Lieber Marx!
Es ist sehr _bonasse_[1] von der braven sächsischen Polizei, daß sie uns
allerhöchst selbst von dem unterrichtet, was wir bisher nicht wußten
oder erfahren konnten. Bürgers’ didaktisch-würdevolles Rundschreiben mit
dem bekannten _clair-obscur_[2] des Räsonnements muß ihnen viel
fruchtloses Kopfzerbrechen gekostet haben; sie haben auch gerade nur die
unrechten Stellen groß drucken lassen. Heiter nimmt es sich aus, daß die
großen Windmiller jetzt vor der ganzen Welt herausgeschmissen aus der
eigenen Partei dastehen, der große Willich gepaart mit Haude, Gebert und
anderem unbekannten Pack, einem gewissen „Schopper“ (von „Schoppen“
abgeleitet), dessen seltene Verdienste so wenig bekannt sind, daß selbst
in Köln sein Name nicht einmal richtig gedruckt wird! _So far all
right._[3] Aber der erste Artikel der Statuten ist schlimm für die
Verhafteten: „Alle Mittel der revolutionären Tätigkeit“, oder wie es
dort heißt. Das führt die Sache aus dem Gebiet der bloßen verbotenen
Verbindung heraus auf das des Hochverrats. Übrigens, nach einer
Andeutung der Kölnischen Zeitung zu schließen, scheint meine Vermutung
richtig zu sein, daß man vorhat, die ganze Gesellschaft vor den für
diese grandiose Gelegenheit eigens ins Leben zu rufenden Berliner
Staatsgerichtshof zu stellen.
Ein gutes Zeichen für die Stimmung der Bourgeois ist, daß die Regierung
mit ihrem Versuch, die große Dresdener Entdeckung als Schreckschuß zu
exploitieren, so komplett durchgefallen ist. Der Bürger fürchtet sich so
wenig mehr vor dem roten Gespenst, daß er vom großen Kommunistenkomplott
nichts hören will und schon fürchtet, daß das Haussuchungssystem
nächstens auch auf ihn ausgedehnt werde.
Kein einziges Blatt will anbeißen, und die Verzweiflungsexperimente der
Regierung, bei Turnvereinen, freien Gemeinden und demokratisierenden
Schneidermeistern weitere Umtriebe zu entdecken, beweisen einerseits,
wie sehr sie sich über die Gleichgültigkeit der Bürger ärgert und die
Neugier derselben zu kitzeln sucht, und andererseits, zu wie wenig
weiteren Entdeckungen die Statuten und das Rundschreiben geführt haben.
Bei Miquel scheint auch fruchtlos gehaussucht zu sein.
_Qu’y a-t-il de nouveau à Londres?_[4]
Dein F. E.
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[1] Gutmütig.
[2] Halbdunkel.
[3] Somit [ist] alles in Ordnung.
[4] Was gibt es Neues in London?
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[Undatiert. Etwa zwischen 6. bis 10. Juli 1851.]
Lieber Marx!
Nachdem ich meinen Alten hier acht Tage herumgeschleift, habe ich ihn
glücklich wieder fortexpediert und kann Dir heute endlich inliegend Post
Office Ordre für 5 Pfund schicken. Im ganzen kann ich mit dem Resultat
meiner Entrevue mit dem Alten zufrieden sein. Er hat mich auf wenigstens
drei Jahre hier nötig, und Verpflichtungen für die Dauer, nicht einmal
auf die drei Jahre, habe ich keine eingegangen, sind auch weiter nicht
verlangt worden; weder in Beziehung auf Schriftstellerei noch auf
Hierbleiben im Falle einer Revolution.
An diese scheint er gar nicht zu denken, so sicher ist das Volk jetzt!
Dagegen habe ich mir Repräsentations- und Tafelgelder gleich im Anfang
ausgemacht – zirka 200 Pfund jährlich, was auch ohne große
Schwierigkeiten bewilligt wurde. Mit einem solchen Salär geht die Sache
schon, und wenn es bis zur nächsten Bilanz ruhig bleibt und das hiesige
Geschäft gut geht, wird er noch ganz anders bluten müssen – ich komme
schon in diesem Jahre weit über die 200 Pfund. Dabei hat er mich in
seine ganzen Geschäftsverhältnisse sowohl hier wie drüben blicken
lassen, und da er sehr gute Geschäfte gemacht und seit 1834 sein
Vermögen mehr als verdoppelt hat, so versteht es sich, daß ich mich
nicht mehr geniere, als nötig ist.
Der Alte ist übrigens auch verschlagen genug. Sein Plan, der aber nur
sehr langsam und schwierig durchzuführen und wegen der Tuckereien mit
den Ermens schwerlich je durchgeht, ist der, den Peter Ermen nach
Liverpool ziehen zu lassen, was dieser selbst wünscht, und mir dann die
ganze Leitung des hiesigen Kontors – wo G. Ermen dann die Fabrik führen
würde – in die Hände zu spielen. Damit wäre ich dann gebunden. Natürlich
erklärte ich, daß mir das doch über die Kräfte ginge, und spielte den
Bescheidenen. Wäre mein Alter indes noch ein paar Tage hier geblieben,
wir wären uns in die Haare geraten.
_Ceci entre nous._[1]
Die Kölner Zeitung ist seit Anfang Juli hier nicht mehr zu sehen,
wahrscheinlich wegen vergessener Abonnementserneuerung. Ich weiß also
nicht, ob weiter noch etwas vorgefallen ist. Wenn Du Neues weißt, so
lasse mich es ja wissen. Ich werde endlich wieder anfangen können,
ordentlich zu arbeiten, da die Exhibitionsstörungen jetzt so ziemlich
vorüber sind und der Athenäumskatalog endlich fertig ist. Auch habe ich
vor, bald aufs Land zu ziehen, damit ich ganz ungestört bin. Da ich
binnen eines Jahres meinen Alten nicht wieder herbekomme, kann ich mich
ganz nach Konvenienz einrichten und die Repräsentationsgelder zum großen
Teile anders verwenden.