VII

Die Nacht fiel ein, und mit einem schwimmenden Silberglanz stieg schon

der Mond empor, als Tonio Krögers Schiff die offene See gewann. Er stand

am Bugspriet, in seinen Mantel gehüllt vor dem Winde, der mehr und mehr

erstarkte, und blickte hinab in das dunkle Wandern und Treiben der

starken, glatten Wellenleiber dort unten, die umeinander schwankten,

sich klatschend begegneten, in unerwarteten Richtungen auseinanderschossen

und plötzlich schaumig aufleuchteten...

Eine schaukelnde und still entzückte Stimmung erfüllte ihn. Er war ein

wenig niedergeschlagen gewesen, daß man ihn daheim als Hochstapler hatte

verhaften wollen, ja, -- obgleich er es gewissermaßen in der Ordnung

gefunden hatte. Aber dann, nachdem er sich eingeschifft, hatte er, wie

als Knabe zuweilen mit seinem Vater, dem Verladen der Waren zugesehen,

mit denen man, unter Rufen, die ein Gemisch aus Dänisch und Plattdeutsch

waren, den tiefen Bauch des Dampfers füllte, hatte gesehen, wie man

außer den Ballen und Kisten auch einen Eisbären und einen Königstiger in

dick vergitterten Käfigen hinabließ, die wohl von Hamburg kamen und für

eine dänische Menagerie bestimmt waren; und dies hatte ihn zerstreut.

Während dann das Schiff zwischen den flachen Ufern den Fluß entlang

glitt, hatte er Polizist Petersens Verhör ganz und gar vergessen, und

alles, was vorher gewesen war, seine süßen, traurigen und reuigen Träume

der Nacht, der Spaziergang, den er gemacht, der Anblick des

Walnußbaumes, war wieder in seiner Seele stark geworden. Und nun, da das

Meer sich öffnete, sah er von fern den Strand, an dem er als Knabe die

sommerlichen Träume des Meeres hatte belauschen dürfen, sah die Glut des

Leuchtturms und die Lichter des Kurhauses, darin er mit seinen Eltern

gewohnt... Die Ostsee! Er lehnte den Kopf gegen den starken Salzwind,

der frei und ohne Hindernis daherkam, die Ohren umhüllte und einen

gelinden Schwindel, eine gedämpfte Betäubung hervorrief, in der die

Erinnerung an alles Böse, an Qual und Irrsal, an Wollen und Mühen träge

und selig unterging. Und in dem Sausen, Klatschen, Schäumen und Ächzen

rings um ihn her glaubte er das Rauschen und Knarren des alten

Walnußbaumes, das Kreischen einer Gartenpforte zu hören... Es dunkelte

mehr und mehr.

»Die Sderne, Gott, sehen Sie doch bloß die Sderne an«, sagte plötzlich

mit schwerfällig singender Betonung eine Stimme, die aus dem Innern

einer Tonne zu kommen schien. Er kannte sie schon. Sie gehörte einem

rotblonden und schlicht gekleideten Mann mit geröteten Augenlidern und

einem feuchtkalten Aussehen, als habe er soeben gebadet. Beim Abendessen

in der Kajüte war er Tonio Krögers Nachbar gewesen und hatte mit zagen

und bescheidenen Bewegungen erstaunliche Mengen von Hummer-Omelette zu

sich genommen. Nun lehnte er neben ihm an der Brüstung und blickte zum

Himmel empor, indem er sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger erfaßt

hielt. Ohne Zweifel befand er sich in einer jener außerordentlichen und

festlich-beschaulichen Stimmungen, in denen die Schranken zwischen den

Menschen dahinsinken, in denen das Herz auch Fremden sich öffnet und der

Mund Dinge spricht, vor denen er sich sonst schamhaft verschließen

würde...

»Sehen Sie, Herr, doch bloß die Sderne an. Da sdehen sie und glitzern,

es ist, weiß Gott, der ganze Himmel voll. Und nun bitt' ich Sie, wenn

man hinaufsieht und bedenkt, daß viele davon doch hundertmal größer sein

sollen als die Erde, wie wird einem da zu Sinn? Wir Menschen haben den

Telegraphen erfunden und das Telephon und so viele Errungenschaften der

Neuzeit, ja, das haben wir. Aber wenn wir da hinaufsehen, so müssen wir

doch erkennen und versdehen, daß wir im Grunde Gewürm sind, elendes

Gewürm und nichts weiter, -- hab' ich recht oder unrecht, Herr? Ja, wir

sind Gewürm!« antwortete er sich selbst und nickte demütig und

zerknirscht zum Firmament empor.

Au... nein, der hat keine Literatur im Leibe! dachte Tonio Kröger. Und

alsbald fiel ihm etwas ein, was er kürzlich gelesen hatte, der Aufsatz

eines berühmten französischen Schriftstellers über kosmologische und

psychologische Weltanschauung; es war ein recht feines Geschwätz

gewesen.

Er gab dem jungen Mann etwas wie eine Antwort auf seine tief erlebte

Bemerkung, und dann fuhren sie fort, miteinander zu sprechen, indem sie,

über die Brüstung gelehnt, in den unruhig erhellten, bewegten Abend

hinausblickten. Es erwies sich, daß der Reisegefährte ein junger

Kaufmann aus Hamburg war, der seinen Urlaub zu dieser Vergnügungsfahrt

benutzte...

»Sollst«, sagte er, »ein bißchen mit dem Steamer nach Kopenhagen fahren,

denk' ich, und da sdeh ich nun, und es ist ja soweit ganz schön. Aber

das mit den Hummer-Omeletten, das war nicht richtig, Herr, das sollen

Sie sehn, denn die Nacht wird sdürmisch, das hat der Kapitän selbst

gesagt, und mit so einem unbekömmlichen Essen im Magen ist das kein

Sbaß...«

Tonio Kröger lauschte all dieser zutunlichen Torheit mit einem

heimlichen und freundschaftlichen Gefühl.

»Ja«, sagte er, »man ißt überhaupt zu schwer hier oben. Das macht faul

und wehmütig.«

»Wehmütig?« wiederholte der junge Mann und betrachtete ihn verdutzt...

»Sie sind wohl fremd hier, Herr?« fragte er plötzlich...

»Ach ja, ich komme weither!« antwortete Tonio Kröger mit einer vagen und

abwehrenden Armbewegung.

»Aber Sie haben recht«, sagte der junge Mann; »Sie haben, weiß Gott,

recht in dem, was Sie von wehmütig sagen! Ich bin fast immer wehmütig,

aber besonders an solchen Abenden wie heute, wenn die Sderne am Himmel

sdehn.« Und er stützte wieder sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger.

Sicherlich schreibt er Verse, dachte Tonio Kröger, tief ehrlich

empfundene Kaufmannsverse...

Der Abend rückte vor, und der Wind war nun so heftig geworden, daß er

das Sprechen behinderte. So beschlossen sie, ein wenig zu schlafen, und

wünschten einander gute Nacht.

Tonio Kröger streckte sich in seiner Koje auf der schmalen Bettstatt

aus, aber er fand keine Ruhe. Der strenge Wind und sein herbes Arom

hatten ihn seltsam erregt, und sein Herz war unruhig wie in ängstlicher

Erwartung von etwas Süßem. Auch verursachte die Erschütterung, welche

entstand, wenn das Schiff einen steilen Wogenberg hinabglitt und die

Schraube wie im Krampf außerhalb des Wassers arbeitete, ihm arge

Übelkeit. Er kleidete sich wieder vollends an und stieg ins Freie

hinauf.

Wolken jagten am Monde vorbei. Das Meer tanzte. Nicht runde und

gleichmäßige Wellen kamen in Ordnung daher, sondern weithin, in bleichem

und flackerndem Licht, war die See zerrissen, zerpeitscht, zerwühlt,

leckte und sprang in spitzen, flammenartigen Riesenzungen empor, warf

neben schaumerfüllten Klüften zackige und unwahrscheinliche Gebilde auf

und schien mit der Kraft ungeheurer Arme in tollem Spiel den Gischt in

alle Lüfte zu schleudern. Das Schiff hatte schwere Fahrt; stampfend,

schlenkernd und ächzend arbeitete es sich durch den Tumult, und manchmal

hörte man den Eisbären und den Tiger, die unter dem Seegang litten, in

seinem Innern brüllen. Ein Mann im Wachstuchmantel, die Kapuze überm

Kopf und eine Laterne um den Leib geschnallt, ging breitbeinig und

mühsam balancierend auf dem Verdecke hin und her. Aber dort hinten

stand, tief über Bord gebeugt, der junge Mann aus Hamburg und ließ es

sich schlecht ergehen. »Gott«, sagte er mit hohler und wankender Stimme,

als er Tonio Kröger gewahrte, »sehen Sie doch bloß den Aufruhr der

Elemente, Herr!« Aber dann wurde er unterbrochen und wandte sich eilig

ab.

Tonio Kröger hielt sich an irgendeinem gestrafften Tau und blickte

hinaus in all den unbändigen Übermut. In ihm schwang sich ein Jauchzen

auf, und ihm war, als sei es mächtig genug, um Sturm und Flut zu

übertönen. Ein Sang an das Meer, begeistert von Liebe, tönte in ihm. Du

meiner Jugend wilder Freund, so sind wir einmal noch vereint... Aber

dann war das Gedicht zu Ende. Es ward nicht fertig, nicht rund geformt

und nicht in Gelassenheit zu etwas Ganzem geschmiedet. Sein Herz

lebte...

Lange stand er so; dann streckte er sich auf einer Bank am

Kajütenhäuschen aus und blickte zum Himmel hinauf, an dem die Sterne

flackerten. Er schlummerte sogar ein wenig. Und wenn der kalte Schaum in

sein Gesicht spritzte, so war es ihm im Halbschlaf wie eine Liebkosung.

Senkrechte Kreidefelsen, gespenstisch im Mondschein, kamen in Sicht und

näherten sich; das war Möen, die Insel. Und wieder trat Schlummer

dazwischen, unterbrochen von salzigen Sprühschauern, die scharf ins

Gesicht bissen und die Züge erstarren ließen... Als er völlig wach

wurde, war es schon Tag, ein hellgrauer, frischer Tag, und die grüne See

ging ruhiger. Beim Frühstück sah er den jungen Kaufmann wieder, der

heftig errötete, wahrscheinlich vor Scham, im Dunklen so poetische und

blamable Dinge geäußert zu haben, mit allen fünf Fingern seinen kleinen

rötlichen Schnurrbart emporstrich und ihm einen soldatisch scharfen

Morgengruß zurief, um ihn dann ängstlich zu meiden.

Und Tonio Kröger landete in Dänemark. Er hielt Ankunft in Kopenhagen,

gab Trinkgeld an jeden, der sich die Miene gab, als hätte er Anspruch

darauf, durchwanderte von seinem Hotelzimmer aus drei Tage lang die

Stadt, indem er sein Reisebüchlein aufgeschlagen vor sich hertrug, und

benahm sich ganz wie ein besserer Fremder, der seine Kenntnisse zu

bereichern wünscht. Er betrachtete des Königs Neumarkt und das >Pferd<

in seiner Mitte, blickte achtungsvoll an den Säulen der Frauenkirche

empor, stand lange vor Thorwaldsens edlen und lieblichen Bildwerken,

stieg auf den Runden Turm, besichtigte Schlösser und verbrachte zwei

bunte Abende im Tivoli. Aber es war nicht so recht eigentlich all dies,

was er sah.

An den Häusern, die oft ganz das Aussehen der alten Häuser seiner

Vaterstadt mit geschwungenen, durchbrochenen Giebeln hatten, sah er

Namen, die ihm aus alten Tagen bekannt waren, die ihm etwas Zartes und

Köstliches zu bezeichnen schienen und bei alledem etwas wie Vorwurf,

Klage und Sehnsucht nach Verlorenem in sich schlossen. Und allerwegen,

indes er in verlangsamten, nachdenklichen Zügen die feuchte Seeluft

atmete, sah er Augen, die so blau, Haare, die so blond, Gesichter, die

von eben der Art und Bildung waren, wie er sie in den seltsam wehen und

reuigen Träumen der Nacht geschaut, die er in seiner Vaterstadt

verbracht hatte. Es konnte geschehen, daß auf offener Straße ein Blick,

ein klingendes Wort, ein Auflachen ihn ins Innerste traf...

Es litt ihn nicht lange in der munteren Stadt. Eine Unruhe, süß und

töricht, Erinnerung halb und halb Erwartung, bewegte ihn, zusammen mit

dem Verlangen, irgendwo still am Strande liegen zu dürfen und nicht den

angelegentlich sich umtuenden Touristen spielen zu müssen. So schiffte

er sich aufs neue ein und fuhr an einem trüben Tage (die See ging

schwarz) nordwärts die Küste von Seeland entlang gen Helsingör. Von dort

setzte er seine Reise unverzüglich zu Wagen auf dem Chausseewege fort,

noch drei Viertelstunden lang, immer ein wenig oberhalb des Meeres, bis

er an seinem letzten und eigentlichen Ziele hielt, dem kleinen weißen

Badehotel mit grünen Fensterläden, das inmitten einer Siedelung

niedriger Häuschen stand und mit seinem holzgedeckten Turm auf den Sund

und die schwedische Küste hinausblickte. Hier stieg er ab, nahm Besitz

von dem hellen Zimmer, das man ihm bereitgehalten, füllte Bord und Spind

mit dem, was er mit sich führte, und schickte sich an, hier eine Weile

zu leben.

Tonio Kröger · 第 14 / 16 题