Kevenhüller

Liebe Freunde! Dies hier ist nur eine armselige, kleine Allegorie.

Die Allegorie pflegt sich im allgemeinen in göttliche Schönheit zu

kleiden, mit königlichen Emblemen; aber diese hier hat mehr Ähnlichkeit

mit einem zerlumpten und ausgehungerten Straßenjungen. Die Allegorie

wählt sich gern ein Heim in schönen arkadischen Hainen und in hohen

Säulenhallen, aber diese arme Kleine habe ich in Karlstad gefunden, wo

sie draußen vor dem großen steinernen Turm, der an der westlichen Brücke

liegt, saß und weinte.

Der alte steinerne Turm ist wohl nicht gern gesehen in der schönen,

zierlichen, modernen Stadt. Es ist ein viereckiges, hohes und schmales

Gebäude aus Granitsteinen, und er ist wirklich häßlich mit seinen

kleinen, engen Gucklöchern. Da ist Schmuck an den grauen Wänden oder an

scharfen Ecken, und über dem Ganzen liegt etwas Unheimliches und

Schreckeinflößendes. Das alte Gebäude sieht aus wie der Hauptturm einer

Ritterburg, da aber die meisten behaupten, daß er eine Windmühle gewesen

ist, so entbehrt er auch des romantischen Wertes.

Aber es ist wirklich wahr, daß die arme kleine Allegorie dort ihr Heim

hat. Ich will euch nun erzählen, was für eine gutmütige kleine Allegorie

es ist, dann, denke ich, wird niemand es übers Herz bringen, den Turm

niederzureißen. Sie will lieber dort wohnen als auf dem Schloß oder im

Rathaus oder in der Lateinschule. Sie mag am liebsten ungespickte Mauern

und haust gern in Gesellschaft von Ratten und Fledermäusen. Aus diesem

Grunde verlohnte es sich nicht, sie zu erzählen, wenn sie uns nicht

außerdem so viel wissen ließ, was wirklich geschehen ist, wenn nicht

einer von den Kavalieren in Ekeby der Held darin gewesen wäre, und wenn

sie uns nicht das letzte große Unglück vermeldet hätte, das über Ekeby

kam.

* * * * *

In den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts wurde der später so

gelehrte und kunstfertige Kevenhüller in Deutschland geboren. Er war der

Sohn eines Burggrafen und hätte in hohen Schlössern wohnen und an der

Seite des Kaisers reiten können, wenn er die Lust dazu gehabt hätte.

Aber das hatte er nicht.

Er hatte weit eher Lust, Mühlenflügel an dem höchsten Turm der Burg zu

befestigen, den Rittersaal in eine Schmiede und das Frauengemach in eine

Uhrmacherwerkstatt zu verwandeln. Er hatte Lust, die Burg mit

schnurrenden Rädern und arbeitenden Hebeln anzufüllen. Da sich dies aber

nicht tun ließ, so kehrte er der ganzen Bescherung den Rücken und ging

in die Uhrmacherlehre. Da lernte er alles, was gelernt werden konnte,

von Zahnrädern und Federn und Pendülen. Er lernte Sonnen- und Sternuhren

machen, Uhren mit piepsenden Kanarienvögeln und trompeteblasenden

Hirten, Glockenspiele, die einen ganzen Kirchturm mit ihrer wunderlichen

Maschinerie ausfüllten, und Uhrwerke so klein, daß sie in ein Medaillon

eingeschlossen werden konnten.

Als er seinen Meisterbrief bekommen hatte, schnallte er den Ranzen auf

den Rücken, nahm den Knotenstock in die Hand und wanderte von Ort zu

Ort, um alles zu studieren, was auf Walzen und Rädern ging. Kevenhüller

war kein gewöhnlicher Uhrmacher, er wollte ein großer Erfinder und

Weltverbesserer werden.

Nachdem er also viele Länder durchwandert hatte, begab er sich auch nach

Wermland, um Mühlenräder und Grubeneinrichtungen eingehend zu studieren.

An einem schönen Sommermorgen traf es sich so, daß er quer über den

Karlstader Marktplatz ging. Aber gerade in dieser selben schönen

Morgenstunde hatte die Hulder, die Herrscherin des Waldes, es für gut

befunden, aus dem Walde geradeswegs in die Stadt zu wandern. Diese

vornehme Dame kam auch just quer über den Marktplatz, aber von der

entgegengesetzten Seite, und da begegnete sie Kevenhüller.

Das war eine Begegnung für einen Uhrmachergesellen. Sie hatte

schimmernde grüne Augen und dickes, blondes Haar, das fast bis an die

Erde reichte, und war in grüne, rauschende Seide gekleidet. Obwohl sie

ein Kobold war und eine Heidin, war sie schöner als alle die

christlichen Frauen, die Kevenhüller jemals gesehen hatte. Er stand da

wie verloren und sah sie an, als sie an ihm vorüberkam.

Sie kam geradeswegs aus dem Dickicht im Innersten des Waldes, wo die

Farne hoch stehen wie Bäume, wo die riesenhaften Föhren das Sonnenlicht

ausschließen, so daß es nur als goldene Funken auf das grüne Moos fällt,

und wo die Linnäa über die flechtenbekleideten Steine kriecht.

Ach, wie gern wäre ich an Kevenhüllers Statt gewesen und hätte sie

gesehen, wie sie daherkam, mit Farnblättern und Tannennadeln in dem

dicken Haar und eine kleine schwarze Natter um den Hals. Stellt sie euch

vor: mit geschmeidigem Gang wie ein wildes Tier und einem frischen Duft

von Harz und Erdbeeren und Linnäen und Moos mit sich führend!

Wie die Menschen sie angestarrt haben mochten, als sie sich erkühnte,

über den Karlstader Marktplatz zu wandern! Ich denke mir, die Pferde

sind vor Schrecken über ihr langes Haar, das im Morgenwinde flatterte,

scheu geworden. Die Gassenbuben liefen hinter ihr drein. Die Knechte

ließen Wagen und Axt stehen, um ihr nachzustarren. Die Frauen schrien

und liefen zu Bischof und Domkapitel, um das Ungeheuer aus der Stadt zu

vertreiben.

Sie selber schritt ruhig und majestätisch daher und lächelte nur über

den ganzen Spektakel, so daß Kevenhüller ihre kleinen spitzen

Raubtierzähne hinter den roten Lippen sehen konnte.

Sie hatte einen Mantel über den Rücken geworfen, damit niemand merken

sollte, wer sie war; aber das Unglück wollte, daß sie vergessen hatte,

den Schwanz zu verstecken. Der lag nun da und schleifte auf dem Pflaster

hinter ihr drein.

Kevenhüller sah den Schwanz wohl auch; aber man muß bedenken, daß er ein

Grafensohn war, wenn er auch nur ein Uhrmacher war. Es tat ihm leid, daß

eine so hochgeborene Dame dem Gelächter der Spießbürger preisgegeben

sein sollte; deswegen verbeugte er sich vor der Schönen und sagte

ritterlich:

»Belieben Euer Gnaden nicht die Schleppe aufzunehmen?«

Die Hulder ward gerührt, sowohl über seine freundliche Gesinnung als

auch über seine Höflichkeit. Sie blieb gerade vor ihm stehen, so daß es

ihm war, als führen glitzernde Funken aus ihren Augen in sein Gehirn

hinein. »Merke dir das, Kevenhüller,« sagte sie, »fortan sollst du mit

deinen beiden Händen jegliches Kunstwerk ausführen können, was du nur

willst, aber nur eines von jeder Art.«

Das sagte sie, und sie konnte Wort halten. Denn wer weiß nicht, daß die

Grüngekleidete aus dem Waldesdickicht Macht hat, dem, der ihre Gunst zu

gewinnen weiß, Genie und wunderbare Kräfte zu schenken?

Kevenhüller blieb in Karlstad und mietete sich dort eine Werkstatt. Er

hämmerte und arbeitete Tag und Nacht. Acht Tage später hatte er ein

Kunstwerk gemacht. Es war ein Wagen, der von selbst ging. Er lief die

Hügel hinauf und wieder hinab, ging schnell und langsam, konnte gelenkt

und gewendet werden, konnte angehalten und wieder in Gang gesetzt

werden, ganz wie man wollte. Es war ein großartiger Wagen.

Nun wurde Kevenhüller ein berühmter Mann und bekam Freunde in der ganzen

Stadt. Er war so stolz auf seinen Wagen, daß er nach Stockholm fuhr, um

ihn dem König zu zeigen. Er brauchte nicht auf Postpferde zu warten oder

sich nicht auf elenden Karriols durchrütteln zu lassen oder auf den

hölzernen Bänken der Poststationen zu schlafen. Er fuhr gar stolz in

seinem eigenen Wagen und gelangte in ein paar Stunden nach Stockholm.

Er fuhr geradeswegs vor das Schloß, und der König kam mit Höflingen und

Hofdamen heraus und sah ihn fahren. Sie konnten ihn nicht genug rühmen.

Da sagte der König: »Den Wagen kannst du mir geben, Kevenhüller.« Und

obwohl er nein sagte, beharrte der König bei seiner Forderung und wollte

den Wagen haben.

Da sah Kevenhüller, daß in dem Gefolge des Königs eine Dame mit blondem

Haar und grünseidenem Gewand stand. Er kannte sie sehr wohl, und nun

begriff er, daß _sie_ dem König geraten hatte, ihn um den Wagen zu bitten.

Aber er geriet in Verzweiflung. Er konnte es nicht ertragen, daß ein

anderer seinen Wagen besitzen sollte, und doch wagte er auf die Dauer

nicht, nein zum König zu sagen. Darum fuhr er mit einer solchen Wucht

gegen die Schloßmauer, daß er in tausend Stücke zersprang.

Als er wieder nach Karlstad kam, versuchte er einen neuen Wagen zu

machen, aber er konnte es nicht. Da packte ihn Verzweiflung über die

Gabe, die ihm die Hulder gegeben hatte. Er hatte das Müßiggängerleben

auf dem Schloß seines Vaters verlassen, um ein Wohltäter für die vielen

zu werden, nicht um Zauberkram zu machen, was nur einer gebrauchen

konnte. Was half es ihm, daß er ein großer Meister wurde, ja der größte

von allen, wenn er seine Meisterwerke nicht vervielfältigen konnte, so

daß sie zum Nutzen für Tausende wurden?

Und der gelehrte und kunstfertige Mann sehnte sich so nach ruhiger,

vernünftiger Arbeit, daß er Steinhauer und Maurer wurde. Damals baute er

den großen, steinernen Turm unten an der westlichen Brücke, baute ihn

nach dem Hauptturm auf der Ritterburg seines Vaters, und es war wohl

auch seine Absicht, Wohnhaus, Portale, Burghöfe, Burgmauern und

Hängetürme zu bauen, so daß sich eine ganze Ritterburg am Ufer des

Klarelfs erheben konnte.

Da drinnen wollte er den Traum seiner Kindheit verwirklichen. Alles, was

es an Handwerk und Kunstgewerbe gab, sollte sein Heim in den Sälen des

Schlosses haben. Weiße Müllergesellen und schwarze Schmiede, Uhrmacher

mit grünen Schirmen vor den angestrengten Augen, Färber mit dunklen

Händen, Weber, Drechsler -- alle sollten sie ihre Werkstätten in seinem

Schloß haben.

Und es ging gut. Aus den Steinen, die er selbst behauen, hatte er mit

eigenen Händen seinen Turm aufgemauert.

Er hatte Mühlenflügel daraufgesetzt -- denn der Turm sollte eine

Windmühle sein --, und nun wollte er mit der Schmiede beginnen.

Und dann, eines Tages stand er da und beobachtete, wie sich die

leichten, starken Flügel im Winde drehten. Da kam sein altes Leiden

wieder über ihn.

Es war ihm, als habe die Frau in dem grünen Gewand ihn wieder mit ihren

schimmernden Augen angesehen, bis sein Gehirn von neuem Feuer fing. Er

schloß sich in seine Werkstatt ein, aß keinen Bissen, gönnte sich keine

Ruhe und arbeitete ohne Aufenthalt. Und dann schuf er in acht Tagen ein

neues Kunstwerk.

Eines Tages stieg er auf das Dach seines Turmes und begann, Flügel an

seine Schultern zu schnallen.

Zwei Straßenjungen und ein Gymnasiast, die auf dem Geländer der Brücke

saßen und Stichlinge fischten, erblickten ihn und stießen einen Schrei

aus, der in der ganzen Stadt zu hören war. Sie stürzten von dannen;

atemlos liefen sie Straße auf und Straße ab, donnerten an alle Türen und

riefen: »Kevenhüller will fliegen! Kevenhüller will fliegen!«

Er stand ganz ruhig auf dem Dach des Turmes und schnallte sich die

Flügel an, und währenddes kamen die Volksscharen aus den engen Straßen

der alten Karlstad herausgewimmelt.

Die Mägde liefen von dem kochenden Kessel weg, der auf dem Herd stand,

und von dem Teig, der sich hob. Die Frauen warfen den Strickstrumpf hin,

setzten ihre Brille auf und liefen die Straße hinab. Bürgermeister und

Rat erhoben sich von ihren Richtersitzen, der Rektor schmiß die

Grammatik in einen Winkel; die Schuljungen stürzten aus der Klasse, ohne

um Erlaubnis zu bitten. Die ganze Stadt eilte von dannen, nach der

westlichen Brücke hinab.

Bald war die Brücke schwarz von Menschen. Auf dem Marktplatz standen sie

wie die Heringe in einer Tonne, und das ganze Flußufer bis hinauf nach

dem Bischofsitz wimmelte von Menschen. Da war ein größeres Gedränge als

beim Petersmarkt; da waren mehr Schaulustige wie damals, als König

Gustav III. mit acht Pferden durch die Stadt gefahren kam, und zwar mit

einer solchen Geschwindigkeit, daß der Wagen, wenn er um eine Ecke bog,

auf zwei Rädern stand.

Endlich hatte Kevenhüller die Flügel angeschnallt und stieß ab. Er tat

ein paar Schläge damit, und dann war er frei. Er lag da und schwamm im

Luftmeer hoch über der Erde.

Er sog die Luft in vollen Zügen ein; sie war stark und rein. Seine Brust

weitete sich, und das alte Ritterblut begann sich in ihm zu rühren. Er

tummelte sich wie eine Taube, er schwebte wie ein Habicht, seine Flügel

waren schneller als die der Schwalbe, er steuerte so sicher wie der

Falk. Und er sah hinab auf den ganzen gebundenen Haufen, der ihn

anstarrte, der da oben in der Luft lag und schwamm. Hätte er nur ein

paar Flügel für einen jeden von ihnen machen können! Hätte er nur einem

jeden von ihnen die Macht verleihen können, sich in diese frische Luft

emporzuheben! Was für Menschen da aus ihnen werden sollten! Die

Erinnerung an das Elend seines eigenen Lebens verließ ihn selbst in

diesem Augenblick des Sieges nicht. Er konnte nicht ausschließlich für

sich genießen. Ach, die Hulder! Wenn er die nur gefaßt kriegen konnte!

Da sah er mit Augen, die fast geblendet waren von dem grellen

Sonnenlicht und der zitternden Luft, daß etwas auf ihn zugeflogen kam.

Große Flügel, die ganz den seinen glichen, sah er sich bewegen, und

zwischen den Flügeln schwamm ein Menschenkörper. Gelbes Haar flatterte,

grüne Seide wogte, wilde Augen leuchteten. Sie war es, sie!

Kevenhüller verlor die Besinnung. In wilder Fahrt stürzte er auf das

Wunder zu, um sie zu küssen oder zu schlagen -- er wußte nicht recht was

--, aber auf alle Fälle, um sie zu zwingen, den Fluch von seinem Leben zu

nehmen. In dieser wilden Fahrt ließen ihn seine Besonnenheit und seine

Sinne im Stich. Er sah nicht, wohin er steuerte, er sah nur das

flatternde Haar und die wilden Augen. Er kam dicht an sie heran und

streckte die Arme aus, um sie zu erfassen. Da griffen seine Flügel in

die ihren, und die ihren waren die stärkeren. Seine Flügel wurden

zerrissen und zerfetzt, er selber ward rund herumgeschwenkt und stürzte

hinab, er wußte nicht wo.

Als er wieder zur Besinnung kam, lag er auf dem Dach seines eigenen

Turmes, die zerschmetterte Flugmaschine an seiner Seite. Er war

geradeswegs auf seine eigene Windmühle zugeflogen, die Flügel hatten ihn

erfaßt, ihn ein paarmal herumgeschwenkt und ihn dann auf das Dach

niedergeworfen. So endete das Spiel.

Kevenhüller war jetzt wieder ein verzweifelter Mann. Ehrliche Arbeit

erregte Ekel in ihm, und mit den wunderlichen Künsten wagte er sich

nicht abzugeben. Schuf er noch ein Kunstwerk und hatte er das Unglück,

es zu zerstören, so würde sein Herz sicher vor Kummer brechen. Und

zerstörte er es nicht, da würde er sicher den Verstand verlieren bei dem

Gedanken, daß er anderen nicht dadurch nützen konnte.

Er holte seinen alten Gesellenranzen und seinen Knotenstock hervor, ließ

die Mühle stehen, wie sie stand, und beschloß, auszugehen und die Hulder

zu suchen.

Er verschaffte sich Pferd und Wagen, denn er war nicht mehr so jung und

leicht zu Fuß. Und man erzählt, daß er jedesmal, wenn er an einen Wald

kam, vom Wagen stieg, hineinging und die Grüngekleidete aus dem Dickicht

rief.

»Hulder, Hulder! ich bin es, Kevenhüller! Komm, komm!« Aber sie kam

nicht.

Auf diesen Reisen kam er, wenige Jahre bevor die Majorin vertrieben

wurde, nach Ekeby. Man empfing ihn dort gut, und da blieb er. Und die

Schar im Kavalierflügel wurde um eine hohe, kräftige Rittergestalt

vermehrt, um einen schneidigen Herrn, der weder beim Bierkrug noch bei

den Jagdpartien versagte. Seine Kindheitserinnerungen kehrten zurück: er

gestattete, daß man ihn Graf nannte, und er bekam mehr und mehr das

Aussehen eines alten deutschen Räuberbarons, mit seiner großen

Adlernase, seinen finsteren Augenbrauen, seinem Vollbart, der unterm

Kinn spitz zulief, sich über den Lippen aber kühn in die Höhe drehte.

Er war ein Kavalier unter den Kavalieren und war nicht besser als alle

die andern in dieser Schar, von der das Volk glaubte, daß die Majorin

sie für den leibhaftigen Bösen in Bereitschaft halte. Sein Haar ergraute

und sein Gehirn schlief. Er ward so alt, daß er nicht mehr an die Taten

seiner Jugend glauben konnte. Er war nicht der Mann mit den wunderbaren

Fähigkeiten. Er hatte nicht den selbstfahrenden Wagen und die

Flugmaschine gemacht! Ach nein, Märchen! Märchen!

Aber dann geschah es, daß die Majorin aus Ekeby vertrieben wurde und daß

die Kavaliere Herren auf dem großen Gut wurden. Da begann ein Leben, wie

es nie zuvor ärger gewesen war. Ein Sturm ging über das Land hin; alle

alte Torheit verkehrte sich in Jugendwildheit, alles Böse geriet in

Bewegung, alles Gute erbebte -- die Menschen kämpften auf der Erde und

die Geister im Himmel. Wölfe kamen aus dem Gebirge herab mit Hexen auf

dem Rücken, die Naturmächte wurden losgelassen, und die Hulder kam nach

Ekeby.

Die Kavaliere kannten sie nicht. Sie glaubten, sie sei eine arme,

bedrängte Frau, die von einer bösen Schwiegermutter in Verzweiflung

gehetzt sei. Da nahmen sie sie in ihren Schutz, ehrten sie wie eine

Königin, liebten sie wie ein Kind und nannten sie Gräfin.

Kevenhüller allein sah, wer sie war. Im Anfang ließ er sich wohl blenden

wie alle die andern. Aber eines Tages hatten Patron Julius und

Örneclon, die sich nicht schämten, sie als Schneider zu bedienen, ihr

ein Gewand aus grünem, rauschendem Seidenstoff genäht, und als sie das

anzog, da erkannte Kevenhüller sie.

Da saß sie auf den Seidenpolstern, auf dem besten Sopha in Ekeby, und

alle die alten Männer machten sich zu Narren, um ihr zu dienen. Einer

war Koch, ein anderer Kammerdiener, einer war Vorleser, einer

Hofmusikant, einer Schuhmacher: ein jeder hatte seine Beschäftigung

gewählt.

Es sollte ja heißen, daß sie krank sei, dies böse Ungetüm, aber

Kevenhüller wußte recht gut, wie es mit der Krankheit beschaffen war.

Sie hatte sie nur alle zum Narren, ja, das tat sie.

Er warnte die Kavaliere vor ihr: »Seht doch die kleinen, scharfen

Zähne,« sagte er, »und die wilden, blitzenden Augen. Das ist die Hulder

-- alles Böse ist unterwegs in dieser schrecklichen Zeit. Ich sage euch,

es ist die Hulder, die gekommen ist, um uns zu verderben. Ich habe sie

schon früher gesehen.«

Aber wie groß ist doch die Verblendung der Menschen, wenn ihre Herzen

gerührt sind! Die Kavaliere waren wie eine Mutter, der man einen

Wechselbalg in die Wiege gelegt hat. Sie kann sich nicht überwinden, den

großen Kopf und die dunkle Haut zu sehen; sie findet, daß das heisere

Schreien des Koboldkindes dem zwitschernden Lachen ihres eigenen Kindes

gleicht, sie kann nicht sehen, daß die Lippen dick sind und daß sich die

Nägel wie Klauen krümmen. Und so erging es auch den Kavalieren; sie

waren nahe daran, Kevenhüller totzuschlagen, als er ihnen die Augen

öffnen wollte.

Aber sobald Kevenhüller die Hulder gesehen und sie wiedererkannt hatte,

kam die Arbeitslust über ihn. Es begann in seinem Gehirn zu brennen und

zu sieden, seine Finger schmerzten ihm vor Eifer, wieder nach Feile und

Hammer zu greifen; er konnte nicht dagegen ankämpfen. Mit Bitterkeit im

Herzen zog er die Arbeitsbluse an und schloß sich in eine alte

Schlosserwerkstatt ein, wo er arbeiten wollte.

Da ging es wie ein Ruf von Ekeby über ganz Wermland:

»Kevenhüller hat zu arbeiten begonnen!«

Und man lauschte atemlos den Hammerschlägen aus der verschlossenen

Werkstatt, dem Kreischen der Feile, dem Stöhnen des Blasebalgs.

Jetzt werden wir ein neues Wunder sehen. Was es wohl werden mag? Wird er

uns lehren, auf dem Wasser zu gehen oder eine Leiter an das

Siebengestirn zu setzen? -- Nichts ist unmöglich für einen solchen Mann.

Wir haben ihn mit eigenen Augen von Flügeln durch die Luft tragen sehen.

Wir haben seinen Wagen durch die Straßen brausen sehen. Er hat die Gabe

der Hulder erhalten: nichts ist ihm unmöglich.

Eines Nachts, die erste oder die zweite im Oktober, hatte er das Wunder

fertig. Er kam damit in der Hand aus der Werkstatt heraus. Es war ein

Rad, das unaufhörlich rotierte; wenn es sich drehte, leuchteten die

Speichen wie Feuer, und Licht und Wärme gingen davon aus. Kevenhüller

hatte eine Sonne geschaffen. Als er damit aus der Werkstatt herauskam,

wurde die Nacht so hell, daß die Spatzen zu zwitschern begannen und die

Wolken sich röteten wie bei Sonnenaufgang.

Es war die herrlichste Erfindung. -- Keine Finsternis, keine Kälte würde

es fortan mehr auf Erden geben. Es schmeichelte ihn, wenn er den

Gedanken ausdachte. Die Sonne des Tages sollte nach wie vor auf- und

untergehen, aber wenn sie verschwand, sollten Tausende und aber Tausende

von seinen Feuerrädern über dem Lande aufflammen, und die Luft sollte

vor Wärme zittern wie an dem heißesten Sommertage. Da sollte man reifes

Korn unter dem Sternenhimmel des Hochwinters ernten; Erdbeeren und

Heidelbeeren sollten die Waldhügel das ganze Jahr hindurch bedecken; nie

sollte Eis das Wasser in Fesseln schlagen.

Jetzt, wo die Erfindung fertig war, sollte sie eine neue Erde

erschaffen. Sein Feuerrad sollte ein Pelz für den Armen und eine Sonne

für den Grubenarbeiter werden.

Es sollte den Fabriken Treibkraft verleihen, der Natur -- die jetzt vom

Herbst bis zum Frühling schlafen mußte -- neues Leben spenden, der

Menschheit ein besseres, glückliches Dasein schaffen. Aber er wußte nur

zu gut, daß das alles Träume waren und daß die Hulder ihm niemals

erlauben würde, sein Feuerrad zu vervielfältigen. Und in seinem Zorn und

seiner Rachlust dachte er, daß er sie totschlagen wollte, und dann wußte

er wohl kaum mehr, was er tat.

Er ging in das Wohnhaus hinauf, und auf die Diele, gerade unter die

Treppe stellte er das Feuerrad. Es war seine Absicht, daß das Haus in

Brand geraten und das Ungeheuer verbrennen sollte.

Dann ging er wieder in seine Werkstatt und saß dort still und lauschte.

Auf dem Hofe entstand Lärm und Rufen. Jetzt fing man an zu merken, daß

eine Heldentat ausgeführt war.

Ja, lauft ihr nur und schreit und läutet mit den Glocken! Jetzt

verbrennt sie doch, die Hulder, die ihr auf Samt und Seide gebettet

habt!

Ob sie sich in Qualen windet, ob sie aus dem einen Zimmer in das andere

läuft? Ach, wie wird die grüne Seide flammen, wie werden die Flammen in

dem dicken Haar spielen! Frischen Mut, ihr Flammen! Frischen Mut! Fanget

sie, zündet sie an, verbrennet die Hexe! Fürchtet euch nicht vor ihren

Zauberworten, ihr Gluten! Laßt sie brennen! Da sind Menschen, die um

ihretwillen ihr ganzes Leben haben brennen müssen!

Glocken läuteten, Wagen rasselten, Spritzen kamen dahergefahren,

Wassereimer wurden vom See heraufgereicht, aus allen Dörfern stürmten

Leute herbei. Da war ein Schreien und Jammern und Kommandieren; Dächer

stürzten herab, da war ein fürchterliches Knistern und Heulen von

Flammen.

Nichts aber brachte Kevenhüller aus seiner Fassung; er saß auf dem

Haublock und rieb sich die Hände.

Da vernahm er ein Krachen, als wenn der Himmel herabstürzte, und er

sprang jubelnd auf. »Jetzt ist es geschehen!« rief er aus. »Jetzt kann

sie nicht entkommen, jetzt ist sie unter den Balken zermalmt oder von

den Flammen verzehrt. Jetzt ist es vollbracht!«

Und er dachte an Ekebys Ehre und Macht, die geopfert werden mußten, um

sie aus der Welt zu schaffen. Die stolzen Säle, wo so viel Wonne und

Freude gewohnt hatte, die Zimmer, die widergehallt hatten von der

Freude der Frauen, die Tische, die sich schier gebogen hatten unter

leckeren Gerichten, die kostbaren alten Möbel, Silber und Porzellan, das

nie wieder beschafft werden konnte ...

Und dann fuhr er mit einem Schrei in die Höhe. Sein Feuerrad, seine

Sonne, das Modell, von dem alles abhing, hatte er das nicht unter die

Treppe gestellt, damit es die Feuersbrunst verursachen sollte?

Kevenhüller sah sich selbst an, versteinert vor Schrecken.

»Bin ich von Sinnen?« sagte er. »Wie konnte ich nur so etwas tun?«

Im selben Augenblick tat sich die verschlossene Tür der Werkstatt auf,

und die Grüngekleidete trat ein.

Da stand die Hulder auf der Schwelle, hold und lächelnd. Ihr grünes

Gewand hatte weder Fleck noch Makel, kein Brandgeruch haftete an ihrem

dicken Haar. Sie war so, wie er sie in den Tagen seiner Jugend auf dem

Marktplatz zu Karlstad gesehen hatte, der Schwanz schleifte zwischen

ihren Füßen, und sie führte die ganze Wildheit und den Duft des Waldes

mit sich.

»Jetzt brennt Ekeby!« sagte sie und lachte.

Kevenhüller hatte den großen Hammer erhoben und wollte ihn ihr an den

Kopf werfen, da aber sah er, daß sie sein Feuerrad in der Hand hielt.

»Siehe, was ich für dich gerettet habe,« sagte sie.

Kevenhüller warf sich vor ihr auf die Knie nieder. »Du hast meinen Wagen

zertrümmert, du hast meine Flügel zerbrochen und hast mein Leben

zerstört. Erzeige mir jetzt eine Gnade, erbarme dich meiner!«

Sie kletterte auf die Hobelbank hinauf und saß dort genau so jung und so

schelmisch wie damals, als er sie zum ersten Male auf dem Marktplatz zu

Karlstad gesehen hatte.

»Ich sehe, du weißt, wer ich bin,« sagte sie.

»Ich kenne dich, und ich habe dich immer gekannt,« sagte der

unglückliche Mann. »Du bist das Genie. Aber gib mich jetzt frei. Nimm

deine Gabe von mir! Nimm die Wundergaben von mir! Laß mich ein

gewöhnlicher Mensch werden! Warum verfolgst du mich? Warum vernichtest

du mich?«

»Tor!« sagte die Hulder. »Ich habe dir niemals Böses gewollt. Ich gab

dir eine große Belohnung, aber ich kann sie dir wieder wegnehmen, wenn

sie dir nicht behagt. Aber bedenke dich wohl -- du wirst es bereuen!«

»Nein, nein!« rief er aus, »nimm die Wundergaben von mir!«

»Zuerst mußt du dies hier zerstören!« sagte sie und warf das Feuerrad

vor ihn an die Erde.

Er besann sich nicht. Er schwang den großen Hammer über der strahlenden

Feuersonne, die nichts weiter war als häßlicher Zauberkram, wenn sie

nicht zum Nutzen für Tausende angewendet werden konnte. Die Funken

stoben in der Schmiede umher, Flammen und Scherben umtanzten ihn, und

dann lag auch sein letztes Kunstwerk in Trümmern da.

»Ja, dann nehme ich meine Gabe von dir,« sagte die Hulder.

Als sie in der Tür stand, um zu gehen, und der Schein der Feuersbrunst

da draußen sich über ihre Gestalt ergoß, sah er ihr zum letztenmal nach.

Schöner denn je zuvor erschien sie ihm und nicht mehr ganz so boshaft,

nur strenge und stolz.

»Tor!« sagte sie, »habe ich dir je verboten, deine Kunstwerke von andern

nachmachen zu lassen? Was bezweckte ich weiter, als den Mann des Genies

vor den Mühseligkeiten des Handwerks zu bewahren?«

Und dann ging sie. Kevenhüller aber war mehrere Tage wahnsinnig. Dann

wurde er wieder wie ein gewöhnlicher Mensch.

Das Hauptgebäude von Ekeby war niedergebrannt. Menschen waren jedoch

nicht zu Schaden gekommen. Aber es war ein großer Kummer für die

Kavaliere, daß das gastfreie Haus, wo sie so viel Gutes genossen hatten,

zu ihrer Zeit so großen Schaden erleiden sollte.

Ach -- ihr Kinder später Zeiten! Wäre ich es gewesen oder ihr, die der

Hulder auf dem Marktplatz zu Karlstad begegnet wäret! Glaubt ihr nicht,

daß ich in den Wald gegangen wäre und gerufen hätte: »Hulder, Hulder!

Ich bin es, Kevenhüller!« Aber wer sieht sie heutzutage? Wer klagt in

unseren Zeiten darüber, zuviel von ihren Gaben erhalten zu haben?

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 44 / 56 题