Lieber Engels!
Ich habe meinen Brief von Tag zu Tag aufgeschoben, um Dir vollständig
die Dokumente zu geben, die unten mitgeteilt werden. Da die
Vollständigkeit aber erst in einigen Tagen möglich wird, schreibe ich
heute, um nicht noch länger Dich auf Antwort warten zu lassen.
_D’Abord._[1] Scheint mir aus Deinem Briefe hervorzugehen, daß Du
während der Anwesenheit des Alten in Manchester nicht erfahren hast, daß
ein zweites Aktenstück in der Kölnischen Zeitung abgedruckt war, unter
der Überschrift „Der Bund der Kommunisten“. Es war dies die von uns
beiden verfaßte Ansprache an den Bund – _au fond_[2] nichts als ein
Kriegsplan gegen die Demokratie. Nach einer Seite hin war die
Veröffentlichung desselben gut, im Gegensatz zu dem der Form nach _plus
ou moins_[3] absurden und dem Inhalt nach wenig tröstlichen Aktenstück
des Bürgers. Andererseits erschweren einige Stellen die Situation der
jetzt Gefangenen.
Wie ich durch Louis Schüler [oder Schöler] aus Köln erfahre, schreibt
Bürgers sehr trübselig aus Dresden. Dagegen glaubt man in Köln allgemein
an die Freisprechung von Daniels, gegen den nichts vorliegt und für den
die ganze Heulerei in der heiligen Stadt heult. Sie hält ihn natürlich
für unfähig solcher „Narreteien“.
Miquel hat aus Göttingen geschrieben. Mehrmalige Haussuchung bei ihm.
Man fand nichts. Ist nicht eingesperrt worden. Es sind von Göttingen aus
fünf neue Emissäre – Gentlemen – nach Berlin usw. ausgegangen. Die
Judenverfolgung erhöht natürlich den Eifer und das Interesse.
Das drolligste ist, daß die alberne Augsburger Allgemeine Zeitung das
von uns verfaßte Aktenstück zu einem Kinde der Herren Mazzini-Ruge
macht, sich ein über das andere Mal an die Brust schlägt und ihre
Begriffserschütterung über das Ungeheure nicht besser zu formulieren
weiß, als indem sie verschiedentlich Wahnsinn! schreit. Wahnsinn!
Wahnsinn!
Die Triersche Zeitung hat sich natürlich – _id est_ Karl Grün – aufs
hohe Pferd gesetzt und aus dem ersten Aktenstück die materielle, aus dem
zweiten jedoch die „geistige“ Ohnmacht der Partei bewiesen. Die
lichtfreundlichen und am weitestgehenden „anarchischen“ Phrasen fehlen
natürlich nicht. Alles von oben machen! Polizeistaat! Andersdenkende
förmlich in Bann tun und ausschließen. _Mon Dieu!_ Da hört am Ende alles
auf!
Nun zu den hiesigen Stürmen, die in einem Regentropfen sich zu ereignen
gewohnt sind.
Erstens. Vater Willich ist aus der Kaserne – deren Auflösung, wie es
scheint, beschlossen war – ausgekniffen und in tiefen Krakeel mit den
meisten seiner Leibgarde geraten.
Zweitens. Der große Fickler arrivierte hier. Lupus war einige Tage vor
seiner Ankunft in England mit ihm in Straßburg zusammengewesen.
Liebknecht ist seit alter Zeit mit ihm vertraut. Beide begaben sich also
zu ihm am 5. Juli. Er schwatzte sehr freundlich, sprach von der
Notwendigkeit der Aussöhnung der Parteien usw. Da kam auch der Amand
Goegg hinzu. Er nannte Willich einen „bloßen Phantasten“, Schapper ein
„ekelhaftes Subjekt“ – nachdem er den Kerl einigemal in der Windmill
poltern gehört, habe er sich von ihm getrennt und sei nicht mehr in die
Herberge gegangen. Fickler und Goegg zogen beide besonders stark über
den großen Kinkel los, der hier nun den glücklichen Parvenü spielt und
sich daher den Ärger der anderen großen Männer zugezogen hat. Ruge wurde
dagegen als eine Art von _lumen_[4] betrachtet.
Fickler fragte nach meiner Adresse, und Lupus und Liebknecht entfernten
sich, düpiert von den nach „Eintracht“ ringenden Biedermännern.
Einige Tage nachher schickte mir Freiligrath folgenden Brief zu, der ihm
zugegangen war: