Lieber Engels!
Ich war _sérieusement_[1] unwohl; namentlich erlaubten mir die „perfiden
Preußischen“ weder zu stehen, noch zu sitzen, noch zu liegen. Daher mein
langes Stillschweigen und selbst die Versäumnis, das Geld anzuzeigen.
Du hast gesehen, daß Kossuth durch einen amerikanischen Flibustier, den
Kapitän Mayne Reyd, seine angebliche Mailänder Proklamation desavouiert.
Nun schreibt mir gestern Szemere aus Paris, er wisse _positiv_, daß die
Proklamation _authentisch_ sei. Übrigens war das schon aus dem Inhalt zu
ersehen. Der „_Leader_“ (mazzinistisch) „_deems it his duty to caution
his readers, that this affair lies entirely between Mr. Kossuth and Mr.
Mazzini and that the latter is _absent_ from England_.“[2] Die direkt
gegen Agostino, indirekt auch gegen Kossuth gerichtete Erklärung Della
Roccas in der Daily News wirst Du selbst gelesen haben. Das _par nobile
fratrum_[3] scheint entzweit. Kossuth ist ebenso falsch als feig.
So elend die Mailändergeschichte ist als Finale von Mazzinis ewiger
Konspiration, und so sehr ich glaube, daß er sich persönlich geschadet
hat, so sicher scheint mir, daß das Ereignis der revolutionären Bewegung
im ganzen günstig ist. Nämlich durch die brutale Art, wie die
Österreicher es ausbeuten. Wäre Radetzky dem Vorgang Strassoldos
[Kommandanten von Mailand] gefolgt, hätte er die Mailänder Bürgerschaft
belobt wegen ihrer „ordentlichen Aufführung“, das Ganze als den
miserablen Putsch einiger „_miscreants_“[4] bezeichnet und als Zeichen
seines Vertrauens die Zügel scheinbar schlapper hängen lassen, so war
die revolutionäre Partei vor Gott und der Welt blamiert. So aber, da er
ein vollständiges Plünderungssystem einführt, macht er Italien zu dem
„revolutionären Krater“, den Mazzini durch seine Deklamationen nicht
herbeiführen konnte.
Und noch eins. Hätte einer von uns allen geglaubt, daß die Reaktion nach
ihren vierjährigen Siegen, Zurüstungen, Renommagen sich so unendlich
schwach fühle, daß sie einen wahren Angstschrei bei dem ersten Putsch
ausstößt? Der Glaube der Kerls an die Revolution ist unerschütterlich.
Sie haben jetzt wieder vor aller Welt Zeugnis ihrer Unsicherheit
abgelegt. Während die „Emigration“ realiter total bankrott ist und
keinen Hund vom Ofen locken kann, posaunen sie durch alle
Regierungsblätter deren Macht aus und bereiten den Glauben, daß ein Netz
von Verschwörungen sich allseitig um die braven Bürger schlingt.
Von Schabelitz noch immer nichts gehört, außer daß die Sache in
Deutschland zirkuliert. Er wagt noch nichts herzuschicken, aus Furcht,
daß die französische Polizei das Paket erbrechen und die Geschichte der
preußischen denunzieren möchte.
Ich weiß aus _sicherer_ Quelle, daß Ledru-Rollin, _mais c’est un
secret_[5] (Napoleon weiß es wahrscheinlich so gut wie ich), in drei bis
vier Wochen in Paris losschlagen will. Ein Augenzeuge hat mir erzählt,
daß große Aufregung in Paris herrschte bei der ersten Nachricht von dem
Mailänder Aufstand. Straßenzusammenläufe usw., nicht um zu rebellieren,
sondern um die Köpfe zusammenzustecken. Im ganzen sind die hiesigen
Frenchmen sehr zufrieden, daß Herr Mazzini sich mit seiner „Aktion“
blamiert hat. Es ist eine Revanche für sie.
Unser – aus sechs Zeilen bestehender – Aufruf zur Unterstützung für die
Kölner ist durch Cluß’ Vermittlung in allen amerikanischen Blättern
erschienen, überall unter Befürwortung der respektiven Turnvereine.
_Nous verrons._[6] Die lieben Bekannten in Köln selbst haben noch nichts
von sich hören lassen. Wenn das nicht Vorsicht ist! Einer der Ihren,
Exleutnant Steffens, der als Schutzzeuge in dem Kölner Prozeß
figurierte, ist hier und hat sogleich eine Lehrerstelle in der Anstalt
von Friedländer gefunden. Blind tritt mich täglich wegen des „Herzen“;
ebenso Dronke wegen des Zirkulars von Reichenbach. Für Dronke ist es
wichtig, um unter fremdem Namen eine Korrespondenz mit der „Volkshalle“
in Köln anzuknüpfen.
Was sagst Du zu der lebhaften Teilnahme der Pfaffen der Staatskirche an
der unglücklichen Zehnstundenbewegung? Immer wieder das alte Spiel.
Samstag schicke ich Dir ein Paket mit allen rückständigen Zeitungen und
Briefen von Cluß.
Von allen _performances_ des _little Finality-John_[7] war die letzte
doch wohl die klassischste. Selbst die Times mußte gestehen, daß _Johnny
excites „mightily little enthusiasm“_.[8]
Frau Harney ist gestorben. Ebenso Frau von Brüning. Ich hatte in
letzterer Zeit einen Briefwechsel mit letzterer, worin alles auf Kinkel
und Willich fiel. Ich habe Dir schon geschrieben, daß Willich seit vier
Wochen nach Amerika abgesegelt.
Salut.
Dein K. M.
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[1] Ernsthaft.
[2] Hält es für seine Pflicht, seine Leser darauf aufmerksam zu
machen, daß die Sache lediglich zwischen Mr. Kossuth und Mr. Mazzini
spielt, und daß der letztere von London _abwesend_ ist.
[3] Edle Brüderpaar.
[4] Bösewichter.
[5] Aber das ist ein Geheimnis.
[6] Wir werden sehen.
[7] Aufführungen des kleinen Endgültigkeits-John [Spitzname Lord
Russels von der ersten Wahlreform her].
[8] Johnny ungemein wenig Begeisterung erregt.
222
[Undatiert. März 1853.]
Lieber Marx!
Gestern schickte ich Dir eine halbe Fünfernote, die andere Hälfte
gleichzeitig per Kuvert an Dronke. Ich bin tief in der Klemme, im
Februar habe ich wegen Schuldenzahlung usw. zirka 50 Pfund ausgeben
müssen, und noch zirka 30 Pfund zu decken in diesem und dem nächsten
Monat. Sonst hätte ich Dir mehr geschickt. Eine Reform meiner _personal
expenses_[1] wird dringend, und ich werde in acht bis vierzehn Tagen
ausziehen und in wohlfeilere _Lodgings_[2] gehen, auch zu leichteren
Getränken greifen, damit ich für den großen Moment, wenn die Bilanz
abgeschlossen wird, gerüstet bin .... _Voilà la vie._[3]
Unter den Hiesigen, Deutschen wie Engländern, hat sich Monsieur Kossuth
durch seine Erklärungen total ruiniert; Mazzini desgleichen durch die
Insurrektion selbst und die lausige Manier, Krawall durch Meuchelmord
von einzelnen Soldaten anzufangen, was speziell den Engländern widerlich
ist. Etwas Feigeres und Lumpigeres als diese Kossuthschen zwei Briefe
ist doch nicht zu ersinnen, und dabei immer die Prätension: _I am a
plain, honest man._[4] Die Herren mögen sich übrigens in acht nehmen,
finden sich Beweise, so ist _ce cher_[5] Aberdeen ganz der Mann, sie
ohne weiteres einstecken und verfolgen zu lassen, und ob sie nach diesem
so sicher sind, freigesprochen zu werden, weiß ich nicht.
Das _Ministry of all the talents turns out a complete humbug_.[6] Johnny
verschrumpfter als je, der große Gladstone ein selbstgefälliger Klugtuer
_à la_ Mevissen, Aberdeen voll diplomatisch-torystischer Reminiszenzen
und purer Hofmann, der Apostel Johannes des seligen Messias Peel, Sidney
Herbert ein total inkapabler Kriegsminister, es ist ein schönes Lot
[Pack]. Dabei fühlten sich alle nicht an ihrem Platze, ausgenommen der
alte unverschämte Palmerston, der überall zu Hause ist, und wie die
Mazzinidebatte beider Häuser beweist, so _mutinous_[7] ist wie je. Er
ist doch _de facto_[8] seit der griechischen Debatte, der Milizbill und
der Adreßdebatte der _leader of the House of Commons_,[9] und es ist
bittere Ironie, dem armen Johnny diesen Posten _pro forma_ zu geben. Die
Schamlosigkeit aber geht ins Weite, für Johnny in dieser Kapazität noch
ein Salär zu verlangen, aber ein neuer Posten ist natürlich beiden
Parteien ein gefunden Fressen. Ich bin begierig auf Master Gladstones
Budget, seine Äußerung bei den Estimates und Humes Tarifmotion lassen
erwarten, daß er alles so ziemlich beim alten lassen wird, und das
ist auch wohl das einzige, was bei diesem patriotischen
Koalitionsministerium herauskommen wird. Unterdes sind die
Korruptionsgeschichten von der letzten Wahl her wunderschön und werden
doch in der nächsten Session eine Art Reformbill nötig machen. Wenn bis
dahin der Trade schlecht wird und der Kontinent sich regt, können wir
schöne Geschichten erleben.
Ich habe jetzt den Urquhart zu Hause, der den Palmerston für von Rußland
bezahlt angibt. Die Sache erklärt sich einfach: der Kerl ist ein
keltischer Schotte mit sächsisch-schottischer Bildung, der Tendenz nach
Romantiker, der Bildung nach _freetrader_.[10] Dieser Kerl ging als
Philhellene nach Griechenland, und nachdem er sich drei Jahre mit den
Türken herumgeschlagen, ging er in die Türkei und begeisterte sich für
ebendieselben Türken. Er schwärmt für den Islam, und sein Prinzip ist:
wenn ich nicht Kalvinist wäre, so könnte ich nur Mohammedaner sein. Die
Türken, die der Blütezeit des osmanischen Reiches ganz besonders, sind
die vollkommenste Nation der Erde, in allem ohne Ausnahme. Die türkische
Sprache ist die vollkommenste und wohlklingendste der Welt. All das
alberne Gerede von Barbarei, Grausamkeit, lächerlichem Barbarenhochmut
rührt bloß von der Unwissenheit der Europäer in bezug auf die Türkei und
von den interessierten Verleumdungen der griechischen Dragomans her.
Wenn ein Europäer in der Türkei schlecht behandelt wird, so ist das
seine eigene Schuld; der Türke haßt nicht die Religion und den
Charakter, sondern nur die engen Hosen des Franken. Türkische
Architektur, Etikette usw. wird dringend zur Nachahmung empfohlen.
Gegen dies glückliche Land intrigiert nun der Zar vermittels der
griechischen Pfaffen, und England hat sich von diesem fortwährend an der
Nase herumführen lassen. England muß die Türkei stützen usw., eben so
alte wie platte Gemeinplätze. Im ganzen ist dies Buch höchst amüsant.
Das beste aber ist, daß sich hieraus die ganze Politik der englischen
palmerstonfeindlichen Liberalen stützt, zum Beispiel sind alle Artikel
in der Daily News über die türkische Schmiere reine Paraphrasen aus
Urquhart, der _qua freetrader_[11] unbedingt Kredit genießt, obgleich er
den Engländern vorwirft, sie zerstörten durch ihre Importe die
thessalische Industrie – aber bei einem _highlander_[12] kommt das nicht
so genau [darauf an].
Es hat eine sehr gute Seite, daß die Times, wenn auch zunächst im
russischen Interesse, endlich einmal die alte Philisterdummheit von der
Integrität der Türkei angreift. Die dumme Daily News, die in ihrer
Bürgerborniertheit nicht weiter sieht, als ihre Nase reicht, schreit
über Verrat und weiß nichts anderes entgegenzusetzen, als eben diesen
alten Diplomatenmist. Zieht sich der Tanz noch etwas hin, so werden die
Herren doch bald zu anderen Argumenten greifen müssen und zu der
Einsicht kommen, daß nur eine kontinentale Revolution dem Dreck ein Ende
machen kann. Das müssen doch mit der Zeit auch die ärgsten Philister
einsehen, daß ohne diese gar nichts gelöst werden kann.
Die österreichisch-preußische Zollgeschichte ist der einzige
Fortschritt, zu dem man es in Deutschland gebracht hat – _et
encore_![13] Das Ding ist so mit Haken verklausuliert, und so viel
Hauptsachen sind späteren Kommissionen überlassen, während die
wirklichen Zollnachlässe so klein sind, daß wenig dabei herauskommt.
Geht die große industrielle Krise los, so wird der ganze Handelsvertrag
verschwinden vor dem allgemeinen _débâcle_.[14]
Hier wird nur noch gestohlen, Knochen zerschmettert auf den Eisenbahnen
und in die Luft geflogen. Das hiesige Philisterium ist ganz konsterniert
von den absonderlichen Ereignissen der letzten acht Tage.
Glücklicherweise geht Baumwolle herunter, weshalb an der Börse nichts
los ist und man sich nach Herzenslust mit diesen großen Begebenheiten
beschäftigen kann. Die Spinnereien und meisten Webereien sind noch voll
beschäftigt, aber in groben Kalikos (_domestics_[15]) ist _vollständige
Stagnation_, und von Montag an wird in dieser Branche nur drei Tage per
Woche in allen Fabriken gearbeitet werden.
Grüße Deine Frau und Kinder.
Dein F. E.
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[1] Persönlichen Ausgaben.
[2] Mietzimmer.
[3] So ist das Leben.
[4] Ich bin ein einfacher, ehrlicher Mann.
[5] Dieser teure.
[6] Ministerium aller Talente stellt sich als ein vollendeter Humbug
heraus.
[7] Rebellisch.
[8] Faktisch, der Sache nach.
[9] Führer des Hauses der Gemeinen.
[10] Freihändler.
[11] Als Freihändler.
[12] Hochländer [aus dem schottischen Hochland].
[13] Und selbst dann.
[14] Zusammenbruch.
[15] Bezeichnung für starken [Futter- oder Hemden-]Kattun.
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