In diesen Kämpfen entstand eine Streitkunst, die nicht immer

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter,

unterstrichener bzw. kursiver Text ist _so ausgezeichnet_. Im

Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original

fetter Text ist =so gekennzeichnet=.

Randbemerkungen des Originals wurden in [] eingeschlossen.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Die Sammlung

»Aus Natur und Geisteswelt«

nunmehr über 700 Bändchen umfassend, dient seit ihrem Entstehen

(1898) den Gedanken, auf denen die heute sich so mächtig entwickelnde

_Volkshochschulbewegung_ beruht. Sie will jedem geistig Mündigen

die Möglichkeit schaffen, sich ohne besondere Vorkenntnisse an

sicherster Quelle, wie sie die Darstellung durch berufene Vertreter

der Wissenschaft bietet, über jedes Gebiet der Wissenschaft, Kunst und

Technik zu unterrichten. Sie will ihn dabei zugleich unmittelbar im

_Beruf fördern_, den _Gesichtskreis erweiternd_, die _Einsicht_ in die

Bedingungen der Berufsarbeit _vertiefend_.

Sie bietet wirkliche »_Einführungen_« in die Hauptwissensgebiete für

den _Unterricht oder Selbstunterricht des Laien_ nach den heutigen

methodischen Anforderungen. Diesem Bedürfnis können Skizzen im

Charakter von »Auszügen« aus großen Lehrbüchern nie entsprechen, denn

solche setzen eine Vertrautheit mit dem Stoffe schon voraus.

Sie bietet aber auch dem _Fachmann eine rasche zuverlässige Übersicht_

über die sich heute von Tag zu Tag weitenden Gebiete des geistigen

Lebens in weitestem Umfang und vermag so vor allem auch dem immer

stärker werdenden Bedürfnis des _Forschers_ zu dienen, sich _auf den

Nachbargebieten_ auf dem laufenden zu erhalten.

In den Dienst dieser Aufgabe haben sich darum auch in dankenswerter

Weise von Anfang an die besten Namen gestellt, gern die Gelegenheit

benutzend, sich an weiteste Kreise zu wenden, an ihrem Teil bestrebt,

an der »Sozialisierung« unserer Kultur mitzuarbeiten.

So konnte der Sammlung auch der Erfolg nicht fehlen. Mehr als die

Hälfte der Bändchen liegen, bei jeder Auflage durchaus neu bearbeitet,

bereits in 2. bis 7. Auflage vor, insgesamt hat die Sammlung bis jetzt

eine Verbreitung von fast 5 Millionen Exemplaren gefunden.

Alles in allem sind die schmucken, gehaltvollen Bände besonders

geeignet, die Freude am Buche zu wecken und daran zu gewöhnen, einen

kleinen Betrag, den man für Erfüllung körperlicher Bedürfnisse nicht

anzusehen pflegt, auch für die Befriedigung geistiger anzuwenden. Durch

den billigen Preis ermöglichen sie es tatsächlich jedem, auch dem wenig

Begüterten, sich eine Bücherei zu schaffen, die das für ihn Wertvollste

»Aus Natur und Geisteswelt« vereinigt.

_Jedes der meist reich illustrierten Bändchen

ist in sich abgeschlossen und einzeln käuflich_

Leipzig, im September 1920.

B. G. Teubner

Bisher sind =zur Philosophie und Psychologie erschienen=:

[Zur Einführung]

=Einführung in die Philosophie.= Von Professor ~Dr.~ _R. Richter_. 4.

Auflage von Privatdozent ~Dr.~ _M. Brahn_. (Bd. 155.)

=Die Philosophie.= Ihr Wesen, ihre Grundprobleme, ihre Literatur. Von

Realgymnasialdirektor _H. Richert_. 3., verb. Aufl. (Bd. 186.)

=Philosophisches Wörterbuch.= Von Oberlehrer ~Dr.~ _P. Thormeyer_. 2.

Aufl. (Teubners kl. Fachwörterbücher Bd. 4) geb. M. 5.--

[Logik und Psychologie]

=Grundriß der Logik.= Von ~Dr.~ _K. J. Grau_. (Bd. 637.)

=Einführung in die Psychologie.= Von Prof. ~Dr.~ _E. von Aster_. 2.

Auflage. Mit 4 Figuren. (Bd. 492.)

=Einführung in die experimentelle Psychologie.= Von Prof. ~Dr.~ _N.

Braunshausen_. 2. Aufl. Mit 17 Abb. im Text. (Bd. 484.)

=Die Seele des Menschen.= Von Geh. Rat Professor ~Dr.~ _J. Rehmke_. 5.

Auflage. (Bd. 36.)

=Die Mechanik des Geisteslebens.= Von Geh. Med.-Rat Dir. Prof. ~Dr.~

_M. Verworn_. 4. Aufl. Mit 19 Abb. i. T. (Bd. 200.)

=Die Sinne des Menschen, Sinnesorgane u. Sinnesempfind.= Von Hofr.

Prof. ~Dr.~ _J. K. Kreibig_. 3. Aufl. Mit 30 Abb. (Bd. 27.)

=Psychologie des Kindes.= Von Professor ~Dr.~ _R. Gaupp_. 4. Auflage.

Mit 17 Abbildungen. (Bd. 213/14.)

=Geistige Veranlagung und Vererbung.= Von ~Dr. med. et phil.~ _G.

Sommer_. 2. Auflage. (Bd. 512.)

=Leib und Seele in ihrem Verhältnis zueinander.= Von ~Dr. med. et

phil.~ _G. Sommer_. (Bd. 702.)

=Angewandte Psychologie.= Methoden und Ergebnisse. Von ~Dr. phil. et

med.~ _E. Stern_. (Bd. 771.)

=Die Handschriftenbeurteilung.= Eine Einführg. i. d. Psycholog. d.

Handschrift. Von Prof. ~Dr.~ _G. Schneidemühl_. 2., durchges. u. erw.

Aufl. Mit 51 Handschriftennachbild. i. T. u. auf 1 Tafel. (Bd. 514.)

=Hypnotismus und Suggestion.= Von ~Dr.~ _E. Trömner_. 3. Auflage. (Bd.

199.)

=Die Psychologie d. Verbrechers.= Kriminalpsychol. Von

Strafanstaltsdir. ~Dr. med.~ _P. Pollitz_. 2. Aufl. Mit 5 Diagr. (Bd.

248.)

*=Psychologisches Wörterbuch.= Von ~Dr.~ _F. Giese_. (Teubners kleine

Fachwörterbücher, geb. ca. M. 6.--)

[Ethik]

=Grundzüge der Ethik.= Mit besonderer Berücksichtigung der

pädagogischen Probleme. Von _E. Wentscher_. 2. Aufl. (Bd. 397.)

=Aufgaben und Ziele des Menschenlebens.= Nach Vorträgen im

Volkshochschulverein zu München, gehalten von Professor ~Dr.~ _J.

Unold_. 5., verb. Auflage. (Bd. 12.)

=Sittl. Lebensanschauung.= d. Gegenwart. Von Geh. Kirchenr. Prof. ~Dr.~

_O. Kirn_. 3. A., durchges. v. Prof. ~D. Dr.~ _O. H. Stephan_. (177.)

=Das Problem der Willensfreiheit.= Volkshochschulvorträge. Von

Professor ~Dr.~ _G. F. Lipps_. 2., veränd. Aufl. (Bd. 383.)

=Sexualethik.= Von Prof. ~Dr.~ _H. E. Timerding_. (Bd. 592.)

[Ästhetik]

*=Einführung in die Geschichte der Ästhetik.= Von Prof. ~Dr.~ _H.

Nohl_. (Bd. 602.)

=Ästhetik.= Von Professor ~Dr.~ _R. Hamann_. 2. Aufl. (Bd. 345.)

=Poetik.= Von ~Dr.~ _R. Müller-Freienfels_. (Bd. 460.)

[Religionsphilosophie]

=Das Leben nach dem Tode im Glauben der Menschheit.= Von Prof. ~Dr.~

_C. Clemen_. (Bd. 544.)

=Religion und Naturwissenschaft in Kampf und Frieden.= Von Pfarrer

~Dr.~ _A. Pfannkuche_. 2. Aufl. (Bd. 141.)

[Naturphilosophie]

=Naturphilosophie.= Von Professor ~Dr.~ _J. M. Verweyen_. 2. Aufl. (Bd.

491.)

=Entstehung der Welt u. der Erde nach Sage u. Wissenschaft.= Von Geh.

Reg.-Rat Prof. ~Dr.~ _M. B. Weinstein_. 3. Aufl. (Bd. 223.)

=Der Untergang der Welt u. der Erde in Sage u. Wissenschaft.= Von Geh.

Reg.-Rat Professor ~Dr.~ _M. B. Weinstein_. (Bd. 470.)

=Sternglaube und Sterndeutung.= Die Geschichte und das Wesen der

Astrologie. Unter Mitwirkung von Geh. Rat Prof. ~Dr.~ _K. Bezold_

dargestellt von Geh. Hofrat Prof. ~Dr.~ _Fr. Boll_. 2. Aufl. Mit 1

Sternkarte und 20 Abbildungen. (Bd. 638.)

[Geschichte der Philosophie]

=Führende Denker.= Geschichtliche Einleitung in die Philosophie. Von

Prof. ~Dr.~ _J. Cohn_. 4., durchges. Aufl. Mit 6 Bildn. (Bd. 176.)

*=Sozialismus in d. Philosophie vom Altertum bis zur Gegenwart.= Von

Provinzialschulrat Prof. ~Dr.~ _K. Vorländer_. (Bd. 824.)

=Die Freimaurerei.= Eine Einführung in ihre Anschauungswelt und ihre

Geschichte. Von Geh. Rat ~Dr.~ _L. Keller_. 2. Aufl. von Geh. Archivrat

~Dr.~ _G. Schuster_. (Bd. 463.)

[Philosophie d. Altertums]

=Griech. Weltanschauung.= V. Prof. ~Dr.~ _M. Wundt_. 2. Aufl. (Bd. 329.)

*=Religion und Philosophie im alten Orient.= Von Prof. ~Dr.~ _E. v.

Aster_. (Bd. 521.)

[Neuere Philosophie]

=Die Weltanschauungen der großen Philosophen der Neuzeit.= Von

Professor ~Dr.~ _L. Busse_. 6. Auflage, herausgegeben von Geh. Hofrat

Professor ~Dr.~ _R. Falckenberg_. (Bd. 56.)

=Die großen englischen Philosophen Locke, Berkeley, Hume.= Von

Oberlehrer ~Dr.~ _P. Thormeyer_. 2. Aufl. (Bd. 481.)

=Rousseau.= Von Prof. ~Dr.~ _P. Hensel_. 3. Aufl. Mit Bildn. (Bd. 180.)

=Immanuel Kant.= Darstellung und Würdigung. Von Geh. Hofrat Prof. ~Dr.~

_O. Külpe_. 5. Aufl., hrsg. von Prof. ~Dr.~ _A. Messer_. Mit 1 Bildnis

Kants. (Bd. 146.)

=Schopenhauer.= Seine Persönlichkeit, seine Lehre, seine Bedeutung. Von

Realgymn.-Dir. _H. Richert_. 4. Aufl. Mit 1 Bildnis. (Bd. 81.)

=Herbarts Lehren und Leben.= Von Pastor _O. Flügel_. 2. Aufl. Mit 1

Bildnis Herbarts. (Bd. 164.)

=Herbert Spencer.= Von ~Dr.~ _K. Schwarze_. Mit 1 Bildnis. (Bd. 245.)

[Neueste Philosophie]

=Die Philosophie der Gegenwart in Deutschland.= Von Geh. Hofrat Prof.

~Dr.~ _O. Külpe_. 7., verb. Auflage. (Bd. 41.)

=Okkultismus, Spiritismus u. unterbewußte Seelenzustände.= Von ~Dr.~

_R. Baerwald_. (Bd. 560.)

*=Theosophie u. Anthroposophie.= Von Privatdozent Studienrat ~Dr.~ _W.

Bruhn_. (Bd. 775.)

=Henri Bergson, der Philosoph moderner Religion.= Von Pfarrer ~Dr.~ _E.

Ott_. (Bd. 480.)

_Die mit * bez. u. weitere Bände befinden sich in Vorber._

Aus Natur und Geisteswelt

Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen

176. Band

Führende Denker

Geschichtliche Einleitung in die Philosophie

Von

Jonas Cohn

ao. Professor a. d. Universität Freiburg i. Br.

Vierte, durchgesehene Auflage

17.--21. Tausend

Mit 6 Bildnissen

[Illustration]

Verlag und Druck von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1921

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Zur Einführung 3

Erster Vortrag: Sokrates 5

Zweiter Vortrag: Platon 25

Dritter Vortrag: Descartes 40

Vierter Vortrag: Spinoza 56

Fünfter Vortrag: Kant 71

Sechster Vortrag: Fichte (Kants praktische Philosophie.) 94

Register 117

Schutzformel für die Vereinigten Staaten von Amerika

_Copyright 1921 by B. G. Teubner in Leipzig._

Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.

Zur Einführung.

Nicht in die Geschichte der Philosophie, sondern _durch_ Geschichte

in die Philosophie selbst will dieses Buch einleiten. Diese Absicht

bestimmte die Auswahl nicht nur der Denker, sondern auch dessen, was

von jedem Denker gegeben wurde. Überall habe ich mich bemüht, das für

die Philosophie dauernd Bedeutende herauszuarbeiten. An Darstellungen,

die auch die Nebenzüge und Gegenströmungen im Geiste der großen

Denker wiedergeben, fehlt es nicht. Wo der Leser zwischen solchen

Darstellungen und der meinigen Widersprüche zu bemerken glaubt, bitte

ich ihn, an jene besondere Absicht meiner Vorträge zu denken.

Hervorgegangen ist diese Absicht aus der festen Überzeugung, daß die

Philosophie im Laufe ihrer Entwicklung mehr als eine Summe geistreicher

Einfälle hervorgebracht hat. Gerade wenn man auf die Hauptzüge der

Entwicklung allein sieht, erkennt man, daß auch in der wichtigsten

aller Wissenschaften Wahrheiten von grundlegender und ewiger Bedeutung

gefunden worden sind, Wahrheiten, wohl geeignet, als Stütze des Lebens

zu dienen.

Die folgenden Vorträge wurden im Dezember 1906 in Freiburg i. Br.

vor Hörern jedes Standes und Geschlechts gehalten. Der Eifer, mit

dem zahlreiche Teilnehmer, vielfach nach anstrengender Tagesarbeit,

meinen Ausführungen folgten, zeigte mir, wie weit das Bedürfnis nach

Philosophie verbreitet ist. Auch die gedruckten Vorträge möchten

weitesten Kreisen dienen. Deshalb habe ich absichtlich den Ton der

mündlichen Rede im wesentlichen festgehalten. Nur die Wiederholungen

des Vortrags, die der Leser durch Zurückschlagen ersetzen kann, wurden

gekürzt und dafür einige Abschnitte eingefügt, die etwas tiefer

in die behandelten Fragen hineinführen, bei einmaligem Hören aber

unverständlich geblieben wären.

Zu weiterer Selbstbelehrung wird die Vergleichung meiner Darstellung

mit anderen neueren Einleitungen in die Philosophie beitragen. Es

handelt sich ja nicht darum, auf Eines Worte zu schwören, sondern

durch eigene Prüfung seine feste Überzeugung zu gewinnen. Absichtlich

nenne ich unter diesen einführenden Büchern kein einzelnes; sie sind

leicht zu finden, auch _diese Sammlung_ enthält mehrere hierhergehörige

Bände. Als Werke, in denen die gleichen Grundüberzeugungen wie hier

vertreten werden, und die geeignet scheinen, zu gründlicherer Einsicht

zu führen, möchte ich nur: _Windelband_, Präludien, und _Hensel_,

Hauptprobleme der Ethik, anführen. Vor allem aber rate ich, einige

Hauptwerke der großen hier behandelten Philosophen selbst zu lesen, die

meist in der philosophischen Bibliothek (Felix Meiner, Leipzig), zum

Teil auch in Reclams Universal-Bibliothek erschienen sind. Als leichter

verständliche Schriften kommen vor allem in Betracht:

Zu Vortrag I:

_Xenophon_: Erinnerungen an Sokrates.

_Platon_: Verteidigung des Sokrates, Kriton, Laches.

Zu Vortrag II:

_Platon_: Protagoras, Gorgias, Phädon, Gastmahl.

Zu Vortrag III:

_Descartes_: Abhandlung über die Methode. Betrachtungen über die

Metaphysik.

Zu Vortrag IV:

_Spinoza_: Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes.

Zu Vortrag V:

_Kant_: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik.

Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.

Zu Vortrag VI:

_Fichte_: Die Bestimmung des Menschen. Einige Vorlesungen über

die Bestimmung des Gelehrten. Der geschlossene Handelsstaat.

Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters. Reden an die deutsche

Nation.

[Absicht des Buches]

Der Absicht dieser Vorträge gemäß habe ich nirgends die Forscher

zitiert, denen ich Tatsachen oder Anregungen verdanke. Der Sachkundige

bemerkt ohnedies, welchen neueren Philosophen, Geschichtschreibern

und Biographen ich mehr oder minder folge. Es braucht kaum gesagt zu

werden, daß eine allgemeinverständliche Einführung nicht den Anspruch

erhebt, neue Ergebnisse mitzuteilen. Überhaupt bitte ich alle, die

gleich mir ihr Leben der Arbeit an philosophischen Problemen gewidmet

haben, zu bedenken, daß dies Buch nicht für sie geschrieben wurde,

wiewohl sie allein seine zuständigen Richter sind.

Jede neue Auflage habe ich genau durchgesehen, die vierte

besonders auch auf die Verständlichkeit und Einsichtigkeit

des Gedankenfortschritts hin. Das Büchlein ist hier und da im

philosophischen Unterricht unserer höheren Schulen gebraucht worden;

ich habe Winke eines Lehrers dankbar benutzt und bitte herzlich, mir

weitere Erfahrungen mitzuteilen. Den Plan des Ganzen glaubte ich

beibehalten zu sollen, insbesondere konnte ich mich nicht entschließen,

ihn durch die -- von manchen Beurteilern gewünschte -- Aufnahme anderer

Philosophen zu sprengen. »Führende Denker« -- darunter verstehe ich

hier solche, die geeignet sind, zur Philosophie hinzuführen. Die großen

Systematiker aber, ein Aristoteles, Leibniz, Hegel setzen zu ihrem

Verständnis schon geschultes philosophisches Denken und überdies, da

sie das ganze Wissen ihrer Zeit verarbeiten, zahlreiche sachliche und

geschichtliche Kenntnisse voraus. Gerade weil ich diese umfassenden

Geister verehre, widerstrebt es meinem Gefühl, ihnen durch eine

abgekürzte Darstellung Unrecht zu tun. Anders steht es mit Denkern,

deren Größe mehr in der Fragestellung und in der Entdeckung einiger

großen Grundgedanken besteht. Diese allein scheinen mir auch geeignet

zu sein, das Verständnis für Philosophie zu wecken.

Erster Vortrag.

Sokrates.

Es ist schwierig, vor unbekannten Hörern von Philosophie zu reden.

Da nämlich Philosophie den ganzen Menschen ergreifen will, muß ein

philosophischer Vortrag mehr als jeder andere mit der inneren, tätigen

Anteilnahme des Hörers rechnen. Alle Philosophie sucht Antwort zu

geben auf die Frage nach der Bestimmung des Menschen. So mannigfaltig

die Gegenstände sind, mit denen sie sich beschäftigt, sie wählt

diese Gegenstände nur, weil sie von ihnen Auskunft erhofft über das

wichtigste aller Probleme: Was soll ich in dieser rätselhaften Welt?

Nur bei Hörern, die von dieser Frage irgendwie schon beunruhigt worden

sind, kann ein philosophischer Vortrag hoffen, Verständnis zu finden.

Ich nehme an, daß Sie alle in irgendeiner Weise diese Unruhe empfunden

haben, daß also ein Bedürfnis nach Philosophie bei Ihnen besteht.

Ein solches Bedürfnis _muß_ ich voraussetzen, weiter aber will ich

_nichts_ voraussetzen. Ich werde mich bemühen, Ihnen zu größerer

Klarheit über das zu verhelfen, was Sie suchen, und Ihnen die Wege

zeigen, auf denen jenes Bedürfnis so viel echte Befriedigung wie irgend

möglich findet. Als geeignetes Mittel zu diesem Zwecke erscheint mir,

Ihnen die Hauptgedanken der Philosophie in innigster Verbindung mit

dem Leben der großen Denker vorzuführen. Denn diese Gedanken sind

aus dem inneren Erleben bedeutender Persönlichkeiten hervorgegangen;

die Kenntnis dieser Persönlichkeiten ist zwar nicht der kürzeste und

wissenschaftlichste, wohl aber der gangbarste und angenehmste Weg, um

Verständnis für ihre Gedanken zu gewinnen.

Nicht neue Ergebnisse der Wissenschaft, sondern alte Weisheit will ich

Ihnen vortragen. Sollte einer oder der andere dadurch sich enttäuscht

fühlen, so müßte ich mit einer Anekdote antworten. Ein leutseliger

König besuchte einst eine Sternwarte und fragte den leitenden

Astronomen: »Was gibt's Neues am Himmel?« Der schlagfertige Gelehrte

antwortete mit der Gegenfrage: »Kennen Majestät schon das Alte?«

Alte Weisheit also will ich versuchen, Ihnen so vorzuführen, daß

sie neu erscheint -- neu im Sinne von neu erlebt. Ich will mich

bemühen, Ihnen die scheinbar entlegenen und lebensfremden Gedanken

aus der Seele führender Denker heraus in ihrer inneren, lebendigen

Bedeutung nahezubringen. Unter den großen Philosophen habe ich sechs

Männer gewählt, die zugleich die drei fruchtbarsten Zeitalter in der

Geschichte des philosophischen Denkens vertreten und die sich paarweise

zueinander wie Lehrer und Schüler verhalten: _Sokrates_ und _Platon_,

_Descartes_ und _Spinoza_, _Kant_ und _Fichte_. Jedem von ihnen soll

ein Vortrag gewidmet sein. Warum ich gerade diese Männer auswählte,

kann sich nur durch den Fortgang meiner Betrachtungen rechtfertigen.

[Vaterstadt und Zeitalter]

Bei dem ersten unter ihnen freilich ist das sofort klar. Man _kann_ nur

bei _Sokrates_ beginnen, wenn man die Philosophie lebendig erfassen

will. Leben und Denken sind bei ihm innig verflochten. Er hat seine

Philosophie nicht in Büchern, sondern in seiner Lebensführung und

seinen Gesprächen dargestellt. Vielleicht war das mit dieser ungeheuren

Wirkung auch nur in seiner Heimat und zu seiner Zeit möglich. Sokrates

ist um das Jahr 470 v. Chr. als Sohn des Bildhauers Sophroniskos,

den wir uns als Handwerker, nicht als Künstler vorstellen müssen,

in Athen geboren. Seine Mutter übte den Beruf einer Hebamme aus. Er

stammte also aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Aber die Armut

hinderte einen Athener jener Zeit nicht daran, seinen Geist zu bilden.

Athen stand damals auf dem Gipfel seiner Macht, es war nicht mehr

Hauptstadt eines griechischen Kleinstaates, sondern Mittelpunkt eines

Bundes von Seestaaten, der tatsächlich nahezu die Festigkeit eines

einheitlichen Reiches hatte. Dadurch beherrschte nach den Perserkriegen

das siegreiche Athen die Küsten Asiens und die Inseln des östlichen

Mittelmeeres. Reichtum durchströmte die Stadt und wurde bei der

demokratischen Verfassung in Festen, Spielen, Bauten, Kunstschätzen

allen Bürgern zugänglich und nutzbar. Das Leben war durchaus

öffentlich. Im Süden, wo Gespräch, Verhandlung, selbst Berufsgeschäfte

sich auf der Straße abspielen, ist das -- für den Mann wenigstens --

in gewissem Sinne immer der Fall; in jener Zeit aber erfüllte den

gemeinsamen Schauplatz des äußeren Lebens ein großes öffentliches

Interesse geistiger und sittlicher Art, der leidenschaftliche Anteil

jedes Bürgers an seinem Staate. Auch die nicht im engeren Sinne

politischen Tätigkeiten dienten dem Staate; ihn verherrlichte und

schmückte die Kunst, für ihn war es ebensogut wie für den Sieger

selbst eine Ehre, wenn einer seiner Bürger in den Olympischen Spielen

den Preis errang. Diese Einheit fand ihren höchsten Ausdruck in

einer Religion, die nicht in bestimmten Glaubenssätzen oder heiligen

Büchern niedergelegt war, aber durch die Weihe ihres Kultus das ganze

bürgerliche Leben beherrschte.

So bildete sich der einzelne durch den Staat und für den Staat. Das

bedeutete aber keine Unterdrückung persönlicher Kraft und Eigenart.

Im Gegenteil, jeder irgendwie Begabte bemühte sich, im Staate Macht,

Ansehen, Ruhm zu erringen. Gerade die Öffentlichkeit des Lebens machte

auch die Ehrungen besonders verlockend; jede Tätigkeit wurde so zum

Wettkampf. In den festlichen Aufführungen zu Ehren des Gottes Dionysos

rangen dramatische Dichter um den Preis, die Volksversammlungen

bildeten den Schauplatz rednerischen Wettstreites um die Gunst des

Volkes. Es konnte nicht ausbleiben, daß die starken, selbstbewußten

Persönlichkeiten, die sich für den Staat gebildet hatten, auch

gegenüber dem Ganzen ihre Ansprüche geltend zu machen suchten.

Zum Durchbruch verhalf diesem Kraftgefühl des Einzelmenschen die

Wissenschaft, die seit der Mitte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts

in Athen Aufnahme fand. Sie war nicht dort entstanden, sondern stammte

aus den griechischen Kolonien an der Westküste Kleinasiens, zumal

aus den sogenannten ionischen. Die frühesten Vertreter griechischer

Wissenschaft seit _Thales_ von _Milet_ richteten ihr Nachdenken in

erster Linie auf das Wesen der körperlichen Natur. Uns gehen hier nicht

die einzelnen Ansichten an, die man über die Körperwelt ausbildete;

wichtig ist an dieser Stelle nur die Tatsache, daß man sich nicht mehr

zufrieden gab, in Sonne und Mond, Strömen und Meeren, Wind und Gewitter

Äußerungen bestimmter Götter zu sehen, sondern daß man nach der Natur

dieser körperlichen Erscheinungen, ihrem Grundstoff und gesetzlichen

Zusammenhang forschte. Es bildeten sich verschiedene Schulen aus, deren

Anhänger einander bekämpften, den Gegner zu widerlegen, die eigene

Ansicht durch eindrucksvolle Gründe zu stützen suchten.

[Die Sophisten]

In diesen Kämpfen entstand eine Streitkunst, die nicht immer die

Grenzen zwischen Widerlegung und Verblüffung des Gegners, zwischen

Überzeugung und Überredung des Zuhörers innehielt. Die Gewandtheit der

Wortfechter war den Unbeteiligten oft wichtiger als der Gegenstand der

Unterredung; zumal in _Athen_ nahmen zwar einzelne wie _Perikles_,

der leitende Staatsmann, inneren Anteil an der Erforschung der

Wahrheit um ihrer selbst willen, für die große Menge aber war der

Streit jener Schulen nur eine neue Art Wettkampf und Schauspiel.

Die jungen Athener, die sich den fremden Weisen in die Lehre gaben,

wollten von ihnen die Streitkunst lernen, da diese sich als Mittel

zur Beeinflussung der Volksversammlungen und Gerichte wohl verwenden

ließ. Solchem Bedürfnis kamen die Lehrer entgegen, die man _Sophisten_

nannte, und die nach eigener Angabe ihre Schüler vor allem im Reden

tüchtig machen wollten. Sophisten bedeutet ursprünglich nur weise und

kundige Männer. Erst später infolge des Kampfes, den Sokrates und

seine Schüler gegen sie führten, bekam die Benennung den üblen Klang,

den sie noch für uns hat. Die Sophisten wollten, so können wir bis

jetzt ihr Streben kennzeichnen, durch die in den wissenschaftlichen

Streitigkeiten ausgebildeten Mittel ihre Schüler zu wirksamen

Rednern und schlagfertigen Debattierern ausbilden, damit sie in

der Volksversammlung und vor Gericht Einfluß gewännen. Während aber

die jungen Athener praktischen Erfolg im Staate suchten, waren die

Sophisten selbst keine praktischen Staatsmänner. Sie waren auch nicht

in ihrem heimischen Staate tätig, vielmehr zogen sie, Ruhm und Geld

zu gewinnen, von Stadt zu Stadt und kehrten natürlich besonders gern

in dem reichen und mächtigen Athen ein. Keiner unter den bedeutenden

Sophisten aber war Athener. Sie waren also nicht, wie der attische

Bürger, selbstverständlich hineingewachsen in bestimmte heimische

Verhältnisse, in denen man sich zur Geltung bringen will, an denen man

vielleicht auch vieles einzelne ändern möchte, die man aber doch als

Ganzes hinnimmt. Nein, die Sophisten waren losgelöste, nur auf sich

gestellte Einzelmenschen, stolz nicht mehr auf ihren Staat, auf ihre

Leistungen in ihm und für ihn, sondern nur auf ihr eigenes Wissen und

Können.

Die Sophisten bildeten keine Einheit, sie waren ein Stand ohne

ständische Organisation. Es existierte also auch keineswegs eine

sophistische Schule, in der bestimmte Meinungen herrschten. Nur der

Lehrberuf war ihnen gemeinsam, keineswegs der Inhalt der Lehre.

Trotzdem entsprach der Gleichheit ihrer gesellschaftlichen und

geschichtlichen Stellung ein gemeinsamer Grundzug ihrer Gesinnung,

der sich bei den philosophisch Gerichteten unter ihnen (und nur diese

gehen uns etwas an) in ähnlichen Lehren ausdrückte. Wie im Leben,

so waren sie auch in der Philosophie heimatlos. Aus dem Streite der

verschiedenen naturphilosophischen Schulen hatten sie entnommen, daß

in keiner von ihnen Wahrheit sei, ja, daß es eine für alle gültige

Wahrheit überhaupt nicht gebe. Wahr sei jedem, was ihm wahr scheine.

_Protagoras_, der älteste und bedeutendste unter den Sophisten, suchte

das wissenschaftlich zu begründen. Die Wahrnehmung eines Dinges durch

eines unserer Sinnesorgane, z. B. das Auge, kommt dadurch zustande,

daß das Ding auf unser Auge wirkt. Das Bild, das wir sehen, ist also

nicht nur von dem gesehenen Dinge, sondern zugleich von dem sehenden

Auge abhängig. Sie können sich das leicht an dem verschiedenen Anblick

klar machen, den etwa ein Tisch bietet, wenn wir ihn von verschiedenen

Seiten und bei verschiedener Stellung des Kopfes betrachten. Auch die

Farben wirken auf das ermüdete Auge anders als auf das ausgeruhte,

und dasselbe gilt von jeder anderen sinnlichen Auffassung. Sinnliche

Wahrnehmung aber ist -- das steht für Protagoras fest -- die einzige

Grundlage alles Erkennens. Wenn die Wahrnehmung also in jedem Falle

von der besonderen Natur, Stimmung und Stellung des Erkennenden

abhängig ist, so gibt es keine für alle gleiche Wahrheit. In diesem

Sinne stellte Protagoras den Satz auf: »Der Mensch ist das Maß aller

Dinge.« Gibt es keine Wahrheit, so kann man auch keinen anderen von der

Wahrheit überzeugen. Will ein Mensch auf den anderen wirken, so kann

er nur versuchen, ihm durch geeignete Künste die Meinung beizubringen,

die dem Redner günstig ist. Die Sophisten wollen daher ihre Schüler zu

tüchtigen Künstlern in der Überredung machen.

Diese Theorie sieht zunächst weltfremd und ungefährlich aus; auch war

ihr Urheber überzeugt, daß sie mit politischen und zumal mit religiösen

Umwälzungen nichts zu tun habe, erklärte vielmehr, über die Götter

vermöge er überhaupt nichts auszusagen. Da es sich auf religiösem

Gebiete also nicht um ein Wissen handeln konnte, übte er ruhig den

gebräuchlichen Kultus aus und folgte den herrschenden Sitten. Der

Widerstreit indessen zwischen seinem Bekenntnis der Unwissenheit und

dem festen Glauben eines echten Anhängers der alten Religion, trat, so

sehr er ihn vor sich und anderen zu verschleiern suchte, bei einigen

seiner Schüler entschieden hervor. Keck verachteten sie die Vorsicht

und Zurückhaltung des Meisters und meinten, daß jeder einzelne sich

über Gesetz, Sitte, Religion hinwegsetzen dürfe, wenn nur der Erfolg

seiner Kraft oder Schlauheit recht gebe. Als Hauptgegenstand ihres

Unterrichts betrachteten sie die Kunst der Überredung; wer sich ihnen

anvertraute, sollte lernen, anderen die Meinung beizubringen, die ihm

selbst vorteilhaft sei. Nach ihrer eigenen Handlungsweise beurteilten

sie auch die Staatsmänner der Vorzeit, in denen sie die Urheber nicht

nur der politischen, sondern auch der religiösen und moralischen

Gesetze und Sitten sahen. Diese Machthaber waren nach ihrer Meinung

schlaue Männer, gewissermaßen Vorläufer der Sophisten, gewesen und

hatten es verstanden, der Masse die Überzeugung beizubringen, daß es

gut sei, den Gesetzen zu folgen, die sie nur zum Vorteil der Herrscher

erdacht hatten. Nichts ist wahr, alles ist erlaubt -- das wird dann die

Lebensregel für den starken Geist. Hüten wird er sich freilich, sie vor

den auszubeutenden Herdenmenschen offen zu bekennen.

Gleichzeitig mit dieser Entwicklung der Sophistik entartete das

politische Leben. Die von alters her erbitterten Parteikämpfe

verwilderten mehr und mehr, selbst die Verbindung mit dem Landesfeinde

wurde nicht gescheut. Der unparteiische Betrachter wird sich fragen

müssen, ob die radikalen sophistischen Theorien Ursache oder bloße

Spiegelung dieser politischen Entartung waren, er wird ihnen sicher

nicht die Hauptschuld zuschreiben. Aber viele Zeitgenossen urteilten

anders, zumal seit in dem großen Entscheidungskampf um die Herrschaft

über Griechenland, in dem Peloponnesischen Kriege, Not und Bedrängnis

über Athen kam. Viele glaubten damals, daß die neumodische Bildung

schuld an allem Unglück sei; es entstand eine Partei, die in der

Rückkehr zu schlichtem altväterlichem Glauben und Handeln das einzige

Heil sah.

[Verhältnis zu den Sophisten]

Des _Sokrates_ Jugend fiel in die Periode der höchsten Blüte des

Staates und des Eindringens der Sophisten, seine Wirksamkeit

hauptsächlich in die Zeit des großen Krieges. Er mußte also zu zwei

Gruppen von Männern Stellung nehmen, zu den Neuerern und Sophisten

einerseits, zu den Verteidigern der alten Sittlichkeit und Religion

anderseits. Da aber des Sokrates Denken sich, wie hervorgehoben, in

seiner Lebensführung offenbarte, müssen wir diese vor allem betrachten.

Sokrates trieb kein dem Broterwerb gewidmetes Geschäft, sondern lebte

unter größter Einschränkung seiner Bedürfnisse von den Erträgnissen des

kleinen väterlichen Erbes und zugleich wohl von freiwilligen Geschenken

seiner Freunde. Er diente dem Staat als tapferer Krieger, einmal auch

als Mitglied des Rates, aber politischen Ehrgeiz hatte er nicht, in

den Parteikämpfen spielte er keine Rolle. Vielmehr verbrachte er seine

Tage auf den Plätzen Athens mit Gesprächen, deren Eigenart uns noch

beschäftigen muß. Nichts lag näher als ihn mit den Redekünstlern von

Gewerbe, den Sophisten in eine Klasse zu setzen, wie das auch z. B. der

Komödiendichter _Aristophanes_ tat. Aber schon äußerlich unterschied

sich Sokrates von den Sophisten dadurch, daß er keinen Lohn für seine

Unterredungen nahm, auch nicht eigentlich Schüler hatte, die er einen

bestimmten Lehrgang durchmachen ließ, sondern nur Anhänger, die ihm

freiwillig folgten und an seinen Unterredungen teilzunehmen begehrten.

In diese Gespräche zog Sokrates alle möglichen Bürger -- Handwerker und

Offiziere, Vornehme und Geringe, Politiker und Sophisten -- hinein;

gern ging er von einem praktischen Falle aus, wußte aber die Rede

bald auf die wichtigsten allgemeinen Fragen hinüberzulenken. Ein

fremder Fechtmeister führt etwa seine Künste vor und zuschauende Bürger

beraten, ob sie ihre Söhne von ihm unterrichten lassen sollen. Sokrates

wird zu der Beratung herangezogen und macht sofort darauf aufmerksam,

daß die Entscheidung davon abhänge, was man mit dem Unterricht

erreichen wolle. Die Söhne zu tapferen Kriegern machen, wird ihm

geantwortet. Ja aber was ist nun Tapferkeit? fragt Sokrates weiter und

ist damit bereits bei der Erforschung allgemeiner Fragen des sittlichen

Lebens angelangt.

Ganz besonders bemühte sich Sokrates, begabte junge Leute an sich

heranzuziehen und zu tieferem Nachdenken anzuregen. Zum Nachdenken

anzuregen, sage ich; denn Sokrates will nie fertige Weisheit mitteilen,

betont vielmehr immer wieder, er wisse nichts und unterscheide sich nur

dadurch von den anderen, daß er um sein Nichtwissen wisse. Erst durch

die gemeinsame Untersuchung soll die Wahrheit gefunden werden. Kein

Wunder, daß oft ein positives Ergebnis nicht gewonnen wurde, sondern

die Teilnehmer am Gespräch zuletzt sich nur insofern gefördert sahen,

als sie nun mit Sokrates um ihr Nichtwissen wußten.

Denken Sie sich einen lebhaften, schlecht gekleideten, barfuß

gehenden Menschen mit dicken Lippen, aufgeworfener Nase und von

kurzer Gestalt, der die Vorübergehenden anredet und mit großem Eifer

in eigenartige Gespräche hineinzieht, so werden Sie begreifen, daß

dieser Mann rasch ein stadtbekanntes Original wurde. Sein Witz und

seine geistige Überlegenheit errang sich bei manchen Achtung, bei

mehreren Feindschaft. Sogar seine nach attischem Brauch ungebildete

Gattin, die das dürftige Hauswesen in Ordnung halten mußte, sah in ihm

wie natürlich einen recht unnützen Müßiggänger und machte ihm wohl

gelegentlich heftige Szenen. Ihr Name _Xanthippe_ ist sprichwörtlich

für ein zanksüchtiges Weib geworden, obwohl die wenigen, wirklich

zuverlässigen Nachrichten sie als eine brave Person schildern, die

ihren Mann in ihrer Art herzhaft liebte und sich bei seinem Tode vor

Kummer nicht fassen konnte. Auch auf sie, die ihren Gatten gewiß nicht

verstand, muß doch die Gewalt seiner einzigartigen Persönlichkeit

gewirkt haben.

[Lebensweise. Jünger]

Sokrates wußte die verschiedenartigsten Menschen zu gewinnen und zu

fesseln, er besaß die Kunst, auf jeden seiner Eigenart gemäß zu wirken;

daher schilderte ihn jeder seiner Schüler anders. Viele unter den

Büchern der Sokratesjünger sind verloren, aber wir besitzen noch die

Werke von zwei sehr verschiedenartigen Anhängern.

_Xenophon_, Offizier, Landwirt, Geschichtschreiber, ein Mann des

tätigen Lebens, schildert Sokrates als einen praktischen, witzigen

Menschen, der es sich zum Beruf gemacht hat, die Athener zu tüchtigem

Wirken für Familie und Staat zu erziehen. Klug und hilfreich berät er

seine Freunde auch in den kleinen Angelegenheiten ihres Privatlebens.

Unnützen Spitzfindigkeiten ist er abgeneigt; es tritt kaum hervor,

daß er selbst im Gegensatze zu der Scheinweisheit der Sophisten eine

_Einsicht_, ein wahres Wissen zu gewinnen strebt. Sokrates erscheint

in diesem Spiegel bieder, kernhaft und tüchtig, aber auch nüchtern und

prosaisch; seine Weisheit ist eine ziemlich hausbackene Moral und ein

witzig vorgetragener gesunder Menschenverstand. Der Quellenwert der

Xenophonischen Denkwürdigkeiten wird dadurch vermindert, daß sie zum

größten Teile erst ein Menschenalter nach dem Tode des Sokrates verfaßt

wurden.

Ganz anders sah _Platon_ mit dem Tiefblicke des Dichters den Sokrates;

er fühlte das Feuer und die Begeisterung durch die kühlverständige

Hülle hindurch, ihm erschloß sich das Götterbild, das hinter der

Silensmaske des Sokrates verborgen war. Wir verdanken es Platon, daß

der mehr als dämonische, der göttliche Zauber des seltsamen Mannes

auch uns noch berückt, wir sind ihm noch größeren Dank dafür schuldig,

daß er die Ansätze wissenschaftlicher Erkenntnis in den Gesprächen des

Meisters ans Licht stellte.

Dem Historiker freilich hat gerade Platons Größe seine Aufgabe

erschwert; Platon war kein bloßer Spiegel des empfangenen Gutes,

in seinem Geiste bildete sich jeder Gedanke eigenartig um, und er

nahm in treuer Verehrung des Meisters die Gewohnheit an, auch eigene

Überlegungen und Einsichten dem Sokrates in den Mund zu legen, sie so

gleichsam seinem Lehrer zuzueignen. Doch gilt dies von den späteren

platonischen Dialogen mehr als von den frühen, die bald nach Sokrates'

Tode entstanden sind. Aus ihnen lassen sich die Grundüberzeugungen des

Sokrates recht wohl feststellen.

Sokrates wollte die, mit denen er umging, zum rechten Leben führen,

das zugleich nach seiner Überzeugung und Erfahrung das glückliche

Leben ist; er war also sittlicher Reformator und wirkte durch sein

Vorbild, seine Person mindestens so sehr wie durch seine Lehre. Für

die Philosophie aber erlangt dieser Reformator dadurch entscheidende

Bedeutung, daß er sittliche Einsicht als Bedingung der sittlichen

Umkehr fordert. Das führt zur strengeren Untersuchung.

Die bedeutendsten Sophisten, so sahen wir, glaubten nicht an eine für

alle Menschen gültige Wahrheit. Gerade dieser ihrer Voraussetzung trat

Sokrates entgegen. Er war innig überzeugt, daß sich die Wahrheit finden

lassen müsse. Sonst hätte er auch sein Gesprächführen nicht als ein ihm

von der Gottheit übertragenes Amt ansehen können. Seine Gespräche sind

ja eine Art Forschung, und kein ernster Forscher zweifelt daran, daß

wenigstens ein Stück Wahrheit sich finden läßt; sonst würde er die Mühe

des Untersuchens nicht auf sich nehmen. Sokrates zeigt den Sophisten,

daß sie selbst im Grunde einige Wahrheiten zu besitzen glauben. Sie

wollen doch lehren, wie man auf Menschen wirken kann. Dazu müssen sie

gewisse Kenntnisse über die Natur der Menschen mitteilen, und wenn

sie diese Kenntnisse nicht für wahr hielten, hätte ihr ganzes Treiben

keinen Sinn. Auch ihre Behauptung, daß sie weiser seien als andere,

daß daher ihr Unterricht etwas nütze, setzt voraus, daß sie sich im

Besitz gewisser Wahrheiten fühlen. Er bekämpft also die Sophisten

mit ihren eigenen Waffen und zeigt, daß sie nicht einmal selbst den

Glauben an ihre Voraussetzung festhalten können. Allerdings in _einem_

Punkte stimmt Sokrates mit den Sophisten überein, in der Forderung

verstandesmäßiger Untersuchung alles dessen, was sich für wahr und gut

ausgibt. Die Wahrheit liegt nicht in irgendwelchen Überlieferungen

fertig vor, sondern sie muß erst durch Nachdenken gefunden werden. Man

sieht, Sokrates nimmt neben den beiden Richtungen, die wir schilderten,

den Neuerern und den Verteidigern des Alten, eine ganz eigenartige

Stellung ein. Der radikale Sophistenschüler sagt: Es gibt keine

Wahrheit, tue jeder, was ihm beliebt und nützt. In schroffem Gegensatz

dazu fordert der für altväterliche Sitte und Religion begeisterte

Patriot: Erkenne an, daß die Wahrheit in den überkommenen Gebräuchen

und im heimischen Gottesdienst gegeben ist, und hüte dich, durch Denken

oder Handeln von dieser Richtschnur abzuweichen. Sokrates tritt beiden

entgegen und lehrt: Es gibt Wahrheit, sie ist uns allen erreichbar,

aber wir müssen sie suchen. Nur durch ernsthaftes Forschen können wir

sie finden; nur ein Handeln aus selbsterrungener Einsicht kann wahrhaft

gut sein.

[Methode]

Zwei Fragen drängen sich uns hier sogleich auf: Wie lehrte Sokrates die

Wahrheit finden, und auf Wahrheit welcher Art kam es ihm an? Die Art,

zu einer Einsicht zu gelangen, nennt man Methode. Viele von Ihnen haben

gewiß schon von einer sokratischen Methode reden hören, manche wissen

wohl auch, daß diese Methode durch geeignete Fragen aus dem Schüler

selbst die richtige Antwort herauszuentwickeln sucht.

Nicht zufällig wählte Sokrates diesen Weg, der für ihn kein bloßes

Mittel der Belehrung, sondern wirklich der geeignetste Pfad zur

Wahrheit war; die Methode entsprang vielmehr seiner Überzeugung, daß

im Geiste des Menschen die rechte Einsicht verborgen sei. Es handelt

sich also nicht darum, die Weisheit gleichsam von außen heranzubringen,

sondern nur sie ans Licht zu befördern und von anhaftendem Irrtum

zu befreien. Auch diese Geburt ist, wie die eines Kindes, mühsam

und schmerzhaft, auch sie erfordert kunstgerechte Hilfe. Darum sagt

Sokrates öfters scherzend, seine Kunst sei die einer Hebamme und er

habe sie von der Mutter ererbt.

Im einzelnen stellt sich die sokratische Methode als ein allmähliches

Hinleiten zu immer besseren Antworten dar. Der Mitunterredner soll

dabei seine Fehler selbst eingestehen, die Wahrheit aus eigener

Einsicht finden. Es handle sich z. B. um die Frage, was ist

Tapferkeit? Ein Mann, besonders wenn er schon im Felde dem Feinde

gegenübergestanden hat, wird überzeugt sein, über diese Tugend Bescheid

zu wissen. Drängt man ihn aber, seine Meinung darüber zu äußern, so

wird er an einen ihm naheliegenden Fall denken und etwa antworten:

Tapferkeit ist, wenn einer nicht aus der Schlacht fortläuft. Sokrates

wird ihn dann darauf aufmerksam machen, daß es auch gegen ungerechte

Ansprüche der Machthaber im eigenen Staate ein tapferes Verhalten

gibt, daß man auch Krankheiten tapfer erdulden kann. Durch diese

Einwände zwingt er seinen Unterredner dazu, einzugestehen, daß er

nur ein _Beispiel_, keine _Erklärung_ der Tapferkeit gegeben hat,

und zu erkennen, daß es auf den _allgemeinen Begriff_ der Tapferkeit

ankommt. Dieser aber muß für alle Fälle zutreffen, in denen man mit

Recht von Tapferkeit spricht. Der in allgemeinen Überlegungen ungeübte

Gesprächsteilnehmer wird auf die so gestellte Frage zunächst nicht

richtig antworten; dann muß sich sein Fehler im weiteren Verlaufe

der Unterredung herausstellen. Hat sich so öfter die scheinbar

treffliche Geburt seines Geistes als Fehlgeburt erwiesen, so führt

das zu einer Erschütterung seines Selbstbewußtseins, zu jenem Wissen

des Nichtwissens, das nach Sokrates die erste Stufe auf dem Wege zur

Erkenntnis ist.

Auch sich selbst schreibt Sokrates nur das Wissen des Nichtwissens

zu. Er fühlt sich den Schülern überlegen, sofern er die Notwendigkeit

der Untersuchung eingesehen hat; in der Untersuchung aber stellt

er sich mit ihnen auf eine Stufe. Da Meister und Jünger zusammen

vom Irrtum zu höherer Einsicht fortschreiten, werden die Schüler

zu Genossen im Suchen nach Wahrheit. Diese Haltung unterscheidet

Sokrates von den Sophisten. Der Sophist will im Gespräch den Gegner

einschüchtern, überlisten, lieber noch in zusammenhängender Rede

glänzen -- es kommt ihm darauf an, Eindruck zu machen, sich zur Geltung

zu bringen. Sokrates will Liebe zur wissenschaftlichen Untersuchung

wecken, damit zugleich Liebe zur Sache, zur ernsten Hingabe an

eine überpersönliche Wahrheit. Er hat den erzieherischen Wert der

Wissenschaft entdeckt. Wenn wir Knaben und Jünglinge, auch sofern sie

nicht für die Wissenschaft bestimmt sind, durch Wissenschaft bilden,

überzeugt, daß der Geist reinen Wahrheitstrebens ganz allgemein die

innere Selbständigkeit und die Hingabe an die Sache um der Sache willen

erzeugt, so wirken wir im Sinne des Sokrates. Sophistisch dagegen wird

die Erziehung, sobald sie in den rasch mitgeteilten »Ergebnissen«

fremden Forschens nur Mittel überliefert, zu glänzen und sich

durchzusetzen.

Sokrates steckte sich also das Ziel, zu einer genauen

Begriffsbestimmung zu gelangen, und benutzte als Mittel dazu Gespräche,

die von der gewöhnlichen unklaren Vorstellungsweise des ungebildeten

Durchschnittsatheners oder von dem auf Verblüffung abzielenden

Geschwätz des neumodischen, halbgebildeten Sophistenschülers ausgingen.

Da jeder Schritt auf diesem Wege nur mit Zustimmung des Mitunterredners

gemacht wird, hat sich dieser am Schluß keine fremde Weisheit

angeeignet, sondern aus sich selbst heraus eine Einsicht errungen.

[Absicht und Inhalt seiner Gespräche]

Weil es Sokrates mehr darauf ankam, die rechte Gesinnung und den Willen

zur Wahrheit zu wecken als bestimmte einzelne Wahrheiten einzuprägen,

schlossen seine Gespräche oft mit einer Frage ab. Doch läßt sich die

Richtung, in der die Wahrheit liegt, fast immer erkennen. So dürfte

man kaum irren, wenn man die sokratische Definition der Tapferkeit

in dem Satze sieht, sie sei die richtige Einsicht in das, was man

fürchten und was man nicht fürchten soll. Man kann sich an diesem Falle

den wesentlichen _Inhalt_ der sokratischen Weisheit klar machen. Es

ist zunächst nicht zufällig, daß der Begriff einer menschlichen Tugend

als Beispiel gewählt wurde, bildet doch die Untersuchung sittlicher

Eigenschaften durchaus den Kern des sokratischen Strebens. Aus seiner

Stellung zum Leben ist das unmittelbar verständlich: er will nur das

untersuchen, was dem Menschen dazu verhilft, sein Leben in rechter

Weise zu führen. Zugunsten dieser Beschränkung auf das eine, das not

tut, wendet er sich gegen die Bemühungen um Erkenntnis der körperlichen

Natur. Wir dürfen indessen in dieser Ablehnung der Naturphilosophie

nicht _nur_ die Folge seines praktischen Bestrebens sehen, sondern

müssen zugleich daran erinnern, daß Sokrates _sicheres_ Wissen suchte,

solches aber in den Anfängen der Naturphilosophie nirgends zu finden

war. Vielmehr lagen hier verschiedene Vermutungen miteinander in einem

Streite, der sich, wie es schien, nicht schlichten ließ.

Glücklicherweise glaubte er diese unfruchtbaren Wortkämpfe zugleich

als unwichtig ablehnen zu dürfen. Wichtig sind für den Menschen die

Begriffe, nach denen er sein Handeln zu regeln hat. Diese kann er

in sich selbst finden, und darum machte Sokrates die alte Mahnung:

»Erkenne dich selbst« zu seinem Wahlspruch. Wie Protagoras, so ging

auch Sokrates vom Menschen aus. Beiden ist der Mensch das wichtigste,

und in gewissem Sinne könnte Sokrates sogar den Spruch des Protagoras,

der Mensch ist das Maß aller Dinge, zugeben. Trotzdem besteht der

entschiedenste Gegensatz zwischen ihnen. Protagoras denkt, wenn

er jenen Satz ausspricht, an die wechselnden Zustände, Launen und

Neigungen, die bei jedem Menschen andere sind und auch bei demselben

Menschen mit der Zeit wechseln. Sokrates dagegen sucht im Menschen die

_Vernunft_, die nicht wechselt und nicht bei einem Menschen anders als

beim andern ist. Wo echtes Denken beginnt, hört die Verschiedenheit

zwischen den Denkenden auf. Man kann sich das an der allereinfachsten

Aufgabe, an einem leichten Rechenexempel etwa, klar machen. Wenn ich

frage, wieviel ist 5 mal 7, so führt Sie alle Ihr Nachdenken zum

gleichen Ziele. Da Sie rechnen können, wissen Sie, daß die richtige

Antwort 35 ist. Sollte jemand die Laune haben, dieses Resultat einmal

anders zu wünschen, so würde ihm das nichts helfen, und wer etwa eine

andere Zahl herausbekäme, dem würde niemand sagen: Das scheint dir so,

also ist für dich 5 × 7 = 32, sondern jeder würde ihm zurufen: Du irrst

dich. So finden wir in uns in der Tat ein allen gemeinsames Denken, das

bei geeigneter Ausbildung Wahrheiten zu erkennen vermag.

Aus diesem Denken entspringt nach Sokrates auch die Sittlichkeit.

Sittlich handeln bedeutet, den Aussprüchen des Denkens, der Vernunft

folgen. Nunmehr können wir die Erklärung der Tapferkeit verstehen.

Tapferkeit ist die richtige Einsicht in das, was man fürchten und was

man nicht fürchten soll. Der wahrhaft Tapfere weiß, daß es Dinge gibt,

die mehr zu fürchten sind als der Tod: Unrecht tun, seine Pflicht

verletzen, in Widerstreit mit sich selbst geraten. Hat er nur die Wahl

zwischen Unrecht und Lebensgefahr, so nimmt er in voller Erkenntnis das

Wagnis auf sich. Denn Tapferkeit, d. h. eine Tugend, darf nicht mit

Tollkühnheit verwechselt werden, die sich blind und grundlos in Gefahr

begibt und keineswegs Lob verdient. Der Tapfere weiß auch, daß man

unter Umständen die Pflicht hat, sein Leben zu erhalten. Wenn etwa ein

Heerführer, an dessen Feldherrnbegabung der Sieg hängt, sich den Kugeln

aussetzt, handelt er nicht tapfer; er muß sich schonen, muß sogar

tapfer genug sein, den Verdacht der Feigheit zu ertragen, wenn er weiß,

daß sein Tod für die von ihm vertretene Sache am meisten zu fürchten

wäre. Soweit werden Sie die Begriffsbestimmung leicht zugeben. Aber daß

Tapferkeit Einsicht sein soll, wird Ihnen nicht recht einleuchten. Sie

alle kennen gewiß Menschen, die weit vom Schuß sehr gut wissen, was

sie fürchten und nicht fürchten sollen, aber doch, wie man zu sagen

pflegt, kein Pulver riechen können. Sokrates hat in der Tat übersehen,

daß die bloße Einsicht den Menschen noch nicht die Kraft des richtigen

Handelns gibt. Was hier als eine Lücke seiner Erkenntnis zugestanden

werden muß, geht aber aus der Größe seines Charakters hervor. In ihm

war die Vernunft zur lebenbestimmenden Kraft geworden; dem Erkannten

zu widerstreben war ihm unmöglich, daher verstand er unter Einsicht

oder Wissen etwas, was den ganzen Menschen durchdringt. Wer nicht nach

seiner Erkenntnis handelt, beweist eben damit, daß er im Sinne des

Sokrates keine Erkenntnis besitzt.

Führende Denker: Geschichtliche Einleitung in die Philosophie · 第 1 / 12 段