Und so erwuchs ich still am stillen Orte,

In Lebens Gluth den Schatten beigesellt,

--Da stand er plötzlich an des Klosters Pforte,

Schön, wie ein Gott, und männlich, wie ein Held.

O, mein Empfinden nennen keine Worte!

Fremd kam er mir aus einer fremden Welt,

Und schnell, als wär' es ewig so gewesen,

Schloß sich der Bund, den keine Menschen lösen.

Vergib, du Herrliche, die mich geboren,

Daß ich, vorgreifend den verhängten Stunden,

Mir eigenmächtig mein Geschick erkoren.

Nicht frei erwählt' ich's, es hat mich gefunden;

Ein dringt der Gott auch zu verschloßnen Thoren,

Zu Perseus' Thurm hat er den Weg gefunden,

Dem Dämon ist sein Opfer unverloren.

Wär' es an öde Klippen angebunden

Und an des Atlas himmeltragende Säulen,

So wird ein Flügelroß es dort ereilen.

Nicht hinter mich begehr' ich mehr zu schauen,

In keine Heimath sehn' ich mich zurück;

Der Liebe will ich liebend mich vertrauen,

Gibt es ein schönres als der Liebe Glück?

Mit meinem Loos will ich mich gern bescheiden,

Ich kenne nicht des Lebens andre Freuden.

Nicht kenn' ich sie und will sie nimmer kennen,

Die sich die Stifter meiner Tage nennen,

Wenn sie von dir mich, mein Geliebter, trennen.

Ein ewig Räthsel bleiben will ich mir;

Ich weiß genug, ich lebe dir! (Aufmerkend.)

Horch, der lieben Stimme Schall!

--Nein, es war der Wiederhall

Und des Meeres dumpfes Brausen,

Das sich an den Ufern bricht,

Der Geliebte ist es nicht!

Weh mir! Weh mir! Wo er weilet?

Mich umschlingt ein kaltes Grausen!

Immer tiefer

Singt die Sonne! Immer öder

Wird die Öde! Immer schwerer

Wird das Herz--Wo zögert er? (Sie geht unruhig umher.)

Aus des Gartens sichern Mauern

Wag' ich meinen Schritt nicht mehr.

Kalt ergriff mich das Entsetzen,

Als ich in die nahe Kirche

Wagte meinen Fuß zu setzen;

Denn mich trieb's mit mächt'gem Drang

Aus der Seele tiefsten Tiefen,

Als sie zu der Hora riefen,

Hinzuknien an heil'ger Stätte,

Zu der Göttlichen zu flehn,

Nimmer konnt' ich widerstehn.

Wenn ein Lauscher mich erspähte?

Voll von Feinden ist die Welt,

Arglist hat auf allen Pfaden,

Fromme Unschuld zu verrathen,

Ihr betrüglich Netz gestellt.

Grauend hab' ich's schon erfahren,

Als ich aus des Klosters Hut

In die fremden Menschenschaaren

Mich gewagt mit frevelm Muth.

Dort, bei jenes Festes Feier,

Da der Fürst begraben ward,

Mein Erkühnen büßt' ich theuer,

Nur ein Gott hat mich bewahrt--

Da der Jüngling mir, der fremde,

Nahte, mit dem Flammenauge,

Und mit Blicken, die mich schreckten,

Mir das Innerste durchzuckten,

In das tiefste Herz mir schaute--

Noch durchschauert kaltes Grauen,

Da ich's denke, mir die Brust!

Nimmer, nimmer kann ich schauen

In die Augen des Geliebten,

Dieser stillen Schuld bewußt! (Aufhorchend.)

Stimmen im Garten!

Er ist's, der Geliebte!

Er selber! Jetzt täuschte

Kein Blendwerk mein Ohr.

Es naht, es vermehrt sich!

In seine Arme!

An seine Brust!

(Sie eilt mit ausgebreiteten Armen nach der Tiefe des Gartens.

Don Cesar tritt ihr entgegen.)

Zweiter Auftritt.

Don Cesar. Beatrice. Der Chor.

Beatrice (mit Schrecken zurückfliehend.)

Weh mir! Was seh' ich!

(In demselben Augenblick tritt auch der Chor ein.)

Don Cesar.

Holde Schönheit, fürchte nichts!

(Zu dem Chor.)

Der rauhe Anblick eurer Waffen schreckt

Die zarte Jungfrau--Weicht zurück und bleibt

In ehrerbiet'ger Ferne!

(Zu Beatricen.)

Fürchte nichts!

Die holde Scham, die Schönheit ist mir heilig.

(Der Chor hat sich zurückgezogen. Er tritt ihr näher und ergreift

ihre Hand.)

Wo warst du? Welches Gottes Macht entrückte,

Verbarg dich diese lange Zeit? Dich hab' ich

Gesucht, nach dir geforschet; wachend, träumend

Warst du des Herzens einziges Gefühl,

Seit ich bei jenem Leichenfest des Fürsten,

Wie eines Engels Lichterscheinung, dich

Zum erstenmal erblickte--Nicht verborgen

Blieb dir die Macht, mit der du mich bezwangst.

Der Blicke Feuer und der Lippe Stammeln,

Die Hand, die in der deinen zitternd lag,

Verrieth sie dir--ein kühneres Geständniß

Verbot des Ortes ernste Majestät.

--Der Messe Hochamt rief mich zum Gebet,

Und da ich von den Knieen jetzt erstanden,

Die ersten Blicke schnell auf dich sich heften,

Warst du aus meinen Augen weggerückt;

Doch nachgezogen mit allmächt'gen Zaubers Banden

Hast du mein Herz mit allen seinen Kräften.

Seit diesem Tage such' ich rastlos dich

An aller Kirchen und Paläste Pforten,

An allen offnen und verborgnen Orten,

Wo sich die schöne Unschuld zeigen kann,

Hab' ich das Netz der Späher ausgebreitet;

Doch meiner Mühe sah ich keine Frucht,

Bis endlich heut, von einem Gott geleitet,

Des Spähers glückbekrönte Wachsamkeit

In dieser nächsten Kirche sich entdeckte.

(Hier macht Beatrice, welche in dieser ganzen Zeit zitternd und

abgewandt gestanden, eine Bewegung des Schreckens.)

Ich habe dich wieder, und der Geist verlasse

Eher die Glieder, eh' ich von dir scheide!

Und daß ich fest sogleich den Zufall fasse

Und mich verwahre vor des Dämons Neide,

So red' ich dich vor diesen Zeugen allen

Als meine Gattin an und reiche dir

Zum Pfande deß die ritterliche Rechte. (Er stellt sie dem Chor dar.)

Nicht forschen will ich, wer du bist--Ich will

Nur dich von dir, nichts frag' ich nach dem Andern

Daß deine Seele, wie dein Ursprung, rein,

Hat mir dein erster Blick verbürget und beschworen,

Und wärst du selbst die Niedrigste geboren,

Du müßtest dennoch meine Liebe sein,

Die Freiheit hab' ich und die Wahl verloren.

Und daß du wissen mögest, ob ich auch

Herr meiner Thaten sei und hoch genug

Gestellt auf dieser Welt, auch das Geliebte

Mit starkem Arm zu mir emporzuheben,

Bedarf's nur, meinen Namen dir zu nennen.

--Ich bin Don Cesar, und in dieser Stadt

Messina ist kein Größrer über mir.

(Beatrice schaudert zurück; er bemerkt es und fährt nach einer

kleinen Weile fort.)

Dein Staunen lob' ich und dein sittsam Schweigen,

Schamhafte Demuth ist der Reize Krone,

Denn ein Verborgenes ist sich das Schöne,

Und es erschrickt vor seiner eignen Macht.

--Ich geh' und überlasse dich dir selbst,

Daß sich dein Geist von seinem Schrecken löse,

Denn jedes Neue, auch das Glück, erschreckt. (Zu dem Chor.)

Gebt ihr--sie ist's von diesem Augenblick--

Die Ehre meiner Braut und eurer Fürstin!

Belehret sie von ihres Standes Größe.

Bald kehr' ich selbst zurück, sie heimzuführen,

Wie's meiner würdig ist und ihr gebührt. (Er geht ab.)

Dritter Auftritt.

Beatrice und der Chor.

Chor. (Bohemund.)

Heil dir, o Jungfrau,

Liebliche Herrscherin!

Dein ist die Krone,

Dein ist der Sieg!

Als die Erhalterin

Dieses Geschlechtes,

Künftiger Helden

Blühende Mutter begrüß' ich dich!

(Roger.)

Dreifaches Heil dir!

Mit glücklichen Zeichen,

Glückliche, trittst du

In ein götterbegünstigtes, glückliches Haus,

Wo die Kränze des Ruhmes hängen,

Und das goldene Scepter in stetiger Reihe

Wandert vom Ahnherrn zum Enkel hinab.

(Bohemund.)

Deines lieblichen Eintritts

Werden sich freuen

Die Penaten des Hauses,

Die hohen, die ernsten,

Verehrten Alten.

Au den Schwelle empfangen

Wird dich die immer blühende Hebe

Und die goldne Victoria,

Die geflügelte Göttin,

Die auf der Hand schwebt des ewigen Vaters,

Ewig die Schwingen zum Siege gespannt.

(Roger.)

Nimmer entweicht

Die Krone der Schönheit

Aus diesem Geschlechte;

Scheidend reicht

Eine Fürstin der andern

Den Gürtel der Anmuth

Und den Schleier der züchtigen Scham.

Aber das Schönste

Erlebt mein Auge,

Denn ich sehe die Blume der Tochter,

Ehe die Blume der Mutter verblüht.

Beatrice (aus ihrem Schrecken erwachend).

Wehe mir! In welche Hand

Hat das Unglück mich gegeben!

Unter allen,

Welche leben,

Nicht in diese sollt' ich fallen!

Jetzt versteh' ich das Entsetzen,

Das geheimnißvolle Grauen,

Das mich schaudernd stets gefaßt,

Wenn man mir den Namen nannte

Dieses furchtbaren Geschlechtes,

Das sich selbst vertilgend haßt,

Gegen seine eignen Glieder

Wüthend mit Erbittrung rast!

Schaudernd hört' ich oft und wieder

Von dem Schlangenhaß der Brüder,

Und jetzt reiße mein Schreckenschicksal

Mich, die Arme, Rettungslose,

In den Strudel dieses Hasses,

Diese Unglücks mich hinein! (Sie flieht in den Gartensaal.)

Vierter Auftritt.

Chor. (Bohemund.)

Den begünstigten Sohn der Götter beneid' ich,

Den beglückten Besitzer der Macht!

Immer das Köstlichste ist sein Antheil,

Und von Allem, was hoch und herrlich

Von den Sterblichen wird gepriesen,

Bricht er die Blume sich ab.

(Roger.)

Von den Perlen, welche der tauchender Fischer

Auffängt, wählt er die reinsten für sich.

Für den Herrscher legt man zurück das Beste,

Was gewonnen ward mit gemeinsamer Arbeit,

Wenn sich die Diener durchs Loos vergleichen,

Ihm ist das Schönste gewiß.

(Bohemund.)

Aber eines doch ist sein köstlichstes Kleinod,

Jeder andre Vorzug sei ihm gegönnt,

Dieses beneid' ich ihm unter allem,

Daß er heimführt die Blume der Frauen,

Die das Entzücken ist aller Augen,

Daß er sie eigen besitzt.

(Roger.)

Mit dem Schwerte springt der Corsar an die Küste

In dem nächtlich ergreifenden Überfall;

Männer führt er davon und Frauen

Und ersättigt die wilde Begierde.

Nur die schönste Gestalt darf er nicht berühren,

Die ist des Königes Gut.

(Bohemund.)

Aber jetzt folgt mir, zu bewachen den Eingang

Und die Schwelle des heiligen Raums,

Daß kein Ungeweihter in dieses Geheimniß

Dringe und der Herrscher uns lobe,

Der das Köstlichste, was er besitzet,

Unsrer Bewahrung vertraut.

(Der Chor entfernt sich nach dem Hintergrunde.)

Die Scene verwandelt sich in ein Zimmer im Innern des Palastes.

Fünfter Auftritt.

Donna Isabella steht zwischen Don Manuel und Don Cesar.

Isabella.

Nun endlich ist mir der erwünschte Tag,

Der langersehnte, festliche, erschienen--

Vereint seh' ich die Herzen meiner Kinder,

Wie ich die Hände leicht zusammenfüge,

Und im vertrauten Kreis zum erstenmal

Kann sich das Herz der Mutter freudig öffnen.

Fern ist der fremden Zeugen rohe Schaar,

Die zwischen uns sich kampfgerüstet stellte--

Der Waffen Klang erschreckt mein Ohr nicht mehr,

Und wie der Eulen nachtgewohnte Brut

Von der zerstörten Brandstatt, wo sie lang

Mit altverjährtem Eigenthum genistet,

Auffliegt in düsterm Schwarm, den Tag verdunkelnd,

Wenn sich die lang vertriebenen Bewohner

Heimkehrend nahen mit der Freude Schall,

Den neuen Bau lebendig zu beginnen:

So flieht der alte Haß mit seinem nächtlichen

Gefolge, dem hohläugigten Verdacht,

Der schellen Mißgunst und dem bleichen Neide,

Aus diesen Thoren murrend zu der Hölle,

Und mit dem Frieden zieht geselliges

Vertraun und holde Eintracht lächelnd ein. (Sie hält inne.)

--Doch nicht genug, daß dieser heut'ge Tag

Jedem von beiden einen Bruder schenkt,

Auch eine Schwester hat er euch geboren.

--Ihr staunt? Ihr seht mich mir Verwundrung an?

Ja, meine Söhne! Es ist Zeit, daß ich

Das Siegel breche und das Siegel löse

Von einem lang verschlossenen Geheimniß.

--Auch eine Tochter hat' ich Eurem Vater

Geboren--eine jüngre Schwester lebt

Euch noch--Ihr sollt noch heute sie umarmen.

Don Cesar.

Was sagst du, Mutter? Eine Schwester lebt uns,

Und nie vernahmen wir von dieser Schwester!

Don Manuel.

Wohl hörten wir in früher Kinderzeit,

Daß eine Schwester uns geboren worden;

Doch in der Wiege schon, so ging die Sage,

Nahm sie der Tod hinweg.

Isabella. Die Sage lügt!

Sie lebt!

Don Cesar.

Sie lebt, und du verschwiegest uns?

Isabella.

Von meinem Schweigen geb' ich Rechenschaft.

Hört, was gesäet ward in frührer Zeit

Und jetzt zur frohen Ernte reifen soll.

--Ihr wart noch zarte Knaben, aber schon

Entzweite euch der jammervolle Zwist,

Der ewig nie mehr wiederkehren möge,

Und häufte Gram auf eurer Eltern Herz.

Da wurde eurem Vater eines Tages

Ein seltsam wunderbarer Traum. Ihm däuchte,

Er säh' aus seinem hochzeitlichen Bette

Zwei Lorbeerbäume wachsen, ihr Gezweig

Dicht in einander flechtend--zwischen beiden

Wuchs eine Lilie empor--Sie ward

Zur Flamme, die, der Bäume dicht Gezweig

Und das Gebälk ergreifend, prasseln aufschlug

Und, um sich wüthend, schnell das ganze Haus

In ungeheurer Feuerfluth verschlang.

Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte,

Befragt' der Vater einen sternekundigen

Arabier, der sein Orakel war,

An dem sein Herz mehr hing, als mir gefiel,

Um die Bedeutung. Der Arabier

Erklärte: wenn mein Schooß von einer Tochter

Entbunden würde, tödten würde sie ihm

Die beiden Söhne und sein ganzer Stamm

Durch sie vergehn--Und ich ward Mutter einer Tochter;

Der Vater aber gab den grausamen

Befehl, die neugeborene alsbald

Ins Meer zu werfen. Ich vereitelte

Den blut'gen Vorsatz und erhielt die Tochter

Durch eines treuen Knechts verschwiegnen Dienst.

Don Cesar.

Gesegnet sei er, der dir hilfreich war!

O, nicht an Rath gebricht's der Mutterliebe!

Isabella.

Der Mutterliebe mächt'ge Stimme nicht

Allein trieb mich, das Kindlein zu verschonen.

Auch mir ward eines Traumes seltsames

Orakel, als mein Schooß mit dieser Tochter

Gesegnet war: Ein Kind, wie Liebesgötter schön,

Sah ich im Grase spielen, und ein Löwe

Kam aus dem Wald, der in dem blut'gen Rachen

Die frisch gejagte Beute trug, und ließ

Sie schmeichelnd in den Schooß des Kindes fallen.

Und aus den Lüften schwang ein Adler sich

Herab, ein zitternd Reh in seinen Fängen,

Und legt es schmeichelnd in den Schooß des Kindes,

Und beide, Löw' und Adler, legen, fromm

Gepaart, sich zu des Kindes Füßen nieder.

--Des Traums Verständniß löste mir ein Mönch,

Ein gottgeliebter Mann, bei dem das Herz

Rath fand und Trost in jeder ird'schen Noth.

Der sprach: "Genesen würd' ich einer Tochter,

"Die mir der Söhne streitende Gemüther

"In heißer Liebesgluth vereinen würde."

--Im Innersten bewahrt' ich mir dies Wort;

Dem Gott der Wahrheit mehr als dem der Lüge

Vertrauend, rettet' ich die Gott verheißne,

Des Segens Tochter, meiner Hoffnung Pfand,

Die mir des Friedens Werkzeug sollte sein,

Als euer Haß sich wachsend stets vermehrte.

Don Manuel (seinen Bruder umarmend).

Nicht mehr der Schwester braucht's, der Liebe Band

Zu flechten, aber fester soll sie's knüpfen.

Isabella.

So ließ ich an verborgner Stelle sie,

Von meinen Augen fern, geheimnißvoll

Durch fremde Hand erziehn--der Anblick selbst

Des lieben Angesichts, den heißerflehten,

Versagt' ich mir, den strengen Vater scheuend,

Der, von des Argwohns ruheloser Pein

Und finster grübelndem Verdacht genagt,

Auf allen Schritten mir die Späher pflanzte.

Don Cesar.

Drei Monde aber deckt den Vater schon

Das stille Grab--Was wehrte dir, o Mutter,

Die lang Verborgne an das Licht hervor

Zu ziehn und unsre Herzen zu erfreuen?

Isabella.

Was sonst, als euer unglücksel'ger Streit,

Der, unauslöschlich wüthend, auf dem Grab

Des kaum entseelten Vaters sich entflammte,

Nicht Raum noch Stätte der Versöhnung gab?

Konnt' ich die Schwester zwischen eure wild

Entblößten Schwerter stellen? Konntet ihr

In diesem Sturm die Mutterstimme hören?

Und sollt' ich sie, des Friedens theures Pfand,

Den letzten heil'gen Anker meiner Hoffnung,

An eures Hasses Wuth unzeitig wagen?

--Erst mußtet ihr's ertragen, euch als Brüder

Zu sehn, eh' ich die Schwester zwischen euch

Als einen Friedensengel stellen konnte.

Jetzt kann ich's, und ich führe sie euch zu.

Den alten Diener hab' ich ausgesendet,

Und stündlich harr' ich seiner Wiederkehr,

Der, ihrer stillen Zuflucht sie entreißend,

Zurück an meine mütterliche Brust

Sie führt und in die brüderlichen Arme.

Don Manuel.

Und sie ist nicht die Einz'ge, die du heut

In deine Mutterarme schließen wirst.

Es zieht die Freude ein durch alle Pforten,

Es füllt sich der verödete Palast

Und wird der Sitz der blühnden Anmuth werden.

--Vernimm, o Mutter, jetzt auch mein Geheimniß.

Eine Schwester gibst du mir--Ich will dafür

Dir eine zweite liebe Tochter schenken.

Ja, Mutter! Segne deinen Sohn!--Dies Herz,

Es hat gewählt; gefunden hab' ich sie,

Die mir durchs Leben soll Gefährtin sein.

Eh dieses Tages Sonne sinkt, führ' ich

Die Gattin dir Don Manuels zu Füßen.

Isabella.

An meine Brust will ich sie freudig schließen,

Die meinen Erstgebornen mir beglückt;

Auf ihren Pfaden soll die Freude sprießen,

Und jede Blume, die das Leben schmückt,

Und jedes Glück soll mir den Sohn belohnen,

Der mir die schönste reicht der Mutterkronen!

Don Cesar.

Verschwende, Mutter, deines Segens Fülle

Nicht an den einen erstgebornen Sohn!

Wenn Liebe Segen gibt, so bring' auch ich

Dir eine Tochter, solcher Mutter werth,

Die mich der Liebe neu Gefühl gelehrt.

Eh dieses Tages Sonne sinkt, führt auch

Don Cesar seine Gattin dir entgegen.

Don Manuel.

Allmächt'ge Liebe! Göttliche! Wohl nennt

Man dich mit Recht die Königin der Seelen!

Dir unterwirft sich jedes Element,

Du kannst das Feindlichstreitende vermählen;

Nichts lebt, was deine Hoheit nicht erkennt,

Und auch des Bruders wilden Sinn hast du

Besiegt, der unbezwungen stets geblieben. (Don Cesar umarmend.)

Jetzt glaub' ich an dein Herz und schließe dich

Mit Hoffnung an die brüderliche Brust;

Nicht zweifl' ich mehr an dir, denn du kannst lieben.

Isabella.

Dreimal gesegnet sei mir dieser Tag,

Der mir auf einmal jede bange Sorge

Vom schwer beladnen Busen hebt--Gegründet

Auf festen Säulen seh' ich mein Geschlecht,

Und in der Zeiten Unermeßlichkeit

Kann ich hinabsehn mit zufriednem Geist.

Noch gestern sah ich mich im Wittwenschleier,

Gleich einer Abgeschiednen, kinderlos,

In diesen öden Sälen ganz allein,

Und heute werden in der Jugend Glanz

Drei blühnde Töchter mir zur Seite stehen.

Die Mutter zeige sich, die glückliche,

Von allen Weibern, die geboren haben,

Die sich mit mir an Herrlichkeit vergleicht!

--Doch welcher Fürsten königliche Töchter

Erblühen denn an dieses Landes Grenzen,

Davon ich Kunde nie vernahm?--denn nicht

Unwürdig wählen konnten meine Söhne!

Don Manuel.

Nur heute, Mutter, fordre nicht, den Schleier

Hinwegzuheben, der mein Glück bedeckt.

Es kommt der Tag, der Alles lösen wird,

Am besten mag die Braut sich selbst verkünden,

Deß sei gewiß, du wirst sie würdig finden.

Isabella.

Des Vaters eignen Sinn und Geist erkenn' ich

In meinem erstgebornen Sohn! Der liebte

Von jeher, sich verborgen in sich selbst

Zu spinnen und den Rathschluß zu bewahren

Um unzugangbar fest verschlossenen Gemüth!

Gern mag ich dir die kurze Frist vergönnen;

Doch mein Sohn Cesar, deß bin ich gewiß,

Wird jetzt mir eine Königstochter nennen.

Don Cesar.

Nicht meine Weise ist's, geheimnißvoll

Mich zu verhüllen, Mutter. Frei und offen,

Wie meine Stirne, trag' ich mein Gemüth;

Doch, was du jetzt von mir begehrst zu wissen,

Das, Mutter--laß mich's redlich dir gestehn,

Hab' ich mich selbst noch nicht gefragt. Fragt man,

Woher der Sonne Himmelsfeuer flamme?

Die alle Welt verklärt, erklärt sich selbst,

Ihr Licht bezeugt, daß sie vom Lichte stamme.

Ins klare Auge sah ich meiner Braut,

Ins Herz des Herzens hab' ich ihr geschaut,

Am reinen Glanz will ich die Perle kennen;

Doch ihren Namen kann ich dir nicht nennen.

Isabella.

Wie, mein Sohn Cesar? Kläre mir das auf.

Zu gern dem ersten mächtigen Gefühl

Vertrautest du, wie einer Götterstimme.

Auf rascher Jugendthat erwart' ich dich,

Doch nicht auf thöricht kindischer--Laß hören,

Was deine Wahl gelenkt.

Don Cesar.

Wahl, meine Mutter?

Ist's Wahl, wenn des Gestirnes Macht den Menschen

Ereilt in der verhängnißvollen Stunde?

Nicht, eine Braut zu suchen, ging ich aus,

Nicht wahrlich solches Eitle konnte mir

Zu Sinne kommen in dem Haus des Todes,

Denn dorten fand ich, die ich nicht gesucht.

Gleichgültig war und nichts bedeutend mir

Der Frauen leer geschwätziges Geschlecht,

Denn eine zweite sah ich nicht, wie dich,

Die ich gleich wie ein Götterbild verehre.

Es war des Vaters ernste Todtenfeier;

Im Volksgedräng verborgen, wohnten wir

Ihr bei, du weißt's, in unbekannter Kleidung;

So hattest du's mit Weisheit angeordnet,

Daß unsers Haders wild ausbrechende

Gewalt des Festes Würde nicht verletze.

--Mit schwarzem Flor behangen war das Schiff

Der Kirche, zwanzig Genien umstanden,

Mit Fackeln in den Händen, den Altar,

Vor dem der Todtensarg erhaben ruhte,

Mit weißbekreuztem Grabestuch bedeckt.

Und auf dem Grabtuch sahe man den Stab

Der Herrschaft liegen und die Fürstenkrone,

Den ritterlichen Schmuck der goldnen Sporen,

Das Schwert mit diamantenem Gehäng.

--Und Alles lag in stiller Andacht knieend,

Als ungesehen jetzt vom hohen Chor

Herab die Orgel anfing sich zu regen,

Und hundertstimmig der Gesang begann--

Und als der Chor noch fortklung, stieg der Sarg

Mit sammt dem Boden, der ihn trug, allmählich

Versinkend in die Unterwelt hinab,

Das Grabtuch aber überschleierte,

Weit ausgebreitet, die verborgne Mündung,

Und auf der Erde blieb der ird'sche Schmuck

Zurück, dem Niederfahrenden nicht folgend--

Doch auf den Seraphsflügeln des Gesangs

Schwang die befreite Seele sich nach oben,

Den Himmel suchend und den Schooß der Gnade.

--Dies alles, Mutter, ruf' ich dir, genau

Beschreibend, ins Gedächtniß jetzt zurück,

Daß du erkennest, ob zu jener Stunde

Ein weltlich Wünschen mir im Herzen war.

Und diesen festlich ernsten Augenblick

Erwählte sich der Lenker meines Lebens,

Mich zu berühren mit der Liebe Strahl.

Wie es geschah, frag' ich mich selbst vergebens.

Isabella.

Vollende dennoch! Laß mich Alles hören!

Don Cesar.

Woher sie kam, und wie sie sich zu mir

Gefunden, dieses frage nicht--Als ich

Die Augen wandte, stand sie mir zur Seite,

Und dunkel mächtig, wunderbar ergriff

Im tiefsten Innersten mich ihre Nähe.

Nicht ihres Wesens schöner Außenschein,

Nicht ihres Lächelns holder Zauber war's,

Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,

Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt--

Es war ihr tiefste und geheimstes Leben,

Was mich ergriff mit heiliger Gewalt,

Wie Zaubers Kräfte unbegreiflich weben--

Die Seelen schienen ohne Worteslaut

Sich ohne Mittel geistig zu berühren,

Als sich mein Athem mischte mit dem ihren;

Fremd war sie mir und innig doch vertraut,

Und klar auf einmal fühlt' ich's in mir werden,

Die ist es oder Keine sonst auf Erden!

Don Manuel (mit Feuer einfallend).

Das ist der Liebe heil'ger Götterstrahl,

Der in die Seele schlägt und trifft und zündet,

Wenn sich Verwandtes zum Verwandten findet,

Da ist kein Widerstand und keine Wahl,

Es löst der Mensch nicht, was der Himmel bindet.

--Dem Bruder fall' ich bei, ich muß ihn loben,

Mein eigen Schicksal ist's, was er erzählt,

Den Schleier hat er glücklich aufgehoben

Von dem Gefühl, das dunkel mich beseelt.

Isabella.

Den eignen freien Weg, ich seh' es wohl,

Will das Verhängniß gehn mit meinen Kindern.

Vom Berge stürzt der ungeheure Strom,

Wühlt sich sein Bette selbst und bricht sich Bahn,

Nicht des gemeßnen Pfades achtet er,

Den ihm die Klugheit vorbedächtig baut.

So unterwerf' ich mich--wie kann ich's ändern?--

Der unregiersam stärkern Götterhand,

Die meines Hauses Schicksal dunkel spinnt.

Der Söhne Herz ist meiner Hoffnung Pfand,

Sie denken groß, wie sie geboren sind.

Sechster Auftritt.

Donna Isabella. Don Manuel. Don Cesar. Diego zeigt sich an der Thüre.

Isabella.

Doch, sieh, da kommt mein treuer Knecht zurück!

Nur näher, näher, redlicher Diego!

Wo ist mein Kind?--Sie wissen Alles! Hier

Ist kein Geheimniß mehr--Wo ist sie? Sprich!

Verbirg sie länger nicht! Wir sind gefaßt,

Die höchste Freude zu ertragen. Komm!

(Sie will mit ihm nach der Thüre gehen.)

Was ist das? Wie? Du zögerst? Du verstummst?

Das ist kein Blick, der Gutes mir verkündet!

Was ist dir? Sprich! Ein Schauder faßt mich an.

Wo ist sie? Wo ist Beatrice?

(Will hinaus.)

Don Manuel. (für sich betroffen).

Beatrice!

Diego. (hält sie zurück).

Bleib!

Isabella.

Wo ist sie? Mich entseelt die Angst.

Diego.

Sie folgt

Mir nicht. Ich bringe dir die Tochter nicht.

Isabella.

Was ist geschehn? Bei allen Heil'gen, rede!

Don Cesar.

Wo ist die Schwester? Unglücksel'ger, rede!

Diego.

Sie ist geraubt! Gestohlen von Corsaren!

O, hätt' ich nimmer diesen Tag gesehn!

Don Manuel.

Faß dich, o Mutter!

Don Cesar.

Mutter, sei gefaßt!

Bezwinge dich, bis du ihn ganz vernommen!

Diego.

Ich machte schnell mich auf, wie du befohlen,

Die oft betretne Straße nach dem Kloster

Zum letztenmal zu gehn--Die Freude trug mich

Auf leichten Flügeln fort.

Don Cesar.

Zur Sache!

Don Manuel.

Rede!

Diego.

Und da ich in die wohlbekannten Höfe

Des Klosters trete, die ich oft betrat,

Nach deiner Tochter ungeduldig frage,

Seh' ich des Schreckens Bild in jedem Auge,

Entsetzt vernehm' ich das Entsetzliche.

(Isabella sinkt bleich und zitternd auf einen Sessel, Don Manuel

ist um sie beschäftigt.)

Don Cesar.

Und Mauren, sagst du, raubten sie hinweg?

Sah man die Mauren? Wer bezeugte dies?

Die Braut von Messina · 第 2 / 5 段