Lieber Marx!
Hoffentlich wirst Du _by this time_[1] von Deinen Leiden vollkommen
hergestellt sein, und ebenso hoffe ich, daß Deine Frau mir nicht länger
wegen des _coup d’état_[2] zürnen wird, der Dich für zwei Tage in so
tiefe Melancholie versenkte. Jedenfalls bitte ich, sie und Deine Kinder
bestens von mir zu grüßen.
Ich werde für nächsten Freitagsteamer einen Artikel für Weydemeyer
zurecht machen, und hoffe von Dir irgendeine _actualité_[3] für die
Tribune zu erhalten, die ich sofort übersetzen werde. Bei dem Blatte hat
man sich wahrhaftig nicht anzustrengen. Barnum stolziert in seinen
Spalten in Lebensgröße herum, und das Englisch ist grauenhaft – sonst
hat es indes auch einige gute Eigenschaften, die unsere _line_[4]
übrigens nichts angehen. Kannst Du es mir bis Donnerstag – selbst mit
der zweiten Post – herbesorgen, so hast Du die Übersetzung in London
zeitig für Samstagsteamer, _id est_ mit der zweiten, am Freitag dort
ankommenden Post. Nächste Woche werden dann die Artikel über Deutschland
aufgenommen und sollen rasch vollendet werden.
Die Plattheit, mit der die Österreicher den Louis Napoleon nachmachen
und sofort ihre Konstitution auch abschaffen, ist doch sehr arg. Jetzt
wird es einen schönen Tanz in Preußen setzen – es ist kein Zweifel, daß
Preußen von Österreich verraten und verkauft ist, und wenn es
nicht auch die Konstitution abschafft, sehr leicht von einer
russisch-österreichisch-französischen Allianz ekrasiert [zertreten]
werden kann.
1851 hat die englische Baumwollindustrie wöchentlich 32 000 Ballen
konsumiert, gegen 29 000 Ballen 1850. Das ganze Surplus, und bedeutend
mehr, ist nach Ostindien und China gegangen; die Überführung dieser zwei
Märkte und der Home Trade[5] nähren jetzt Manchester fast allein, da
nach dem Kontinent sehr wenig geht. Das _kann_ nicht lange mehr dauern.
Die Sache treibt sich hier sehr auf die Spitze, und, zum Beispiel, daß
die Baumwollpreise angesichts einer unerhört großen Ernte in vollem
Steigen begriffen sind, bloß in Erwartung eines noch größeren Konsums,
ist doch schon bezeichnend genug.
Von Weerth hatte ich heute ein paar Zeilen aus Bradford – er erkundigt
sich wegen des Hanebuch [Hamburger] Lüders, der an ihn geschrieben hat.
Kannst Du mir etwas mitteilen, ob und wiefern er sich bei den dortigen
Intrigen beteiligt hat, so soll’s mir angenehm sein und wird vielleicht
nützlich werden. Sonst hier nichts Neues, _business with us slack_,[6]
Nebel und Rauch die Masse.
Dein F. E.
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[1] Nunmehr, jetzt.
[2] Staatsstreich.
[3] Tagesfrage.
[4] Abteilung, Fragengebiet.
[5] Inlandsgeschäft.
[6] Geschäftsgang bei uns matt.
133
[Undatiert, Anfang Januar 1852.]
Lieber Herr Engels!
Wie können Sie glauben, daß ich _Ihnen_ wegen der kleinen Kneiperei
gezürnt hätte – es tat mir sehr leid, Sie vor Ihrer Abreise nicht mehr
zu sehen, wo Sie sich dann selbst am besten überzeugt hätten, daß ich
nur mit meinem hohen Herrn etwas schmollte. Übrigens haben solche
Extraszenen ganz heilsame Folgen; diesmal muß sich aber der _père_ Marx
bei seiner nächtlichen philosophischen Wanderung sehr stark erkältet
haben, denn er wurde ernsthaft krank und liegt bis jetzt noch ruhig
danieder. Vielleicht wird es ihm heute möglich werden, etwas aufzustehen
und sich an die Artikel für Amerika zu machen. Ich glaube aber, daß er
noch nicht so weit hergestellt ist, wie er meint. Er phantasierte
während drei Nächten und war sehr schlimm. Er läßt Sie bitten, Weerth zu
grüßen, ihm zu sagen, daß er recht ärgerlich über ihn wäre, daß er bei
Übersendung von Reinhardts Brief aus Paris nur zwei Worte
mitgeschrieben, und daß er vor allem seine Pflichten als alter Redakteur
der Neuen Rheinischen erfüllen und irgendeine Ware auf Lager nach
Amerika spedieren solle. Was den Hanebuch betrifft, so sagt jetzt der
_père_ Marx wörtlich was folgt:
„Stets kanonenvoll, mit seinem insinuanten Wesen gegen Damen
renommierend, meinend, damit die Fußtritte von _Bar-Besen_[1] erhalten
zu haben; von Anfang an auf das geräuschvollste auf Straßen und Gassen,
Parlours, Omnibus, Halfpenny-Steamboats das englische Publikum
provozierend, sich an den großen Debatten zwischen Kinkel und Ruge zu
beteiligen; jeden Deutschen bei den Ohren hinschleppend nach Cranbourne
Hotel, einer der wichtigtuendsten Schreier des Emigrationsklubs, also
auch seinen Bärengeifer über die kleine Winkelkirche der Neuen
Rheinischen Zeitung ausfatzend. Weerth soll ihm antworten, wenn er
dessen Protektion verlangt, er möge suchen, in einen der sieben von
Kinkel zu errichtenden Ministerien einen Posten zu finden, was ihm bei
seinen großen Verdiensten um die große einige Revolutionspartei und bei
seinem Einfluß auf die beiden Kinkelschen Hofschriftsteller Meyen und
Oppenheim nicht schwer fallen dürfte. Überhaupt soll Weerth, wenn jetzt
einer der Geister sich an ihn wendet, [ihnen] sie merken lassen, daß er
auch zu der ‚kleinen unverbesserlichen Sonderkirche‘ der Neuen
Rheinischen Zeitung gehört, wie Meyen nach Amerika hingeschrieben.“ So
weit mein hoher Patient Knackrüge.
Gestern kam ein sehr netter Brief von Cluß aus Washington, woraus das
Treiben Kinkels von neuem hervorgeht. Leider kann ich ihn hier nicht
beilegen, da Freiligrath ihn gestern mitgenommen. Morgen werden wir ihn
schicken. Teilen Sie ihn auch Weerth stellenweise mit.
Es wird Sie wohl auch interessieren zu hören, daß Ihr ehemaliger Chef,
General Willich, von der niedrigen Flüchtlingschaft eine Tracht Prügel
bezogen, da diese den Unterschied zwischen sich und den höheren
Flüchtlingen nicht [hat] begreifen können und die Art der Verwaltung der
großen Revolutionsgelder im Interesse der großen Männer nicht gutheißen.
Aus Cluß’ Brief geht noch hervor, daß Kinkel die Mystifikation Willichs
und den Brief Schramms benutzt hat, um ihre Verbindungen mit Köln in
Amerika zu beweisen. Es wird bald Zeit, mit der wirklichen Geschichte
hervorzurücken. Der Kinkel scheint auch in Amerika verbreitet zu haben,
daß Marx’ Partei Lasterpreise aussetzt, um nicht Moralhelden zu werden.
Der Musch läßt Frederic herzlich grüßen. Die Mädchen sind schon in der
Schule. Sie erinnern sich vielleicht, daß Pieper dem Jungen seine
hübsche Brieftasche zum Geschenk gemacht hatte. Gestern drohte er, sie
ihm wieder abzunehmen und ihm an deren Stelle etwas anderes zu kaufen.
Heute morgen versteckt der Junge die Tasche und sagt eben: „Mohr, jetzt
habe ich sie gut versteckelt, und wenn der Pieper sie haben will, dann
sage ich, ich habe sie einem armen Mann geschenkt.“ Der Filou!
Adieu!
Herzliche Grüße Jenny Marx.
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[1] Schanktisch-Kellnerinnen.
134
Manchester, 14. Januar 1852.
Liebe Frau Marx!
Ich hätte Ihren angenehmen Brief längst beantwortet, wenn ich nicht
durch eine Masse Geschichten daran total verhindert worden wäre –
namentlich durch die Anwesenheit meines Schwagers, den ich während einer
Woche zu amüsieren hatte, was hier in Manchester gewiß keine Kleinigkeit
ist. An Arbeiten war während dieser Zeit natürlich nicht zu denken, und
erst jetzt kann ich anfangen, mich zu besinnen, was bis nächsten
Freitagsteamer geleistet werden kann. Heute oder morgen abend wird
jedenfalls etwas für die Tribune fertig gemacht, und auch Vater
Weydemeyer wird nicht leer ausgehen. Inzwischen höre und sehe ich von
diesem nichts – hoffentlich ist bei Ihnen heute ein Brief von ihm
eingesprungen, der uns die Aussichten fürs neue Jahr meldet, da die mit
gestrigem Steamer eingetroffenen Briefe gerade bis zum 1. Januar gehen.
Ich hoffe, daß der _pater familias_ sich inzwischen von seinem Straf-
und Schmerzenslager erhoben haben wird, und wünsche nur, daß er über der
Bibliothek nicht ganz die Tribune vergißt. Die Nachrichten über
Ehren-Lüders sind Weerth sofort mitgeteilt worden, sowie das Nötige über
Kinkel. –
Inliegend den Brief von Cluß zurück. Der Kerl ist ein unbezahlbarer
Agent. Wenn die Geschichte mit der Willichschen Mystifikation auskommt,
das wird ein heiteres Hallo setzen. Dies Faktum beweist nur, daß Kinkel
in Beziehung auf uns in Amerika sehr häufig und sehr unangenehm
interpelliert worden ist, und daß wir unter den dortigen Demokraten auch
einen _set_[1] von Anhängern haben, die auf uns schwören, wie die
anderen auf Kinkel oder Heinzen oder Hecker, keiner weiß warum; es
werden das Anhänger sein _à la_ Magnus Groß, Wilhelmi usw., Leute, die
nur eines kurzen Zusammenseins mit uns bedürften, um über uns und sich
eines Besseren aufgeklärt zu werden und in den allgemeinen Schafstall
zurückzukehren, wohin sie gehören.
Der Louis Napoleon wird doch täglich amüsanter. Während noch immer nicht
eine einzige jener großen Maßregeln zur Vernichtung des Pauperismus usw.
das Tageslicht erblicken kann, bringt das Männchen es fertig, das ganze
Philisterium der Welt durch Maßregeln aufzuhetzen, die bloß die
momentane Konsolidierung seiner Autorität sichern sollen. Kein
nichtfranzösisches Blatt wagt mehr für ihn aufzutreten, selbst der Sun
und die Kölnische schweigen, und nur der Lumpaziuskorrespondent des
Globe deponiert noch täglich seine Gemeinheiten in dem ihm dazu
bewilligten Winkel. Dazu hat Louis Napoleon schon alle Welt argwöhnisch
gemacht, ganz Europa hallt wider von Krieg und Kriegsgeschrei, und
selbst die friedfertige Daily News muß _nolens volens_ in den Ruf nach
_national defences_[2] einstimmen. Der Kerl fängt nachgerade an, neben
der einen, seit dem 2. Dezember zumeist hervorgetretenen Seite seines
Charakters, dem _gambler_,[3] auch die zweite zu entwickeln, die des
verrückten Prätendenten, der sich für einen prädestinierten Welterlöser
hält und auf seinen Stern schwört. Und als die Zeit erfüllet war, da
sandte Gott den Neffen, auf daß er erlöse alle Welt aus der Knechtschaft
des Teufels und aus der Hölle des Sozialismus. Glücklicherweise kommt
das Parlament bald zusammen, und das gibt immer etwas Abwechslung im
politischen Humbug.