»Sie werden es gewiß nicht in Abrede stellen wollen, Herr Burdowskij,«
begann Gawrila Ardalionytsch, sich direkt an den >Sohn Pawlischtscheffs<
wendend, der ihm mit auffallend glotzendem Blick und ebenso großer
Verwunderung wie Verwirrung zuhörte, »daß Sie genau zwei Jahre nach der
Verheiratung Ihrer achtbaren Mutter mit dem Herrn Kollegiensekretär
Burdowskij, Ihrem Vater, geboren sind. Der Tag Ihrer Geburt ist an der
Hand von Dokumenten gar zu leicht und genau nachzuweisen, und deshalb
wollen wir, um Sie und Ihre Mutter nicht zu verletzen, die Entstellung
der Tatsache in jenem Artikel mit einer Verwirrung der zweifellos
blühenden Phantasie Herrn Kellers erklären, der mit diesen ... Hyperbeln
Ihnen und Ihren Interessen offenbar zu dienen gemeint hat. Herr Keller
sagte, daß er Ihnen seinen Artikel nur zum Teil vorgelesen habe; daher
können wir annehmen, daß er es nur bis zu dieser Stelle getan ...«
»Allerdings nur bis dahin,« unterbrach ihn der Boxer, »aber die Fakta
waren mir von einer durchaus glaubwürdigen Person mitgeteilt, und ich
...«
»Erlauben Sie, Herr Keller, daß ich jetzt rede,« unterbrach ihn Gawrila
Ardalionytsch. »Sobald ich auf Ihren Artikel zu sprechen komme, können
Sie Ihre Erklärungen vorbringen; jetzt aber wollen wir zuerst sachgemäß
fortfahren. Zufällig gelangte ich durch die Freundin meiner Schwester,
einer gewissen Wjera Alexejewna Subkowa, einer Witwe und Gutsbesitzerin,
in den Besitz eines Briefes, den der verstorbene Nikolai Andrejewitsch
Pawlischtscheff vor vierundzwanzig Jahren aus dem Auslande an sie
geschrieben hat. Auf meine Bitte um nähere Auskunft erteilte mir Wjera
Alexejewna den Rat, mich an den Obersten a. D. Timofej Fedorowitsch
Wjäsowkin zu wenden, an einen entfernten Verwandten und einstmaligen
großen Freund des Herrn Pawlischtscheff. Von diesem erhielt ich dann
noch weitere zwei Briefe Pawlischtscheffs an ihn, die gleichfalls aus
dem Auslande geschrieben sind. Der Inhalt dieser drei Briefe schließt
jeden Zweifel daran, ob Herr Pawlischtscheff auch wirklich damals,
anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, ins Ausland gefahren ist, wo er dann
drei Jahre verblieb, von vornherein völlig aus. Ihre Mutter aber hat,
wie Sie wissen, Rußland nie verlassen. Ich will mir augenblicklich nicht
die Zeit nehmen, die drei Briefe vorzulesen; es ist heute etwas spät
geworden, deshalb begnüge ich mich mit der bloßen Mitteilung der
Tatsachen. Doch wenn Sie wünschen, Herr Burdowskij, können Sie morgen
vormittag, sagen wir, um zehn oder um elf -- wann es Ihnen genehm ist,
-- mit Ihren Zeugen und Experten zu mir kommen, um die Authentizität der
Briefe festzustellen; denn ich zweifle keinen Augenblick daran, daß Sie
sich von der Wahrheit überzeugen lassen werden, und wenn Sie sich
überzeugt haben, so dürfte die Sache damit abgetan sein, denke ich.«
Wieder folgte diesen Worten eine allgemeine Bewegung und Aufregung. Doch
plötzlich erhob sich Burdowskij.
»Wenn es so ist, dann bin ich betrogen worden, betrogen ... jedoch nicht
von Tschebaroff, sondern schon vor langer Zeit; ich will keine Experten
... ich will nichts feststellen, ich glaube es ... ich ... ich verzichte
... Die Zehntausend will ich nicht ... adieu ...«
Er nahm seine Mütze, schob den Stuhl zurück und wollte fortgehen.
»Verzeihung, Herr Burdowskij,« hielt ihn Gawrila Ardalionytsch mit
leiser, süßlich klingender Stimme zurück, »könnten Sie nicht noch fünf
Minuten verzögern? Es haben sich in dieser Angelegenheit noch einige
äußerst wichtige Tatsachen herausgestellt, namentlich für Sie wichtige,
für uns dagegen nur interessante. Meiner Meinung nach dürften Sie es
sich nicht entgehen lassen, mit ihnen bekannt zu werden, und es wird
Ihnen gewiß eine Erleichterung sein, wenn der ganze Sachverhalt ein für
allemal aufgeklärt und damit abgetan ist ...«
Antip Burdowskij setzte sich schweigend, den Kopf ein wenig gesenkt, wie
in Gedanken versunken. Seinem Beispiel folgte auch Lebedeffs Neffe, der
sich gleichfalls erhoben hatte, um mit ihm fortzugehen; dieser schien
zwar den Kopf und die Dreistigkeit noch nicht verloren zu haben, schaute
aber doch sehr befremdet drein. Hippolyt sah finster, traurig und sehr
erstaunt aus. In diesem Augenblick hatte er übrigens einen so starken
Hustenanfall, daß auf dem Taschentuch, das er vor den Mund preßte,
Blutflecken erschienen. Der Boxer war unglaublich erschrocken.
»Ach, Antip!« rief er plötzlich kummervoll aus, »hab' ich's dir damals
nicht gleich gesagt, vor drei Tagen schon, daß du vielleicht wirklich
gar nicht Pawlischtscheffs Sohn bist!«
Verhaltenes Lachen ertönte, zwei oder drei lachten lauter.
»Was Sie da soeben mitteilen, Herr Keller,« griff Gawrila Ardalionytsch
schnell auf, »ist als Faktum von unschätzbarer Bedeutung.
Nichtsdestoweniger kann ich auf Grund der sichersten Beweise behaupten,
daß Herr Burdowskij, dem die Zeit seiner Geburt sehr wohl bekannt war,
von jenem Aufenthalt Herrn Pawlischtscheffs im Auslande jedoch völlig
ununterrichtet gewesen ist. Bekanntlich hat Herr Pawlischtscheff den
größten Teil seines Lebens im Auslande verbracht und ist immer nur auf
kurze Zeit nach Rußland zurückgekehrt. Außerdem ist seine Abreise
anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, Herr Burdowskij, an sich so wenig
aufsehenerregend gewesen, daß es nur zu begreiflich ist, wenn sich ihrer
nach vierundzwanzig Jahren selbst seine Verwandten und Freunde nicht
mehr erinnern. Deshalb wären auch alle meine Nachforschungen ergebnislos
gewesen, wenn der Zufall mir nicht ganz unvermutet diese Briefe in die
Hände gespielt hätte. Und deshalb wären auch für Herrn Burdowskij und
sogar für Tschebaroff solche Nachforschungen fast unmöglich gewesen,
selbst wenn sie welche hätten vornehmen wollen ...«
»Erlauben Sie, Herr Iwolgin,« unterbrach ihn plötzlich Hippolyt gereizt,
»wozu halten Sie diese ganze Rede, wenn ich fragen darf? Die Hauptsache
ist doch erklärt, und wir haben eingewilligt, an die Richtigkeit zu
glauben; wozu also noch breittreten, was ohnehin schon schwer und
verletzend ist? Oder wollen Sie vielleicht Ihre Geschicklichkeit als
Nachforscher, als Detektiv zeigen? Oder beabsichtigen Sie gar, eine
Verteidigungsrede für Burdowskij zu halten, weil er das alles nur aus
Unwissenheit getan hat? Das wäre denn doch zu verletzend, mein Herr!
Burdowskij bedarf weder Ihrer Rechtfertigungen noch Entschuldigungen! Es
kränkt ihn nur, er ist ohnehin in einer peinlichen Situation, das hätten
Sie erraten, begreifen sollen ...«
»Pardon, Herr Terentjeff, erlauben Sie, daß ich fortfahre,« unterbrach
ihn Gawrila Ardalionytsch, »beruhigen Sie sich, Sie regen sich ganz
unnütz auf. Sie sind, glaube ich, sehr krank. Ich kann Ihnen durchaus
nachfühlen ... In dem Falle habe ich, wenn Sie wollen, alles gesagt oder
vielmehr bin ich gezwungen, nur noch in aller Kürze jene Fakta
mitzuteilen, die zu erfahren meiner Meinung nach nicht überflüssig sein
dürfte,« lenkte er ein, als er eine gewisse allgemeine Bewegung
bemerkte, die bereits Ungeduld zu verraten schien. »Ich habe Ihnen
mitzuteilen, Herr Burdowskij, daß Herr Pawlischtscheff nur deshalb Ihrer
Mutter gutgesinnt gewesen ist und ihr so oft geholfen hat, weil sie die
leibliche Schwester jenes Hofmädchens ist, in die sich Herr
Pawlischtscheff in seiner Jugend so verliebt hatte, daß er sie unfehlbar
geheiratet hätte, wenn sie nicht gestorben wäre. Ich habe Beweise, daß
dieser Jugendroman nur sehr wenigen bekannt gewesen und von diesen
alsbald sogar ganz vergessen worden ist. Ferner kann ich Ihnen
mitteilen, daß Herr Pawlischtscheff Ihre Mutter seit ihrem zehnten Jahre
hat erziehen lassen und ihr eine gute Mitgift gegeben hat, und gerade
diese seine Anteilnahme hat unter seinen Verwandten und Bekannten eine
gewisse Besorgnis erregt und zu verschiedenen Gerüchten Anlaß gegeben;
eine Zeitlang hat es sogar geheißen, daß er seinen Pflegling heiraten
würde. Doch es endete damit, daß sie im Alter von zwanzig Jahren aus
Liebe, wofür ich gleichfalls Beweise habe, den Feldmessungsbeamten
Burdowskij heiratete. Ferner habe ich die sichersten Beweise dafür, daß
Ihr Vater, Herr Burdowskij, nach Empfang der Mitgift Ihrer Mutter, die
sich auf fünfzehntausend Rubel belief, seinen Dienst aufgab, sich an
verschiedenen kommerziellen Spekulationen beteiligte, betrogen wurde,
das ganze Kapital verlor und vor Kummer zu trinken begann, worauf er
bald erkrankte und starb, im achten Jahr seiner Ehe mit Ihrer Mutter.
Ihre Mutter blieb hierauf, wie sie mir selbst erzählt hat, in der
größten Armut zurück und wäre elend zugrunde gegangen, wenn nicht Herr
Pawlischtscheff ihr großmütig immer wieder geholfen hätte. Er hat ihr
bis zu sechshundert Rubel im Jahr gegeben. Ferner gibt es unzählige
Beweise dafür, daß Pawlischtscheff Sie als Kind sehr liebgewonnen hatte.
Aus diesen Beweisen und nicht zum mindesten aus den Aussagen Ihrer
Mutter geht hervor, daß er Sie hauptsächlich deshalb so liebgewonnen,
weil Sie ein schwächliches, stotterndes, armseliges Kindchen gewesen
sind. Pawlischtscheff aber hat bekanntlich sein Leben lang eine ganz
besondere, fast zärtliche Liebe für alles Behaftete empfunden, für alles
>von der Natur Gekränkte<, wie das Volk sagt, namentlich aber für solche
Kinder. Diese Tatsache, für die ich gleichfalls mehrere Beweise habe,
ist für uns in diesem Falle von besonderer Wichtigkeit. Und schließlich
kann ich mich noch rühmen, auch das erklären zu können, wie diese
auffallende Liebe Pawlischtscheffs -- dank dessen Hilfe Sie das
Gymnasium besucht und unter besonderer Aufsicht gelernt haben -- mit der
Zeit unter seinen Verwandten den Glauben erweckt hat, daß Sie sein Sohn
seien. Doch dieser Glaube ist erst in den letzten Lebensjahren
Pawlischtscheffs, als man sich seines Testaments wegen Sorgen zu machen
begann, in seinen Verwandten zur Überzeugung geworden, also erst dann,
als die alten Fakta vergessen waren und Nachforschungen immer
unmöglicher wurden. Zweifellos ist dieses Gerücht auch Ihnen zu Ohren
gekommen und hat dann auch einen entsprechenden Eindruck auf Sie
gemacht. Ihre Mutter, die persönlich kennen zu lernen ich das Vergnügen
gehabt habe, hat zwar von diesen Gerüchten gehört, weiß aber bis jetzt
noch nicht -- auch ich verschwieg es natürlich --, daß auch Sie, ihr
Sohn, sich von ihnen haben beeinflussen lassen. Ihre Mutter fand ich in
Pskow krank und in großer Armut vor, da sie mit Pawlischtscheffs Tod
nicht nur den Freund und Gönner, sondern auch die Unterstützung verloren
hatte. Unter Tränen der Dankbarkeit teilte sie mir mit, daß sie nur noch
dank Ihrer Hilfe lebe; sie erwartet große Dinge von Ihnen und glaubt
felsenfest an Ihre zukünftigen, großen Erfolge ...«
»Das ist aber jetzt doch nicht mehr zu ertragen!« erklärte plötzlich
laut in größter Ungeduld Lebedeffs Neffe. »Was bezwecken Sie mit der
Wiedergabe dieses ganzen Romans?«
»Ekelhaft! Einfach unanständig!« stieß Hippolyt mit einer gereizten
Bewegung hervor.
Burdowskij jedoch bemerkte nichts und rührte sich nicht einmal.
»Was ich damit bezwecke?« wunderte sich Gawrila Ardalionytsch, sich mit
verschlagenem Lächeln zu seiner Schlußfolgerung vorbereitend. »Erstens
wird Herr Burdowskij jetzt überzeugt sein, daß Herr Pawlischtscheff ihn
nicht als leiblichen Sohn, sondern nur aus Mitleid geliebt hat. Das aber
dürfte für Herrn Burdowskij, der die Handlungsweise Herrn Kellers vorhin
nach der Vorlesung des Artikels guthieß, jedenfalls wissenswert sein.
Ich sage das nur deshalb, weil ich Sie für einen guten Menschen halte,
Herr Burdowskij. Ferner stellt es sich jetzt heraus, daß selbst von
seiten Tschebaroffs durchaus keine bewußte Spitzbüberei vorliegt, das
aber ist auch für mich von Wichtigkeit; denn der Fürst äußerte sich
vorhin im Eifer des Gesprächs ungefähr in dem Sinne, daß auch ich in
dieser Beziehung seiner Meinung sei. Im Gegenteil, hier handelte es sich
bei allem um eine feste Überzeugung, und wenn auch Tschebaroff
vielleicht in der Tat ein großer Spitzbube ist, so ist er wenigstens in
dieser Sache nur ein echter Winkeladvokat. Er hat offenbar gehofft, bei
der Gelegenheit viel Geld verdienen zu können, und seine Berechnung ist
durchaus nicht so dumm gewesen: er rechnete auf die Leichtigkeit, mit
der man vom Fürsten Geld erhalten kann, sowie auf dessen Gefühle für den
verstorbenen Pawlischtscheff; vor allem jedoch -- was am wichtigsten ist
-- auf gewisse ritterliche Ansichten des Fürsten bezüglich Ehren- und
Gewissenspflichten. Von Herrn Burdowskij aber kann man sagen, daß er,
der sich infolge einiger seiner Ansichten von Tschebaroff und seinem
Freundeskreise offenbar leicht beeinflussen läßt, seine Ansprüche
anfangs eigentlich gar nicht aus materiellem Interesse erhoben hat,
sondern fast nur infolge seiner Überzeugung, daß er damit der Wahrheit,
dem Fortschritt und der ganzen Menschheit diene. Jetzt, nachdem ich alle
Fakta mitgeteilt und die Beweggründe auseinandergesetzt habe, hoffe ich,
daß alle in Herrn Burdowskij einen ehrenwerten Menschen sehen werden und
der Fürst ihm jetzt leichteren Herzens seine Freundschaft und auch jene
Hilfe anbieten kann, deren er vorhin Erwähnung tat, als er von der in
Pawlischtscheffs Namen einer Schule zugedachten Summe sprach ...«
»Um Gottes willen, hören Sie auf, Gawrila Ardalionytsch, hören Sie auf!«
unterbrach ihn der Fürst wahrhaft entsetzt, doch es war schon zu spät.
»Ich habe gesagt, ich habe schon dreimal gesagt,« rief Burdowskij
gereizt, »ich will das Geld nicht! Ich werde es nicht annehmen ...
weshalb nicht ... ich will es nicht ... so! ...«
Und kaum hatte er das hervorgestoßen, als er sich schnell dem Ausgang
zuwandte und die Stufen hinunterlief. Doch Lebedeffs Neffe eilte ihm
nach, ergriff ihn am Arm und flüsterte ihm etwas zu, worauf Burdowskij
ebenso plötzlich zurückkehrte, aus der inneren Rocktasche ein offenes
Kuvert großen Formats hervorzog und auf den kleinen Tisch neben dem
Fürsten hinwarf.
»Da! das Geld! ... Sie durften nicht ... durften nicht ... durften
nicht! ... Das Geld! ...!« stieß er erregt hervor.
»Das sind die zweihundertundfünfzig Rubel, die Sie gewagt haben, ihm wie
ein Almosen durch Tschebaroff zu übersenden,« erklärte Doktorenko.
»Im Artikel ist gesagt, daß er ihm nur fünfzig Rubel zugesandt habe!«
rief Koljä dazwischen.
»Ich bitte Sie, mir zu verzeihen,« sagte der Fürst, auf Burdowskij
zutretend, »ich habe Ihnen ein großes Unrecht abzubitten, Herr
Burdowskij. Dieses Geld aber habe ich Ihnen nicht wie ein Almosen
zugesandt, das bitte ich Sie, mir zu glauben. Es ist ein anderes
Unrecht, das ich meine -- eines, das ich vorhin begangen habe.« (Der
Fürst sah sehr angegriffen, müde und schwach aus, und seine Worte waren
fast zusammenhanglos.) »Ich sprach von einer Spitzbüberei ... doch das
bezog sich nicht auf Sie, ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich sagte,
daß Sie ... ebenso seien wie ich, ebenso krank. Doch Sie sind nicht
ebenso wie ich, Sie ... erteilen Unterricht, Sie ... ernähren Ihre
Mutter. Ich sagte, Sie hätten Ihre Mutter nicht geschont, doch Sie
lieben sie; sie sagt es selbst ... ich wußte das nicht ... Gawrila
Ardalionytsch hatte mir vorher nicht alles erzählt ... ich bitte Sie,
mir zu verzeihen. Ich habe es gewagt, Ihnen zehntausend Rubel
anzubieten, verzeihen Sie es mir, ich hätte sie nicht so anbieten
sollen, jetzt aber ... geht es nicht, denn Sie müssen mich verachten.«
»Das ist ja, um wahnsinnig zu werden! Oder _sind_ wir hier in einer
Irrenanstalt?« konnte sich Lisaweta Prokofjewna nicht mehr beherrschen.
»Wußten Sie das noch nicht, Mama?« fragte Aglaja schroff, denn auch ihr
riß die Geduld.
Doch ihre Worte hörte fast niemand in dem Lärm, der sich erhoben hatte.
Alle sprachen durcheinander, die einen stritten, andere redeten laut und
gescheit und erteilten guten Rat, einige lachten. Iwan Fedorowitsch
Jepantschin war im höchsten Grade empört und wartete mit der Miene
gekränkter Würde nur auf den Augenblick, in dem sich seine Gattin
endlich erheben würde.
»Ja, Fürst, das muß man Ihnen lassen,« ergriff Lebedeffs Neffe noch
einmal das Wort, »Sie verstehen es großartig, aus Ihrer ... nun, sagen
wir, um uns höflicher auszudrücken -- Krankheit Kapital zu schlagen. Sie
haben Ihre Freundschaft und das Geld in einer so geschickten Form
anzubieten gewußt, daß ein Mann von Ehre sie in keinem Fall annehmen
kann. Das war Ihrerseits entweder gar zu naiv oder vielleicht ungeheuer
geschickt ... Das werden Sie übrigens selbst am besten wissen.«
»Verzeihung, meine Herren,« rief plötzlich Gawrila Ardalionytsch, der
mittlerweile das Kuvert untersucht hatte, »hier sind im ganzen nur
hundert Rubel und nicht zweihundertfünfzig. Ich mache Sie jetzt nur
darauf aufmerksam, Fürst, damit es später nicht zu irgendwelchen
Mißverständnissen kommt.«
»Lassen Sie, lassen Sie!« winkte der Fürst schnell Gawrila Ardalionytsch
ab.
»Nein, >lassen Sie< es durchaus nicht!« griff sofort Doktorenko auf.
»Ihr >lassen Sie<, Fürst, ist für uns äußerst beleidigend. Wir wollen
nichts verheimlichen, wir gehen offen und ehrlich vor: ja, dieses Kuvert
enthält nur hundert und nicht zweihundertundfünfzig Rubel, aber ist denn
das nicht ganz gleich ...«
»N--nein, ich dächte nicht,« unterbrach ihn Gawrila Ardalionytsch mit
naiver Verwunderung.
»Unterbrechen Sie mich nicht; wir sind nicht so dumm, wie Sie glauben,
mein Herr Advokat,« bemerkte Doktorenko ärgerlich. »Selbstverständlich
sind hundert Rubel nicht zweihundertundfünfzig Rubel; ich will nur
sagen, daß es nicht auf die Vollzähligkeit der Summe ankommt, sondern
auf das Prinzip. Die Hauptsache ist hier die Initiative, der fehlende
Rest ist -- Privatsache! Wichtig ist, daß Burdowskij Ihr Almosen nicht
empfängt, Durchlaucht, daß er es Ihnen ins Gesicht wirft, und in diesem
Sinne ist es ganz gleich, ob es hundert oder zweihundertundfünfzig sind.
Burdowskij hat die Zehntausend nicht angenommen, das haben Sie gesehen;
und er würde auch die hundert Rubel nicht zurückgebracht haben, wenn er
das wäre, für was Sie ihn halten: ein Ehrloser! Die hier fehlenden
hundertfünfzig Rubel sind für Tschebaroffs Unkosten, seine Reise zu
Ihnen, usw. draufgegangen. Wenn Sie lachen wollen, dann lachen Sie über
unser Unvermögen, eine Sache richtig anzufassen, über unsere Unkenntnis
in solchen Dingen -- Sie haben sich ja so redlich drum bemüht, uns
lächerlich zu machen! -- aber wagen Sie es nicht, uns zu sagen, daß wir
keine Ehre hätten. Diese hundertfünfzig Rubel werden wir alle, mein
Herr, dem Fürsten zurückzahlen, und wenn wir die Summe auch nur
rubelweise zusammenbringen sollten -- wenn Sie wollen, auch noch mit
Prozenten. Burdowskij ist arm, er besitzt keine Millionen, Tschebaroff
aber präsentierte nach der Reise seine Rechnung. Wir hofften zu gewinnen
... Wer hätte an seiner Stelle anders gehandelt?«
»Wer??« mischte sich Fürst Sch. hinein.
»Ich werde hier wahnsinnig!« rief Lisaweta Prokofjewna aus.
»Das erinnert ja auffallend,« begann lachend Jewgenij Pawlowitsch, der
die ganze Zeit geschwiegen und sie alle beobachtet hatte, »ganz
auffallend an eine vor kurzer Zeit gehaltene berühmte Rede eines
Advokaten, der, nachdem er als Entschuldigungsgrund die Armut seines
Klienten hervorgehoben, -- sein Klient hatte sechs Menschen in einer
Nacht ermordet und beraubt -- plötzlich mit den Worten schloß:
>Selbstverständlich ist dem Angeklagten nur infolge seiner Armut der
Gedanke in den Kopf gekommen, diesen Mord an sechs Menschen zu begehen;
aber wem wäre denn an seiner Stelle dieser Gedanke nicht in den Kopf
gekommen?< -- Oder ungefähr mit diesen Worten. Jedenfalls war's etwas
überaus Seltsames.«
»Genug jetzt!« erklärte plötzlich bebend vor Zorn Lisaweta Prokofjewna.
»Es ist Zeit, daß man diesem Unsinn endlich ein Ende macht! ...« Sie
kochte innerlich vor Wut, doch äußerlich trat sie geradezu majestätisch
auf: fast drohend hatte sie den Kopf in den Nacken geworfen und mit
stolzer, hochmütiger Herausforderung ließ sie ihren Blick über die ganze
Gesellschaft schweifen, offenbar ohne im Augenblick die Freunde von den
Feinden zu unterscheiden. Sie war bei jenem Punkt angelangt, über den
hinaus ihr Zorn sich nicht mehr eindämmen ließ, sondern rücksichtslos
zum Ausbruch, zum offenen Kampfe drängte. Alle, die sie näher kannten,
fühlten sofort, daß diesmal ein ganz besonderer Ausbruch bevorstand. Am
nächsten Tage sagte Iwan Fedorowitsch zum Fürsten Sch.: »Ja, das kommt
bei ihr vor, aber mit einer solchen Wucht, wie gestern, doch nur sehr
selten, höchstens alle drei Jahr einmal. Wie gesagt, höchstens einmal in
drei Jahren, nicht öfter, nein, nicht öfter, höchstens einmal!« schärfte
er ihm noch nachdrücklich ein.
»Lassen Sie mich, Iwan Fedorowitsch!« herrschte Lisaweta Prokofjewna
ihren Mann an, der auf sie zutrat und ihr den Arm bot, um sie
fortzuführen. »Was soll ich jetzt noch mit Ihrem Arm! Wenn es Ihnen als
Mann und Familienvater nicht früher eingefallen ist, mich von hier
fortzuführen -- jetzt ist es zu spät. Am Ohr hätten Sie mich fortziehen
sollen, wenn ich nicht freiwillig gegangen wäre. Wenn Sie sich doch
wenigstens um Ihre Töchter bekümmern würden! Jetzt aber werden wir auch
ohne Sie den Weg finden ... die Schmach reicht für ein ganzes Jahr ...
Warten Sie noch einen Augenblick, ich will mich nur noch bei dem Fürsten
bedanken! ... Ich danke dir, Fürst, für die Vorstellung! ... Und ich
hatte mich hier hingesetzt, um unsere Jugend zu hören! ... Das ist ja
eine Niedertracht, eine Niederträchtigkeit! Das ist ja ein Chaos, so
etwas kann man sich ja nicht einmal träumen lassen! Gibt es denn
wirklich noch viele solche? ... Schweig, Aglaja! Sei still, Alexandra!
Ihr habt euch nicht hineinzumischen! ... So lassen Sie mich doch,
Jewgenij Pawlowitsch, ich habe Ihre Bücklinge wirklich satt! ... Also
du, mein Junge, bittest sie noch um Verzeihung,« wandte sie sich an den
Fürsten, »>verzeiht mir, daß ich euch ein Kapital anzubieten gewagt
habe!< -- ganz allerliebst! ... Was lachst du, du dummer Bengel!« fuhr
sie empört Lebedeffs Neffen an, der zu lächeln gewagt hatte, »also >wir
bitten nicht, wir fordern, wir werfen ihm das Geld ins Gesicht!<
Reizend! Wirklich reizend! Und dabei tut er noch, als wüßte er nicht,
daß dieser Idiot sich spätestens morgen zu ihnen hinschleppen wird, um
wieder seine Freundschaft und sein Geld anzubieten! Hab' ich nicht
recht? Du wirst doch gehen! Du wirst doch gehen? Wirst du gehen oder
nicht?«
»Ich werde gehen,« antwortete der Fürst leise und ruhig.
»Habt ihr's gehört! Und darauf rechnest du ja nur,« wandte sie sich
wieder an Doktorenko, »das Geld hast du ja jetzt schon so gut wie in der
Tasche, deshalb prahlst du ja auch so unverfroren, um uns noch vorher zu
imponieren ... Nein, mein Täubchen, da müßt ihr euch andere Dumme
suchen, denn ich durchschaue euch mehr, als ihr ahnt ... euer ganzes
Spiel durchschaue ich!«
»Lisaweta Prokofjewna!« rief der Fürst.
»Gehen wir, Lisaweta Prokofjewna, es ist Zeit, und den Fürsten fordern
wir auf, sich uns anzuschließen,« sagte möglichst ruhig und möglichst
harmlos lächelnd Fürst Sch.
Die jungen Mädchen standen fast erschrocken etwas abseits, der General
aber schien förmlich erstarrt zu sein. Übrigens waren alle zum mindesten
erstaunt. Einige, die etwas weiter ab standen, lächelten verstohlen oder
flüsterten sich ein paar Worte zu. Lebedeff war geradezu in Ekstase.
»Niederträchtigkeit und Chaos, gnädige Frau, findet man überall,« sagte
bedeutsam Lebedeffs Neffe, der übrigens gleichfalls etwas verblüfft war.
»Aber nicht solche! Nicht solche, Väterchen, wie jetzt bei euch, nicht
solche Niedertracht, das kannst du mir glauben!« fiel ihm Lisaweta
Prokofjewna mit schmerzlicher und zorniger Schadenfreude ins Wort. »Ach,
werdet ihr mich denn nicht endlich in Ruhe lassen!« fuhr sie die anderen
an, die sie beschwichtigen wollten. »Nein, wenn sogar die Verteidiger
vor Gericht es ganz natürlich finden, daß man sechs Menschen umbringt,
bloß weil man arm ist, so kann ja wahrhaftig das Ende der Welt nicht
mehr weit sein. So etwas habe ich denn doch noch nicht gehört! Jetzt ist
mir alles klar geworden! Würde denn dieser Stotterer, dieser dort« (sie
wies auf Burdowskij, der sie vor Verwunderung ganz sprachlos anstarrte),
»würde denn der nicht ermorden? Ich könnte wetten, daß er's
fertigbringt! Dein Geld, die zehntausend Rubel wird er vielleicht nicht
nehmen, das ist wahr, wird sie aus Gewissenhaftigkeit nicht nehmen; aber
in der Nacht hingehen und ermorden, um sie aus der Schatulle
herauszunehmen -- das wird er bestimmt tun und wird es noch dazu ruhig
auf sein Gewissen nehmen! -- _Das_ wird dann vor seinem Gewissen _nicht_
ehrlos sein! Das nennt man jetzt >Ausbruch edler Verzweiflung< oder
>Negation der alten Moral<, oder weiß der Himmel wie noch ... Pfui!
Alles ist jetzt verkehrt, alle stellen sich auf den Kopf und strampeln
mit den Beinen in der Luft! Wird da ein junges Mädchen von ehrsamen
Eltern im Hause erzogen -- plötzlich springt sie mitten auf der Straße
in einen Wagen und fährt davon: >Mamachen, ich habe mich vor ein paar
Tagen mit einem Karlytsch oder Iwanytsch verheiratet, adieu!< Und das
ist Ihrer Meinung nach sehr richtig, nicht wahr? Aller Achtung wert?
Durchaus natürlich? Frauenfrage? ... Sogar dieser Bengel hier« (sie wies
auf Koljä) »wollte noch vor kurzem mit mir streiten, behauptete, gerade
das sei ja der ganze Kern der >Frauenfrage<. Wenn auch die Mutter dumm
gewesen ist, so sei du doch immerhin wie ein Mensch zu ihr! ... Weshalb
hoben Sie die Nasen so hoch, als Sie hier eintraten? Es war ja, als
hätten Sie sagen wollen: >Platz da, wir kommen! Uns gebt alle Rechte,
ihr aber dürft euch kein einziges anmaßen! Uns müßt ihr alle Ehren
erweisen, sogar solche, die es überhaupt noch nicht gegeben hat, und zum
Dank dafür werden wir euch wie die letzten Kanaillen behandeln<! Das
sagte da jede eurer Nasenspitzen! Ihr sagt: >Wir suchen die Wahrheit<
und >wir bestehen auf unserem Recht< -- was wißt ihr von Recht und
Wahrheit, wenn ihr in eurem Artikel wie die Straßenräuber über einen
Unschuldigen herfallt und Lügen über Lügen schreibt! >Wir bitten nicht,
wir fordern, und erwarten Sie von uns keine Dankbarkeit; denn Sie tun es
nur zur Beruhigung Ihres Gewissens!< Das ist mir mal eine Moral. Wenn du
im voraus sagst, daß du ihm nicht dankbar sein wirst, so kann dir doch
der Fürst gleichfalls sagen, daß auch er für Pawlischtscheff keine Spur
von Dankbarkeit empfindet, denn dieser habe das Gute auch nur zur
Beruhigung des eigenen Gewissens getan. Auf was aber hast du denn
gerechnet, wenn nicht auf die Dankbarkeit, die er für Pawlischtscheff
empfindet? _Du_ hast ihm doch nicht das Geld gegeben, er schuldet es
doch nicht _dir_, auf was hast du denn sonst gerechnet, wenn nicht auf
seine Dankbarkeit? Wie kannst du dich dann aber selbst von jeder
Dankbarkeit lossagen? Verrückt seid ihr! Ihr behauptet, die Gesellschaft
sei roh und unmenschlich, weil sie ein verführtes Mädchen ausstößt. Aber
wenn du deshalb die Gesellschaft für roh und unmenschlich erklärst, so
gibst du doch damit zu, daß diese Handlungsweise der Gesellschaft dem
Mädchen weh tut. Wenn du aber das zugibst, wie kannst du dann von ihr
verlangen, daß ihr das nicht weh tun soll? Verrückt seid ihr! Eure
Ruhmsucht hat euch alle verrückt gemacht! Ihr glaubt weder an Gott noch
an Christus. Ihr seid ja von eurer Ruhmsucht und eurem Stolz so
geschwollen, daß ihr euch zum Schluß noch gegenseitig auffressen werdet,
das prophezeie ich euch! Und das soll kein Chaos sein, das soll keine
Schändlichkeit sein? Und nach alledem geht dieser Schamlose noch hin und
bittet sie noch um Verzeihung! Sagt, gibt es viele solche wie ihr seid?
Was lacht ihr? Weil ich mich so erniedrige, daß ich überhaupt mit euch
rede? Jetzt ist es zu spät, was geschehen ist, ist geschehen, da ist
nichts zu machen ... Du aber hast hier nichts zu lachen, du ungezogener
Bengel!« fuhr sie plötzlich empört Hippolyt an. »Er selber kann kaum
noch atmen, verdirbt aber noch andere! Du hast mir diesen Bengel da«
(sie wies wieder auf Koljä) »den hast du mir auch verdorben, er
phantasiert ja überhaupt nur noch von dir, du hast ihn zum Atheismus
bekehrt, du glaubst nicht an Gott, hast aber selbst noch Prügel
verdient, ja wohl, denen bist du noch nicht entwachsen, mein Junge! ...
Also du wirst morgen zu ihnen gehen, Fürst Lew Nikolajewitsch?« fragte
sie plötzlich fast atemlos den Fürsten.
»Ich werde gehen.«
»Dann kenne ich dich von Stund' an nicht mehr!« -- Sie wandte sich
hastig zur Treppe, um fortzugehen, doch plötzlich kehrte sie wieder
zurück. »Und auch zu diesem Atheisten wirst du gehen?« fragte sie, auf
Hippolyt weisend, -- »aber was lachst du denn wieder über mich, du
unverschämter Bengel!« schrie sie plötzlich wie rasend und packte ihn an
der Hand -- sein beißendes Lächeln hatte sie um den letzten Rest von
Selbstbeherrschung gebracht.
»Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna!«
ertönte es von allen Seiten.
»_Maman_, das ist eine Schande!« rief Aglaja laut.
»Beunruhigen Sie sich nicht, Aglaja Iwanowna,« antwortete Hippolyt
ruhig, obgleich die Generalin immer noch krampfhaft seine Hand festhielt
und ihn mit ihrem glühenden Blick förmlich durchbohren zu wollen schien,
»beunruhigen Sie sich nicht, Ihre _maman_ wird einsehen, daß man sich an
einem Sterbenden nicht vergreifen darf ... Ich bin gern bereit zu
erklären, weshalb ich gelacht habe ... es wird mir eine Freude sein,
wenn man es mir erlaubt ...«
Ein plötzlicher Hustenanfall, der eine ganze Minute andauerte, erstickte
seine Worte.
Lisaweta Prokofjewna ließ erschrocken seine Hand fahren und sah mit
Entsetzen, wie er sich das Blut von den Lippen wischte.
»Mein Gott, er stirbt ja doch schon und will noch reden! Du darfst kein
Wort mehr sprechen, hörst du! Du mußt einfach gehen und dich hinlegen
...«
»Das werde ich auch tun,« sagte heiser, leise, fast flüsternd Hippolyt.
»Sobald ich heute zurückkehre, werde ich mich sogleich hinlegen ... nach
zwei Wochen bin ich tot ... Das hat mir schon in der vorigen Woche B--n
gesagt ... Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen noch zwei Worte zum
Abschied sagen.«
»Bist du von Sinnen? Unsinn! Kurieren mußt du dich, was willst du denn
jetzt reden? Geh, leg dich ins Bett! ...« Lisaweta Prokofjewna war
wirklich ganz erschrocken.
»Wenn ich mich hinlege, so werde ich ja doch nicht mehr aufstehen, bis
man mich aus dem Bett in den Sarg legt,« meinte Hippolyt lächelnd. »Ich
wollte mich eigentlich schon gestern so hinlegen ... um dann nie mehr
aufzustehen ... bis zum Tode ... aber dann beschloß ich, es bis morgen
aufzuschieben, solange ich mich noch auf den Füßen halten kann ... um
heute mit ihnen hierherzukommen ... Nur müde bin ich jetzt ...«
»Aber so setz dich doch, setz dich, was stehst du denn! Hier hast du
einen Stuhl!« und Lisaweta Prokofjewna schob ihm selbst schnell einen
Stuhl hin. Hippolyt setzte sich -- es war wie ein Zusammenbrechen.
»Ich danke Ihnen,« fuhr er leise fort, »aber Sie müssen sich mir
gegenübersetzen, und dann lassen Sie uns miteinander reden ... wir
werden unbedingt miteinander reden, Lisaweta Prokofjewna, jetzt bestehe
ich darauf ...« lächelte er ihr wieder zu. »Bedenken Sie doch nur, daß
ich heute zum letztenmal im Freien bin, in frischer Luft und unter
Menschen, nach zwei Wochen aber bin ich in der Erde. Das wird also jetzt
so etwas wie mein Abschied von den Menschen und von der Natur werden.
Ich bin zwar nicht besonders sentimental, aber stellen Sie sich vor, es
freut mich doch sehr, daß alles das hier draußen in Pawlowsk geschehen
ist: so habe ich doch wenigstens noch Bäume mit grünen Blättern gesehen
...«
»Was sprichst du da, sei still, du hast ja doch Fieber!« unterbrach ihn
Lisaweta Prokofjewna in wachsender Angst. »Vorhin schriest du und
sprachst du so viel, jetzt aber kannst du kaum noch Atem schöpfen!«
»Ich werde mich sogleich erholen. Weshalb wollen Sie mir nicht meine
letzte Bitte gewähren? ... Wissen Sie auch, daß ich schon lange davon
geträumt habe, wie ich einmal mit Ihnen zusammenkommen würde, Lisaweta
Prokofjewna? ... Ich habe viel von Ihnen gehört. -- Koljä hat mir von
Ihnen erzählt; er ist ja fast der einzige, der mich nicht verläßt ...
Sie sind eine originelle Frau, das habe ich jetzt selbst gesehen ...
wissen Sie auch, daß ich Sie sogar ein wenig geliebt habe? ...«
»Gott, und ich hätte ihn doch beinah geschlagen!«
»Aglaja Iwanowna hat Sie daran verhindert; ich irre mich doch nicht? Das
ist doch Ihre Tochter Aglaja Iwanowna? Sie ist so schön, daß ich vorhin
auf den ersten Blick erriet, sie müsse es sein, obgleich ich sie vorher
nie gesehen habe. Lassen Sie mich noch zum letztenmal im Leben eine
Schönheit sehen,« bat er mit einem seltsam schüchternen und doch
gleichsam sich verzerrenden Lächeln. »Auch der Fürst ist hier und Ihr
Mann und der ganze Bekanntenkreis. Weshalb wollen Sie meinen letzten
Wunsch nicht erfüllen?«
»Einen Stuhl!« rief Lisaweta Prokofjewna, ergriff jedoch schnell selbst
einen und setzte sich Hippolyt gegenüber. »Koljä,« rief sie diesem zu,
»du wirst mit ihm unverzüglich aufbrechen, begleit ihn nach Hause,
morgen aber werde ich unbedingt selbst ...«
»Wenn Sie erlauben, würde ich den Fürsten um ein Glas Tee bitten ... Ich
bin sehr müde ... Wissen Sie was, Lisaweta Prokofjewna, Sie wollten,
glaube ich, den Fürsten zu sich zum Tee mitnehmen: bleiben Sie hier,
verbringen wir die Zeit zusammen, und der Fürst wird bestimmt so
freundlich sein, uns mit Tee zu bewirten. Verzeihen Sie, daß ich so ...
ungefragt Anordnungen treffe ... Aber ich kenne Sie doch, Sie haben ein
gutes Herz, der Fürst auch ... wir sind ja alle bis zur Lächerlichkeit
herzensgute Menschen ...«
Der Fürst bestellte sogleich den Tee, Lebedeff stürzte hinaus, als
stünde sein Haus in Flammen, und ihm folgte auf dem Fuße Wjera.
»Nun gut,« entschied die Generalin, »sprich also, nur sprich leiser und
rege dich nicht auf. Du tust mir so leid, mein Junge ... Fürst! Du bist
es eigentlich nicht wert, daß ich bei dir Tee trinke, aber mag es denn
so sein, ich bleibe. Doch bitte ich, nicht etwa zu glauben, daß ich hier
jemanden um Verzeihung bitten werde! Unsinn! Übrigens -- wenn ich dich
gescholten habe, Fürst, so verzeihe es mir, -- das heißt: wenn du
willst. Ich will hier niemand zurückhalten,« wandte sie sich plötzlich
in geradezu hochmütigem Zorn an ihren Gemahl und ihre Töchter, als
hätten diese ihr -- und nicht sie ihnen -- ein furchtbares Unrecht
angetan. »Ich werde auch allein den Weg nach Hause finden ...«
Doch man ließ sie nicht zu Ende sprechen: sogleich traten alle
bereitwilligst näher und umringten sie und Hippolyt. Stühle wurden
herbeigerückt, man setzte sich. Der Fürst forderte alle zum Tee auf und
entschuldigte sich, daß er nicht früher selbst darauf verfallen war.
Sogar der General wurde liebenswürdig, brummte etwas Beruhigendes und
fragte ritterlich besorgt seine Gemahlin, ob es ihr nicht vielleicht
etwas zu kühl auf der Terrasse werde. Es fehlte nicht viel, und er hätte
Hippolyt gefragt: »Wie lange sind Sie schon auf der Universität?« --
unterließ es aber noch im letzten Augenblick. Jewgenij Pawlowitsch und
Fürst Sch. wurden plötzlich ungeheuer liebenswürdig und waren
ersichtlich sehr aufgeräumt; Alexandra und Adelaida sah man es trotz
ihrer noch immer andauernden Verwunderung an, daß sie gern blieben.
Kurz, alle waren erfreut, daß Lisaweta Prokofjewna sich besänftigt
hatte. Nur Aglaja setzte sich finster und schweigend etwas abseits
nieder. Auch Burdowskij und seine Freunde blieben, keiner wollte
fortgehen, auch der alte General Iwolgin blieb, doch Lebedeff flüsterte
ihm im Vorübergehen etwas zu -- augenscheinlich etwas nicht ganz
Angenehmes -- und da zog er sich mehr in den Hintergrund zurück.
Doktorenko entgegnete auf die Aufforderung des Fürsten, als dieser an
ihn und seine Freunde herantrat, daß sie auf Hippolyt warten würden, und
hierauf setzten sie sich in der entferntesten Ecke der Terrasse wieder
alle in einer Reihe hin. Der Ssamowar mußte bei Lebedeff schon
aufgestellt gewesen sein, denn er wurde im Augenblick hereingetragen.
Die Uhr schlug elf.