Karl Stülpner

mit Benutzung der Schönberg'schen Aufzeichnungen

mitgeteilt von

_Hermann Lungwitz_.

Zweite Auflage.

Ehrenfriedersdorf.

_Druck und Verlag von E. Löseke._

1887

Unter den verschiedenen Schriften, die im Laufe der Zeit über den

berühmten und berüchtigten Raubschützen des Obererzgebirges Karl

Stülpner erschienen sind, kann, soviel mir bekannt ist, nur eine

einzige Schrift berechtigte Ansprüche auf Glaubwürdigkeit machen,

das ist das Werk von Karl Heinrich Wilhelm Schönberg. Wie es auf

dem Titel heißt, hat Stülpner selbst dem Verfasser seine Erlebnisse

der Wahrheit getreu mitgeteilt und sind dieselben von genanntem

Schönberg aufgezeichnet worden. Das Büchlein, welches im Jahre 1835

gedruckt wurde, ist gar nicht im Buchhandel erschienen, sondern auf

dem Wege der Subskription vertrieben worden, der Ertrag floß, wie aus

dem Vorwort hervorgeht, dem alten und erwerbsunfähigen Stülpner zu.

Die Schönbergsche Schrift ist äußerst selten noch zu finden, in den

Bibliotheken der Nachbarstädte gar nicht vorhanden, ich habe sie nur

durch die Güte des Herrn Oberbibliothekar der Königlichen öffentlichen

Bibliothek zu Dresden erhalten können. In folgenden Mitteilungen werde

ich mich hauptsächlich an das Gegebene des erwähnten Büchleins halten

und gleichzeitig glaubhafte mündliche Ueberlieferungen mit verwerten.

Erwarte aber der freundliche Leser keinen Roman, in welchem doch

Wahrheit und Dichtung gemischt sind, es werden hier nur die Thatsachen

erzählt, wie sie in der Wirklichkeit stattgefunden haben.

Dort, wo am Fuße des steilen Schloßberges zu Scharfenstein eine

verdeckte Brücke über die wild dahinrauschende Zschopau führte,

stand vor noch nicht allzulanger Zeit ein bescheidenes Häuschen, in

welchem Karl Stülpner am 30. September 1762 früh 4 Uhr, wie es im

Großolbersdorfer Kirchenbuche verzeichnet steht, das Licht der Welt

erblickte. Sein Vater war von Profession ein Müller, hatte als Soldat

im churfürstlich sächsischen Leibkürassier-Regimente gedient und nach

erhaltenem ehrenvollen Abschied die Tochter des herrschaftlichen

Försters Schubert geheiratet. Da der Vater Stülpners kein hinlängliches

Vermögen besaß, selbst eine Mühle zu kaufen oder auch nur eine

erpachten zu können, so sah er sich genötigt, als Knappe in den Mühlen

der Umgegend sein tägliches Brot zu verdienen. Später folgte er seiner

Neigung zur Gärtnerei, kaufte das erwähnte Häuschen und legte einen

Gemüsegarten an.

Noch nicht 10 Tage alt, schwebte Karl in ernster Lebensgefahr. Es waren

die Zeiten des verhängnisvollen siebenjährigen Krieges. Ein Trupp

preußischer schwarzer Husaren durchzog die Gegend, beim Anbruch der

Nacht drangen einige in Stülpners Wohnung ein und zwangen die Frau, da

ihr Mann auf Arbeit gegangen war, trotz ihres Flehens zum Führerdienst

nach Zschopau. Nicht einmal so viel Zeit ließen die Soldaten ihr,

um das Kind der Obhut einer Nachbarin während ihrer Abwesenheit

anvertrauen zu können. Mit klopfendem Herzen kehrte nach einigen

Stunden die besorgte Mutter von ihrem beschwerlichen Wege zurück, zum

Glück noch rechtzeitig genug, um ihren kleinen Karl vom Erstickungstod

zu erretten. In ihrer Abwesenheit hatte sich das zum Trocknen auf den

Ofen gelegte Reisholz entzündet und einen erstickenden Qualm in der

Stube verbreitet.

Karl wuchs im Laufe der Zeit gesund und kräftig auf, mehr unter

der Aufsicht der Mutter als unter der des Vaters, welcher auswärts

arbeitend sich leider wenig um die Erziehung des Knaben kümmern

konnte. Als Karl schulpflichtig geworden war, besucht er, da damals

Scharfenstein noch keine eigene Schule besaß, die ungefähr eine halbe

Stunde entfernte Schule zu Großolbersdorf. Schon damals soll er sich

durch Mut und tolle Streiche vor allen seinen Mitschülern ausgezeichnet

haben. Als er das achte Jahr erreicht hatte, starb sein Vater, noch

im besten Mannesalter stehend, an den Folgen einer Brustentzündung.

Karl war noch zu klein, um die Schwere des Verlustes zu empfinden; er

tröstete sich bald wieder. Schon in diesem Alter konnte man an ihm

einen unwiderstehlichen Drang, in den dichten Waldungen der Umgegend

umherzustreifen, wahrnehmen; seine Jagdlust erstreckte sich auf das

Erbeuten von allerhand Vögeln, Eichhörnchen etc. Eine alte Flinte, die

er sich zu verschaffen gewußt hatte, galt ihm geradezu als Heiligtum.

Er war neun Jahre alt, als ihn sein Anverwandter, der Förster Müller

in Ehrenfriedersdorf, zu sich nahm und ihm unter anderem auch die

Besorgung des Vogelherdes übertrug. Es wird berichtet, daß er sich

dieses Auftrages mit größerer Gewissenhaftigkeit entledigte, als des

des Lösens seiner Schulaufgaben.

Eines Tages ging beim Förster der Auftrag ein, einen Rehbock in die

herrschaftliche Küche zu liefern, und da der Oheim gerade abwesend

war, bemächtigte sich Karl, trotz des strengen Verbotes, eines

Gewehres, ging in den Wald und schoß, da er den Wechsel schon längst

ausgekundschaftet hatte, das befohlene Wild. Ein Holzhacker mußte auf

Bitten des jugendlichen Waidmannes die erlegte Beute zur Försterwohnung

tragen. Unterdessen war der Förster zurückgekehrt und eine tüchtige

Züchtigung sollte als Lohn dem Ungehorsam folgen, doch nahm sich

der ebenfalls anwesende Stollberger Förster des jungen Schützen an.

Er belehrte Karl über die Handhabung des Gewehres und schenkte ihm

obendrein einen Gulden, wodurch seine Jagdlust nur noch mehr angespornt

wurde.

Nach Verlauf einiger Zeit kehrte Karl auf dringenden Wunsch seiner

Mutter nach Scharfenstein zurück. In diese Zeit, das sind die Jahre

1771 und 1772, fällt die große Teuerung, die namentlich unser

Erzgebirge hart traf. Während des Winters rückte der zehnjährige

Bursche auf einem Handschlitten Holz an die Zschopau und verdiente

auf diese Weise einige Groschen, knapp genug jedoch mag es trotzdem

im Haushalte der Mutter Stülpner zugegangen sein. Auch nach seiner

Konfirmation, welche in der Kirche zu Großolbersdorf erfolgte, blieb

Karl in der Behausung seiner Mutter und suchte durch allerhand für

ihn passende Arbeiten sich und seiner Mutter, an der er schon damals

mit wahrhaft kindlicher Liebe hing, den täglichen Unterhalt zu

erschwingen. Seine Jagdleidenschaft wuchs mit den Jahren und mit seiner

Körperstärke, im Schießen hatte er sich eine solche Treffsicherheit

angeeignet, daß man ihn deshalb zu den Jagden, welche in den

umliegenden Forsten stattfanden, hinzuzog.

Inzwischen war der bayrische Erbfolgekrieg ausgebrochen, man

brauchte Soldaten und der noch nicht sechzehnjährige Stülpner ward

als Trainsoldat ausgehoben, darauf nach Dresden zu seinem Regiment

beordert. Zwar schmerzte den jungen Rekruten der Abschied von den

heimatlichen Bergen, die Trennung von der geliebten Mutter, deren

Ernährer er bisher gewesen war, doch sehnte sich auch sein reger Sinn

nach neuer Thätigkeit und hoffte er in seinem neuen Berufe hinlängliche

Befriedigung seiner Leidenschaft nach Gewehr und Jagd zu finden. In

seiner Garnison angelangt, ließen ihn Gewandtheit und Stärke seines

wohlgebauten und abgehärteten Körpers bald alle Hindernisse des

Rekrutenstandes mit leichter Mühe überwinden, in kurzer Zeit war

er ein tüchtiger Soldat. Ehrgefühl, Rechtschaffenheit und strenge

Ordnungsliebe gesellten sich zu Stülpners körperlichen Vorzügen,

wodurch er sich die Liebe und das Vertrauen seiner Kriegskameraden,

sowie das Lob seiner Vorgesetzten erwarb.

Nach dem Friedensschluß dieses unblutig verlaufenen Krieges entließen

die Regimenter die überzähligen Mannschaften, auch Stülpner forderte

und erhielt namentlich auf Bitten seiner nach Dresden gekommenen

Mutter von seinem Rittmeister Zirkel den Abschied. Er kehrte nach

Scharfenstein zurück und suchte, wie schon früher, durch Handarbeiten

für sich und seine Mutter das tägliche Brot zu verdienen. Aber auch

die Leidenschaft zur Jagd war in ihm nicht erloschen, er fröhnte ihr

mehr denn zuvor und überschritt jetzt schon häufig die ihm angewiesenen

Grenzen.

Die Zeiten der gewaltsamen Werbungen waren zwar in Sachsen vorüber,

an dessen Stelle jedoch eine Verordnung getreten, nach welcher

einer jeden Garnison ein gewisser Bezirk angewiesen war, woraus die

alljährlich zu ergänzende Mannschaft ausgehoben werden sollte. Darüber

ob die jungen Leute als entbehrlich oder unentbehrlich zu erachten

seien, hatte die obrigkeitliche Behörde zu entscheiden. Leider soll

es häufig vorgekommen sein, daß ein goldner Händedruck den Sohn

eines wohlhabenden Bürgers oder Landmanns als unentbehrlich im Hause

erscheinen ließ, während ein armer Schlucker zum Militärdienst gepreßt

wurde. Stülpner scheint mit dem damaligen Inspektor G. in Thum nicht

gerade auf freundschaftlichem Fuße gestanden zu haben, denn kaum war

er ein Vierteljahr aus seiner Garnison zurückgekehrt, als er bei Nacht

und Nebel von einem Kommando des Regiments Prinz Maximilian in seiner

Wohnung aufgesucht und zu abermaliger Dienstleistung nach Chemnitz

abgeholt wurde. Stülpner wollte sich anfangs nicht fügen und als der

das Kommando befehligende Unteroffizier eine drohende Bewegung mit

seinem Haselstock machte, griff Karl nach seiner an der Wand hängenden

scharf geladenen Büchse und schrie mit donnernder Stimme: »Den Stock

weg, oder ich werde mir Ruhe verschaffen. Auf wessen Befehl werde

ich als Rekrut abgeholt?« Der Unteroffizier zeigte die schriftliche

Anweisung des Gerichtsdirektors vor, worauf Stülpner antwortete: »Wenn

der Gerichtsdirektor mich für entbehrlich hält, mag er auch die Sorge

für meine Mutter übernehmen.« Schnell ordnete er so gut es ging die

häuslichen Angelegenheiten, nahm von der jammernden Mutter Abschied

und folgte willig dem Kommando nach Chemnitz. Der Hauptmann der

Kompagnie von Gundermann war bald mit dem neuen Soldaten zufrieden, da

derselbe ebenfalls wie in Dresden durch strenge Pflichterfüllung sich

die Freundschaft seiner Kameraden und die Gunst seiner Vorgesetzten

zu erwerben wußte. Dem wilden Treiben der Soldaten in den Freistunden

blieb der jetzt achtzehnjährige Stülpner fern, er durchstreifte

unterdessen die freie Natur und beschäftigte sich mit seinem

Lieblingsgedanken der Jagd.

Graf Brühl, welcher das Chemnitzer Regiment kommandierte, sowie viele

seiner Offiziere waren leidenschaftliche Jäger und hatten zu ihrem

Vergnügen ein Revier in der Nähe der Stadt erpachtet. Bald wurde man

auf Stülpners Talent als eines vortrefflichen Schützen aufmerksam, man

nahm ihn deshalb mit auf die Jagden, ja gab ihm den Auftrag, allein

das Revier zu begehen, um die Küchen der Herren Offiziere mit Wildpret

zu versorgen. Mit gewohnter Pünktlichkeit und was sich voraussetzen

läßt, mit großer Lust und Liebe unterzog sich Stülpner dieses

Auftrages, es wird ihm nachgerühmt, daß noch nie die Offizierstafeln

so reich mit Wild besetzt waren, als zu jener Zeit. Dabei achtete

unser Held gar wenig auf die Grenzen des Reviers, er schoß einfach das

Wild, wo er es traf. Der Landmann erblickte in dem Verminderer des

außerordentlich reichen Wildstandes seinen Wohlthäter, nur zu oft war

es ja vorgekommen, daß in einer einzigen Nacht die anstehende Ernte von

einem Rudel Hirsche vollständig vernichtet wurde. In dem wunderlichen

Kopf Stülpners hatten sich über die Jagdgesetze schon damals ganz

eigene Prinzipien festgesetzt, von welchen er sich trotz seines

ausgesprochenen Gefühles für Recht nicht hat abbringen lassen, er hielt

nämlich die in der freien Natur lebenden Tiere, da sie ihre Nahrung

selbst suchen und keine bestimmte Grenzen für ihren Aufenthaltsort

haben, für Eigentum eines jeden Menschen.

Stülpner befand sich als Soldat in Chemnitz besser als die Mehrzahl

seiner Waffenbrüder, denn infolge der Ausübung seiner Jagdpflicht

wurden ihm mehr Freiheiten als den übrigen Soldaten gestattet, außerdem

erhielt er manches schöne Trinkgeld beim Abliefern des erlegten

Wildes. Getreulich teilte Karl die Brosamen, die von seines Oberen

Tische fielen mit seiner armen Mutter und überhob dieselbe so mancher

bitteren Nahrungssorge. Auch Urlaub zur Reise in die Heimat wurde ihm

öfter gewährt, und nie kehrte er in seine Garnison zurück, ohne irgend

ein erlegtes Wild abliefern zu können. Die Nachbarn und Bekannten

wußten wohl um Stülpners verbotenes Treiben, verrieten jedoch nichts,

er säuberte ja die Fluren von dem lästigen Wild, außerdem war er ein

von Alt und Jung wohlgelittener Geselle. Selbst die Forstbediensteten

schienen anfänglich wenigstens von Stülpners Treiben keine Notiz zu

nehmen, nur als er immer dreister wurde, ließ man ihm wohlgemeinte

Warnungen zugehen, die Stülpner jedoch verlachte. Schlau und

vorsichtig, wie er zu Werke ging, obendrein mit allen Schlupfwinkeln

der Gegend vertraut, war es keinem Förster bisher möglich gewesen,

irgend welchen greifbaren Beweis von Stülpners Jagdfrevel zu bekommen.

Doch die Klagen häuften sich und drangen bis zu den Ohren der

Vorgesetzten seines Regiments, die, um allen unliebsamen Erörterungen

aus dem Wege zu gehen, ihn nach Zschopau unter die daselbst stehenden

Grenadiere versetzten. Zwar war Stülpner versetzt, doch brachte dies

keine Aenderung in sein Treiben, nach wie vor betrachtete er es als

seine besondere Verpflichtung, seinen Herren Offizieren Wildpret zu

liefern.

An einem Dezembertage beging er wieder im Auftrag eines Vorgesetzten

sein Revier (er pflegte nämlich jedes Revier, wo er immer auch jagte,

als das seinige zu bezeichnen), als er zufällig auf Scharfensteiner

Flur mit dem Burschen des Zschopauer Oberforstmeisters, Ziegler mit

Namen, zusammentraf. Längst hatte Ziegler geprahlt, er müsse den

Wilderer Stülpner in seine Gewalt bekommen, wenn er ihn erblicke

und wäre er auch in einer Entfernung von zwei Stunden. Der kühne

Jägerbursche wollte sogleich Hand an ihn legen, doch in einem

Augenblick hatte ihn Stülpner, obgleich Ziegler kopfslänger war,

entwaffnet und schlug ihn so lange mit dem entrissenen Gewehr,

bis dasselbe in Stücke zersprang, außerdem drohte er noch, ihn zu

erschießen. Nur auf das Flehen und auf das Versprechen hin, den Vorfall

nicht weiter zu erzählen, gab Stülpner, welcher Zivilkleidung trug, ihn

frei.

Ziegler hielt sein Versprechen schlecht, denn kaum waren drei Tage

vergangen, als Stülpner plötzlich von einem Unteroffizier und einem

Gemeinen bei seiner Mutter abgeholt und nach Zschopau auf die

Hauptwache in Arrest gebracht wurde. Am andern Tage fand das Verhör

statt, Stülpner wurde mit dem Jägerburschen konfrontiert und auf die

Aeußerung des letzteren, in Stülpner denjenigen zu erkennen, der ihn

neulich so jämmerlich durchgebläut hätte, geschlossen und Neujahr 1784

in das Stabsquartier zu Chemnitz abgeliefert.

Zweiunddreißig Wochen saß hier Stülpner auf der Hauptwache in strenger

Verwahrung, während dieser Zeit zweiundzwanzig Mal verhört, ohne etwas

von dem ihm angeschuldigten Verbrechen zu gestehen. Selbst dann, als

man ihm Milderung seiner Strafe zusicherte, wenn er freiwillig die

Abnehmer seiner erlegten Beute, sowie seine Teilnehmer nennen würde,

konnte man kein Geständnis von ihm erlangen.

Im Laufe des Sommers wurde die ganze sächsische Armee in ein

Exerzierlager bei Mühlberg zusammengezogen. Auch das Regiment Prinz

Maximilian brach dahin auf und Stülpner, den man nicht eines groben

Verbrechens beschuldigte und darum nicht während der Zeit in der

Chemnitzer Frohnfeste zurücklassen wollte, wurde als Gefangener mit in

das Lager abgeführt.

Wohlbewacht und mit Ketten belastet folgte Stülpner auf einem Wagen

seinen fröhlichen Kameraden, die aufrichtig sein hartes Geschick

bedauerten. Nur die frische Luft, die er so lange entbehrt hatte

und die Hoffnung, während des Manövers Gelegenheit zu finden, seine

Freiheit durch die Flucht sich zu verschaffen, ließen ihn sein hartes

Los zeitweilig vergessen. Dazu wurde er während des Feldlagers von

einer schönen Handlung auf das freudigste überrascht.

Das gesamte Offizierkorps war bei einem fröhlichen Frühstück vereinigt

und man kam im Laufe des Gespräches auf Stülpners herbes Geschick

zu sprechen, wohl mancher unter ihnen mochte fühlen, daß er selbst

allerdings ohne Willen zu dieser beklagenswerten Wendung des Geschickes

unseres Gefangenen beigetragen habe. Sofort beschloß man, eine Sammlung

für ihn zu veranstalten, dieselbe ergab einen Betrag von 20 Thalern,

die Stülpnern augenblicklich eingehändigt wurden. Derselbe fand

vor Rührung kaum Worte um seinen Vorgesetzten für ihre hochherzige

Teilnahme zu danken.

Das Manöver war beendet, die Regimenter zogen wieder in ihre Garnisonen

und noch hatte Stülpner keine Gelegenheit gefunden, seine Fesseln zu

brechen.

Auf dem Marsche hielt das Regiment Prinz Maximilian in dem Dorfe

Simselwitz bei Döbeln einen Rasttag, es war gerade am Johannisfeste.

Stülpner hatte sich bei der Ankunft im Dorfe genau von der Lage

seines Gewahrsams orientiert, die Mannschaften waren zur Wachtparade

versammelt, der Gefangene ging unter dem Vorwand ein Bedürfnis zu

befriedigen mit der sorglosen Wache in den Hof und übersprang mit

festangezogener Kette die das Haus umgebende Mauer; ehe sich die Wache

von ihrem Erstaunen erholte, befand sich Stülpner schon außerhalb

der Schußweite. Eine Stunde weit eilte der Befreite so schnell er

nur konnte fort und verbarg sich in einem großen Gewände Korn, wo er

mit einer aus Vorsicht mitgenommenen Messergabel sich seiner Kette

entledigte.

Kaum war Stülpners Flucht bekannt, so wurde auch Alarm geblasen und

die Mannschaft aufgeboten, den Flüchtling wieder zu ergreifen. Ein

furchtbares Gewitter entlud sich und begünstigte Stülpners Flucht,

außerdem mag die Verfolgung nicht so eifrig betrieben worden sein, am

Ende gönnte wohl ein Jeder dem Flüchtigen seine Rettung.

Bis zum Einbruch der Nacht hielt sich Stülpner in seinem Versteck

verborgen, trat dann seine Heimreise an und gelangte nach drei

Tagen auf Umwegen in seine Heimat. Es war abends 10 Uhr, sein altes

Mütterchen saß im Sorgenstuhl, hatte das Gebetbuch aufgeschlagen und

las bei mattem Lampenschimmer den Abendsegen, gewiß hat sie in ihr

Gebet ihren unglücklichen Karl eingeschlossen. Da pocht es plötzlich

am Fensterladen, eine wohlbekannte Stimme ruft: »Mutter, macht auf!«

Das Gebetbuch entsinkt der Alten, schwankenden Schritts naht sie der

Hausthür, die flackernde Oellampe in der Hand. Sie öffnet, fährt

aber erschrocken wieder zurück, denn der langersehnte Sohn tritt mit

blutigem Gesicht und blutenden Händen in zerrissene Kleider gehüllt ihr

entgegen.

Aus Furcht entdeckt zu werden, hatte Stülpner die einsamsten Wege

gewählt, war auch in keiner menschlichen Wohnung eingekehrt, er

hatte während der Zeit sich von Feldfrüchten genährt. Nachdem er

seinen großen Hunger und Durst so gut als möglich gestillt, warf er

seine ermatteten Glieder auf die Ofenbank, um einige Stunden von den

Beschwerden seiner Flucht auszuruhen; doch kaum graute der Morgen, als

er sich wieder von seinem Lager erhob, seine Mutter weckte und ihr

die Hälfte von der für ihn gesammelten Kollekte einhändigte. Darauf

vertauschte er die abgerissenen und zerfetzten Ueberbleibsel seiner

Montur mit andern früher daselbst zurückgelassenen Zivilkleidern, und

trennte sich ohne seiner Mutter den Plan seiner nun zu beginnenden

Laufbahn mitzuteilen, jedoch mit der Bitte und dem Versprechen, daß sie

künftig nur unbesorgt um ihn sein solle, wo er auch weile, wolle er

nach Kräften für sie sorgen.

Vorläufig bot ihm Sachsen kein sicheres Asyl, er wanderte noch

denselben Tag nach Böhmen, wo er sich nach dem Dorfe Grünau, eine

Stunde unter Sebastiansberg, wandte und daselbst in dem an der

Landstraße befindlichen Gasthofe als Hausknecht verdingte.

Nach zweijähriger Thätigkeit kam er durch die Verwendung eines

Gutsbesitzers dieser Gegend, der sein gutes Schützentalent hatte kennen

lernen, nach Heinrichsgrün in die Dienste des Grafen von Nostiz, wo er

einem alten Förster als Forstadjunkt mit einem monatlichen Gehalt von 6

Thalern beigegeben wurde und daselbst drei Jahre unter treuer Erfüllung

der ihm auferlegten Pflichten verweilte. Einst kam Graf Weßlini aus

Ungarn zu Besuch; ihm zu Ehren wurden mehrere Jagden veranstaltet,

wobei der Gast den trefflichen Schützen Stülpner kennen lernte, er

gewann ihn lieb und wünschte ihn in seine Dienste zu nehmen, indem er

ihm das schöne Gehalt von 300 Gulden jährlich bot.

Stülpner zögerte nicht, von diesem vorteilhaften Anerbieten Gebrauch zu

machen und wanderte kurz darauf mit seinem neuen Herrn nach Ungarn, der

jenseit der Theiß bei der Stadt Debreczin seine Güter hatte.

Trotz des herrlichen Tokayers wollte es Stülpner in Ungarn nicht

behagen, er konnte sich mit der anderen Dienerschaft des Grafen nicht

gut vertragen, sie sah als Katholiken in ihm immer den Ketzer, was sich

Stülpner nicht gefallen ließ, und wenn er mit Worten seine Gegner nicht

mehr besänftigen konnte, dann zum Faustkampf seine Zuflucht nahm, wo es

dann gerade nicht zärtlich herging.

Nach Verlauf von 10 Monaten nahm er wieder seinen Abschied und wanderte

in die Welt hinaus. Zuerst begab er sich wieder über Wien nach Böhmen,

dann nach Bayern und Unterösterreich, bereiste darauf Tirol, wo er

in Innsbruck mit mehreren Grenzjägern zusammengeriet und in einer

derben Schlägerei zwar den Sieg davon trug, aber dafür 8 Tage lang als

Arrestant bei Wasser und Brot büßen mußte. Von Tirol wandte er sich

nach der Schweiz, von da über Baden und Hessen nach Hannover.

Als er in dem letzteren Lande bei der Stadt Osterode ein

Dragonerregiment exerzieren sah, welches sich vorzüglich durch seine

schönen Pferde und durch seine Uniformierung auszeichnete, so wurde er

durch den herrlichen Anblick und die schöne Haltung der dahinjagenden

Reiter so sehr bezaubert, daß er sich aus Liebe zu seinem früheren

Soldatenleben sogleich bei dem Regimentschef als Dragoner anwerben ließ.

Nachdem er daselbst zur Zufriedenheit seiner Oberen ein Jahr und vier

Monate als Dragoner gedient hatte, ließ ihm sein reger Geist auch hier

keine Ruhe und Rast mehr, er entfloh deshalb einst bei Nacht und Nebel

mit Pferd, Sattel und Zeug bis nach Hof, wo er sein Pferd mit allem

zusammen für 100 Thaler verkaufte und sich für einen Teil dieses daraus

gelösten Geldes wieder als schmucker Jäger umkleidete. Hierauf kehrte

er nach einer Abwesenheit von beinahe acht Jahren, in der Meinung, man

habe während dieser langen Zeit seine Desertion vergessen, wieder in

seine Heimat zurück.

Seine Mutter von drückendem Alter und so manchem Kummer und mancher

Sorge niedergebeugt, war nicht wenig überrascht, als sie plötzlich

in ihrer ärmlichen Wohnung ihren so lange vermißten Sohn als gut

gekleideten Jäger gesund und wohl eintreten sah, und ihr Gesicht wurde

noch weit mehr mit Freude überstrahlt, als ihr Karl die von seinem

verkauften Dragonerpferd noch ziemlich gefüllte Börse herauszog und ihr

10 blanke Kronthaler in die welke Hand drückte.

Obgleich Stülpner nur kurze Zeit und so verborgen als möglich in der

Behausung seiner Mutter verweilte, so wurde doch seine Anwesenheit

in Scharfenstein bekannt und verbreitete sich schnell in der

Umgegend. Die obrigkeitliche Behörde, die sogleich auch von seinem

Wiedererscheinen in Kenntnis gesetzt wurde, schien ihn ganz zu

ignorieren und duldete, so lange sie keine verdächtigte und unerlaubte

Handlung von ihm hörte, stillschweigend seine Gegenwart.

Stülpner blieb indessen nicht lange in seiner ungewohnten Unthätigkeit,

er suchte seine vertrauten und heimatlichen Waldungen wieder auf und

begann nun förmlich als Wildschütz zu leben. Er trieb sein unerlaubtes

Gewerbe bald so stark und dehnte es so weit aus, daß er in kurzer Zeit

folgende Reviere zu seinem Wirkungskreis erwählte: Zuerst besuchte er

die Marienberger, Steinbacher, Rübenauer, Reitzenhainer, Zöblitzer,

Huthaer, Porstendorfer, Leubsdorfer, St. Michaelser Reviere, von da

beging er den öderanischen Wald, dann die Plauener, Kleinolbersdorfer,

Augustusburger, Börnicher, Lengefelder und Zschopauer Reviere, dann

besuchte er den sogenannten Abtwald bei Gelenau, sowie die Thalheimer,

Stollberger und Geyerschen Forsten, und endlich versuchte er auch sein

Heil in Böhmen, indem er in den bedeutenden Rothenhäuser Waldungen

ebenfalls sein Wesen trieb; so daß er mit diesen 21 erwähnten Revieren

ziemlich das ganze Erzgebirge, sowie einen Teil von Böhmen als

Wildschütze durchstreifte.

Vertraut mit allen geheimen Schlupfwinkeln und Auswegen dieser Forsten,

erfahren im Auffinden der liebsten Aufenthaltsplätze und gewöhnlichen

Wechsel des Wildes, war es kein Wunder, daß sich Stülpner sowohl den

aufmerksamen Blicken der Forstbeamten immer glücklich entzog, als auch

als vortrefflich geübter Schütze so manchen Hirsch, so manches Reh und

Wildpret aller Gattung mit glücklichem Erfolg erlegte.

Bald war es übrigens kein Geheimnis mehr, daß sich Stülpner in den

Waldungen des Erzgebirges herumtreibe, denn teils gelang es ihm doch

nicht immer, sich verborgen genug zu halten, um von Landleuten und

Holzarbeitern ganz unbemerkt zu bleiben, teils schien er sich auch ganz

sicher zu glauben, da es nichts Seltenes war, ihm auf öffentlicher

Straße zu begegnen, und er sich öfters auf solchen Orten sehen ließ,

wo er bemerkt werden mußte. Obgleich es allgemein bekannt war, daß

Stülpners Lebensart keine erlaubte sei, so fanden doch die Bewohner

der Gegend keinen Beruf dazu, sich seiner Person zu versichern, er

säuberte ja ihre Saaten und Fluren von den Verwüstungen des Wildes, und

außerdem schützte er durch sein Umherstreifen gleichsam ihre Waldungen

und Feldfrüchte, indem er Gesindel, welches auf Raub der Feldfrüchte

ausging, nicht duldete. Bald war ein stillschweigender Vertrag

geschlossen, jedermann stellte sich, als ob er Stülpner gar nicht

bemerke und von seiner Existenz gar nicht unterrichtet wäre. Selten

und nur bei stürmischen Nächten besuchte er jetzt seine Mutter, welche

er dann immer von dem Ertrag des abgelieferten Wildpretes mit Geld

versah.

Die Mutter war anfangs von dem Treiben ihres Sohnes nicht unterrichtet,

da er sich in allen seinen Handlungen sehr verschwiegen gegen sie

zeigte, auch wich er allen ihren ängstlichen Fragen aus; doch mußte sie

im Laufe der Zeit aus dem heimlichen Wesen und unstäten Leben ihres

Karl auf sein unerlaubtes Gewerbe schließen, was ihr viel Kummer und

Sorge verursachte.

Als er daher einst wieder bei stürmischer und regnerischer Nacht bei

ihr eintrat und einiges Geld in ihre zitternde Hand drückte, konnte

sie den bisher unterdrückten stillen Kummer und die mütterliche

Besorgnis nicht länger mehr verbergen. Flehentlich bat sie ihn, von

seinem bisher geführten unerlaubten Gewerbe abzustehen und zu einem

erlaubten Nahrungszweig zu greifen, lieber wolle sie fernerhin von dem

kümmerlichen Lohne ihres Spinnrades als von dem auf ungerechte Art

erworbenen Gelde leben.

Karl hörte sie an, ergriff ihre von Thränen benetzte Hand und sagte:

»Mutter, noch nie habe ich mir bisher eine schlechte Handlung zu

Schulden kommen lassen, und nie wird und soll, sobald ich nicht

gewaltsam gereizt werde, eine solche von mir geschehen; ich habe noch

keinem Menschen Leid oder Schaden zugefügt, sondern im Gegenteil so

manchem, der von andern gedrückt und gemißhandelt wurde, beigestanden

und ihn davon befreit; zu meiner gegenwärtigen Lebensart bin ich

gleichsam gezwungen, da ich von der Heimat und der bürgerlichen

Gesellschaft ausgestoßen und verbannt wurde und mir der Weg, dahin

zurückzukehren, verschlossen ist. Deshalb erwählte ich das Gewerbe

eines Wildschützen, weil es mir, so streng es auch verboten ist,

durchaus nicht so widerrechtlich erscheint und ich das, was ich als

solcher thue, einst bei Gott und der Welt verantworten werde. -- Darum

beruhigt Euch, Mutter, und laßt mich ruhig meinen Weg, wohin er mich

auch führen mag und wird, ziehen.« Nach diesen Worten schied er wieder

von ihr und kehrte in seine vertrauten Forsten zurück.

Die Forstbeamten hatten am allerwenigsten Ursache mit diesem auf ihren

Revieren ungebetenen Gast zufrieden zu sein, doch da er bis jetzt noch

keine bedeutenden Jagdexzesse verübt hatte, so wurde ihm von diesen

auch immer noch nicht so ernstlich nachgestellt. Stülpner wurde nun

aber durch diese Nachsicht in seinen Unternehmungen noch mehr gestärkt,

immer dreister, und maßte sich ordentlich eine gewisse Autorität an,

vermöge welcher er diejenigen, die nach seinen Ansichten bedrückt

würden, in seinen Schutz nahm und vorzüglich dadurch bewirkte, daß man

aufmerksamer auf ihn ward und ihn ernstlich verfolgte.

So zeichnete sich Stülpner schon damals durch einige Handlungen aus,

die seine Kühnheit, seine Geistesgegenwart und Gefühl für Recht

herrlich charakterisieren, indem er oft ein Schutz der Bedrückten und

Verfolger von Dieben und Vagabonden wurde und selbst auch hartherzige

und unmenschliche Forstbedienstete bestrafte, wovon folgende

Begebenheit eine treue Schilderung liefert.

Als eines Tages ein armes Weib sich im Walde einiges dürres Leseholz

sammeln wollte, was auch an gewissen Tagen erlaubt war, kam der

Förster des Bezirks hinzu und forderte unter Androhung harter Strafe

mit ungestümen Worten ein Pfand. Unter lautem Wehklagen und Bitten

beteuerte das Weib ihre Armut und ihr Unvermögen, sein Verlangen zu

befriedigen. Doch der Förster, von Wut entbrannt, riß ihr mit Gewalt

den Korb vom Rücken und zertrat ihn fluchend und tobend in Stücke und

machte noch Miene, sich an der über diese Ungerechtigkeit nach Hilfe

schreienden Frau thätlich zu vergreifen.

Stülpner, der in einem nahen Dickicht Zeuge dieses Vorfalles gewesen

war, stand jetzt wie aus der Erde herausgewachsen mit gespannter Büchse

vor dieser Gruppe und rief mit donnernder Stimme:

»Wer giebt Ihnen, Herr Förster, das Recht, dieses arme, wehrlose Weib

so zu mißhandeln?«

Förster: »Und wer hat das Recht, mich hier wegen meiner Handlung und

der Ausübung meiner Pflicht zur Rede zu stellen?«

Stülpner: »Jeder rechtliche Mensch ist verpflichtet, Mißhandlungen

gegen alte, schwache Personen zu unterdrücken und die an ihnen

ausgeübten Schändlichkeiten zu bestrafen. Das, was Sie jetzt thaten,

war schlecht und ich würde mich an ihrer Stelle schämen, eine so alte

wehrlose Person, die noch dazu weiter gar nichts verbrochen hat, auf

ähnliche Art zu behandeln.« Der Förster, durch die kühne Sprache nur

noch mehr in Wut gebracht, entgegnete mit trotzig aufbrausender Stimme:

»Was soll das heißen und wer ist er?«

Stülpner: »Wer ich bin, wird sich hernach ausweisen. Doch jetzt

bezahlen Sie im Augenblick der armen Frau 10 Groschen für ihren

zertretenen Korb, wo -- nicht, so (eine Bewegung mit dem Gewehre nach

dem Förster machend), werde ich selber zahlen.«

Der Förster, durch diese drohenden Worte und Stellung eingeschüchtert,

sah wohl ein, daß er es mit einem unerschrockenen Gegner zu thun hatte,

zog, im innern vor Furcht und Zorn glühend, mit zitternder Hand, immer

nach der Mündung des Gewehres schielend, seinen Beutel und zahlte

die billige Forderung von 10 Groschen, die Worte leise hinzufügend:

»Wahrlich, das ist zu toll und mir noch nie vorgekommen.«

Stülpner, den Hahn in Ruhe lassend, rief dem vor Wut und Scham

davonschleichenden Förster nach: »Herr Förster, Sie wollten gern

wissen, wer ich sei? Ich bin Stülpner, vor welchem Sie sich künftig in

Acht nehmen mögen, denn würde er Sie nochmals auf ähnlicher Art wie

heute treffen, so möchten Sie dann wohl nicht mehr so leichten Kaufs

davon kommen, -- und nun Gott befohlen.« Stülpner verschwand hierauf

wieder im Dickicht; fluchend und tobend eilte der Förster, froh dankend

das arme überraschte Weib nach Hause.

Auf seinen Streifzügen hatte Stülpner in den nahen Grenzwaldungen

mehrere Genossen kennen gelernt, mit welchen er hinsichtlich seines

Gewerbes zwar gemeinschaftliche Sache machte, aber wegen seiner

Gewandtheit, Körperstärke und praktischem Ueberblick immer eine gewisse

Autorität über sie sich vorbehielt. Mit diesen wagte er sich oft in die

Nähe von Ortschaften, wo er leicht bemerkt werden konnte.

Stülpner befand sich eines Morgens mit zwei solcher Kameraden auf einer

steilen Anhöhe in der Nähe eines Dorfes und hatte sich mit diesen

bei einem Feuer gelagert, um ein frugales Frühstück einzunehmen.

Eine Gerichtsperson des Dorfes, welche sie bemerkt hatte, machte nun

schnell Lärm, es ließen sich verdächtige Männer sehen. Sogleich machten

sich sämtliche Gerichtspersonen und eine beträchtliche Anzahl der

Dorfbewohner auf den Weg, um mit alten Flinten, Säbeln, Heugabeln,

Dreschflegeln, etc. so gut als möglich bewaffnet, die Verdächtigen

aufzuheben. Stülpner, der mit seinen Genossen dieses kampflustige Heer

den steilen Fußsteig heranklimmen sieht, schlägt erst ruhig Feuer an

und setzt seine Pfeife in Brand. Hierauf erhebt er sich mit seinen

Kameraden, als die Anstürmenden ungefähr noch hundert Schritte von ihm

entfernt sind, und nimmt die Büchse vor. Kleiner und zögernder wurden

jetzt die Schritte der feindlichen Dorfbewohner, als sie ihre Feinde

so furchtlos und gerüstet vor sich sahen; doch als plötzlich die drei

Wildschützen wie kommandiert neben einander standen, die Hähne spannten

und anschlugen, da ergriff die ganze Heldenschaar ein solch panischer

Schrecken, daß alle unter dem schallenden Gelächter der Raubschützen,

ohne Ansehen der Person, über und unter einander die steile Höhe

hinunterpurzelten und die Flucht ergriffen. Stülpner schritt hierauf,

ohne die Fliehenden noch eines Blickes zu würdigen, mit seinen

Kameraden langsam dem nahen Forste zu.

Öfter hatten Reisende Gelegenheit, Stülpnern zu begegnen, der nicht

die geringste Scheu äußerte, freundlich und höflich grüßte und mit

manchem sogar ein Gespräch anknüpfte. So traf er einst unterwegs im

Winter mit Pferd und Schlitten einen Rechtsgelehrten, der, Stülpnern

für einen Jäger haltend, ihn ersuchte, hinten mit aufzutreten, um

so sein Reiseziel schneller zu erreichen. Er trat auf und knüpfte

zutraulich mit ihm ein Gespräch an. Der Rechtsgelehrte kam auch auf

Stülpnern zu sprechen, der in der dasigen Gegend hausen solle. Drollig

genug erzählte Stülpner von sich selbst, doch mitten im Forste empfahl

er sich plötzlich, dankte und rief seinem Reisegefährten nach: »Sie

haben jetzt selber mit Stülpnern gesprochen; leben Sie wohl.« Darauf

verschwand er im nächsten Gebüsch.

Durch diese und andere ähnliche kühne Unternehmungen war es kein

Wunder, daß Stülpner bald zum allgemeinen Gespräch der Umgegend wurde.

Niemand verheimlichte es, ihn gesehen zu haben und niemand erschrak

mehr, wenn er ihm unvermutet begegnete, da man immer mehr sich

überzeugte, daß Stülpner kein gefährlicher, böser Mensch sei. Aber

ebenso konnte es nicht fehlen, daß durch seine kühnen Streiche und

immer mehr um sich greifenden Wilddiebereien die Polizeibehörde durch

die sich häufenden Anzeigen der aufgebrachten Forstbediensteten nicht

nur aufmerksamer auf ihn wurde, sondern selbst ernstliche Anstalten

traf, ihn aufzuheben und in ihre Gewalt zu bekommen.

Diese ernstlich getroffenen Maßregeln blieben Stülpnern nicht

unbekannt; er verließ deshalb seine erzgebirgischen waldigen

Behausungen, um seinen ihn immer mehr umlauernden Verfolgern einige

Ruhe zu gönnen, und wanderte wieder mit einer gut gefüllten Börse

nach Bayern. Als er sich in der Gegend von Bayreuth einige Zeit

herumgetrieben hatte, trat er, versehen mit den von seinen früheren

Herrschaften erhaltenen Zeugnissen, wieder als Revierjäger in die

Dienste eines Herrn von Reitzenstein auf Kunersreuth mit einem

monatlichen Gehalt von 7 Thalern und verblieb daselbst, ohne daß sich

unterdessen etwas Besonderes für ihn zutrug, beinahe 2 Jahre. Von hier

kam er ebenfalls wieder als Revierjäger in die Dienste eines Herrn von

Plötz auf Zedtwitz in der Gegend von Hof, wo er 14 Monate aushielt,

dann, von seinem unruhigen Geiste fortgetrieben, wieder sein Bündel

schnallte und abermals nach Bayreuth wanderte.

Der Markgraf Karl Alexander hatte gerade zu dieser Zeit Ansbach und

Bayreuth an Preußen abgetreten; es hielten sich in dem Ländchen eine

Menge preußischer Werber auf, um junge, kräftige Leute in ihr Garn zu

locken. Stülpner, der in den Schänken und anderen öffentlichen Orten

häufig mit diesen Werbern zusammenkam, ward als ein so schlanker,

kräftiger Jäger bald der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit. Beim

Bierkrug traf Stülpner wiederum mit einem solchen Werber zusammen und

sogleich machte letzterer Anstalt, ihn unter dem Versprechen eines

schönen Handgeldes zum preußischen Soldaten anzuwerben. Stülpner blieb

standhaft; der Werber versuchte nun mit Gewalt ihn zum Dienst zu

zwingen, es entstand ein heftiger Streit und Stülpner schlug mit seinem

Hirschfänger so lange auf den brutalen Preußen, der nun ebenfalls

seinen Degen gezogen hatte, los, bis letzterer in Stücke zersprang.

Hierdurch entwaffnet, riß Stülpner, ehe der Werber weiter auf ihn

eindringen konnte, im Augenblick zwei Stuhlbeine heraus, mit welchen

er nun aufs Neue auf seinen Gegner eindrang, ihm die Klinge aus der

Hand schlug und so lange auf den wehrlosen Preußen loskeilte, bis

zuletzt an ein Aufkommen desselben nicht mehr zu denken war. Durch den

entstandenen Lärm kamen die anderen preußischen Werber ihrem Kameraden

zu Hilfe, Stülpner mußte endlich der Uebermacht weichen und sich

gefangen geben.

Unter den Offizieren seines Regiments fand Stülpner vorzüglich

an dem Hauptmann von Hopfgarten, auch ein Sachse von Geburt und

leidenschaftlicher Jäger, einen Freund und Gönner, von welchem er

vorzüglich in finanzieller Hinsicht so manche Wohlthat genoß.

Nachdem Stülpner in Spandau, ohne daß sich außer seiner mißlungenen

Flucht weiter etwas Wichtiges ereignete, gegen zwei Jahre als Musketier

gestanden, trat plötzlich eine Katastrophe ein, die ihn unvermutet aus

den längst verwünschten Mauern seiner Garnison hinaus auf blutigen

Kampfplatz führte und ihn unter vielen sturmbewegten Tagen so manche

kriegerische Abenteuer bestehen ließ.

Die französische Revolution war ausgebrochen; sie hatte das Königstum

hinweggefegt und eine Republik an dessen Stelle gesetzt. Oesterreich

und Preußen erklärten der Republik den Krieg, infolgedessen auch

Stülpners Regiment Prinz Heinrich seine Garnison verließ, um dem

nach Frankreich ziehenden Heere zu folgen. Dem Herzog Ferdinand von

Braunschweig war der Oberbefehl über sämtliche Truppen übertragen

worden. Nach der Einnahme von Verdun geschah ein Ereignis, wodurch

Stülpner persönlich mit dem Herzog von Braunschweig in Berührung kam.

Schon seit einiger Zeit hatte man von preußischer Seite eine Menge

Mannschaften vermißt, ohne bisher auf den Grund und die Spur ihres

Verschwindens gekommen zu sein. Als Stülpner eines Morgens in der

Gegend von Grandprée, wo damals das Hauptlager der Preußen sich

befand, mit noch fünf anderen Kameraden nach dem zunächst gelegenen

Dorfe vom Hunger getrieben auf Plünderung ausging, trat er mit diesen

in einen großen Bauernhof ein, wo er außer einer schon bejahrten

Frau weiter niemand antraf. Diese erriet sogleich die Absicht der

hereinstürmenden sechs Preußen und gab ihnen, so gut es eben ging,

zu verstehen, daß bei ihr nichts mehr zu haben sei, da alles schon

gewaltsam nach dem preußischen Lager abgeführt wäre.

Stülpner ließ sich nicht zurückschrecken und durchsuchte mit seinen

Genossen das ganze Haus. Als er bei dieser Visitation auch in den Stall

trat, fand er diesen zwar leer, doch an der Mauer desselben erblickte

er einen großen Haufen Dünger, was ihm verdächtig vorkam. Sogleich ward

mit Hilfe der Kameraden der Haufe entfernt und dahinter eine zweite

Thür entdeckt, die zu einem Keller führte. Als auch diese mit Gewalt

geöffnet war, drangen sie in eine unterirdische Vertiefung und fanden

hier, zu ihrem größten Schrecken, zwanzig halb im Sande verscharrte

Preußen, die noch gräßliche Spuren von Verwundungen an sich trugen

und nur durch die um sie hängenden Fetzen von der Uniform als solche

erkannt werden konnten.

Sogleich eilte Stülpner mit seinen Begleitern in die Wohnstube zurück,

um die erwähnte Frau wegen der ermordeten Preußen zur Rede zu stellen;

doch ob er gleich nochmals das ganze Haus durchsuchte, fand er weder

diese noch eine andere menschliche Seele. Er trat, nachdem er noch,

um seinen und der Kameraden Hunger zu stillen, einige Viktualien

aufgefunden, wieder den Rückzug ins Lager an.

Hier angekommen, ging Stülpner sogleich zu seinem Hauptmann, um ihn

von den zwanzig ermordet aufgefundenen Preußen zu benachrichtigen und

dadurch gleichsam das Rätsel der immer mehr verschwindenden Leute zu

lösen. Der Hauptmann teilte die Nachricht seinem Regimentschef und

dieser dem soeben anwesenden Herzog mit.

Nach Verlauf einiger Stunden wurde Stülpner selbst zum Herzog beordert,

um seine Aussage zu wiederholen. Ruhig und stolz seinem großen und

allverehrten General persönlich sein Abenteuer mitteilen zu können,

folgte er der ihn nach dem herzoglichen Zelte führenden Ordonnanz.

Nachdem er hier durch einen Adjutanten dem Fürsten gemeldet, ward er

sogleich zu ihm hineingeführt und fand denselben bei seinem Eintritt

daselbst auf einem alten Feldstuhl sitzend mit einer Menge Landkarten

beschäftigt. -- Als ihn der Herzog bemerkte, winkte er ihm, näher zu

treten, und nachdem er zuerst Stülpnern nach seinem Namen, Vaterland

und Dienstzeit gefragt, mußte er über die zwanzig von ihm aufgefundenen

Preußen Rapport erstatten.

Nachdem er die ersten Fragen des Herzogs kurz und bündig beantwortet

hatte, referierte er mit aller Ruhe und der ihm angeborenen dreisten

Offenheit, doch ohne dabei den Anstand zu verletzen, den ganzen Hergang

der Sache, und schien eben durch seine Gewandtheit und Offenheit dem

aufmerksam zuhörenden Fürsten gefallen zu haben, denn als Stülpner

geendet hatte, entließ er ihn mit den Worten: »Es ist gut, mein

Sohn; hier (ihm einen Dukaten in die Hand drückend), trink auf meine

Gesundheit dafür.«

Stülpner säumte nicht, seinen funkelnden Kremenzer dem Wunsche des

Herzogs gemäß anzuwenden, lud jedoch auch seine fünf Kameraden dazu ein.

Noch an demselben Tage wurde ein Kommando von hundert Mann mit einigen

Wagen nach dem von Stülpnern bezeichneten Dorfe abgesendet, um die

ermordeten Preußen herbeizuschaffen. Daselbst angelangt, luden sie ihre

unglücklichen Waffenbrüder auf und kehrten in das Lager zurück, den

Kameraden ein ehrliches Begräbnis zu bereiten.

Tags darauf ließ der Herzog, um für die Zukunft ein exemplarisches

Beispiel zu geben, ein Korps von 2000 Mann und einer Batterie

ausrücken und das ganze Dorf umzingeln, welches, nachdem erst eine

Menge Pechkränze hineingeworfen waren, so eingeäschert wurde, daß

nach Verlauf von vier Stunden das ganze Dorf in einen Schutthaufen

verwandelt war, und alles, Menschen und Tiere, die sich nicht zuvor

gerettet hatten, einen fürchterlichen Tod fanden.

Der unglückliche Ausgang des Feldzuges ist dem freundlichen Leser

bekannt, das Heer wurde durch Krankheiten aufgerieben; Stülpner hatte

es nur seiner kräftigen Natur zu verdanken, von den überhandnehmenden

Seuchen verschont zu bleiben. Da die Lage der Truppen mit jedem Tage

kritischer wurde und er dieses Leben schon längst zum Ueberdruß hatte,

so beschloß er, bei der ersten besten Gelegenheit zu desertieren und

seine heimatlichen, friedlichen Forsten im Erzgebirge, nach welchen er

sich schon längst zurückgewünscht hatte, wieder aufzusuchen.

Schon früher hatte er sich zu diesem Behufe einen Paß zu verschaffen

gewußt, worin er als ein nach der Heimat zurückkehrender preußischer

Invalide signalisiert war. Als Stülpner einst bei Weißenburg, wo damals

die preußische Armee gegen Pichegru stand, an einem düstern, nebligen

Wintertage auf den äußersten Vorposten als Feldwache ganz allein zu

stehen kam, glaubte er, hier von keiner Seele so leicht bemerkt, am

sichersten seine Flucht ergreifen zu können.

Nachdem er sich daselbst so viel wie möglich von der Lage der Gegend

orientiert hatte, desertierte er hier von seinem Posten und flüchtete

sich in einen unfern gelegenen Wald, wo er Flinte, Seitengewehr und

Patronentasche wegwarf und dann, da es schon Nacht geworden, unter

einer Felsengrotte ein Obdach fand. Beim Grauen des Morgens setzte

er seine Flucht über den Rhein nach Rheinbayern zu fort. Seine ganze

Barschaft bestand aus drei Kreuzern, mit welchen er wohl nicht weit

gekommen sein würde, wenn er nicht folgende kluge Maßregel zur

Fortsetzung seiner Flucht getroffen hätte.

Stülpner kehrte nämlich meistenteils in Klöstern, auf Rittergütern

und auch oft bei Landgeistlichen ein, wo er nach Angabe seines Passes

als ein aus dem Felde heimkehrender Invalide überall mit Speise und

Trank reichlich versorgt wurde. Von Rheinbayern nahm Stülpner seine

Marschroute nach Hessen-Darmstadt, von da über Frankfurt a. M. nach

Fulda, wo er bei einem reichen Bürger, dessen Sohn in der Schlacht bei

Pirmasens geblieben war, 14 Tage verweilen mußte und daselbst herrlich

verpflegt, außer Geld noch mit Kleidungsstücken reichlich beschenkt

wurde. Von Fulda wanderte Stülpner über Eisenach, Gotha, Weimar nach

Jena, wo er einen Bruder des früher erwähnten Hauptmanns von Hopfgarten

traf, der in Jena studierte, bei welchem er 4 Tage verweilte und mit

den Studenten daselbst um die Wette zechte. Von Jena setzte Stülpner

über Gera, Altenburg nach Chemnitz seine Reise fort, wo er ungescheut

seinen früheren Gönner, den unterdessen zum Major avancierten Herrn

von Gundermann besuchte, von diesem wieder reichlich beschenkt wurde,

und nun, nach einer abermaligen Abwesenheit von beinahe sieben Jahren,

gerade zu den Osterfeiertagen 1794 in Scharfenstein wieder anlangte.

Seit dem Ausmarsch der Verbündeten nach Frankreich hatte Stülpners

Mutter keine Nachricht von ihrem Sohne erhalten; sie betrauerte ihn

schon längst als tot und hatte sich unterdessen genötigt gesehen, ihr

Häuschen zu verkaufen. Stülpner fand sie daher bei seiner Ankunft in

dem engen Hinterstübchen, das sie sich als Ausgeding vorbehalten hatte.

Als sie ihn jetzt unerwartet eintreten sah, war sie vor Furcht und

Schrecken nicht vermögend, ein Wort hervorzubringen; sie fürchtete,

ein unglückliches Ereignis könnte ihn wieder herbeigeführt haben.

Doch beruhigte sie Stülpner bald wieder, teilte ihr seine glücklich

überstandenen Schicksale und seine Flucht mit, und gab ihr von dem

gesammelten Gelde acht Thaler.

In Scharfenstein und der Umgegend erregte Stülpners plötzliches

Wiedersehen großes Aufsehen; man hatte ihn ebenfalls für tot gehalten.

Er zeigte sich an öffentlichen Orten; Jung und Alt versammelte sich

um ihn und hörte ihm gern zu, wenn er von seinen überstandenen

Abenteuern erzählte. Die Behörden und Forstbediensteten waren natürlich

auch gleich von Stülpners Rückkehr unterrichtet; sie duldeten

stillschweigend seine Anwesenheit, da sie hofften, daß er nunmehr zu

einem erlaubten Broterwerb greifen würde; doch hatten diese Herren sich

abermals gewaltig getäuscht. Denn Stülpner, welchem einmal das frühere

wilde und zwanglose Leben zur zweiten Natur geworden war, konnte und

mochte sich auch jetzt nicht, da er weiter keine Profession gelernt

hatte und als Tagelöhner nicht arbeiten wollte, von seinem früher

geführten Leben als Wildschütz losreißen. Er besuchte kurz nach seiner

Rückkehr nach Scharfenstein, nachdem er sich wieder mit gutem Gewehr

versehen und sich als Jäger umgekleidet hatte, seine alten vertrauten

Forsten wie vorher und lebte nun ganz als Wildschütz, da er königliche

und herrschaftliche Reviere durchstrich und alles Wild, was ihm vorkam,

niederschoß.

Es hatte sich bald überall das Gerücht verbreitet, daß Stülpner

wieder die Umgegend seiner Heimat zum Schauplatze seines kühnen

Treibens gemacht habe, daß er sich ohne Scheu an öffentlichen Orten

zeige, im Wirtshause seinen Krug Bier und seinen Schnaps ganz sorglos

trinke, doch ohne seine stets scharfgeladene Büchse sowie seinen

scharfgeschliffenen Hirschfänger abzulegen. Auch hatte er sich bald

wieder einige Genossen zugesellt, mit welchen er gemeinschaftlich sein

Wesen trieb, über die er sich stets jedoch eine gewisse Obergewalt

vorbehielt.

Da vorzüglich in dieser Periode Stülpners die merkwürdigsten Scenen

sich ereigneten, die seine Kühnheit, Geistesgegenwart, Festigkeit

und seinen originellen Charakter so recht hervorheben, werden hier

dieselben folgen, wie sie der Wahrheit getreu sich mit ihm zugetragen

haben.

Als an einem schönen Oktoberabend der Oberförster in der Gegend des

Fürstenberges schon spät sein ansehnliches Revier durchstrich, um

auf einen Hirsch zu kommen, hörte er in einer ziemlichen Entfernung

einen Schuß fallen. Sogleich eilte der Oberförster nach der Gegend,

wo geschossen worden war, um zu sehen, was es gäbe. Nach einigem

Hin- und Herirren tritt er endlich aus einem jungen Fichtendickicht

auf einen freien Platz und erstaunt nicht wenig, als er hier unter

einer schattigen Tanne den soeben geschossenen und schon verendeten

Hirsch liegen und daneben auf einem abgehauenen Stamme Stülpnern, die

Doppelbüchse an die Tanne gelehnt, von zwei großen Jagdhunden umgeben,

sitzen sieht.

Der Oberförster, der anfänglich stutzte und näher zu treten zögerte,

schritt hierauf auf Stülpnern zu und bot ihm einen guten Abend. Ohne

irgend ein Zeichen von Furcht und Ueberraschung zu verraten, blieb

Stülpner ruhig sitzen, dankte höflich und versicherte, daß es ihm leid

thue, dem Herrn Oberförster einen vergeblichen Gang gemacht zu haben,

da der Hirsch, nach welchem er vermutlich ausgegangen wäre, schon

von ihm hier erlegt worden sei. Der Oberförster äußerte hierauf sein

Erstaunen über diese Dreistigkeit und fing an unwillig zu werden. Doch

Stülpner bat ihn, sich zu beruhigen, da es doch nun einmal nicht zu

ändern sei. Hierauf setzte er noch hinzu: »Wollen Sie nicht umsonst

gegangen sein, so will ich Ihnen dort unten an der Ecke einen Stand

anweisen, wo sie in kurzer Zeit zum Schuß kommen werden.« »So,«

erwiderte hierauf gleichgiltig der Oberförster; »doch wie wäre es denn

(langsam nach Stülpners Büchse langend, die an der Tanne lehnte), wenn

ich mir diese Büchse hier ausbäte?« Stülpner: »Sie steht Ihnen zu

Diensten, denn sehen Sie, dort habe ich noch zwei andere, die eben so

gut und sicher, wie die hier, treffen.«

Als der Oberförster nach der Gegend hinsah, die ihm Stülpner bezeichnet

hatte, erblickte er hinter einigen jungen Fichten noch zwei andere

Wildschützen, die sich mit den auf ihn angelegten Büchsen erhoben

hatten.

Verblüfft und ohne ein Wort zu sagen legte er die Büchse wieder an

ihren Ort und machte Miene, sich zu entfernen. Stülpner aber erbat

sich, unter dem Vorwande seinen Schwamm verloren zu haben, noch ein

wenig Tabakfeuer aus und belustigte sich herzlich über die ängstlichen

Gesichtszüge, die der Oberförster bei dem Anschlagen machte, indem es

ihm, da er immer nach den drohenden Mündungen schielte, nicht gelingen

wollte. Als es endlich brannte, bedankte sich Stülpner höflichst und

setzte hinzu: »Ich stehe ein andermal wieder zu Diensten.« -- Der

gute Oberförster mahnte Stülpnern, nur nicht zu fleißig zu sein und

entfernte sich so schnell als möglich, ihm eine gute Nacht wünschend,

was Stülpner freundlich erwiderte.

Einst war der Bursche eines andern Försters auf den Anstand gegangen,

und da es noch sehr zeitig war, hatte er sich unterdessen unter eine

Tanne gesetzt und war eingeschlafen. Einige Zeit darauf fühlte er

sich auf einmal etwas derb gerüttelt und erwachte. Da stand Stülpner

mit gespannter Büchse vor ihm und begrüßte den Erstaunten mit einem:

»Guten Morgen, Kamerad!« welches dieser mit einem ängstlichen Gegengruß

erwiderte. Hierauf sprach Stülpner zu ihm: »Du hast einen guten Anstand

gewählt, Kamerad, hättest aber bald die Zeit verschlafen. Hier wechselt

ein Spießer und ich muß einen liefern; Du wirst also so gut sein und

mit mir den Platz wechseln. Stelle Dich bei der dürren Fichte unten am

Bache an, wo Du nicht vergeblich warten wirst. Ich habe deshalb heute

meinen Kameraden dort nicht postiert, weil ich Dich schadlos halten

möchte; wenn Du einmal Lieferung hast, so stehe ich dann gern wieder zu

Diensten.«

Was wollte der arme Teufel machen? -- Er stellte sich auf den

bezeichneten Ort, that einen glücklichen Schuß und Stülpner bekam

seinen Spießer.

Als kurze Zeit darauf Stülpner sein Zöblitzer Revier beging, bemerkte

er von seinem Anstande aus quer über drei Bauergütern einen Hirsch, er

legte an, brannte los und der Hirsch brach zusammen. Hierauf, seine

Büchse über die Schulter werfend, setzte Stülpner durch ein Gewände

Getreide, um ihm beizukommen, und nachdem er ihn gefunden, kniete er

auf den Hirsch, um ihn zu genickfängen, kann aber seinen Genickfänger

nicht sogleich finden. Der Hirsch, der unterdessen zu verenden

scheint, springt auf einmal auf und nimmt Stülpner, der noch darauf

saß, gegen 1200 Schritte über das freie Feld mit. Stülpner, der von

weitem sieht, über welchen tiefen Abhang die Reise gehen soll, versucht

herunter zu kommen, sprengt aber bei dem Herunterspringen eine Stange

von dem Geweih des Hirsches ab, an welcher er sich während dieses

Parforcerittes angehalten hatte, und so entkam der Hirsch, ohne daß

Stülpner eine zweite Ladung nachsenden konnte.

Vier Wochen darauf erblickte Stülpner auf Zschopauer Revier den

Hirsch, welcher ihn abgesattelt hatte, in Gesellschaft von noch fünf

andern wieder, da er ihn sogleich an der noch herabhängenden Stange

seines Geweihes erkannte; doch da er unter den fünf übrigen einen

Achtzehnender gewahrte, so nimmt er diesen aufs Korn, erlegt ihn

glücklich und läßt den andern freien Lauf.

Zur Winterszeit schoß er in der Nähe der sogenannten Rätzer-Bretmühle

bei Marienberg ein Tier. Nachdem er dasselbe mit zwei seiner Kameraden

zerwirkt und in Säcke gepackt, will er sich mit diesen auf den Weg

nach der böhmischen Grenze begeben. Als er so schwer belastet mit

seinen Genossen die Reise antrat, kamen ihm plötzlich sieben Jäger

in den Weg, welche auf Hoflieferung ausgegangen und deshalb alle gut

bewaffnet waren. Sogleich wollten diese, Stülpner erkennend, Jagd

auf ihn machen, um ihn in ihre Gewalt zu bekommen. Stülpner, den

diese Kühnheit verdroß, legte jetzt seine Bürde bei Seite, trat mit

angelegter scharfgeladener Büchse vor und rief mit donnernder Stimme:

»Halt! was wollt Ihr hier?« worauf ein Grenzschütze, namens Liebeskind,

antwortete: »Wir glaubten, es wären Holzdiebe im Forste.« Der älteste

Revierbursche Müller sagte hierauf, daß er sie für Pascher gehalten

hätte, worauf Stülpner erwiderte: »Also Ihr seid Tabaksbüttel? Ich bin

weder Pascher, noch Holzdieb, habe weder Kaffee, noch Zucker, noch

Holz aufgeladen, sondern Wildpret, was Euch, da Ihr Tabaksbüttel seid,

nichts angeht.«

Hierauf machte Stülpner, während seine anderen Kameraden schußfertig

dastanden, die sämtlichen sieben Jäger gewehrlos, nahm ihre Gewehre

alle auf die Schulter und lud ihnen dann das in Säcke gepackte Wildpret

auf, welches er sie nun bis an die böhmische Grenze zu tragen nötigte.

Die sieben Jäger, worunter sich freilich einige alte, kraftlose

Burschen befanden, folgten wirklich, durch Stülpners und seiner

Genossen drohende Stellung eingeschüchtert, seinem Befehle.

Als sie an Ort und Stelle angekommen waren, gab ihnen Stülpner, ohne

jedoch die Steine davon abzuschrauben oder das Pulver aus der Pfanne zu

schütten, ihre Kugelbüchsen zurück, ließ sie für ihre gehabte Bemühung

aus seiner stets gut gefüllten Korbflasche einige kräftige Züge thun

und entfernte sich von ihnen unter herzlichem Dank und Lebewohl.

In dem im Jahre 1835 erschienenen Buche von Schönberg heißt es hierzu:

Nach Stülpners Angabe sollen gegenwärtig von den sieben oben erwähnten

Jägern noch zwei am Leben sein, nämlich der Amtskopist K. in W. und der

als Volontär gehende Jäger M. in D.

Durch diese und andere dergleichen tollkühne Unternehmungen war es

kein Wunder, daß Stülpner damals fast überall in der Umgegend der

Gegenstand des allgemeinen Tagesgesprächs, namentlich in der Schänke

beim Bierkruge wurde. Doch fiel nicht etwa das Urteil der großen Menge

für ihn ungünstig aus, im Gegenteil that man sich darauf etwas zu gute,

ihn gesehen oder gesprochen zu haben, woraus gar kein Geheimnis gemacht

wurde. Noch weniger erschrak man bei einem unvermuteten Zusammentreffen

mit ihm, da man immer mehr zu der Ueberzeugung gelangte, daß Stülpner

durchaus kein gefährlicher oder bösartiger Mensch sei, da er, außer

seinem verbotenen Gewerbe als Wildschütz, sich nie etwas zu schulden

kommen ließ, was ihn in den Augen seiner Mitmenschen hätte verdächtig

machen können.

Stülpner ging stets nett und jägermäßig gekleidet und benahm sich

immer mit einem solchen Anstand, daß er schon dadurch die allgemeine

Aufmerksamkeit auf sich zog. Ungescheut besuchte er die an der

Landstraße gelegenen Wirtshäuser, wo er im Tone alter Bekanntschaft

ein Gläschen forderte, seine Korbflasche behaglich aus der Jagdtasche

langte, sie füllen ließ, seine Pfeife anbrannte, sich nicht selten in

das Gespräch der anwesenden Gäste mischte und so zuletzt unter einem

traulichen Adieu sich wieder in die zunächst liegenden Forsten verlor.

Doch geschah alles dieses ohne seine Büchse und den Hirschfänger

abzulegen.

Kein Wunder war es aber auch, daß Stülpner wegen seiner tollen

Streiche, die er vorzüglich in Bezug auf die Forstbeamten ausübte,

durch deren immer sich mehrende Anzeigen ernstlich verfolgt und von

seiten der Obrigkeit alles aufgeboten wurde, um ihn aufzugreifen und

in Gewahrsam zu bringen. Es erschienen jetzt Reskripte und Befehle in

Menge, die seine Aufhebung anbefohlen; man durchstreifte mit Aufbietung

ganzer Dorfschaften diejenigen Wälder, wo man glaubte, daß er sein

Wesen treibe und traf alle möglichen Anstalten, um seiner habhaft zu

werden.

Stülpner, mit allen Schlupfwinkeln genau bekannt und von seinen

Bekannten und Anhängern oft vor der ihm drohenden Gefahr gewarnt,

entging nicht nur bisher glücklich den Verfolgungen seiner ihm immer

mehr nachstrebenden Feinde, sondern wurde gleichsam, denselben Trotz

bietend, in seinen Handlungen nur noch kühner und unternehmender, sodaß

sich die Regierung endlich genötigt sah, da alle bisher getroffenen

Anstalten, Stülpnern in die Gewalt zu bekommen, vergebens waren, noch

kräftigere Maßregeln zu ergreifen, um einem solchen Unwesen ein Ende zu

machen.

Karl Stülpners Signalement wurde daher vom Kopf bis zum Fuß in allen

öffentlichen Blättern bekannt gemacht und er sowohl in diesen, als in

den gerichtlich angeschlagenen Aufforderungen für vogelfrei erklärt und

demjenigen, der ihn lebendig, ein Preis von 80 Thalern, und wer ihn tot

an die Obrigkeit ausliefern würde, 50 Thaler zugesichert.

Alle Forst- und Polizeibehörden wurden zu seiner Verhaftung

aufgefordert, ja selbst das Militär sollte nötigenfalls dazu requiriert

werden. Doch trotz diesen geschärften Befehlen und getroffenen

Maßregeln hatte es doch lange Zeit das Ansehen, als ob dieselben nicht

mit der gehörigen Gewissenhaftigkeit befolgt würden. Denn obgleich

manchen nach dem Preis gelüsten mochte, so schien doch ein solches

Unternehmen, ihn anzugreifen, immer als ein sehr gewagtes, da alle nur

zu gut wußten, daß, ehe sich Stülpner gefangen geben würde, er alles

und selbst sein Leben aufs Spiel setzen und aufopfern werde, und daher

schon seine überall bekannte Körperstärke, seine Unerschrockenheit und

Gewandtheit, sein sicheres Treffen im Schießen jeden zurückschreckte,

einen ernsten Angriff auf ihn zu machen. Es blieb daher, ungeachtet

des streng ergangenen Befehles, beim Alten, indem Stülpner zwar etwas

vorsichtiger zu Werke ging, aber keineswegs von seiner Lebensweise als

Wildschütz sich lossagte.

Der Ruf von Stülpners Tollkühnheit hatte auf viele einen solchen

furchterregenden Eindruck gemacht, daß auch diejenigen, welche sich

wirklich erfrechten, mit vereinigter Macht auf ihn Jagd zu machen,

schon bei seinem Erscheinen auf dem Kampfplatze wie Spreu auseinander

stoben und das Hasenpanier ergriffen, wovon folgende Szene ein treues

Bild liefert.

Die Freischützen aus dem Städtchen W. hatten gehört, daß Stülpner in

ihrer Nähe sein Wesen treibe; um sich einen unsterblichen Ruhm durch

sein Aufgreifen zu erwerben, hatten sie sich erkühnt, ~in pleno~ gegen

ihn auszurücken, mit dem festen Entschluß, ihn entweder tot oder

lebendig in ihre Gewalt zu bringen. Sie langten wirklich in der Gegend,

wo sich Stülpner damals aufhielt, an, nämlich in dem Forste unweit der

Zschopau, die seit einigen Tagen durch Regenwetter sehr angeschwollen

war. Der Anführer dieser Heldenschaar war ein kleiner Schneider, der

sich vorzüglich, um seinen Leuten Mut einzuflößen, durch sein mutiges

Voranschreiten und durch seine kühne Zunge auszeichnete.

Als sie so schwatzend und gemütlich dem Walde zuzogen, trat plötzlich

Stülpner mit gespannter Büchse aus seinem Hinterhalte hervor und

rief mit donnernder Stimme: »Wollt Ihr Euch packen, oder ich gebe

Feuer!« Er schlug an, aber wie vom Winde zerstoben, flohen die

armen, erschrockenen Schützen über Hals und Kopf davon und setzten

zähneklappernd durch den angeschwollenen Fluß, um dadurch schneller der

drohenden Gefahr zu entkommen. Nur ihr kurz vorher mit seinem Heldenmut

so prahlender Anführer, der arme Schneider, getraute sich nicht durch

den Fluß und trippelte trostlos und schweißtriefend am Ufer hin und

her. Stülpner, ihn persönlich kennend, ließ ihn erst eine kleine Weile

in seiner Todesangst herumzappeln, warf dann seine Büchse über die

Schulter, rief dem armen Teufel zu und trug ihn mit seinen kräftigen

Armen an das jenseitige Ufer, wo er ihn mit den Worten entließ: »Er

mag künftighin bei der Nähnadel bleiben und sich nie wieder in solche

unberufene Dinge mengen.«

Stülpner verließ jetzt auf einige Zeit seine waldigen Behausungen, um

abermals seinen ihn immer schärfer verfolgenden Feinden einige Ruhe

zu gönnen, und trieb jenseit der böhmischen Grenze sein Gewerbe. Schon

fing man an, seiner weniger zu erwähnen, da man ihn seit längerer Zeit

nicht mehr bemerkt hatte, und das Gerücht immer mehr sich verbreitete,

er hause nicht mehr auf vaterländischem Boden. Aber plötzlich erscholl

sein Name in der Umgegend wieder und verbreitete Furcht und Schrecken

unter die Bewohner.

Kurze Zeit nach seinem Wiedererscheinen ereignete sich ein Vorfall,

wobei Stülpner durch sein Gefühl für Recht, Redlichkeit und Teilnahme,

welche er dabei an den Tag legte, in der allgemeinen Achtung sehr viel

gewann.

Schon seit längerer Zeit war durch österreichische Deserteurs und

anderes dergleichen liederliches Gesindel das Erzgebirge, vorzüglich an

der Grenze, sehr beunruhigt worden. Unsicher waren Straßen und Wälder

und nicht selten wurden Reisende daselbst gemißhandelt, geplündert, ja

sogar Landleute überfallen und beraubt. Stülpner wurde beschuldigt,

an diesen Räubereien mit teilzunehmen. Dieser ihn schwer kränkende

Verdacht würde sich gewiß noch mehr bestärkt haben, wenn er sich nicht

durch folgende edle Handlung auf die beste Art gerechtfertigt hätte.

Eine Zittauer Leinwandhändlerin hatte den Stollberger Markt bezogen

und da gute Geschäfte gemacht, indem sie ihre ganze Leinwand sehr gut

verkauft und 300 Thaler daraus gelöst hatte. Als sie nun froh über

ihren Erlös wieder in ihre Heimat zurückkehren wollte, gesellten sich

in dem Thale in der Nähe Stollbergs zwei Kerle zu ihr und suchten

mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen. Die Frau, nichts Böses ahnend,

erzählte unklugerweise woher sie käme und daß sie so viel auf dem Markt

gelöst habe. Während des Gespräches gelangten sie an einen Seitenweg,

welcher in das nächste Dorfe führte, hier wollte sich die Frau von

ihren Begleitern verabschieden, als dieselben plötzlich ihr ein

fürchterliches Halt geboten und mit drohenden Gebärden die 300 Thaler

von ihr forderten.

In dieser entsetzlichen Ueberraschung rief das erschrockene Weib um

Hilfe, doch sogleich schwangen die Räuber ihre Knittel, geboten ihr zu

schweigen und drohten bei der geringsten Verweigerung ihrer Forderung

mit Mißhandlung und Tod.

Unter einem Strome von Thränen flehte das bebende Weib um Mitleid und

Erbarmen und schwur bei dem Allmächtigen, daß sie und ihre Familie

ohne dieses Geld dem schrecklichsten Elende preisgegeben sei. Die

schändlichen Bösewichter ließen sich nicht durch dieses flehentliche

Bitten der unglücklichen Frau zum Mitleid bewegen, sondern stürmten

nur noch ungestümer auf sie ein, um sich nun mit Gewalt ihres Geldes

zu bemächtigen. In dieser höchsten Angst setzte sich das Weib gegen

die Straßenräuber zur Wehr, wurde aber sogleich von diesen zu Boden

geworfen, festgehalten und nun gewaltsam ihres Eigentums beraubt.

Eben wollten sich diese Schändlichen mit ihrem Raube davon machen, als

plötzlich ein Schuß zwischen ihren Köpfen durchsauste, Stülpner vor

ihnen stand und sie mit seiner kräftigen Stimme als Schurken begrüßte.

Die erschrockenen Räuber wollten erst ihre Beute wieder fahren lassen,

als sie aber sahen, daß sie es blos mit einem zu thun hatten, machten

sie Miene, auch diesen mit ihren Prügeln zu überfallen. Da warf

Stülpner schnell seine Büchse über die Schulter, und in jeder Hand

ein gespanntes Pistol haltend, schrie er ihnen zu: »Wer einen Schritt

vorwärts thut, der kommt nicht lebendig von der Stelle. Ihr also seid

die Schandbuben, die auf meinen Namen Straßenraub ausüben! Wartet, ich

will Euch Mores lehren! Sogleich legt Ihr das der Frau geraubte Geld

hier vor mir nieder, ohne einen Pfennig zurückzubehalten, geht dann

auf diesem Wege hier, ohne Euch umzusehen, der Grenze zu, und wenn ich

einen von Euch Buben wieder auf sächsischem Boden treffe, so fliegt ihm

eine Kugel durch den Kopf!«

Ganz außer sich wollten die Räuber sich erst mit Stülpnern in eine

Kapitulation einlassen; als aber dieser mit den Worten: »Nun so ist's

auch jetzt noch Zeit!« seine Pistolen auf sie richtete und losbrennen

wollte, da warfen die Straßenräuber eiligst das Säckchen, worin die

geraubten 300 Thaler, teils in Speziesthalern, teils in Kassenbillets,

verwahrt waren, auf den Boden und eilten unter Fluchen und Toben auf

dem ihnen vorgeschriebenen Wege fort.

Durch den Schuß war die Frau erst wieder zur Besinnung gekommen und

hatte vorzüglich bei Stülpners nachdrücklichen Worten ihr volles

Bewußtsein wieder erlangt. Auf den Knien dankte sie ihrem großmütigen

Retter, doch dieser hob sie auf, erkundigte sich teilnehmend nach ihr,

ob sie irgend eine Verletzung erhalten hätte und händigte ihr dann das

von der Erde aufgehobene Geldsäckchen wieder ein. Hierauf begleitete er

sie bis an das nächste Dorf und entfernte sich dann von ihr, ohne eine

Belohnung, die ihm die Frau für seine schöne Handlung mit aller Mühe

aufdringen wollte, anzunehmen; nur darum bat er, daß sie überall, wo

sie hinkomme, der Wahrheit getreu erzählen möge, wie Stülpner gegen sie

gehandelt habe, damit man ihn nicht für einen so schlechten Menschen

halten und unter die Kategorie der Straßenräuber zählen möge.

Bei dieser Handlung legte der leidenschaftliche Wildschütz einen

schönen Beweis seines männlich redlichen Charakters, sowie seiner

Geistesgegenwart an den Tag. Es ward auch in kurzer Zeit überall davon

geredet und erregte ein allgemeines vorteilhaftes Interesse für ihn;

denn ebenso auffallend als die Menge seiner Bewunderer und Freunde

zunahm, verminderte sich die Zahl seiner Feinde und Verfolger, da er

nicht nur dies einzige Mal dergleichen räuberisches Gesindel aus der

Gegend vertrieb, sondern auch die Wälder, in welchen er hauste, von

Landstreichern und Bösewichtern säuberte.

Kurze Zeit darauf, nachdem Stülpner die Zittauer Leinwandfrau aus den

Händen der Straßenräuber gerettet hatte, kam er gegen Abend in dem

großen Reitzenhainer Walde zu zwei Reisenden, welche sich daselbst

verirrt hatten. Da sie Stülpnern, der, wie schon erwähnt, als Jäger

gekleidet ging, für einen Forstbeamten hielten, so gestanden sie ihm,

weil sie viel Geld bei sich führten, ihre Besorgnis wegen Stülpnern.

Stülpner entgegnete ihnen, wenn sie sich ihm anvertrauen wollten, würde

er sie an einen sicheren Ort bringen, wo sie ruhig übernachten könnten

und von wo aus er sie dann, da es heute doch schon zu spät sei, am

andern Morgen aus dem Forste auf die Landstraße bringen werde.

Nach einigem Besinnen nahmen die beiden Reisenden seinen Vorschlag an

und folgten ihm auf sein Geheiß nun seitwärts durch Gebüsch und Felsen

in abwechselnder Richtung bis an eine hügelförmige Stelle, wo Stülpner

schnell eine verdeckte Thür öffnete.

Jetzt lud er die staunenden Wanderer ein, in die vor ihnen offene

Höhle hinabzusteigen, er versicherte hoch und teuer, daß nicht das

Mindeste zu befürchten sei, da es ja sein gewöhnliches Absteigequartier

im Forste wäre. Obgleich dieser anscheinlich verdächtige Ort bei den

Fremden Argwohn erregen mußte, so sahen sie sich doch genötigt, das

Abenteuer zu bestehen. Sie traten also in dieses unterirdische Gemach,

welches sie, nachdem Stülpner Licht angezündet hatte, sehr geräumig,

bequem und vorzüglich mit einigen schönen Gewehren und Hirschgeweihen

ausgeschmückt fanden.

Ihr Wirt setzte ihnen Brot, kaltes Wildpret und einen kräftigen Schnaps

vor und nötigte seine Gäste zuzulangen, was sie auch nicht ausschlugen,

da sie selbst gestanden, daß sie durch das lange Umherirren im Walde

Appetit bekommen hätten.

Nachdem sie gemeinschaftlich unter gleichgültigem Gespräch ihr

Abendbrot verzehrt hatten, machte ihnen Stülpner nach altdeutscher

Sitte aus einer Menge Tierhäuten ein weiches Lager zurecht, auf welchem

sie nun ausruhen sollten, und begab sich dann selbst in eine andere

Ecke der Höhle zur Ruhe.

Zwar wollte sich erst bei den Fremden kein Schlaf einstellen, sie

hegten gegen ihren Wirt immer noch Mißtrauen, doch endlich siegte die

Natur über ihren Argwohn und ihre Unruhe. Als der Morgen zu grauen

begann, weckte Stülpner die Reisenden, setzte ihnen ein frugales

Frühstück vor und begleitete sie aus dem Walde, von wo aus er ihnen

den zu nehmenden Weg zeigte. Als sie sich bei dem Scheiden für die

freundschaftliche Aufnahme und Zurechtweisung bei ihm bedankten,

erwiderte er ihnen, daß sie doch Stülpnern für keinen schlechten und

gefährlichen Menschen halten sollten, sie wären diese Nacht seine Gäste

gewesen. Stumm vor Erstaunen standen die Wanderer, Stülpner verschwand

im nächsten Gebüsch.

War diese, sowie die vorhergehende Handlung Stülpners geeignet, ein

allgemeines Interesse für ihn zu erwecken, die Herzen vieler für ihn

zu gewinnen und die Zahl seiner ernstlichen Verfolger zu vermindern,

so machte die nächstfolgende ebenfalls auch einen großen Eindruck auf

die Menge, welche sehr zu seinem Vorteil sprach, obgleich die Kühnheit,

mit der er, als vogelfrei, sie unternahm, auch nicht geringes Staunen

erregte.

Der würdige Pastor Schönherr in Thum saß behaglich in seiner

Studierstube, eben mit der Ausarbeitung der nächsten Sonntagspredigt

beschäftigt, als ein lebhaftes Klopfen an der Thür ihn in seiner Arbeit

störte.

Ein freundliches »Herein!« lud zum Eintreten ein, und mit Büchse und

Hirschfänger bewaffnet, trat ein nettgekleideter Jäger in das Zimmer,

welcher nach gegenseitigem freundlichen Gruß folgende Worte anbrachte:

»Verzeihen Sie, Herr Pastor, wenn ich als ungebetener Gast Sie so früh

durch meine Gegenwart belästige.«

Pastor: »Bei mir ist jeder willkommen, der freundlich einspricht. --

Wer ist er, mein Freund und womit kann ich dienen?«

Fremder: »Wer ich hin, können Sie blos auf ausdrückliches Verlangen

erfahren, und meine Bitte ist: in diesem Augenblicke meine Beichte zu

hören und mir Absolution zu erteilen.«

Pastor: »Sonderbarer Mann, dies ist eine eigene Zumutung, ich sehe ihn

heute zum ersten Male, kenne weder seinen Namen, noch sein Gewerbe,

noch seine Herkunft, weiß nicht zu welchen Glauben er sich bekennt, und

soll eine so wichtige Religionshandlung mit ihm vornehmen?«

Fremder: »Auf diese Bedenklichkeiten wird es freilich notwendig sein,

mich zu nennen. Ich bin der Wildschütz Stülpner.«

Ueberrascht trat der Pastor einige Schritte zurück, mußte sich erst

einen Augenblick sammeln, und sprach darauf zu Stülpnern: »Ich muß

über die Kühnheit erstaunen, mit welcher er so öffentlich bei mir

erscheinen kann, da er doch wissen wird, daß es auch meine Pflicht ist,

den landesherrlichen Befehlen Gehorsam zu leisten, und daß es daher

meine Schuldigkeit erfordert, seine Gegenwart sogleich der Obrigkeit

anzuzeigen.«

Stülpner: »Dies werden und können Sie nicht thun, Herr Pastor, denn,

wenn ich mich auch an Ihrer Person nicht vergreifen werde, so möchte

es doch keinem gut bekommen, der sich gegen mich rühren würde. -- Ich

bin kein böser Mensch, Herr Pastor, traurige Umstände haben mich in

meine jetzige Lage gebracht. Auf meinem Gewissen ruht keine Blutschuld;

aber ich stehe, wie jeder Mensch, in Gottes Hand, und in meinen

Verhältnissen ist Beruhigung das dringendste Bedürfnis, diese glaubte

ich bei Ihnen zu finden.«

Pastor: »Gern wollte und würde ich seinen Wunsch befriedigen, wenn

nicht selbst die Ausübung der Religion den bürgerlichen Gesetzen

untergeordnet wäre. -- Kehre er zurück von seinem Irrwege, unterwerfe

er sich der Gnade seines Landesherrn und nur dann bin ich imstande,

seiner Seele Ruhe, Trost und Hoffnung auf Vergebung seiner Fehltritte

zuzuführen, und nur dann erst ist er würdig und vorbereitet genug diese

heilge Handlung zu begehen.«

Stülpner: »Zwingen kann ich Sie nicht, meinen so herzlichen Wunsch zu

erfüllen, mir den Trost der Religion zu geben; doch ich kann Ihnen

nochmals heilig versichern, daß er aus wahrem Herzen kam. Also ist es

Ihnen nicht möglich, meine Bitte mir zu gewähren?«

Altes und Neues über Karl Stülpner mit Benutzung der Schönberg'schen Aufzeichnungen · 第 3 / 7 题