Kaufmann Goldreich

Jetzt ging es Schlupps gar gut. Er hatte einen Sack voll Geld und eine

Truhe voll Leinen, beschloß aber diesmal Haus zu halten und nicht mehr

alles zu vertun. Als er in das nächste Städtchen kam, war gerade dort

Markt und von weit her kamen Leute, um einzukaufen. Sie feilschten an

den Buden um Ketten und Ringe und bunte Tücher, und besonders das

Weibervolk konnte sich nicht genug tun am Schauen und Handeln. Wollten

alles haben und war ihnen doch alles zu teuer, sahen begehrlich auf die

Ware und warfen sie hin, als wäre es Feuer, an dem sie sich die Finger

verbrannten, wenn sie den Preis hörten. »Halt,« dachte Schlupps, »hier

blüht mein Weizen,« fuhr in ein Wirtshaus, stellte dort ein und sagte

zum Wirt: »Könnt Ihr mir einen Jungen besorgen, der flink und anstellig

ist, so schickt ihn her.« »Das will ich meinen,« gab der Wirt zur

Antwort. »Nehmt meinen. Einen Pfiffigeren findet Ihr nicht. Hat schon

manchem Kaufmann geholfen, die Schäflein scheeren.« »So schickt ihn

herauf.« Der Junge kam und Schlupps unterwies ihn, was er zu sagen habe.

Der Bub war gar schlau und zu Schelmenstreichen aufgelegt. Er ließ sich

von seinem neuen Herrn das Gesicht schwärzen, daß er aussah wie einer

aus dem Mohrenlande; dann machten sie aus rotem Stoff einen Turban, wie

ihn die Türken tragen; Schlupps hing dem Burschen allerlei bunte Stoffe

um, und so aufgeputzt setzte er ihn auf ein Pferd, hieß ihn auf dem

Markt herumreiten und zu rufen: »Mein Herr, der Kaufmann Goldreich, ist

weit aus der Türkei hergekommen. Er will gradwegs nach Spanien zu seines

Kaisers Majestät und ihm seine Waren bringen. Dieweil er aber hier

rastet, hat er sich entschlossen, ein klein Teil seiner Wunderdinge

heut zu verkaufen; aber nur ein klein Teil, weil er weiter muß und nicht

lange bleiben kann. Wer etwas von fremdländischen Waren versteht und

anderes sucht als grobes Leinen und derbe Stoffe, der komme her und

kaufe. Wer aber nichts davon versteht, der bleibe fort und schone seinen

Beutel; denn für solche hat mein edler Herr nicht die weite Fahrt aus

der Türkei unternommen und ist aus des Sultans Schloß mit Lebensgefahr

entronnen. Durfte doch nie ein Christ das Land der Heiden betreten, und

nur mit vieler Mühe ist es dem Herrn gelungen, sich Zutritt zu den

Ungläubigen zu verschaffen. Gebt Platz!«

Dann stieß er in sein Horn und ritt weiter durch den ganzen Ort, hielt

an allen Ecken, und die Kinder liefen hinter ihm drein; auch manch

gesetzter Bürger horchte auf seine Rede und beschloß, des Fremden Sachen

anzusehen. Die Frauen aber rotteten sich zusammen und kamen scharenweise

vor das Gasthaus, wo der Fremde wohnte und wohin der Mohrenknabe jetzt

zurückritt, vom Pferde stieg und demütig seinen Herrn begrüßte, der vor

der Tür einen Tisch aufgestellt hatte.

Während der Junge die Stadt durchzog, hatte Schlupps die Zeit benutzt,

um seinen Stoffen mit Hülfe von Pinsel und Farbe ein gar buntes Aussehen

zu geben, und die Laken und Decken, die Hemden und Jacken erglänzten in

allen Farben. Hier saß ein roter und blauer Fleck, dort ein gelber und

grüner, und mit der Schere schnitt er absonderliche Muster in den

Stoffen aus, daß Sonne und Mond hindurchsahen. Er selbst heftete auf

sein Gewand allerlei Flickwerk, hing die Messingkette, die er der Grit

im Schlafe abgenommen hatte, um, und den Gürtel, den er auch von ihr

hatte mitgehen heißen, schlang er über die Schulter. Jetzt stand er

neben dem Tisch und sah die Menge, die ihn neugierig musterte, ernst an,

und Jeder, den sein Blick traf, meinte immer, dies Gesicht schon einmal

gesehen zu haben, wußte aber nicht, wo.

Als der erste Käufer auf ihn zutrat, verneigte sich der fremde Krämer

gar tief, kreuzte die Arme auf der Brust und murmelte etwas, was keiner

verstand. »Das ist Türkisch,« sagte der Mohrenknabe. »Herr, redet

deutsch,« wandte er sich dann an Schlupps, »dieweil Euch sonst keiner

hier versteht, und sagt, was Ihr für Eure Ware verlangt.« Und der

falsche Krämer hub an, seine Waren zu preisen und zu erzählen, wie des

Sultans Frauen die kostbaren Gewänder getragen, wie er sie mit vieler

Mühe ihnen heimlich abgekauft habe, und wie die tausend Gemahlinnen des

türkischen Kaisers schön seien, eine schöner wie die andere. Aber nur,

wenn sie diese Gewänder und Stoffe an sich hätten, die der Zauberer

»Emalker«[1] angefertigt habe. Sie hatten erst die Schätze nicht

hergeben wollen und taten es nur, als er ihnen versprach, ihnen von

einem anderen Hexenmeister schönere weben zu lassen. Da ließen sie sich

erbitten.

[1] Auch rückwärts zu lesen.

Die Leute guckten staunend auf den Erzähler. Ein fürwitziger Bursche

aber rief: »Ei, Herr Krämer, warum habt Ihr dann Eure Sachen nicht

gleich von dem besseren Zauberer machen lassen?« Er suchte nach seiner

kecken Rede zu entschlüpfen, weil die Umstehenden ihn gar nicht

liebreich stießen und pufften. Sie fürchteten, der fremde Krämer möchte

erzürnt sein und seine Ware einpacken.

»Recht habt Ihr, junger Bursche,« sagte der Kaufmann Goldreich. »Das

hätte ich können, wenn der böse Zauberer nicht sich geweigert hätte, für

Christenfrauen zu arbeiten. Dann wartete auch mein Schiff im Hafen, das

des Kaisers Majestät für mich gesandt hatte. Und jetzt sagt an, liebe

Bürger und edle Frauen, ob Ihr kaufen wollt, oder ob ich meine Gewänder

wieder in die Truhen packen soll.« Dabei hielt er die Stoffe hoch, daß

die Sonne darauf fiel und die Farben gleißten und glänzten, und alle

drängten sich herzu und wollten von den seltenen Tüchern kaufen. »Denn,«

sagten sie, »was so weit her ist, muß etwas Besonderes sein,« und

»Selbstgewebtes haben wir in den Truhen genug.« Schließlich kam der

gestrenge Herr Bürgermeister an und wollte die goldene Kette kaufen und

den Gürtel, den der Krämer auf der Schulter trug. Aber da jammerte

Schlupps gar kläglich, daß ihm der Kaiser von Spanien arg zürnen werde,

wenn er den Schatz, der für seine hohe Gemahlin bestimmt sei, verkaufe,

und konnte sich erst auf vieles Bitten und Drängen dazu verstehen, den

Schmuck für hundert Taler herzugeben.

»Es ist zu billig. Es ist zu billig!« beteuerte er immer wieder. »Wenn

Ihr's nicht wäret, hochedler Herr, wahrhaftig! Nichts in der Welt hätte

mich verführen können. Aber so geht's, wenn man mit vornehmen Herren

Handel treibt.«

Und der Bürgermeister zog mit seinen Ketten stolz ab; seine Frau aber

sah um sich, als wäre sie die Kaiserin von Spanien.

Ehe Schlupps sich's versah, waren seine Waren ausverkauft und seine

Truhe leer; seine Beutel aber konnten kaum das viele Geld fassen.

»Morgen gibt es mehr, Ihr Leute,« rief er, als immer neue Käufer

andrängten. »Habt Geduld. Ja, alle Tage kommt nicht einer aus der

Türkei, gradenwegs aus des Sultans Schloß,« und er kreuzte wieder die

Arme über der Brust, verneigte sich tief und schritt, von dem

Mohrenknaben gefolgt, langsam und nachdenklich in das Wirtshaus.

Die andern Kaufleute wußten nicht, wie ihnen geschah. Die Waren, die man

ihnen wies, waren gewöhnliches Bauernleinen, bunt bemalt und grob

genäht, und wenn sie auch zehnmal beteuerten, daß ihr Leinen feiner, ihr

Tuch weicher sei, so glaubte es keiner; denn niemand wollte dafür

gelten, daß er das, was aus fremden Landen stamme, nicht verstehe. »Das

ist nur Neid von den Krämern, weil sie keine ausländischen Waren haben,«

schrieen die Käufer. Die Krämer gaben Antwort, und bald hallte der Markt

von Lärm und Geschrei. Man prügelte aufeinander los, man zerrte und riß

sich, und manchen Händler ereilte jetzt die Strafe für falsches Gewicht

und ungerechtes Maß, und noch tönte von den Gassen das Zetern, als

Schlupps durch eine Hinterpforte das Gasthaus verließ. Dem Wirt und

seinem Jungen hatte er ein Teil von seinem Gewinn geschenkt, so daß sie

zufrieden waren und reinen Mund zu halten versprachen. Als am andern

Morgen die Leute herbeiströmten und auf den Krämer warteten, trat der

Wirt händeringend aus dem Haus und rief: »Wo ist der Galgenstrick! Wo

ist der Zauberer, der mit der Zeche verschwunden ist. Wo seine Rößlein

im Stall gestanden haben, liegen ausgeglühte Kohlen, in seinem Bett fand

ich einen Besen. Keiner sah ihn gehen, noch hörte man den Wagen rollen.

Weh mir armen, geschlagenen Mann! Alles war eitel Trug und Blendwerk,

und Wagen und Pferde sind nimmer richtig gewesen!«

Da liefen die Leute entsetzt nach Haus, sahen die Einkäufe an und

erkannten mit Schrecken, daß alles, was in der Sonne geglänzt und

gegleißt hatte, nichts nutz war und nicht einmal so gut, wie das

selbstgewebte Bauerntuch, das sie auf dem Markt sonst kauften. Der

Bürgermeister lief voll Angst zu einem Goldschmied und ließ seine Kette

prüfen. Der erklärte sie für eitel Messing und die Steine für Glas, grad

gut genug für Mummerei und Fastenscherz. Jetzt schämten sich alle, die

erst das große Wort geführt hatten und mancher, der einem Krämer mit

böser Rede und hartem Schlag weh getan hatte, ging hin, entschuldigte

sich und bat, wieder »gut Freund« zu sein. Auf die fremdländischen

Händler aber war man lange Zeit nicht gut zu sprechen und wies jeden,

der kam, des Ortes hinaus.

Schlupps, der Handwerksbursch; Mären und Schnurren · 第 7 / 17 题