Batteux erkläret die Fabel kurzweg durch die Erzählung einer
allegorischen Handlung [1]. Weil er es zum Wesen der Allegorie macht,
daß sie eine Lehre oder Wahrheit verberge, so hat er ohne Zweifel
geglaubt, des moralischen Satzes, der in der Fabel zum Grunde liegt,
in ihrer Erklärung gar nicht erwähnen zu dürfen. Man siehet sogleich,
was von meinen bisherigen Anmerkungen auch wider diese Erklärung
anzuwenden ist. Ich will mich daher nicht wiederholen, sondern bloß
die fernere Erklärung, welche Batteux von der Handlung gibt,
untersuchen.
{Fussnote 1: Principes de Litterature, Tome II. I. Partie p. V.
L'Apologue est le recit d'une action allegorique etc.}
"Eine Handlung, sagt Batteux, ist eine Unternehmung, die mit Wahl und
Absicht geschiehet.--Die Handlung setzet, außer dem Leben und der
Wirksamkeit, auch Wahl und Endzweck voraus und kömmt nur vernünftigen
Wesen zu."
Wenn diese Erklärung ihre Richtigkeit hat, so mögen wir nur neun
Zehnteile von allen existierenden Fabeln ausstreichen. Aesopus selbst
wird alsdann deren kaum zwei oder drei gemacht haben, welche die Probe
halten.--"Zwei Hähne kämpfen miteinander. Der Besiegte verkriecht
sich. Der Sieger fliegt auf das Dach, schlägt stolz mit den Flügeln
und krähet. Plötzlich schießt ein Adler auf den Sieger herab und
zerfleischt ihn." [2]--Ich habe das allezeit für eine sehr glückliche
Fabel gehalten, und doch fehlt ihr, nach dem Batteux, die Handlung.
Denn wo ist hier eine Unternehmung, die mit Wahl und Absicht
geschähe?--"Der Hirsch betrachtet sich in einer spiegelnden Quelle, er
schämt sich seiner dürren Läufte und freuet sich seines stolzen
Geweihes. Aber nicht lange! Hinter ihm ertönet die Jagd, seine
dürren Läufte bringen ihn glücklich ins Gehölze, da verstrickt ihn
sein stolzes Geweih, er wird erreicht." [3]--Auch hier sehe ich keine
Unternehmung, keine Absicht. Die Jagd ist zwar eine Unternehmung, und
der fliehende Hirsch hat die Absicht, sich zu retten, aber beide
Umstände gehören eigentlich nicht zur Fabel, weil man sie, ohne
Nachteil derselben, weglassen und verändern kann. Und dennoch fehlt
es ihr nicht an Handlung. Denn die Handlung liegt in dem falsch
befundenen Urteile des Hirsches. Der Hirsch urteilet falsch und
lernet gleich darauf aus der Erfahrung, daß er falsch geurteilet habe.
Hier ist also eine Folge von Veränderungen, die einen einzigen
anschauenden Begriff in mir erwecken.--Und das ist meine obige
Erklärung der Handlung, von der ich glaube, daß sie auf alle gute
Fabeln passen wird.
{Fussnote 2: Aesop. Fab. 145.}
{Fussnote 3: Fab. Aesop. 181.}
Gibt es aber doch wohl Kunstrichter, welche einen noch engern, und
zwar so materiellen Begriff mit dem Worte Handlung verbinden, daß sie
nirgends Handlung sehen, als wo die Körper so tätig sind, daß sie eine
gewisse Veränderung des Raumes erfordern. Sie finden in keinem
Trauerspiele Handlung, als wo der Liebhaber zu Füßen fällt, die
Prinzessin ohnmächtig wird, die Helden sich balgen, und in keiner
Fabel, als wo der Fuchs springt, der Wolf zerreißet und der Frosch die
Maus sich an das Bein bindet. Es hat ihnen nie beifallen wollen, daß
auch jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von
verschiedenen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung sei;
vielleicht weil sie viel zu mechanisch denken und fühlen, als daß sie
sich irgendeiner Tätigkeit dabei bewußt wären.--Ernsthafter sie zu
widerlegen würde eine unnütze Mühe sein. Es ist aber nur schade, daß
sie sich einigermaßen mit dem Batteux schützen, wenigstens behaupten
können, ihre Erklärung mit ihm aus einerlei Fabeln abstrahieret zu
haben. Denn wirklich, auf welche Fabel die Erklärung des Batteux
passet, passet auch ihre, so abgeschmackt sie immer ist.
Batteux, wie ich wohl darauf wetten wollte, hat bei seiner Erklärung
nur die erste Fabel des Phaedrus vor Augen gehabt, die er, mehr als
einmal, une des plus belles et des plus celebres de l'antiquité nennet.
Es ist wahr, in dieser ist die Handlung ein Unternehmen, das mit
Wahl und Absicht geschiehet. Der Wolf nimmt sich vor, das Schaf zu
zerreißen, fauce improba incitatus; er will es aber nicht so plump zu,
er will es mit einem Scheine des Rechts tun, und also jurgii causam
intulit.--Ich spreche dieser Fabel ihr Lob nicht ab; sie ist so
vollkommen, als sie nur sein kann. Allein sie ist nicht deswegen
vollkommen, weil ihre Handlung ein Unternehmen ist, das mit Wahl und
Absicht geschiehet, sondern weil sie ihrer Moral, die von einem
solchen Unternehmen spricht, ein völliges Genüge tut. Die Moral ist
[4]: oiV proJesiV adikein, par autoiV ou dikaiologia iscuei. Wer den
Vorsatz hat, einen Unschuldigen zu unterdrücken, der wird es zwar met
eulogou aitiaV zu tun suchen; er wird einen scheinbaren Vorwand wählen,
aber sich im geringsten nicht von seinem einmal gefaßten Entschlusse
abbringen lassen, wenn sein Vorwand gleich völlig zuschanden gemacht
wird. Diese Moral redet von einem Vorsatze (dessein); sie redet von
gewissen, vor andern vorzüglich gewählten Mitteln, diesen Vorsatz zu
vollführen (choix): und folglich muß auch in der Fabel etwas sein, was
diesem Vorsatze, diesen gewählten Mitteln entspricht; es muß in der
Fabel sich ein Unternehmen finden, das mit Wahl und Absicht geschiehet.
Bloß dadurch wird sie zu einer vollkommenen Fabel, welches sie nicht
sein würde, wenn sie den geringsten Zug mehr oder weniger enthielte
als, den Lehrsatz anschauend zu machen, nötig ist. Batteux bemerkt
alle ihre kleinen Schönheiten des Ausdrucks und stellet sie von dieser
Seite in ein sehr vorteilhaftes Licht; nur ihre wesentliche
Vortrefflichkeit läßt er unerörtert und verleitet seine Leser sogar,
sie zu verkennen. Er sagt nämlich, die Moral, die aus dieser Fabel
fließe, sei: que le plus faible est souvent opprimé par le plus fort.
Wie seicht! Wie falsch! Wenn sie weiter nichts als dieses lehren
sollte, so hätte wahrlich der Dichter die fictae causae des Wolfs sehr
vergebens, sehr für die Langeweile erfunden; seine Fabel sagte mehr,
als er damit hätte sagen wollen, und wäre, mit einem Worte, schlecht.
{Fussnote 4: Fab. Aesop. 230.}
Ich will mich nicht in mehrere Exempel zerstreuen. Man untersuche es
nur selbst, und man wird durchgängig finden, daß es bloß von der
Beschaffenheit des Lehrsatzes abhängt, ob die Fabel eine solche
Handlung, wie sie Batteux ohne Ausnahme fodert, haben muß oder
entbehren kann. Der Lehrsatz der itzt erwähnten Fabel des Phaedrus
machte sie, wie wir gesehen, notwendig, aber tun es deswegen alle
Lehrsätze? Sind alle Lehrsätze von dieser Art? Oder haben allein die,
welche es sind, das Recht, in eine Fabel eingekleidet zu werden? Ist
z. E. der Erfahrungssatz
Laudatis utiliora quae contemseris
Saepe inveniri
nicht wert, in einem einzeln Falle, welcher die Stelle einer
Demonstration vertreten kann, erkannt zu werden? Und wenn er es ist,
was für ein Unternehmen, was für eine Absicht, was für eine Wahl liegt
darin, welche der Dichter auch in der Fabel auszudrücken gehalten wäre?
So viel ist wahr: wenn aus einem Erfahrungssatze unmittelbar eine
Pflicht, etwas zu tun oder zu lassen, folget, so tut der Dichter
besser, wenn er die Pflicht, als wenn er den bloßen Erfahrungssatz in
seiner Fabel ausdrückt.--"Groß sein ist nicht immer ein Glück"--diesen
Erfahrungssatz in eine schöne Fabel zu bringen möchte kaum möglich
sein. Die obige Fabel von dem Fischer, welcher nur der größten Fische
habhaft bleibet, indem die kleinern glücklich durch das Netz
durchschlupfen, ist, in mehr als einer Betrachtung, ein sehr
mißlungener Versuch. Aber wer heißt auch dem Dichter, die Wahrheit
von dieser schielenden und unfruchtbaren Seite nehmen? Wenn groß sein
nicht immer ein Glück ist, so ist es oft ein Unglück; und wehe dem,
der wider seinen Willen groß ward, den das Glück ohne sein Zutun erhob,
um ihn ohne sein Verschulden desto elender zu machen! Die großen
Fische mußten groß werden; es stand nicht bei ihnen, klein zu bleiben.
Ich danke dem Dichter für kein Bild, in welchem ebenso viele ihr
Unglück als ihr Glück erkennen. Er soll niemanden mit seinen
Umständen unzufrieden machen; und hier macht er doch, daß es die
Großen mit den ihrigen sein müssen. Nicht das Großsein, sondern die
eitele Begierde groß zu werden (kenodoxian), sollte er uns als eine
Quelle des Unglücks zeigen. Und das tat jener Alte [5], der die Fabel
von den Mäusen und Wieseln erzählte. "Die Mäuse glaubten, daß sie nur
deswegen in ihrem Kriege mit den Wieseln so unglücklich wären, weil
sie keine Heerführer hätten, und beschlossen, dergleichen zu wählen.
Wie rang nicht diese und jene ehrgeizige Maus, es zu werden! Und wie
teuer kam ihr am Ende dieser Vorzug zu stehen! Die Eiteln banden sich
Hörner auf,
{Fussnote 5: Fab. Aesop. 243. Phaedrus libr. IV. Fab. 5.}
"-- ut conspicuum in praelio
Haberent signum, quod sequerentur milites,
"und diese Hörner, als ihr Heer dennoch wieder geschlagen ward,
hinderten sie, sich in ihre engen Löcher zu retten,
"Haesere in portis, suntque capti ab hostibus
Quos immolatos victor avidis dentibus
Capacis alvi mersit tartareo specu."
Diese Fabel ist ungleich schöner. Wodurch ist sie es aber anders
geworden, als dadurch, daß der Dichter die Moral bestimmter und
fruchtbarer angenommen hat? Er hat das Bestreben nach einer eiteln
Größe, und nicht die Größe überhaupt, zu seinem Gegenstande gewählet;
und nur durch dieses Bestreben, durch diese eitle Größe, ist
natürlicherweise auch in seine Fabel das Leben gekommen, das uns so
sehr in ihr gefällt.
Überhaupt hat Batteux die Handlung der aesopischen Fabel mit der
Handlung der Epopee und des Drama viel zu sehr verwirrt. Die Handlung
der beiden letztern muß außer der Absicht, welche der Dichter damit
verbindet, auch eine innere, ihr selbst zukommende Absicht haben. Die
Handlung der erstern braucht diese innere Absicht nicht, und sie ist
vollkommen genug, wenn nur der Dichter seine Absicht damit erreichet.
Der heroische und dramatische Dichter machen die Erregung der
Leidenschaften zu ihrem vornehmsten Endzwecke. Er kann sie aber nicht
anders erregen als durch nachgeahmte Leidenschaften; und nachahmen
kann er die Leidenschaften nicht anders, als wenn er ihnen gewisse
Ziele setzet, welchen sie sich zu nähern oder von welchen sie sich zu
entfernen streben. Er muß also in die Handlung selbst Absichten legen,
und diese Absichten unter eine Hauptabsicht so zu bringen wissen, daß
verschiedene Leidenschaften nebeneinander bestehen können. Der
Fabuliste hingegen hat mit unsern Leidenschaften nichts zu tun,
sondern allein mit unserer Erkenntnis. Er will uns von irgendeiner
einzeln moralischen Wahrheit lebendig überzeugen. Das ist seine
Absicht, und diese sucht er, nach Maßgebung der Wahrheit, durch die
sinnliche Vorstellung einer Handlung bald mit, bald ohne Absichten zu
erhalten. Sobald er sie erhalten hat, ist es ihm gleichviel, ob die
von ihm erdichtete Handlung ihre innere Endschaft erreicht hat oder
nicht. Er läßt seine Personen oft mitten auf dem Wege stehen und
denket im geringsten nicht daran, unserer Neugierde ihretwegen ein
Genüge zu tun. "Der Wolf beschuldiget den Fuchs eines Diebstahls.
Der Fuchs leugnet die Tat. Der Affe soll Richter sein. Kläger und
Beklagter bringen ihre Gründe und Gegengründe vor. Endlich schreitet
der Affe zum Urteil [6]:
{Fussnote 6: Phaedrus libr. I. Fab. 10.}
"Tu non videris perdidisse, quod petis;
Te credo surripuisse, quod pulchre negas."
Die Fabel ist aus; denn in dem Urteil des Affen lieget die Moral, die
der Fabulist zum Augenmerke gehabt hat. Ist aber das Unternehmen aus,
das uns der Anfang derselben verspricht? Man bringe diese Geschichte
in Gedanken auf die komische Bühne, und man wird sogleich sehen, daß
sie durch einen sinnreichen Einfall abgeschnitten, aber nicht geendigt
ist. Der Zuschauer ist nicht zufrieden, wenn er voraussiehet, daß die
Streitigkeit hinter der Szene wieder von vorne angehen muß.--"Ein
armer geplagter Greis ward unwillig, warf seine Last von dem Rücken
und rief den Tod. Der Tod erscheinet. Der Greis erschrickt und fühlt
betroffen, daß elend leben doch besser als gar nicht leben ist. Nun,
was soll ich? fragt der Tod. Ach, lieber Tod, mir meine Last wieder
aufhelfen." [7]--Der Fabulist ist glücklich und zu unserm Vergnügen an
seinem Ziele. Aber auch die Geschichte? Wie ging es dem Greise?
Ließ ihn der Tod leben, oder nahm er ihn mit? Um alle solche Fragen
bekümmert sich der Fabulist nicht; der dramatische Dichter aber muß
ihnen vorbauen.
{Fussnote 7: Fab. Aesop. 20.}
Und so wird man hundert Beispiele finden, daß wir uns zu einer
Handlung für die Fabel mit weit wenigerm begnügen als zu einer
Handlung für das Heldengedichte oder das Drama. Will man daher eine
allgemeine Erklärung von der Handlung geben, so kann man unmöglich die
Erklärung des Batteux dafür brauchen, sondern muß sie notwendig so
weitläuftig machen, als ich es oben getan habe.--Aber der
Sprachgebrauch? wird man einwerfen. Ich gestehe es; dem
Sprachgebrauche nach heißt gemeiniglich das eine Handlung, was einem
gewissen Vorsatze zufolge unternommen wird; dem Sprachgebrauche nach
muß dieser Vorsatz ganz erreicht sein, wenn man soll sagen können, daß
die Handlung zu Ende sei. Allein was folgt hieraus? Dieses: wem der
Sprachgebrauch so gar heilig ist, daß er ihn auf keine Weise zu
verletzen wagt, der enthalte sich des Wortes Handlung, insofern es
eine wesentliche Eigenschaft der Fabel ausdrücken soll, ganz und gar.--
Und, alles wohl überlegt, dem Rate werde ich selbst folgen. Ich will
nicht sagen, die moralische Lehre werde in der Fabel durch eine
Handlung ausgedrückt, sondern ich will lieber ein Wort von einem
weitern Umfange suchen und sagen, der allgemeine Satz werde durch die
Fabel auf einen einzeln Fall zurückgeführet. Dieser einzelne Fall
wird allezeit das sein, was ich oben unter dem Worte Handlung
verstanden habe; das aber, was Batteux darunter verstehet, wird er nur
dann und wann sein. Er wird allezeit eine Folge von Veränderungen
sein, die durch die Absicht, die der Fabulist damit verbindet, zu
einem Ganzen werden. Sind sie es auch außer dieser Absicht, desto
besser! Eine Folge von Veränderungen--daß es aber Veränderungen
freier, moralischer Wesen sein müssen, verstehet sich von selbst.
Denn sie sollen einen Fall ausmachen, der unter einem Allgemeinen, das
sich nur von moralischen Wesen sagen läßt, mit begriffen ist. Und
darin hat Batteux freilich recht, daß das, was er die Handlung der
Fabel nennet, bloß vernünftigen Wesen zukomme. Nur kömmt es ihnen
nicht deswegen zu, weil es ein Unternehmen mit Absicht ist, sondern
weil es Freiheit voraussetzt. Denn die Freiheit handelt zwar allezeit
aus Gründen, aber nicht allezeit aus Absichten.---
Sind es meine Leser nun bald müde, mich nichts als widerlegen zu
hören? Ich wenigstens bin es. De La Motte, Richer, Breitinger,
Batteux sind Kunstrichter von allerlei Art, mittelmäßige, gute,
vortreffliche. Man ist in Gefahr, sich auf dem Wege zur Wahrheit zu
verirren, wenn man sich um gar keine Vorgänger bekümmert; und man
versäumt sich ohne Not, wenn man sich um alle bekümmern will.
Wie weit bin ich? Hui, daß mir meine Leser alles, was ich mir so
mühsam erstritten habe, von selbst geschenkt hätten!--In der Fabel
wird nicht eine jede Wahrheit, sondern ein allgemeiner moralischer
Satz nicht unter die Allegorie einer Handlung, sondern auf einen
einzeln Fall nicht versteckt oder verkleidet, sondern so
zurückgeführet, daß ich nicht bloß einige Ähnlichkeiten mit dem
moralischen Satze in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend
darin erkenne.
Und das ist das Wesen der Fabel? Das ist es, ganz erschöpft?--Ich
wollte es gern meine Leser bereden, wenn ich es nur erst selbst
glaubte.--Ich lese bei dem Aristoteles [1]: "Eine obrigkeitliche Person
durch das Los ernennen ist eben, als wenn ein Schiffsherr, der einen
Steuermann braucht, es auf das Los ankommen ließe, welcher von seinen
Matrosen es sein sollte, anstatt daß er den allergeschicktesten dazu
unter ihnen mit Fleiß aussuchte."--Hier sind zwei besondere Fälle, die
unter eine allgemeine moralische Wahrheit gehören. Der eine ist der
sich eben itzt äußernde, der andere ist der erdichtete. Ist dieser
erdichtete eine Fabel? Niemand wird ihn dafür gelten lassen.--Aber
wenn es bei dem Aristoteles so hieße: "Ihr wollt euren Magistrat durch
das Los ernennen? Ich sorge, es wird euch gehen wie jenem
Schiffsherrn, der, als es ihm an einem Steuermanne fehlte etc." Das
verspricht doch eine Fabel? Und warum? Welche Veränderung ist damit
vorgegangen? Man betrachte alles genau, und man wird keine finden als
diese: Dort ward der Schiffsherr durch ein als wenn eingeführt, er
ward bloß als möglich betrachtet; und hier hat er die Wirklichkeit
erhalten, es ist hier ein gewisser, es ist jener Schiffsherr.
{Fussnote 1: Aristoteles Rhetor. libr. II. cap. 20.}
Das trifft den Punkt! Der einzelne Fall, aus welchem die Fabel
bestehet, muß als wirklich vorgestellet werden. Begnüge ich mich an
der Möglichkeit desselben, so ist es ein Beispiel, eine Parabel.--Es
verlohnt sich der Mühe, diesen wichtigen Unterschied, aus welchem man
allein so viel zweideutigen Fabeln das Urteil sprechen muß, an einigen
Exempeln zu zeigen.--Unter den aesopischen Fabeln des Planudes lieset
man auch folgendes: "Der Biber ist ein vierfüßiges Tier, das meistens
im Wasser wohnet und dessen Geilen in der Medizin von großem Nutzen
sind. Wenn nun dieses Tier von den Menschen verfolgt wird und ihnen
nicht mehr entkommen kann, was tut es? Es beißt sich selbst die
Geilen ab und wirft sie seinen Verfolgern zu. Denn es weiß gar wohl,
daß man ihm nur dieserwegen nachstellet und es sein Leben und seine
Freiheit wohlfeiler nicht erkaufen kann." [2]--Ist das eine Fabel? Es
liegt wenigstens eine vortreffliche Moral darin. Und dennoch wird
sich niemand bedenken, ihr den Namen einer Fabel abzusprechen. Nur
über die Ursache, warum er ihr abzusprechen sei, werden sich
vielleicht die meisten bedenken und uns doch endlich eine falsche
angeben. Es ist nichts als eine Naturgeschichte: würde man vielleicht
mit dem Verfasser der Critischen Briefe [3] sagen. Aber gleichwohl,
würde ich mit ebendiesem Verfasser antworten, handelt hier der Biber
nicht aus bloßem Instinkt, er handelt aus freier Wahl und nach reifer
Überlegung, denn er weiß es, warum er verfolgt wird (ginwskwn ou carin
diwketai). Diese Erhebung des Instinkts zur Vernunft, wenn ich ihm
glauben soll, macht es ja eben, daß eine Begegnis aus dem Reiche der
Tiere zu einer Fabel wird. Warum wird sie es denn hier nicht? Ich
sage: sie wird es deswegen nicht, weil ihr die Wirklichkeit fehlet.
Die Wirklichkeit kömmt nur dem Einzeln, dem Individuo zu, und es läßt
sich keine Wirklichkeit ohne die Individualität gedenken. Was also
hier von dem ganzen Geschlechte der Biber gesagt wird, hätte müssen
nur von einem einzigen Biber gesagt werden, und alsdenn wäre es eine
Fabel geworden.--Ein ander Exempel: "Die Affen, sagt man, bringen zwei
Junge zur Welt, wovon sie das eine sehr heftig lieben und mit aller
möglichen Sorgfalt pflegen, das andere hingegen hassen und versäumen.
Durch ein sonderbares Geschick aber geschieht es, daß die Mutter das
Geliebte unter häufigen Liebkosungen erdrückt, indem das Verachtete
glücklich aufwächset." [4] Auch dieses ist aus ebender Ursache, weil
das, was nur von einem Individuo gesagt werden sollte, von einer
ganzen Art gesagt wird, keine Fabel. Als daher l'Estrange eine Fabel
daraus machen wollte, mußte er ihm diese Allgemeinheit nehmen und die
Individualität dafür erteilen [5]. "Eine Äffin, erzählt er, hatte zwei
Junge; in das eine war sie närrisch verliebt, an dem andern aber war
ihr sehr wenig gelegen. Einsmals überfiel sie ein plötzlicher
Schrecken. Geschwind rafft sie ihren Liebling auf, nimmt ihn in die
Arme, eilt davon, stürzt aber und schlägt mit ihm gegen einen Stein,
daß ihm das Gehirn aus dem zerschmetterten Schädel springt. Das
andere Junge, um das sie sich im geringsten nicht bekümmert hatte, war
ihr von selbst auf den Rücken gesprungen, hatte sich an ihre Schultern
angeklammert und kam glücklich davon."--Hier ist alles bestimmt; und
was dort nur eine Parabel war, ist hier zur Fabel geworden.--Das schon
mehr als einmal angeführte Beispiel von dem Fischer hat den nämlichen
Fehler; denn selten hat eine schlechte Fabel einen Fehler allein. Der
Fall ereignet sich allezeit, sooft das Netz gezogen wird, daß die
Fische, welche kleiner sind als die Gitter des Netzes, durchschlupfen
und die größern hängenbleiben. Für sich selbst ist dieser Fall also
kein individueller Fall, sondern hätte es durch andere mit ihm
verbundene Nebenumstände erst werden müssen.
{Fussnote 2: Fabul. Aesop. 33.}
{Fussnote 3: Critische Briefe. Zürich 1746. S. 168.}
{Fussnote 4: Fab. Aesop. 268.}
{Fussnote 5: In seinen Fabeln, so wie sie Richardson adoptiert hat,
die 187.}
Die Sache hat also ihre Richtigkeit: der besondere Fall, aus welchem
die Fabel bestehet, muß als wirklich vorgestellt werden; er muß das
sein, was wir in dem strengsten Verstande einen einzeln Fall nennen.
Aber warum? Wie steht es um die philosophische Ursache? Warum
begnügt sich das Exempel der praktischen Sittenlehre, wie man die
Fabel nennen kann, nicht mit der bloßen Möglichkeit, mit der sich die
Exempel andrer Wissenschaften begnügen?--Wieviel ließe sich hiervon
plaudern, wenn ich bei meinen Lesern gar keine richtige psychologische
Begriffe voraussetzen wollte. Ich habe mich oben schon geweigert, die
Lehre von der anschauenden Erkenntnis aus unserm Weltweisen
abzuschreiben. Und ich will auch hier nicht mehr davon beibringen als
unumgänglich nötig ist, die Folge meiner Gedanken zu zeigen.
Die anschauende Erkenntnis ist für sich selbst klar. Die symbolische
entlehnet ihre Klarheit von der anschauenden.
Das Allgemeine existierst nur in dem Besondern und kann nur in dem
Besondern anschauend erkannt werden.
Einem allgemeinen symbolischen Schlusse folglich alle die Klarheit zu
geben, deren er fähig ist, das ist, ihn soviel als möglich zu
erläutern, müssen wir ihn auf das Besondere reduzieren, um ihn in
diesem anschauend zu erkennen.
Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen,
heißt ein Exempel.
Die allgemeinen symbolischen Schlüsse werden also durch Exempel
erläutert. Alle Wissenschaften bestehen aus dergleichen symbolischen
Schlüssen; alle Wissenschaften bedürfen daher der Exempel.
Doch die Sittenlehre muß mehr tun als ihre allgemeinen Schlüsse bloß
erläutern; und die Klarheit ist nicht der einzige Vorzug der
anschauenden Erkenntnis.
Weil wir durch diese einen Satz geschwinder übersehen und so in einer
kürzern Zeit mehr Bewegungsgründe in ihm entdecken können, als wenn er
symbolisch ausgedrückt ist: so hat die anschauende Erkenntnis auch
einen weit größern Einfluß in den Willen als die symbolische.
Die Grade dieses Einflusses richten sich nach den Graden ihrer
Lebhaftigkeit; und die Grade ihrer Lebhaftigkeit nach den Graden der
nähern und mehrern Bestimmungen, in die das Besondere gesetzt wird.
Je näher das Besondere bestimmt wird, je mehr sich darin unterscheiden
läßt, desto größer ist die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis.
Die Möglichkeit ist eine Art des Allgemeinen; denn alles was möglich
ist, ist auf verschiedene Art möglich.
Ein Besonderes also, bloß als möglich betrachtet, ist gewissermaßen
noch etwas Allgemeines und hindert, als dieses, die Lebhaftigkeit der
anschauenden Erkenntnis.
Folglich muß es als wirklich betrachtet werden und die Individualität
erhalten, unter der es allein wirklich sein kann, wenn die anschauende
Erkenntnis den höchsten Grad ihrer Lebhaftigkeit erreichen und so
mächtig als möglich auf den Willen wirken soll.
Das Mehrere aber, das die Sittenlehre, außer der Erläuterung, ihren
allgemeinen Schlüssen schuldig ist, bestehet eben in dieser ihnen zu
erteilenden Fähigkeit auf den Willen zu wirken, die sie durch die
anschauende Erkenntnis in dem Wirklichen erhalten, da andere
Wissenschaften, denen es um die bloße Erläuterung zu tun ist, sich mit
einer geringern Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis, deren das
Besondere, als bloß möglich betrachtet, fähig ist, begnügen.
Hier bin ich also! Die Fabel erfordert deswegen einen wirklichen Fall,
weil man in einem wirklichen Falle mehr Bewegungsgründe und
deutlicher unterscheiden kann als in einem möglichen, weil das
Wirkliche eine lebhaftere Überzeugung mit sich führet als das bloß
Mögliche.
Aristoteles scheinet diese Kraft des Wirklichen zwar gekannt zu haben;
weil er sie aber aus einer unrechten Quelle herleitet, so konnte es
nicht fehlen, er mußte eine falsche Anwendung davon machen. Es wird
nicht undienlich sein, seine ganze Lehre von dem Exempel (peri
paradeigmatoV) hier zu übersehen [6]. Erst von seiner Einteilung des
Exempels: Paradeigmatwn d eidh duo estin, sagt er, en men gar esti
paradeigmatoV eidoV, to legein pragmata progegenhmena, en de, to auta
poiein. Toutou d en men parabolh: en de logoi: oion oi aiswpeioi kai
libukoi. Die Einteilung überhaupt ist richtig; von einem Kommentator
aber würde ich verlangen, daß er uns den Grund von der Unterabteilung
der erdichteten Exempel beibrächte und uns lehrte, warum es deren nur
zweierlei Arten gäbe und mehrere nicht geben könne. Er würde diesen
Grund, wie ich es oben getan habe, leicht aus den Beispielen selbst
abstrahieren können, die Aristoteles davon gibt. Die Parabel nämlich
führt er durch ein wsper ei tiV ein; und die Fabeln erzählt er als
etwas wirklich Geschehenes. Der Kommentator müßte also diese Stelle
so umschreiben: Die Exempel werden entweder aus der Geschichte
genommen oder in Ermangelung derselben erdichtet. Bei jedem
geschehenen Dinge läßt sich die innere Möglichkeit von seiner
Wirklichkeit unterscheiden, obgleich nicht trennen, wenn es ein
geschehenes Ding bleiben soll. Die Kraft, die es als ein Exempel
haben soll, liegt also entweder in seiner bloßen Möglichkeit oder
zugleich in seiner Wirklichkeit. Soll sie bloß in jener liegen, so
brauchen wir, in seiner Ermangelung, auch nur ein bloß mögliches Ding
zu erdichten; soll sie aber in dieser liegen, so müssen wir auch
unsere Erdichtung von der Möglichkeit zur Wirklichkeit erheben. In
dem ersten Falle erdichten wir eine Parabel und in dem andern eine
Fabel.--(Was für eine weitere Einteilung der Fabel hieraus folge, wird
sich in der dritten Abhandlung zeigen.)
{Fussnote 6: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.}
Und so weit ist wider die Lehre des Griechen eigentlich nichts zu
erinnern. Aber nunmehr kömmt er auf den Wert dieser verschiedenen
Arten von Exempeln und sagt: Eisi d oi logoi dhmhgorikoi: kai ecousin
agaJon touto, oti pragmata men eurein omoia gegenhmena, calepon,
logouV de raon. Poihsai gar dei wsper kai parabolaV, an tiV dunhtai
to omoion oran, oper raon estin ek jilosojiaV. Raw men oun porisasJai
ta dia twn logwn: crhsimwtera de proV to bouleusasJai, ta dia twn
pragmatwn: omoia gar, wV epi to polu, ta mellonta toiV gegonosi. Ich
will mich itzt nur an den letzten Ausspruch dieser Stelle halten.
Aristoteles sagt, die historischen Exempel hätten deswegen eine
größere Kraft zu überzeugen als die Fabeln, weil das Vergangene
gemeiniglich dem Zukünftigen ähnlich sei. Und hierin, glaube ich, hat
sich Aristoteles geirret. Von der Wirklichkeit eines Falles, den ich
nicht selbst erfahren habe, kann ich nicht anders als aus Gründen der
Wahrscheinlichkeit überzeugt werden. Ich glaube bloß deswegen, daß
ein Ding geschehen und daß es soundso geschehen ist, weil es höchst
wahrscheinlich ist und höchst unwahrscheinlich sein würde, wenn es
nicht oder wenn es anders geschehen wäre. Da also einzig und allein
die innere Wahrscheinlichkeit mich die ehemalige Wirklichkeit eines
Falles glauben macht und diese innere Wahrscheinlichkeit sich
ebensowohl in einem erdichteten Falle finden kann: was kann die
Wirklichkeit des erstern für eine größere Kraft auf meine Überzeugung
haben als die Wirklichkeit des andern? Ja noch mehr. Da das
historische Wahre nicht immer auch wahrscheinlich ist, da Aristoteles
selbst die Sentenz des Agatho billiget:
Tac an tiV eikoV auto tout einai legoi:
Brotoisi polla tugcanein ouk eikota,
da er hier selbst sagt, daß das Vergangene nur gemeiniglich (epi to
polu) dem Zukünftigen ähnlich sei, der Dichter aber die freie Gewalt
hat, hierin von der Natur abzugehen und alles, was er für wahr ausgibt,
auch wahrscheinlich zu machen: so sollte ich meinen, wäre es wohl
klar, daß den Fabeln, überhaupt zu reden, in Ansehung der
Überzeugungskraft, der Vorzug vor den historischen Exempeln gebühre
etc.
Und nunmehr glaube ich meine Meinung von dem Wesen der Fabel genugsam
vorbereitete zu haben. Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn
wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall
zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und
eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz
anschauend erkennt: so heißt diese Erdichtung eine Fabel.
Das ist meine Erklärung, und ich hoffe, daß man sie, bei der Anwendung,
ebenso richtig als fruchtbar finden wird.