Der junge Mann, in dessen Begleitung der General erschien, war eine
große und schlanke Erscheinung mit einem klugen Gesicht und dunklen
Augen, deren Blick sofort Scharfsinn und Spottlust verriet. Er zählte
etwa achtundzwanzig Jahre. Aglaja blickte sich nicht einmal nach ihm um,
sondern fuhr unbehelligt in ihrem Vortrag fort, und zwar wandte sie sich
ausschließlich an den Fürsten Myschkin, der nun seinerseits begriff, daß
sie mit diesem scheinbaren Scherz eine ganz bestimmte Absicht verfolgte.
Zum Glück half ihm das Erscheinen der neuen Gäste ein wenig aus seiner
unangenehmen Lage: er erhob sich sogleich, als er sie erblickte, nickte
dem General von weitem zu und bat ihn durch einen Wink, den Vortrag
nicht zu stören, worauf er hinter seinen Stuhl trat und, den linken
Ellenbogen auf die Lehne stützend, die Ballade in gewissermaßen freierer
Haltung zu Ende hören konnte. Lisaweta Prokofjewna hatte ihrerseits
sogleich durch eine befehlende Handbewegung ihrem Gatten und dem fremden
Herrn zu verstehen gegeben, daß sie dort stehen bleiben sollten, wo sie
waren. Fürst Lew Nikolajewitsch interessierte sich übrigens ungeheuer
für den neuen Gast, den ihm der General da zuführte: er erriet sofort,
daß der junge Mann kein anderer sein konnte als Jewgenij Pawlowitsch
Radomskij, von dem er so viel gehört, und an den er oft gedacht hatte.
Nur eines machte ihn stutzig: der junge Mann trug Zivilkleider, während
doch Jewgenij Pawlowitsch, soviel er wußte, Offizier war und eine
glänzende Uniform trug. Während des ganzen Vortrages der Ballade zuckte
ein spöttisches Lächeln um den Mund des jungen Mannes, als wäre in
seiner Gegenwart schon des öfteren vom >armen Ritter< die Rede gewesen.
»Vielleicht stammt sogar der ganze Einfall nur von ihm,« dachte der
Fürst bei sich.
Doch währenddem war mit Aglaja eine vollkommene Veränderung vor sich
gegangen. Die affektierte Feierlichkeit, mit der sie begonnen hatte, war
alsbald einem tiefen Ernst gewichen, und sie sprach jedes Wort so
einfach und doch mit so innigem Verständnis aus, daß sie zum Schluß
nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit gefesselt, sondern auch die
anfangs affektiert erschienene Feierlichkeit, mit der sie vorgetreten
war, gleichsam gerechtfertigt hatte. Wenigstens konnte man jene
Feierlichkeit nur noch als Ausdruck der Größe und, nun ja, auch Naivität
ihrer Hochachtung auffassen, die sie für den >armen Ritter< hegte. Ihre
Augen glänzten, und zweimal glitt kaum merklich ein leises Beben der
Begeisterung über ihr entzückendes Gesicht, als sie die Ballade vortrug.
Wenn der Fürst später an Aglajas Vortrag dieser Ballade zurückdachte,
peinigte ihn stets etwas für ihn ganz Unbegreifliches, und das war: wie
sie einen so innigen, schönen Vortrag, der doch von ihrer Begeisterung
für den Sinn der Ballade sprach, mit einer so boshaften Absicht, deren
Spott doch auf der Hand lag, hatte vereinigen können? Daß sie ihn aber
hatte verspotten wollen, daran zweifelte er keinen Augenblick. Den Spott
hatte er sogleich herausgemerkt, und zwar aus folgendem: Aglaja hatte
statt der drei Buchstaben A. M. D. drei andere Buchstaben, N. F. B.,
genannt. Daß sie es nicht aus Zerstreutheit oder sonstwie unbeabsichtigt
getan, davon war er fest überzeugt -- und mit Recht, wie sich später
herausstellte. Jedenfalls war aber dann Aglajas, sagen wir, Scherz ein
beabsichtigter. Und doch mußte er sich sagen, daß sie diese Buchstaben
nicht nur ohne jeden Hohn oder Spott oder auch nur die leiseste
Scherzhaftigkeit ausgesprochen hatte, sondern im Gegenteil mit so
unverändertem Ernst, mit so unschuldiger und naiver Einfachheit, daß man
sehr wohl hätte glauben können, vom Dichter seien in der Ballade gerade
diese Buchstaben und keine anderen angegeben. Es war dem Fürsten bei
diesen Gedanken zumute, als bohre sich etwas Schweres und Unangenehmes
in ihn hinein. Lisaweta Prokofjewna war die Veränderung überhaupt nicht
aufgefallen, und ihr Gatte, der General, begriff nur, daß »Verse«
deklamiert wurden -- das genügte ihm. Allen übrigen dagegen war Aglajas
Ausfall sogleich aufgefallen, und sie wunderten sich nicht wenig über
sie; doch bemühte man sich, so zu tun, als wäre nichts vorgefallen, um
so über die Sache hinwegzukommen. Nur Jewgenij Pawlowitsch hatte nicht
bloß begriffen, sondern -- darauf hätte der Fürst wetten mögen -- schien
auch zeigen zu wollen, wie gut er es begriffen hatte: so spöttisch
lächelte er.
»Wundervoll! Ein prächtiges Gedicht!« rief die Generalin aufrichtig
entzückt aus, als Aglaja geendet hatte. »Von wem ist es?«
»Von Puschkin, _maman_, beschämen Sie uns nicht, das muß man doch
wissen!« sagte Adelaida lachend.
»Ach, wenn man mit euch zusammenlebt, kann man noch viel dümmer werden!«
meinte Lisaweta Prokofjewna nicht ohne Bitterkeit. »Freilich ist es eine
Schande, Puschkin nicht zu kennen! Wenn wir nach Hause kommen, müßt ihr
mir sofort den Puschkin geben.«
»Ich glaube, wir besitzen gar keinen Puschkin.«
»Doch, zwei alte, halb zerrissene Bände liegen dort irgendwo seit
undenklichen Zeiten herum,« sagte Alexandra.
»Dann müssen wir sogleich in die Stadt schicken, Fedor oder Alexei, mit
dem nächsten Zug -- besser Alexei, damit er die Gesamtausgabe kauft.
Aglaja, komm her! Gib mir einen Kuß, du hast es vorzüglich vorgetragen,
aber -- wenn du es aufrichtig getan hast,« fuhr sie fast flüsternd fort,
»so tust du mir leid; hast du's aber getan, um ihn zu verspotten, so
heiß' ich deine Gefühle nicht gut, so daß es dann jedenfalls besser
gewesen wäre, du hättest geschwiegen. Verstehst du? So, und jetzt gehen
Sie, mein Fräulein, ich werde noch später mit dir reden, wir aber sind
hier doch etwas zu lange sitzen geblieben.«
Inzwischen hatte der Fürst den General begrüßt, worauf ihm dieser den
mitgebrachten Gast als Jewgenij Pawlowitsch Radomskij vorstellte.
»Unterwegs griff ich ihn auf, er war gerade mit dem letzten Zuge aus
Petersburg gekommen. Als er erfuhr, daß ich mich hierherbegebe und auch
die Meinigen alle hier sind ...«
»Als ich erfuhr, daß auch Sie hier sind,« unterbrach ihn Jewgenij
Pawlowitsch, »beschloß ich, da ich mir fest vorgenommen hatte, nicht nur
Ihre Bekanntschaft zu machen, sondern mich auch um Ihre Freundschaft zu
bewerben, weiter keine Zeit zu verlieren und die Gelegenheit zu
benutzen. Sie sind krank gewesen, wie ich höre ...«
»Gewesen, jetzt jedoch bin ich wieder ganz gesund, und es freut mich
sehr, Sie kennen zu lernen. Ich habe durch Fürst Sch. viel von Ihnen
gehört und sogar viel mit ihm über Sie gesprochen,« sagte Fürst Lew
Nikolajewitsch, indem er ihm die Hand reichte.
Die Begrüßungsworte waren ausgetauscht, sie drückten einander die Hand
und blickten sich eine Sekunde lang prüfend in die Augen. Die
Unterhaltung wurde im Handumdrehen allgemein. Der Fürst bemerkte
übrigens (er bemerkte jetzt sehr vieles und sehr schnell, vielleicht
aber auch manches, was gar nicht der Fall war), daß die Zivilkleidung
Jewgenij Pawlowitschs ganz ungewöhnliches Aufsehen erregte und die
Anwesenden so in Erstaunen setzte, daß im Augenblick alle übrigen
Eindrücke vergessen wurden. Daher war es auch nur natürlich, wenn der
Fürst in dieser Veränderung einen Umstand von besonderer Bedeutung und
großer Wichtigkeit vermutete. Adelaida und Alexandra begannen Jewgenij
Pawlowitsch erstaunt auszufragen, und Fürst Sch., der mit ihm verwandt
war, schien sogar sehr beunruhigt zu sein. Der General war geradezu
aufgeregt. Nur Aglaja betrachtete den jungen Mann mit vollkommener Ruhe,
ganz als hätte sie nur feststellen wollen, was ihm wohl besser stand,
die Uniform oder der Zivilanzug; doch kaum hatte sie ihn einmal von oben
bis unten betrachtet, als sie sich auch schon abwandte, um ihn dann
überhaupt nicht mehr zu beachten. Auch die Generalin stellte keine
einzige Frage an ihn, obschon auch sie sich vielleicht beunruhigt
fühlte. Dem Fürsten wollte es scheinen, daß Jewgenij Pawlowitsch bei ihr
zurzeit in Ungnade stand.
»Ich fiel aus den Wolken! Ich traute meinen Augen nicht!« war des
Generals Antwort auf die Fragen der Damen. »Ich wollte es einfach nicht
glauben, als ich ihm vorhin in Petersburg begegnete! Und weshalb so
plötzlich, das ist das Problem! Sonst ist er doch der erste, der anderen
den Rat gibt, nicht übereilt zu handeln.«
Wie aber aus dem folgenden Gespräch hervorging, hatte Jewgenij
Pawlowitsch schon vor langer Zeit mitgeteilt, daß er den Abschied nehmen
würde; doch hatte er es stets in einem so unernsten Tone gesagt, daß es
ihm von niemand geglaubt worden war. Übrigens war es seine Eigenart, von
allen ernsten Sachen unernst oder fast scherzend zu sprechen, so daß es
wirklich schwer war, herauszufühlen, wie er es nun in Wirklichkeit
meinte, namentlich, wenn er selbst wollte, daß die anderen es nicht
herausbekämen.
»Aber ich werde ja doch nur kurze Zeit, nur ein paar Monate, höchstens
ein Jahr in der Reserve bleiben,« sagte er lachend.
»Aber wozu das, das ist doch ganz überflüssig, wenigstens soweit ich
Ihre Verhältnisse kenne!« konnte sich der General noch immer nicht
beruhigen.
»Um meine Güter zu inspizieren. Dazu haben Sie mir doch selbst geraten;
und zudem will ich auch mal ins Ausland ...«
Das Gespräch ging auf einen anderen Gegenstand über, doch die
eigentümliche andauernde Unruhe bestärkte den Fürsten Lew Nikolajewitsch
unwillkürlich in der Vermutung, daß es sich hier um etwas Besonderes
handelte.
»Also der >arme Ritter< ist wieder in Szene gegangen?« fragte Jewgenij
Pawlowitsch, an Aglaja herantretend.
Doch diese maß ihn zur größten Verwunderung des Fürsten nur mit erstaunt
fragendem Blick, als wolle sie sagen, daß zwischen ihnen doch wohl nie
vom >armen Ritter< die Rede gewesen sein könne und sie seine Frage
überhaupt nicht verstehe.
»Aber es ist doch zu spät, jetzt ist es doch viel zu spät, noch in die
Stadt zu schicken, um den Puschkin zu kaufen!« bemühte sich Koljä, die
Generalin, mit der er sich wieder stritt, von ihrem Vorhaben
abzubringen. »Glauben Sie mir doch endlich, ich sage es Ihnen zum
dreitausendstenmal: es ist heute viel zu spät dazu!«
»Ja, heute ist es allerdings zu spät, noch in die Stadt zu schicken,«
pflichtete ihm Jewgenij Pawlowitsch, der sich von Aglaja möglichst
schnell abwandte, bei. »Auch, glaube ich, dürften die Läden in
Petersburg schon geschlossen sein, die Uhr geht bereits auf neun,« sagte
er nach einem Blick auf seine Taschenuhr.
»Und in der vornehmen Welt ist's ja auch gar nicht Sitte, sich so
lebhaft für Literatur zu interessieren! Fragen Sie mal Jewgenij
Pawlowitsch. Das fashionabelste ist heutzutage, in einem gelben
Char-à-bancs mit roten Rädern spazieren zu fahren.«
»Schon wieder ein Zitat, Koljä!« seufzte Adelaida in komischer
Verzweiflung.
»Aber ich bitt' Sie, er spricht ja doch nie anders als in Zitaten,«
versetzte Jewgenij Pawlowitsch. »Mitunter kann man ganze Phrasen der
>Kritischen Rundschau< von ihm wiederhören. Ich habe schon lange das
Vergnügen, Nikolai Ardalionytschs Redeweise zu kennen; doch diesmal war
es kein Zitat, sondern eine nicht mißzuverstehende Anspielung auf meinen
gelben Char-à-bancs mit roten Rädern. Nur haben Sie sich damit leider
ein wenig verspätet, denn ich habe meinen Wagen bereits umgetauscht.«
Der Fürst hörte Radomskij mit großem Interesse zu. Er fand, daß Jewgenij
Pawlowitsch sich ganz vorzüglich hielt, und namentlich gefiel ihm außer
seiner Bescheidenheit und Scherzhaftigkeit, daß er so freundschaftlich
mit Koljä sprach, wie mit einem völlig Gleichstehenden, und obgleich
dieser ihn doch offenbar hatte foppen wollen.
»Was ist das?« fragte Lisaweta Prokofjewna erstaunt, als plötzlich Wjera
Lebedewa mit mehreren ganz neuen, prächtig eingebundenen Büchern großen
Formats vor ihr erschien und ihr eines derselben reichte.
»Puschkin,« sagte Wjera. »Unser Puschkin. Papa befahl mir, Ihnen unseren
Puschkin zu bringen.«
»Wie das? Wie ist das möglich?« wunderte sich die Generalin.
»Nicht als Geschenk, nicht als Geschenk! Wie dürfte ich das wagen!«
beteuerte sofort Lebedeff, der im Augenblick neben seiner Tochter
auftauchte. »Zum selben Preise, für den ich ihn gekauft! Das ist mein
eigener, sozusagen unser Familien-Puschkin, die Gesamtausgabe
Annenkoffs, die jetzt nirgends mehr zu haben ist -- zu demselben Preise,
wie gesagt. Ich biete Ihnen die ganze Ausgabe untertänigst zum Kaufe an,
um die edle Ungeduld des literarischen Wissensdranges Eurer Exzellenz zu
befriedigen.«
»Ach so, du willst deinen Puschkin verkaufen, -- besten Dank. Sollst
nichts verlieren, hab' keine Angst; nur krümme dich, bitte, nicht so
viel, Väterchen. Ich habe von dir gehört: du sollst ja ungeheuer belesen
sein, sagt man. Dann können wir einmal diskutieren. Wirst du selbst
deinen Puschkin zu mir bringen?«
»Gewiß mit der größten Ehrfurcht und ... Ehrerbietung!« -- Lebedeff, der
die Bücher seiner Tochter bereits aus den Händen gerissen, zerschmolz
förmlich vor Seligkeit.
»Verlier' sie nur nicht bis dahin, bring sie meinetwegen auch ohne
Ehrerbietung, doch mit der einen Bedingung,« fügte sie langsam, ihn
kritisch betrachtend, hinzu, »nur bis zur Schwelle; denn heute werde ich
dich nicht empfangen. Deine Tochter Wjera dagegen laß mal ruhig sogleich
zu uns kommen, die gefällt mir sehr.«
»Warum sagen Sie denn nichts von jenen, Papa?« wandte sich Wjera
ungeduldig an ihren Vater. »So werden sie ja schließlich noch
unaufgefordert eintreten, sie sind ja doch nicht mehr zu halten. Lew
Nikolajewitsch,« wandte sie sich an den Fürsten, der nach seinem Hut
gegriffen hatte, um Jepantschins, die bereits aufbrechen wollten, zu
begleiten; »es sind dort welche, die mit Ihnen sprechen wollen, vier
junge Leute, sie warten bei uns und sind wütend, weil Papa sie nicht zu
Ihnen lassen will.«
»Was wollen sie von mir?« fragte der Fürst.
»Es sei eine geschäftliche Angelegenheit, sagen sie; aber sie sind jetzt
so weit, daß sie, wenn man sie nicht empfängt, schließlich noch einen
großen Skandal machen werden. Sie können Sie im Park aufhalten. Ich
denke, es ist besser, Lew Nikolajewitsch, Sie empfangen sie jetzt
schnell und schicken sie dann fort -- dann sind Sie sie los. Gawrila
Ardalionytsch und Ptizyn reden dort mit ihnen und wollen sie beruhigen,
aber sie wollen sich nicht fortschicken lassen.«
»Pawlischtscheffs Sohn, Pawlischtscheffs Sohn ist's! Lohnt sich nicht,
nicht der Mühe wert!« beteuerte Lebedeff, mit beiden Händen abwinkend.
»Es lohnt sich wahrhaftig nicht, sie überhaupt anzuhören! Und sich von
solchen Leutchen auch nur aufhalten zu lassen, wäre ganz unter Ihrer
Würde, durchlauchtigster Fürst. Jawohl, das ist meine Meinung. Es lohnt
sich wahrhaftig nicht ...«
»Pawlischtscheffs Sohn! Großer Gott!« entfuhr es dem Fürsten in der
ersten Bestürzung. »Ich weiß ... aber ich habe doch ... ich habe doch
diese ganze Angelegenheit Gawrila Ardalionytsch übergeben! Und Gawrila
Ardalionytsch sagte mir vor einer Stunde ...«
In dem Augenblick trat Gawrila Ardalionytsch aus dem Zimmer auf die
Terrasse und ihm folgte Ptizyn. Im nächsten Zimmer hörte man Lärm und
wüstes Stimmengewirr, aus dem nur die laute Stimme des alten Iwolgin zu
unterscheiden war, da dieser offenbar die anderen überschreien wollte.
Koljä eilte sofort hin.
»Das ist ja sehr interessant,« bemerkte plötzlich Jewgenij Pawlowitsch
laut, so daß es alle hörten.
»Ah, also er weiß etwas davon!« dachte der Fürst bei sich.
»Was? Ein Sohn von Pawlischtscheff? Aber ... was kann denn das für ein
Sohn von Pawlischtscheff sein?« wunderte sich General Jepantschin und
blickte fragend vom einen zum anderen. Zu seinem Erstaunen bemerkte er,
daß alle etwas zu wissen schienen, wovon nur er allein keine Ahnung
hatte.
Allerdings wäre die allgemeine Erwartung und das offenkundige Interesse
der Anwesenden selbst einem Unbefangenen aufgefallen; den Fürsten aber
wunderte es unsäglich, daß eine Angelegenheit, die nur ihn persönlich
etwas anging, so vielen bereits bekannt war, und daß so viele auch nur
das geringste Interesse daran haben konnten.
»Das ist sehr gut, daß Sie diese ganze Angelegenheit hier sogleich
_selbst_ erledigen werden,« sagte Aglaja, die plötzlich an den Fürsten
herangetreten war, mit auffallendem Ernst, »und ich hoffe, daß Sie uns
allen erlauben, Ihre Zeugen zu sein. Man will Sie herabziehen, Fürst,
deshalb müssen Sie sich stolz verteidigen. Ich freue mich schon im
voraus für Sie.«
»Ja, auch ich wünsche es, daß diese empörende Prätention endlich einmal
energisch zurückgewiesen wird!« sagte die Generalin laut. »Lieber Fürst,
schone sie nicht, gib's ihnen ordentlich! Mir gellen schon die Ohren von
dieser Skandalgeschichte, weiß Gott, sie hat viel böses Blut in mir
gemacht. Deinetwegen, Fürst. Und es wird auch nicht uninteressant sein,
diese Menschensorte einmal kennen zu lernen. Ruf' sie nur herein, wir
setzen uns inzwischen. Das war sehr richtig von dir, Aglaja, was du da
sagtest. Haben Sie schon davon gehört, Fürst?« wandte sie sich an den
Fürsten Sch.
»Oh, gewiß; in Ihrem Hause. Doch was mich besonders interessiert, ist --
jene jungen Leute mit eigenen Augen zu sehen,« antwortete Fürst Sch.
»Das sind jetzt also Nihilisten, nicht wahr?«
»Nein, nicht gerade Nihilisten,« griff sofort Lebedeff, der vor
Aufregung nicht wußte, wo er sich lassen sollte, einen Schritt
nähertretend, das Wort auf; »sie gehören zu einer anderen, einer ganz
besonderen Kategorie. Mein Neffe sagt, sie gingen viel weiter als die
Nihilisten. Eure Exzellenz glauben vielleicht, sie durch Eurer Exzellenz
Anwesenheit einzuschüchtern; das wäre aber ein großer Irrtum Eurer
Exzellenz: die pfeifen drauf! Nihilisten sind mitunter auch verständige
Leute, sogar gelehrte Leute, diese aber sind weitergegangen, sie sind
vor allem Geschäftsleute und beginnen sogleich mit der Tat. Diese Sorte
Menschen ist eigentlich nur eine gewisse Folge des Nihilismus, doch
wiederum auch keine direkte Folge, sondern sozusagen eine indirekte,
halb nur nach dem Hörensagen, und ihre Meinung äußern sie nicht etwa wie
jene in Zeitungsartikelchen, sondern direkt in Taten, sehen Sie! Und
nicht nur um die, nun, zum Beispiel, Sinnlosigkeit Puschkins, oder, zum
Beispiel, um die Notwendigkeit des Zerfalls des Russischen Reiches
handelt es sich bei ihnen! -- nein, sie erklären einfach, ein jeder habe
das Recht, wenn er nach irgend etwas Verlangen trägt, vor keinem
Hindernis mehr zurückzuschrecken oder sich von moralischen Bedenken
abhalten zu lassen, und wenn es auch heißt, bei der Gelegenheit acht
lebendige Menschen um einen Kopf kürzer zu machen. Deshalb würde ich
Ihnen, durchlauchtigster Fürst, aufrichtig abraten ...«
Doch der Fürst schritt bereits zur Tür, um sie den ungebetenen Gästen zu
öffnen.
»Sie verleumden sie, Lebedeff,« sagte er lächelnd, »Ihr Neffe hat Sie
gar zu sehr betrübt. Glauben Sie ihm nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich
versichere Sie, die Gorskys und Daniloffs[17] sind nur einzelne Fälle,
diese hier aber ... irren sich nur ... Nur würde ich nicht gern hier in
Gegenwart aller ... Verzeihen Sie, Lisaweta Prokofjewna, wenn ich die
jungen Leute nur auf einen Augenblick hierherbitte, damit Sie sie sehen
können, und sie dann wieder fortführe. -- Bitte, meine Herren!«
Ihn beunruhigte weniger die bevorstehende Aussprache, als ein gerader
qualvoller Gedanke: wie nun, wenn dieses Zusammentreffen, gerade an
diesem Tage und zu dieser Stunde, von irgend jemand absichtlich
herbeigeführt worden war, um gerade diesen Zeugen nicht etwa seinen
Sieg, sondern seine Niederlage zu zeigen? Doch das Quälendste waren die
Vorwürfe, die er sich selbst wegen seines »schändlichen, schamlosen
Argwohns« machte. Er wäre gestorben vor Scham, wenn jemand um seine
geheimen Gedanken gewußt hätte, und als die neuen Gäste auf die Terrasse
hinaustraten, war er aufrichtig bereit, sich unter allen Anwesenden in
sittlicher Beziehung für den Letzten der Letzten zu halten.
Auf die Terrasse traten im ganzen fünf Mann, vier neue Gäste und hinter
diesen der alte General Iwolgin -- höchst ereifert und aufgebracht und,
wie gewöhnlich in solchen Fällen, von überströmender Redelust. »Der
wenigstens wird zu mir halten!« dachte der Fürst lächelnd. Mit Hippolyt
war gleichzeitig auch Koljä wieder auf die Terrasse zurückgekehrt --
Hippolyt war einer von den vieren. Koljä redete eifrig auf ihn ein, doch
jener lächelte nur boshaft.
Der Fürst bat die Neueingetretenen, Platz zu nehmen. Sie waren aber alle
noch so unausgewachsene Jungen, daß man sich über sie, ihr Vorhaben und
die Umstände, die man mit ihnen machen mußte, nur wundern konnte. Iwan
Fedorowitsch Jepantschin zum Beispiel, der von dieser ganzen »neuen
Geschichte« nichts wußte und nichts begriff, ärgerte sich sogleich über
ihre Jugend und hätte sicherlich irgendwie gegen eine weitere
Verhandlung protestiert, wenn ihn nicht dies unerklärliche Interesse
seiner Gemahlin für die Privatangelegenheit des Fürsten stutzig gemacht
hätte. Übrigens blieb er zum Teil auch aus Neugier und zum Teil aus
Gutmütigkeit, in der Hoffnung, vielleicht auch helfen, doch jedenfalls
durch seine Autorität von Nutzen sein zu können. Da aber wagte es der
alte General Iwolgin, ihn von weitem zu grüßen, was Seine Exzellenz
sogleich wieder so empörte, daß er beschloß, »finster und schweigend
auszuharren«.
Übrigens war einer von den vier doch nicht mehr so ganz jung -- so an
die Dreißig; das war jener Unterleutnant aus der Rogoshinschen Rotte,
»der Boxer« genannt, der »einst selbst an die fünfzehn Rubel den
Bettlern gegeben«. Er begleitete die übrigen drei als aufrichtiger
Freund zur Unterstützung ihres Mutes und, falls erforderlich, auch ihrer
Muskeln. Unter den übrigen drei spielte die erste Rolle natürlich
derjenige, der von sich behauptete, Pawlischtscheffs Sohn zu sein; doch
stellte er sich dessenungeachtet als Antip Burdowskij vor. Er war ein
langer, magerer, blonder, junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren, in
ärmlicher Kleidung, die sich noch durch Unordentlichkeit, Schmierigkeit
und fast spiegelblanke Ellenbogen auszeichnete; die Weste hatte er bis
zum Halse zugeknöpft, die Wäsche war Gott weiß wo geblieben, die
Krawatte war bis zur Unglaublichkeit fettig und fast zur Schnur
zusammengerollt; die Hände waren ungewaschen, das Gesicht sehr finnig,
und der Blick war, wenn man sich so ausdrücken kann, unschuldig-frech.
Dennoch lag in seinem Gesicht keine Spur von Ironie oder Berechnung,
sondern nur ein stumpfes Berauschtsein von seinem »Recht« und
gleichzeitig ein seltsames Etwas, das sein unersättliches Bedürfnis,
beständig beleidigt zu sein oder sich beleidigt zu fühlen, mit
ziemlicher Deutlichkeit verriet. Er sprach aufgeregt und schnell, blieb
jedoch nach jeden drei Worten im Satz stecken, als wäre ihm das Stottern
angeboren oder als wäre er ein Ausländer.
Ihn begleiteten der Neffe Lebedeffs, der den Lesern bereits bekannt ist,
und Hippolyt. Diesen sah der Fürst zum erstenmal. Er war noch sehr jung,
-- siebzehn, höchstens achtzehn Jahre mochte er zählen; sein Gesicht
hatte einen klugen, doch stets gereizten Ausdruck und zeigte deutlich
die furchtbaren Anzeichen seiner Krankheit. Mager war er wie ein
Skelett, seine Augen glänzten, und auf den eingefallenen Wangen von
gelblich-bleicher Farbe zeichneten sich zwei rote Flecke ab. Er hustete
sehr stark und sein Atmen hatte etwas Pfeifendes. Man sah es ihm sofort
an, daß er im höchsten Grade schwindsüchtig war -- zwei bis drei Wochen
konnte er vielleicht noch leben. Er war erschöpft und ließ sich als
erster auf einen Stuhl nieder. Die anderen waren im ersten Augenblick
etwas zeremoniell und fast sogar schüchtern geworden, blickten indes
doch noch möglichst wichtig drein und waren offenbar sehr darauf
bedacht, sich nicht irgendwie eine gesellschaftliche Blöße zu geben, was
mit ihrer Reputation, grundsätzliche Gegner aller unnützen
gesellschaftlichen Formen, aller Vorurteile und fast alles übrigen außer
der Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen zu sein, sehr sonderbar
harmonierte.
»Antip Burdowskij,« stellte sich eilig und doch stotternd der sogenannte
»Sohn Pawlischtscheffs« vor.
»Wladimir Doktorenko,« sagte klar und deutlich und als wolle er sich
damit brüsten, daß er ein Doktorenko war, der Neffe Lebedeffs.
»Keller!« brummte kurz und nicht sehr laut der verabschiedete
Unterleutnant.
»Hippolyt Terentjeff,« meldete sich als letzter mit ganz unerwartet
kreischender Stimme der Schwindsüchtige. Alle setzten sich in einer
Reihe auf die Stühle, gegenüber dem Fürsten; alle machten sie, nachdem
sie ihre Namen genannt, finstere Gesichter und nahmen, gleichsam um sich
zu ermutigen, die Mützen aus der einen Hand in die andere; alle
bereiteten sich vor, zu sprechen, doch keiner machte den Anfang, und so
schwiegen sie und erwarteten mit herausfordernden Mienen, was nun kommen
werde, während ihre Blicke selbstbewußt zu sagen schienen: »Nein,
Verehrtester, uns führt man nicht hinters Licht!« Man fühlte gleichsam,
daß sie, falls nur einer von ihnen den Mund auftun und mit einem Wort
beginnen würde, sogleich alle Mann ihm in die Rede fallen und dann kreuz
und quer durcheinander reden würden.