23. Februar 1853.

Lieber Engels!

Ich war _sérieusement_[1] unwohl; namentlich erlaubten mir die „perfiden

Preußischen“ weder zu stehen, noch zu sitzen, noch zu liegen. Daher mein

langes Stillschweigen und selbst die Versäumnis, das Geld anzuzeigen.

Du hast gesehen, daß Kossuth durch einen amerikanischen Flibustier, den

Kapitän Mayne Reyd, seine angebliche Mailänder Proklamation desavouiert.

Nun schreibt mir gestern Szemere aus Paris, er wisse _positiv_, daß die

Proklamation _authentisch_ sei. Übrigens war das schon aus dem Inhalt zu

ersehen. Der „_Leader_“ (mazzinistisch) „_deems it his duty to caution

his readers, that this affair lies entirely between Mr. Kossuth and Mr.

Mazzini and that the latter is _absent_ from England_.“[2] Die direkt

gegen Agostino, indirekt auch gegen Kossuth gerichtete Erklärung Della

Roccas in der Daily News wirst Du selbst gelesen haben. Das _par nobile

fratrum_[3] scheint entzweit. Kossuth ist ebenso falsch als feig.

So elend die Mailändergeschichte ist als Finale von Mazzinis ewiger

Konspiration, und so sehr ich glaube, daß er sich persönlich geschadet

hat, so sicher scheint mir, daß das Ereignis der revolutionären Bewegung

im ganzen günstig ist. Nämlich durch die brutale Art, wie die

Österreicher es ausbeuten. Wäre Radetzky dem Vorgang Strassoldos

[Kommandanten von Mailand] gefolgt, hätte er die Mailänder Bürgerschaft

belobt wegen ihrer „ordentlichen Aufführung“, das Ganze als den

miserablen Putsch einiger „_miscreants_“[4] bezeichnet und als Zeichen

seines Vertrauens die Zügel scheinbar schlapper hängen lassen, so war

die revolutionäre Partei vor Gott und der Welt blamiert. So aber, da er

ein vollständiges Plünderungssystem einführt, macht er Italien zu dem

„revolutionären Krater“, den Mazzini durch seine Deklamationen nicht

herbeiführen konnte.

Und noch eins. Hätte einer von uns allen geglaubt, daß die Reaktion nach

ihren vierjährigen Siegen, Zurüstungen, Renommagen sich so unendlich

schwach fühle, daß sie einen wahren Angstschrei bei dem ersten Putsch

ausstößt? Der Glaube der Kerls an die Revolution ist unerschütterlich.

Sie haben jetzt wieder vor aller Welt Zeugnis ihrer Unsicherheit

abgelegt. Während die „Emigration“ realiter total bankrott ist und

keinen Hund vom Ofen locken kann, posaunen sie durch alle

Regierungsblätter deren Macht aus und bereiten den Glauben, daß ein Netz

von Verschwörungen sich allseitig um die braven Bürger schlingt.

Von Schabelitz noch immer nichts gehört, außer daß die Sache in

Deutschland zirkuliert. Er wagt noch nichts herzuschicken, aus Furcht,

daß die französische Polizei das Paket erbrechen und die Geschichte der

preußischen denunzieren möchte.

Ich weiß aus _sicherer_ Quelle, daß Ledru-Rollin, _mais c’est un

secret_[5] (Napoleon weiß es wahrscheinlich so gut wie ich), in drei bis

vier Wochen in Paris losschlagen will. Ein Augenzeuge hat mir erzählt,

daß große Aufregung in Paris herrschte bei der ersten Nachricht von dem

Mailänder Aufstand. Straßenzusammenläufe usw., nicht um zu rebellieren,

sondern um die Köpfe zusammenzustecken. Im ganzen sind die hiesigen

Frenchmen sehr zufrieden, daß Herr Mazzini sich mit seiner „Aktion“

blamiert hat. Es ist eine Revanche für sie.

Unser – aus sechs Zeilen bestehender – Aufruf zur Unterstützung für die

Kölner ist durch Cluß’ Vermittlung in allen amerikanischen Blättern

erschienen, überall unter Befürwortung der respektiven Turnvereine.

_Nous verrons._[6] Die lieben Bekannten in Köln selbst haben noch nichts

von sich hören lassen. Wenn das nicht Vorsicht ist! Einer der Ihren,

Exleutnant Steffens, der als Schutzzeuge in dem Kölner Prozeß

figurierte, ist hier und hat sogleich eine Lehrerstelle in der Anstalt

von Friedländer gefunden. Blind tritt mich täglich wegen des „Herzen“;

ebenso Dronke wegen des Zirkulars von Reichenbach. Für Dronke ist es

wichtig, um unter fremdem Namen eine Korrespondenz mit der „Volkshalle“

in Köln anzuknüpfen.

Was sagst Du zu der lebhaften Teilnahme der Pfaffen der Staatskirche an

der unglücklichen Zehnstundenbewegung? Immer wieder das alte Spiel.

Samstag schicke ich Dir ein Paket mit allen rückständigen Zeitungen und

Briefen von Cluß.

Von allen _performances_ des _little Finality-John_[7] war die letzte

doch wohl die klassischste. Selbst die Times mußte gestehen, daß _Johnny

excites „mightily little enthusiasm“_.[8]

Frau Harney ist gestorben. Ebenso Frau von Brüning. Ich hatte in

letzterer Zeit einen Briefwechsel mit letzterer, worin alles auf Kinkel

und Willich fiel. Ich habe Dir schon geschrieben, daß Willich seit vier

Wochen nach Amerika abgesegelt.

Salut.

Dein K. M.

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[1] Ernsthaft.

[2] Hält es für seine Pflicht, seine Leser darauf aufmerksam zu

machen, daß die Sache lediglich zwischen Mr. Kossuth und Mr. Mazzini

spielt, und daß der letztere von London _abwesend_ ist.

[3] Edle Brüderpaar.

[4] Bösewichter.

[5] Aber das ist ein Geheimnis.

[6] Wir werden sehen.

[7] Aufführungen des kleinen Endgültigkeits-John [Spitzname Lord

Russels von der ersten Wahlreform her].

[8] Johnny ungemein wenig Begeisterung erregt.

222

[Undatiert. März 1853.]

Lieber Marx!

Gestern schickte ich Dir eine halbe Fünfernote, die andere Hälfte

gleichzeitig per Kuvert an Dronke. Ich bin tief in der Klemme, im

Februar habe ich wegen Schuldenzahlung usw. zirka 50 Pfund ausgeben

müssen, und noch zirka 30 Pfund zu decken in diesem und dem nächsten

Monat. Sonst hätte ich Dir mehr geschickt. Eine Reform meiner _personal

expenses_[1] wird dringend, und ich werde in acht bis vierzehn Tagen

ausziehen und in wohlfeilere _Lodgings_[2] gehen, auch zu leichteren

Getränken greifen, damit ich für den großen Moment, wenn die Bilanz

abgeschlossen wird, gerüstet bin .... _Voilà la vie._[3]

Unter den Hiesigen, Deutschen wie Engländern, hat sich Monsieur Kossuth

durch seine Erklärungen total ruiniert; Mazzini desgleichen durch die

Insurrektion selbst und die lausige Manier, Krawall durch Meuchelmord

von einzelnen Soldaten anzufangen, was speziell den Engländern widerlich

ist. Etwas Feigeres und Lumpigeres als diese Kossuthschen zwei Briefe

ist doch nicht zu ersinnen, und dabei immer die Prätension: _I am a

plain, honest man._[4] Die Herren mögen sich übrigens in acht nehmen,

finden sich Beweise, so ist _ce cher_[5] Aberdeen ganz der Mann, sie

ohne weiteres einstecken und verfolgen zu lassen, und ob sie nach diesem

so sicher sind, freigesprochen zu werden, weiß ich nicht.

Das _Ministry of all the talents turns out a complete humbug_.[6] Johnny

verschrumpfter als je, der große Gladstone ein selbstgefälliger Klugtuer

_à la_ Mevissen, Aberdeen voll diplomatisch-torystischer Reminiszenzen

und purer Hofmann, der Apostel Johannes des seligen Messias Peel, Sidney

Herbert ein total inkapabler Kriegsminister, es ist ein schönes Lot

[Pack]. Dabei fühlten sich alle nicht an ihrem Platze, ausgenommen der

alte unverschämte Palmerston, der überall zu Hause ist, und wie die

Mazzinidebatte beider Häuser beweist, so _mutinous_[7] ist wie je. Er

ist doch _de facto_[8] seit der griechischen Debatte, der Milizbill und

der Adreßdebatte der _leader of the House of Commons_,[9] und es ist

bittere Ironie, dem armen Johnny diesen Posten _pro forma_ zu geben. Die

Schamlosigkeit aber geht ins Weite, für Johnny in dieser Kapazität noch

ein Salär zu verlangen, aber ein neuer Posten ist natürlich beiden

Parteien ein gefunden Fressen. Ich bin begierig auf Master Gladstones

Budget, seine Äußerung bei den Estimates und Humes Tarifmotion lassen

erwarten, daß er alles so ziemlich beim alten lassen wird, und das

ist auch wohl das einzige, was bei diesem patriotischen

Koalitionsministerium herauskommen wird. Unterdes sind die

Korruptionsgeschichten von der letzten Wahl her wunderschön und werden

doch in der nächsten Session eine Art Reformbill nötig machen. Wenn bis

dahin der Trade schlecht wird und der Kontinent sich regt, können wir

schöne Geschichten erleben.

Ich habe jetzt den Urquhart zu Hause, der den Palmerston für von Rußland

bezahlt angibt. Die Sache erklärt sich einfach: der Kerl ist ein

keltischer Schotte mit sächsisch-schottischer Bildung, der Tendenz nach

Romantiker, der Bildung nach _freetrader_.[10] Dieser Kerl ging als

Philhellene nach Griechenland, und nachdem er sich drei Jahre mit den

Türken herumgeschlagen, ging er in die Türkei und begeisterte sich für

ebendieselben Türken. Er schwärmt für den Islam, und sein Prinzip ist:

wenn ich nicht Kalvinist wäre, so könnte ich nur Mohammedaner sein. Die

Türken, die der Blütezeit des osmanischen Reiches ganz besonders, sind

die vollkommenste Nation der Erde, in allem ohne Ausnahme. Die türkische

Sprache ist die vollkommenste und wohlklingendste der Welt. All das

alberne Gerede von Barbarei, Grausamkeit, lächerlichem Barbarenhochmut

rührt bloß von der Unwissenheit der Europäer in bezug auf die Türkei und

von den interessierten Verleumdungen der griechischen Dragomans her.

Wenn ein Europäer in der Türkei schlecht behandelt wird, so ist das

seine eigene Schuld; der Türke haßt nicht die Religion und den

Charakter, sondern nur die engen Hosen des Franken. Türkische

Architektur, Etikette usw. wird dringend zur Nachahmung empfohlen.

Gegen dies glückliche Land intrigiert nun der Zar vermittels der

griechischen Pfaffen, und England hat sich von diesem fortwährend an der

Nase herumführen lassen. England muß die Türkei stützen usw., eben so

alte wie platte Gemeinplätze. Im ganzen ist dies Buch höchst amüsant.

Das beste aber ist, daß sich hieraus die ganze Politik der englischen

palmerstonfeindlichen Liberalen stützt, zum Beispiel sind alle Artikel

in der Daily News über die türkische Schmiere reine Paraphrasen aus

Urquhart, der _qua freetrader_[11] unbedingt Kredit genießt, obgleich er

den Engländern vorwirft, sie zerstörten durch ihre Importe die

thessalische Industrie – aber bei einem _highlander_[12] kommt das nicht

so genau [darauf an].

Es hat eine sehr gute Seite, daß die Times, wenn auch zunächst im

russischen Interesse, endlich einmal die alte Philisterdummheit von der

Integrität der Türkei angreift. Die dumme Daily News, die in ihrer

Bürgerborniertheit nicht weiter sieht, als ihre Nase reicht, schreit

über Verrat und weiß nichts anderes entgegenzusetzen, als eben diesen

alten Diplomatenmist. Zieht sich der Tanz noch etwas hin, so werden die

Herren doch bald zu anderen Argumenten greifen müssen und zu der

Einsicht kommen, daß nur eine kontinentale Revolution dem Dreck ein Ende

machen kann. Das müssen doch mit der Zeit auch die ärgsten Philister

einsehen, daß ohne diese gar nichts gelöst werden kann.

Die österreichisch-preußische Zollgeschichte ist der einzige

Fortschritt, zu dem man es in Deutschland gebracht hat – _et

encore_![13] Das Ding ist so mit Haken verklausuliert, und so viel

Hauptsachen sind späteren Kommissionen überlassen, während die

wirklichen Zollnachlässe so klein sind, daß wenig dabei herauskommt.

Geht die große industrielle Krise los, so wird der ganze Handelsvertrag

verschwinden vor dem allgemeinen _débâcle_.[14]

Hier wird nur noch gestohlen, Knochen zerschmettert auf den Eisenbahnen

und in die Luft geflogen. Das hiesige Philisterium ist ganz konsterniert

von den absonderlichen Ereignissen der letzten acht Tage.

Glücklicherweise geht Baumwolle herunter, weshalb an der Börse nichts

los ist und man sich nach Herzenslust mit diesen großen Begebenheiten

beschäftigen kann. Die Spinnereien und meisten Webereien sind noch voll

beschäftigt, aber in groben Kalikos (_domestics_[15]) ist _vollständige

Stagnation_, und von Montag an wird in dieser Branche nur drei Tage per

Woche in allen Fabriken gearbeitet werden.

Grüße Deine Frau und Kinder.

Dein F. E.

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[1] Persönlichen Ausgaben.

[2] Mietzimmer.

[3] So ist das Leben.

[4] Ich bin ein einfacher, ehrlicher Mann.

[5] Dieser teure.

[6] Ministerium aller Talente stellt sich als ein vollendeter Humbug

heraus.

[7] Rebellisch.

[8] Faktisch, der Sache nach.

[9] Führer des Hauses der Gemeinen.

[10] Freihändler.

[11] Als Freihändler.

[12] Hochländer [aus dem schottischen Hochland].

[13] Und selbst dann.

[14] Zusammenbruch.

[15] Bezeichnung für starken [Futter- oder Hemden-]Kattun.

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Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 160 / 196 题