VI.

Lebedeffs Landhaus war nicht groß, dafür aber hübsch, und sogar sehr

bequem gebaut. Namentlich jener Teil des Hauses, der zum Vermieten

bestimmt war, zeichnete sich durch besonderen Schmuck aus. Auf der recht

geräumigen Terrasse, über die man von den nicht weit vorüberführenden

Parkwegen in die Wohnräume gelangte, standen in großen grünen Kübeln

mehrere Pomeranzen-, Zitronen- und Jasminbäume, die nach Lebedeffs

Meinung den Gesamteindruck der Villa zu einem geradezu verführerischen

machten. Diese Bäume hatte er zum Teil mit dem Landhaus zusammen

erstanden, und da sie ihm so ungemein gefielen, hatte er sich

entschlossen, auf einer Auktion noch etliche solcher Bäumchen zur

Erhöhung des wundervollen Effektes in gleichfalls grünen Kübeln zu

billigem Preise hinzuzukaufen. Als dann endlich alle Bäumchen auf der

Datsche angelangt und symmetrisch auf der Terrasse aufgestellt waren,

lief Lebedeff an jenem Tage alle fünf Minuten die paar Stufen der

Terrasse hinunter, um sich von der Straße aus am Anblick seines Besitzes

zu erfreuen, wobei er jedesmal in Gedanken die Summe erhöhte, die er von

seinem künftigen Datschenmieter verlangen würde. Dem Fürsten, der sich

nach dem Anfall müde, geschwächt, bedrückt und körperlich wie

zerschlagen fühlte, gefiel die Villa sehr. Übrigens hatte der Fürst am

Tage der Übersiedelung nach Pawlowsk äußerlich bereits das Aussehen

eines fast völlig Gesunden, wenn er sich auch innerlich immer noch sehr

angegriffen fühlte. Es war ihm in diesen drei Tagen besonders angenehm

gewesen, Menschen um sich zu haben: er freute sich über Koljäs

Anwesenheit, der fast ununterbrochen bei ihm saß, freute sich über die

ganze Familie Lebedeff -- ohne den Neffen, der irgendwohin verschwunden

war -- und empfing sogar mit Vergnügen den alten General Iwolgin, der

ihm schon am zweiten Tage seine Aufwartung machte. Am Tage der

Übersiedelung versammelte sich um ihn auf der Terrasse eine ganze Schar

von Bekannten, die sich alle nach seinem Befinden erkundigen wollten!

Zuerst kam Ganjä, der sich so verändert hatte und so abgemagert war, daß

der Fürst ihn kaum wiedererkannte. Darauf erschienen Warjä und Ptizyn,

die gleichfalls in Pawlowsk ihr eigenes Landhaus besaßen. General

Iwolgin dagegen schien sich bei Lebedeff ganz und gar einquartiert zu

haben, ja, er hatte sogar allem Anschein nach nur zu dem Zweck

Petersburg verlassen. Lebedeff bemühte sich freilich aus allen Kräften,

ihn vom Fürsten fernzuhalten, ging aber sonst ganz freundschaftlich mit

ihm um, offenbar waren sie schon lange mit einander bekannt. In den

letzten drei Tagen hatte der Fürst bemerkt, daß sie mitunter lange

Gespräche führten, nicht selten im Eifer des Disputs sogar schrien und

zeterten, und zwar schien es sich dann gewöhnlich um wissenschaftliche

Probleme zu handeln, die Lebedeff offenbar mit besonderem Vergnügen

erörterte. Ja, man konnte sogar glauben, daß ihm der General zu dieser

dialektischen Gymnastik einfach unentbehrlich war.

Leider erstreckte Lebedeff seine Vorsichtsmaßregeln auf Grund der

Schonungsbedürftigkeit des Fürsten auch auf alle anderen Hausbewohner,

auf seine Kinder sowohl, wie auf jeden Gast. Sobald sich erstere in der

Nähe der Terrasse zeigten, stürzte Lebedeff sofort wutschnaubend auf sie

los -- selbst mit Wjera, die stets das kleine Schwesterchen trug, machte

er keine Ausnahme -- und schrie sie trampelnd an, daß sie auf der

Terrasse, wo sich der Fürst gewöhnlich aufhielt, nichts zu suchen

hätten, obschon ihn dieser immer wieder bat, keinen Menschen von ihm

fernhalten zu wollen.

»Erstens tu' ich es deshalb, weil sonst jede Ehrerbietung aufhörte, wenn

man sie so 'rumlaufen ließe; und zweitens schickt es sich für sie auch

gar nicht ...« erklärte er schließlich auf die direkte Frage des

Fürsten, weshalb er sie nicht zu ihm ließ.

»Aber warum denn nicht?« wunderte sich der Fürst. »Ich versichere Sie,

daß Sie mich mit diesem Aufpassen und Bewachen nur quälen. Ich habe

Ihnen doch gesagt, daß ich mich oft langweile, wenn ich hier allein im

Freien sitze, Sie selbst aber fallen mir mit Ihren ewigen lebhaften

Gesten und dem Umherschleichen auf den Fußspitzen weit mehr auf die

Nerven.«

Der Fürst wollte ihm zu verstehen geben, daß er ihn nur quäle: er, der

alle anderen unter dem Vorwande der Ruhebedürftigkeit des Kranken

davonjagte, selbst dagegen fast alle Viertelstunden einmal zum Fürsten

kam, wobei er jedesmal dasselbe Manöver wiederholte, das er von

Ferdyschtschenko gelernt haben mußte: hatte er die Tür aufgemacht, so

steckte er zuerst nur den Kopf durch die Spalte, betrachtete das Zimmer

und den Fürsten -- ganz als hätte er Angst gehabt, der Kranke könne am

Ende gar fortgelaufen sein, und als wolle er sich daher nur von seiner

Anwesenheit überzeugen -- und dann erst trat er vorsichtig auf den

Fußspitzen herein, um sich geradezu schleichend dem Fürsten zu nähern,

so daß er diesen oftmals wirklich erschreckte. Ewig erkundigte er sich

nach seinen Wünschen, und als der Fürst ihn endlich bat, ihn doch nicht

immer zu belästigen, da machte er sofort gehorsam kehrt, schlich wieder

auf den Fußspitzen zur Tür, wobei er die ganze Zeit ängstlich abwehrend

die Hände bewegte (was etwas an das Flügelschlagen einer Krähe

erinnerte), als hätte er damit sagen wollen, daß er ja kein Wort mehr

rede, er gehe ja schon und werde nicht mehr stören, um Gottes willen nie

mehr stören. Nach zehn Minuten aber -- oder spätestens einer

Viertelstunde -- öffnete sich wieder die Tür und Lebedeff steckte von

neuem den Kopf ins Zimmer. Daß Koljä zu jeder Zeit beim Fürsten

eintreten durfte, rief in Lebedeff tiefen Kummer und sogar gekränkten

Unwillen hervor. Alsbald jedoch bemerkte Koljä, daß Lebedeff bisweilen

eine halbe Stunde lang hinter der Tür stand und horchte, was im Zimmer

gesprochen wurde. Natürlich teilte er seine Entdeckung sofort dem

Fürsten mit.

»Sie scheinen mich ja förmlich als Ihren Privatbesitz zu betrachten und

hinter Schloß und Riegel halten zu wollen,« protestierte der Fürst. »Ich

bitte Sie, doch wenigstens hier in der Sommerfrische Ihr Verhalten zu

ändern, und im übrigen versichere ich Sie, daß ich hier jeden Menschen,

wenn es mir paßt, empfangen und zu jeder Zeit ganz nach meinem Gutdünken

ausgehen werde.«

»Aber ohne den allermindesten, den allerleisesten Zweifel!« pflichtete

Lebedeff sogleich mit beschwichtigendem Handwinken bei.

Der Fürst musterte ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen.

»Sagen Sie mal, Lukjan Timofejewitsch, haben Sie Ihr Schränkchen, das

Sie in Ihrer Petersburger Wohnung über dem Bett hatten, bereits

hergeschafft?«

»Nein, das ist dort geblieben.«

»Was Sie sagen? Ist's möglich?«

»'s geht nicht: man müßte es aus der Wand herausbrechen ... zu fest, zu

fest.«

»Aber vielleicht haben Sie hier auch so ein Schränkchen?«

»Sogar noch ein besseres, ein noch viel besseres, hab's mitsamt der

Datsche gekauft.«

»A--h! ... Wer war's, den Sie vorhin nicht zu mir hereinlassen wollten?

Vor etwa einer Stunde.«

»Das ... das war sozusagen der General. Allerdings: ich ließ ihn nicht

zu Ihnen, das stimmt, und es ist auch besser so -- es schickt sich

nicht. Wissen Sie, Fürst, ich achte diesen Menschen sehr hoch, jawohl,

er ist ... ist sozusagen ein durch und durch großartiger Mensch. Sie

glauben mir nicht? Nun, Sie werden selbst sehen, aber wie gesagt,

trotzdem -- besser ist besser, und ich sage Ihnen: es ist besser,

durchlauchtigster Fürst, Sie empfangen ihn nicht bei sich.«

»So, und weshalb denn das, wenn man fragen darf? Und weshalb stehen Sie

jetzt wieder die ganze Zeit auf den Fußspitzen, Lebedeff, und weshalb

nähern Sie sich mir jedesmal, als wollten Sie mir ein ungeheures

Geheimnis mitteilen?«

»Gemein, gemein bin ich, ich fühl's ja selbst,« war Lebedeffs

unerwartete Antwort, und reuig schlug er sich vor die Brust. »Wird aber

der General nicht allzu gastfreundlich für Sie sein?«

»Allzu gastfreundlich?«

»Jawohl ja. Erstens: wie ich merke, schickt er sich bereits an, sich bei

mir häuslich niederzulassen. Na, das mag noch hingehen. Zweitens ist er

seinen Mitmenschen überaus zugetan, und das sogar in solchem Übermaße,

daß er sich sofort jedem als Verwandten vorstellt. Wir beide haben uns

schon mehrmals klipp und klar bewiesen, daß wir unbedingt verwandt sein

müssen, und wie er nun herausgetüftelt hat, sind wir auch über diese und

jene und noch eine dritte hinweg verschwägert. Also bon, mir soll's

recht sein. Aber auch Sie, Durchlauchtigster Fürst, sind, wie er mir

ausführlich erklärt hat, mütterlicherseits der Neffe seiner Nichte --

hat's mir noch gestern mathematisch bewiesen. Sind Sie aber mit ihm

verwandt, so sind Sie es ja durch ihn auch mit mir, nach der neuen

Verfassung sozusagen. Aber was, das mag noch hingehen -- 'ne kleine

Schwäche, wie gesagt, und weiter nichts. Aber soeben hat er mir

versichert, daß er während seines ganzen Lebens, angefangen von seiner

Fähnrichszeit bis zum elften Juni vorigen Jahres, täglich niemals

weniger als zweihundert Personen zu Tisch gehabt habe. Schließlich

ging's sogar so weit, daß sie überhaupt nicht mehr von den Stühlen

aufstanden, so daß sie zirka dreißig Jahre lang täglich mindestens

fünfzehn Stunden zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend bei ihm speisten

und zwischendurch noch Tee tranken! Und das wohlgemerkt! ohne die

geringste Unterbrechung, kaum daß sie Zeit ließen, die Tischtücher zu

wechseln: der eine steht auf, geht fort, der andere kommt, setzt sich --

und an Fest- und Feiertagen gab es sogar _drei_hundert Menschen, und am

Tage der Feier des tausendjährigen Bestehens des Russischen Reiches

zählte er mir sogar _sieben_hundert vor! Das ist doch schauderhaft! So

etwas, bei Licht betrachtet, ist doch 'n schlimmes Zeichen! Und solche

Menschen bei sich zu empfangen, deren Gastfreundschaft mit einem so

endlosen Maßstabe gemessen werden muß -- da--da--das ist doch mehr als

riskant! Nun, sehen Sie wohl, und deshalb dachte ich denn auch so bei

mir, ob er für Sie vielleicht nicht gar zu gastfreundlich sein würde?«

»Aber Sie selbst stehen sich doch mit ihm, wir mir scheint, sehr gut?«

»Wie Brüder! Aber ich faß's ja auch nur als Scherz auf. Nun gut, wir

sind also verschwägert -- bon, mir soll's recht sein. Gereicht mir ja

nur zur Ehre. Und im übrigen erkenne ich auch trotz der zweihundert

Personen und der Jahrtausendfeier unseres Vaterlandes einen

außergewöhnlichen Menschen in ihm. Jawohl ja -- ich bin die

Aufrichtigkeit selbst. Sie, Fürst, beliebten vorhin ein Wort über

Geheimnisse fallen zu lassen, und zwar in dem Sinne, daß ich mich Ihnen

jedesmal so nähere, als hätte ich ein ungeheures Geheimnis mitzuteilen.

Damit haben Sie diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen: ich bin

nämlich soeben tatsächlich mit einem Geheimnis hergekommen. Die gewisse

Dame hat mich soeben wissen lassen, daß sie mit Ihnen unbedingt ein

heimliches Zusammentreffen wünscht.«

»Weshalb denn ein heimliches? Das ist durchaus nicht nötig. Ich werde

selbst zu ihr hingehen, meinetwegen heute noch.«

»Um--um--um Gottes willen!« winkte Lebedeff mit beiden Händen ab. »Und

sie fürchtet ja gar nicht das, was Sie vielleicht denken! Übrigens: das

Ungeheuer kommt jeden Tag, um sich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen

-- wußten Sie das schon?«

»Sie nennen ihn etwas gar zu oft ein Ungeheuer, das kommt mir sehr

verdächtig vor.«

»Aber ich bitte Sie, hier kann doch von Verdacht gar nicht die Rede sein

... und im übrigen wollte ich ja nur erklären,« lenkte Lebedeff schnell

ab, »daß die betreffende Dame nicht ihn, sondern einen ganz anderen

Menschen fürchtet, jawohl ...«

»Nun, wen denn? So sagen Sie doch endlich alles, was Sie zu sagen

haben,« drängte der Fürst ungeduldig, da ihn die Geheimnistuerei

Lebedeffs aufrichtig ärgerte.

»... Das ist aber eben das Geheimnis.«

Und Lebedeff lächelte vielsagend.

»Wessen Geheimnis?«

»Ihres, natürlich doch! Durchlauchtigster Fürst, Sie werden sich doch

wohl dessen entsinnen, daß Sie selbst mir verboten haben, auch nur mit

einem Wort davon zu sprechen,« sagte Lebedeff wichtigtuend, und nachdem

er sich an der krankhaften Ungeduld des anderen genugsam geweidet hatte,

schloß er plötzlich ganz unerwartet: »Sie fürchtet Aglaja Iwanowna.«

Der Fürst runzelte die Stirn und schwieg eine Weile.

»Bei Gott, Lebedeff, ich verlasse Ihre Villa,« stieß er mit einemmal

hervor. »Wo sind Gawrila Ardalionytsch und Ptizyns? Bei Ihnen? Die

wollen Sie wohl gleichfalls von mir fernhalten?«

»Sie kommen ja, sie kommen schon! Und sogar der General kommt mit ihnen.

Ich werde alle Türen aufreißen, alle meine Töchter herrufen, alle, alle,

sofort, sofort!« flüsterte Lebedeff erschrocken, wieder mit den Händen

beschwichtigend, und geschäftig stürzte er zur Tür, besann sich aber,

lief zur anderen Tür, zögerte jedoch auch dort und kehrte dann wieder

zur ersten zurück.

In dem Augenblick erschien Koljä auf dem Parkwege, sprang eilig die

Stufen zur Terrasse empor und meldete, daß ihm auf dem Fuße Gäste

folgten -- Lisaweta Prokofjewna mit ihren drei Töchtern.

»Soll ich Ptizyns und Gawrila Ardalionytsch hereinlassen? Ja oder nein?

Und den General?« fragte geschwind Lebedeff, den diese Nachricht in

höchste Aufregung versetzt hatte.

»Aber natürlich, weshalb denn nicht? Alle, wer nur zu mir kommen will.

Ich versichere Sie nochmals, Lebedeff, daß Sie sich in Ihrer Auffassung

meiner Beziehungen zu meinen Bekannten arg täuschen; Sie fassen alles

immer ganz anders auf. Ich habe nicht die geringste Ursache, mich vor

irgend jemand, sei es, wer es wolle, zu verbergen,« sagte der Fürst

lachend, und im Augenblick verzog auch Lebedeff sein Gesicht zu einem

Schmunzeln; denn trotz seiner ganzen Aufregung war er doch ersichtlich

äußerst zufrieden mit der Entwickelung der Dinge.

Koljäs Meldung erwies sich als richtig: er war den Damen nur ein paar

Schritte vorausgeeilt, so daß nun plötzlich von beiden Seiten Gäste

erschienen: aus dem Park näherten sich der Terrasse Jepantschins, und

durch die Zimmertür traten Ptizyns, Ganjä und General Iwolgin.

Jepantschins hatten von der Erkrankung des Fürsten und seiner

Anwesenheit in Pawlowsk soeben erst durch Koljä erfahren. Der General

hatte ihnen zwar schon vor drei Tagen von der in ihrer Stadtwohnung

vorgefundenen Visitenkarte des Fürsten erzählt und damit in seiner

Gemahlin die feste Überzeugung erweckt, daß der Fürst sogleich in

eigener Person auch in ihrer Villa erscheinen würde. Vergeblich wandten

die Töchter ein, daß ein Mensch, der ein halbes Jahr nicht geschrieben,

es wohl auch mit dem Besuch nicht so eilig haben werde, und außerdem

könne ihn ja noch viel Wichtigeres in Petersburg zurückhalten. Die

Generalin ärgerten diese Bemerkungen nicht wenig; sie hätte wetten

mögen, daß der Fürst unfehlbar am nächsten Tage erscheinen würde,

»obschon auch das noch unverzeihlich spät wäre«. Und so erwartete sie

ihn am nächsten Tage den ganzen Vormittag, doch leider vergeblich;

nachdem sie um eins ihr Frühstück ohne den Fürsten eingenommen hatten,

begann sie ihn zum Diner zu erwarten; da er jedoch auch zum Diner nicht

erschien, erwartete sie ihn zum Abend; doch als es gar zu dunkeln

begann, ohne daß der Fürst erschienen wäre, da ärgerte sie sich

dermaßen, daß sie in kürzester Zeit mit allen in Streit geriet und sich

aufs ärgste mit ihren Töchtern und ihrem Gatten verfeindete.

Selbstverständlich ward dabei ihrerseits mit keinem Wort des Fürsten

Erwähnung getan. Als aber Aglaja am dritten Tage bei Tisch plötzlich die

Bemerkung fallen ließ, daß _maman_ sich ja nur deshalb so ärgere, weil

der Fürst noch immer nicht käme (worauf der General sogleich vorbeugend

feststellte, daß er, der General, doch nichts dafür könne, das sei doch

nicht seine Schuld) -- da erhob sich Lisaweta Prokofjewna in hellem Zorn

und verließ, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer. Endlich bereits am

Abend, erschien Koljä und erzählte, daß der Fürst einen epileptischen

Anfall gehabt. Das Ergebnis dieser Mitteilung war, daß Lisaweta

Prokofjewna triumphierte, doch vorher bekam noch Koljä seinen Teil.

»Sonst sitzt er hier tagelang und ist nicht loszuwerden, diesmal aber

ist er nicht einmal auf den Gedanken gekommen, uns wenigstens zu

benachrichtigen, wenn er nicht selbst kommen konnte!«

Koljä wollte sich zwar sogleich wegen des »Nichtloszuwerden« gekränkt

fühlen, schob es aber noch auf; wenn nicht das Wort an sich gar so

beleidigend gewesen wäre, hätte er die Bemerkung sogar ganz verziehen,

dermaßen freuten ihn die Aufregung und Unruhe Lisaweta Prokofjewnas nach

der Mitteilung von der Krankheit des Fürsten. Sie bestand sofort mit

allem Nachdruck auf der Notwendigkeit, einen Diener nach Petersburg zu

senden, um eine der größten medizinischen Berühmtheiten zur Konsultation

zu bitten; doch die Töchter rieten davon ab. Doch wollten sie ihrer

Mutter nicht nachstehen, als diese sich sogleich aufmachte, um den

Kranken zu besuchen.

»Er liegt im Sterben, und da sollen wir nun Zeremonien beobachten!« rief

sie erregt. »Ist er ein Freund unseres Hauses oder nicht?«

»Nur finde ich es nicht ratsam, sich anderen Menschen aufzudrängen,«

wagte zwar Aglaja einzuwenden, doch die Mutter bemerkte hierauf nur

scharf:

»Dann geh nicht mit. Und du tust sogar sehr gut daran: Jewgenij

Pawlowitsch wird kommen, und da wäre sonst niemand hier, der ihn

empfangen könnte.«

Nach diesen Worten folgte Aglaja natürlich sofort den anderen, was sie

übrigens sowieso zu tun beabsichtigt hatte. Fürst Sch., der sich mit

Adelaida unterhielt, war auf deren Bitte sogleich bereit, die Damen zu

begleiten. Er interessierte sich sehr für den Fürsten, nachdem ihm so

manches von diesem erzählt worden war. Übrigens war er mit ihm auch

persönlich bekannt: sie hatten beide vor etwa drei Monaten in einem

Provinzstädtchen fast ganze zwei Wochen in ein und demselben Gasthof

gelebt. Er hatte auch seinerseits Jepantschins vom Fürsten erzählt, und

zwar äußerte er sich sehr sympathisch über ihn, weshalb er denn jetzt

gern seinen alten Bekannten besuchen wollte. Der General war nicht zu

Hause, und auch Jewgenij Pawlowitsch war noch nicht aus Petersburg

eingetroffen.

Lebedeffs Landhaus war von der Villa Jepantschin nicht mehr als

dreihundert Schritte entfernt. Die erste unangenehme Überraschung war

dort für Lisaweta Prokofjewna -- so viele Gäste anzutreffen (ganz

abgesehen davon, daß zwei oder drei von diesen ihr entschieden verhaßt

waren), und die zweite -- statt des auf dem Sterbebett geglaubten, einen

anscheinend vollkommen gesunden, elegant gekleideten, lachenden jungen

Mann zu erblicken, der sofort die Stufen der Terrasse hinunterstieg und

sie sichtlich erfreut begrüßte. Sie blieb sogar stehen vor Verwunderung

-- zum größten Gaudium Koljäs, der sie natürlich sehr gut über das

augenblickliche Befinden des Fürsten hätte aufklären können, als sie

noch nicht zum Besuch aufgebrochen war. Er hatte es jedoch absichtlich

unterlassen, um sich an ihrem Zorn ergötzen zu können, wenn sie, die dem

Fürsten von Herzen das Beste wünschte, diesen bei guter Gesundheit

antraf. Ja, Koljä war sogar so taktlos, daß er seinen Gedanken laut

aussprach, was er wiederum nur deshalb tat, um Lisaweta Prokofjewna zu

necken. Solche Neckereien waren trotz der sie verbindenden Freundschaft

gang und gäbe zwischen ihnen.

»Wart' noch ein wenig, mein Lieber, beeile dich nicht allzusehr, verdirb

nicht deinen Triumph!« versetzte Lisaweta Prokofjewna, indem sie sich

auf den vom Fürsten ihr hingeschobenen Sessel niederließ.

Lebedeff, Ptizyn und der alte General Iwolgin beeilten sich, sogleich

den jungen Damen Stühle zu bringen. Der General brachte seinen Stuhl

Aglaja. Lebedeff eilte auch zum Fürsten Sch. mit einem Stuhl und bot ihn

mit einer so tiefen Verbeugung an, als hätte er durch die Krümmung

seines Rückgrates die Tiefe seiner Ergebenheit ausdrücken wollen. Warjä

begrüßte die jungen Mädchen wie gewöhnlich, mit ihnen flüsternd und ganz

begeistert.

»Es ist wahr, Fürst, ich glaubte wirklich, dich womöglich im Bett

vorzufinden; denn als ich von deiner Erkrankung hörte, mußte ich in der

Angst natürlich gleich übertreiben. Aber lügen werde ich deshalb um

keinen Preis, und so hör' du es nur ruhig, daß ich mich über dein

glückliches Gesicht furchtbar ärgerte; aber, ich schwöre dir, das tat

ich nur einen Augenblick, bis ich den richtigen Gedanken erfaßt hatte.

Wenn ich eine Sache erst erfaßt habe, handle und rede ich immer viel

klüger; ich glaube, du auch. Jetzt aber kann ich dir sagen, daß ich mich

über die Genesung meines leiblichen Sohnes, wenn ich einen hätte,

vielleicht weniger freuen würde, als über die deine; wenn du mir das

nicht glaubst, so hast du dich zu schämen und nicht ich. Dieser boshafte

Bengel aber erlaubt sich mir gegenüber doch etwas zu weitgehende

Scherze. Du protegierst ihn, glaube ich? Nun, dann sage ich dir im

voraus, daß ich eines schönen Tages auf das Vergnügen seiner weiteren

Bekanntschaft verzichten werde.«

»Ja, aber was habe ich denn verbrochen?« fragte Koljä lachend. »Selbst

wenn ich Ihnen auch noch so überzeugend versichert hätte, daß der Fürst

fast schon gesund sei, Sie hätten es mir doch nicht glauben wollen; denn

ihn sich als Sterbenden vorzustellen, war doch unvergleichlich

interessanter.«

»Wirst du lange hierbleiben?« wandte sich Lisaweta Prokofjewna brüsk an

den Fürsten.

»Den ganzen Sommer und vielleicht noch länger.«

»Du bist doch allein? Nicht verheiratet?«

»Nein, nicht verheiratet,« antwortete der Fürst, lächelnd über die

Naivität dieses Stiches.

»Da ist nichts zu lächeln; das kommt vor. Ich rede von der Datsche, --

weshalb bist du nicht zu uns gekommen? Bei uns steht ein ganzer

Seitenflügel leer. Übrigens, wie du willst. Wohnst du bei diesem? Bei

dem da?« fragte sie halblaut, mit einem Kopfnicken auf Lebedeff weisend.

»Was fehlt ihm, weshalb kann er nicht ruhig stehen?«

In dem Augenblick trat Wjera aus dem Zimmer auf die Terrasse; wie

gewöhnlich trug sie das Kindchen auf den Armen. Lebedeff, der sich

zwischen den Stühlen der Gäste hin und her wand und entschieden nicht

wußte, wo er sich lassen sollte -- jedenfalls aber um alles in der Welt

nicht die Terrasse verlassen wollte -- stürzte sich plötzlich, wie

besessen mit den Armen fuchtelnd, seiner Tochter entgegen, um sie nur ja

fortzutreiben, und in der Hitze vergaß er sich sogar so weit, daß er mit

den Füßen trampelte.

»Was fehlt ihm, ist er wahnsinnig?« fragte die Generalin erschrocken.

»Nein, er ist ...«

»Betrunken vielleicht? Nein, dein Umgangskreis ist nicht nach meinem

Geschmack, offen gesagt, mein Lieber,« meinte sie schroff, während ihr

Blick auch die anderen Gäste streifte. »Aber wer war dieses reizende

Mädchen?«

»Das war Wjera Lukjanowna, die Tochter dieses Lebedeff.«

»Ah! ... Wirklich reizend. Ich möchte sie kennen lernen.«

Kaum hatte Lebedeff die lobenden Worte der Generalin aufgefangen, als er

seine Tochter auch schon mit Gewalt herbeizog, um sie untertänigst

vorzustellen.

»Waisen, Waisenkinder!« erläuterte er zerschmelzend. »Und dieses

Kindchen im Steckkissen -- ist gleichfalls eine Waise, ihr Schwesterchen

und meine Tochter, Ljubow mit Namen, und geboren in gesetzmäßigst

geschlossener Ehe, von meiner jüngst verstorbenen Gattin Helena, die vor

sechs Wochen im Kindbett, wie gesagt, gestorben ist, nach Gottes

Ratschluß ... jawohl. Und sie vertritt jetzt Mutterstelle an der

Kleinen, obwohl sie nur ihre Schwester ist, nicht mehr und nicht

weniger, als ihre Schwester, glauben Sie mir ...«

»Und du, Väterchen, bist nicht mehr und nicht weniger als ein Dummkopf,

verzeih mir, aber das kannst du mir gleichfalls glauben. Nun, genug, du

wirst mich schon richtig verstehen, denke ich,« schnitt ihm Lisaweta

Prokofjewna ungehalten das Wort ab.

»Stimmt! Mir aus der Seele gesprochen!« sagte Lebedeff, sich

ehrfurchtsvoll und tief vor ihr verneigend.

»Hören Sie, Herr Lebedeff, ist es wahr, daß Sie die Apokalypse

auslegen?« fragte Aglaja.

»Jawohl! Die reinste Wahrheit ... seit fünfzehn Jahren.«

»Ich habe davon gehört. Es ist von Ihnen auch in den Zeitungen

geschrieben worden, glaube ich, nicht?«

»Nein, nicht von mir, aber von einem anderen, jawohl, einem anderen,

aber der ist jetzt tot, und nun bin ich an seiner Stelle,« berichtete

Lebedeff ganz außer sich vor Freude.

»Oh, dann seien Sie so gut und erklären Sie sie mir einmal gelegentlich,

als unser nunmehriger Nachbar! Ich verstehe so gut wie nichts von der

ganzen Apokalypse.«

»Ich kann leider nicht umhin, Aglaja Iwanowna, Sie darauf aufmerksam zu

machen, daß diese ganze Auslegung seinerseits nichts als Scharlatanerie

ist, ich versichere Sie,« mischte sich plötzlich General Iwolgin ein,

der neben Aglaja wie auf Nadeln saß und in größter Ungeduld eine

Gelegenheit erwartete, gleichfalls etwas sagen zu können. »Ich verstehe

ja, Nachbarschaft zieht gewisse Privilegien nach sich,« fuhr er in

demselben Tone fort, »verknüpft mit Pflichten und Vorrechten, und der

Empfang eines solchen Scharlatans um der Auslegung der Apokalypse willen

ist zwar ein Einfall wie jeder andere oder vielmehr ein Einfall, der

durch das Niveau seiner geistigen Höhe sogar bemerkenswert ist, doch ich

... Sie sehen mich, wie ich bemerke, etwas erstaunt an? General Iwolgin

-- habe die Ehre, mich vorzustellen. Ich habe Sie auf den Armen

getragen, Aglaja Iwanowna.«

»Freut mich sehr. Ich bin mit Warwara Ardalionowna und Nina Alexandrowna

bekannt,« murmelte Aglaja, sich auf die Lippen beißend, um nicht

aufzulachen. Doch Lisaweta Prokofjewna wurde rot vor Unwillen. Es hatte

sich in ihrem Herzen so manches angesammelt, das nun mit Gewalt zum

Ausbruch drängte. Sie konnte den General Iwolgin, mit dem sie einmal vor

langen, langen Jahren bekannt gewesen war, nicht ausstehen.

»Das lügst du natürlich wieder, wie gewöhnlich, niemals hast du sie auf

den Armen getragen!« fuhr sie ihn zornig an.

»Doch, _maman_, er hat mich tatsächlich auf den Armen getragen, in Twerj

war's,« bestätigte plötzlich Aglaja.

»Wir lebten damals in Twerj. Ich war vielleicht sechs Jahre alt, oh, ich

entsinne mich dessen noch ganz genau! Er machte mir auch einen Bogen und

Pfeile und lehrte mich, damit zu schießen, und ich traf auch eine Taube.

Erinnern Sie sich dessen, wie wir beide auf die Taube schossen?«

»Und mir schenkten Sie einen Helm aus Goldpappe und einen hölzernen

Säbel!« rief lustig Adelaida dazwischen.

»Ja, auch ich entsinne mich dessen,« bestätigte nun auch Alexandra. »Du

und Adelaida, ihr gerietet beide wegen der verwundeten Taube in Streit

und wurdet jede in einen Winkel gestellt; und Adelaida stand noch mit

ihrem Helm und Säbel im Winkel -- ein guter Soldat das!«

Der General hatte Aglaja wie gewöhnlich »_nur so_« erzählt, daß er sie

auf den Händen getragen habe, -- zum Teil, um ein Gespräch anzuknüpfen,

und zum Teil, weil er mit jedem jüngeren Menschen auf diese Weise das

Gespräch begann, wenn er einmal die Bekanntschaft eines solchen machte.

Diesmal aber hatte er ganz zufällig die Wahrheit gesagt, und gerade die

Wahrheit hatte er natürlich vergessen. Als ihn nun aber Aglaja so

unerwartet daran erinnerte, wie sie beide die Taube geschossen hatten,

entsann er sich plötzlich des ganzen Vorfalls, entsann sich seiner mit

allen Einzelheiten! So pflegt es nicht selten alten Leuten mit alten

Erinnerungen zu ergehen. Freilich ist es schwer, festzustellen, was

gerade an dieser Erinnerung so erschütternd auf den armen alten, auch

jetzt längst nicht nüchternen General wirken konnte: er war aber

tatsächlich ganz ergriffen.

»O ja, jetzt fällt es mir ein, ja! ich entsinne mich!« rief er vor

Freude ganz begeistert aus. »Ich war damals noch Hauptmann! Und Sie

waren so ein kleines, reizendes Ding! Nina Alexandrowna ... Ganjä ...

Ich wurde bei Ihnen empfangen ... Iwan Fedorowitsch ...«

»Und nun sieh, wie weit du es jetzt gebracht hast!« fiel ihm plötzlich

die Generalin ins Wort. »Aber es scheint, daß du deine edleren Gefühle

doch noch nicht gänzlich vertrunken hast, wenn alte Erinnerungen noch

einen so starken Eindruck auf dich machen können! Deine Frau aber hast

du doch zu Tode gequält. Anstatt deine Kinder zu erziehen, sitzt du im

Schuldgefängnis. Geh mal, Väterchen, geh mal fort von hier, geh in einen

Winkel und wein' ein bißchen, denk' an das Vergangene, und wie schön es

war, vielleicht wird dir Gott dann verzeihen. Geh mal, geh, ich rate dir

gut. Wenn man sich bessern will, ist das Beste, was man tun kann --

reuig an Vergangenes zu denken. Ich sage es dir im Ernst.«

Doch die Versicherung, daß sie es im Ernst sagte, war eigentlich

überflüssig: der General war, wie alle Trinker, im Grunde genommen

ungeheuer zartfühlend und verwand es nur schwer, wenn man ihn an seine

bessere Vergangenheit erinnerte. Er erhob sich und schritt gehorsam zur

Tür, so daß er Lisaweta Prokofjewna sofort leid tat.

»Ardalion Alexandrowitsch! Väterchen!« rief sie ihm schnell nach. »Wart'

noch einen Augenblick -- wir sind ja allesamt Sünder! Wenn du fühlst,

daß das Gewissen dich weniger drückt, dann komm zu mir auf ein

Stündchen, laß uns von den alten Zeiten plaudern. Ich habe ja vielleicht

noch fünfzigmal mehr gesündigt als du -- aber jetzt geh nur, adieu,

adieu, geh nur jetzt, was sollst du hier ...« drängte sie ihn

erschrocken fort, als er Miene machte, zurückzukehren.

»Gehen Sie ihm vorläufig noch nicht nach!« hielt der Fürst Koljä auf,

der dem Vater folgen wollte. »Er würde sich nach einer Minute ärgern,

und damit wäre die ganze Stimmung verdorben.«

»Das ist wahr, laß ihn jetzt in Ruh'; nach einer halben Stunde kannst du

gehen,« entschied Lisaweta Prokofjewna.

»Da sieht man, was das heißt, einmal im Leben die Wahrheit zu hören --

hat doch bis zu Tränen auf ihn gewirkt!« wagte Lebedeff zu bemerken.

»Nun, Väterchen, auch du mußt gut sein, wenn es wahr ist, was ich von

dir gehört habe!« setzte ihm die Generalin sofort einen Dämpfer auf.

Die Stellungnahme der Gäste zueinander sprach sich allmählich deutlicher

aus. Der Fürst, der die ganze Größe der Anteilnahme Lisaweta

Prokofjewnas und ihrer Töchter durchaus zu schätzen wußte, fühlte sich

verpflichtet, der Generalin zu sagen, daß es seine feste Absicht

gewesen, sie spätestens morgen, wenn nicht noch an diesem Abend trotz

der späten Stunde und seiner angegriffenen Gesundheit zu besuchen.

Lisaweta Prokofjewna meinte hierauf -- nach einem Blick auf seine Gäste

--, daß er es ja doch sogleich tun könne, worauf Ptizyn, als höflicher

und stets verträglicher Mensch, sich sogleich erhob und sich zu

Lebedeffs zurückzog. Beim Hinausgehen machte er noch den Versuch, auch

Lebedeff mitzuziehen; doch dieser machte sich mit einem »Sofort, sofort,

werde mich sofort hier losmachen« von -- Ptizyn los und blieb natürlich.

Warjä hatte inzwischen mit den jungen Mädchen ein Gespräch angeknüpft.

Sie und Ganjä atmeten erleichtert auf, als ihr Vater hinausgegangen war.

Ganjä folgte jedoch bald Ptizyns Beispiel. In der kurzen Zeit, die er

auf der Terrasse verbracht, hatte er sich bescheiden und doch würdig

gehalten und sich durch die strengen Blicke Lisaweta Prokofjewnas nicht

im geringsten einschüchtern lassen. Er hatte sich im Vergleich zu früher

allerdings sehr verändert, was Aglaja überaus gefiel.

»Das war doch Gawrila Ardalionytsch, der soeben hinausging?« fragte sie

plötzlich, wie sie es gewöhnlich zu tun pflegte, laut, schroff, ohne

sich an jemand persönlich zu wenden oder sich darum zu kümmern, daß sie

mit ihrer Frage das Gespräch der anderen unterbrach.

»Allerdings,« antwortete der Fürst.

»Ich habe ihn kaum wiedererkannt. Er hat sich auffallend verändert, und

zwar ... bedeutend zu seinem Vorteil.«

»Das freut mich sehr für ihn,« sagte der Fürst.

»Er war sehr krank,« bemerkte Warjä mit erfreutem Mitleid.

»Inwiefern zu seinem Vorteil verändert?« fragte fast zornig und

erschrocken die Generalin. »Wie kommst du darauf? Ich finde nichts

Besseres. Was scheint dir denn jetzt an ihm besser?«

»Etwas Besseres als den >armen Ritter< gibt es überhaupt nicht!« rief

plötzlich Koljä, der die ganze Zeit hinter dem Stuhl Lisaweta

Prokofjewnas gestanden hatte, pathetisch aus.

»Der Meinung bin auch ich,« sagte Fürst Sch. lachend.

»Und ich gleichfalls,« erklärte Adelaida.

»Was ist das für ein >armer Ritter<?« fragte die Generalin

verständnislos und blickte ärgerlich die Sprechenden an. Als sie aber

sah, daß Aglaja plötzlich rot wurde, fuhr sie ungehalten auf: »Welch ein

Unsinn! Was ist denn das für ein >armer Ritter<?«

»Ach, hat denn dieser Bengel, Ihr Liebling Nikolai Ardalionytsch, noch

nicht genug Worte verdreht!« lenkte Aglaja mit hochmütigem Unwillen ab.

Wenn Aglaja sich ärgerte -- und das tat sie ziemlich oft -- blickte

durch ihren scheinbaren Ernst und abweisenden Stolz so viel Kindliches,

daß es mitunter ganz unmöglich war, bei ihrem Anblick ernst zu bleiben

(was übrigens Aglaja zu noch größerem Ärger reizte, da sie es gar nicht

begreifen konnte, »wie man _überhaupt wagen durfte_, über sie zu

lachen!«). So brachen denn auch diesmal die Schwestern in Lachen aus,

auch Fürst Sch. lachte, und selbst Fürst Lew Nikolajewitsch, der

plötzlich aus irgendeinem Grunde gleichfalls ganz rot geworden war,

mußte lächeln. Koljä triumphierte darüber und amüsierte sich köstlich.

Aglaja aber ärgerte sich über alle Maßen, und das stand ihr vorzüglich:

sie wurde noch reizender durch ihre Verwirrung und den Ärger über diese

ihre Verwirrung.

»... Oder haben Sie schon vergessen, _maman_, wie oft er den Sinn Ihrer

eigenen Worte entstellt hat?« fragte sie verletzt.

»Aber wieso, ich wiederhole doch ganz wortgetreu Ihren eigenen Ausruf!«

verteidigte sich Koljä eifrig. »Vor einem Monat blätterten Sie im >Don

Quijote< und plötzlich riefen Sie buchstäblich aus, etwas Besseres als

den >armen Ritter< gäbe es überhaupt nicht. Leider weiß ich nicht, von

wem die Rede war: von Don Quijote oder Jewgenij Pawlowitsch oder

vielleicht von irgendeinem Dritten; nur konnte ich konstatieren, daß

jedenfalls von einer bestimmten Persönlichkeit gesprochen worden war,

und zwar offenbar schon recht lange ...«

»Mein lieber Junge, ich sehe, du erlaubst dir mitunter doch etwas zuviel

mit deinen Voraussetzungen,« unterbrach ihn die Generalin ärgerlich.

»Aber was habe ich denn getan?« wunderte sich der nicht zum Schweigen zu

bringende Koljä. »Ich habe doch meines Wissens durchaus keine

Indiskretion begangen: alle sprachen damals davon, und das tun sie ja

auch jetzt: soeben sprachen doch noch Fürst Sch. und Adelaida von ihm,

und alle sagten damals, daß sie für den >armen Ritter< ständen! Folglich

muß es doch diesen >armen Ritter< nicht nur in der Literatur, sondern

wirklich und leibhaftig geben, und meiner Meinung nach ist es nur die

Schuld Adelaida Iwanownas, daß wir ihn noch nicht näher kennen.«

»Meine Schuld? Um Gottes willen, was habe ich denn verbrochen?« fragte

Adelaida lachend.

»Ganz einfach das, daß Sie nicht sein Porträt gemalt haben! Aglaja

Iwanowna bat Sie damals, den >armen Ritter< zu malen, und wird Ihnen

wohl auch ganz genau beschrieben haben, wie sie sich das Bild dachte,

Sie aber ...«

»Aber was hätte ich denn malen sollen? Von dem Sujet heißt es doch:

>Und niemals sah man ihn schlagen

Zurück das feste Visier.<

Sämtliche Werke 3-4 · 第 38 / 75 题