Die Nagethiere haben ein überaus charakteristisches Gebiss, indem oben
und unten jederseits nur ein funktionirender J vorhanden ist, der als
gewaltiger, wurzelloser, meiselförmiger Nagezahn ausgebildet ist, nur
auf der Vorderseite mit Schmelz bedeckt, und durch eine weite Lücke von
der geschlossenen Backzahnreihe getrennt (Fig. 888 u. 894).
Der ganze Schädel ist dem Zwecke der Nagezähne entsprechend
ausgebildet; der Unterkiefer kann sich in seinem Gelenke in
beträchtlichem Masse vor- und rückwärts bewegen, sein Gelenkkopf
ist rundlich oder in die Länge gezogen, und die Gelenkgrube bildet
eine mehr oder weniger deutliche Längsrinne, die nach hinten nicht
durch einen Fortsatz abgeschlossen ist. Die Muskelansätze rücken am
Unterkiefer weit nach vorn, der Coronoidfortsatz (Fig. 894 cor) ist
oft rudimentär und überragt selten den Gelenkkopf (c). Die kurze
Backzahnreihe rückt oft sehr weit nach hinten und liegt theilweise
oder ganz unter der Orbita. Das Foramen infraorbitale ist oft von
ausserordentlicher Grösse. C sind nie vorhanden, Backzähne können
sechs anwesend sein, meist aber fehlen einige der vorderen, so dass
ihre Zahl bis auf zwei sinken kann. Sind mehr als drei vorhanden, so
zeigen sich auch Milchzähne. Die primitiveren Formen haben Backzähne
mit langen geschlossenen Wurzeln und niedriger Krone (Fig. 890),
bunodont oder lophodont; da die Kaubewegung nur von vorn nach hinten
stattfindet, so bilden sich nur Querjoche aus; zahlreiche Formen haben
aber Säulenzähne erworben von dauerndem Wachsthum; die Kaufläche ist
bei denselben vollständig eben (Fig. 891-895). Solche Zähne erreichen
mitunter einen höchst complicirten Bau. Das Hirn der Nager ist klein
und glatt.
Die Nagethiere dürften vielleicht von Tillotheriidae abzuleiten
sein; sie finden sich bereits vom mittleren Eocän an in Nordamerika,
in Europa vom untersten Oligocän an, und spielen noch eine höchst
bedeutende Rolle unter den lebenden Säugethieren trotz ihrer geringen
Grösse. In Südamerika nahmen Nagethiere eine ausserordentliche
Entwicklung; dort sind unter den fossilen Formen Arten bekannt, die die
Grösse eines Stieres und eines Nilpferdes erreichten.
Es lassen sich vier Unterordnungen unterscheiden:
A. Calcaneus ohne Fibulargelenk; oben ein J jederseits.
1. Gebiss (1 · 0 · 1-2 · 3)/(1 · 0 · 1 · 3); Backzähne meist noch mit
langen Wurzeln, oft bunodont; die vier hinteren etwa gleich gross.
Schädel mit Postfrontalfortsatz (hinter der Orbita).
1. Unterordnung Sciuromorpha.
2. Gebiss (1 · 0 · 1 (0) · 3)/(1 · 0 · 1 (0) · 3); Backzähne meist
prismatisch. Schädel ohne Postfrontalfortsatz.
2. Unterordnung Hystricomorpha.
3. Gebiss (1 · 0 · 0 · 3)/(1 · 0 · 0 · 3)
((1 · 0 · 0-3 · 2-3)/(1 · 0 · 0-3 · 2-3)); Backzähne mit oder ohne
Wurzeln; Fibula mit der Tibia verwachsen. Schädel ohne
Postfrontalfortsatz.
3. Unterordnung Myomorpha.
B. Calcaneus mit Fibulargelenk; Gebiss (2 · 0 · 2-3 · 3)/(1 ·0· 1-2 · 3);
alle Zähne wurzellos; Fibula mit Tibia verwachsen. Schädel mit
Postfrontalfortsatz.
4. Unterordnung Lagomorpha.