1. Die Eleusinien.

Während die bacchischen oder dionysischen Mysterien an das männliche

Naturprinzip anknüpfen, gehen die cerealischen vom weiblichen aus; sie

knüpfen an die _Erntefeste_ an, während die bacchischen ursprünglich

_Winzerfeste_ waren.

In Attika haben sich freilich allmählich in den Eleusinien, in denen auch

Jakchos (Bacchos) seine große Rolle spielt, beide vermischt; jedoch blieb

Demeter (Ceres) die Hauptgottheit der Eleusinien. Über die Eleusinischen

Mysterien sind wir verhältnismäßig am besten unterrichtet, da sie im

Altertum den größten Ruhm erlangten, und daher vielfache Andeutungen über

ihre Feier von Dichtern, Philosophen und Historikern gegeben worden sind.

Die Zulassung zu ihnen wurde allen Hellenen gewährt, von welchem Stamme

oder Staate sie auch sein mochten.

Sie bestanden aus zwei durch einen halbjährigen Zwischenraum getrennten

Feiern. Die erste derselben, die sog. _kleinen_ Mysterien wurden im Monat

Anthesterion, der etwa unserem Februar entspricht, begangen, also im

Frühling, sie waren vorzugsweise der Kora oder Persephone, der Tochter der

Ceres, und dem Jakchos oder Dionysos, der als Bruder der Kora galt,

gewidmet. Diese Feier wurde zu Agra, einer Vorstadt Athens, am Ilissus

begangen. Ihr ging eine Reinigung vorauf, zu der das Wasser des Ilissus

diente -- Die _großen_ Mysterien fielen in die Mitte des Monats Boëdromion,

September, und dauerten nahezu 14 Tage. Der erste Tag hieß Tag der

Versammlung. Die Mysten versammelten sich in der Stadt. Am zweiten Tag

begaben sie sich mit dem Ruf %halade mystai%, »an das Meer, ihr Mysten«, an

den Strand, um im Meerwasser die vorbereitende Reinigung vorzunehmen. Die

folgenden Tage wurden mit mancherlei Umzügen, Opfern und Andachtsübungen in

Heiligtümern der Demeter, Persephone und des Jakchos ausgefüllt. Am

20. Boëdromion begab man sich dann in feierlicher Prozession von Athen nach

Eleusis. Die Prozession nahm fast einen ganzen Tag in Anspruch, da an einer

großen Anzahl von »Stationen«, z. B. beim Grabmal des Eumolpos, bei dem

wilden Feigenbaum, wo einst Pluto mit der geraubten Proserpina in die

Unterwelt hinabgefahren sein sollte, beim Tempel des Triptolemos längerer

Aufenthalt zur Vollziehung gottesdienstlicher Handlungen genommen wurde.

Sie schloß damit, daß das Bild des Jakchos in den Weihetempel zu Eleusis,

das Telesterion, gebracht wurde. Am folgenden Tage und in der Nacht wurden

verschiedene Festakte, über die wir nichts näheres wissen, teils im Freien,

teils im Peribolos des Telesterion begangen. Hierbei wechselte ausgelassene

Lust und gegenseitige Neckerei beider Geschlechter, wobei die Frauen

vielfach jene Handlung der Baubo oder Jambe wiederholten, durch die nach

dem Mythos Ceres zuerst in ihrer Traurigkeit getröstet sein soll, mit

feierlichem Ernst und andächtiger Sammlung. Einige Ahnung von diesem

Treiben verschafft uns die Schilderung +Herodots I. 60+ vom egyptischen

Isisfest. »Einige von den Weibern haben Klappern und klappern damit, einige

Männer aber spielen die Flöte, und die übrigen Weiber und Männer singen und

klatschen in die Hände; etliche verhöhnen die Weiber und etliche tanzen,

etliche aber stehen auf und _heben die Kleider in die Höhe_.« (Die Baubo

oder Jambe entlockte nämlich durch eine _unanständige Entblößung_ der

Demeter das erste Lächeln.) In den Fröschen des Aristophanes wird uns der

Chorgesang der Mysten und ihr ausgelassenes Treiben durch folgende Verse

geschildert:

Chor:

O Heil, Heil, Jakchos!

O Heil, Heil, Jakchos!

Jakchos, der du weilst hier

In dem stolzprangenden Wohnsitz,

O Heil, Heil, Jakchos;

Komm hierher auf die Bachwiese zum Reih'ntanz

In die Schaar deiner Geweihten,

Und im Schwunge walle duftig

Dir der Myrtenkranz voll Beeren

Um das lockige Haupt!

Und kühn stampfe den Takt uns

Mit dem Fuße zum neckisch

Sich entfesselnden Lustreih'n,

Der in holdreizender Anmut,

Der in Unschuld dich umhüpft,

Der Geweihten heil'gem Chortanz!

Ermuntere Dich: naht doch

In der Hand schwingend die Fackeln,

Er naht schon Jakchos,

Stern des Lichtes, in Nacht leuchtend zum Feste!

Von der Flamme glüht die Wiese;

Ja, das Knie der Greise regt sich,

Und sie schütteln ab die Sorgen

Und die Bürde der Zeit,

Die Last bleichender Haare,

In der heiligen Festlust.

Du, Seliger, führe

Die zum Tanz rüstige Jugend

Zu des Quells blumigen Auen

Mit voranflammender Fackel!

Chorführer:

Voll Andacht schweig' er und halte sich fern von unseren heiligen

Reigen,

Wer fremd in solchen Geheimnissen ist und wer unlauteren Herzens,

Wer Orgien himmlischer Kunst nicht sah noch tanzt in dem Chore der

Musen,

Wen nicht einweiht' in bacchantischen Ton Kratinos, der

Stiereverschlinger,

Und wer plumpspaßender Worte sich freut, die heran sich drängen zur

Unzeit,

Wer feindlichen Hader im Volk nicht dämpft, nicht hold und gefällig den

Bürgern,

Nein, Zwietracht sät und die Glut anschürt, nach eigenem Nutzen

verlangend,

Wer, Lenker des Staats, wankt dieser im Sturm, ausstreckt nach

Geschenken die Hände,

Wer Vesten verrät, wer Schiffe verrät und verbotene Waren versendet,

Wer andre beschwatzt, für der Flotte Bedarf mit Geld zu bedienen die

Feinde,

Wer Hekate's Bild mit Gesängen beschmutzt, für kyklische Chöre

gedichtet,

Auch wer als Redner im Volke benagt den gebührenden Lohn der Poeten.

Sei's diesen gesagt, sei's aber gesagt, sei's zum dritten gesagt und

geboten:

Hebt Euch von dem Chor der Geweihten hinweg! Ihr anderen stimmt den

Gesang an,

Und beginnt mit der heiligen Feier der Nacht, die dem heutigen Feste

gemäß ist!

Der Occultismus des Altertums · 第 135 / 155 题