Als Stromatoporoidea bezeichnet man eine Gruppe ausgestorbener,
vorwiegend paläozoischer, z. Th. auch mesozoischer Cölenteraten,
die namentlich zur Silur- und Devonzeit sich an dem Aufbau der
Korallenriffe in hervorragender Weise betheiligten. Der Bau ihres
Skelets zeigt viel Uebereinstimmung mit dem der lebenden Hydractinien
(p. 75) und Milleporen (p. 77).
[Illustration: Fig. 75. A Actinostroma verrucosum Gf. sp. Mitteldevon.
Eifel. w = warzenförmige Erhöhungen. Die angeschliffene Fläche zeigt
die geradlinig netzförmige Structur des Skelets. B Clathrodictyum
striatellum d’Orb. sp. Untersilur. Borkholm, Estland. l = laminae. p =
Pfeiler. i = Interlaminarräume. Ein senkrecht zur Oberfläche geführter
Schnitt.]
Die kalkigen Polypenstöcke (coenosteum) sind meist von lagenartiger
oder knolliger, seltener baumförmiger Gestalt. Die Unterseite ist
mit einer kleinen Anwachsstelle und einer dichten Kalkhaut (Epithek)
versehen, oder der Stock überzieht krustenförmig andere Körper. Die
Oberfläche oft wellig uneben, in Folge warzenartiger Erhöhungen (Fig.
75 A w). Das Kalkskelet besteht bei den Hydractinia-ähnlichen Formen
aus dünnen, horizontalen Kalklamellen (den sog. laminae) (Fig. 75
B l), welche durch vertikale, einfache oder sich gabelnde Pfeiler
(Fig. 75 B p) gestützt werden. Zwischen je zwei laminis befindet sich
ein einheitlicher, nur von den Pfeilern durchsetzter, aber nicht
in getrennte Kammern getheilter Interlaminarraum (Fig. 75 B i).
Vertikalröhren, wie sie bei Millepora (Fig. 72 k) vorkommen, fehlen.
Bei den Millepora-ähnlichen Stromatoporoiden setzt sich das Skelet aus
unregelmässig wurmförmig gebogenen Kalkfasern zusammen (Fig. 76 B),
welche mit einander verschmelzend unregelmässig geformte Höhlungen
einschliessen, die alle mit einander communiciren (vgl. Millepora Fig.
72). Ein grober concentrischer Bau wird dadurch hervorgerufen, dass
sich das Skelet periodisch verdichtet und Lagen dichten Fasergewebes
(latilaminae, Fig. 76 A lt) durch solche lockereren (Fig. 76 A i)
getrennt werden. Vertikalröhren (Zooidröhren), durch Böden abgetheilt,
jenen von Millepora ähnlich, durchsetzen das Coenosteum.
Bei beiden Gruppen der Stromatoporoidea treten zuweilen verzweigte
Furchen oder Röhren auf, welche das Skelet in schräger Richtung
durchsetzen (Fig. 76 D c) und nach einem gemeinsamen Centrum zu
convergiren. Das sind die sog. Astrorhizal-Furchen (Fig. 76 C, D). Sie
werden durch Querscheidewände (Fig. 76 D t) abgetheilt.
[Illustration: Fig. 76. A Stromatopora concentrica Gf. Mitteldevon.
Eifel. Vertikalschnitt. lt = latilaminae. i = Interlaminarräume. B
dieselbe im Tangentialschnitt, das wurmförmige Skeletgewebe (schwarz)
zeigend. C Stromatopora? dartingtonensis Cart. Devon. Teignmouth.
Horizontalschnitt. Die verzweigten Astrorhizalfurchen, welche
von einem Centrum (c) ausstrahlen. D Stromatoporella eifeliensis
Nich. Mitteldevon. Eifel. Querschnitt. Die schräg aufsteigenden
Astrorhizalfurchen oder -canäle (c) werden durch Querscheidewände
(tabulae = t) abgetheilt.]
Nach der Verschiedenheit des Skeletgewebes theilt man die
Stromatoporoidea ein in:
A. Hydractinoide Gruppe: Horizontale (laminae) und vertikale
Skeletelemente (Radialpfeiler) deutlich unterschieden.
Actinostroma Nich. (Fig. 75 A). Die Radialpfeiler setzen ununterbrochen
durch mehrere laminae und Interlaminarräume hindurch. Im Silur selten,
im europäischen Devon häufig.
A. Schmidti Rosen. Silur. Nordeuropa.
A. clathratum Nich. }
} Mitteldevon. Eifel.
A. verrucosum Gf. sp. (Fig. 75 A). }
Clathrodictyum Nich. & Mur. (Fig. 75 B). Die Radialpfeiler erstrecken
sich ununterbrochen nur durch einen Interlaminarraum (Fig. 75 B p).
Hauptsächlich im Silur, selten im Devon.
Cl. striatellum d’Orb. sp. (Fig. 75 B). Untersilur, Esthland;
Obersilur, England.
Cl. variolare Ros. sp. Obersilur. Nordeuropa.
Cl. vesiculosum Nich. & M. Obersilur. Nordamerika.
B. Milleporoide Gruppe: Horizontale und vertikale Skeletelemente nicht
scharf von einander geschieden.
Stromatopora Gf. (Fig. 76 A, B, C). Meist in latilaminis wachsend. Mit
Zooidröhren. Silur, besonders häufig im Devon.
Str. typica Rosen. Obersilur. Nordeuropa.
Str. discoidea Lonsd. sp. Ebendaselbst.
Str. concentrica Gf. (Fig. 76 A, B), Hüpschii Barg sp. u. a.
Mitteldevon. Eifel.
Stromatoporella Nich. (Fig. 76 D). Mit der vorigen Gattung nahe
verwandt, aber nie in latilaminis wachsend. Devon.
Str. granulata Nich. Mitteldevon, Nordamerika.
Str. Eifeliensis Nich. (Fig. 76 D). Mitteldevon. Eifel.
Str. laminata Barg sp. Mitteldevon. Eifel.
Die Maximalentwickelung der Stromatoporoidea fällt in die
paläozoische Periode. In Europa und Nordamerika finden sie sich
vorzugsweise im Silur und Devon, in Belgien angeblich auch im
Subcarbon, in Indien im unteren Perm. Im obersten Malm Südeuropas
erscheinen sie von Neuem. Ueberall treten sie gesteinbildend auf und
tragen wesentlich zur Bildung der Korallenriffe bei.
Ordnung Acalephae oder Lappenquallen.
Abdrücke von medusenartigen Thieren, die zur Ordnung der Acalephae
oder auch zu der der Hydroidea gehören können, hat man bisher nur in
folgenden Formationen gefunden:
1) Im Unteren Cambrium (Eophyton-Sandstein) vom Lugnaas (Schweden) drei
Arten, von denen zwei der Abtheilung der Acraspedota, eine der der
Craspedota angehören sollen. Als Kriechspuren derselben wird das sog.
Eophyton angesehen.
2) Im Solenhofener Lithographirschiefer (Oberer Malm) in acht
Gattungen. Ein Beispiel günstiger Erhaltung ist Rhizostomites
admirandus Haeck. (Fig. 77).