Printed in Germany

I

Die Wintersonne stand nur als armer Schein, milchig und matt hinter

Wolkenschichten über der engen Stadt. Naß und zugig war's in den

giebeligen Gassen, und manchmal fiel eine Art von weichem Hagel, nicht

Eis, nicht Schnee.

Die Schule war aus. Über den gepflasterten Hof und heraus aus der

Gatterpforte strömten die Scharen der Befreiten, teilten sich und

enteilten nach rechts und links. Große Schüler hielten mit Würde ihr

Bücherpäckchen hoch gegen die linke Schulter gedrückt, indem sie mit dem

rechten Arm wider den Wind dem Mittagessen entgegen ruderten; kleines

Volk setzte sich lustig in Trab, daß der Eisbrei umherspritzte und die

Siebensachen der Wissenschaft in den Seehundsränzeln klapperten. Aber

hie und da riß alles mit frommen Augen die Mützen herunter vor dem

Wotanshut und dem Jupiterbart eines gemessen hinschreitenden

Oberlehrers...

»Kommst du endlich, Hans?« sagte Tonio Kröger, der lange auf dem

Fahrdamm gewartet hatte; lächelnd trat er dem Freunde entgegen, der im

Gespräch mit anderen Kameraden aus der Pforte kam und schon im Begriffe

war, mit ihnen davonzugehen... »Wieso?« fragte er und sah Tonio an...

»Ja, das ist wahr! Nun gehen wir noch ein bißchen.«

Tonio verstummte, und seine Augen trübten sich. Hatte Hans es vergessen,

fiel es ihm erst jetzt wieder ein, daß sie heute mittag ein wenig

zusammen spazierengehen wollten? Und er selbst hatte sich seit der

Verabredung beinahe unausgesetzt darauf gefreut!

»Ja, adieu, ihr!« sagte Hans Hansen zu den Kameraden. »Dann gehe ich

noch ein bißchen mit Kröger.« -- Und die beiden wandten sich nach links,

indes die anderen nach rechts schlenderten.

Hans und Tonio hatten Zeit, nach der Schule spazierenzugehen, weil sie

beide Häusern angehörten, in denen erst um vier Uhr zu Mittag gegessen

wurde. Ihre Väter waren große Kaufleute, die öffentliche Ämter

bekleideten und mächtig waren in der Stadt. Den Hansens gehörten schon

seit manchem Menschenalter die weitläufigen Holzlagerplätze drunten am

Fluß, wo gewaltige Sägemaschinen unter Fauchen und Zischen die Stämme

zerlegten. Aber Tonio war Konsul Krögers Sohn, dessen Getreidesäcke mit

dem breiten schwarzen Firmendruck man Tag für Tag durch die Straßen

kutschieren sah; und seiner Vorfahren großes altes Haus war das

herrschaftlichste der ganzen Stadt... Beständig mußten die Freunde, der

vielen Bekannten wegen, die Mützen herunternehmen, ja, von manchen

Leuten wurden die Vierzehnjährigen zuerst gegrüßt...

Beide hatten die Schulmappen über die Schultern gehängt, und beide

waren sie gut und warm gekleidet; Hans in eine kurze Seemanns-Überjacke,

über welcher auf Schultern und Rücken der breite, blaue Kragen seines

Marineanzuges lag, und Tonio in einen grauen Gurtpaletot. Hans trug eine

dänische Matrosenmütze mit kurzen Bändern, unter der ein Schopf seines

bastblonden Haares hervorquoll. Er war außerordentlich hübsch und

wohlgestaltet, breit in den Schultern und schmal in den Hüften, mit

freiliegenden und scharf blickenden stahlblauen Augen. Aber unter Tonios

runder Pelzmütze blickten aus einem brünetten und ganz südlich

scharfgeschnittenen Gesicht dunkle und zart umschattete Augen mit zu

schweren Lidern träumerisch und ein wenig zaghaft hervor... Mund und

Kinn waren ihm ungewöhnlich weich gebildet. Er ging nachlässig und

ungleichmäßig, während Hansens schlanke Beine in den schwarzen Strümpfen

so elastisch und taktfest einherschritten...

Tonio sprach nicht. Er empfand Schmerz. Indem er seine etwas schräg

stehenden Brauen zusammenzog und die Lippen zum Pfeifen gerundet hielt,

blickte er seitwärts geneigten Kopfes ins Weite. Diese Haltung und Miene

war ihm eigentümlich.

Plötzlich schob Hans seinen Arm unter den Tonios und sah ihn dabei von

der Seite an, denn er begriff sehr wohl, um was es sich handelte. Und

obgleich Tonio auch bei den nächsten Schritten noch schwieg, so ward er

doch auf einmal sehr weich gestimmt.

»Ich hatte es nämlich nicht vergessen, Tonio«, sagte Hans und blickte

vor sich nieder auf das Trottoir, »sondern ich dachte nur, daß heute

doch wohl nichts daraus werden könnte, weil es ja so naß und windig ist.

Aber mir macht das gar nichts, und ich finde es famos, daß du trotzdem

auf mich gewartet hast. Ich glaubte schon, du seist nach Hause gegangen,

und ärgerte mich...«

Alles in Tonio geriet in eine hüpfende und jubelnde Bewegung bei diesen

Worten.

»Ja, wir gehen nun also über die Wälle!« sagte er mit bewegter Stimme.

»Über den Mühlenwall und den Holstenwall, und so bringe ich dich nach

Hause, Hans... Bewahre, das schadet gar nichts, daß ich dann meinen

Heimweg allein mache; das nächste Mal begleitest du mich.«

Im Grunde glaubte er nicht sehr fest an das, was Hans gesagt hatte, und

fühlte genau, daß jener nur halb soviel Gewicht auf diesen Spaziergang

zu zweien legte wie er. Aber er sah doch, daß Hans seine Vergeßlichkeit

bereute und es sich angelegen sein ließ, ihn zu versöhnen. Und er war

weit von der Absicht entfernt, die Versöhnung hintanzuhalten...

Die Sache war die, daß Tonio Hans Hansen liebte und schon vieles um ihn

gelitten hatte. Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muß

leiden, -- diese schlichte und harte Lehre hatte seine vierzehnjährige

Seele bereits vom Leben entgegengenommen; und er war so geartet, daß er

solche Erfahrungen wohl vermerkte, sie gleichsam innerlich aufschrieb

und gewissermaßen seine Freude daran hatte, ohne sich freilich für seine

Person danach zu richten und praktischen Nutzen daraus zu ziehen. Auch

war es so mit ihm bestellt, daß er solche Lehren weit wichtiger und

interessanter achtete als die Kenntnisse, die man ihm in der Schule

aufnötigte, ja, daß er sich während der Unterrichtsstunden in den

gotischen Klassengewölben meistens damit abgab, solche Einsichten bis

auf den Grund zu empfinden und völlig auszudenken. Und diese

Beschäftigung bereitete ihm eine ganz ähnliche Genugtuung, wie wenn er

mit seiner Geige (denn er spielte die Geige) in seinem Zimmer umherging

und die Töne, so weich, wie er sie nur hervorzubringen vermochte, in das

Plätschern des Springstrahles hinein erklingen ließ, der drunten im

Garten unter den Zweigen des alten Walnußbaumes tänzelnd emporstieg...

Der Springbrunnen, der alte Walnußbaum, seine Geige und in der Ferne das

Meer, die Ostsee, deren sommerliche Träume er in den Ferien belauschen

durfte, diese Dinge waren es, die er liebte, mit denen er sich gleichsam

umstellte und zwischen denen sich sein inneres Leben abspielte, Dinge,

deren Namen mit guter Wirkung in Versen zu verwenden sind und auch

wirklich in den Versen, die Tonio Kröger zuweilen verfertigte, immer

wieder erklangen.

Dieses, daß er ein Heft mit selbstgeschriebenen Versen besaß, war durch

sein eigenes Verschulden bekanntgeworden und schadete ihm sehr, bei

seinen Mitschülern sowohl wie bei den Lehrern. Dem Sohne Konsul Krögers

schien es einerseits, als sei es dumm und gemein, daran Anstoß zu

nehmen, und er verachtete dafür sowohl die Mitschüler wie die Lehrer,

deren schlechte Manieren ihn obendrein abstießen, und deren persönliche

Schwächen er seltsam eindringlich durchschaute. Andererseits aber

empfand er selbst es als ausschweifend und eigentlich ungehörig, Verse

zu machen, und mußte all denen gewissermaßen recht geben, die es für

eine befremdende Beschäftigung hielten. Allein das vermochte ihn nicht,

davon abzulassen...

Da er daheim seine Zeit vertat, beim Unterricht langsamen und

abgewandten Geistes war und bei den Lehrern schlecht angeschrieben

stand, so brachte er beständig die erbärmlichsten Zensuren nach Hause,

worüber sein Vater, ein langer, sorgfältig gekleideter Herr mit

sinnenden blauen Augen, der immer eine Feldblume im Knopfloch trug, sich

sehr erzürnt und bekümmert zeigte. Der Mutter Tonios jedoch, seiner

schönen, schwarzhaarigen Mutter, die Consuelo mit Vornamen hieß und

überhaupt so anders war als die übrigen Damen der Stadt, weil der Vater

sie sich einstmals von ganz unten auf der Landkarte heraufgeholt hatte,

-- seiner Mutter waren die Zeugnisse grundeinerlei...

Tonio liebte seine dunkle und feurige Mutter, die so wunderbar den

Flügel und die Mandoline spielte, und er war froh, daß sie sich ob

seiner zweifelhaften Stellung unter den Menschen nicht grämte.

Andererseits aber empfand er, daß der Zorn des Vaters weit würdiger und

respektabler sei, und war, obgleich er von ihm gescholten wurde, im

Grunde ganz einverstanden mit ihm, während er die heitere

Gleichgültigkeit der Mutter ein wenig liederlich fand. Manchmal dachte

er ungefähr: Es ist gerade genug, daß ich bin, wie ich bin, und mich

nicht ändern will und kann, fahrlässig, widerspenstig und auf Dinge

bedacht, an die sonst niemand denkt. Wenigstens gehört es sich, daß man

mich ernstlich schilt und straft dafür, und nicht mit Küssen und Musik

darüber hinweggeht. Wir sind doch keine Zigeuner im grünen Wagen,

sondern anständige Leute, Konsul Krögers, die Familie der Kröger...

Nicht selten dachte er auch: Warum bin ich doch so sonderlich und in

Widerstreit mit allem, zerfallen mit den Lehrern und fremd unter den

anderen Jungen? Siehe sie an, die guten Schüler und die von solider

Mittelmäßigkeit. Sie finden die Lehrer nicht komisch, sie machen keine

Verse und denken nur Dinge, die man eben denkt und die man laut

aussprechen kann. Wie ordentlich und einverstanden mit allem und

jedermann sie sich fühlen müssen! Das muß gut sein... Was aber ist mit

mir, und wie wird dies alles ablaufen?

Diese Art und Weise, sich selbst und sein Verhältnis zum Leben zu

betrachten, spielte eine wichtige Rolle in Tonios Liebe zu Hans Hansen.

Er liebte ihn zunächst, weil er schön war; dann aber, weil er in allen

Stücken als sein eigenes Widerspiel und Gegenteil erschien. Hans Hansen

war ein vortrefflicher Schüler und außerdem ein frischer Gesell, der

ritt, turnte, schwamm wie ein Held und sich der allgemeinen Beliebtheit

erfreute. Die Lehrer waren ihm beinahe mit Zärtlichkeit zugetan, nannten

ihn mit Vornamen und förderten ihn auf alle Weise, die Kameraden waren

auf seine Gunst bedacht, und auf der Straße hielten ihn Herren und Damen

an, faßten ihn an dem Schopfe bastblonden Haares, der unter seiner

dänischen Schiffermütze hervorquoll, und sagten: »Guten Tag, Hans

Hansen, mit deinem netten Schopf! Bist du noch Primus? Grüß Papa und

Mama, mein prächtiger Junge...«

So war Hans Hansen, und seit Tonio Kröger ihn kannte, empfand er

Sehnsucht, sobald er ihn erblickte, eine neidische Sehnsucht, die

oberhalb der Brust saß und brannte. Wer so blaue Augen hätte, dachte er,

und so in Ordnung und glücklicher Gemeinschaft mit aller Welt lebte wie

du! Stets bist du auf eine wohlanständige und allgemein respektierte

Weise beschäftigt. Wenn du die Schulaufgaben erledigt hast, so nimmst du

Reitstunden oder arbeitest mit der Laubsäge, und selbst in den Ferien,

an der See, bist du vom Rudern, Segeln und Schwimmen in Anspruch

genommen, indes ich müßiggängerisch und verloren im Sande liege und auf

die geheimnisvoll wechselnden Mienenspiele starre, die über des Meeres

Antlitz huschen. Aber darum sind deine Augen so klar. Zu sein wie du...

Er machte nicht den Versuch, zu werden wie Hans Hansen, und vielleicht

war es ihm nicht einmal sehr ernst mit diesem Wunsche. Aber er begehrte

schmerzlich, so wie er war, von ihm geliebt zu werden, und er warb um

seine Liebe auf seine Art, eine langsame und innige, hingebungsvolle,

leidende und wehmütige Art, aber von einer Wehmut, die tiefer und

zehrender brennen kann als alle jähe Leidenschaftlichkeit, die man von

seinem fremden Äußeren hätte erwarten können.

Und er warb nicht ganz vergebens, denn Hans, der übrigens eine gewisse

Überlegenheit an ihm achtete, eine Gewandtheit des Mundes, die Tonio

befähigte, schwierige Dinge auszusprechen, begriff ganz wohl, daß hier

eine ungewöhnlich starke und zarte Empfindung für ihn lebendig sei,

erwies sich dankbar und bereitete ihm manches Glück durch sein

Entgegenkommen -- aber auch manche Pein der Eifersucht, der Enttäuschung

und der vergeblichen Mühe, eine geistige Gemeinschaft herzustellen. Denn

es war das Merkwürdige, daß Tonio, der Hans Hansen doch um seine

Daseinsart beneidete, beständig trachtete, ihn zu seiner eigenen

herüberzuziehen, was höchstens auf Augenblicke und auch dann nur

scheinbar gelingen konnte...

»Ich habe jetzt etwas Wundervolles gelesen, etwas Prachtvolles...«,

sagte er. Sie gingen und aßen gemeinsam aus einer Tüte Fruchtbonbons,

die sie beim Krämer Iwersen in der Mühlenstraße für zehn Pfennige

erstanden hatten. »Du mußt es lesen, Hans, es ist nämlich >Don Carlos<

von Schiller... Ich leihe es dir, wenn du willst...«

»Ach nein«, sagte Hans Hansen, »das laß nur, Tonio, das paßt nicht für

mich. Ich bleibe bei meinen Pferdebüchern, weißt du. Famose Abbildungen

sind darin, sage ich dir. Wenn du mal bei mir bist, zeige ich sie dir.

Es sind Augenblicksphotographien, und man sieht die Gäule im Trab und im

Galopp und im Sprunge, in allen Stellungen, die man in Wirklichkeit gar

nicht zu sehen bekommt, weil es zu schnell geht...«

»In allen Stellungen?« fragte Tonio höflich. »Ja, das ist fein. Was aber

>Don Carlos< betrifft, so geht das über alle Begriffe. Es sind Stellen

darin, du sollst sehen, die so schön sind, daß es einem einen Ruck gibt,

daß es gleichsam knallt...«

»Knallt es?« fragte Hans Hansen... »Wieso?«

»Da ist zum Beispiel die Stelle, wo der König geweint hat, weil er von

dem Marquis betrogen ist... aber der Marquis hat ihn nur dem Prinzen

zuliebe betrogen, verstehst du, für den er sich opfert. Und nun kommt

aus dem Kabinett in das Vorzimmer die Nachricht, daß der König geweint

hat. >Geweint?< >Der König geweint?< Alle Hofmänner sind fürchterlich

betreten, und es geht einem durch und durch, denn es ist ein schrecklich

starrer und strenger König. Aber man begreift es so gut, daß er geweint

hat, und mir tut er eigentlich mehr leid als der Prinz und der Marquis

zusammengenommen. Er ist immer so ganz allein und ohne Liebe, und nun

glaubt er einen Menschen gefunden zu haben, und der verrät ihn...«

Hans Hansen sah von der Seite in Tonios Gesicht, und irgend etwas in

diesem Gesicht mußte ihn wohl dem Gegenstande gewinnen, denn er schob

plötzlich wieder seinen Arm unter den Tonios und fragte:

»Auf welche Weise verrät er ihn denn, Tonio?«

Tonio geriet in Bewegung.

»Ja, die Sache ist«, fing er an, »daß alle Briefe nach Brabant und

Flandern...«

»Da kommt Erwin Jimmerthal«, sagte Hans.

Tonio verstummte. Möchte ihn doch, dachte er, die Erde verschlingen,

diesen Jimmerthal! Warum muß er kommen und uns stören! Wenn er nur nicht

mit uns geht und den ganzen Weg von der Reitstunde spricht... Denn Erwin

Jimmerthal hatte ebenfalls Reitstunde. Er war der Sohn des Bankdirektors

und wohnte hier draußen vorm Tore. Mit seinen krummen Beinen und

Schlitzaugen kam er ihnen, schon ohne Schulmappe, durch die Allee

entgegen.

»Tag, Jimmerthal«, sagte Hans. »Ich gehe ein bißchen mit Kröger...«

»Ich muß zur Stadt«, sagte Jimmerthal, »und etwas besorgen. Aber ich

gehe noch ein Stück mit euch... Das sind wohl Fruchtbonbons, die ihr da

habt? Ja, danke, ein paar esse ich. Morgen haben wir wieder Stunde,

Hans.« -- Es war die Reitstunde gemeint.

»Famos!« sagte Hans. »Ich bekomme jetzt die ledernen Gamaschen, du, weil

ich neulich die Eins im Exerzitium hatte...«

»Du hast wohl keine Reitstunde, Kröger?« fragte Jimmerthal, und seine

Augen waren nur ein Paar blanker Ritzen...

»Nein«, antwortete Tonio mit ganz ungewisser Betonung.

»Du solltest«, bemerkte Hans Hansen, »deinen Vater bitten, daß du auch

Stunde bekommst, Kröger.«

»Ja...«, sagte Tonio zugleich hastig und gleichgültig. Einen Augenblick

schnürte sich ihm die Kehle zusammen, weil Hans ihn mit Nachnamen

angeredet hatte; und Hans schien dies zu fühlen, denn er sagte

erläuternd:

»Ich nenne dich Kröger, weil dein Vorname so verrückt ist, du,

entschuldige, aber ich mag ihn nicht leiden, Tonio... Das ist doch

überhaupt kein Name. Übrigens kannst du ja nichts dafür, bewahre!«

»Nein, du heißt wohl hauptsächlich so, weil es so ausländisch klingt und

etwas Besonderes ist...«, sagte Jimmerthal und tat, als ob er zum Guten

reden wollte.

Tonios Mund zuckte. Er nahm sich zusammen und sagte:

»Ja, es ist ein alberner Name, ich möchte, weiß Gott, lieber Heinrich

oder Wilhelm heißen, das könnt ihr mir glauben. Aber es kommt daher, daß

ein Bruder meiner Mutter, nach dem ich getauft worden bin, Antonio

heißt; denn meine Mutter ist doch von drüben...«

Dann schwieg er und ließ die beiden von Pferden und Lederzeug sprechen.

Hans hatte Jimmerthal untergefaßt und redete mit einer geläufigen

Teilnahme, die für >Don Carlos< niemals in ihm zu erwecken gewesen

wäre... Von Zeit zu Zeit fühlte Tonio, wie der Drang zu weinen ihm

prickelnd in die Nase stieg; auch hatte er Mühe, sein Kinn in der Gewalt

zu behalten, das beständig ins Zittern geriet...

Hans mochte seinen Namen nicht leiden, -- was war dabei zu tun? Er

selbst hieß Hans, und Jimmerthal hieß Erwin, gut, das waren allgemein

anerkannte Namen, die niemand befremdeten. Aber >Tonio< war etwas

Ausländisches und Besonderes. Ja, es war in allen Stücken etwas

Besonderes mit ihm, ob er wollte oder nicht, und er war allein und

ausgeschlossen von den Ordentlichen und Gewöhnlichen, obgleich er doch

kein Zigeuner im grünen Wagen war, sondern ein Sohn Konsul Krögers, aus

der Familie der Kröger... Aber warum nannte Hans ihn Tonio, solange sie

allein waren, wenn er, kam ein dritter hinzu, anfing, sich seiner zu

schämen? Zuweilen war er ihm nahe und gewonnen, ja. Auf welche Weise

verrät er ihn denn, Tonio? hatte er gefragt und ihn untergefaßt. Aber

als dann Jimmerthal gekommen war, hatte er dennoch erleichtert

aufgeatmet, hatte ihn verlassen und ihm ohne Not seinen fremden Rufnamen

vorgeworfen. Wie weh es tat, dies alles durchschauen zu müssen!... Hans

Hansen hatte ihn im Grunde ein wenig gern, wenn sie unter sich waren, er

wußte es. Aber kam ein dritter, so schämte er sich dessen und opferte

ihn auf. Und er war wieder allein. Er dachte an König Philipp. Der König

hat geweint...

»Gott bewahre«, sagte Erwin Jimmerthal, »nun muß ich aber wirklich zur

Stadt! Adieu, ihr, und Dank für die Fruchtbonbons!« Darauf sprang er auf

eine Bank, die am Wege stand, lief mit seinen krummen Beinen darauf

entlang und trabte davon.

»Jimmerthal mag ich leiden!« sagte Hans mit Nachdruck. Er hatte eine

verwöhnte und selbstbewußte Art, seine Sympathien und Abneigungen

kundzugeben, sie gleichsam gnädigst zu verteilen... Und dann fuhr er

fort, von der Reitstunde zu sprechen, weil er einmal im Zuge war. Es war

auch nicht mehr so weit bis zum Hansenschen Wohnhause; der Weg über die

Wälle nahm nicht so viel Zeit in Anspruch. Sie hielten ihre Mützen fest

und beugten die Köpfe vor dem starken, feuchten Wind, der in dem kahlen

Geäst der Bäume knarrte und stöhnte. Und Hans Hansen sprach, während

Tonio nur dann und wann ein künstliches Ach und Jaja einfließen ließ,

ohne Freude darüber, daß Hans ihn im Eifer der Rede wieder untergefaßt

hatte, denn das war nur eine scheinbare Annäherung, ohne Bedeutung.

Dann verließen sie die Wallanlagen unfern des Bahnhofes, sahen einen Zug

mit plumper Eilfertigkeit vorüberpuffen, zählten zum Zeitvertreib die

Wagen und winkten dem Manne zu, der in seinen Pelz vermummt zuhöchst auf

dem allerletzten saß. Und am Lindenplatze, vor Großhändler Hansens

Villa, blieben sie stehen, und Hans zeigte ausführlich, wie amüsant es

sei, sich unten auf die Gartenpforte zu stellen und sich in den Angeln

hin und her zu schlenkern, daß es nur so kreischte. Aber hierauf

verabschiedete er sich.

»Ja, nun muß ich hinein«, sagte er. »Adieu, Tonio. Das nächste Mal

begleite ich dich nach Hause, sei sicher.«

»Adieu, Hans«, sagte Tonio, »es war nett, spazierenzugehen.«

Ihre Hände, die sich drückten, waren ganz naß und rostig von der

Gartenpforte. Als aber Hans in Tonios Augen sah, entstand etwas wie

reuiges Besinnen in seinem hübschen Gesicht.

»Übrigens werde ich nächstens >Don Carlos< lesen!« sagte er rasch. »Das

mit dem König im Kabinett muß famos sein!« Dann nahm er seine Mappe

unter den Arm und lief durch den Vorgarten. Bevor er im Hause

verschwand, nickte er noch einmal zurück.

Und Tonio Kröger ging ganz verklärt und beschwingt von dannen. Der Wind

trug ihn von hinten, aber es war nicht darum allein, daß er so leicht

von der Stelle kam.

Hans würde >Don Carlos< lesen, und dann würden sie etwas miteinander

haben, worüber weder Jimmerthal noch irgendein anderer mitreden konnte!

Wie gut sie einander verstanden! Wer wußte, -- vielleicht brachte er ihn

noch dazu, ebenfalls Verse zu schreiben?... Nein, nein, das wollte er

nicht! Hans sollte nicht werden wie Tonio, sondern bleiben, wie er war,

so hell und stark, wie alle ihn liebten und Tonio am meisten! Aber daß

er >Don Carlos< las, würde trotzdem nicht schaden... Und Tonio ging

durch das alte, untersetzte Tor, ging am Hafen entlang und die steile,

zugige und nasse Giebelgasse hinauf zum Haus seiner Eltern. Damals lebte

sein Herz; Sehnsucht war darin und schwermütiger Neid und ein klein

wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.

Tonio Kröger · 第 9 / 16 题