GEWIDMET

Vorwort.

Das vorliegende Werk wurde kurz vor dem Kriege vollendet. Die

Aufnahme war so günstig, daß der erste Band schon während des Krieges

vergriffen war. Leider konnte die zweite Auflage, weil das deutsche

Verlagsgeschäft mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat,

nicht sofort erscheinen, so daß das vollständige Werk längere Zeit im

Buchhandel fehlte.

Die zweite Auflage stellt sich nicht nur als eine vermehrte, sondern,

zumal in einem Punkte, als eine ganz wesentlich verbesserte dar. Da

es nämlich dem einzelnen nicht wohl möglich ist, auf allen Gebieten

gleich gründliche Vorarbeiten zu machen, haben sich mir dieses Mal

einige hervorragende Forscher zugesellt. Insbesondere bin ich den

Herren Geh. Hofrat Prof. Dr. *E. Wiedemann* (Erlangen), Prof. Dr. *E.

v. Lippmann* (Halle a. S.) und Prof. Dr. *J. Würschmidt* (Erlangen)

zu großem Dank verpflichtet. Ich empfing von den Genannten nicht

nur zahlreiche Anregungen; sie haben auch die Korrektur des Satzes

bis in alle Einzelheiten überwacht. Die Mehrzahl der von ihnen

ausgehenden Verbesserungsvorschläge konnte noch Verwendung finden.

Manches ließ sich erst am Schlusse in einem besonderen Abschnitt (s.

S. 478) bringen. Einzelne weitergehende Vorschläge mußten vorläufig

zurückgestellt werden.

Wenn ich die drei ersten Bände den Herren *Wiedemann*, *v. Lippmann*

und *Würschmidt* widme, so ist dies nur ein schwacher Ausdruck meines

Dankes. Auch verkenne ich nicht, daß diese Mitwirkung in erster Linie

erfolgt ist, um das Werk für den Gebrauch geeigneter zu machen. Manche

Anregung ging mir ferner in den zahlreichen Besprechungen, sowie von

befreundeter Seite zu. Eine Aufzählung würde zu weit führen. Doch

drängt es mich, besonders für die nachfolgenden Bände den verstorbenen

Geh. Rat. Dr. *G. Berthold*, einen verdienten Forscher auf dem Gebiete

der neueren Geschichte der Wissenschaften, zu nennen. Seine bedeutende

Bibliothek, die durch Ankauf in den Besitz des Münchener Deutschen

Museums für Meisterwerke auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und

der Technik übergegangen ist, stand mir jeder Zeit zur Verfügung.

Auch der häufige persönliche Verkehr mit *Berthold*, den die

Bayrische Akademie der Wissenschaften mit der Abfassung einer von ihr

herauszugebenden großen Geschichte der Physik betraut hatte[1], war für

die Neuherausgabe des ganzen Werkes von Belang.

Über die Ziele wiederhole ich hier die Worte, die ich der ersten

Auflage vorausgeschickt habe: Die Anteilnahme an der Geschichte der

Wissenschaften ist seit mehreren Jahrzehnten sehr lebhaft. Je mehr

man erkennt, daß sich einer Enträtselung der Natur mit jedem Schritte

weitere Schwierigkeiten entgegenstellen, um so lieber richtet man den

Blick auch wieder rückwärts, um den durchmessenen Weg zu überschauen

und aus dem reichen Gesamtergebnis der bisherigen Forschung neue

Hoffnung auf ein immer tieferes Eindringen in den Zusammenhang der

Naturerscheinungen zu schöpfen. In dem Maße, wie sich ferner die

Tätigkeit des einzelnen auf ein kleines Arbeitsfeld beschränkt, um

so dringender wird das Bedürfnis, das Augenmerk häufiger auf die

Gesamtwissenschaft zu richten. Sie in ihrem gegenwärtigen Umfange

zu überschauen, ist nicht möglich. Wohl aber können wir sie uns in

einem historischen Rückblick vergegenwärtigen, der die Haupttatsachen

hervorhebt, sie verknüpft und zu einer vertieften Auffassung anregt.

Eine wertvolle Frucht des geschichtlichen Studiums ist ferner darin

zu erblicken, daß es vor dogmatischer Einseitigkeit bewahrt, wenn man

sich die Wissenschaft als etwas Werdendes und infolgedessen Unfertiges

vergegenwärtigt. Auch gelangt man zu der Einsicht, daß uns dieselben

oder ähnliche Methoden und Schlußweisen, die man heute anwendet, in der

Entwicklung der Wissenschaft begegnen. Manche Gebiete lassen sich daher

kaum darstellen, ohne an die früheren Untersuchungen, Vorstellungen

und Gedankengänge anzuknüpfen. Aus diesem Grunde ist die genetische

Betrachtungsweise nicht nur in manche Lehrbücher eingedrungen. Es sind

auch zahlreiche Geschichten der Einzelwissenschaften entstanden, und

das Quellenstudium ist durch Neudrucke der oft schwer zugänglichen

älteren Arbeiten belebt worden. Erinnert sei hier nur an *Ostwalds*

großes Unternehmen. Seine »Klassiker der exakten Wissenschaften«

enthalten in 195 Bänden die grundlegenden Abhandlungen aus den Gebieten

der Mathematik, Astronomie, Physik, Kristallographie und Physiologie.

*Das vorliegende Werk soll gewissermaßen den Rahmen für »Ostwalds

Klassiker der exakten Wissenschaften« abgeben und dartun, wie sich

die einzelnen Gebiete gegenseitig auf ihrem Werdegange beeinflußt

haben.* Die Wissenschaftsgeschichte ist vor allem ein wichtiger Teil

der Kulturgeschichte. Sie kann daher nur verstanden werden, wenn wir

sie in ihrem Zusammenhange mit dieser und der allgemeinen Geschichte

betrachten. Eine von solchen Gesichtspunkten ausgehende Darstellung des

Entwicklungsganges der Naturwissenschaften ist von anderer Seite wohl

kaum versucht worden. Wenn ein einzelner sie unternimmt, so muß er in

mancher Beziehung um Nachsicht bitten. Eine Teilung der Arbeit unter

viele erschien nicht angängig, wenn etwas Ganzes entstehen sollte.

Nicht nur dem Historiker, sondern auch dem Fachmanne, der ein

Einzelgebiet bearbeitet, dem Lehrenden, dem Techniker, dem Arzte und

jedem, der sich für die Naturwissenschaften lebhafter interessiert,

dürfte damit gedient sein, ein Werk zu besitzen, das einen Gedanken zu

verwirklichen sucht, dem der Altmeister der historischen Forschung,

*Leopold v. Ranke*, im fünften Bande seiner deutschen Geschichte

Ausdruck verleiht. *Ranke* schreibt dort, es müsse ein herrliches Werk

sein, einmal die Teilnahme, welche die Deutschen an der Fortbildung

der Wissenschaften genommen, im Rahmen der europäischen Entwicklung

mit gerechter Würdigung darzustellen. »Zu einer allgemeinen Geschichte

der Nation«, fügt *Ranke* hinzu, »wäre ein solches eigentlich

unentbehrlich.«

Über dieses von *Ranke* gesteckte Ziel geht das vorliegende Werk

allerdings noch hinaus, da es die Geschichte der exakten Wissenschaften

in ihrem ganzen Umfange schildert. Im übrigen dürfte die von

*Ranke* gestellte Aufgabe erfüllt sein, da sich die »Geschichte

der Wissenschaften in Deutschland« nicht anders als im Rahmen der

Gesamtentwicklung darstellen läßt. Wenn wir die letztere im Auge

behalten, so sind die Naturwissenschaften nicht nur als ein Ergebnis

der gesamten Kultur zu betrachten, sondern auch in ihren Beziehungen

zu den übrigen Wissenschaften, insbesondere zur Philosophie, zur

Mathematik, zur Medizin und Technik; und es ist zu zeigen, wie sich

diese Zweige des Denkens und der Forschung gegenseitig gefördert und

bedingt haben.

Von einem Werke, das diese Aufgabe zu erfüllen sucht, darf man keine

Vollständigkeit in Bezug auf die biographischen und bibliographischen

Daten erwarten. Doch sind zumal die letzteren in solchem Umfange

aufgenommen worden, daß es zwar nicht als Nachschlagebuch, wohl

aber zur Einführung in das Studium der älteren und neueren

naturwissenschaftlichen Literatur dienen kann. Um diesem Zwecke zu

entsprechen, bringt der letzte Band ausführliche, sich über alle Teile

erstreckende Literatur-, Sach- und Namenregister. Die übrigen Bände

enthalten ein kürzeres Sach- und Namenverzeichnis.

Die Geschichte der Naturwissenschaften ist einer der jüngsten Zweige

der historischen Forschung. Daher ist besonders für die entlegeneren

Zeiten vieles noch unaufgeklärt. Manches ist erst neuerdings mit

dem Fortschreiten der archäologischen und der philologischen

Untersuchungen bekannt geworden. Es sei nur an die wertvollen

Ergebnisse erinnert, die uns die Erschließung der altorientalischen

Kultur und die Erforschung der arabischen Literaturschätze gebracht

haben. Allerdings sind gerade hier die Urteile noch nicht genügend

geklärt, ja häufig genug in wichtigen Punkten einander widersprechend.

Für denjenigen, der in zusammenhängender Darstellung die Entwicklung

der naturwissenschaftlichen Kenntnisse im Altertum und Mittelalter

schildern will, ergeben sich daraus nicht geringe Schwierigkeiten.

Manche Angabe wird bei dem einen auf Zustimmung, bei dem anderen auf

Widerspruch stoßen. Das Gleiche gilt von den Ansichten, die wir uns

über die Zusammenhänge und die Ursachen bilden können.

Diese Umstände haben mich aber nicht abgehalten, ein Gesamtbild zu

entwerfen und damit eine schon lange angestrebte Aufgabe, deren

Bewältigung immer dringender wird, in Angriff zu nehmen. Denn nur in

dem Gesamtbilde erhalten die zahllosen Einzelergebnisse der Forschung

erst ihren vollen Wert, während sie in ihrer Vereinzelung oft genug

geringwertig oder gar bedeutungslos erscheinen.

Zur Belebung der Wissenschaftsgeschichte ist bisher recht wenig

geschehen. Umfassende Vorlesungen darüber fehlen selbst an den

größeren Hochschulen wohl noch überall. Ja, es gibt sogar eine ganze

Reihe von Universitäten, an denen auch nicht einmal das bescheidenste

historische Kolleg über einen besonderen Zweig der so gewaltig

emporgeblühten Naturwissenschaften gehalten wird, während Vorlesungen

über die Geschichte der Philosophie, der Kunst, der Literaturen usw.

nirgends fehlen. Was uns nottut, ist ein besonderer Lehrstuhl für die

Geschichte der Naturwissenschaften an jeder Hochschule. Solange solche

fehlen, dürfte ein Werk wie das vorliegende dem wissenschaftlichen

Nachwuchs einen gewissen Ersatz bieten. Ich habe es daher mit

Freuden begrüßt, daß einzelne Hochschullehrer ihre Hörer auf die

Wichtigkeit des eindringenderen geschichtlichen Studiums hinweisen.

So schreibt Herr Dr. *A. Stock*, Prof. an der Universität Berlin und

am Kaiser-Wilhelmsinstitut in Dahlem, seit Jahren empfehle er seinen

Hörern in der einführenden Vorlesung über experimentelle Chemie »Die

Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange.«

Es ist also zu hoffen, daß das unter der Mitwirkung mehrerer

Hochschullehrer erneut erscheinende Werk auch in dieser Hinsicht seine

Aufgabe erfüllen wird.

Friedrich Dannemann.

Inhalt.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, I. Band Von den Anfängen bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften · 第 11 / 58 题