Walburg mit drei Aehren,
die Ackergöttin.
* * * * *
Erster Abschnitt.
Quellen und Inhaltsangabe der Walburgislegende.
Dem allgefeierten ersten Mai geht die Walburgisnacht unmittelbar voraus,
der heitersten Naturfreude die verderbenbringende Hexennacht. Hier eine
jungfräuliche Maikönigin, aus dem frischen Grün der Haine über den
thauigen Anger her in unser Dorf einziehend, empfangen und umjubelt von
der maientragenden Kinderschaar; dorten aber auf finsterer Berghöhe die
entsetzliche Nachtkönigin, Hagel und Schlossensturm, Misswachs und
Seuche brauend, unkeusche Satanstänze abhaltend, eine Feindin des
Wachsthums und der Zeugung: welch ein Contrast binnen vierundzwanzig
Stunden, welche Paarung der Brokenhexe und der Kirchenheiligen unter
einem und demselben Namen! Die nachfolgende Untersuchung strebt den
Zusammenhang dieser zwei getrennten, so hart sich widersprechenden
Hälften eines ursprünglich einheitlichen Wesens aufzuweisen und
dieselben zur würdigen Gesammtheit eines germanischen Götterbildes zu
vereinbaren. Zu diesem Zwecke wird hier eine Skizze der Walburgislegende
nach deren ältester Aufzeichnung, unter Weglassung der ausschmückenden
kirchlichen Zuthaten, vorangestellt. Quelle und Schauplatz der Legende
ist baierisch Franken, zugleich die Heimat des Verfassers vorliegender
Ausarbeitung.
Die Quellen, auf weiche sich die Untersuchung wiederholt zu berufen hat,
sind nachfolgende.
Das Hodoeporicon oder Itinerarium (so benannt, weil es Wilibalds Reise
nach Jerusalem enthält) schrieb eine Landsmännin und Zeitgenossin
Wilibalds aus ihrer eignen und der Diakone Erinnerung. Sie heisst die
Heidenheimer ungenannte Nonne, und war 762 ins Heidenheimer Kloster
eingetreten, also noch zu Walburgis Lebzeiten. Das Original ist erst
seit Canisius und Mabillon bekannt geworden und steht gedruckt bei
Falkenstein Cod. dipl. 447. Bei der franz. Invasion des Bisthums
commandirte der zu Marschal Ney's Armee gehörende General Dominik Joba
etliche Wochen in Eichstädt, berüchtigt als Inkunabeln- und Gemäldedieb;
er liess durch seinen Sohn am 16. Juli 1800 die Handschrift im
Chorherrenstifte Rebdorf stehlen, seitdem ist sie verloren. Sax, Gesch.
des Hochstifts Eichstädt, S. 365. Dies ist die Hauptquelle für alle
übrigen Aufzeichnungen der Walburgislegende. Die nächstfolgende
Biographie Walburgis verfasste zu Ende des 9. Jahrhunderts der Mönch
Wolfhard zu Hasenried, das spätere Herrieden a.d. Altmühl, einer im J.
888 durch Kaiser Arnulf an das Eichstädter Bisthum vergabten Abtei. Im
J. 1309 schrieb der Bischof von Eichstädt Philipp von Rathsamhausen
Wilibalds und 1313 auch Walburgs Legende, um deren Abfassung ihn Königin
Agnes, des ermordeten Albrecht Tochter, von ihrem Stifte Königsfelden
aus brieflich angegangen hatte. Der Bischof überschickt ihr und ihrem
Convente das verlangte Werk, betitelt: Leben, Thaten, Tod und
Wunderwerke der _seligen_ Jungfrau Walburg; die Zuschrift steht gedruckt
in der Ztschr. Argovia 5, 25. Dies Werk ist zwar schon die fünfte, aber
die erste _umfassendere_ Erzählung der Legende, sagt Gretser X, 906b.
Der bischöfliche Verfasser war von Kolmar im Elsass gebürtig und starb
1322. Bolland. 25. Febr., tom. III, 512b. Sein Werk übersetzte der
Eichstädter Stadtschreiber David Wörlein und dedicirte es dem damaligen
Bischof Konrad von Gemmingen; gedruckt zu Ingolstadt 1608 bei Andrä
Angermayer. Auf diese beiden Schriften stützen sich nachfolgende, von
uns gleichfalls benutzte Sammelwerke: Acta Sanctorum, saec. 3, pars
secunda 287.--Bollandisten tom. 3., 25 Febr.--Gretser, Vitae Sanctor.
tom. X.--Matth. Rader, Bavaria sancta, 1704.--Alle nennenswerthe weitere
Literatur über die Walburgislegende ist verzeichnet in Rettbergs
Kirchengesch. 2, 347 und 356.
Winfrid-Bonifacius, der Apostel der Deutschen, geb. 680 zu Cirton oder
Krediton in der englischen Grafschaft Devonshire, hatte bereits bei
Friesen, Sachsen und Franken das Evangelium gepredigt, als er im
Auftrage des Pabstes Gregor II. nach Thüringen und Baiern kam und in
diesem letzteren Lande zu dem damals schon vorhandenen Bisthum Passau
diejenigen zu Regensburg, Freising, Würzburg und Eichstädt gründete.
Eine Schaar gebildeter Männer und Frauen aus dem Angelsachsenvolke
begleitete ihn dahin und übernahm die Leitung der neuen Stiftungen.
Kunigild und ihre Tochter Bertgit verwendete er als Abtissinnen in
Thüringen, Kunitrud und Tekla setzte er ins Kloster nach Kissingen,
Lioba nach Bischofsheim an der Tauber, Walburg nach Heidenheim am
Hahnenkamm. Walburg, die Tochter des angelsächsischen Fürstenpaares
Richard und Wunna, die Schwester von Oswald, Wunnibald und Wilibald, war
auf ihres Oheims Winfrid Rath durch Thüringen nach Baiern gereist und
hier im Sualafelder Gau mit den drei Brüdern zusammengetroffen. Dieser
Gau, in dem sie sich nun zusammen niederliessen, reichte vom Bergzuge
des Hahnenkamms in das Altmühlthal nach dem jetzigen Eichstädt, schloss
auf einer Seite das Weissenburger Gebiet mit Gunzenhausen und Eschenbach
in sich, auf der andern Seite die Pappenheimer Mark im Ries. Hier hatte
Bruder Wilibald schon vorher im J. 740 bei Eichstädt ein Klösterlein in
der Regel des hl. Benedict gegründet und war fünf Jahre nachher auf der
Mainzer Synode (nach Rettberg 1, 353 schon im J. 741) zum ersten Bischof
von Eichstädt eingesetzt worden. Zusammen mit Bruder Wunnibald erbaute
er dann am Hahnenkamm zu Heidenheim ein gleiches Kloster, fügte
demselben 760 einen Frauenkonvent in der Benedictinerregel bei und
übergab dessen Leitung an Walburg. Die Stellen zu den neuen
Kirchenbauten pflegten die Geschwister sich da auszuwählen, wo ihr
Reiseross jeweilen stetig wurde oder eine Quelle fand. Solcher jetzt
noch für heilkräftig gehaltener Quellen zählt man in der Eichstädter
Landschaft sechse. Ein Wilibaldsbrunnen liegt ob dem Eichstädter
Forellenweiher an der Landstrasse im Weissenburger Walde und heisst
Römleins- oder Rimleinsbrunnen, weil der glaubenseifrige Bischof hier
Römer getauft haben soll. Der Waldberg, aus dem die Quelle fliesst, ist
in der Fronte bis zur Höhe aufgemauert und mit Quadern, einem Thore
gleich, eingefasst; eine Abbildung giebt Falkenstein, Nordgau. Alterth.
1, cap. 1, S. 14. Der zweite Wilibaldsbrunnen liegt zunächst dem Kloster
Bergen; als der Heilige hier heranritt, sprudelte der Quell unter dem
Tritt des Rosses aus einem Felsen von 16 F. Umfang auf und versiegt
seitdem bei keiner Sommerdürre. Der dritte liegt ob der Wilibaldsburg
auf einem der zwei grünen Höhenzüge, die den Eichstädter Thalkessel
umgeben. Dazu kommt noch am Wege nach dem Dorfe Titing die
Wilibaldsruhe, wo eine neuerlich abgegangene Feldkapelle mit des
Heiligen Bildnisse stand. Ferner erbaute er das Stift Heilsbronn, nach
jener mächtigen "Hails- oder auch Hagelsquelle" zubenannt, die hier in
einen dreikästigen Brunnen gefasst wurde und aus 32 Röhren sprang; sie
stand im vorderen Kreuzgange und wurde im Schwedenkriege zerstört. Eben
so liess sich die Schwester Walburg im mittelfränkischen Städtchen
Heidenheim beim Ortsbrunnen nieder, welcher der Schön- und Heidenbrunnen
heisst. Als aber Wunnibald hieher auf Besuch kam, entsprang im
Klostergarten (jetziges Rentamt) auch der Käsbrunnen, ein Hungerquell,
an welchem die Heidentaufen vorgenommen wurden. Bruder Oswald erbaute
sich beim Schlosse Hohentrüdingen das Stift Auhausen; seine
Wunderbrunnen liegen jedoch nicht hier, dagegen ist ihm in Tirol beim
Dorfe Oswald am Ifinger einer der drei "Jungbrunnen" dieses Landes
geweiht und er selbst gilt dorten als ein gewaltiger Wetterherr.
Zingerle, tirol. Sitt. no. 794. 936.
Ueber Jahr und Tag des Todes der Geschwister widersprechen sich die
Kirchenhistoriker Gretser, Rader, Falkenstein und Pater Luidl. Nach den
neuesten und scharfsinnigen Untersuchungen von D. Popp, Errichtung der
Diöcese Eichstädt, wird von nun an Folgendes zu gelten haben.
Wunnibald stirbt 18. Dec. 761; Walburg 25. Febr. 779; Wilibald 7. Juli
781. Letzterer wurde in der Eichstädter Kathedrale, die beiden ersteren
im Kloster Heidenheim beigesetzt. Hier liess nachmals Abt Otkar
Walburgis Erdgrab eröffnen und erblickte drinnen die Leiche unverwest
und thaufrisch: "totum corpus rore perfusum cernebatur". Am 21. Sept.
870 tragen zwei zusammen gebundene Rosse den Sarg nach Eichstädt und
bleiben hier freiwillig vor der Kirche zum hl. Kreuz stehen. Also liess
Otkar die Leiche hier bestatten und den Tempel Walburgiskirche benennen.
Schon auf dem Wege hieher hatten zwei Epileptische den Sarg berührt und
wurden dadurch geheilt. Ein Lahmer geht auf Krücken voran in die Kirche
zu Wilibalds Grab und ruft da: Wilibald, gib mir das Botenbrod, deine
Schwester kommt! Darüber lässt er die Krücken fallen und ist geheilt.
Gretser 739. Gegen das eben genannte Jahr dieser Versetzungsgeschichte
streitet indess die weiter gehende Erzählung von der Theilung der
Walburg-Reliquien. Als nämlich Walburg gestorben war, hatte ihre
Gefährtin Lioba kein Gefallen mehr an Heidenheim, sondern gründete aus
ihren reichen Mitteln im J. 870 zu Monheim ein Frauenstift in der
Benedictinerregel, und die von ihr nach Eichstädt abgegebenen
Walburgisreliquien mussten nun mit dem neuen Stifte Monheim getheilt
werden. Als man sie desshalb im J. 893 zu Eichstädt wiederum aufgrub,
zeigten sie sich mit einer wundersamen Flüssigkeit überzogen, die bei
Berührung nicht an den Fingern kleben blieb: cineres lympha tenui
madefactos, ut quasi guttatim ab eis roris stillae extorqueri valerent
(A. SS. 11, 293). Beide eben citirte Stellen sind in so ferne von
Belang, weil sie die ersten Andeutungen des nachmals so berühmt
gewordnen Oelflusses enthalten. So blieb also ein Theil der Reliquien zu
Eichstädt, der andere kam nach Monheim und wurde hier an jedem
Jahrestage durch vier Stadträthe in einem silberüberzogenen Särglein in
gewohnter Prozession umhergetragen. Als aber durch die Reformation die
Klöster des Sprengels der Reihe nach aufgehoben wurden: Solenhofen,
Wülzburg, Baring, Heidenheim, Monheim, zerstörte der Bildersturm
(haereticorum furor, sagt Rader 3, 48) auch die hl. Grüfte, so dass
Wunnibalds Sarg in Heidenheim und die silberbeschlagne Arche in Monheim
spurlos verloren giengen. Letzteres geschah erst 1542. Man sagt,
Walburgis dort verwahrt gewesener bischöflicher Stab, auf dessen
Berührung Blinde das Augenlicht wieder erhielten, sei später auf dem
Walpersberge bei Köln von den Jesuiten verwahrt worden und alljährlich
am 1. Mai im Flurumgang durch die Felder getragen worden. A. SS. pg.
302. Wir werden später darauf noch zurückkommen.
Von den Körpertheilen Walburgis ist in ihrer Gruft zu Eichstädt nichts
anderes mehr als nur das Brustbein vorhanden. Dasselbe liegt dorten im
Altar der Gruftkapelle der schon 1040 renovirten und 1631 neugebauten
Walburgiskirche. Dieser Altar, ein länglichter Steinwürfel, ist in
seinem Fundament nach aussen viereckig ausgehauen, so dass er als ein
auf seine Breitseite umgelegter älterer Steinsarg erscheint. Sein
Material ist Sandstein, wie ihn die Brüche vom benachbarten Pleinfelden
ergeben. Durch seine Höhlung geht der Länge nach eine ebne
ungeschliffene Kalksteinplatte von der Art des nächsten
Eichstädterbruches, aufgesetzt auf zwei kurze Träger aus Sandstein.
Diese Bank heisst der Gnadenstein, denn auf ihrer nackten Fläche liegt
Walburgis Brustbein. Anfangs Oktober färbt sie sich blaulicht und
überläuft mit dunstigem Stoff, der zu erbsengrossen Perlen gerinnt und
tropfenweise ehedem in einem viereckig ausgehauenen Mittelraume sich
sammelte. So beschreibt es Gretser X, 907 (gestorben 1625); der spätere
Falkenstein, Nordgau. Alterth. 1, 31 sagt, dass diejenigen Tropfen, die
nicht von oben her, sondern von der Seite der Steinbank hervordringen,
durch silberne Abzugsrinnen in eine darunter stehende Goldschale
geleitet werden, und so schildert es auch die Bavaria (3, Abth. 2, 979)
als heute noch bestehend. Der Innenraum des Gruftsteins ist durchweg mit
Silberblech überzogen, die Vorderseite wird mit einer von innen
silberbeschlagenen Eisenthüre verschlossen. Dies ist das Mirakel des
Oelthauens, von der Kirche das stillicidium genannt. Das Oel ist weiss
und hell, geruch- und geschmacklos und schnell verflüchtigend;
unaufgesammelt soll es am Gruftstein wie griesiges Schmalz in sich
selber verstocken: Es wird von den Klosterfrauen in kleine, langhalsige;
mit Wachs verschlossne Glasfläschlein zum Verkauf umgeleert: An Ort und
Stelle hat der Verfasser dieses in seiner Jugend eine messingene Eichel,
vergoldet und am Napfdeckel aufzuschrauben, den Klosterfrauen abgekauft;
sie enthielt wohlriechende, in dies Oel getauchte Baumwolle nebst einem
gedruckten Gebrauchszettelchen, wornach man unter bestimmten Gebeten
diese Wolle in schmerzende Zähne und Ohren steckt. Frauen tragen derlei
geweihte Metalleicheln an dem silbernen Schnürwerk des Mieders.
Der erste Mai galt durchgehends als der Tag, da das Stillicidium
begann. Joh. Georg Keysler, ein kirchlich unbetheiligter, in seinen
Forschungen sehr genauer Autor, weiss in seinen Antiquitates Septentr.
(Hannoverae 1720) S. 88 noch nicht anders, als dass dieser Oelfluss
erfolge cum die prima Maji. Allein dieser Termin behagte den kirchlichen
Skribenten nicht, vielmehr scheint seit dem 17. Jahrhundert, da Gretser
die Geschichte der Eichstädter Bischöfe und dieses Mirakels schrieb,
folgende Zeit dafür zur Geltung gebracht worden zu sein: Mit dem 12.
Oktober, als dem Tage, da Walburgis Gebeine von Heidenheim in die Gruft
nach Eichstädt übertragen wurden, beginnt das Oel zu fliessen und
fliesst fort bis 25. Februar, als der Heiligen Todestag; alle übrigen
Monate, heisst es, bleibe der Gnadenstein unter jedem Witterungswechsel
trocken. Allein im Widerspruche mit dieser Berechnung sagt die älteste
Aufzeichnung der Legende ausdrücklich: die apostolorum Philippi et
Jacobi celebratur usque hodie festum canonizationis Walpurgae; eodem die
omni anno stillicidium ejusdem sanctae virginis ad potandum
administratur (Gretser X, 898b). Philipp und Jacobi fallen bekanntlich
auf 1. Mai, dessen altheidnische Feier gildenweise mit dem Aeltrinken
begangen wurde. Um nun diesen paganen Brauch vollends hier aus der
Kirche zu entfernen, suchte man zu erweisen, dass der 1. Mai weder
Geburts- noch Todestag, sondern nur der Canonisationstag Walburgis sei,
und kümmerte sich nicht weiter darum, dass das Walburgisfest in
verschiednen Gegenden Deutschlands schon seit alter Zeit zu fünf
verschiednen Monaten und Tagen kirchlich begangen wurde[1].
Ein fernerer Grund, der hier verschiedene Male nöthigte, den solennen
Beginn des Oelflusses auf andere Termine anzusetzen, liegt in der
Eichstädter Oelquelle selbst, die eine intermittirende ist und ausserdem
in früheren Jahrhunderten viel reichlicher floss als heute. Oftmals
bleibt sie sogar ganz aus. So schon unter Bischof Friedrich II., welcher
1237 sammt seinem Domkapitel von der Bürgerschaft verjagt wurde. Die
versperrte Domsakristei wurde aufgesprengt und verwüstet, das
Walburgisöl hörte auf zu fliessen. Sicherer jedoch ist derselbe Fall, da
1713 zum grössten Schrecken des Klosters vom 15. Februar bis 9. März
fast kein Tropfen Flüssigkeit an dem Gnadensteine bemerkbar war; nach
einer alten Tradition schob man die Schuld auf die im Convent der
Schwestern ausgebrochne Uneinigkeit. Sax, Gesch. des Hochstifts
Eichstädt, S. 283. In der Leichenrede, die der Jesuite Jos. Giggenbach
beim Tode der dortigen Abtissin Maria Anna Barbara hielt (gedruckt zu
Eichstädt 1730, 4°), heisst es S. 27: Walburg lasse das Oel in solchem
Masse aus ihrem Brustbeine entquellen, dass man damals ein hohes grosses
Glas voll davon im Kloster zurück gestellt hatte; zur Hälfte trank es
die erkrankte Abtissin weg und sprach: Deine Kinder, o Heilige, haben
sich so stark vermehrt, dass sie entweder dursten und hungern müssen,
oder du ihnen die Muttermilch vermehren musst! worauf jenes halbgeleerte
Gefäss sich sogleich wieder ganz mit Oel anfüllte.--Der Eichstädter
Bischof Philipp von Rathsamhausen, Verfasser der drittältesten
Walburgislegende, erzählt, wie er es selbst becherweise gegen seine
Krankheit getrunken: praecepimus nobis copiosius (de oleo) adferri, et
desiderabili haustu phialam plenam ebibimus. A. SS. saec. III. P. II,
306. Als es einst ein ganzes Jahr nicht mehr geflossen war und die
darob verzagten Eichstädter ihren Sittenwandel besserten, brach es so
reichlich los, dass man ein Weinlägel von einer halben Pinte, also ein
wirkliches Fass, damit anfüllen konnte. Ibid. pag. 307.
So verwundert sich auch "das Buch vom Aberglauben" (von H.L. Fischer)
Hannover 1794, Bd. 3, 118 über "die ungeheure Menge" Walburgisöl zu
Eichstädt, die in alle Gegenden verschickt und in schweren Krankheiten
statt Arzenei verbraucht wird; es soll, sagt der Verf., wirkliches
Bergöl von grosser Durchsichtigkeit und sehr flüchtig sein; wer es bei
sich trage, behaupten die Mönche, müsse sich im Stande der Gnaden
befinden, damit es nicht sogleich verfliege.
Dass das Oel hier nicht aus der Reliquie, sondern aus dem Tragsteine
derselben quillt, hatte die Kirche ursprünglich nicht verheimlicht.
Schon Gregor von Nazianz sagt, nicht nur der Märtyrer Asche und Gebein,
sondern auch andere den Reliquien nahegebrachte Dinge sind heilkräftig,
und so auch das Oel, das aus den Heiligengebeinen "oder aus ihren
Grabsteinen herausfliesst." Vom Grabe der hl. Katharina erzählt Reinfrit
von Braunschweig (Grimm, Altd. Wälder 2, 185), wie ole von irme lîbe
vlôz; und das Gedicht von Katharinens Marter (Pfeiffer, Germania 8, 179)
fügt erklärend bei:
ûz dem sarksteine,
dâ inne lît diu reine,
vil heilic ol vlûzet,
des diu werlt vil genûzet.
der iht siecheite hat,
des wirt al ze hant rat,
als man ez dar an strîchet.
In Tirol kennt man kirchlich zwei solcher ölspendenden Steine; der eine
lag ehmals in der alten Kirche zu Niedervintl und trug die Inschrift:
Brunnen des Oels, 1500; der andere ist noch im Kirchlein St. Kosmas und
Damian, bei Bozen. Aus einer Eintiefe an seiner Oberfläche quoll Heilöl
und wurde von zahlreichen Pilgern begehrt, doch es vertrocknete für
immer, als der Eigenthümer der Kapelle damit Wucher zu treiben begann.
Zingerle, Tirol. Sag. no. 624. 625. Als zu Eichstädt 1309 die Gebeine
des hl. Gundacar erhoben wurden, ergaben sowohl sie wie der Deckel des
Steinsarges eine so reichliche Menge fliessenden Oeles, dass der
damalige Bischof Philipp von Rathsamhausen hievon zwei Gefässe für die
Kranken anfüllen liess. Sax, Eichstädt. Hochstift S. 101. Die von Rom
nach Tegernsee gebrachten Gebeine des hl. Quirinus ergaben in dortiger
Quirinuskapelle ein Heilöl, das in kleinen Fläschlein an die Gläubigen
verkauft wurde. Heute steht diese "Oelkapelle" noch; einige Quellen
olivengrünes Naphta entspringen unter ihrem Dache; man sammelt jährlich
davon gegen 40 Mass. Steub, Bair. Hochland, 196.
Die im Reliquiencultus so unenthaltsam gewesne Kirche hat sich indessen
auf solcherlei Steinöl allein nicht beschränken mögen. Schon zu
Justinians Zeit fliesst Oel aus Heiligenknochen (Grimm, GDS. 140); von
Orosius an meldet eine Reihe mittelalterlicher Schriftsteller, welche in
Massmanns Kaiserchronik 3, 556 aufgeführt sind, zu Rom sei bei Christi
Geburt ein Oelbrunnen entsprungen und habe sich in die Tiber ergossen.
Zugleich fällt damals auch ein Honigregen. Sechzehn Heilige und
achterlei heilige Jungfrauen zählt Matth. Rader, Bavaria sancta 3, 49
auf, aus deren Gebeinen nunmehr wunderthätiges Oel fliesst. Kaspar Lang,
Histor. theolog. Grundriss 1692. 1, 84 und Abraham a Sta Clara (im Judas
der Erzschelm 4, 42) setzen diese Zählung noch weiter fort. Mit dem Oel
der hl. Helena einen Kristall zu beträufen, um damit den Dieb zu
entdecken, räth Felix Hemmerlin (1454) in seiner Schrift de exorcismo.
Gretser X, 907 nennt ferner die hl. Elisabeth in Thüringen, die
Martyrknaben zu Novara und noch andere, deren Gebein, in Kirchenaltären
ausgesetzt, Oel giebt, und Rader 3, 41 fügt bei, Gleiches stehe der
Walburgis um so mehr zu, als sie eine im Dienste Gottes streitende
Jungfrau gewesen sei und also in diesem täglichen Faustkampfe Oel habe
schwitzen müssen:
Cur oleae stillat Walpurgis ab artubus humor?
In cavea Martis num pugil illa fuit?
Im Stil der Kirchenväter wird der mit dem Satan ringende Christ mit dem
Athleten in der Arena verglichen, dessen Leib mit dem Oele des Gebetes
gesalbt ist, damit der Feind ihn nicht fassen könne. So sagt
Pseudo-Ambrosius (de sacram. I, 2): Venimus ad fontem--Unctus es quasi
athleta Christi. Denselben Gedanken äussert auch Chrysostomus in seiner
6. Homilie über den Brief an die Coloss.--Nork, Realwörtb. 3, 301.
Von der Wunderwirkung des zu Eichstädt fliessenden Oeles sagen die Acta
SS. 1. c. pg. 306, dass es Blinde, Taube und besonders häufig Lahme
geheilt habe; Gretser fügt bei, X, 917, es fördere die Geburten, auch
lutherische Frauen hätten in Kindesnöthen damit den Versuch gemacht und
seien darüber wieder der alten Kirche beigetreten. Medibards Hymnen (bei
Gretser 801, dritte Reihe) wissen, dass es besonders den Wolfshunger
heilt:
Hinc quendam fastidiosum
Fame paene mortuum
Alloquens per visionem
Monet, ut de calice
Ejus biberet; quo facto
Esuriit solito.
Der Monheimer Knabe Beretgis, seit 3 Jahren an beiden Füssen lahm, wurde
von seiner Mutter Ratila zum Walburgisgrabe in Monheim getragen und da
auf ihr Gebet sogleich hergestellt; worauf sie ihn der Kirche, durch die
er seine Körperkraft wieder erlangt hatte, zu lebenslänglicher
Leibeigenschaft übergab. A. SS. ibid. pag. 304. Die mystische Kraft,
welche dem Walburgisöl beigelegt wurde, erklärt sich Jac. 5, 14: Ist
einer unter euch krank, so rufe er die Aeltesten der Gemeinde herbei,
dieselben sollen über ihn beten, nachdem sie ihn mit Oel gesalbt im
Namen des Herrn--und der Herr wird ihn aufrichten.
Da Walburgs Reliquien in vielerlei Kirchen zerstreut worden sind (per
totum mundum, ad diversas Francorum provincias S. Walpurgis reliquiae
dispersae sunt. A. SS. l.c. 306), so ist auch in vielen Provinzen das
Wunderöl zu haben gewesen. Oel, Knochen, fünf Zähne und ein Gewandrest
Walburgis wurden zu Wittenberg jährlich am Montag nach Misericordias
ausgestellt, wobei ein Glas voll von demjenigen Oele mit hergezeigt
wurde, das aus den Gebeinen der hl. Elisabeth, Landgräfin von Hessen,
geflossen war. Das Glas ging an Luther über, der wie J. Mathesius
erzählt, es einst seinen Joachimsthaler Gästen zu einem andächtigen
Tischtrunk aufstellte. Karl der Kahle hatte in der Kaiserpfalz zu
Attigny (Champagne) eine Walburgiskirche erbaut; noch im J. 1720 kamen
daselbst die Geistlichen von mehr als vierzig Pfarreien am 1. Mai
zusammen, um das Walburgisöl auszuspenden. Odo, Abt zu Clugny, (Burgund)
kannte in seiner Nachbarschaft eine Walburgiskirche, in welcher die
dortigen Partikeln etliche Tage des Jahres Oel schwitzten; die Heilige
hiess dorten Sainte Vaubourg und Gualbourg. Gretser pg. 906. Bolland.
518b. 519a. A. SS. II, pg. 307. 308.
Von altkirchlichen Abbildungen Walburgis sind folgende zu nennen. Im
Schiff der Heidenheimer Klosterkirche, die während der Reformation
verwüstet wurde (more Lutheranae sectae, quae omnia sacra polluit, sagt
Rader 3, 45) liegt gegen das Chor zu ein 2-1/2 F. hoher Grabstein, auf
welchem Walburg in ganzer Figur ausgehauen ist, in der rechten Hand
einen Stab haltend, auf dessen Wirbel ein kleines Kreuz sitzt, in der
linken ein Buch, zu Füssen ein Wappenschild. Dieser säulengeschmückte
Aufbau mit Perlenfries gehört den Werken der romanischen Periode an
(Bavaria 3, 863). Auf einem gegenüber liegenden ähnlichen Grabstein ist
Wunnibald ausgehauen; drunter steht die Inschrift: sepulcrum stae
Walburgis 1484. Eine Abbildung davon erschien bei Brügel in Ansbach und
im Jahresberichte des histor. Vereins für Mittelfranken 1843. Der hl.
Wilibald mit seiner ganzen Verwandtschaft ist dargestellt auf einem
Teppich, welcher ursprünglich in der Eichstädter Kirche aufbewahrt
wurde und nun im Münchner Nationalmuseum ist.--Auf folgenden Stichen
erscheint die Heilige als Abtissin mit dem Stab, das Oelfläschlein in
der Hand haltend:
Fons olei Walpurg. a Jacobo Gretser, S.J. Ingolst. 1629.--P. Emil de
Novara, capuccino. Breve ristretto della Sta. principessa Walpurga.
Eichst. 1722.--Matth. Rader, Bavaria sancta. München 1704 (wiederholt
das Grabmal).--P. Goudin, Unerschöpflicher Gnadenbrunnen der hl.
Walburgis. Regensb. 1708.
Besondere Weihkirchen und Kapellen besitzt die hl. Walburg auf dem
Gebiete der Baiern, Alemannen, Franken, Burgundionen, Niedersachsen und
Friesen; soweit durch dieselben der hier zu behandelnde Stoff
vervollständigt wird, wird von ihnen im Einzelnen ferner hier die Rede
sein. Eben dieselbe Bemerkung hat auch von den an vielfachen Orten
aufbewahrten und verehrten Walburgsreliquien zu gelten.
Auf dem bairischen Lechfelde liegt in der Gemeindeflur von Kaufering
eine sehr alte Walburgskapelle, auf ihrem eignen Hügel stehend, von
Linden beschattet, von einer Mauer eingefriedet. Der Eintritt führt drei
Stufen abwärts, die Wand ist schwarz, das Innere finster. Im Anbau steht
der Pestkarren, die Räder sind mit Filz beschlagen, um die zur Pestzeit
gehäuften Leichen geräuschlos abzuführen. Walburg hat jener Pest
gewehrt. Diese Kirche, sagt das Volk, sei heidnischen Ursprungs, man
habe hier noch den Götzen geopfert. Schöppner, Bair. Sagb. no. 889.
Bairische Ortschaften, vom Namen Walburg ableitend, zählt das
topographisch-statistische Handbuch des Königreichs (München 1868)
folgende auf: Walbenhof, Einöde bei Neustadt a.d. Waldnab; Walbenreuth,
Dorf bei Tirschenreuth; Dorf Walberngrün bei Stadtsteinach; Walbertsberg
bei Kunreut; hier wird neben der Walburgskapelle unter den Linden ein
Maimarkt abgehalten, zu welchem die Landleute bis auf zehn Stunden weit
zusammen kommen. (Reynitzsch, Truhtensteine 187.) Walburgskirchen, Dorf
bei Pfarrkirchen; Walburgsreut, Weiler bei der Stadt Hof;
Walburgswinden, Einöde bei Neustadt a.d. Aisch; Walpenreuth, Dorf bei
Berneck; Walpersberg, Dorf bei Bogen; Walpersdorf, ein Weiler bei
Rosenheim, und zwei gleichnamige Dörfer bei Rottenburg und bei
Schwabach; Walpershof, Dorf bei Eschenbach; Walpersreuth, Weiler bei
Neustadt a.d.W.; Walperstetten, Dorf bei Dingolfing; Walperstorf, bei
Landshut; Walpertshofen, Weiler bei Dachau; Walpertskirchen, Pfarrdorf
bei Erding; Wölbersbach, Dorf bei der Stadt Hof; Wolpersreut, Dorf bei
Kulmbach; Wolperstetten, Dorf bei Dillingen; Wolpertsau, Einöde bei
Neuburg an der Donau. Diese Liste lässt sich jedoch noch um vieles
vermehren, wenn man dabei die mundartlichen Formen des Namens
Walburg mitverwerthet. Er lautet im Altmühlthale Bürgli, in
altbairisch-oberpfälzischer Mundart Walberl (nicht zu verwechseln mit
Waberl, Wawl, Wabm, was in Altbaiern und Mittelfranken Barbara ist), im
tiroler Zillerthal Purgel u.s.w. Einer der Hauptberge am oberbaierischen
Tegernsee wird 1420 in einem Lateingedichte des Peter v. Rosenheim als
Walber foecundissimus begrüsst. Schneller Wörtb. 4, 61.
Das schwäbische Rittergeschlecht von Waldburg, einst Truchsessen,
nunmehr würtembergische Standesherren, theilt sich in die Linien
Hohenlohe-Wb., Waldburg-Zeil, Wb.-Wurzach, Wb.-Wolfegg. Ihr Stammschloss
ist die beim gleichnamigen Pfarrdorf gelegne Veste Waldburg, südöstlich
von Ravensburg. Vier Treppen hoch in dieser Burg liegt die
Walburgiskapelle. Von den zu Köln bei den Jesuiten aufbewahrten
Wb.-Reliquien hatten sich die Grafen Einiges erbeten, jedoch erfolglos.
Bolland. 3, 518.
Im Elsass hat Walburg drei Kirchen: 1) diejenige bei Leimen mit der
Wallfahrt zum Helgenbronn, von welcher weiter unten die Rede sein wird;
2) zu Knörsheim bei Maurmünster; 3) bei Biblisheim, unfern der Stadt
Hagenau; sie wird im J. 1085 als Kloster genannt (Trithem. Chron.
Hirsaug. 1, 280) und 1102 vom Schwabenherzog Friedrich I. zur Abtei
erhoben. Neugart, Episc. Const. 2, 8.
Auf einer Halbinsel der Seine stand in der Normandie eine
Walburgskapelle, diejenige Stelle bezeichnend, wo die Heilige auf ihrem
Wege aus England nach Deutschland ausgeruht hat. Gretser, 906.
Der grössere Theil der ältesten Kirchen Niederdeutschlands ist derselben
Heiligen geweiht, so zu Gröningen, Veurne, Utrecht, Antwerpen, Arnheim,
Aldenaerde, Brügge, Zütphen, Harlem; von ihnen wird im Einzelnen später
noch zu handeln sein.
Reliquienpartikeln von der hl. Walburgis lagen laut Falkenstein,
Nordgau. Alterth. 1, 29 im vorigen Jahrhundert in folgenden Kirchen.
In Baiern zu Augsburg, zu Monheim und im Kloster Andechs. Ferner zu
Mainz in der Gereonskirche zu Köln ein Finger, in der Jesuitenkirche
daselbst die Hirnschale, welche dahin kam vom benachbarten Walpersberg,
einem vormaligen Kloster. In Frankreich zu Attigny und Clugny. Die Acta
fundationis monasterii Murensis (Kloster Muri im Aargau ist 1027
gegründet) nennen bei Herzählung der daselbst verwahrten Reliquien zu
dreien malen Knochen und Asche vom Leib der hl. Walburg.
Reliquienpartikeln des hl. Wilibald und Wunnibald und Richardis
übersendete 1482 der Eichstädter Bischof Wilhelm von Reichenau an König
Heinrich VII. von England, der sie in Canterbury verwahren liess. Ueber
diese Reliquien und die der Walburg gewidmeten Kirchen hat der Jesuite
Godefredus Henschenius in Actis SS. ausführlich berichtet.
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