Und auch, die lieben, sammeln für dich ein:

Sie sind die Dichter einer kurzen Stunde,

sie küssen einem ausdruckslosen Munde

ein Lächeln auf, als formten sie ihn schöner,

und bringen Lust und sind die Angewöhner

zu Schmerzen, welche erst erwachsen machen.

Sie bringen Leiden mit in ihrem Lachen,

Sehnsüchte, welche schlafen, und erwachen,

um aufzuweinen in der fremden Brust.

Sie häufen Rätselhaftes an und sterben,

wie Tiere sterben, ohne zu begreifen, --

aber sie werden vielleicht Enkel haben,

in denen ihre grünen Leben reifen;

durch diese wirst du jene Liebe erben,

die sie sich blind und wie im Schlafe gaben.

So fließt der Dinge Überfluß dir zu.

Und wie die obern Becken von Fontänen

beständig überströmen, wie von Strähnen

gelösten Haares, in die tiefste Schale, --

so fällt die Fülle dir in deine Tale,

wenn Dinge und Gedanken übergehn.

Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen,

der in das Leben aus der Zelle sieht

und der, den Menschen ferner als den Dingen,

nicht wagt zu wägen, was geschieht.

Doch willst du mich vor deinem Angesicht,

aus dem sich dunkel deine Augen heben,

dann halte es für meine Hoffart nicht,

wenn ich dir sage: Keiner lebt sein Leben.

Zufälle sind die Menschen, Stimmen, Stücke,

Alltage, Ängste, viele kleine Glücke,

verkleidet schon als Kinder, eingemummt,

als Masken mündig, als Gesicht verstummt.

Ich denke oft: Schatzhäuser müssen sein,

wo alle diese vielen Leben liegen

wie Panzer oder Sänften oder Wiegen,

in welche nie ein Wirklicher gestiegen,

und wie Gewänder, welche ganz allein

nicht stehen können und sich sinkend schmiegen

an starke Wände aus gewölbtem Stein.

Und wenn ich abends immer weiterginge

aus meinem Garten, drin ich müde bin, --

ich weiß: Dann führen alle Wege hin

zum Arsenal der ungelebten Dinge.

Dort ist kein Baum, als legte sich das Land,

und wie um ein Gefängnis hängt die Wand

ganz fensterlos in siebenfachem Ringe.

Und ihre Tore mit den Eisenspangen,

die denen wehren, welche hinverlangen,

und ihre Gitter sind von Menschenhand.

Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt

wie aus dem Kerker, der ihn haßt und hält, --

es ist ein großes Wunder in der Welt:

ich fühle: _alles Leben wird gelebt._

Wer lebt es denn? Sind das die Dinge, die

wie eine ungespielte Melodie

im Abend wie in einer Harfe stehn?

Sind das die Winde, die von Wassern wehn,

sind das die Zweige, die sich Zeichen geben,

sind das die Blumen, die die Düfte weben,

sind das die langen alternden Alleen?

Sind das die warmen Tiere, welche gehn,

sind das die Vögel, die sich fremd erheben?

Wer lebt es denn? Lebst du es, Gott, -- das Leben?

Du bist der Alte, dem die Haare

von Ruß versengt sind und verbrannt,

du bist der große Unscheinbare

mit deinem Hammer in der Hand.

Du bist der Schmied, das Lied der Jahre,

der immer an dem Amboß stand.

Du bist, der niemals Sonntag hat,

der in die Arbeit Eingekehrte,

der sterben könnte überm Schwerte,

das noch nicht glänzend wird und glatt.

Wenn bei uns Mühle steht und Säge

und alle trunken sind und träge,

dann hört man deine Hammerschläge

an allen Glocken in der Stadt.

Du bist der Mündige, der Meister,

und keiner hat dich lernen sehn;

ein Unbekannter, Hergereister,

von dem bald flüsternder, bald dreister

die Reden und Gerüchte gehn.

Gerüchte gehn, die dich vermuten,

und Zweifel gehn, die dich verwischen.

Die Trägen und die Träumerischen

mißtrauen ihren eignen Gluten

und wollen, daß die Berge bluten,

denn eher glauben sie dich nicht.

Du aber senkst dein Angesicht.

Du könntest den Bergen die Adern aufschneiden

als Zeichen eines großen Gerichts;

aber dir liegt nichts

an den Heiden.

Du willst nicht streiten mit allen Listen

und nicht suchen die Liebe des Lichts;

denn dir liegt nichts

an den Christen.

Dir liegt an den Fragenden nichts.

Sanften Gesichts

siehst du den Tragenden zu.

Alle, welche dich suchen, versuchen dich.

Und die, so dich finden, binden dich

an Bild und Gebärde.

Ich aber will dich begreifen,

wie dich die Erde begreift;

mit meinem Reifen

reift

dein Reich.

Ich will von dir keine Eitelkeit,

die dich beweist.

Ich weiß, daß die Zeit

anders heißt

als du.

Tu mir kein Wunder zulieb.

Gib deinen Gesetzen recht,

die von Geschlecht zu Geschlecht

sichtbarer sind.

Wenn etwas mir vom Fenster fällt

(und wenn es auch das Kleinste wäre)

wie stürzt sich das Gesetz der Schwere

gewaltig wie ein Wind vom Meere

auf jeden Ball und jede Beere

und trägt sie in den Kern der Welt.

Ein jedes Ding ist überwacht

von einer flugbereiten Güte

wie jeder Stein und jede Blüte

und jedes kleine Kind bei Nacht.

Nur wir, in unsrer Hoffart, drängen

aus einigen Zusammenhängen

in einer Freiheit leeren Raum,

statt, klugen Kräften hingegeben,

uns aufzuheben wie ein Baum.

Statt in die weitesten Geleise

sich still und willig einzureihn,

verknüpft man sich auf manche Weise, --

und wer sich ausschließt jedem Kreise,

ist jetzt so namenlos allein.

Da muß er lernen von den Dingen,

anfangen wieder wie ein Kind,

weil sie, die Gott am Herzen hingen,

nicht von ihm fortgegangen sind.

Eins muß er wieder können: fallen,

geduldig in der Schwere ruhn,

der sich vermaß, den Vögeln allen

im Fliegen es zuvorzutun.

(Denn auch die Engel fliegen nicht mehr.

Schweren Vögeln gleichen die Seraphim,

welche um ihn sitzen und sinnen;

Trümmern von Vögeln, Pinguinen

gleichen sie, wie sie verkümmern ...)

Du meinst die Demut. Angesichter

gesenkt in stillem Dichverstehn.

So gehen abends junge Dichter

in den entlegenen Alleen.

So stehn die Bauern um die Leiche,

wenn sich ein Kind im Tod verlor, --

und was geschieht, ist doch das gleiche:

es geht ein Übergroßes vor.

Wer dich zum erstenmal gewahrt,

den stört der Nachbar und die Uhr,

der geht, gebeugt zu deiner Spur,

und wie beladen und bejahrt.

Erst später naht er der Natur

und fühlt die Winde und die Fernen,

hört dich, geflüstert von der Flur,

sieht dich, gesungen von den Sternen,

und kann dich nirgends mehr verlernen,

und alles ist dein Mantel nur.

Ihm bist du neu und nah und gut

und wunderschön wie eine Reise,

die er in stillen Schiffen leise

auf einem großen Flusse tut.

Das Land ist weit, in Winden, eben,

sehr großen Himmeln preisgegeben

und alten Wäldern untertan.

Die kleinen Dörfer, die sich nahn,

vergehen wieder wie Geläute

und wie ein Gestern und ein Heute

und so wie alles, was wir sahn.

Aber an dieses Stromes Lauf

stehn immer wieder Städte auf

und kommen wie auf Flügelschlägen

der feierlichen Fahrt entgegen.

Und manchmal lenkt das Schiff zu Stellen,

die einsam, sonder Dorf und Stadt,

auf etwas warten an den Wellen, --

auf den, der keine Heimat hat ...

Für solche stehn dort kleine Wagen

(ein jeder mit drei Pferden vor),

die atemlos nach Abend jagen

auf einem Weg, der sich verlor.

In diesem Dorfe steht das letzte Haus

so einsam wie das letzte Haus der Welt.

Die Straße, die das kleine Dorf nicht hält,

geht langsam weiter in die Nacht hinaus.

Das kleine Dorf ist nur ein Übergang

zwischen zwei Weiten, ahnungsvoll und bang,

ein Weg an Häusern hin statt eines Stegs.

Und die das Dorf verlassen, wandern lang,

und viele sterben vielleicht unterwegs.

Manchmal steht einer auf beim Abendbrot

und geht hinaus und geht und geht und geht, --

weil eine Kirche wo im Osten steht.

Und seine Kinder segnen ihn wie tot.

Und einer, welcher stirbt in seinem Haus,

bleibt drinnen wohnen, bleibt in Tisch und Glas,

so daß die Kinder in die Welt hinaus

zu jener Kirche ziehn, die er vergaß.

Nachtwächter ist der Wahnsinn,

_weil_ er wacht.

Bei jeder Stunde bleibt er lachend stehn,

und einen Namen sucht er für die Nacht

und nennt sie: sieben, achtundzwanzig, zehn ...

Und ein Triangel trägt er in der Hand,

und weil er zittert, schlägt es an den Rand

des Horns, das er nicht blasen kann, und singt

das Lied, das er zu allen Häusern bringt.

Die Kinder haben eine gute Nacht

und hören träumend, daß der Wahnsinn wacht.

Die Hunde aber reißen sich vom Ring

und gehen in den Häusern groß umher

und zittern, wenn er schon vorüberging,

und fürchten sich vor seiner Wiederkehr.

Weißt du von jenen Heiligen, mein Herr?

Sie fühlen auch verschloßne Klosterstuben

zu nahe an Gelächter und Geplärr,

so daß sie tief sich in die Erde gruben.

Ein jeder atmete mit seinem Licht

die kleine Luft in seiner Grube aus,

vergaß sein Alter und sein Angesicht

und lebte wie ein fensterloses Haus

und starb nicht mehr, als wär er lange tot.

Sie lasen selten; alles war verdorrt,

als wäre Frost in jedes Buch gekrochen,

und wie die Kutte hing von ihren Knochen,

so hing der Sinn herab von jedem Wort.

Sie redeten einander nicht mehr an,

wenn sie sich fühlten in den schwarzen Gängen,

sie ließen ihre langen Haare hängen,

und keiner wußte, ob sein Nachbarmann

nicht stehend starb.

In einem runden Raum,

wo Silberlampen sich von Balsam nährten,

versammelten sich manchmal die Gefährten

vor goldnen Türen wie vor goldnen Gärten

und schauten voller Mißtraun in den Traum

und rauschten leise mit den langen Bärten.

Ihr Leben war wie tausend Jahre groß,

seit es sich nicht mehr schied in Nacht und Helle;

sie waren, wie gewälzt von einer Welle,

zurückgekehrt in ihrer Mutter Schoß.

Sie saßen rundgekrümmt wie Embryos

mit großen Köpfen und mit kleinen Händen

und aßen nicht, als ob sie Nahrung fänden

aus jener Erde, die sie schwarz umschloß.

Jetzt zeigt man sie den tausend Pilgern, die

aus Stadt und Steppe zu dem Kloster wallen.

Seit dreimal hundert Jahren liegen sie,

und ihre Leiber können nicht zerfallen.

Das Dunkel häuft sich wie ein Licht, das rußt,

auf ihren langen lagernden Gestalten,

die unter Tüchern heimlich sich erhalten, --

und ihrer Hände ungelöstes Falten

liegt ihnen wie Gebirge auf der Brust.

Du großer alter Herzog des Erhabnen:

hast du vergessen, diesen Eingegrabnen

den Tod zu schicken, der sie ganz verbraucht,

weil sie sich tief in Erde eingetaucht?

Sind die, die sich Verstorbenen vergleichen,

am ähnlichsten der Unvergänglichkeit?

Ist das das große Leben deiner Leichen,

das überdauern soll den Tod der Zeit?

Sind sie dir noch zu deinen Plänen gut?

Erhältst du unvergängliche Gefäße,

die du, der allen Maßen Ungemäße,

einmal erfüllen willst mit deinem Blut?

Du bist die Zukunft, großes Morgenrot

über den Ebenen der Ewigkeit.

Du bist der Hahnschrei nach der Nacht der Zeit,

der Tau, die Morgenmette und die Maid,

der fremde Mann, die Mutter und der Tod.

Du bist die sich verwandelnde Gestalt,

die immer einsam aus dem Schicksal ragt,

die unbejubelt bleibt und unbeklagt

und unbeschrieben wie ein wilder Wald.

Du bist der Dinge tiefer Inbegriff,

der seines Wesens letztes Wort verschweigt

und sich den andern immer anders zeigt:

dem Schiff als Küste und dem Land als Schiff.

Du bist das Kloster zu den Wundenmalen.

Mit zweiunddreißig alten Kathedralen

und fünfzig Kirchen, welche aus Opalen

und Stücken Bernstein aufgemauert sind.

Auf jedem Ding im Klosterhofe

liegt deines Klanges eine Strophe,

und das gewaltige Tor beginnt.

In langen Häusern wohnen Nonnen,

Schwarzschwestern, siebenhundertzehn.

Manchmal kommt eine an den Bronnen,

und eine steht wie eingesponnen,

und eine, wie in Abendsonnen,

geht schlank in schweigsamen Alleen.

Aber die meisten sieht man nie;

sie bleiben in der Häuser Schweigen

wie in der kranken Brust der Geigen

die Melodie, die keiner kann ...

Und um die Kirchen rings im Kreise,

von schmachtendem Jasmin umstellt,

sind Gräberstätten, welche leise

wie Steine reden von der Welt.

Von jener Welt, die nicht mehr ist,

obwohl sie an das Kloster brandet,

in eitel Tag und Tand gewandet

und gleich bereit zu Lust und List.

Sie ist vergangen: denn du bist.

Sie fließt noch wie ein Spiel von Lichtern

über das teilnahmslose Jahr;

doch dir, dem Abend und den Dichtern

sind, unter rinnenden Gesichtern,

die dunkeln Dinge offenbar.

Die Könige der Welt sind alt

und werden keine Erben haben.

Die Söhne sterben schon als Knaben,

und ihre bleichen Töchter gaben

die kranken Kronen der Gewalt.

Der Pöbel bricht sie klein zu Geld,

der zeitgemäße Herr der Welt

dehnt sie im Feuer zu Maschinen,

die seinem Wollen grollend dienen;

aber das Glück ist nicht mit ihnen.

Das Erz hat Heimweh. Und verlassen

will es die Münzen und die Räder,

die es ein kleines Leben lehren.

Und aus Fabriken und aus Kassen

wird es zurück in das Geäder

der aufgetanen Berge kehren,

die sich verschließen hinter ihm.

Alles wird wieder groß sein und gewaltig.

Die Lande einfach und die Wasser faltig,

die Bäume riesig und sehr klein die Mauern;

und in den Tälern, stark und vielgestaltig,

ein Volk von Hirten und von Ackerbauern.

Und keine Kirchen, welche Gott umklammern

wie einen Flüchtling und ihn dann bejammern

wie ein gefangenes und wundes Tier, --

die Häuser gastlich allen Einlaßklopfern

und ein Gefühl von unbegrenztem Opfern

in allem Handeln und in dir und mir.

Kein Jenseitswarten und kein Schaun nach drüben,

nur Sehnsucht, auch den Tod nicht zu entweihn

und dienend sich am Irdischen zu üben,

um seinen Händen nicht mehr neu zu sein.

Auch du wirst groß sein. Größer noch, als einer,

der jetzt schon leben muß, dich sagen kann.

Viel ungewöhnlicher und ungemeiner

und noch viel älter als ein alter Mann.

Man wird dich fühlen: daß ein Duften ginge

aus eines Gartens naher Gegenwart;

und wie ein Kranker seine liebsten Dinge

wird man dich lieben ahnungsvoll und zart.

Es wird kein Beten geben, das die Leute

zusammenschart. Du bist nicht im Verein;

und wer dich fühlte und sich an dir freute,

wird wie der Einzige auf Erden sein:

ein Ausgestoßener und ein Vereinter,

gesammelt und vergeudet doch zugleich;

ein Lächelnder und doch ein Halbverweinter,

klein wie ein Haus und mächtig wie ein Reich.

Es wird nicht Ruhe in den Häusern, sei's,

daß einer stirbt und sie ihn weitertragen,

sei es, daß wer auf heimliches Geheiß

den Pilgerstock nimmt und den Pilgerkragen,

um in der Fremde nach dem Weg zu fragen,

auf welchem er dich warten weiß.

Die Straßen werden derer niemals leer,

die zu dir wollen wie zu jener Rose,

die alle tausend Jahre einmal blüht.

Viel dunkles Volk und beinah Namenlose,

und wenn sie dich erreichen, sind sie müd.

Aber ich habe ihren Zug gesehn;

und glaube seither, daß die Winde wehn

aus ihren Mänteln, welche sich bewegen,

und stille sind, wenn sie sich niederlegen --:

so groß war in den Ebenen ihr Gehn.

So möcht ich zu dir gehn: von fremden Schwellen

Almosen sammelnd, die mich ungern nähren.

Und wenn der Wege wirrend viele wären,

so würd ich mich den Ältesten gesellen.

Ich würde mich zu kleinen Greisen stellen,

und wenn sie gingen, schaut ich wie im Traum,

daß ihre Kniee aus der Bärte Wellen

wie Inseln tauchen, ohne Strauch und Baum.

Wir überholten Männer, welche blind

mit ihren Knaben wie mit Augen schauen,

und Trinkende am Fluß und müde Frauen

und viele Frauen, welche schwanger sind.

Und alle waren mir so seltsam nah, --

als ob die Männer einen Blutsverwandten,

die Frauen einen Freund in mir erkannten,

und auch die Hunde kamen, die ich sah.

Du Gott, ich möchte viele Pilger sein,

um so, ein langer Zug, zu dir zu gehn,

und um ein großes Stück von dir zu sein:

du Garten mit den lebenden Alleen.

Wenn ich so gehe, wie ich bin, allein, --

wer merkt es denn? Wer _sieht_ mich zu dir gehn?

Wen reißt es hin? Wen regt es auf, und wen

bekehrt es dir?

Als wäre nichts geschehn,

-- lachen sie weiter. Und da bin ich froh,

daß ich so gehe, wie ich bin; denn so

kann keiner von den Lachenden mich sehn.

Bei Tag bist du das Hörensagen,

das flüsternd um die vielen fließt;

die Stille nach dem Stundenschlagen,

welche sich langsam wieder schließt.

Je mehr der Tag mit immer schwächern

Gebärden sich nach Abend neigt,

je mehr bist du, mein Gott. Es steigt

dein Reich wie Rauch aus allen Dächern.

Ein Pilgermorgen. Von den harten Lagern,

auf das ein jeder wie vergiftet fiel,

erhebt sich bei dem ersten Glockenspiel

ein Volk von hagern Morgensegen-Sagern,

auf das die frühe Sonne niederbrennt:

Bärtige Männer, welche sich verneigen,

Kinder, die ernsthaft aus den Pelzen steigen,

und in den Mänteln, schwer von ihrem Schweigen,

die braunen Fraun von Tiflis und Taschkent.

Christen mit den Gebärden des Islam

sind um die Brunnen, halten ihre Hände

wie flache Schalen hin, wie Gegenstände,

in die die Flut wie eine Seele kam.

Sie neigen das Gesicht hinein und trinken,

reißen die Kleider auf mit ihrer Linken

und halten sich das Wasser an die Brust,

als wär's ein kühles weinendes Gesicht,

das von den Schmerzen auf der Erde spricht.

Und diese Schmerzen stehen ringsumher

mit welken Augen; und du weißt nicht, wer

sie sind und waren. Knechte oder Bauern,

vielleicht Kaufleute, welche Wohlstand sahn,

vielleicht auch laue Mönche, die nicht dauern,

und Diebe, die auf die Versuchung lauern,

offene Mädchen, die verkümmert kauern,

und Irrende in einem Wald von Wahn --:

alle wie Fürsten, die in tiefem Trauern

die Überflüsse von sich abgetan.

Wie Weise alle, welche viel erfahren,

Erwählte, welche in der Wüste waren,

wo Gott sie nährte durch ein fremdes Tier;

Einsame, die durch Ebenen gegangen

mit vielen Winden an den dunklen Wangen,

von einer Sehnsucht fürchtig und befangen

und doch so wundersam erhöht von ihr.

Gelöste aus dem Alltag, eingeschaltet

in große Orgeln und in Chorgesang,

und Knieende, wie Steigende gestaltet;

Fahnen mit Bildern, welche lang

verborgen waren und zusammgefaltet:

Jetzt hängen sie sich langsam wieder aus.

Und manche stehn und schaun nach einem Haus,

darin die Pilger, welche krank sind, wohnen;

denn eben wand sich dort ein Mönch heraus,

die Haare schlaff und die Soutane kraus,

das schattige Gesicht voll kranker Blaus

und ganz verdunkelt von Dämonen.

Er neigte sich, als bräch er sich entzwei,

und warf sich in zwei Stücken auf die Erde,

die jetzt an seinem Munde wie ein Schrei

zu hängen schien und so, als sei

sie seiner Arme wachsende Gebärde.

Und langsam ging sein Fall an ihm vorbei.

Er flog empor, als ob er Flügel spürte,

und sein erleichtertes Gefühl verführte

ihn zu dem Glauben seiner Vogelwerdung.

Er hing in seinen magern Armen schmal,

wie eine schiefgeschobne Marionette,

und glaubte, daß er große Schwingen hätte

und daß die Welt schon lange wie ein Tal

sich ferne unter seinen Füßen glätte.

Ungläubig sah er sich mit einem Mal

herabgelassen auf die fremde Stätte

und auf den grünen Meergrund seiner Qual.

Und war ein Fisch und wand sich schlank und schwamm

durch tiefes Wasser, still und silbergrau,

sah Quallen hangen am Korallenstamm

und sah die Haare einer Meerjungfrau,

durch die das Wasser rauschte wie ein Kamm.

Und kam zu Land und war ein Bräutigam

bei einer Toten, wie man ihn erwählt,

damit kein Mädchen fremd und unvermählt

des Paradieses Wiesenland beschritte.

Er folgte ihr und ordnete die Tritte

und tanzte rund, sie immer in der Mitte,

und seine Arme tanzten rund um ihn.

Dann horchte er, als wäre eine dritte

Gestalt ganz sachte in das Spiel getreten,

die diesem Tanzen nicht zu glauben schien.

Und da erkannte er: jetzt mußt du beten,

denn dieser ist es, welcher den Propheten

wie eine große Krone sich verliehn.

Wir halten ihn, um den wir täglich flehten,

wir ernten ihn, den einstens Ausgesäten,

und kehren heim mit ruhenden Geräten

in langen Reihen wie in Melodien.

Und er verneigte sich ergriffen, tief.

Aber der Alte war, als ob er schliefe,

und sah es nicht, obwohl sein Aug nicht schlief.

Und er verneigte sich in solche Tiefe,

daß ihm ein Zittern durch die Glieder lief.

Aber der Alte ward es nicht gewahr.

Da faßte sich der kranke Mönch am Haar

und schlug sich wie ein Kleid an einen Baum.

Aber der Alte stand und sah es kaum.

Da nahm der kranke Mönch sich in die Hände,

wie man ein Richtschwert in die Hände nimmt,

und hieb und hieb, verwundete die Wände

und stieß sich endlich in den Grund ergrimmt.

Aber der Alte blickte unbestimmt.

Da riß der Mönch sein Kleid sich ab wie Rinde,

und knieend hielt er es dem Alten hin.

Und sieh: er kam. Kam wie zu einem Kinde

und sagte sanft: Weißt du auch, _wer_ ich bin?

Das wußte er. Und legte sich gelinde

dem Greis wie eine Geige unters Kinn.

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,

alternde Astern atmen schwach im Beet.

Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,

wird immer warten und sich nie besitzen.

Wer jetzt nicht seine Augen schließen kann,

gewiß, daß eine Fülle von Gesichten

in ihm nur wartet, bis die Nacht begann,

um sich in seinem Dunkel aufzurichten: --

der ist vergangen wie ein alter Mann.

Dem kommt nichts mehr, dem stößt kein Tag mehr zu,

und alles lügt ihn an, was ihm geschieht;

auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,

welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.

Du mußt nicht bangen, Gott. Sie sagen: _mein_

zu allen Dingen, die geduldig sind.

Sie sind wie Wind, der an die Zweige streift

und sagt: _mein_ Baum.

Sie merken kaum,

wie alles glüht, was ihre Hand ergreift, --

so daß sie's auch an seinem letzten Saum

nicht halten könnten, ohne zu verbrennen.

Sie sagen mein, wie manchmal einer gern

den Fürsten Freund nennt im Gespräch mit Bauern,

wenn dieser Fürst sehr groß ist und -- sehr fern.

Sie sagen mein von ihren fremden Mauern

und kennen gar nicht ihres Hauses Herrn.

Sie sagen mein und nennen das Besitz,

wenn jedes Ding sich schließt, dem sie sich nahn,

so wie ein abgeschmackter Scharlatan

vielleicht die Sonne sein nennt und den Blitz.

So sagen sie: mein Leben, meine Frau,

mein Hund, mein Kind, und wissen doch genau,

daß alles: Leben, Frau und Hund und Kind

fremde Gebilde sind, daran sie blind

mit ihren ausgestreckten Händen stoßen.

Gewißheit freilich ist das nur den Großen,

die sich nach Augen sehnen. Denn die andern

_wollen's_ nicht hören, daß ihr armes Wandern

mit keinem Dinge rings zusammenhängt,

daß sie, von ihrer Habe fortgedrängt,

nicht anerkannt von ihrem Eigentume,

das Weib so wenig _haben_ wie die Blume,

die eines fremden Lebens ist für alle.

Falle nicht, Gott, aus deinem Gleichgewicht.

Auch der dich liebt und der dein Angesicht

erkennt im Dunkel, wenn er wie ein Licht

in deinem Atem schwankt, -- besitzt dich nicht.

Und wenn dich einer in der Nacht erfaßt,

so daß du kommen mußt in sein Gebet:

Du bist der Gast,

der wieder weitergeht.

Wer kann dich halten, Gott? Denn du bist dein,

von keines Eigentümers Hand gestört,

so wie der noch nicht ausgereifte Wein,

der immer süßer wird, sich selbst gehört.

In tiefen Nächten grab ich dich, du Schatz.

Denn alle Überflüsse die ich sah,

sind Armut und armseliger Ersatz

für deine Schönheit, die noch nie geschah.

Aber der Weg zu dir ist furchtbar weit

und, weil ihn lange keiner ging, verweht.

O, du bist einsam. Du bist Einsamkeit,

du Herz, das zu entfernten Talen geht.

Und meine Hände, welche blutig sind

vom Graben, heb ich offen in den Wind,

so daß sie sich verzweigen wie ein Baum.

Ich sauge dich mit ihnen aus dem Raum,

als hättest du dich einmal dort zerschellt

in einer ungeduldigen Gebärde

und fielest jetzt, eine zerstäubte Welt,

aus fernen Sternen wieder auf die Erde

sanft, wie ein Frühlingsregen fällt.

Drittes Buch

Das Buch von der Armut und vom Tode

(1903)

Vielleicht, daß ich durch schwere Berge gehe

in harten Adern, wie ein Erz allein;

und bin so tief, daß ich kein Ende sehe

und keine Ferne: alles wurde Nähe,

und alle Nähe wurde Stein.

Ich bin ja noch kein Wissender im Wehe, --

so macht mich dieses große Dunkel klein;

bist du es aber: mach dich schwer, brich ein:

daß deine ganze Hand an mir geschehe

und ich an dir mit meinem ganzen Schrein.

Du Berg, der blieb, da die Gebirge kamen, --

Hang ohne Hütten, Gipfel ohne Namen,

ewiger Schnee, in dem die Sterne lahmen,

und Träger jener Tale der Zyklamen,

aus denen aller Duft der Erde geht;

du, aller Berge Mund und Minaret

(von dem noch nie der Abendruf erschallte):

Geh ich in dir jetzt? Bin ich im Basalte

wie ein noch ungefundenes Metall?

Ehrfürchtig füll ich deine Felsenfalte,

und deine Härte fühl ich überall.

Oder ist das die Angst, in der ich bin?

die tiefe Angst der übergroßen Städte,

in die du mich gestellt hast bis ans Kinn?

O daß dir einer recht geredet hätte

von ihres Wesens Wahn und Abersinn.

Du stündest auf, du Sturm aus Anbeginn,

und triebest sie wie Hülsen vor dir hin ...

Und willst du jetzt von mir: so rede recht, --

so bin ich nicht mehr Herr in meinem Munde,

der nichts als zugehn will wie eine Wunde;

und meine Hände halten sich wie Hunde

an meinen Seiten, jedem Ruf zu schlecht.

Du zwingst mich, Herr, zu einer fremden Stunde.

Das Stunden-Buch · 第 2 / 4 段