Lieber Engels!
Ich schicke Dir hier nachfolgend eine Kopie des Artikels über die
Anwendung der Elektrizität auf die Agrikultur, wörtlich englisch. Du
bist so gut und schreibst mir umgehend, 1. was Du von der Sache hältst.
2. Erkläre mir die Geschichte, da ich nicht ganz klug daraus werde, _in
plain German_.[1]
„Ein Feld wird in längliche Vierecke, je 76 Yards[2] lang und 40 Yards
breit geteilt, die deshalb jedes einen Acre[3] umfassen. Das Umstehende
ist der Plan eines solchen Vierecks.
A G D
+-------------------+-------------------+
| | V |
| | i |
| | e |
| | z |
| | i |
| | g |
Nord E +-------------------+-------------------+ F Süd
| Sechsund|siebzig Yards |
| | Y |
| | a |
| | r |
| | d |
| | s |
+-------------------+-------------------+
B H C
An jedem der Punkte _A_, _B_, _C_ und _D_, werden Pflöcke in die Erde
getrieben. Die Außenlinien stellen starke Eisendrähte vor, die von
Pflock zu Pflock gehen, an jedem Pflock befestigt, und so miteinander
verbunden sind, daß sie ein Viereck von Draht bilden, das 3 Zoll unter
die Oberfläche eingesenkt ist. An den Punkten _E_ und _F_ sind 15 Fuß
hohe Stangen angebracht. Ein Draht ist mit dem unter der Oberfläche sich
befindenden Querdraht beim Punkt _E_ verbunden, die Stange entlang bis
nach oben, und dann durch die Mitte des Vierecks bis zur Spitze der
Stange bei _F_ gezogen, von wo er diese entlang nach dem Querdraht unter
der Oberfläche gezogen und bei dem genannten Punkt befestigt wird. Wir
müssen hierbei bemerken, daß das Viereck so gerichtet sein muß, daß es
von Norden nach Süden läuft, so daß der Draht, der von _E_ nach _F_
geht, einen rechten Winkel mit dem Äquator bildet. Es ist wohlbekannt,
daß eine beträchtliche Menge von Elektrizität in der Atmosphäre erzeugt
wird und mit der Bewegung der Erde beständig von Osten nach Westen geht.
Diese Elektrizität wird von dem Draht angezogen, von _E_ zu _F_ gespannt
auf die Drähte übertragen, die von den Punkten _A_, _B_, _C_ und _D_ das
Viereck unter der Oberfläche des Bodens bilden .... Jede Menge von
Elektrizität, die gebraucht wird, kann dadurch erzeugt werden, daß man
unter dem Boden bei dem Punkt _G_ einen Sack Holzkohlen und an dem Punkt
_H_ Platten von Zink befestigt und diese beiden so durch einen Draht
verbindet, der ähnlich wie der bei _E_ und _F_ über zwei Stangen geht
und den _F_ Längsdraht kreuzt, der von den letztgenannten Punkten
ausgeht. Die Kosten, zu welchen diese Einrichtung hergestellt werden
kann, werden auf ein Pfund für den Acre berechnet, und man hat
berechnet, daß sie 10 bis 15 Jahre dauert, wenn die Drähte sorgfältig
aufgehoben und jedes Jahr wieder an ihre Stelle gesetzt werden.
Die Stangen werden aus Hartholz gemacht. In dem Maße, wie die Fläche
ausgedehnt wird, vermindern sich die Kosten. Die Art, wie das Stück Land
angelegt wird, ist die folgende. Mit einem Seemannskompaß und
abgemessenen Längen Bindfaden messe man die Plätze aus für die
Holznadeln, an welche der _eingegrabene_ Draht befestigt wird, indem er
durch schmale Schließhaken läuft. Es muß darauf geachtet werden, daß der
eingegrabene Draht die Längsseite entlang richtig mittels des Kompasses
von Norden nach Süden und die Breitseite entlang richtig von Osten nach
Westen gelegt wird. Dieser Draht muß zwischen zwei und drei Zoll tief in
die Erde gesenkt werden. Die Linien des eingegrabenen Drahtes sind dann
fertig. Der hochliegende Draht muß an beiden Enden mit dem eingegrabenen
Draht verbunden sein. Eine Holznadel mit einem Schließhaken muß daher
eingetrieben werden und die beiden Stangen – die eine von 14, die andere
von 15 Fuß – müssen mittels des Kompasses richtig nach Norden und Süden
eingestellt, der Draht über sie gezogen und je an den Holzstäben
befestigt werden, jedoch gleicherweise an diesen Punkten den
eingegrabenen Draht berühren. Der obengespannte Draht muß auch fest
angezogen werden, sonst wird der Wind ihn zerreißen.“
Dies die Geschichte.
Die deutschen Zentralmänner haben sich zum xtenmal vereinigt, und so
erscheint eine Annonce von General Haugh, die wieder für den 10. Mai die
Erscheinung seines „Kosmos“ ankündigt, unter Mitarbeit der Herren Ruge,
Kinkel, Ronge usw. Das wird schön werden.
Eben bringt Tupman [Pieper] einen Brief von Miquel, woraus hervorgeht,
daß die deutschen Demokraten – auch einige Kommunisten – an der Spitze
das Bremer Schundblatt von Ruge, unermüdlich in ihren Verleumdungen
gegen mich sind, und derartiges frißt natürlich bei dem deutschen
Philister und Straubinger reißend um sich. Die Kerls müssen doch eine
Heidenangst vor mir haben, daß sie jetzt schon alle Mittel aufbieten, um
mir den Aufenthalt in Deutschland unmöglich zu machen.
Dein K. M.
Jones hielt gestern eine wirklich famose Vorlesung gegen das
_cooperative movement_,[4] worin er _de front_[5] sein eigenes Publikum
attackierte. Er sagte mir, daß aus dem Blatt mit Harney wohl nichts
werden wird, da mit dessen Frau kein Geschäft abzuschließen ist. Er wird
einstweilen auf seine Faust ein Magazin herausgeben.
----------
[1] Verständlichem Deutsch.
[2] Englisches Längenmaß = 91,4 Zentimeter.
[3] Acker beziehungsweise Morgen.
[4] Genossenschaftsbewegung.
[5] Ins Gesicht.
82
[Undatiert. Jedenfalls Anfang Mai 1851.]
Lieber Marx!
Morgen oder übermorgen erhältst Du die Post Office Ordre. Unser
Buchhalter hat heute wieder kein _Cash_.[1]
Seit wann gebrauchst Du zu Deinen Briefen das inliegende schöne Siegel –
oder ist was damit passiert?
_Il paraît donc_,[2] daß die ganze Neue Rheinische Zeitung diesen Sommer
in London zusammensitzen wird, _moins_[3] vielleicht Freiligrath und den
Honorarius Bürgers. Daß Lupus definitiv kommt, freut mich sehr. Ich weiß
übrigens positiv, daß die Geschichte mit den _Alien-Offices_[4] an der
Grenze hier jetzt noch weit weniger streng ist als früher und daß daher
der ganze Skandal wegen des Verbots, Flüchtlinge hierher zu schicken,
der purste Humbug ist.
Die Unterschrift des Alrauns [Dronke] zu der Genfer Adresse ist höchst
sonderbar – eine _bévue inconcevable_[5] –, neuer Beweis, daß man _a
sharp look-out after these young men_[6] haben muß und daß sie kurz
gehalten werden müssen. Es kann nur eine _bévue_ sein, die Briefe des
Kerlchens waren übereifrig, und vielleicht hat er geglaubt, einen
famosen Geniestreich zu machen. Man muß ihn scharf inquirieren, rüffeln
und ihm empfehlen: _surtout pas de zèle_![7]
Nächstens werde ich Dir eine ökonomische Abhandlung von Wellington aus
dem Jahre 1811 mitteilen, über _free trade_ und Monopol im
Kolonialhandel. Das Ding ist kurios, und da es die spanischen Kolonien
betrifft und nicht die englischen, so kann er den _freetrader_ spielen,
obwohl er gleich im Anfang mit einem aristokratisch-militärischen
Fanatismus über die Kaufleute schimpft. Er dachte nicht, daß er diese
Prinzipien nachher auf die englischen Kolonien anwenden helfen müßte.
Aber das ist der Witz. Dafür, daß der alte Irländer unverdienterweise
Napoleon besiegte, hat er später vor Cobden erliegen müssen und _en
économie politique_[8] durch das kaudinische Joch des _free trade_
passieren. Die Weltgeschichte gibt doch zu sehr vielen angenehmen
Betrachtungen Anlaß!
Die Auflösung der Londoner demokratischen provisorischen Regierung für
Deutschland hat mich mit Kummer erfüllt. So eine schöne Gelegenheit für
die Esel, sich vor dem öffentlichen Gelächter zu erhalten, findet sich
sobald nicht wieder. Dafür eröffnet der große Franz Raveaux in der
Kölnischen Zeitung wieder seine Klüngelpolemik mit Herrn Paul Franck und
anderen Tröpfen. Er ist wieder reif, in irgend ein Nationalnarrenhaus
gewählt zu werden und zu sagen: „Meine Herren, hück hat die Stadt Köllen
ener jroßer Dag erlebt!“
Ich bin übrigens moralisch überzeugt, daß der Willich und Komp. über
einen großartigen Plan zur Revolutionierung Englands während der
Exhibition brüten, obwohl es ebenso sicher ist, daß sie keinen Finger
rühren werden. Wird nichts Vereinzeltes bleiben!
Die zweite Marke auf meinen Briefen ist für späte Aufgabe. Ich kann für
diesen _Stamp_ anderthalb Stunden nach Schluß der gewöhnlichen Post den
Brief noch mit demselben Zuge fortbekommen. Übrigens zahlt dies die
Firma.
Dein F. E.
----------
[1] Bargeld.
[2] Es scheint also.
[3] Außer.
[4] Ausländerbureaus.
[5] Unbegreiflicher Schnitzer.
[6] Ein scharfes Auge auf diese Jünglinge [haben].
[7] Insbesondere keinen Übereifer.
[8] In der Volkswirtschaftspolitik.
83
Freitag, 9. Mai 1851.
Lieber Marx!
Ich schickte Dir gestern zwei Briefe, den einen ohne anderen Inhalt als
eine Post Office Ordre, den anderen durch Pieper. Du hast beide
hoffentlich erhalten.
Die elektrische Geschichte ist einfach, was die Konstruktion anbetrifft.
An den vier Ecken _A B C_ und _D_ – ich setze voraus, daß Du die
Zeichnung dort hast – werden Pflöcke in die Erde geschlagen und ein
starker Draht drei Zoll unter der Erdoberfläche von einem dieser Pflöcke
zum anderen gezogen, so daß er unter der Erde das ganze Feld umspannt.
Bei _E_ und _F_, Norden und Süden, werden zwei Pfähle in die Erde
geschlagen, deren Spitzen fünfzehn Fuß über der Erde ebenfalls durch
einen Draht verbunden werden. Die beiden Enden des Drahtes laufen am
Pfahl hinab und werden unter der Erde mit dem verdeckten Draht _A B C D_
verbunden. Ebenso ein Querdraht von _G_ bis _H_ auf zwei Pfählen, der in
der Mitte den Draht _E F_ kreuzt. Was der Sack Holzkohle und die
Zinkplatten sollen, ist mir nicht ganz klar, da ich die elektrische
Beschaffenheit der Holzkohle vergessen habe – ich vermute, durch diese
Holzkohle bei _G_ und den Zink bei _H_, die beide ebenfalls vergraben
und mit dem großen vergrabenen Draht in Verbindung stehen, will der Kerl
die Elektrizität polarisieren, einen positiven (Zink) und negativen
(Kohle) Pol herstellen.
Der Rest bezieht sich auf technische Geschichten, Isolierung der Drähte
usw.
Da Du mir weiter nichts schreibst, so vermute ich, daß sich die
Geschichte auf irgend ein Experiment bezieht, ich glaube, Du sprachst
mir davon, daß im Economist oder so etwas davon gestanden hat. Mir ist
der Erfolg der Sache etwas zweifelhaft, doch mag was damit zu machen
sein, wenn man das Ding ausdehnt und verbessert. Es fragt sich nur 1.
wieviel Elektrizität sich in der Weise aus der Luft abfassen läßt, und
2. wie diese Elektrizität auf Wachstum und Keimen der Pflanzen wirkt.
Laß mich jedenfalls wissen, ob das Experiment schon gemacht ist und mit
welchem Erfolg, und wo der Bericht darüber steht.
Zwei Haken hat die Sache jedenfalls:
1. Will der Kerl den Draht, der die Elektrizität abfassen soll, genau
Nord und Süd gelegt haben, und schreibt doch den Farmers vor, ihn nach
dem Kompaß zu legen. Von der Deklination des Kompasses, die hier in
England zirka 20 bis 23 Grad beträgt, spricht er gar nicht, und er müßte
jedenfalls sagen, ob er sie in Anschlag gebracht hat. Die Farmers wissen
jedenfalls von Deklination nichts und würden den Draht nach der
Magnetnadel legen, wo er dann nicht von Nord nach Süd, sondern von
Nord-Nord-West nach Süd-Süd-Ost zeigen würde.
2. Wenn die Elektrizität eine befördernde Wirkung auf das Keimen und
Wachsen der Pflanzen hat, so wird sie im Frühjahr die Pflanzen zu _früh_
keimen machen und sie Nachtfrösten usw. aussetzen. Dies müßte jedenfalls
sich zeigen und dem wäre nur abzuhelfen, indem man während des Winters
die Kommunikation der schwebenden und der vergrabenen Drähte
unterbräche. Auch davon spricht der Mann nicht. Entweder aber ist die so
abgefaßte Elektrizität ohne alle befördernde Wirkung oder sie hat die
des Zufrühtreibens. Auch das muß aufgeklärt werden.
Die Sache läßt sich übrigens nicht beurteilen, bis sie probiert ist und
Resultate da sind, und deswegen sage mir, wo ich das Weitere über diesen
Gegenstand finden kann.
Ich danke dem Schöpfer in der Höhe, daß die Zentralesel sich
wiedergefunden haben, und selbst ihren Kosmos gönne ich ihnen. Wir
werden doch bald wieder ein Organ haben, soweit wir’s brauchen, und wo
wir alle Angriffe zurückweisen können, ohne daß es scheint, als ginge
dies von uns aus. Das ist ein Vorzug der beabsichtigten Kölner
Monatsschrift vor unserer Revue.
Daß die Schimpfereien in Deutschland nicht weniger Fortgang finden als
in Amerika und London, ist nicht anders zu erwarten. Du hast jetzt die
stolze Position, von zwei Welten zugleich attackiert zu werden, was dem
Napoleon nie passiert ist. Übrigens sind unsere Freunde in Deutschland
Esel. Daß sie von bloßen Schimpfereien keine Notiz nehmen, als alle
Vierteljahr zwei Worte über den Stand dieses sauberen Trade zu geben,
ist ganz in Ordnung. Aber wenn es zu Verleumdungen kommt, wenn sich der
demokratische Philister nicht mehr mit der einfachen Überzeugung
begnügt, daß man das schwärzeste Ungeheuer ist, sondern wenn er anfängt,
mit erlogenen und entstellten Tatsachen um sich zu werfen, dann wäre es
wahrhaftig nicht zu viel, wenn einem die Herren das Dokument
einschickten, damit man seine Maßregeln treffen kann. Aber der Deutsche
glaubt genug getan zu haben, wenn er dergleichen Unsinn simplement
_nicht glaubt_. Laß den Pieper deswegen an M[iquel] schreiben. Es ist
nicht einmal nötig, daß man gleich antwortet, sondern wenn man des Zeugs
ein paar Dutzend Stück hat, kann man einmal tüchtig losfahren und die
Wanzen _d’un seul coup de pied_[1] ekrasieren. Was das angeht, daß sie
uns den Aufenthalt in Deutschland unmöglich machen wollen –
_laissons-leur ce plaisir_![2] Sie können die Neue Rheinische Zeitung,
das Manifest und _tutte quante_ nicht aus der Geschichte
herausstreichen, und all ihr Heulen hilft ihnen nichts. Die einzigen
Leute, die uns in Deutschland gefährlich werden könnten, wären
Meuchelmörder, und seit der Gottschalk tot ist, hat keiner in
Deutschland die Courage, uns dergleichen Leute auf den Hals zu schicken.
_Et puis_,[3] haben wir uns nicht auch 1848 in Köln unsere Stellung erst
erwerben müssen, und _lieben_ wird uns der demokratische rote oder
selbst kommunistische Mob doch nie.
Ich freue mich, daß Du Ruhe hast bis jetzt vor den Ausstellungsleuten.
Ich kriege sie schon auf den Hals. Gestern waren zwei Kaufleute aus
Lecco hier, der eine ein alter Bekannter von 1841. Die Österreicher
wirtschaften schön in der Lombardei. Nach all den Kontributionen,
wiederholten Zwangsanleihen, dreimal im Jahre immer wieder
eingeforderten Steuern, kommt endlich Regelmäßigkeit hinein. Die
mittleren Kaufleute in Lecco müssen 10 000 bis 24 000 Zwanziger (350 bis
700 Pfund) jährlich zahlen – an direkten regelmäßigen Steuern, alles
_hard cash_.[4] Da mit dem nächsten Jahre die österreichischen Banknoten
dort auch eingeführt werden sollen, will die Regierung vorher alles
Metallgeld herausziehen. Dabei wird der hohe Adel – _i gran ricchi_[5] –
und die Bauern verhältnismäßig _sehr geschont_ – _il medio liberale_,[6]
die liberale Mittelklasse der Städte muß alles zahlen. Du siehst die
Politik der Kerls. Daß bei diesem Drucke – in Lecco haben sie eine
Erklärung unterzeichnet und an die Regierung geschickt, daß sie nicht
mehr zahlen; daß man sie pfänden solle, daß sie aber, wenn dies System
nicht aufhöre, alle auswandern würden, und mehrere sind bereits
gepfändet –, daß dabei die Kerls auf Mazzini warten und erklären, es
_müsse_ losgehen, weil sie es nicht länger aushalten könnten, _perché
rovinati siamo e rovinati saremo in ogni caso_[7] – das begreift sich.
Dies erklärt manches in der Wut der Italiener, loszuschlagen. Diese
Kerls hier sind alle Republikaner, und zwar lauter angesehene Bourgeois
– der eine ist der erste Kaufmann in Lecco und zahlt selbst 2000
Zwanziger monatlich Steuern. Er wollte platterdings wissen, wann es
losgehe, sie hatten es unter sich in Lecco – dem einzigen Orte, wo ich
populär bin – ausgemacht, daß ich das aufs Haar wissen müßte.
Morgen den Wellington, an dem mich diese Kerls gehindert haben.
Dein F. E.
Dieser Brief ist mit Siegellack und unserem Firmasiegel _E. & E._
gesiegelt. Du wirst also sehen, ob er erbrochen.
----------
[1] Mit einem einzigen Fußtritt.
[2] Lassen wir ihnen das Vergnügen.
[3] Und dann.
[4] Bares (Hart-)Geld.
[5] Die sehr Reichen.
[6] Die liberale Mittelschicht.
[7] Weil wir auf jeden Fall ruiniert sind und sein werden.
84
London, 16. Mai 1851.
Lieber Engels!
Deinen Brief, der vorgestern ankam, erhielt ich zu spät, um ihn noch zu
beantworten. Ich war nämlich schon auf dem Museum, ehe der _postman_
erschien, und kehrte erst um 7 Uhr abends nach Hause zurück. Gestern
aber konnte ich Dir mit dem besten Willen nicht schreiben, da ich solche
Unterleibsschwierigkeiten hatte, daß mir fast der Kopf sprang, wie dem
Freiligrathschen Neger die Trommel.
Die vorige Konfusion kommt einfach daher, daß ich einem der beiden
Bummler sofort auf Deinen ersten Brief ein Schreiben an Dich zur
Besorgung an Dich auf die Post gab. Er hatte es verbummelt, und die paar
Zeilen befanden sich noch gestern in seinem Portefeuille.
Was die _electricity_ angeht, so findet sich die Notiz darüber in dem
Economist von 1845. Er enthält übrigens nichts, als was ich Dir
mitgeteilt, mit der Erzählung, daß der Versuch mit dem größten Erfolg in
Schottland gemacht. Er nennt sogar den Farmer.
Freiligrath kommt in diesen Tagen her.
Nun zu den Postgeschichten. Ich glaube, die Post ist unschuldig.
Wenigstens bin ich allein für die schlechte Form der Siegel
verantwortlich. Das einzige, was mir ganz _alienum est_,[1] ist das:
Manchester.
Hast Du gesehen in der Kölnischen Zeitung, wie Kinkel durch seine Frau
jede Teilnahme an dem Manifest des starken „Provisorium“ ableugnet? Und
wie er „eine schwere Krankheit“ sich an den Hals lügt, um das Interesse
des deutschen Philisters zu steigern?
Durch die Intervention meines würdigen Schwager-Ministers ist wieder der
Druck meiner Sachen, wie der Revue, ins Stocken geraten. Es scheint, daß
Becker auf Schwierigkeiten in Verviers gestoßen ist.
In Frankreich scheint _Cavaignac_ reißend um sich zu greifen. Seine Wahl
wäre die rationelle Lösung, würde aber die Revolution um Jahre
aufschieben. Der Kongreß von Nikolaus, Friedrich Wilhelm und Habsburg
hat ungefähr dieselbe Bedeutung wie der von General Haugh, Ruge und
Ronge. Die Einkommensteuer war übrigens für den Augenblick das Klügste,
was die Preußen tun konnten. –
Was sagst Du von der portugiesischen Revolution?
Herr A. Goegg ist hier, wurde von Willich und Komp. sofort abgefangen
und hielt Vorlesungen in der Windmill. Glückauf!
_Maintenant, mon cher_, lebe wohl. Von jetzt an wird die Korrespondenz
wieder ordentlich ins Gleis kommen.
Dein K. M.
----------
[1] Fremdartig ist.
85
Manchester, Montag, 19. Mai 1851.
Lieber Marx!
Ich bin froh, daß mit den Briefen nichts vorgefallen ist, es ist immer
besser so. Der hiesige Postmeister hat mir ebenfalls eine hinreichende
Erklärung für den zu spät gekommenen Brief gegeben. Schreibe in Zukunft
auf der Adresse die Straße und Nummer _über_ der Stadt, so daß
Manchester ganz unten steht, die Postschreiber sind daran gewöhnt und
haben, weil die Straße unten stand, in dem einen Brief das „Manchester“
übersehen und ihn als Londoner Stadtbrief nach London zurückgeschickt.
Das Neueste ist, daß Du vollständig enfonciert [vernichtet] bist. Du
glaubst, die richtige Theorie der Grundrente entdeckt zu haben. Du
glaubst, der erste zu sein, der die Ricardosche Theorie umwirft.
_Malheureux que tu es_,[1] Du bist überflügelt, vernichtet, geschlagen,
assommiert. Die ganze Grundlage Deines _monumentum aere perennius_[2]
ist zusammengebrochen. Höre: Herr Rodbertus hat soeben den dritten Band
seiner „Sozialen Briefe an v. Kirchmann“ veröffentlicht – 18 Bogen.
Dieser Band enthält eine „vollständige Widerlegung der Ricardoschen
Lehre von der Grundrente und die Darlegung einer neuen Rententheorie“.
Leipziger Illustrierte Zeitung von voriger Woche. Jetzt hast Du Dein
Fett.
Die Bemühungen des großen Kinkel, aus der unrespektablen Gesellschaft,
genannt europäisches Komitee, herauszukommen, ohne Gestank zu
hinterlassen, sind sehr heiter. Du wirst im Samstags-Ind [unlesbar]
gesehen haben, daß einige Heuldemokraten bei Elberfeld eine Versammlung
und kleine _riots_[3] zustande gebracht haben und dabei
diese Proklamation verteilt. Das ist zustande gebracht durch
deutschkatholische Verbindungen von Ronge. Weder Kinkel noch sonst
jemand vom Chor hätte dort etwas ausgerichtet.
Die Geschichte mit Cavaignac ist in jeder Beziehung fatal; wenn
_Girardin_ von ihm sagt, daß er die meiste Chance hat, so muß es wahr
sein. Außerdem sehen die Kerle immer mehr ein, daß die Revision
unmöglich ist – auf legale Weise. Und die illegale ist ein
Staatsstreich, und wer zuerst Staatsstreiche anfängt, der wird
ekrasiert, sagt das Débats. Napoleon fängt an, _horriblement_[4]
verschlossen zu werden. Changarnier ist vernichtet, vollständig
pensioniert, die Fusion führt zu nichts unmittelbar Praktischem, so
hübsch sie ist, _il n’y a que Cavaignac_.[5] Ob der Kerl die Revolution
aufschöbe, wäre am Ende so gefährlich nicht; einige Jahre resoluter
industrieller Entwicklung, die Überdauerung einer Krise und einer neuen
Prosperitätsperiode könnte durchaus nicht schaden, besonders wenn sie
von bürgerlichen Reformen in Frankreich usw. begleitet wäre. Aber
Cavaignac und die bürgerliche Reform, das ist in Frankreich die
Zollreform und die englische Allianz, und bei erster Gelegenheit der
Krieg gegen die heilige Allianz, mit Englands Hilfe, mit gehöriger Zeit
zu Rüstungen, mit einer lang vorbereiteten Invasion gegen Deutschland,
und das könnte uns die Rheingrenze kosten, die ohnehin das beste Mittel
ist, den Crapaudsozialismus mit einer Abschlagszahlung von Gloire zur
Ruhe zu bringen.
Das Débats ist übrigens so herunter, daß es nur noch in der
Aufrechterhaltung des neuen Wahlgesetzes die Rettung der Gesellschaft
sieht.
Das Frankfurter Journal läßt sich aus Köln schreiben, den Flüchtlingen
in London gehe es jetzt leidlich, mit Ausnahme derer in der Kaserne,
unter denen auch Willich sei. Die Augsburger Allgemeine Zeitung glaubt
wirklich, die Fremdenbill sei noch in Kraft, und sieht die Flüchtlinge –
diese ewigen Juden des neunzehnten Jahrhunderts – mit der blassen Furcht
vor dieser Bill in London zitternd herumschleichen.
Von der portugiesischen Revolution sage ich gar nichts. Bemerkenswert
ist bloß, daß Saldanha als rein _persönlicher_ Insurgent, als _ôte-toi
de là, Costa Cabral, que je m’y mette_,[6] absolut nichts ausrichtete,
daß aber von dem Moment, wo er gezwungen war, sich an die liberalen
Bürger von Oporto anzuschließen und in der Person des José Passos einen
allmächtigen Repräsentanten dieser bürgerlichen Gewalt bei sich
aufzunehmen, daß da die ganze Armee ihm zufiel. Die Stellung, die Passos
erhält, und die nächste Entwicklung wird zeigen, ob Saldanha und die
Königin die Bürger nicht gleich wieder zu prellen suchen. Lissabon ist
nichts, Oporto ist das Zentrum der konstitutionellen Bürger, der
Manchesterschule von Portugal.
Sei froh, daß Herr Goegg nicht zu Dir gekommen ist. _Le diable emporte
toutes ces médiocrités gonflées._[7]
Dein F. E.
----------
[1] Unglücklicher, der Du bist.
[2] Denkmal dauernder als Erz.
[3] Aufruhrszenen.
[4] Schauerlich.
[5] Es ist nur Cavaignac da.
[6] Steh’ auf da, Costa Cabral, damit ich mich dorthin setze.
[7] Der Teufel hole alle diese aufgeblasenen Mittelmäßigkeiten.
86
London, 21. Mai 1851.
Lieber Engels!
Freiligrath ist hier und läßt Dich grüßen. Er ist hier, um sich nach
einer Stelle umzusehen. Wenn er keine findet, will er nach Amerika.
Er hat ganz gute Nachrichten aus Deutschland mitgebracht. Die Kölner
sind sehr tätig. Ihre Agenten reisen seit September. Sie haben in Berlin
zwei ganz gute Repräsentanten, und da die Demokraten beständig in Köln
sich Rats erholen kommen, so paralysieren sie die anderen Herren
beständig. So waren die Braunschweiger drauf und dran, dem
Schimmelpfennig 2000 Taler für das Londoner Komitee (Soziales) zu geben.
Vorher aber schickte sie Dr. Lucius nach Köln, und so fiel die Sache ins
Wasser.
Kinkel ist sehr diskreditiert in der Rheinprovinz, speziell in Bonn. Das
dortige Komitee hatte der Johanna 200 Pfund geschickt. Aber schon nach
zwei Wochen verlangte sie Fortsetzung. Das mißfiel sehr den
Spießbürgern.
Die Kölner werden in einigen Wochen einen kommunistischen Kongreß
abhalten.
Sigel, der Obergeneral, ist hier und in die Windmillstreet eingetreten.
Auch eine Nummer des Kosmos ist erschienen von General Haugh. Enthält
Reklamen für Willich, Kinkel und Göhringer. Die verschiedenen Banden
fallen immer mehr zusammen. Ich habe eine aufgedunsenere und
selbstgefälligere Abgeschmacktheit weder gesehen noch gehört.
Das Ganze ist belletristisch-quartaner-idiotisch geschrieben und mit
einer selbstgefälligen Dummheit, die ihresgleichen in den Annalen der
Weltgeschichte sucht. Dazu mit einem Mangel an allem Talent, der
unerhört ist. Doch ich muß suchen, Dir ein Exemplar von diesem Bettel
aufzutreiben.
Die Wanze Meyen läuft hier sehr geschäftig umher und teilt jedem, der es
hören will, das Geheimnis mit, daß Marx und Engels allen Anhang und
allen Einfluß in Deutschland verloren haben. Fürchterlicher Meyen!
Um Dir übrigens ein Beispiel von der schamlosen Zudringlichkeit dieser
Patrone, von ihrem schäbigen Bettlertum zu geben:
Vorigen Sonntag war ich in Johnstreet, wo der alte Owen an seinem 80.
Geburtstag eine Vorlesung hielt. Trotz seiner fixen Ideen war der Alte
ironisch und liebenswürdig. Einer der Trabanten des Kosmos, nachdem der
alte Herr geendet hatte, drängt sich an ihn heran und drückt ihm den
Kosmos in die Hand mit der Erklärung, das Blatt enthalte seine
Prinzipien. Und der Alte empfiehlt es wirklich dem Publikum. _C’est par
trop drôle!_[1]
Ich konnte den Abend übrigens nicht vermeiden, wieder mit Harney zu
sprechen, der halb angerissen und sehr zuschauerlich auf mich zukam und
sich nach Dir erkundigte.
Willichs Bettelgeschäfte gehen ganz gut. Er hat, als die
schleswig-holsteinischen Flüchtlinge herkamen, über 200 Pfund von den
_citymerchants_[2] „für diese“ erbettelt.
Girardin sagt zwar, Cavaignac sei jetzt der einzig ernsthafte Kandidat
der _parti de l’ordre_,[3] der Bourgeoismasse. Er selbst aber greift ihn
und Changarnier wütend an, und seine Polemik erinnert wieder an die
besten Zeiten seines Kampfes gegen den National. Dieser Kerl macht
größere Agitation in Frankreich, als die ganze Bande der Montagnards und
Roten zusammengenommen. Bonaparte scheint _hors de question_.[4] Indes,
wenn die royalistische Majorität der Nationalversammlung die
Konstitution wieder verletzt und mit einfacher Majorität die Revision
der Verfassung beschließt, wird sie doch am Ende gezwungen sein – da sie
dann allen legalen Halt verliert –, mit Bonaparte als dem Inhaber der
exekutiven Gewalt einen Kompromiß abzuschließen. Es könnte in diesem
Falle vielleicht zu ernstlichen Kollisionen kommen, da Cavaignac
schwerlich die Gelegenheit sich noch einmal vor dem Maule wegfischen
lassen wird.
Bald wird die ganze Neue Rheinische Zeitung hier sein. Ich wundere mich
über das Ausbleiben von Lupus. Wenn ihm nur kein Pech arriviert ist.
Ich sitze jetzt immer von morgens 10 bis abends 7 auf der Bibliothek und
verspare die Industrieausstellung bis auf Deine Ankunft.
Hast Du die falsche und echte Epistel Mazzinis im Débats gelesen?
Dein K. M.
Musch [Marx’ Sohn Edgar] grüßt den „Friedrich Engels“.
Apropos. Willich und Schimmelpfennig haben an „ihre Brüder in der
preußischen Armee“ den unvermeidlichen Aufruf erlassen.
----------
[1] Das ist schon zu komisch.
[2] Kaufleute der [Londoner] City.
[3] Ordnungspartei.
[4] Außer Frage.
87
Manchester, 23. Mai 1851.
Lieber Marx!
Ich habe mit Vergnügen aus den Blättern ersehen, daß die Neue
Rheinische Zeitung in Deiner Person auch auf dem Soyerschen
Allerweltspreß-Symposium vertreten war. Mögen Dir die _homards à la
Washington_[1] und der _champagne frappé_[2] geschmeckt haben. Wie aber
Mr. Soyer Deine Adresse aufgefunden hat, ist mir ein Geheimnis.
Weißt Du, was aus dem versoffenen Laroche aus der Great Windmillstreet
geworden ist? Derselbe ist, wie deutsche Blätter melden, abgefangen und
in Berlin zum Tode verurteilt worden. Es stellt sich heraus, daß dieser
angebliche ehemalige preußische Husarenleutnant niemand anders ist als
der Schuhmacher August Friedrich Gottlieb Lehmann aus Treibel bei Sohrau
in der oberschlesischen Wasserpolackei, Wehrmann ersten Aufgebots, durch
Urteil vom 23. März 1842 wegen Desertation in Friedenszeit, Fälschung
und unerlaubten Schuldenmachens zu den militärischen Ehrenstrafen und
sechzehnmonatiger Einstellung in eine Strafsektion verurteilt. Ein neuer
Beitrag zur Aufklärung über unsere Revolutionshelden.
Daß die großen Krieger, Willich, Schimmelpfennig und Sigel, sich mehr
und mehr zusammenfinden, ist ganz gut. Dies Soldatenpack hat einen
unbegreiflich schmutzigen _Esprit de corps_.[3] Sie hassen sich
untereinander _à mort_,[4] beneiden sich gegenseitig wie Schuljungen die
kleinste Auszeichnung, aber gegen Leute vom „Zivil“ sind sie alle einig.
Akkurat, nur in zwerghaft karikiertem Maßstab, wie in den ersten
französischen Armeen von 1792/93. Die Windmillstreet-Gesellschaft sehen
sie alle für ein Bataillon an, das fix und fertig und geschlossen
herübermarschieren wird; es ist das einzig übrige, seit die in der
Schweiz gesprengt und fortexpediert sind. Kein Wunder, daß sie sich alle
an dieses edle Korps anhängen. Es ist sehr gut, daß man schon jetzt auf
diesen Offizierkorpsgeist aus der alten Kaserne und von der
Offizierstafel her aufmerksam gemacht wird, und daß man schon jetzt
sieht, wie diese Cliquenwirtschaft unter dem emigrierten
Offiziersmaterial ebensosehr herrscht wie im herrlichen Kriegsheer. Wir
wollen diesen Herren seinerzeit schon zeigen, was „das Zivil“ zu
bedeuten hat. Aber dergleichen Geschichten zeigen mir, daß ich gar
nichts Besseres tun kann, als meine militärischen Studien fortzusetzen,
damit wenigstens Einer vom „Zivil“ ihnen theoretisch die Stange halten
kann. Jedenfalls will ich’s dahin bringen, daß solche Tröpfe mich nicht
niederschwatzen sollen. Daß sie übrigens um 2000 Taler geprellt worden
sind, ist sehr erfreulich. Die Nachrichten aus Köln sind sehr angenehm,
die Leute dort mögen sich nur in acht nehmen.
Daß Girardin den Cavaignac nicht unterstützt, ging schon aus den
englischen Blättern hervor. Aber daß er das Faktum konstatiert, daß
Cavaignacs Chancen so flott stehen, reicht hin, um die Situation zu
charakterisieren. Wenn die Chance sich realisieren sollte, von der Du
sprichst, daß die Majorität und Bonaparte einen Vertrag schlössen und
die illegale Revision durchzuführen suchten, so geht’s schief, glaube
ich. Das setzen sie nie durch, solange Thiers, Changarnier und das
Débats nebst ihren respektiven Schwänzen dagegen sind. Die Chance für
Cavaignac wäre zu schön; und in diesem Falle, glaube ich, könnte er auf
die Armee rechnen.
Gibt es Krawall im nächsten Jahre, so ist Deutschland in einer
verfluchten Lage. Frankreich, Italien und Polen sind bei seiner
Zerstücklung interessiert. Mazzini hat sogar, wie Du gesehen hast, den
Tschechen Rehabilitierung versprochen. Außer Ungarn hätte Deutschland
nur einen möglichen Bundesgenossen, Rußland – vorausgesetzt, daß dort
eine Bauernrevolution durchgeführt worden ist. Sonst kriegen wir eine
_guerre à mort_[5] mit unseren edlen Freunden nach allen vier Winden
hin, und es ist sehr fraglich, wie diese Geschichte enden wird.
Je mehr ich über die Geschichte nachdenke, je klarer wird es mir, daß
die Polen eine _nation fondue_[6] sind, die nur so lange als Mittel zu
brauchen sind, bis Rußland selbst in die agrarische Revolution
hineingerissen ist. Von dem Moment an hat Polen absolut keine _raison
d’être_[7] mehr. Die Polen haben nie etwas anderes in der Geschichte
getan, als tapfere krakeelsüchtige Dummheit gespielt. Auch nicht ein
einziger Moment ist anzugeben, wo Polen, selbst nur gegen Rußland, den
Fortschritt mit Erfolg repräsentierte oder irgend etwas von historischer
Bedeutung tat. Rußland dagegen ist wirklich progressiv gegen den Osten.
Die russische Herrschaft mit all ihrer Gemeinheit, all ihrem slawischen
Schmutz ist zivilisierend für das Schwarze und Kaspische Meer und
Zentralasien, für Baschkiren und Tataren, und Rußland hat viel mehr
Bildungselemente und besonders industrielle Elemente aufgenommen, als
das seiner ganzen Natur nach chevaleresk-bärenhäuternde Polen. Schon daß
der russische Adel fabriziert, schachert, prellt, sich korrumpieren läßt
und alle möglichen christlichen und jüdischen Geschäfte macht, vom
Kaiser und Fürst Demidoff bis herab zum lausigsten Bojaren vierzehnter
Klasse, der nur _blagarodno_ (wohlgeboren) ist, schon das ist ein
Vorzug. Polen hat nie fremde Elemente nationalisieren können. Die
Deutschen der Städte sind und bleiben Deutsche. Wie Rußland Deutsche und
Juden zu russifizieren versteht, davon ist jeder Deutschrusse aus
zweiter Generation ein sprechendes Exempel. Selbst die Juden bekommen
dort slawische Backenknochen.
Von der „Unsterblichkeit“ Polens liefern Napoleons Kriege 1807 und 1812
schlagende Exempel. Unsterblich war bei den Polen bloß ihre Krakeelerei
ohne allen Gegenstand. Dazu kommt, daß der größte Teil von Polen, das
sogenannte Westrußland, das heißt Bjelostock, Grodno, Wilna, Smolensk,
Minsk, Mohilew, Volhynien und Podolien, sich mit geringen Ausnahmen seit
1772 ruhig hat von den Russen beherrschen lassen, _ils n’ont pas
bougé_,[8] mit Ausnahme von ein paar Bürgern und Edelleuten hier und da.
Ein Viertel von Polen spricht Litauisch, ein Viertel Ruthenisch, ein
kleiner Teil Halbrussisch und der eigentliche polnische Teil ist zu voll
einem Drittel germanisiert.
Glücklicherweise haben wir in der Neuen Rheinischen Zeitung keine
positiven Verpflichtungen gegen die Polen übernommen, als die
unvermeidliche der Wiederherstellung mit suitabler Grenze – und auch die
noch unter der Bedingung der agrarischen Revolution. Ich bin sicher, daß
diese Revolution in Rußland eher vollständig zustande kommt als in
Polen, wegen des Nationalcharakters und wegen der entwickelteren
Bourgeoiselemente in Rußland. Was ist Warschau und Krakau gegen
Petersburg, Moskau, Odessa usw. usw.!
Resultat: Den Polen im Westen abnehmen, was man kann, ihre Festungen
unter dem Vorwand des Schutzes mit Deutschen okkupieren, besonders
Posen, sie wirtschaften lassen, sie ins Feuer schicken, ihr Land
ausfressen, sie mit der Aussicht auf Riga und Odessa abspeisen, und im
Falle die Russen in Bewegung zu bringen sind, sich mit diesen alliieren
und die Polen zwingen, nachzugeben. Jeder Zoll, den wir an der Grenze
von Memel bis Krakau den Polen nachgeben, ruiniert diese ohnehin schon
miserabel schwache Grenze militärisch vollständig und legt die ganze
Ostseeküste bis nach Stettin bloß.
Ich bin übrigens überzeugt, daß bei dem nächsten Krawall die ganze
polnische Insurrektion sich auf Posener und galizische Adlige nebst
einigen Zuläufern aus dem Königreich beschränken wird, und daß die
Prätensionen dieser Ritter, wenn sie nicht von Franzosen, Italienern,
Skandinaviern usw. usw. unterstützt und durch tschechoslawische Krawalle
verstärkt werden, an der Erbärmlichkeit ihrer Leistungen scheitern
werden. Eine Nation, die 20 000 bis 30 000 Mann höchstens stellt, hat
nicht mitzusprechen. Und viel mehr stellt Polen gewiß nicht.
Grüße Freiligrath, wenn Du ihn siehst, und Deine Familie, den Bürger
Musch nicht zu vergessen. Ich komme zirka acht Tage später nach London,
als ich dachte; die Geschichte hängt von vielen kleinen Lumpereien ab.
Dein F. E.
----------
[1] Hummern _à la_ Washington.
[2] Champagner in Eis.
[3] Korpsgeist.
[4] Auf den Tod.
[5] Krieg auf Tod und Leben.
[6] Aufgelöste Nation.
[7] Existenzberechtigung.
[8] Sie haben nicht gemuckt.
88