27. Juni 1851.

Lieber Marx!

Es ist sehr _bonasse_[1] von der braven sächsischen Polizei, daß sie uns

allerhöchst selbst von dem unterrichtet, was wir bisher nicht wußten

oder erfahren konnten. Bürgers’ didaktisch-würdevolles Rundschreiben mit

dem bekannten _clair-obscur_[2] des Räsonnements muß ihnen viel

fruchtloses Kopfzerbrechen gekostet haben; sie haben auch gerade nur die

unrechten Stellen groß drucken lassen. Heiter nimmt es sich aus, daß die

großen Windmiller jetzt vor der ganzen Welt herausgeschmissen aus der

eigenen Partei dastehen, der große Willich gepaart mit Haude, Gebert und

anderem unbekannten Pack, einem gewissen „Schopper“ (von „Schoppen“

abgeleitet), dessen seltene Verdienste so wenig bekannt sind, daß selbst

in Köln sein Name nicht einmal richtig gedruckt wird! _So far all

right._[3] Aber der erste Artikel der Statuten ist schlimm für die

Verhafteten: „Alle Mittel der revolutionären Tätigkeit“, oder wie es

dort heißt. Das führt die Sache aus dem Gebiet der bloßen verbotenen

Verbindung heraus auf das des Hochverrats. Übrigens, nach einer

Andeutung der Kölnischen Zeitung zu schließen, scheint meine Vermutung

richtig zu sein, daß man vorhat, die ganze Gesellschaft vor den für

diese grandiose Gelegenheit eigens ins Leben zu rufenden Berliner

Staatsgerichtshof zu stellen.

Ein gutes Zeichen für die Stimmung der Bourgeois ist, daß die Regierung

mit ihrem Versuch, die große Dresdener Entdeckung als Schreckschuß zu

exploitieren, so komplett durchgefallen ist. Der Bürger fürchtet sich so

wenig mehr vor dem roten Gespenst, daß er vom großen Kommunistenkomplott

nichts hören will und schon fürchtet, daß das Haussuchungssystem

nächstens auch auf ihn ausgedehnt werde.

Kein einziges Blatt will anbeißen, und die Verzweiflungsexperimente der

Regierung, bei Turnvereinen, freien Gemeinden und demokratisierenden

Schneidermeistern weitere Umtriebe zu entdecken, beweisen einerseits,

wie sehr sie sich über die Gleichgültigkeit der Bürger ärgert und die

Neugier derselben zu kitzeln sucht, und andererseits, zu wie wenig

weiteren Entdeckungen die Statuten und das Rundschreiben geführt haben.

Bei Miquel scheint auch fruchtlos gehaussucht zu sein.

_Qu’y a-t-il de nouveau à Londres?_[4]

Dein F. E.

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[1] Gutmütig.

[2] Halbdunkel.

[3] Somit [ist] alles in Ordnung.

[4] Was gibt es Neues in London?

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[Undatiert. Etwa zwischen 6. bis 10. Juli 1851.]

Lieber Marx!

Nachdem ich meinen Alten hier acht Tage herumgeschleift, habe ich ihn

glücklich wieder fortexpediert und kann Dir heute endlich inliegend Post

Office Ordre für 5 Pfund schicken. Im ganzen kann ich mit dem Resultat

meiner Entrevue mit dem Alten zufrieden sein. Er hat mich auf wenigstens

drei Jahre hier nötig, und Verpflichtungen für die Dauer, nicht einmal

auf die drei Jahre, habe ich keine eingegangen, sind auch weiter nicht

verlangt worden; weder in Beziehung auf Schriftstellerei noch auf

Hierbleiben im Falle einer Revolution.

An diese scheint er gar nicht zu denken, so sicher ist das Volk jetzt!

Dagegen habe ich mir Repräsentations- und Tafelgelder gleich im Anfang

ausgemacht – zirka 200 Pfund jährlich, was auch ohne große

Schwierigkeiten bewilligt wurde. Mit einem solchen Salär geht die Sache

schon, und wenn es bis zur nächsten Bilanz ruhig bleibt und das hiesige

Geschäft gut geht, wird er noch ganz anders bluten müssen – ich komme

schon in diesem Jahre weit über die 200 Pfund. Dabei hat er mich in

seine ganzen Geschäftsverhältnisse sowohl hier wie drüben blicken

lassen, und da er sehr gute Geschäfte gemacht und seit 1834 sein

Vermögen mehr als verdoppelt hat, so versteht es sich, daß ich mich

nicht mehr geniere, als nötig ist.

Der Alte ist übrigens auch verschlagen genug. Sein Plan, der aber nur

sehr langsam und schwierig durchzuführen und wegen der Tuckereien mit

den Ermens schwerlich je durchgeht, ist der, den Peter Ermen nach

Liverpool ziehen zu lassen, was dieser selbst wünscht, und mir dann die

ganze Leitung des hiesigen Kontors – wo G. Ermen dann die Fabrik führen

würde – in die Hände zu spielen. Damit wäre ich dann gebunden. Natürlich

erklärte ich, daß mir das doch über die Kräfte ginge, und spielte den

Bescheidenen. Wäre mein Alter indes noch ein paar Tage hier geblieben,

wir wären uns in die Haare geraten.

_Ceci entre nous._[1]

Die Kölner Zeitung ist seit Anfang Juli hier nicht mehr zu sehen,

wahrscheinlich wegen vergessener Abonnementserneuerung. Ich weiß also

nicht, ob weiter noch etwas vorgefallen ist. Wenn Du Neues weißt, so

lasse mich es ja wissen. Ich werde endlich wieder anfangen können,

ordentlich zu arbeiten, da die Exhibitionsstörungen jetzt so ziemlich

vorüber sind und der Athenäumskatalog endlich fertig ist. Auch habe ich

vor, bald aufs Land zu ziehen, damit ich ganz ungestört bin. Da ich

binnen eines Jahres meinen Alten nicht wieder herbekomme, kann ich mich

ganz nach Konvenienz einrichten und die Repräsentationsgelder zum großen

Teile anders verwenden.

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster Band · 第 45 / 196 题