II.

General Jepantschin wohnte in seinem eigenen Hause, etwas abseits von

der Liteinaja, in der Richtung zur Heiligen Verklärungskirche. Außer

diesem äußerst stattlichen Hause, von dem fünf Sechstel vermietet waren,

besaß der General noch ein riesiges Haus an der Ssadowaja, das ihm

gleichfalls sehr viel eintrug. Ferner besaß er in der nächsten Nähe

Petersburgs ein überaus rentables und durchaus nicht so kleines Gut und

dann noch, gleichfalls im Petersburger Kreise, irgendeine Fabrik. In

früheren Zeiten hatte sich der General, wie alle Welt wußte, an der

Branntweinpacht beteiligt, jetzt jedoch war er Mitglied einiger solider

Aktiengesellschaften, bei denen er eine einflußreiche Stimme im

Aufsichtsrat besaß. Jedenfalls galt er als schwerreicher Mann mit

Unternehmungsgeist und guten Verbindungen. An manchen Stellen, unter

anderem auch in seinem Dienst, hatte er sich fast unentbehrlich zu

machen gewußt. Indes wußte alle Welt, daß Iwan Fedorowitsch Jepantschin

ein Mann ohne besondere Bildung war und aus einer Soldatenfamilie

stammte. Letzteres konnte ihm zweifellos nur zur Ehre gereichen. Doch

hatte der General, obgleich sonst gerade kein Dummer, auch seine

kleinen, sehr verzeihlichen Schwächen, denen es zuzuschreiben war, daß

er gewisse Anspielungen auf seine Herkunft nichts weniger als gern

hörte. Im übrigen war er ein kluger und gewandter Mensch, der wußte, was

sich gehörte, und der seine Prinzipien hatte. So zum Beispiel hatte er

es sich zum Grundsatz gemacht, sich nie dort vorzudrängen, wo

zurückzustehen ratsamer war. Im allgemeinen wurde er wegen seiner

einfachen Natürlichkeit geschätzt, weil er sich nichts anmaßte, was ihm

nicht zukam, und weil er immer seinen Platz kannte. Währenddessen aber

-- oh, wenn diese Leute nur geahnt hätten, was bisweilen in der Seele

Iwan Fedorowitschs, der so gut seinen Platz kannte, vor sich ging! Doch

wieviel Lebenserfahrung er auch besaß -- und sogar einige recht

bemerkenswerte Fähigkeiten ließen sich ihm nicht absprechen --: er zog

es im allgemeinen durchaus vor, sich mehr als Vollstrecker fremder

Ideen, denn als ein aus eigener Initiative Handelnder hinzustellen. Er

war dabei aufrichtig, schmeichelte den Menschen nicht und -- was erlebt

man nicht alles in unserem Jahrhundert! -- gab sich sogar als ganzer,

echter, herzlicher Russe. In letzterer Beziehung sollen ihm sogar ein

paar amüsante Geschichtchen passiert sein, doch der General verzagte

nie, selbst angesichts der amüsantesten Geschichtchen nicht. Zudem hatte

er Glück, selbst im Kartenspiel. Ja, er spielte sogar sehr hoch und

bemühte sich nicht nur keineswegs, diese seine scheinbare kleine

Schwäche -- die ihm mitunter nicht wenig eintrug -- zu verbergen,

sondern kehrte sie noch absichtlich hervor. Sein Bekanntenkreis war ein

etwas gemischter, doch -- versteht sich -- gehörten zu ihm immerhin nur

reiche Leute. Aber es lag ja selbst alles noch vor ihm, jedes Ding hat

seine Zeit, und so mußte einmal doch alles an die Reihe kommen. Auch was

das Alter anbelangt, war der General sozusagen noch in den besten

Jahren, nämlich genau sechsundfünfzig Jahre alt, nicht weniger und

beileibe nicht mehr, was ja doch unter solchen Verhältnissen ein

blühendes Alter zu nennen ist, ein Alter, in dem das wirkliche Leben so

recht eigentlich erst beginnt. Gesundheit, frische Gesichtsfarbe, gute,

wenn auch schon etwas schwarz angelaufene Zähne, eine breitschultrige,

feste Gestalt, morgens im Dienst der ebenso besorgte und strenge, wie

abends am Kartentisch Seiner Durchlaucht heitere Gesichtsausdruck --

alles das trug zu den schon erreichten und noch bevorstehenden Erfolgen

des Generals in nicht geringem Maße bei und streute auf den Lebenspfad

Seiner Exzellenz duftende Rosen.

Der General besaß aber auch eine entsprechend blühende Familie. Freilich

waren die Rosen, die ihm hier erblühten, nicht immer ganz ohne Dornen,

doch dafür gab es wieder manches andere, auf Grund dessen sich die

größten und liebsten Hoffnungen Seiner Exzellenz gerade auf seinen

Nachwuchs konzentrierten. Welche Hoffnungen und Pläne könnten auch

wichtiger und heiliger sein, als diejenigen liebender Eltern? An was

soll man sich schließlich anklammern, wenn nicht an die Familie? Die

Familie des Generals bestand aus seiner Gattin und drei erwachsenen

Töchtern. Geheiratet hatte er schon vor sehr langer Zeit, als er noch

Leutnant war; seine Braut war fast in gleichem Alter mit ihm, zeichnete

sich weder durch besondere Schönheit noch durch Bildung aus, und als

Mitgift bekam sie auch nur fünfzig Seelen -- die allerdings zur

Grundlage seines späteren Reichtums wurden. Der General jedoch äußerte

in der Folge nie etwas, woraus man hätte schließen können, daß er seine

frühe Heirat bereue. Er behandelte sie nie als übereilte Handlung der

unüberlegten Jugend. Und seine Gemahlin achtete er so hoch und fürchtete

sie bisweilen so sehr, daß man sogar sagen mußte: er liebte sie. Sie

nun, die Generalin Jepantschin, stammte aus dem Hause der Fürsten

Myschkin, einem nicht gerade sehr glänzenden, doch dafür sehr alten

Geschlecht, und tat sich auf diese ihre Abkunft nicht wenig zugute. Eine

zu jener Zeit einflußreiche Persönlichkeit (einer jener Protektoren,

denen das Protegieren kein Geld kostet) hatte sich bereitgefunden, der

jungen Fürstin einen Gatten zu verschaffen. Er öffnete dem jungen

Offizier das Pförtchen zur Karriere und gab ihm den ersten Stoß, der ihn

auf dieser Bahn in Gang brachte. Der junge Mann aber bedurfte nicht

einmal einer so großen Hilfeleistung, es genügte ihm zunächst, wenn er

nur mit einem Blick bemerkt und nicht ganz übersehen wurde. Die

Ehegatten lebten, abgesehen von einzelnen wenigen Ausnahmen, bis zu

ihrer Silberhochzeit in bester Eintracht. Bereits in jungen Jahren hatte

die Generalin es verstanden -- dank ihrer fürstlichen Abstammung und als

Letzte ihres Stammes, vielleicht aber auch dank persönlicher Vorzüge --

einzelne hochgestellte Gönnerinnen zu finden, und mit der Zeit war sie,

dank ihrem Reichtum und der dienstlichen Stellung ihres Gemahls, im

Kreise dieser hochgestellten Personen sogar ein wenig heimisch geworden.

In den letzten Jahren waren die drei Töchter des Generals, Alexandra,

Adelaida und Aglaja, herangewachsen und lieblich erblüht. Freilich

hießen sie alle drei nur Jepantschin, doch waren sie mütterlicherseits

immerhin fürstlicher Abstammung, hatten keine geringe Mitgift zu

erwarten und besaßen einen Vater, der für die Zukunft noch Aussicht auf

einen vielleicht sogar sehr hohen Posten hatte. Außerdem waren sie alle

drei -- was gleichfalls von nicht geringer Bedeutung ist -- auffallend

schöne Mädchen, selbst die Älteste, Alexandra, die bereits das

fünfundzwanzigste Jahr überschritten hatte, nicht ausgenommen. Die

zweite war dreiundzwanzig Jahre alt und die Jüngste, Aglaja, kaum

zwanzig. Diese Jüngste war sogar eine ausgesprochene Schönheit und

lenkte denn auch in der Gesellschaft die allgemeine Aufmerksamkeit auf

sich. Aber das war noch längst nicht alles Gute, was sich von ihnen

sagen ließ: alle drei zeichneten sich nämlich auch durch Bildung,

Verstand und Talente aus. Auch wußte man zu erzählen, daß sie einander

sehr zugetan seien und in gutem Einvernehmen zusammenhielten. Ja, man

sprach sogar von gewissen Opfern, die die beiden älteren Schwestern der

Jüngsten, dem Abgott der ganzen Familie, zu bringen beabsichtigten. In

der Gesellschaft drängten sie sich nicht vor, sondern zogen sich

vielleicht sogar allzusehr zurück. Niemand konnte ihnen Hochmut oder

Eigendünkel vorwerfen, obschon ein jeder wußte, daß sie stolz waren und

ihren eigenen Wert kannten. Die Älteste war musikalisch, die Mittlere

besaß ein auffallendes Zeichentalent, doch davon hatte viele Jahre kein

Mensch etwas geahnt: erst in der letzten Zeit hatte man es plötzlich

entdeckt, und auch da nur ganz zufällig. Mit einem Wort, es wurde sehr

viel Lobenswertes von ihnen erzählt. Nichtsdestoweniger gab es auch

solche, die ihnen nicht gerade wohlwollten. So sprach man z. B. mit

wahrem Entsetzen davon, wieviel Bücher sie schon gelesen hätten. Mit dem

Heiraten hatten sie es nicht eilig. Vornehme Gesellschaft zogen sie

natürlich vor, doch machten sie sich schließlich auch nicht viel aus

ihr, was um so bemerkenswerter war, als jedermann den Charakter, die

Wünsche und Hoffnungen ihres Vaters kannte.

Es war bereits elf Uhr, als der Fürst an der Wohnung des Generals die

Klingel zog. Jepantschins wohnten im zweiten Stock, zwar möglichst wenig

protzig, doch ihrer gesellschaftlichen Stellung durchaus entsprechend.

Der Fürst, dem ein Diener in voller Livree öffnete, mußte ziemlich lange

mit diesem Menschen reden, der ihn und sein Bündel zuerst recht kritisch

musterte. Erst nach wiederholter und bestimmter Versicherung, daß der

Besucher tatsächlich Fürst Myschkin sei und den General in einer

wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünsche, führte ihn der ungläubige

Bediente in ein kleines Vorzimmer vor dem Empfangskabinett Seiner

Exzellenz und übergab ihn dort gewissermaßen der Obhut eines anderen

Dieners, der des Morgens in diesem Zimmer Dienst hatte und die zum

Besuch erscheinenden Herren anmelden mußte. Dieser zweite Diener trug

einen schwarzen Frack, mochte etwa vierzig Jahre zählen, zeigte eine

sorgenvolle Miene und besaß als spezieller Anmeldediener des Generals

Jepantschin ganz zweifellos höheren Wert.

»Warten Sie gefälligst im Empfangszimmer, das Bündel lassen Sie aber

hier,« sagte er jetzt, ohne sich zu beeilen, setzte sich darauf wichtig

auf seinen Stuhl und betrachtete mit strenger Verwunderung den Fürsten,

der, als wäre es ganz selbstverständlich, neben ihm auf einem anderen

Stuhl Platz genommen hatte, während er das Bündel immer noch in der Hand

trug.

»Wenn Sie erlauben,« sagte der Fürst, »werde ich lieber hier bei Ihnen

warten, was soll ich dort allein sitzen?«

»Im Vorzimmer ist nicht der richtige Platz für Sie; denn Sie sind ein

Besucher, also sozusagen ein Gast. Wollen Sie den General selbst

sprechen?«

Der Diener konnte sich offenbar nicht so schnell an den Gedanken, diesen

Menschen anmelden zu müssen, gewöhnen und entschloß sich daher,

vorsichtshalber nochmals zu fragen.

»Ja, ich habe die Absicht ...« sagte der Fürst.

»Ich frage Sie nicht nach Ihren Absichten, -- ich habe Sie nur

anzumelden. Aber ohne den Sekretär werde ich Sie doch nicht anmelden

können.«

Das Mißtrauen dieses Menschen schien noch zu wachsen: der Fürst glich

aber auch gar zu wenig den täglichen Besuchern, und wenn der General

auch recht oft zu einer festgesetzten Stunde sogar sehr

verschiedenartige Leute empfing -- vornehmlich in geschäftlichen

Angelegenheiten --, so war der Kammerdiener trotz aller Anweisungen

diesmal doch sehr im Zweifel darüber, was er tun sollte. Jedenfalls

erschien ihm die Mittlerschaft des Sekretärs mit jeder Minute

notwendiger.

»Ja, aber sind Sie auch wirklich ... aus dem Auslande gekommen?« fragte

er schließlich ganz unwillkürlich und verstummte sogleich etwas

betreten.

Er hatte wahrscheinlich fragen wollen: >Sind Sie auch wirklich Fürst

Myschkin?<

»Ja, ich komme direkt von der Bahn. Ich glaube jedoch, daß Sie mich

fragen wollten, ob ich auch wirklich Fürst Myschkin bin -- sprachen das

aber aus Höflichkeit nicht aus.«

»Hm!« brummte der verwunderte Lakai.

»Nun, ich versichere Sie, daß ich Ihnen nichts vorgelogen habe. Übrigens

werden Sie für mich nicht einzustehen brauchen. Und daß ich in diesem

Aufzuge und mit diesem Reisebündel erscheine, ist weiter nicht

verwunderlich, da meine Verhältnisse im Augenblick nicht glänzend sind.«

»Hm! Sehen Sie, das ist es eigentlich nicht, was ich befürchte. Sie

anzumelden, bin ich verpflichtet, und der Sekretär wird Sie empfangen,

außer wenn ... das ist es eben, dieses außer wenn ... Sie wollen doch

nicht, hm ... den General, wenn ich fragen darf, um eine Unterstützung

bitten? -- verzeihen Sie ...«

»O nein, in der Beziehung können Sie vollkommen ruhig sein. Ich habe ein

anderes Anliegen.«

»Sie müssen mich entschuldigen, ich fragte nur so ... aus Ihrem

Auftreten zu schließen ... Warten Sie, bis der Sekretär kommt. Der

General selbst arbeitet jetzt mit dem Obersten, dann aber kommt auch der

Sekretär.«

»Wenn ich lange warten muß, so möchte ich Sie um etwas bitten: könnte

ich hier nicht irgendwo ein wenig rauchen? Tabak und eine Pfeife habe

ich bei mir.«

»Ra--au--chen?« Der Diener blickte ihn mit verächtlicher Verwunderung

an, als traue er seinen Ohren nicht ganz. »Ra--au--chen? Nein, hier

dürfen Sie nicht rauchen. Schämen Sie sich denn gar nicht, an so etwas

auch nur zu denken? He! -- das ist mal nett!«

»Oh, ich fragte ja nicht, ob ich hier in diesem Zimmer rauchen könnte.

Ich weiß, daß das nicht geht. Ich wäre irgendwohin hinausgegangen, in

ein Vorhaus oder einen Korridor, den Sie mir gezeigt hätten; denn ich

bin sehr ans Rauchen gewöhnt, und heute habe ich seit ganzen drei

Stunden nicht geraucht. Übrigens, wie Sie meinen. Es gibt ja auch ein

Sprichwort: In ein fremdes Kloster kommt man nicht mit fremden Sitten

...«

»Wie soll ich Sie denn nun eigentlich anmelden?« brummte der

Kammerdiener fast unwillkürlich. »Erstens schon, daß dies hier doch

nicht der rechte Platz zum Warten für Sie ist! Sie müßten im

Empfangszimmer sitzen; denn Sie sind doch sozusagen ein Besucher, also

ebenso gut wie ein Gast, und mich wird man dann fragen ... oder haben

Sie ... haben Sie die Absicht, ganz bei uns zu bleiben?« fragte er

plötzlich mit einem neuen Seitenblick nach dem Bündel des Fürsten, das

ihm offenbar keine Ruhe ließ.

»Nein, die Absicht habe ich nicht. Selbst wenn man mich hier dazu

aufforderte, würde ich nicht bleiben. Ich bin einfach gekommen, um die

Familie kennen zu lernen, weiter nichts.«

»Was? Kennen zu lernen?« fragte der Kammerdiener verwundert mit

doppeltem Mißtrauen. »Aber Sie sagten doch, Sie hätten ein Anliegen?«

»Oh, eigentlich habe ich kein Anliegen. Das heißt, wenn Sie wollen, habe

ich allerdings ein Anliegen -- ich wollte um einen Rat bitten -- aber

hauptsächlich bin ich doch gekommen, um mich vorzustellen; denn ich bin

ein Fürst Myschkin, und auch die Generalin Jepantschin ist eine geborene

Fürstin Myschkin -- und außer uns beiden gibt es keine Myschkins mehr.«

»Was, so sind Sie sogar ein Verwandter?« Der Kammerdiener stutzte

erschrocken.

»Auch das eigentlich nicht. Oder wenn man durchaus will, sind wir auch

Verwandte, aber immerhin in so entferntem Grade, daß man es im Grunde

wohl kaum noch Verwandtschaft nennen kann. Ich habe bereits einmal aus

der Schweiz an die Generalin geschrieben, doch sie hat mir nicht

geantwortet. Dennoch halte ich es jetzt, nach meiner Rückkehr, für

nötig, wenigstens den Versuch zu machen, Beziehungen anzuknüpfen. Und

Ihnen erkläre ich das alles jetzt nur, damit Sie an meiner Identität

nicht zweifeln; denn, wie ich sehe, beunruhige ich Sie immer noch. Also

melden Sie getrost den Fürsten Myschkin an, der Grund meines Besuches

wird schon aus dieser Anmeldung zu ersehen sein. Empfängt man mich --

ist's gut. Empfängt man mich nicht -- ist's vielleicht ebenso gut,

vielleicht sogar besser. Nur können sie, glaube ich, keinen Grund haben,

mich nicht zu empfangen. Die Generalin wird doch sicherlich den einzigen

noch lebenden Träger ihres Namens kennen lernen wollen, um so mehr, als

sie, wie ich gehört habe, auf ihre fürstliche Herkunft etwas geben

soll.«

Die Unterhaltung des Fürsten war scheinbar die allergewöhnlichste, doch

je selbstverständlicher sie wurde, desto unverständlicher erschien sie

dem erfahrenen Kammerdiener. Jedenfalls konnte er nicht umhin,

herauszufühlen, daß doch manches, was sonst zwischen zwei Menschen sehr

wohl möglich ist, zwischen einem Gast und einem Diener dagegen ganz

unmöglich ist. Da nun die Dienstboten in der Regel viel klüger zu sein

pflegen, als ihre Herrschaft es im allgemeinen von ihnen voraussetzt, so

dachte auch der Diener Seiner Exzellenz, daß es sich hier nur um zwei

Möglichkeiten handeln könne: entweder war der Fürst irgend so ein

leichtsinniger Herumtreiber, der unfehlbar Seine Exzellenz anbetteln

wollte, oder er war einfach ein Dummkopf, der kein Standesbewußtsein

hatte, denn -- ein kluger Fürst mit Standesbewußtsein würde doch nicht

im Vorzimmer sitzen und mit einem Lakaien von seinen Privatverhältnissen

reden!? Wenn dem nun aber so war -- fiel dann nicht ihm als erfahrenen

Kammerdiener die Verantwortung zu?

»Aber Sie werden sich nun doch ins Empfangszimmer bemühen müssen,«

bemerkte er schließlich in möglichst bestimmtem Ton.

»Wenn ich dort gesessen hätte, würde ich Ihnen nichts erzählt haben,«

meinte halb lachend der Fürst, »und folglich würde Sie der Anblick

meines Mantels und Reisebündels immer noch ängstigen. So aber brauchen

Sie den Sekretär jetzt vielleicht nicht mehr zu erwarten und können mich

ohne fremde Mittlerschaft selbst anmelden?«

»Nein, einen Besuch wie Sie kann ich ohne den Sekretär nicht anmelden,

und überdies hat Seine Exzellenz vorhin noch ausdrücklich befohlen, daß

ich sie nicht stören soll, gleichviel wer da käme, solange der Oberst

bei ihr ist. Nur Gawrila Ardalionytsch kann unangemeldet eintreten.«

»Wer ist das -- ein Beamter?«

»Gawrila Ardalionytsch? Nein. Er ist ein Angestellter der

Handelsgesellschaft. Aber Ihr Bündel könnten Sie doch wenigstens dorthin

stellen.«

»Das war auch schon meine Absicht. Wenn Sie gestatten ... Übrigens --

ich werde auch den Mantel ablegen, was meinen Sie dazu?«

»Natürlich, Sie können doch nicht im Mantel eintreten.«

»Gewiß nicht.«

Der Fürst erhob sich, zog eilig seinen Mantel aus und stand nun in einem

zwar schon getragenen, jedenfalls aber noch sehr anständigen, kurzen

Rock von gut sitzendem, elegantem Schnitt vor dem ihn kritisch

musternden Diener. Über der Weste hing eine schlichte Stahlkette, an der

er eine silberne Genfer Uhr trug.

Wenn nun der Fürst auch ein Dummkopf war -- das hatte der Lakai bereits

festgestellt --, so schien es dem Kammerdiener Seiner Exzellenz doch als

unzulässig, daß er von sich aus das Gespräch mit dem Gast fortsetzte,

obschon ihm der Fürst aus irgendeinem Grunde gefiel -- in seiner Art,

versteht sich. Trotzdem aber erregte er immer noch seinen aufrichtigen

Unwillen.

»Wann empfängt die Generalin?« fragte der Fürst, nachdem er sich wieder

auf denselben Platz gesetzt hatte.

»Das ist nicht mehr meine Sache. Sehr verschieden übrigens, je nach

Wunsch. Die Modistin wird sogar schon um elf empfangen. Gawrila

Ardalionytsch gleichfalls früher als die anderen, sogar schon zum ersten

Frühstück.«

»Hier ist es in den Zimmern an kalten Wintertagen bedeutend wärmer als

im Auslande,« bemerkte der Fürst, »dafür aber ist es dort in den Straßen

wärmer als bei uns. Die Häuser sind dort im Winter dermaßen kalt, daß

ein echter Russe anfangs gar nicht in ihnen wohnen kann.«

»Heizt man denn dort nicht?«

»Das wohl, aber die Häuser sind anders gebaut, die Öfen und Fenster ...«

»Hm! Und wie lange beliebten Sie dort herumzureisen?«

»Ja so -- vier Jahre. Übrigens habe ich die ganze Zeit fast nur an einem

Ort gelebt, auf dem Lande.«

»Sind wohl unser Leben nicht mehr gewöhnt?«

»Auch das ist wahr. Glauben Sie mir, es wundert mich wirklich, daß ich

das Russische nicht verlernt habe. Da spreche ich nun mit Ihnen und

denke dabei doch die ganze Zeit: >Aber ich spreche ja wirklich gutes

Russisch!< Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich soviel rede.

Wirklich, seit dem gestrigen Tage würde ich am liebsten nur reden und

reden.«

»Hm! Hm! Haben Sie früher schon in Petersburg gelebt?« -- Wie sehr sich

der Diener auch beherrschen wollte, so weit konnte er sich doch nicht

überwinden, daß er ein so freundlich und fast sogar zuvorkommend mit ihm

geführtes Gespräch einfach einschlafen ließ.

»Ja Petersburg? So gut wie überhaupt nicht. Nur auf der Durchreise bin

ich hier gewesen. Ich habe die Stadt auch früher nicht gekannt, und

jetzt soll es ja hier, wie man hört, so viel Neues geben, daß selbst

diejenigen, die die Stadt früher gekannt haben, sie schwerlich

wiedererkennen könnten. Augenblicklich wird hier viel von der Reform

unserer Gerichte gesprochen.«

»Hm! ... Unsere Gerichte. Ja ... Gerichte, das ist schon wahr, das sind

eben Gerichte. Wie ist es dort: sind die Gerichte gerechter als bei

uns?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe aber gerade von unseren Gerichten viel

Gutes gehört. Da hat man jetzt auch die Todesstrafe bei uns

abgeschafft.«

»Wird man denn dort zum Tode verurteilt?«

»Ja. Ich habe einmal in Frankreich eine Hinrichtung gesehen. In Lyon.

Mein Arzt, Professor Schneider, hatte mich dorthin mitgenommen.«

»Wird dort gehängt?«

»Nein, in Frankreich wird nur enthauptet.«

»Schreien sie sehr?«

»Wo denken Sie hin! Es geschieht ja in einem Augenblick. Der Mensch wird

hingelegt, und dann fällt plötzlich von oben ein breites Messer auf

seinen Hals, mittels einer Maschine -- die Guillotine wird sie genannt

-- schwer, scharf, in einer Sekunde ... Der Kopf springt schneller vom

Rumpf ab, als man mit dem Auge einmal zwinkern kann. Die Vorbereitungen

aber nehmen viel Zeit in Anspruch. Zuerst wird dem Verbrecher das

Todesurteil vorgelesen, dann wird er angekleidet, gebunden und aufs

Schafott geführt -- das alles muß schrecklich sein! Das Volk läuft von

allen Seiten herzu, sogar Frauen, obschon man es dort sehr ungern sieht,

daß Frauen der Hinrichtung beiwohnen.«

»Ist auch nicht ihre Sache.«

»Natürlich nicht! Diese Qual! ... Der Verbrecher war ein intelligenter,

furchtloser, starker Mann, nicht mehr jung, Legros hieß er. Nun, glauben

Sie es mir oder glauben Sie es nicht: als er das Schafott bestieg --

weinte er, und sein Gesicht war so bleich, war so weiß wie Kalk. Wie ist

so etwas nur möglich? Ist das nicht grauenvoll? Welcher Mensch weint

denn vor Angst? Ich hätte nie gedacht, daß -- nicht ein Kind, -- aber

ein erwachsener Mensch vor Angst weinen könnte, ein Mann von

fünfundvierzig Jahren, der noch nie geweint hat! Was muß mit der Seele

in diesem Augenblick geschehen, bis zu welchen Krämpfen wird sie

gemartert? Eine Beschimpfung der Seele ist es, weiter nichts! Es heißt:

>Du sollst nicht töten< -- und nun soll man dafür, daß er getötet hat,

wiederum ihn töten? Nein, das kann doch unmöglich richtig sein. Es ist

schon über einen Monat her, daß ich es gesehen habe, und immer noch

glaube ich, es lebendig vor mir zu sehen. Fünfmal hat mir davon

geträumt.«

Der Fürst hatte sich geradezu in Eifer geredet: auf seinem blassen

Gesicht erschien ein leises Rot, wenn auch seine Rede ruhig blieb, wie

vorher. Der Kammerdiener hatte ihm mit großer Teilnahme und noch

größerem Interesse zugehört und hing mit den Blicken an ihm, als könne

er sich nicht von ihm losreißen. Vielleicht war dieser Bediente als

Mensch nicht ohne Phantasie und Denkvermögen.

»Gut wenigstens, daß die Schmerzen nicht groß sind,« meinte er, »hm, so

... wenn der Kopf abgehackt wird.«

»Wissen Sie was,« griff der Fürst angeregt diesen Gedanken auf, »was Sie

da soeben bemerkt haben, wird fast von allen ganz genau so

hervorgehoben. Auch wird die Maschine, die Guillotine, heutzutage

hauptsächlich deshalb benutzt. Mir aber kam damals etwas anderes in den

Sinn: wie, wenn das sogar noch schlimmer ist? Ihnen erscheint meine

Annahme vielleicht lächerlich, unmöglich, wenn man sich jedoch ein wenig

in die Stimmung des Verurteilten zu versetzen sucht, so kommt einem ganz

unwillkürlich der Gedanke an diese Möglichkeit. Denken Sie mal nach --

nun, nehmen Sie zum Beispiel die Folter: da gibt es Schmerzen und Wunden

und körperliche Qual, die aber lenkt einen doch von den seelischen

Qualen ab, so daß einen bis zum Augenblick des Todes nur die Wunden

quälen. Den größten, den quälendsten Schmerz aber verursachen vielleicht

doch nicht die Wunden, sondern das Bewußtsein, daß, wie man _genau

weiß_, nach einer Stunde, dann nur nach zehn Minuten, dann nach einer

halben Minute, sogleich, noch in diesem Augenblick -- die Seele den

Körper verlassen wird, und daß du dann kein Mensch mehr sein wirst, und

daß es doch unfehlbar geschehen muß. Das Entsetzlichste ist ja gerade

dieses >_Unfehlbar_<. Gerade wenn man den Kopf unter das Messer beugt

und dann hört, wie es von oben klirrend herabglitscht -- gerade diese

Viertelsekunden müssen die furchtbarsten sein! Dies ist nicht nur meine

Ansicht, müssen Sie wissen, sondern sehr viele haben dieselbe geäußert.

Ich bin aber so fest von der Richtigkeit meiner Annahme überzeugt, daß

ich Ihnen offen sagen will, wie ich darüber denke: für einen Mord

getötet zu werden ist eine unvergleichlich größere Strafe, als das

begangene Verbrechen groß ist. Laut Urteil getötet zu werden ist

unvergleichlich schrecklicher, als durch Räuberhand umzukommen. Wer von

Räubern ermordet wird, nachts, im Walde, oder sonstwo, hat zweifellos

noch bis zum letzten Augenblick die Hoffnung auf Rettung. Hat man doch

Beispiele erlebt, daß dem Betreffenden schon die Kehle durchgeschnitten

ist, er aber doch noch zu flehen oder zu entlaufen sucht. Hier aber wird

auch diese letzte unwillkürliche Hoffnung, mit der zu sterben zehnmal

leichter ist, unwiderruflich genommen; hier ist es das Todesurteil, dem

man auf keine Weise entrinnen kann, hier ist es das Bewußtsein der

unfehlbaren Vollstreckung desselben, was die größte Qual verursacht --

eine größere Qual kann es in der Welt gar nicht geben. Führen Sie einen

Soldaten in der Schlacht geradeswegs vor die Kanonen und lassen Sie auf

ihn abfeuern, er wird doch immer noch hoffen, mit dem Leben

davonzukommen; aber lesen Sie demselben Soldaten sein Todesurteil vor,

das _unfehlbar_ an ihm vollstreckt werden wird, so wird er entweder

irrsinnig werden oder in Tränen ausbrechen. Wer hat es denn gesagt, daß

die menschliche Natur fähig sei, diesen Tod ohne die geringste

Geistesverwirrung zu ertragen? Und wozu diese überflüssige, unnütze, so

unglaublich überflüssige Beschimpfung des Menschen? Vielleicht gibt es

irgendwo einen Menschen, dem das Todesurteil verlesen worden ist, der

diese Qualen bis zum letzten Augenblick durchgekostet, und dem man dann

gesagt hat: >Geh hin, dir ist die Strafe erlassen.< Ja, solch einer

könnte dann vielleicht erzählen. Von diesen Qualen und diesem Entsetzen

hat auch Christus gesprochen. Nein, das darf man einem Menschen nicht

antun!«

Der Diener hätte diesen Gedanken zwar nicht so auszudrücken vermocht,

wie der Fürst, verstand aber dennoch die Hauptsache sehr wohl, was man

allein schon aus seiner gerührten Miene ersehen konnte.

»Wenn Sie nun einmal so gern rauchen,« brummte er, »so können Sie es

schließlich auch tun, bloß dann etwas schnell. Denn wenn ich plötzlich

gefragt werde und Sie nicht da sind --? Hier, sehen Sie, unter der

Treppe ist eine kleine Tür. Da gehen Sie nur durch und dann rechts in

die Kammer. Dort können Sie rauchen, nur müssen Sie das Klappfenster

aufmachen, denn es ist doch immerhin nicht in der Ordnung ...«

Doch noch bevor der Fürst sich erheben konnte, trat ein junger Mann mit

Papieren unterm Arm ganz plötzlich ins Vorzimmer. Der Diener half ihm

sofort, sich des Pelzes zu entledigen. Währenddessen musterte der

Eingetretene den Fürsten möglichst unauffällig.

»Dieser Herr, Gawrila Ardalionytsch, bittet, ihn als Fürst Myschkin und

Verwandten bei der gnädigen Frau anzumelden. Er ist soeben mit der Bahn

aus dem Auslande gekommen, auch sein Reisebündel hat er bei sich, nur

...«

Das Weitere vernahm der Fürst nicht, denn der Diener begann zu flüstern.

Der mit Gawrila Ardalionytsch angeredete junge Mann hörte ihm aufmerksam

zu und blickte dann mit unverhohlener Neugier den Fürsten an, bis er

schließlich den Diener stehen ließ und sich ihm näherte.

»Sie sind Fürst Myschkin?« fragte er äußerst höflich und liebenswürdig.

Er war ein sehr gefälliger junger Mann, gleichfalls etwa achtundzwanzig

Jahre alt, gut gewachsen, von mittlerer Größe, blond und mit einem

kleinen Napoleonsbart. Sein Gesicht war klug und sehr hübsch. Nur sein

Lächeln war bei aller Liebenswürdigkeit gewissermaßen allzu fein, die

Zähne erschienen dabei von gar zu perlenartiger Gleichmäßigkeit, und

sein Blick war trotz seiner ganzen heiteren, vielleicht etwas zur Schau

getragenen Offenherzigkeit etwas gar zu aufmerksam und forschend.

»Wenn er allein ist, wird er vielleicht ganz anders blicken und

vielleicht überhaupt nicht lachen,« sagte sich der Fürst im stillen.

Fürst Myschkin wiederholte in kurzen Worten, was er bereits dem Diener

und am Morgen im Kupee seinem Reisegefährten Rogoshin erzählt hatte.

Gawrila Ardalionytsch schien sich inzwischen einer anderen Sache zu

erinnern.

»Ach, dann waren Sie es vielleicht,« unterbrach er ihn, »dann haben Sie

vor etwa einem Jahre oder vor noch kürzerer Zeit einen Brief, -- ich

glaube, aus der Schweiz -- an Jelisaweta Prokofjewna geschrieben?«

»Allerdings.«

»Dann wird man Sie hier kennen und wird sich Ihrer entsinnen. Wollen Sie

zu Seiner Exzellenz? Ich werde Sie sofort anmelden ... Er wird im

Augenblick frei sein. Nur müßten Sie ... vielleicht halten Sie sich

solange im Empfangszimmer auf ... Weshalb haben Sie den Fürsten nicht

ins Empfangszimmer geführt?« wandte er sich in strengem Ton an den

Diener.

»Ich sagte es doch, sie wollten selbst nicht ...«

In dem Augenblick öffnete sich plötzlich die Tür zum Kabinett Seiner

Exzellenz, und ein Offizier trat mit einem Portefeuille unterm Arm, laut

sprechend und zum Abschied die Hacken zusammenschlagend, heraus.

»Bist du es, Ganjä[3]?« rief eine Stimme aus dem Kabinett. »Dann komm

mal her.«

Gawrila Ardalionytsch nickte dem Fürsten zu und trat ins Kabinett.

Nach zwei Minuten öffnete sich die Tür von neuem, und Gawrila

Ardalionytschs wohltönende Stimme klang freundlich durch das Zimmer:

»Bitte Fürst, wenn Sie sich hierher bemühen wollten!«

Sämtliche Werke 3-4 · 第 12 / 75 题