Lieber Marx!
Inliegend die Hälfte von 20 Pfund – _P. E._ 90138. Die andere Hälfte per
zweite Post, da ich keine andere Adresse weiß.
Der Kerl, der den Wechsel einkassiert hat, ist auf ein paar Tage
verreist, und wir können also das Geld nicht kriegen. Damit Du aber
nicht zu warten brauchst, habe ich mir diese 20 Pfund verschafft. Die
Abrechnung über den Wechsel erfolgt also Anfang nächster Woche.
Der verdammte Hund zieht uns zirka 18 Pfund ab für Zigarren und Wein,
die teils Charles auf Spekulation, teils ich für Konsumtion von ihm
gekauft, so daß man dabei noch zum Schuldenzahlen kommt.
In einer alten Tribune von Anfang April las ich gestern Deinen Artikel
über die Times und die Flüchtlinge (mit dem Dantezitat). _Je t’en fais
mon compliment._[1] Das Englisch ist nicht nur gut, es ist brillant.
Hier und da sind ein paar Stichwörter nicht kulant genug eingeflochten,
das ist aber auch das Schlimmste, was man von dem Artikel sagen kann.
Pieper ist fast gar nicht drin zu entdecken, und ich begreife nicht,
wozu Du den noch brauchst.
Dein F. E.
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[1] Ich mache Dir dazu mein Kompliment.
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[Undatiert. Wahrscheinlich Mai 1853.]
Lieber Marx!
Die Bombe wird also endlich platzen, wie Du aus inliegendem
Korrekturwisch und Weydemeyers Brief ersiehst. Wunderbarlich ist diese
Manier von Willich, sich aus der Sache zu ziehen, jedenfalls; Du wirst
Dich gewiß kostbar amüsieren über diese lahmen Zirkumlokutionen[1] und
die verlegene Holprigkeit der Schreibart. Der Kerl ist schwer getroffen.
Vater Schramm aber scheint ihn in Cincinnati schwer gekränkt zu haben;
immer zu etwas gut. Soviel ist sicher: auf _diese_ Erklärung kann nur
noch eine größere Blamage von seiten des Ritterlichen folgen. –
Zur Beruhigung kann ich Dir mitteilen, daß die Neu-England-Zeitung mir
heute den Versand von 420 Exemplaren „_Enthüllungen_“ an meine Adresse
anzeigt, ich sie also wohl morgen oder spätestens in acht Tagen erhalten
werde, wenn das Paket nicht mit dem letzten Steamer abgegangen sein
sollte. Die Kerle haben die Unverschämtheit, mich in einem halbanonymen
„Office der Neu-England-Zeitung“ unterzeichneten Briefe zum Mitarbeiten
aufzufordern – das fehlte noch!
Gut ist es auf alle Fälle, daß wir jetzt doch in der „Reform“ ein Organ
haben, worin man, selbst wenn alle Stricke reißen, Sachen in der Polemik
gegen Willich und Konsorten unterbringen kann. Der Krawall reitet den
Kellner immer tiefer hinein.
Der Druckfehler von Weydemeyer darf Dich nicht wundern. Du weißt ja, daß
Weydemeyer statt „Rühmliches“ immer auch nur „Ähnliches“ leistet.
Der Kleine [Dronke] wird nächsten Sonntag herkommen. Ich bin begierig,
wie er sich in Bradford als Kommis entwickelt. Jedenfalls scheint der
brave Buckup ihn gehörig schanzen zu lassen.
Gestern habe ich das Buch über die arabischen Inschriften gelesen, wovon
ich Dir sprach. Das Ding ist nicht uninteressant, so eklig der Pfaff und
Bibelapologet überall durchblickt. Sein höchster Triumph ist, dem Gibbon
einige Schnitzer in der alten Geographie nachweisen zu können und davon
auch auf die Verwerflichkeit der Gibbonschen Theologie zu schließen. Das
Ding heißt: _The historical Geography of Arabia by the Reverend Charles
Forster._[2] Das Beste, was dabei herauskommt, ist:
1. Die in der Genesis gegebene angebliche Genealogie von Noah, Abraham
usw. ist eine ziemlich exakte Aufzählung der damaligen Beduinenstämme je
nach ihrer größeren oder geringeren Dialektverwandtschaft usw. Die
Beduinenstämme nennen sich bekanntlich bis heute immer Beni Saled, Beni
Jussuff usw., das heißt die Söhne von dem und dem. Diese Benennung, aus
der altpatriarchalischen Existenzweise hervorgehend, führt schließlich
auf diese Art Genealogie. Die Aufzählung der Genesis wird _plus ou
moins_[3] bestätigt durch die alte Geographie, und die neueren Reisenden
beweisen, daß die alten Namen, dialektisch verändert, meistens noch
existieren. Dabei kommt aber heraus, daß die Juden selbst weiter nichts
sind als ein Beduinenstamm wie die anderen, den Lokalverhältnisse,
Agrikultur usw. in Gegensatz zu den anderen Beduinen brachten.
2. In Beziehung auf die große arabische Invasion, von der wir früher
sprachen: daß die Beduinen gerade wie die Mongolen periodische
Invasionen gemacht haben, daß das Assyrische Reich und das Babylonische
durch Beduinenstämme gegründet sind, auf demselben Flecke, wo später das
Kalifat von Bagdad. Die Gründer des Babylonischen Reiches, die Chaldäer,
existieren noch unter demselben Namen, Beni Chaled, in derselben
Lokalität. Die rasche Herstellung großer Städte, Niniveh und Babylon,
ist genau so geschehen wie noch vor 300 Jahren die Schöpfung von
ähnlichen Riesenstädten, Agra, Delhi, Lahore, Muttan, in Ostindien durch
die afghanische respektive tatarische Invasion. Damit verliert die
mohammedanische Invasion viel von ihrem distinktiven[4] Charakter.
3. Die Araber scheinen, wo sie ansässig waren, im Südwesten, ein ebenso
zivilisiertes Volk gewesen zu sein wie die Ägypter, Assyrer usw., ihre
Bauwerke beweisen das. Auch das erklärt manches in der mohammedanischen
Invasion. Was den Religionsschwindel angeht, so scheint aus den alten
Inschriften im Süden, in denen die altnational-arabische Tradition des
Monotheismus (wie bei den amerikanischen Indianern) noch vorherrscht,
und von der die hebräische nur ein _kleiner Teil_ ist, hervorzugehen,
daß Mohammeds religiöse Revolution, wie _jede_ religiöse Bewegung,
_formell eine Reaktion_ war, vorgebliche Rückkehr zum Alten, Einfachen.
Daß die jüdische sogenannte heilige Schrift weiter nichts ist als die
Aufzeichnung der altarabischen religiösen und Stammtradition,
modifiziert durch die frühe Separation der Juden von ihren
stammverwandten, aber nomadischen Nachbarn, ist mir jetzt vollständig
klar. Der Umstand, daß Palästina nach der arabischen Seite zu von lauter
Wüste, Beduinenland, umgeben, erklärt die separate Entwicklung. Aber die
altarabischen Inschriften, Traditionen und der Koran, sowie die
Leichtigkeit, mit der sich nun alle Genealogien usw. auflösen lassen,
beweisen, daß der Hauptinhalt arabisch oder vielmehr allgemein semitisch
war, wie noch bei uns die Edda und die deutsche Heldensage.
Dein F. E.
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[1] Umschreibungen.
[2] Die geschichtliche Geographie Arabiens von Hochwürden Charles
Forster.
[3] Mehr oder weniger.
[4] Unterschiedlich.
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Freitag, 29. Mai 1853.
Lieber Marx!
Hierbei das Neueste aus Amerika. Ich habe noch mehrere Kopien der
Kriminalzeitung mit Weydemeyers und Deiner Erklärung hier, die ich im
Anfang der nächsten Woche schicken werde, damit Ihr sie verwenden könnt,
ein Exemplar halte ich hier für Dronke und das Archiv.
Die 25 Pfund, welche beiliegen, ist Freiligrath wohl so gut, dem
Weydemeyer oder Lièvre anzuzeigen, für heute ist es zu spät für mich, an
Weydemeyer zu schreiben. Wie die Kerle indes es fertig bringen, 125
Dollar in 25 Pfund umzuwechseln, ist mir nicht klar; nach dem letzten
New Yorker Kurs vom 4. März steht Sterling 54 Pence = 109-3/4 Cent, also
selbst zu 110 Cent sind 125 Dollar = 25 Pfund 11 Schilling 4 Pence, also
auf jeden Dollar 3,2 Pence am Kurs verloren.
Mein Alter hat mir endlich geschrieben. Wie ich erwartete: um Gottes
willen nur keinen Skandal schlagen, warten, bis er herkommt, und dann
mich an die Börse bringen. Das Geschäft geht zu gut, als daß man sich
auf großen Krakeel einlassen könnte. Ist mir soweit ganz recht, wenn
mein Herr Papa nichts dawider hat; was mache ich mir aus der Lumperei?
Dein F. E.
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