ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.

1880. Nº 12. Dezember.

Wissenschaftliche Mittheilungen.

Die sieben Planeten. Darstellungen vom Beginne des 16. Jahrh.

Die interessantesten Darstellungen aus dem profanen Leben des

Mittelalters sind sicher jene, welche uns nicht blos die höheren

Stände, sondern auch das Leben des gemeinen Volkes vor Augen führen.

Davon haben wir vorzugsweise in den Darstellungen der Monate und

den Beschäftigungen während des Laufes derselben sogar aus ziemlich

früher Zeit monumentale, plastische und gemalte Darstellungen. Auch

die Kalender nahmen diese Bilder auf und setzen sie bis auf unsere

Zeit fort. Man hatte aber auch vom Einfluß der Gestirne nicht blos auf

die Geschicke, sondern auch auf die Thätigkeiten eine große Meinung,

so daß aus dem Schlusse des Mittelalters interessante Darstellungen

auf uns gekommen sind, welche uns die Thätigkeit der Menschen unter

dem Einflusse der sieben Planeten, welche ja auch den Tagen der

Woche die Namen gegeben, also gewissermaßen die sieben Wochentage

vor Augen führen. Die interessanteste Reihe ist gewiß jene, welche

in dem kostbaren Manuscripte im Besitze Sr. Durchl. des Fürsten von

Wolfegg-Waldsee sich befindet, das vom germanischen Museum unter dem

Titel „Mittelalterliches Hausbuch“ veröffentlicht worden ist.

Von großem Interesse ist aber der Vergleich einer um etwa 50 Jahre

jüngeren Serie, die denselben Gedanken behandelt, und die wir hier in

getreuen Reproduktionen, auf die Hälfte der Originale verkleinert,

folgen lassen. Die Originale, sieben Holzschnitte, befinden sich in

der Kupferstichsammlung des germanischen Museums. Passavant, dessen

Reihenfolge wir hier festhalten, führt diese Blätter als Arbeiten

Hans Sebald Beham’s an und gibt ihnen die Nummern 181-187 unter den

Holzschnitten dieses Meisters. Er kennt die Exemplare aus Berlin und

Gotha und sagt, daß auch spätere, ohne die Verse, vorkommen. Unsere

Exemplare, welche nach der Sorgfalt, mit der sie abgezogen sind,

Probedrucke zu sein scheinen, zeigen in den Versen einige Abweichungen

von Passavants Angaben; auch fehlt auf dem ersten Blatte die dort

gegebene Adresse des Illuministen Albrecht Glockendon mit dem Datum

des 1. August 1531. Die Umrahmung ist bei allen sieben Blättern

die gleiche. Sie scheint bei allen von demselben Stocke abgezogen,

welcher als Passepartout für die sämmtlichen einzelnen Stöcke mit

den bildlichen Darstellungen diente. Man dachte bei der Anfertigung

offenbar an ein Zusammenkleben der Blätter, so daß die halbe Säule zu

jeder Seite mit jener des Nachbarbildes eine ganze ergeben sollte.

Es wird wol nicht nöthig sein, unsere Leser im Einzelnen auf die

verschiedenen Thätigkeiten aufmerksam zu machen, die sich hier

entfalten: wie der Sonntag dem Gottesdienst und der Erholung geweiht

ist, wo wir das Volk beim Steinwerfen, Springen, Ringen und Fechten

sehen, während die vornehme Gesellschaft dem Volke nur zusieht und

sich mit Gesang und Saitenspiel unterhält; wie uns die Wochentage

Fischfang, Ackerbau, das Speisen der Bettler, die Gerechtigkeitspflege,

die Thätigkeit in den Werkstätten der Künstler und Handwerker wie im

Studierzimmer der Gelehrten, die Jagd und eine Kaiserkrönung, dann aber

auch den Krieg mit Raub und Plünderung und seinen sonstigen Schrecken,

also Freude und Leid des gesammten Lebens vor Augen führen. Es

ist nicht nöthig, im Einzelnen auf die Fülle der Motive aufmerksam zu

machen, welche dem Künstler für seine dekorativen Zwecke zur Verfügung

standen, wie er uns über die Tracht und das Benehmen aller Stände vom

Kaiser bis zum Bettler aufklärt, wie er in der Personifikation der

Gestirne die antike Mythologie auffaßt und zur Darstellung bringt. Die

Leser werden selbst die Beiträge zur Geschichte der Musikinstrumente,

des Mobiliars, der Waffen, vor allem aber das Gesammtbild, wie sich

Stadt und Land im Beginne des 16. Jahrh. darstellten, erkennen.

[Illustration:

Die Sunn über aller Planeten schein Recht freundlich sein die

kinder mein

Inn. 365. tagen behent Durch lauffe ich die firmament.

]

[Illustration:

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 27. Band, 1880 Organ des Germanischen Museums · 第 137 / 173 题