Sittenbilder aus dem germanischen Frauenleben

von

E.L. Rochholz.

1870

* * * * *

Vorwort.

Den ersten frühzeitigen Anlass, in den drei heiligen Frauen, deren Namen

die nachfolgende Schrift am Titel trägt, drei nächstverwandte Wesen aus

der deutschen Götterlehre zu erblicken, hat der Verfasser in den

Perioden seines akademischen Jünglingsalters und während der ersten

Jahre seines Berufslebens empfangen, als er noch auf Jagdgängen,

Ferienreisen und Abteibesuchen der Erkundung örtlicher Alterthümer

nachzog und in andauerndem Verkehre mit der Natur und der Bevölkerung

den damals herrschend gewesnen Glauben theilte, das Volksgedächtniss sei

ein Archiv, welches dem Forscher den Mangel an Urkunden ergänzen helfe.

Während sich ihm letzteres bald als eine gemüthliche Täuschung erweisen

musste, war ihm darüber doch das Glück beschert, reichliche, nachhaltige

Anschauungen in sich anzusammeln, deren freundlich fesselnde Gewalt

einen einmal in uns erwachten Plan auch unter unerwartet eintretenden

Lebensänderungen nicht mehr veralten lässt. Und so erklärt sich der

Ursprung unseres Buches als eine früh erworbene, in langer Zeitdauer

gereifte und hier erst spät zur Mittheilung gebrachte Lebensanschauung

der Art, von welcher bei Göthe (Bd. 44, 193) das runde Wort steht: "Was

man nicht gesehen hat, gehört uns nicht und geht uns eigentlich nichts

an." Als uns vor nun bald vierzig Jahren in den heimatlichen Thälern der

Altmühl und des Mains der hier sesshafte Cultus der hl. Walburgis und

Gertrud begegnete und nicht lange hernach in den schweizerischen der

Aare und des Oberrheins uns ebenso derjenige der hl. Verena näher bekannt

wurde, zeigten schon die bestimmt abgegrenzten Landschaftsmarken,

innerhalb deren der Cult jeder dieser drei Heiligen seit ältester Zeit

bis auf die Gegenwart herrschend geblieben ist, dass diese Drei hier

nicht etwa die Patrone oder Lieblingsheiligen ihres Bisthums, sondern

die Schutzheiligen ihres politischen Gaues in einer Periode gewesen

waren, als dessen politische Grenzen noch keineswegs mit denen des

Kirchensprengels zusammenfielen. Waren die Heiligen aber dieses und also

zeitgenössisch gewesen mit der ältesten Gaueintheilung dieser

Landstriche selbst, so war hier ihr Bestand überhaupt ein älterer, als

der durch die Kirche veranlasste je hatte sein können. Und also führte

uns die _Gauheilige_ in rückschreitender Metamorphose auf die

_Gaugöttin_. Gegen diese Folgerung, die selbst von der kirchlich

approbirten Gestalt der Legende mit historischen Angaben unterstützt

wird, lässt sich mit ferner versuchten Einwänden nicht weiter mehr

aufkommen. Auch führt ja die Gaugöttin ihre bei uns verblasste

Herrschaft über Christenmenschen anderwärts immer noch ungeschwächt und

persönlich fort, so z.B. in der Normandie, wo nach dem Zeugnisse von

Amélie Bosquet die Aufsicht über das Land den Feen gehört, jede einen

einzelnen Kanton, hier jeden einzelnen Einwohner beaufsichtigt und

dessen Loos bei der allabendlichen Versammlung in dem gemeinsamen

Schicksalsbuche je mit einem weissen oder schwarzen Punkte bezeichnet.

Jede Gottheit war, ein vom Heidenglauben verwirklicht gedachtes

Idealbild menschlicher Thätigkeitgewesen. Wie der Mensch, so sein Gott.

Die dem Germanen eigenthümliche Auffassung des Eherechtes, welche ihn

vor allen Kulturvölkern des Alterthums auszeichnet, der von ihm dem

Weibe beigelegte ahnungsreiche; auf das Heilige gerichtete Sinn (Tac.

Germ. c. 8) hatte bei ihm solcherlei weibliche Gottheiten bedingt,

welche Wächterinnen der züchtigen Geschlechterliebe, der häuslichen

Ordnung, des Fleisses und Friedens waren. Eine nächste Folge hievon war

es, dass die Frau in ihrem Hause das Amt der Herrin (dies besagt das

Wort frôwa, fráuja), in ihrem Stamme dasjenige der Itis oder weisen Frau

bekleiden und als solche die Geschäfte der Tempeljungfrau, Priesterin,

Heilräthin oder Aerztin verwalten konnte. Auf diesem Bildungswege einer

langen Selbsterziehung wurde die Nation erst politisch gehemmt durch

furchtbare Eroberungskriege, die sie erlitt und vergalt, dann geistig

überrascht durch das in barbarischer Form überlieferte römische

Kirchenthum. Durch den ersten Vorgang wurden die Germanengöttinnen

kriegerisch umgewandelt, militarisirt, durch den zweiten aber vollends

satanisirt, zwei Umgestaltungen des Glaubens und Mythus, von denen unser

Buch in allen Abschnitten sittengeschichtliche Zeugnisse bietet. Und

nicht bloss die Richtschnur des öffentlichen Glaubens, sondern ebenso

die des Privatlebens wurde dabei mit in die tiefste Erniedrigung

herabgezogen. Zwar blieben echtmenschliche Tugenden der Heidin ein

allerdings nöthigender Grund, sie später einmal zu Christentugenden zu

subtilisiren und eine Walburg, eine Verena oder Gertrud zu

Kirchenheiligen zu erheben; allein diese Vereinbarung war und blieb eine

erzwungene, innerlich unwahre, und verfälschte den sittlichen Kern des

Mythus bis zu dem Grade, dass es den irrigen Anschein gewann, als ob

hier die Legende aus dem Christencultus entsprungen wäre, anstatt dass

umgekehrt dieser bloss entlehnend dem Mythus nachfolgte und ihn

legendarisch einkleidete. Ihm selbst aber durfte ein ehefeindlicher

Klerus, der dem Cölibat den übertriebnen Werth einer vollkommnen Tugend

zuschrieb und nur ein einziges Weib als solches anerkannte, die

Himmelsherrin, auf das ganze übrige Geschlecht aber die Ursache des

Sündenfalles zu wälzen fortfuhr, einem solchen, die Frauenwürde

verkündenden Mythus durfte der Mönch kein Recht belassen, sondern musste

ihn so weit und so unablässig herabwürdigen, dass die Folgen davon bis

heute den Aberglauben aufzureizen vermögen. Wenn daher zwar auf einer

Seite die Jungfrau, welche schmerzenstillendes Oel unter Segenssprüchen

bereitete, als ölschwitzende Heilige kanonisirt worden ist, so ist sie

auf der andern Seite zugleich zur Hexenmutter satanisirt: Zaubertränke

brauend, Seuchen und Misswachs herabbeschwörend, Besen salbend, das

aller Zeugung feindselige Kebsweib des Teufels in der Walburgisnacht.

Dorten war sie die ehestiftende Liebesgöttin gewesen, hier eine Frau

Mutter des Frauenhauses (S. 82. 154). Dorten trank der Mensch auf ihren

Namen die Minne, sie selbst reichte dem in den Himmel eingehenden Helden

den Unsterblichkeitstrank; hier wird sie zwar auch eine Himmlische, aber

nur weil sie vorher als "Wirthskellnerin" tugendhaft geblieben war (S.

149). So ursprünglich schon steckt in dem Legenden erzählenden Mönch

ein Blumauer, der die Aeneide travestirt. Ihm haust da ein spukender

Waldteufel, wo in der fränkischen Waldeinsamkeit des Hahnenkamms und

Spessarts die Haingöttin an ihren Maibronnen gewaltet hatte; die

Frühlingsgöttin Walburg wird ihm zum Blocksbergsgespenste, die

Seelenherrin Gertrud zur Leichenfrau, und zur landverwüstenden Riesin

wird die im Firnengolde des unerreichten Gletschers thronende Verena

--auf des gefürchteten Gipfels

Schneebehangener Scheitel,

Den mit Geisterreigen

Kränzten ahnende Völker.

Wie sonderbar doch dieser Lohn ist, der dem deutschen Weibe dafür

ertheilt wurde, dass es in unserem Volke zuerst, unter dem Widerstreite

der Männerwelt, rein aus Frömmigkeitsbedürfniss und Kinderliebe sich an

die neue Kirche ergab! Für treues Ausharren in den Prüfungen des Lebens,

für opferbereites, demüthiges Dulden zum Wohle der Mitmenschen war ihm

einst der Himmel zugesagt gewesen, es hatte ihn durch eigne Seelengrösse

erobert und sogar den Preis der Vergötterung sich erworben. Dieser

Himmelsgenuss hiess der Kirchenlegende ein unverdienter, das heroische

Streben des Weibes, sich zur Würde der Gottheit empor zu heben, ein

frevelhaftes. Es wurde daher noch einmal in die Leidensschule der

gemeinen Leiblichkeit zurückversetzt, um nun erst durch ein Mirakel

erlöst zu werden. Denn von nun an sollte es nicht mehr auf das

persönliche Verdienst, sondern auf das Geheimniss der Gnade angewiesen

bleiben. Diesen zweimaligen Bildungsweg, den das deutsche Weib in der

Vorzeit einzuschlagen hatte, haben wir als "Sittenbilder aus dem

germanischen Frauenleben" bezeichnet und nach dem doppelten Material der

Mythe und der Legende von drei heiligen Frauen zur Darstellung gebracht.

Dies ist der wissenschaftliche und patriotische Zweck unsrer Schrift,

die sich hiemit dem Antheil vorurtheilsfreier Landsleute empfiehlt.

Aarau 1. Mai, Walburgistag 1870.

Drei Gaugöttinnen · 第 3 / 23 题