ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.

1880. Nº 2. Februar.

Wissenschaftliche Mittheilungen.

Das Inventar eines Würzburger Domherrnhofes vom Jahre 1557.

Im 16. Jahrhundert pflegte man ausschließlich nur Adelige in die

Domkapitel zu Würzburg und Bamberg aufzunehmen. Auch von dem

fränkischen Geschlechte der Freiherrn zu Schwarzenberg traten mehrere

in dieselben ein. Zu diesen gehörte auch Paulus II., ein Sohn des

bayerischen Landhofmeisters Christoph Freiherrn zu Schwarzenberg, von

welchem uns das weiter unten abgedruckte Inventar seines Domherrnhofes

zu Würzburg noch im fürstl. Archive zu Schwarzenberg erhalten ist.

Paulus II. ward geboren im Februar 1523. Schon am 29. Oktober 1534

wurde er ins Würzburger Domkapitel aufgenommen, und zwar erhielt er die

Präbende, auf welche Graf Thomas von Rieneck soeben resigniert hatte.

Seine Aufschwörer waren: Wilhelm Freiherr von Schwarzenberg, Chorherr

zu St. Burkhard in Würzburg, ferner die Würzburger Domherren Hieronymus

Fuchs, Jakob von Bibra und Peter von Randersacker.

Selbstverständlich konnte Paulus II. in einem noch so jugendlichen

Alter -- er war ja 1534 erst 11 Jahre alt -- seinen Sitz im Domkapitel

nicht wirklich einnehmen, sondern er lag noch seinen Studien ob. So

finden wir ihn im Jahre 1537 an der Ingolstadter Universität als

Studiengenossen des Herzogs Albrecht von Bayern.

Im Jahre 1542 verwendete sich die römische Königin Anna, die Gemahlin

König Ferdinands I., mittelst Schreibens d. d. Wien den 24. September

für ihn beim Bamberger Domkapitel, damit er auch eine Domherrnpfründe

erlange. Königin Anna war vom Bruder des Domherrn Paulus, dem Freiherrn

Wilhelm zu Schwarzenberg, welcher Truchseß des römischen Königs

Ferdinand war, darum ersucht worden.

Ihre Bitte scheint aber nicht erfüllt worden zu sein. Freiherr Paulus

II. erreichte kein hohes Alter; er starb schon den 16. Juni 1557 und

hinterließ in Würzburg einen prächtig eingerichteten Domherrnhof,

dessen Lage sich aber heute leider nicht mehr näher bestimmen läßt.[14]

Das Inventar dieses Hofes wurde am 27. Juli 1557 durch den Notar und

geistlichen Gerichtsschreiber Johann Dentzer in Würzburg aufgenommen.

Da es von großem, kulturhistorischem Interesse ist, so lassen wir es

seinem vollen Wortlaute nach hier folgen:

Erstlich an +ligenden guettern+: Ein thumherrnhoff hinder dem

thumstifft zu Wurtzburg gelegen, darinnen sein gnaden gewonet. Sechs

morgen weingartten in Gerbrunner markung gelegen.

An +fahrender haab+ vnnd erstlich +in der grossen stuben+: Ein tisch

darauff ein thurn geschnitz, ein tisch mit einer schubladen, ein

lotterbettlein daran des herrn wappen, darinnen ein stroesackh,

ein lidere bolster, ein lidere kuessen, ein klein deckbethlein mit

gestraifften ziehen, ein wullene deckh; ein gießbehaltter mit zin

beschlagen sampt einem gießfaß in gestalt einer aicheln; ein schub

karren darinnen ein stroesackh mit Colischen ziehen, ein pfulb mit

Colischen ziehen, zwey kussen one ziehen; ein vorbanck, ein dribaineter

stuel, ein grosser sessel mit schwartzem leder vberzogen, ein leichten

von hirschgehorn mit der Judith vnnd einem schwartzenbergischen wappen

vnnd sechs leuchtern, ein messinge sprutzen, drey merbelsteine weisse

teffelein, ein bildt s. Franciscus vff einem tuch, ein zwifach gemalet

teffelein daran M. Anthonius vnnd Cleopatra gemalet sampt einem grunen

furhenglein, ein gemallte daffel daran des herrn abcontrafactur, ein

eingefast tuch darauff der verlorn sun gemaltt, ein eingefast gemalt

tuch darauff die evangellischen history von dem herrn vnd Petro als er

in aus dem schiff fordert, ein eingefast gemalt tuch darauff conuersio

Pauli, ein kleiner wecker, ein eingefast tuch darauf die evangelische

history Marcj ame eylfften, ein gemallt tuch darauf der verloren sun

gemalet, ein gemalt tuch darauff Adam vnnd Eua gemalet, ein gemalt tuch

daran ein bloß weiber bildt vnnd der thodt, ein handtswellen[15] holtz

mit einer junckfrawen daran des herrn wappen, ein gemaldtt tuch darauff

Maria Magdalena, ein gemalt tuch darauff die euangelische historia

von den jungern, so gen Ehemaus gangen, ein gemaltt tuch darauff die

histori von S. Christophero, ein gemaltt tuch darauff die histori von

Abraham vnnd seinem son Isaac, ein groß gemalt tuch darauff die histori

do Christus 5000 menschen speiste, ein gemalte verschlossene taffel,

darauff des herrn annaten gemalet, ein alter banckpfulben.

+In der kammern neben der großen stuben+: Ein spanbeth mit einem

gantzen himel sampt zweyen antritten, darinnen ein deckbeth mit

einer weißen ziehen, drey furheng ploe vnnd weis, -- ein eingefast

tuch darinnen die histori vom heydtnischen freulein; ein großer

verschlossener schrank darinnen ein fuetter mit zwelff messern,

allerley specerey vnnd appedeckerey, ein gantzer hutt zucker, ein

messing vhr in einem fuetter, ein dutzet loffeln mit peinen stilen

in einem weißen hultz fuetter; -- ein verschlossen schrancklein mit

vier schubladen darinnen allerley specerey von wurtz, mer acht disch

tuecher, ein badtmantel, zwey zwach tuecher, ein weiß badtsecklein,

ein vmblege, ein confect schachtel, drey hembder das ein mit einem

schwartzen kragen zwey mit weißer arbeyt; -- ein große verschlossene

truhen darinnen ein dolchen mit einer sammeten scheid mit silber

beschlagen, ein schwartz zwilliche fallichs, -- ein bar grune

socken, ein zwifacher schwartzer reidrockh, ein leinwater kittel

mit samet verbrembt, ein schwartz borschete[16] leybrocklein mit

samet verbrembt, ein schwartz borset leybrocklein one samet, ein

schwartz barchete wames, ein negelfarb[17] daffete wames mit samet

verbrembt, ein schwartz damascate wammes mit sammeten knopffen,

ein lidere wammes, ein lidere bare hosen mit schwartzem borschtet

vnterfuttert, ein schwartz wulle bar hosen, ein hesen[18] leybeltz,

zwey alte lidere bare hosen vnten mit wullen stumpffen, zwen

brustfleck, ein schwartzer schamlotte vnnd ein weißer gestepter, ein

negelfarb schamlotte schauben mit schwartzen mosch gefüttert, ein

weiß barchete zerschnitten wammes, ein einfacher schwartzer schamlott

mit leynwatt vnterfuttert, ein schwartz samete baret, drey schlaplein

vnter deren eines gefuettert, ein ottere hauben, zwen corrock, drey

kuttentucher, funff facilettlein,[19] ein schlaffhauben, ein schwartzer

braunschweiger manttl; ein klein geuierneust[20] verschlossen truhelein

darinnen ein schoner grosser vergultter becher auff dreyen fueßen mit

dreyen wappen sampt einem deckel, ein zwifach silbere scheuerlein[21]

mit schwartzenbergischen wappen, acht silbere mackollein[22] in

einander das vnterst mit einem fueß ganntz vergullt sampt einem deckel

darauff des schwartzenbergischen wappen, ein hoher vergultter becher

darauff ein Schwartzenburgisch wappen, ein silbere kandtlein[23]

mit Schwartzenburgisch wappen, ein indianische nus vneingefast, ein

buchsbaume loffel mit einem landtsknecht, ein christalline loffel in

einem fuettter, ein gelb aigsteiner[24] patternoster mit funff silberen

bollen[25], ein halber bisamsknopff darauf ein crucifix, ein schwartz

aigsteiner patternoster mit sieben kornern, ein cristalline gefäß

an ein dolchen gehorig, ein patternoster mit kornern, ein ametisten

paternoster; ein große altte vnuerschlossene truhen darinnen ein

lautten, ein geygen, zehen kleuen garens[26] in einem korblein; -- ein

verschlossener beheltter mit zweyen vachen darinnen mancherlei gleser.

Volgt +ane+ (_an_) +zinwerckh+: Ein große schenk kandel, zwue

viertel kandel, zwey dreiseidleins kandel, vier maßkandel, vier

seidleinskandel, zwey viermaß kandlein, ein viertheil flaschen, ein

mas flaschlein, zwey seidleins flaschlein, ein zwifach kandlein, ein

kupfferling[27] ein groß zine saltzfaß, drey kleine zine becherlein,

sechs zine hoffbecher, zwen zineteller, zwey große zine, achzehen

zillig vnnd kleine zine, ein zine tischblat, funff kleine zine zerleg

deller, siebenzehen zinene tischdeller, vier senfft zinlein, acht

schone saltzfesslein, ein gemalte auffhebschussel, neun zilliger

ausgestochener zine, zwolff ausgestochene erbeszine mit handthaben,

sechtzehen ausgestochene kleine senfftzinlein mit öhrlein, vier

ausgegrabene senffzinle gar cleine, ein ziner kammerscherben,[28] vier

pleche schussel, ein pleche bierkandel, ein pleche triechter, ein

pleche auffheb schusselein.

+Ane messing+: Ein messinger bock vff ein tisch, ein messing

pfannenholtz, ein messing kandel sampt einem becken, ein messing

rauchfaß, zwen messing leuchter auff ein altar, ein messing leuchter

mit dreyen roren, zwen messing leuchter mit zwuen roren, acht

leuchter mit einen roren, ein klein leuchterlein mit zweyen roren,

neun badkopff,[29] ein klein beckellein, ein messing ampelein[30] ein

messing kesselein, ein messing kolpfannen, ein messing blutdigelein,

ein messing schussel ane (an) ein wage, eine messingen morscher[31] mit

einem strempffel.[32]

+Ane kupffergeschirr+: Ein große neue flaschen ongeuerlich vff zehen

mas, ein kupffere handtbecken, ein eisere bock vff einen tisch, zwo

sackteln[33], ein roer.

+Ane tuchich+:[34] Acht tischtucher, vier bar grober leilacher,[35]

vier bar flachser leilacher, sieben hembder, vier kussen ziehen, sieben

handtswelen, drey faciletlein, ein schlaffhauben.

+Schwarzenberg.+ A. +Mörath+.

(Schluß folgt.)

Jahrmarktsbuden und Kramläden des 15. Jahrhunderts.

Der Papiercodex Nr. 973 unserer Bibliothek enthält eine Handschrift

des trojanischen Krieges in deutscher prosaischer Bearbeitung des

14. Jahrh., die mit einer großen Zahl flüchtig gezeichneter Bilder

ausgestattet ist, welche, roh koloriert, nicht als hervorragende

künstlerische Leistungen bezeichnet werden können, die aber doch,

sehr lebendig dargestellt, viele Einzelheiten zeigen, die dem Leben

abgelauscht sind.

[Illustration: Fig. 1]

Derartige Handschriften wurden nebst ihrem Bilderschmuck mitunter

handwerklich kopiert, und so mag auch unser Codex vielleicht irgend

einem anderen Originale nachgebildet worden sein; vielleicht ist

er selber Original, vielleicht sind die Bilder Skizzen für eine

sorgfältigere Ausführung an anderem Orte. Interessant ist nur,

daß die Bilder und der Text nicht gleichzeitig von derselben Hand

hergestellt sind, indem der Text eine bräunliche, etwas verblaßte

Tinte zeigt, während die Bilder mit rein schwarzer Farbe gezeichnet

sind. Sie müssen vor Niederschreibung des Textes auf die Blätter

gezeichnet worden sein; denn derselbe schließt sich, theilweise mit

ungleicher Zeilenlänge, an die Bilder seitlich in einer Weise an,

daß er nicht vor denselben dagewesen sein kann; aber es hat auch der

Schreiber des Textes mit seiner braunen Tinte Einzelnes verbessert und

mehr hervorgehoben, was ihm der Maler nicht charakteristisch genug

gezeichnet hatte. Besonders ist dafür der Kampf auf fol. 35 v. und 36

r. zu nennen, wo er beiden Anführern mit heller Tinte noch Kronen auf

die Helme gezeichnet hat, um sie als Könige zu bezeichnen.

Was die Zeit betrifft, der die Bilder entstammen, so zeigt die

Bewaffnung bei den vielen dargestellten Kämpfern Arme und Beine in

Schienen, den Körper in farbigen Lendnern oder mit buntem Wollkleide

bedeckt, den Hals mit den Halsbergen aus Kettengeflecht, die Häupter

theils mit Eisenhüten, theils mit der oben spitzen Beckenhaube

(Bassinet) bedeckt. Die Handschuhe haben die charakteristische

Form des 14. Jahrh.; Schellenschmuck am Gürtel wird theilweise zur

Bewaffnung getragen, ebenso aber auch an den Zotteltrachten der

Hauskleidung, so daß das Kostüm dem Ende des 14. und Beginn des 15.

Jahrh. angehört. Auch die Schriftzeichen des Textes weisen auf den

Beginn des 15. Jahrh., vielleicht noch Schluß des 14. hin. Wenn

also nicht unser Codex selbst, so ist jedenfalls das Original, nach

welchem er kopiert ist, gegen das Jahr 1400 entstanden. Wir werden

aus demselben noch Einiges zu entnehmen haben. Heute führen wir den

Lesern daraus zunächst in Fig. 1 ein echtes Genrebild vor. Es ist wol

Kirchweihe; an der Kirche hat ein Händler seine Bude aufgeschlagen

und bietet allerlei zum Verkaufe aus. Da kommen die Herren und Damen

der benachbarten Burg, um einzukaufen. Daß die eine Dame bärtig

ist, erklärt sich aus der Sache selbst; es ist die Scene gemeint,

wo Achilles unter den Jungfrauen sich als Mann verräth, indem er

aus den Herrlichkeiten des bunten Trödelkrames für sich den Schild

herausgreift. Der Maler wollte uns sagen, was natürlich (wie so

oft auf der Bühne von heute) keiner der Mitspielenden merkt, daß

diese angebliche Prinzessin kein Weib, sondern Achilles ist. Der

Kaufmann unterscheidet sich in seiner einfachen Kleidung von den

herrschaftlichen Käufern. Die Art, wie die Bude zusammengestellt ist,

hat sich bis heute noch erhalten, und der hiesige Weihnachtsmarkt zeigt

deren alljährlich in ziemlicher Anzahl. Auch die Händler bleiben,

obwohl aufmerksam auf ihre Besucher und Waaren, sitzen, wie jener

unseres Bildes, höchstens durch einzelne Worte die Waaren anpreisend,

bis die Besucher gewählt haben und der Handel beginnt; dann erst

stehen sie auf. Wir können also wohl glauben, daß der Zeichner seine

Scene der Natur abgelauscht und sie, mit Ausnahme des Bartes, genau so

wiedergegeben hat, wie er selbst sie oft im Leben gesehen.

[Illustration: Fig. 2.]

[Illustration: Fig. 3.]

Es würde hier Anlaß gegeben sein, auf einige Gewohnheiten der

mittelalterlichen Künstler im allgemeinen hinzuweisen und zu

untersuchen, wie weit überhaupt der Grad der Glaubwürdigkeit

mittelalterlicher Bilder geht; denn es tritt hier in dem Barte des

Achilles derselbe Zug hervor, welcher den Schreiber des Textes unseres

Codex veranlaßt hat, bei dem Kampfe auf fol. 35 v. und 36 r. die Helme

der Könige mit Kronen noch auszustatten, welche der Zeichner vergessen,

und die sie doch sicherlich im Kampfe nicht trugen. Mag es auch im

Sinne des Mittelalters wie der antiken Welt gelegen haben, anzunehmen,

daß sich die Heerführer, die Könige und Fürsten durch besondere

Tapferkeit auszeichneten, so lag es doch sicher nicht mehr in der

Taktik des 14. und 15. Jahrh. begründet, daß ein äußerlich sichtbares

Zeichen den Feldherrn im Kampfe jedem Knechte der Gegner verrieth,

und daß er ihren Geschossen und den Angriffen aus der Ferne ebenso

ausgesetzt war, wie den ritterlichen Waffen der ebenbürtigen Gegner. Er

durfte also kein Zeichen auf dem Helm tragen, so wenig als es irgend

einer List bedurft hätte, den Achilles zu erkennen, wenn er so aus den

Jungfrauen sich herausgehoben hätte, wie auf unserem Bilde. Wir gehen

jedoch auf diese Frage besser erst später ein, wenn die Betrachtung der

Bewaffnung dieses Codex sowie jenes zweiten, von welchem sofort die

Rede sein wird, uns noch eine Reihe ähnlicher Züge vor Augen geführt

hat, die uns veranlassen, zu untersuchen, wie weit wir berechtigt sind,

sichere Schlüsse zu ziehen, und wie gerade ein Theil der Mängel jener

Abbildungen daraus hervorgeht, daß deutlich zu verstehendes Sprechen in

der Absicht der Maler und Zeichner lag.

Das Museum besitzt in einem, höchstens ein halbes Jahrh. jüngeren

Codex einen überaus interessanten Schatz, nämlich eine Reihe ganz

paralleler Darstellungen in dem Codex Nr. 998, welcher des Konrad von

Würzburg trojanischen Krieg enthält, aus dem wir auf Sp. 265, 266 des

vorigen Jahrgangs die Befrachtung eines im Hafen liegenden Schiffes

wiedergegeben haben. Dieser zweite Codex reiht sich den merkwürdigsten

Bilderzyklen des Mittelalters an.

Auf vortreffliches Papier in groß Folio-Format geschrieben, enthält

er viele Illustrationen, die zum Theil über zwei Seiten weggehen.

Was das Buch besonders werthvoll für die Kulturgeschichte macht, ist

einerseits der reiche Inhalt, anderseits aber die genaue Datierung.

Dasselbe enthält, unmittelbar an den trojanischen Krieg anschließend,

als zweites Stück den Wilhelm von Orlens des Rudolf von Montfort, als

drittes den Herzog Ernst und trägt am Schlusse die Worte: Schriptum et

completum est per me Heinricum de Steynfurt, Clericum Osnaburgensum

Anno domini M^occcc^oxlj^{mo} Sabbato ante festum Purificacionis

gloriose virginis Marie. Deo gracias.

Wir haben also genaue Daten, welche sowohl nach Ort als Zeit Vieles

feststellen lassen, was in anderen Darstellungen unbestimmt bleiben

würde, und es ist deshalb ganz besonders gerechtfertigt, daß wir

heute und später eine Reihe der Darstellungen aus diesem Bande

veröffentlichen.

[Illustration: Fig. 4.]

[Illustration: Fig. 5.]

Die Illustrationen des Bandes begleiten nur die beiden ersten Stücke.

Die phantastischen Erzählungen des dritten Stückes haben den Zeichner,

der allen seinen Bildern Erscheinungen aus dem Leben zu Grunde gelegt

hat, nicht gereizt. Die Zeichnungen sind leicht hingeworfen, aber

feiner als im vorhin erwähnten Codex. Es sind meist sehr dünne, leichte

Striche. Sicherheit der Hand bildet nicht des Künstlers vorzüglichste

Begabung; denn eine gewisse Aengstlichkeit tritt in den feinen

Strichen da und dort zu Tage. Er hat oft angesetzt, ohne große, lange

Linien zu ziehen, manche Linie nochmals überzeichnet, da, wo sie krumm

geworden, durch eine zweite daneben gestellte verbessert. Aber es ist

auch hier keine Spur von Vorzeichnung mit Bleistift oder sonst einem

vertilgbarem Materiale zu sehen. Der Illustrator hat offenbar die

Sachen erst während des Aufzeichnens mit der Feder erdacht. Dadurch

haben, trotz ängstlicher Kleinlichkeit der Linienführung in vielen

Einzelheiten, die Bilder im Ganzen eine große Frische. Man sieht,

daß die Unsicherheit nur die Führung der ersten Linien jeden Bildes

beeinträchtigte. Sobald einmal etwas auf dem Papiere stand und der

Künstler daran anknüpfen konnte, gieng das Weitere ihm leicht von der

Hand; er zeichnete die eigenthümlichsten perspektivischen Verkürzungen

des menschlichen Körpers mit Verständniß. Er brachte selbst da und

dort trotz der Einfachheit der Behandlung, Gefühl und Harmonie in den

Ausdruck der Gesichter wie in die Linienführung des Faltenwurfes.

Aber der Strich bleibt immer dünn; wo er in einzelnen Bildern stärker

auftritt, scheint der Grund mehr an stumpf gewordener Feder zu liegen,

als an kräftigerer Führung derselben. Dagegen hat der Zeichner, wenn

das Bild nach und nach entstanden war, die Schraffierung zu Hilfe

genommen, um einzelne Flächen von einander abzuheben, oder eine Form,

die durch die Zeichnung allein nicht genügend sich abgerundet hätte,

noch mehr abzurunden. Auf die Zeichnung legte der Meister leichte Töne

als Schattierung und Kolorierung, zunächst einen Tuschton, der die

Tiefen und Theile der Färbung hervorheben mußte, wie die Streifung

des Pelzes u. A., aber ziemlich leichthin aufgetragen ist. Ebenso

leichthin aufgetragen, aber auch in ganz leichten, dünnen Tönen

gehalten erscheint der Auftrag der übrigen Farben, ebenfalls wie eine

Schattierung behandelt; nirgends ist auf den Figuren ein Lokalton der

Gewänder oder dergl. angelegt, selbst nicht des Fleisches. Wie der

graue Tuschton als Schattenton erscheint, so auch alle andern Farbtöne.

Das lichte Blau deckt nur einen dünnen Schattenton auf die Tiefen der

Falten eines blauen Kleides, ebenso das lichte Karminroth oder Gelb.

Das oft vorkommende Eisen der Bewaffnung ist ebenfalls blau schattiert,

wie die blauen Gewänder. Nur ein Olivgrün ist als Färbung der Masse

sowohl für Bäume, als für den Boden benützt und tritt energischer auf,

als alle andern Farbtöne. Wirklich energisch aber tritt der Zinnober

bei dem vielen Blute auf, welches im trojanischen Kriege vergossen

wird, zu dessen Anbringung aber der Künstler keiner Vorzeichnung mehr

bedurfte, da es als letzte Vollendung zu den Bildern hinzutrat, nachdem

er mittlerweile die Sicherheit gefunden, die ihm bei den ersten Linien

der Zeichnung jedes Bildes fehlte.

Daß der Schreiber des Codex auch die Bilder gezeichnet hat, geht wol

aus der eben angeführten Schlußschrift hervor; aber sie sind nicht mit

dem Texte zugleich, mindestens nicht mit derselben Tinte, sondern mit

einer verschieden stark verwendeten Tusche gezeichnet. Auch finden

wir keinen Anhaltspunkt, daß sie vorher auf dem Papiere standen und

der Text sich erst anschloß, vielmehr dürfte jedes Bild erst nach

Fertigstellung des Textes der betreffenden Seite gezeichnet und

koloriert worden sein.

Wenn auch die Erzählung einen ganz andern Wortlaut hat als im

erstgenannten Codex, so sind doch die Scenen theilweise ganz ähnlich

dargestellt, und ein Vergleich auch in dieser Richtung ist nicht ohne

Interesse.

Heinrich von Steinfurt hat jener Scene, wie Ulisses den Achilles

erkennt, zwei Bilder gewidmet. Im ersten ist er und Diomedes soeben

angekommen. Ihr Schiff mit Waaren liegt am Ufer, und König Lycomedes

kommt mit seinen Töchtern, unter denen Achilles verkleidet sich

befindet. Wie hier bei uns, so geht auch im Original das Bild über zwei

Seiten weg (Fig. 2, 3). Im folgenden, Fig. 4, ist der Krämer bei seiner

Bude, und Achilles, durch kriegerische Musik angeregt, greift nach dem

Harnisch.

Aber nicht nur der wandernde Kaufmann brachte Waaren zum Jahrmarkte. In

den Städten selbst waren Kaufleute angesiedelt, in deren Gewölben die

verschiedensten Waaren aufgestapelt lagen. Da mag der Künstler ähnliche

Bilder gesehen haben, wie Fig. 5 ein solches darstellt, wenn die Jugend

der Stadt, beiderlei Geschlechtes, sich Geschenke einkaufte. Allerdings

ist hier die Scene anders gemeint. Die Paare sind nicht Liebespaare,

wenn sie auch so erscheinen. Es ist die Theilung der trojanischen Beute

dargestellt, und auch die Jungfrauen sind Beutestücke, welche den

Helden zugetheilt werden, gleichwie das Geld, die Töpfe und Tücher, die

Pokale und Kästchen. Mit solcher Beute wurde das Schiff beladen (Sp.

265 des vor. Jahrg.), das sie mit sammt dem Erworbenen in die Heimat

zurücktragen soll.

Da wir noch eine Reihe von Bildern aus den beiden hier angeführten

Codices zu veröffentlichen gedenken, so haben wir noch Gelegenheit, auf

die Verwandtschaft, wie auf die Unterschiede der Kostüme und Waffen

hinzuweisen von denen insbesondere letztere eine für die kurze Zeit,

welche zwischen der Entstehung beider Bände liegt, höchst beträchtliche

Entwicklung zeigen.

+Nürnberg.+ A. +Essenwein+.

Volksthümliches aus Niederösterreich.

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 27. Band, 1880 Organ des Germanischen Museums · 第 18 / 173 题