1. Juni 1853.

Lieber Marx!

Inliegend die Hälfte von 20 Pfund – _P. E._ 90138. Die andere Hälfte per

zweite Post, da ich keine andere Adresse weiß.

Der Kerl, der den Wechsel einkassiert hat, ist auf ein paar Tage

verreist, und wir können also das Geld nicht kriegen. Damit Du aber

nicht zu warten brauchst, habe ich mir diese 20 Pfund verschafft. Die

Abrechnung über den Wechsel erfolgt also Anfang nächster Woche.

Der verdammte Hund zieht uns zirka 18 Pfund ab für Zigarren und Wein,

die teils Charles auf Spekulation, teils ich für Konsumtion von ihm

gekauft, so daß man dabei noch zum Schuldenzahlen kommt.

In einer alten Tribune von Anfang April las ich gestern Deinen Artikel

über die Times und die Flüchtlinge (mit dem Dantezitat). _Je t’en fais

mon compliment._[1] Das Englisch ist nicht nur gut, es ist brillant.

Hier und da sind ein paar Stichwörter nicht kulant genug eingeflochten,

das ist aber auch das Schlimmste, was man von dem Artikel sagen kann.

Pieper ist fast gar nicht drin zu entdecken, und ich begreife nicht,

wozu Du den noch brauchst.

Dein F. E.

----------

[1] Ich mache Dir dazu mein Kompliment.

233

[Undatiert. Wahrscheinlich Mai 1853.]

Lieber Marx!

Die Bombe wird also endlich platzen, wie Du aus inliegendem

Korrekturwisch und Weydemeyers Brief ersiehst. Wunderbarlich ist diese

Manier von Willich, sich aus der Sache zu ziehen, jedenfalls; Du wirst

Dich gewiß kostbar amüsieren über diese lahmen Zirkumlokutionen[1] und

die verlegene Holprigkeit der Schreibart. Der Kerl ist schwer getroffen.

Vater Schramm aber scheint ihn in Cincinnati schwer gekränkt zu haben;

immer zu etwas gut. Soviel ist sicher: auf _diese_ Erklärung kann nur

noch eine größere Blamage von seiten des Ritterlichen folgen. –

Zur Beruhigung kann ich Dir mitteilen, daß die Neu-England-Zeitung mir

heute den Versand von 420 Exemplaren „_Enthüllungen_“ an meine Adresse

anzeigt, ich sie also wohl morgen oder spätestens in acht Tagen erhalten

werde, wenn das Paket nicht mit dem letzten Steamer abgegangen sein

sollte. Die Kerle haben die Unverschämtheit, mich in einem halbanonymen

„Office der Neu-England-Zeitung“ unterzeichneten Briefe zum Mitarbeiten

aufzufordern – das fehlte noch!

Gut ist es auf alle Fälle, daß wir jetzt doch in der „Reform“ ein Organ

haben, worin man, selbst wenn alle Stricke reißen, Sachen in der Polemik

gegen Willich und Konsorten unterbringen kann. Der Krawall reitet den

Kellner immer tiefer hinein.

Der Druckfehler von Weydemeyer darf Dich nicht wundern. Du weißt ja, daß

Weydemeyer statt „Rühmliches“ immer auch nur „Ähnliches“ leistet.

Der Kleine [Dronke] wird nächsten Sonntag herkommen. Ich bin begierig,

wie er sich in Bradford als Kommis entwickelt. Jedenfalls scheint der

brave Buckup ihn gehörig schanzen zu lassen.

Gestern habe ich das Buch über die arabischen Inschriften gelesen, wovon

ich Dir sprach. Das Ding ist nicht uninteressant, so eklig der Pfaff und

Bibelapologet überall durchblickt. Sein höchster Triumph ist, dem Gibbon

einige Schnitzer in der alten Geographie nachweisen zu können und davon

auch auf die Verwerflichkeit der Gibbonschen Theologie zu schließen. Das

Ding heißt: _The historical Geography of Arabia by the Reverend Charles

Forster._[2] Das Beste, was dabei herauskommt, ist:

1. Die in der Genesis gegebene angebliche Genealogie von Noah, Abraham

usw. ist eine ziemlich exakte Aufzählung der damaligen Beduinenstämme je

nach ihrer größeren oder geringeren Dialektverwandtschaft usw. Die

Beduinenstämme nennen sich bekanntlich bis heute immer Beni Saled, Beni

Jussuff usw., das heißt die Söhne von dem und dem. Diese Benennung, aus

der altpatriarchalischen Existenzweise hervorgehend, führt schließlich

auf diese Art Genealogie. Die Aufzählung der Genesis wird _plus ou

moins_[3] bestätigt durch die alte Geographie, und die neueren Reisenden

beweisen, daß die alten Namen, dialektisch verändert, meistens noch

existieren. Dabei kommt aber heraus, daß die Juden selbst weiter nichts

sind als ein Beduinenstamm wie die anderen, den Lokalverhältnisse,

Agrikultur usw. in Gegensatz zu den anderen Beduinen brachten.

2. In Beziehung auf die große arabische Invasion, von der wir früher

sprachen: daß die Beduinen gerade wie die Mongolen periodische

Invasionen gemacht haben, daß das Assyrische Reich und das Babylonische

durch Beduinenstämme gegründet sind, auf demselben Flecke, wo später das

Kalifat von Bagdad. Die Gründer des Babylonischen Reiches, die Chaldäer,

existieren noch unter demselben Namen, Beni Chaled, in derselben

Lokalität. Die rasche Herstellung großer Städte, Niniveh und Babylon,

ist genau so geschehen wie noch vor 300 Jahren die Schöpfung von

ähnlichen Riesenstädten, Agra, Delhi, Lahore, Muttan, in Ostindien durch

die afghanische respektive tatarische Invasion. Damit verliert die

mohammedanische Invasion viel von ihrem distinktiven[4] Charakter.

3. Die Araber scheinen, wo sie ansässig waren, im Südwesten, ein ebenso

zivilisiertes Volk gewesen zu sein wie die Ägypter, Assyrer usw., ihre

Bauwerke beweisen das. Auch das erklärt manches in der mohammedanischen

Invasion. Was den Religionsschwindel angeht, so scheint aus den alten

Inschriften im Süden, in denen die altnational-arabische Tradition des

Monotheismus (wie bei den amerikanischen Indianern) noch vorherrscht,

und von der die hebräische nur ein _kleiner Teil_ ist, hervorzugehen,

daß Mohammeds religiöse Revolution, wie _jede_ religiöse Bewegung,

_formell eine Reaktion_ war, vorgebliche Rückkehr zum Alten, Einfachen.

Daß die jüdische sogenannte heilige Schrift weiter nichts ist als die

Aufzeichnung der altarabischen religiösen und Stammtradition,

modifiziert durch die frühe Separation der Juden von ihren

stammverwandten, aber nomadischen Nachbarn, ist mir jetzt vollständig

klar. Der Umstand, daß Palästina nach der arabischen Seite zu von lauter

Wüste, Beduinenland, umgeben, erklärt die separate Entwicklung. Aber die

altarabischen Inschriften, Traditionen und der Koran, sowie die

Leichtigkeit, mit der sich nun alle Genealogien usw. auflösen lassen,

beweisen, daß der Hauptinhalt arabisch oder vielmehr allgemein semitisch

war, wie noch bei uns die Edda und die deutsche Heldensage.

Dein F. E.

----------

[1] Umschreibungen.

[2] Die geschichtliche Geographie Arabiens von Hochwürden Charles

Forster.

[3] Mehr oder weniger.

[4] Unterschiedlich.

234

Freitag, 29. Mai 1853.

Lieber Marx!

Hierbei das Neueste aus Amerika. Ich habe noch mehrere Kopien der

Kriminalzeitung mit Weydemeyers und Deiner Erklärung hier, die ich im

Anfang der nächsten Woche schicken werde, damit Ihr sie verwenden könnt,

ein Exemplar halte ich hier für Dronke und das Archiv.

Die 25 Pfund, welche beiliegen, ist Freiligrath wohl so gut, dem

Weydemeyer oder Lièvre anzuzeigen, für heute ist es zu spät für mich, an

Weydemeyer zu schreiben. Wie die Kerle indes es fertig bringen, 125

Dollar in 25 Pfund umzuwechseln, ist mir nicht klar; nach dem letzten

New Yorker Kurs vom 4. März steht Sterling 54 Pence = 109-3/4 Cent, also

selbst zu 110 Cent sind 125 Dollar = 25 Pfund 11 Schilling 4 Pence, also

auf jeden Dollar 3,2 Pence am Kurs verloren.

Mein Alter hat mir endlich geschrieben. Wie ich erwartete: um Gottes

willen nur keinen Skandal schlagen, warten, bis er herkommt, und dann

mich an die Börse bringen. Das Geschäft geht zu gut, als daß man sich

auf großen Krakeel einlassen könnte. Ist mir soweit ganz recht, wenn

mein Herr Papa nichts dawider hat; was mache ich mir aus der Lumperei?

Dein F. E.

235

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 169 / 196 题