galten dem Kapitän, dem Glauben, als böses

Omen.

Allein der erste Offizier, die Gewissenhaftigkeit, der erste

Maschinist, die Sachkenntnis, und der Steuermann, die Treue, die

führten das Schiff durch Sturm und Grauen zur Insel des seligen

Vergessens.

Mit unserem Freunde zog aus der Heimat ein in sich gefestetes,

glückliches, frohes Paar, die Heimatliebe und die Arbeit, denen

ebenfalls durch Ungeziefer, Leichtsinn und Gewinnsucht die Heimat

vergällt war. Sie wollten im Lande der Sonne sich eine neue Heimat

suchen und schaffen.« --

Unser Ehepaar aus der Lüneburger Heide lächelte dem Hexlein

verständnisinnig zu. --

»Und ferner zog mit ihm der gesunde Sinn in die Ferne, der den

Schlingen der Lüsternheit entflohen war. Er wollte im Lande der

Zukunft, in der Ferne die echte Weiblichkeit suchen, um mit ihr ein

neues, tätiges Leben zu beginnen, zum Heile seines Volkes.« --

Im Kampf um die Ideale, die Geschichte eines Suchenden · 第 14 / 39 题