Den Burschen duldete es nicht mehr am Orte; denn wenn er den Zaubersegen
in jedem Haus vor der vollen Schüssel hätte aussprechen sollen, so wäre
es um seinen Magen schlecht bestellt gewesen. Darum machte er, daß er
fortkam und wanderte über einen hohen Berg, bis er talwärts ein einsames
Wirtshaus fand. Der Wirt stand in der Türe und spähte nach allen
Seiten, ob kein Wanderer des Weges kommen wollte; denn es war schon hoch
im Jahre, und selten verirrte sich einer in die verlassene Gegend. Er
sah Schlupps mißtrauisch an und gab ihm zu verstehen, daß sein Haus auf
Gäste, die schlecht zahlten, nicht eingerichtet sei; fragte, wie lange
der Gast zu bleiben gedenke und wohin und woher. »Grad aus dem
Fegfeuer,« seufzte der Bursche, machte ein gottsjämmerliches Gesicht,
saß nieder, stützte das Haupt in die Hände und seufzte laut auf.
Dem Wirte wurde bang. Wenn das nur nicht der Gottseibeiuns selber war,
der ihn versuchen wollte. Der nahm so viele Gestalten an, warum sollte
er nicht auch als Handwerksbursche kommen?
»Erzählt mir, was Euch herführt?« bat er den Gast. Dabei trug er eine
Schüssel nach der andern auf und nötigte den Fremden zum Essen, und der,
nicht faul, hieb auf die Gerichte ein, daß es eine Lust war. Das
beruhigte den Wirt einigermaßen, daß der Böse so menschlich aß und
trank. Dann gab der Bursche auf die Fragen Bescheid und erzählte von den
armen Seelen im Fegfeuer. »Warum habt Ihr müssen darinnen sitzen und
warum irrt Ihr jetzt auf der Erde herum?« fragte der Hausherr.
»Das ist eine traurige Sache,« seufzte Schlupps und zündete ein
Pfeifchen an. »Ich war ein Gastwirt, wie Ihr. Mein Haus stand in einem
schönen Tal, wo Wein in Fülle wuchs. Da ich aber unersättlich war und
nicht schnell genug reich werden konnte, tat ich Wasser in den Wein und
wußte doch, daß ich meine Seele damit dem Bösen verschrieb. Jahrelang
hielt ich es so. Eines Tages klopfte ein Handwerksbursche an meine Tür
und bat um ein Nachtlager. Weil ich dem Gast ansah, daß seine Zeche
nicht sehr hoch sein werde, nahm ich ihn unwillig auf, setzte ihm Reste
von saurem Wein vor, der vom Faß niedergetropft war und in einem Bottich
gärte und wies ihn fort, als er Nachtherberge verlangte. Dann ging ich
in den Keller, meinen Wein mit Zucker und Wasser zu mischen, wie ich es
gewohnt war.
[Illustration: Der Höllwirt]
Als ich mich umwende, wer steht hinter mir? -- -- -- Der
Handwerksbursche! Er packte mich und schrie: »Hab ich dich bei deinem
schändlichen Treiben erwischt? Jetzt bist du mir verfallen.« Er wuchs
und wuchs, bis er an die Decke des Kellers stieß, seine Augen glühten
und sprühten Flammen. Dann stampfte er mit dem Fuße auf die Erde und wir
sanken tausend Klafter tief, grad in die Hölle. Da war große Freude, als
ich ankam; denn die Weinpanscher sind dort besonders gut angeschrieben,
und des Teufels Großmutter nahm mich gleich bei der Hand und führte mich
an eine glühend heiße Stelle. Jetzt mußte ich im Fegfeuer sitzen und sah
über mir Wein keltern, den besten Roten und Weißen. Der Duft zog mir in
die Nase, und ich bekam keinen Tropfen zu kosten. Alle hundert Jahre
darf ich auf die Erde gehen, in Gestalt eines Handwerksburschen. Finde
ich einen Wirt, der die armen Wandrer von der Schwelle jagt oder ihnen
ein bös Gesicht und sauren Wein vorsetzt und die lieben Gottesgaben mit
Wasser mischt, dann bin ich frei und darf ihn statt meiner in die Hölle
führen. Lasse ich mich aber durch Bitten erweichen und gebe den Wirt
frei, dann muß er mich ein Jahr gut verpflegen, und ich muß an seiner
Stelle hundert Jahre mehr im Fegfeuer sitzen.«
Der Wirt erschrak und dachte an den Brunnen, den er im Keller gegraben
hatte, weil er das Wasser dann bequemer in die Fässer schütten konnte.
Er wies dem unheimlichen Gast sein bestes Zimmer an, wartete, bis er
schlief, stieg dann in den Keller hinab und leerte vorerst zwei von den
großen Fässern, in denen gewässerter Wein war, in den Brunnen aus. Über
den deckte er ein großes Brett, damit keiner sähe, was darinnen war.
Am andern Morgen bat der Bursche: »Zeigt mir doch Euren Weinkeller.« Der
Wirt traute sich nicht zu widersprechen, führte den Handwerksburschen
hinab und ließ ihn von jedem Fasse kosten. Aber nur von den guten, in
denen reiner Wein war. Schlupps aber entdeckte hinten in der Ecke zwei
Fässer, die ihm verdächtig vorkamen, ging hin und wollte sie anzapfen.
»Kommt herauf und eßt erst was,« bat der Wirt, »mit leerem Magen trinkt
sich's schlecht. Hab Euch ein Hühnchen gebraten und einen fetten
Schinken aus der Räucherkammer geholt.« Das ließ sich der Gast nicht
zweimal sagen, ging hinauf, aß und hieb mit solcher Macht in den
Schinken ein, daß sein Messer Funken sprühte und der Wirt meinte, das
höllische Feuer leuchten zu sehen.
Als die Mahlzeit fertig war, sagte Schlupps: »Meister, so leid es mir
tut, die Kellerprobe ist noch nicht fertig. Doch braucht Ihr Euch nicht
in den Keller zu bemühen. Des Teufels Großmutter hat mich ein Sprüchlein
gelehrt, wenn ich das sage, dann kommen die Fässer, in denen
gepanschter Wein ist, gradwegs die Kellertreppe hinauf in die
Wirtsstube. Ich brauche bloß meinen Becher hoch zu heben und zu
sprechen:« -- -- -- »Haltet ein! Haltet ein!« schrie der Wirt und riß
den Becher aus der Hand des Handwerksburschen. »Laßt im Keller, was
drinnen ist. Ich will Euch ein Jahr verpflegen und Ihr sollt es gut
haben. Was kann Euch an hundert Jahren mehr im Fegfeuer liegen?«
»Wirt, Ihr sprecht, wie Ihr es versteht. Wüßtet Ihr, welche Pein ich
dort erduldet! Ihr holtet selber die Fässer herauf, um mich zu erlösen.
Schrecklich ist es dort unten und --« »Hört auf, hört auf!« rief der
Wirt wieder. »Laßt Euch erweichen. Bleibt bei mir. Ihr sollt es nicht
bereuen, und ich will auch für Eure arme Seele beten.« Der Bursche sann
nach. »Ihr tut mir leid,« sagte er endlich. »Euch zu lieb will ich es
auf mich nehmen. Aber,« setzte er drohend hinzu, »hütet Euch, den Pakt
zu brechen; denn dann seid Ihr mir unrettbar verfallen und müßt in die
Hölle.«
Der Wirt versprach, was der Bursche wollte, stieg in den Keller hinab,
holte ein Maß vom Besten, und bei Rotem wurde der Pakt besiegelt. Dann
ging der Hausherr wieder hinunter und strich zärtlich über die beiden
Fässer, die er noch zurückbehalten hatte. Den Wein wollte er den
Fuhrleuten vorsetzen, die im Sommer kamen und Ausspann bei ihm hielten.
Den Winter hindurch saß Schlupps in der Wirtsstube, erzählte Schnurren,
schmauchte sein Pfeifchen und aß und trank. Wie es aber Frühling wurde,
sehnte er sich hinaus und sagte zu seinem Wirte: »Seid bedankt für die
Pflege, die Ihr mir habt angedeihen lassen. Ich will es Euch eingedenk
sein und die hundert Jahre Fegfeuer gern für Euch ertragen. Mein Jahr
ist noch nicht um; aber ich muß weiter ziehen. Doch zuvor gebt mir die
zwei Fässer, die in der Ecke im Keller liegen, sonst hilft dort unten
mein Bitten nichts. Ich will sie Euch abnehmen. Gebt mir Wagen und
Pferde, so lade ich sie auf, und Ihr seid sie los.«
Der Wirt war froh, den höllischen Gast auf gute Art aus dem Hause zu
bekommen, gab ihm das Verlangte, tat noch ein Fäßchen schweren Roten
dazu, steckte dem Burschen ein Beutelchen mit Geld bei und bat ihn um
Gotteswillen, bei des Teufels Großmutter ein gut Wort einzulegen.
Der Bursche versprach es und sagte zum Abschied: »Wenn Euch einer fragt,
wer Euch gelehrt hat, mit Wein und Gästen gut umzugehen, sagt immer
'Schlupps.'« Damit zog er ab, und dem Wirt fiel ein Stein vom Herzen.
* * * * *
Nicht lange darauf hörte man eines Tages Hörner blasen, und als der Wirt
in die Haustüre trat, kam eine Reiterschar dahergesprengt, und der
Vornehmste von ihnen war der König. Die Ritter saßen ab und traten in
die Gaststube. »Holt Essen herbei,« befahl der König, »wir sind müde und
hungrig von der Jagd.« Da liefen der Wirt und sein Gesinde und brachten
heran, was Gutes in Kammer und Küche war. »Habt Ihr Wein?« fragte der
Kämmerer, der immer an des Königs Seite saß. »Ei freilich,« rief der
Wirt und wollte schnell hinabspringen und zapfen; aber der König sah ihn
scharf an und sprach: »Weißt du, daß ich ein Gebot erlassen habe: man
solle jeden, der Wein fälscht, zum Galgen führen? Wehe, wenn ich dich
auf böser Tat ertappe!« Der Wirt beteuerte, daß sein Wein echt und rein
sei. Da stieg der König selbst mit in den Keller, um den Wein zu prüfen,
und aus jedem Faß, das er versuchte, kam die liebe Gottesgabe rein und
unverfälscht heraus und sein Gesicht strahlte immer mehr vor Freude, als
er von Faß zu Faß ging. »Wer hat dich gelehrt, den Wein so gut zu
behandeln?« »Schlupps,« antwortete der Wirt.
Da sahen sich die Diener des Königs erstaunt an, solch ein Wort hatten
sie noch nie vernommen. Der Kämmerer aber legte den Finger an die Nase,
dachte eine Weile nach und meinte dann bedeutungsvoll: »Das ist eine
Sprache, die ich nicht kenne. Wer weiß, was der Wirt für ein gelehrter
Mann ist.« -- Dann flüsterte er lange heimlich mit dem König. Der nickte
mit dem Kopfe und sagte zu dem Wirt, der abseits stand und nicht wußte,
was das alles zu bedeuten habe: »Wisset, mein Kellermeister ist
gestorben. Im ganzen Lande suchen wir einen neuen; aber es muß ein Mann
sein, der nie Wein gefälscht, noch gewässerten Wein verkauft hat. Du
scheinst mir der Rechte. Sage mir, wer hat dich in der Kunst
unterwiesen?«
»Schlupps,« sagte der Wirt wieder. Der König legte seine Stirn in tiefe
Falten und sah sich ernst im Kreise um. Denn weil ein König gescheidter
sein muß, wie alle Leute und alles besser wissen soll, wollte er nicht
merken lassen, daß er das Wort nicht kenne und so sagte er: »Das dachte
ich mir gleich. Willst du mein Kellermeister sein, so sollst du in
meinem Schlosse wohnen, in einer goldenen Kutsche fahren und so viel
Geld haben, als du immer willst; dafür darf kein anderer als du meinen
Wein besorgen.«
Des war der Wirt froh. Entließ sein Gesind, schloß sein Haus zu, bestieg
ein Pferd und zog mit dem König fort.