Tonio Kröger saß im Norden und schrieb an Lisaweta Iwanowna, seine
Freundin, wie er es ihr versprochen hatte.
Liebe Lisaweta dort unten in Arkadien, wohin ich bald zurückkehren
werde, schrieb er. Hier ist nun also so etwas wie ein Brief, aber er
wird Sie wohl enttäuschen, denn ich denke, ihn ein wenig allgemein zu
halten. Nicht, daß ich so gar nichts zu erzählen, auf meine Weise nicht
dies und das erlebt hätte. Zu Hause, in meiner Vaterstadt, wollte man
mich sogar verhaften... aber davon sollen Sie mündlich hören. Ich habe
jetzt manchmal Tage, an denen ich es vorziehe, auf gute Art etwas
Allgemeines zu sagen, anstatt Geschichten zu erzählen.
Wissen Sie wohl noch, Lisaweta, daß Sie mich einmal einen Bürger, einen
verirrten Bürger nannten? Sie nannten mich so in einer Stunde, da ich
Ihnen, verführt durch andere Geständnisse, die ich mir vorher hatte
entschlüpfen lassen, meine Liebe zu dem gestand, was ich das >Leben<
nenne; und ich frage mich, ob Sie wohl wußten, wie sehr Sie damit die
Wahrheit trafen, wie sehr mein Bürgertum und meine Liebe zum >Leben<
eins und dasselbe sind. Diese Reise hat mir Veranlassung gegeben,
darüber nachzudenken...
Mein Vater, wissen Sie, war ein nordisches Temperament: betrachtsam,
gründlich, korrekt aus Puritanismus und zur Wehmut geneigt; meine Mutter
von unbestimmt exotischem Blut, schön, sinnlich, naiv, zugleich
fahrlässig und leidenschaftlich und von einer impulsiven Liederlichkeit.
Ganz ohne Zweifel war dies eine Mischung, die außerordentliche
Möglichkeiten -- und außerordentliche Gefahren in sich schloß. Was
herauskam, war dies: ein Bürger, der sich in die Kunst verirrte, ein
Bohemien mit Heimweh nach der guten Kinderstube, ein Künstler mit
schlechtem Gewissen. Denn mein bürgerliches Gewissen ist es ja, was mich
in allem Künstlertum, aller Außerordentlichkeit und allem Genie etwas
tief Zweideutiges, tief Anrüchiges, tief Zweifelhaftes erblicken läßt,
was mich mit dieser verliebten Schwäche für das Simple, Treuherzige und
Angenehm-Normale, das Ungeniale und Anständige erfüllt.
Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es
infolgedessen ein wenig schwer. Ihr Künstler nennt mich einen Bürger,
und die Bürger sind versucht, mich zu verhaften... ich weiß nicht, was
von beiden mich bitterer kränkt. Die Bürger sind dumm; ihr Anbeter der
Schönheit aber, die ihr mich phlegmatisch und ohne Sehnsucht heißt,
solltet bedenken, daß es ein Künstlertum gibt, so tief, so von Anbeginn
und Schicksals wegen, daß keine Sehnsucht ihm süßer und empfindenswerter
erscheint als die nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit.
Ich bewundere die Stolzen und Kalten, die auf den Pfaden der großen,
der dämonischen Schönheit abenteuern und den >Menschen< verachten, --
aber ich beneide sie nicht. Denn wenn irgend etwas imstande ist, aus
einem Literaten einen Dichter zu machen, so ist es diese meine
Bürgerliebe zum Menschlichen, Lebendigen und Gewöhnlichen. Alle Wärme,
alle Güte, aller Humor kommt aus ihr, und fast will mir scheinen, als
sei sie jene Liebe selbst, von der geschrieben steht, daß einer mit
Menschen- und Engelszungen reden könne und ohne sie doch nur ein
tönendes Erz und eine klingende Schelle sei.
Was ich getan habe, ist nichts, nicht viel, so gut wie nichts. Ich werde
Besseres machen, Lisaweta, -- dies ist ein Versprechen. Während ich
schreibe, rauscht das Meer zu mir herauf, und ich schließe die Augen.
Ich schaue in eine ungeborene und schemenhafte Welt hinein, die geordnet
und gebildet sein will, ich sehe in ein Gewimmel von Schatten
menschlicher Gestalten, die mir winken, daß ich sie banne und erlöse:
tragische und lächerliche und solche, die beides zugleich sind, -- und
diesen bin ich sehr zugetan. Aber meine tiefste und verstohlenste Liebe
gehört den Blonden und Blauäugigen, den hellen Lebendigen, den
Glücklichen, Liebenswürdigen und Gewöhnlichen.
Schelten Sie diese Liebe nicht, Lisaweta; sie ist gut und fruchtbar.
Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig
Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.