Des Kindes Mutter

Man konnte nur _einer_ Ansicht über die Sache sein: das Kind mußte einen

Vater haben.

Das Kind war das jämmerlichste kleine Wesen, das man sich denken konnte,

klein und rot mit tausend Falten. Das Kind war ein kleines Wesen, das

niemals schrie, das gleich von der Geburt an Krampfanfälle gehabt hatte,

ein armes, verirrtes Wesen, das sechs oder sieben Wochen früher ins

Leben eingetreten war, als es von Rechts wegen durfte, und das sich

deswegen niemals auf der Erde zurechtzufinden vermochte.

Das Kind wog so wenig, daß es sich nicht einmal der Mühe verlohnt, zu

sagen, wie wenig es war. Man mußte es in Lammfelle nähen, und es wollte

weder essen noch schlafen. Aber es lebte. Niemand wußte, wie es am Leben

erhalten wurde, aber leben tat es.

Das Kind war in einer kleinen Bauernhütte östlich vom Klarelf geboren.

Des Kindes Mutter war Anfang Juni dahin gekommen und hatte einen Dienst

gesucht. Sie habe einen Fehltritt begangen, hatte sie zu den Leuten im

Hause gesagt, und ihre Mutter sei so hart gegen sie gewesen, daß sie

habe fliehen müssen. Sie nannte sich Elisabeth Karlsdatter, aber sie

wollte nicht sagen, woher sie sei, denn dann würden sie natürlich ihre

Eltern von ihrem Aufenthaltsort benachrichtigen, und die würden sie zu

Tode peinigen, wenn sie sie fänden; davon sei sie überzeugt. Sie

verlange keinen Lohn, sie wolle nur Essen und Trinken und ein Dach über

dem Haupte haben. Sie könne arbeiten, weben oder spinnen oder die Kühe

hüten -- was sie wollten. Wenn man es verlange, könne sie auch für ihren

Aufenthalt bezahlen.

Sie war so vorsichtig gewesen, barfuß auf den Hof zu kommen, die Schuhe

unterm Arm; sie hatte grobe Hände, sie redete die Sprache der Gegend

und trug die Kleidung eines Bauernmädchens. Sie glaubten ihr. Der

Hausherr meinte, sie sähe gebrechlich aus, er traute ihrer

Arbeitstüchtigkeit nicht recht. Aber irgendwo müsse sie ja bleiben die

Ärmste. Und so durfte sie denn dableiben.

Es war etwas an ihr, was bewirkte, daß alle auf dem Hofe freundlich

gegen sie waren. Sie war in ein gutes Haus gekommen. Die Menschen dort

waren ernsthaft und still. Die Hausfrau hielt große Stücke auf sie, seit

sie entdeckt hatte, daß sie Drell weben konnte. Sie lieh einen

Drellwebstuhl von der Pröpstin, und des Kindes Mutter hatte den ganzen

Sommer am Webstuhl gesessen.

Es fiel niemand ein, daß sie geschont werden müsse: sie mußte die ganze

Zeit hindurch wie ein Bauernmädchen arbeiten. Sie war nicht sehr

unglücklich. Das Leben unter den Bauern sagte ihr zu, obwohl sie alle

Bequemlichkeiten, an die sie gewöhnt war, entbehren mußte. Aber man

faßte dort alles ganz ruhig und natürlich auf. Aller Gedanken drehten

sich um die Arbeit, und die Tage vergingen so einförmig, daß man sich

verrechnen konnte und glauben, man befinde sich mitten in der Woche,

wenn der Sonntag kam.

Eines Tages gegen Ende August hatten sie den ganzen Tag Hafer gemäht,

und des Kindes Mutter war mit aufs Feld gegangen, um Garben zu binden.

Dabei hatte sie sich überanstrengt, und das Kind ward geboren, aber zu

früh. Sie hatte es im Oktober erwartet.

Jetzt stand die Bauernfrau mit dem Kinde am Feuer und erwärmte es, denn

das arme kleine Wesen fror mitten in der Augustwärme. Des Kindes Mutter

lag nebenan in der Kammer und lauschte, was von dem Kleinen gesagt

werde. Sie konnte sich vorstellen, wie die Knechte und Mägde hingingen

und es in Augenschein nahmen.

»So ein armes, kleines Ding«, sagten sie dann immer, und hinterdrein

folgte ohne Ausnahme: »Du armer Kleiner, der du keinen Vater hast!«

Irgend jemand wunderte sich regelmäßig, daß das Kind so rot und runzelig

sei, dann aber antwortete ebenso regelmäßig eine andere Stimme, so sähen

alle kleinen Kinder aus.

Sie klagten nicht über das Geschrei des Kindes: sie waren ganz davon

durchdrungen, daß Kinder schreien müßten, und schließlich, wenn man

alles recht erwog, war das Kind ganz kräftig für sein Alter. Es schien

alles ganz in Ordnung zu sein, wenn es nur einen Vater gehabt hätte.

Die Mutter lag da und lauschte und wunderte sich. Die Sache erschien ihr

plötzlich von großer Wichtigkeit. Wie sollte der arme Kleine, der keinen

Vater hatte, durchs Leben kommen?

Sie hatte ihren Plan im voraus gemacht. Sie wollte das erste Jahr auf

dem Bauernhof bleiben. Später wollte sie sich ein Zimmer mieten und ihr

Brot durch Weben verdienen. Sie wollte selber das Erforderliche

verdienen, um das Kind zu ernähren und zu kleiden. Ihr Mann mochte gern

glauben, daß sie seiner unwert war. Sie hatte gedacht, daß das Kind

vielleicht ein besserer Mensch werden würde, wenn es von ihr allein

erzogen wurde, als wenn ein hoffärtiger Vater es leitete.

Jetzt aber, nachdem das Kind geboren war, konnte sie die Sache nicht von

diesem Gesichtspunkt auffassen. Sie fand, daß sie selbstsüchtig

gehandelt hatte. »Das Kind muß einen Vater haben«, sagte sie zu sich.

Wäre das Kind nicht so ein kleines, jämmerliches Wesen gewesen, hätte es

schlafen und essen können wie andere Kinder, hätte sein kleiner Kopf

nicht immer auf die eine Seite gehangen, wäre es nicht nahe daran

gewesen zu sterben, wenn die Krampfanfälle kamen, so würde die Frage

nicht von so überaus großer Wichtigkeit gewesen sein. Aber dies kleine,

hilflose Wesen _mußte_ einen Vater haben.

Es war nicht so leicht, sich zu entschließen, aber entschließen mußte

sie sich, und zwar sofort. Das Kind war drei Tage alt, und die Bauern in

Wermland warten selten länger damit, ihre Kinder zur Taufe zu tragen.

Unter welchem Namen sollte nur der Kleine ins Kirchenbuch eingetragen

werden, und was wollte der Pfarrer von des Kindes Mutter wissen? Es war

doch sicher ein Unrecht gegen das Kind, es als vaterlos einschreiben zu

lassen. Es war nun einmal in diese Welt der Leiden gekommen, schien sich

aber nur danach zu sehnen, sie wieder zu verlassen. Vielleicht würde es

besser gedeihen, wenn es einen Vater bekäme. Wenn nun dies Kind zu einem

schwachen, kränklichen Manne heranwuchs, wie konnte sie es da

verantworten, es der Vorteile zu berauben, die ihm infolge seiner Geburt

und seines Reichtums zukamen?

Des Kindes Mutter wußte ja sehr wohl, daß es ein großes Ereignis und

eine große Freude war, wenn ein Kind zur Welt kam. Jetzt erschien es

ihr, daß es schwer sein müsse, für diesen Kleinen zu leben, da ihn alle

bemitleideten. Sie wollte ihn gern auf Seide und in Spitzen gebettet

sehen, wie es sich für einen Grafensohn geziemt. Sie wollte ihn gern

von Glanz und Stolz umgeben sehen. Ja, das Kind _mußte_ einen Vater haben!

Des Kindes Mutter fing an zu meinen, daß sie ein zu großes Unrecht gegen

seinen Vater begehe. Hatte sie ein Recht, es für sich allein zu

behalten? Das konnte sie doch wohl nicht haben. So ein teures kleines

Wesen, dessen Wert kein Mensch abzuwägen vermag, sollte sie sich

aneignen? Es war gar nicht rechtschaffen von ihr, so zu handeln.

Des Kindes Mutter wollte nicht gern zu ihrem Gatten zurück. Sie war

bange, daß es ihr Tod werden würde. Aber der Kleine schwebte in größerer

Gefahr als sie. Er konnte jeden Augenblick sterben, und er war nicht

getauft.

Das, was sie von Hause fortgetrieben hatte, die große Sünde, die in

ihrem Herzen gewohnt hatte, war verschwunden. Jetzt empfand sie keine

andere Liebe als für den Kleinen, der keinen Vater hatte. Es war ihr

keine schwere Pflicht zu versuchen, ihm einen zu verschaffen.

Des Kindes Mutter ließ den Mann und die Frau im Hause zu sich rufen und

sagte ihnen alles. Der Mann fuhr nach Borg, um Graf Dohna zu erzählen,

daß seine Frau lebe, und daß ein Kind geboren sei, das einen Vater haben

müsse.

Der Bauer kam spät am Abend nach Hause. Er hatte den Grafen nicht

getroffen, denn der war verreist, aber er war beim Pfarrer in Svartsjö

gewesen und hatte mit ihm über die Sache geredet. Da erfuhr denn die

Gräfin, daß ihre Ehe für ungültig erklärt war, und daß sie keinen Mann

mehr hatte.

Der Pfarrer schrieb ihr einen freundlichen Brief und bot ihr ein Heim in

seinem Hause an. Es ward ihr auch ein Brief von ihrem eigenen Vater an

den Grafen Henrik gesandt; der mußte wenige Tage nach ihrer Flucht auf

Schloß Borg angekommen sein. Vielleicht hatte gerade dieser Brief, in

welchem ihr Vater den Grafen bat, die Legalisierung der Ehe zu

beschleunigen, Graf Henrik den leichtesten Weg gezeigt, auf dem er sich

seiner Gattin entledigen könne.

Man kann sich wohl vorstellen, daß des Kindes Mutter vor Zorn

entflammte, größer aber war doch noch ihr Schmerz, als sie die Erzählung

des Bauern hörte. Die Mutter eines kräftigen, schönen Kindes hätte diese

Nachricht mit Verachtung hinnehmen und stolz darüber sein können, daß

sie das Kind nun ganz allein besaß. Aber die Mutter dieses kleinen,

hilflosen Wesens hatte fast ein Gefühl, als hätte sie ihren Mann töten

können. Sie besaß keinen Stolz, zu dem sie ihre Zuflucht nehmen konnte.

Die ganze Nacht hindurch floh sie der Schlaf. Das Kind _mußte_ einen Vater

haben! Darum kreisten alle ihre Gedanken.

Am nächsten Morgen mußte der Bauer auf ihr Verlangen nach Ekeby fahren

und Gösta Berling holen.

Gösta richtete viele Fragen an den schweigsamen Mann, aber er erfuhr

nichts. Ja, die Gräfin sei den ganzen Sommer bei ihm im Hause gewesen

und habe gearbeitet. Jetzt sei ihr ein Kind geboren. Das Kind sei

schwach, die Mutter aber würde bald wieder gesund sein.

Gösta fragte, ob die Gräfin wisse, daß ihre Ehe für ungültig erklärt

sei.

Ja, jetzt wisse sie es; gestern habe sie es erfahren.

Auf dem ganzen Wege dahin war Gösta bald in brennendem Fieber, bald

überliefen ihn kalte Schauer. Was wollte sie von ihm? Weshalb sandte sie

nach ihm?

Er dachte an das Sommerleben da oben am Ufer des Löfsees. Sie hatten die

Tage mit Tanz und Spiel und Lustfahrten verbracht, und inzwischen hatte

sie gearbeitet und gelitten. Niemals hatte er an die Möglichkeit

gedacht, sie wiederzusehen. Ach, hätte er das doch nur hoffen können! Da

würde er als besserer Mann vor sie getreten sein. Worauf konnte er jetzt

zurückblicken? Auf nichts als auf die gewöhnlichen Torheiten.

Gegen acht Uhr des Abends erreichte er sein Ziel und ward sogleich zu

des Kindes Mutter geführt. Es war halb dunkel im Zimmer, er konnte sie

kaum sehen, wie sie dalag. Auch der Mann und die Frau kamen herein.

Jetzt darf man nicht vergessen, daß sie, deren weißes Antlitz ihm in der

Dämmerung entgegenleuchtete, für ihn stets das Höchste und Reinste war,

was er kannte, die schönste Seele, die sich in irdische Gewänder

gekleidet hatte. Als er nun wieder den Segen ihrer Nähe empfand, fühlte

er das Bedürfnis, sich auf die Knie zu werfen und ihr zu danken, weil

sie sich ihm aufs neue offenbarte, aber er war so überwältigt von

Bewegung, daß er nichts sagen oder tun konnte.

»Teure Gräfin Elisabeth!« stammelte er nur.

»Guten Abend, Gösta!«

Sie reichte ihm die Hand, die wieder weiß und durchsichtig geworden war.

Sie lag schweigend da, während er mit seiner Gemütsbewegung kämpfte.

Des Kindes Mutter wurde nicht von gewaltsam hervorstürmenden Gefühlen

erschüttert, als sie Gösta erblickte. Es wunderte sie nur, daß er

hauptsächlich an sie zu denken schien, da er ja doch begreifen konnte,

daß es sich jetzt ausschließlich um das Kind handelte, das einen Vater

haben mußte.

»Gösta,« sagte sie sanft, »jetzt mußt du mir helfen, wie du mir einst

gelobtest. Du weißt, daß mein Mann mich verlassen hat, folglich hat mein

Kind keinen Vater mehr.«

»Ja, Frau Gräfin, aber die Sache läßt sich doch ändern. Jetzt, wo ein

Kind da ist, kann der Graf sicher gezwungen werden, die Ehe zu

legalisieren. Sie können sich darauf verlassen, daß ich Ihnen helfen

werde, Frau Gräfin.«

Des Kindes Mutter lächelte. »Glaubst du, daß ich mich Graf Dohna

aufdrängen will?«

Das Blut strömte Gösta zu Kopf. Was wollte sie denn nur? Was verlangte

sie von ihm?

»Komm hierher, Gösta,« sagte sie und reichte ihm wieder ihre Hand. »Du

mußt mir nicht böse werden wegen dessen, was ich nun sagen will, aber

ich dachte, daß du, der du, der du ...«

»Der ich ein abgesetzter Pfarrer bin, ein Saufbruder, ein Kavalier, Ebba

Dohnas Mörder -- ich kenne die ganze Liste meiner Meriten ...«

»Bist du schon jetzt böse, Gösta?«

»Ich möchte am liebsten, daß die Frau Gräfin nicht fortführe.«

Aber des Kindes Mutter fuhr fort: »Mehr als eine, Gösta, würde aus Liebe

deine Gattin geworden sein, aber so ist es nicht mit mir. Wenn ich dich

liebte, würde ich nicht den Mut haben, so mit dir zu reden, wie ich

jetzt rede. Um meiner selbst willen würde ich nicht um so etwas bitten,

Gösta, aber siehst du, das Kind muß ja einen Vater haben. Du begreifst

wohl schon, um was ich dich bitten will. Es ist allerdings eine große

Erniedrigung für dich, weil ich eine unverheiratete Frau bin und ein

Kind habe. Ich dachte nicht daran, daß du es wohl tun würdest, weil du

geringer bist als andere, obwohl -- ja, ich dachte auch daran.

Hauptsächlich aber dachte ich, daß du es wohl tun würdest, weil du so

gut bist, Gösta, weil du ein Held bist und dich aufopfern kannst. Aber

das ist vielleicht zu viel verlangt. Vielleicht _kann_ ein Mann nicht so

viel tun. Wenn du mich zu sehr verachtest, wenn es dir gar zu sehr

zuwider ist, als Vater eines andern Kindes genannt zu werden, so sage es

nur. Ich will dir nicht zürnen. Ich sehe sehr wohl ein, daß es zu viel

verlangt ist, aber das Kind ist krank, Gösta. Es ist so hart, daß man

bei seiner Taufe nicht den Namen von seiner Mutter Gatten nennen kann.«

Während er ihr zuhörte, empfand er dasselbe wie damals, als er sie an

jenem Frühlingstage an Land setzen und sie ihrem Schicksal überlassen

mußte. Jetzt mußte er ihr helfen, ihre Zukunft zu zerstören, ihre ganze

Zukunft. Er mußte das tun, er, der sie liebte!

»Ich will alles tun, was Frau Gräfin wünschen!« sagte er.

Am nächsten Tage sprach er mit dem Propst in Bro, denn Svartsjö ist eine

Nebenpfarre von Bro, und dort sollte das Aufgebot stattfinden. Der gute

alte Propst wurde gerührt und versprach, alle Verantwortung und die

Erfüllung aller Formalitäten zu übernehmen.

»Ja,« sagte er, »du mußt ihr helfen, Gösta, das mußt du tun. Sie könnte

sonst leicht wahnsinnig werden. Sie glaubt, daß sie dem Kinde einen

Schaden zugefügt hat, weil sie seinen Vater nicht hat angeben können.

Sie hat ein sehr zartes Gewissen, diese junge Frau.«

»Aber ich weiß, daß ich sie unglücklich machen werde,« rief Gösta aus.

»Das mußt du nicht tun, Gösta! Du mußt ein vernünftiger Mann werden,

jetzt, wo du für Frau und Kind zu sorgen hast.«

Der Propst wollte nach Svartsjö hinabfahren und mit dem Pfarrer und dem

Amtmann reden. Das Ende vom Liede war, daß am nächsten Sonntag Gösta

Berling und Elisabeth von Thurn in der Svartsjöer Kirche aufgeboten

wurden.

Dann wurde des Kindes Mutter mit der größten Vorsicht nach Ekeby

gefahren, und dort wurde das Kind getauft.

Der Propst sprach mit ihr und sagte ihr, daß sie ihren Entschluß noch

rückgängig machen könne. Ehe sie sich mit einem Manne wie Gösta Berling

verheirate, müsse sie an ihren Vater schreiben.

»Ich kann es nicht bereuen«, sagte sie. »Denkt doch, wenn mein Kind

sterben sollte, ehe es einen Vater bekommen hat!«

Als das Aufgebot zum drittenmal verlesen wurde, war des Kindes Mutter

schon mehrere Tage wieder ganz frisch und gesund gewesen. Am Nachmittage

kam der Propst und traute sie und Gösta Berling. Niemand aber dachte

daran, daß dies eine Hochzeit sei. Es waren keine Gäste geladen. Man

verschaffte nur dem Kinde einen Vater, das war das Ganze.

Des Kindes Mutter strahlte in stiller Freude, als wenn sie ein großes

Ziel erreicht hätte. Der Bräutigam war betrübt. Er dachte daran, wie sie

ihre Zukunft durch die Ehe mit ihm verdarb. Er merkte mit Entsetzen, daß

er eigentlich gar nicht für sie existierte. Alle ihre Gedanken waren bei

dem Kinde.

Einige Tage darauf wurden des Kindes Vater und Mutter in Trauer

versetzt. Das Kind war während eines Krampfanfalls gestorben.

Es wollte manchem scheinen, als wenn des Kindes Mutter nicht so heftig

und tief trauere, wie man erwartet hatte. Es lag ein Ausdruck von

Triumph über ihr. Es war, als jubele sie, daß sie ihre ganze Zukunft um

des Kindes willen zerstört hatte. Wenn der Kleine zu den Engeln

hinaufkam, würde er sich doch erinnern, daß er auf Erden eine Mutter

gehabt hatte, die ihn liebte.

* * * * *

Dies alles ging still und unbemerkt vor sich. Als Gösta Berling und

Elisabeth von Thurn in der Svartsjöer Kirche aufgeboten wurden, wußten

die meisten nicht einmal, wer die Braut war. Die Geistlichen und die

Edelleute, die über die Sache Bescheid wußten, sprachen so wenig wie

möglich davon. Es war, als fürchteten sie, daß der eine oder der andere,

der den Glauben an die Macht des Gewissens verloren hatte, der

Handlungsweise der jungen Frau eine üble Deutung geben möge. Man war so

besorgt, daß jemand sagen könne: »Da könnt ihr sehen, es ist doch wahr

gewesen, daß sie ihre Liebe zu Gösta nicht überwinden konnte; jetzt hat

sie sich unter einem Vorwand, der ja recht edel erscheint, mit ihm

verheiratet.« Ach, die Alten behandelten die junge Frau stets mit so

großer Zartheit. Niemals duldeten sie es, daß man schlecht von ihr

sprach. Sie wollten kaum einräumen, daß sie gesündigt hatte. Sie wollten

nicht sehen, daß diese Seele, die so ängstlich vor allem Bösen war, von

Sünde befleckt sein könne.

Ein anderes großes Ereignis, das gerade um dieselbe Zeit geschah, trug

auch dazu bei, daß Gösta Berlings Ehe nicht mehr beredet wurde. Major

Samzelius wurde von einem Unglück betroffen. Er war mehr und mehr

sonderlich und menschenscheu geworden. Er verkehrte fast ausschließlich

mit Tieren und hatte auf Sjö einen ganzen kleinen Tierpark um sich

versammelt. Gefährlich war er auch, denn er hatte stets eine geladene

Flinte bei sich und feuerte sie einmal über das andere ab, ohne darauf

zu achten, wohin der Schuß ging. Eines Tages wurde er von einem zahmen

Bären gebissen, den er versehentlich angeschossen hatte. Das verwundete

Tier stürzte sich über ihn, während er dicht vor dem Gitter stand, und

biß ihn in den Arm. Dann brach es aus der Gefangenschaft aus und

flüchtete in den Wald.

Der Major wurde bettlägerig und starb an dieser Wunde, aber erst kurz

vor Weihnachten. Hätte die Majorin gewußt, daß er krank daniederlag, so

hätte sie die Herrschaft über Ekeby wieder übernehmen können. Aber die

Kavaliere wußten, daß sie nicht kommen würde, ehe ihr Jahr verstrichen

war.

=Amor vincit omnia=

Unter der Treppe zu der Pulpitur in der Svartsjöer Kirche befindet sich

eine Rumpelkammer, die ganz angefüllt ist mit allerlei altem Gerümpel:

mit zerbrochenen Grabscheiten, unbrauchbaren Kirchenbänken und

dergleichen.

Da drinnen, wo der Staub dick liegt und sie gleichsam vor jedem

menschlichen Auge verbirgt, steht eine mit dem reichsten

Perlmuttermosaik eingelegte Truhe. Wischt man den Staub davon ab, so

scheint sie zu schimmern und zu strahlen wie eine Felswand in einem

Märchen. Die Truhe ist verschlossen, und der Schlüssel ist gut verwahrt.

Sie darf nicht geöffnet werden; kein Sterblicher darf einen Blick

dahinein werfen. Niemand weiß, was darin ist. Erst wenn das neunzehnte

Jahrhundert verstrichen ist, darf der Schlüssel in das Schloß gesteckt,

der Deckel aufgehoben, dürfen die Schätze, die hier verschlossen liegen,

von Menschen erblickt werden. Also hat er es angeordnet, der einst diese

Truhe besaß.

Auf der Messingplatte des Deckels steht eine Inschrift: =»Labor vincit

omnia«=. Aber eine andere Inschrift würde besser gepaßt haben: =»Amor

vincit omnia«= hätte dort stehen sollen. Denn sogar die alte Truhe in der

Rumpelkammer ist ein Zeugnis von der Allmacht der Liebe.

O Eros, du alles beherrschender Gott!

Du, o Liebe, bist der in Wahrheit Ewige. Alt ist das Menschengeschlecht

auf Erden, du aber gabst ihm durch alle Zeiten das Geleite.

Wo sind die Götter des Ostens, die starken Helden, deren Waffe der

Blitzstrahl war, sie, die an den Ufern der heiligen Flüsse Opfer aus

Milch und Honig in Empfang nahmen? Tot sind sie. Tot ist Bel, der

mächtige Krieger, und Thoth, der Riese mit dem Ibiskopf. Tot sind die

Herrlichen, die auf den Wolkenlagern des Olymps ruhten, wie auch die

Tatenreichen, die in dem schildgedeckten Walhall wohnten. Alle die

alten Götter sind tot, mit Ausnahme von Eros -- von Eros, dem

Allbeherrschenden.

Alles, was du siehst, ist sein Werk. Er erhält die Geschlechter. Siehe

ihn überall! Wo kannst du gehen, ohne eine Spur seines Fußes zu finden?

Was hat dein Ohr vernommen, in dem nicht das Sausen seiner Schwingen der

Grundton war? Er wohnt in dem Herzen der Menschen und in dem

schlummernden Samenkorn. Fühle mit Beben seine Nähe in den toten Dingen!

Was gibt es wohl, das sich nicht sehnt, das sich nicht hingezogen fühlt?

Alle Götter der Rache werden fallen, alle Götter der Stärke und Macht.

Du, o Liebe, bist der in Wahrheit Ewige!

* * * * *

Der alte Onkel Eberhard sitzt an seinem Schreibtisch, einem prächtigen

Möbel mit hundert Schubfächern, mit einer Marmorplatte und mit Beschlag

aus dickem Messing. Er arbeitet mit Eifer und Fleiß allein oben im

Kavalierflügel.

Aber Eberhard, warum streifst du nicht umher in Wald und Feld in diesen

letzten flüchtigen Sommertagen, so wie die andern Kavaliere? Niemand,

das weißt du, darf ungestraft der Göttin der Weisheit huldigen. Dein

Rücken ist gebeugt, obwohl du nur sechzig Jahre alt bist, das Haar, das

deinen Scheitel bedeckt, ist nicht dein eigenes, die Runzeln scharen

sich auf deiner Stirn, die sich über den eingefallenen Augenhöhlen

wölbt, und alle die vielfältigen Stellungen, die die Degen zweier

Fechter in einem Duell einnehmen können, zeichnen sich in den tausend

Runzeln um deinen zahnlosen Mund ab. Eberhard, Eberhard, warum streifst

du nicht umher in Wald und Feld? Der Tod wird dich nur um so schneller

von deinem Schreibpult trennen, dich, der du das Leben dich nicht von

ihm fortlocken läßt.

Onkel Eberhard macht einen dicken Tintenstrich unter die letzte Linie.

Und dann entnimmt er den unzähligen Schubfächern des Pultes alte

vergilbte Haufen dichtbeschriebenen Papiers, alle die verschiedenen

Teile seines großen Werkes, des Werkes, das Eberhard Berggrens Namen

durch alle Zeiten tragen soll. Aber gerade als er den einen Haufen auf

den andern gestapelt hat und sie in stummem Entzücken anstarrt, tut sich

die Tür auf und die junge Gräfin tritt herein.

Da ist sie, die junge Herrin der alten Herren. Sie, der sie mehr dienen,

die sie mehr anbeten, als Großeltern den ersten Enkel anbeten und ihm

dienen. Da ist sie, die sie in Armut und Krankheit gefunden und der sie

nun alle Herrlichkeiten der Welt geschenkt haben, wie es der König im

Märchen mit dem armen Mädchen machte, das er im Walde fand. Für sie

ertönen Waldhorn und Violinen auf Ekeby. Für sie atmet, regt sich und

arbeitet alles auf dem großen Gut.

Sie ist jetzt wieder gesund, wenn auch noch sehr schwach. Die Einsamkeit

in dem großen Haus bedrückt sie ein wenig, und da sie weiß, daß die

Kavaliere weg sind, will sie sehen, wie es in dem Kavalierflügel, diesem

berüchtigten Ort, aussieht.

Also kommt sie leise herein und sieht sich um, betrachtet die

weißgetünchten Wände und die gelbgewürfelten Bettvorhänge. Sie sieht

Göstas Drechselbank, Löwenbergs Tisch, an dem er seinen Beethoven auf

gemalten Tasten spielt, die ausgestopfte Krähe über Kristian Berghs

Bett und das Bärenfell vor Major Fuchs' Ruhestatt. In der einen Ecke

sieht sie die sonderbare Webarbeit, die Beerencreutz' Zeitvertreib ist.

Er hat die Kette auf dem Fußboden ausgespannt und schlägt den Eintrag

ohne Hilfe von Webstuhl oder Schiffchen auf. Sie sieht den Stuhl am

Ofen, auf dem Vetter Kristoffer das Leben ohne Taten und ohne Namen

verträumt. Patron Julius' geschnitzte Vorratstruhe, Liliencronas

Violinkasten, Kevenhüllers Ranzen und Knotenstock, Rusters Punschlöffel

-- alles sieht sie, aber sie wird verlegen, als sie entdeckt, daß das

Zimmer nicht leer ist.

Onkel Eberhard geht ihr feierlich entgegen und führt sie an den großen

Haufen betriebenen Papiers.

»Seht, Gräfin,« sagt er, »jetzt ist mein Werk beendet. Jetzt soll das,

was ich geschrieben habe, in die Welt hinaus. Jetzt werden große Dinge

geschehen.«

»Was wird denn geschehen, Onkel Eberhard?«

»Ja, Gräfin, es wird niederschlagen wie ein Blitz, wie ein Blitz, der

leuchtet und tötet. Seit ihn Moses aus der Donnerwolke des Berges Sinai

hervorgezogen und ihn in dem Allerheiligsten des Tabernakels auf den

Gnadenstuhl gesetzt hat, seit der Zeit hat er sicher und ruhig

dagesessen, der alte Jehova; aber jetzt sollen die Menschen sehen, was

er ist: Einbildung, Leere, Dunst, die totgeborene Ausgeburt unseres

eigenen Gehirns. Er soll zu nichts zusammensinken!« rief der Greis aus

und legte seine runzelige Hand auf den Papierhaufen. »Hier steht es, und

wenn die Menschen es erst lesen, dann _müssen_ sie es glauben. Sie werden

auffahren und ihre eigene Dummheit sehen; sie werden das Kreuz als

Brennholz, die Kirchen zu Kornspeichern gebrauchen, und die Geistlichen

werden den Erdboden pflügen.«

»O Onkel Eberhard,« sagt die Gräfin mit einem leichten Schaudern,

»stehen da wirklich so schreckliche Dinge?«

»Schrecklich?« wiederholt der Alte. »Das ist ja die Wahrheit. -- Aber wir

sind wie die Kinder, die den Kopf in dem Rock einer Frau verbergen,

sobald sie einem Fremden begegnen; wir haben uns daran gewöhnt, uns vor

der Wahrheit zu verstecken, vor dem ewig Fremden. Aber nun wird sie

kommen und unter uns wohnen, nun wird sie von allen gekannt sein.«

»Von allen?«

»Nicht nur von den Philosophen, sondern von allen, verstehen Frau

Gräfin, von allen.«

»Und dann soll Jehova sterben?«

»Er und alle Engel, alle Heiligen, alle Teufel, alle Lügen.«

»Wer soll dann die Welt regieren?«

»Glauben Frau Gräfin, daß jemand sie bisher regiert hat? Glauben Frau

Gräfin an diese Vorsehung, die acht gibt auf die Sperlinge und auf das

Haar auf dem Haupte? Niemand hat sie regiert, und niemand wird sie

regieren.«

»Aber wir, wir Menschen, was wird denn aus uns?«

»Dasselbe, was immer aus uns geworden ist: Staub. Wer ausgebrannt ist,

kann nicht mehr brennen; er ist tot. Wir sind Brennmaterial, das von den

Flammen des Lebens umflackert wird. Der Funke des Lebens fliegt von dem

einen zu dem andern. Er wird angezündet, flammt auf und erlischt. Das

ist das Leben.«

»O Eberhard, gibt es denn kein ewiges Leben?«

»Keins.«

»Nichts jenseits des Grabes?«

»Nichts.«

»Nichts Gutes, nichts Böses, kein Ziel, keine Hoffnung?«

»Nichts!«

Die junge Gräfin tritt an das Fenster. Sie sieht hinaus auf das

gelbwerdende Laub des Herbstes, auf Georginen und Astern, die die

schweren Köpfe auf den vom Herbstwind geknickten Stengeln hängen lassen.

Sie sieht die schwarzen Wellen des Löfsees, den finsteren Gewitterhimmel

des Herbstes, und einen Augenblick gibt sie sich der Verleugnung hin.

»Onkel Eberhard,« sagt sie, »wie grau und häßlich die Welt ist, wie

unnütz und eitel alles ist. Ich will mich hinlegen und sterben.«

Aber da hört sie gleichsam eine Klage in ihrer eigenen Seele. Die

starken Kräfte des Lebens und die warmen Gefühle schreien laut nach dem

Glück zu leben.

»Gibt es denn nichts,« ruft sie aus, »was dem Leben Schönheit verleihen

kann, wenn ihr mir Gott und die Unsterblichkeit genommen habt?«

»Die Arbeit!« antwortet der Alte.

Sie aber sieht wieder hinaus, und ein Gefühl der Verachtung vor dieser

armseligen Welt beschleicht sie. Das Unergründliche erhebt sich vor ihr,

sie sieht den Geist in allem wohnen, sie fühlt die Kraft, die in der

scheinbar toten Materie gebunden liegt, die sich aber zu tausendfältig

wechselndem Leben entwickeln kann. Mit schwindelnden Gedanken sucht sie

nach einem Namen für das Vorhandensein von Gottes Geist in der Natur.

»Ach, Eberhard,« sagt sie, »was ist Arbeit? Ist das ein Gott? Hat sie

ein Ziel in sich selbst? Nenne etwas anderes!«

»Ich weiß nichts anderes«, erwidert der Alte.

Aber nun hat sie den Namen gefunden, den sie sucht, einen armen, oft

geschändeten Namen.

»Onkel Eberhard, warum nennst du nicht die Liebe?«

Da gleitet ein Lächeln über den zahnlosen Mund, um den sich die vielen

Runzeln kreuzen.

»Hier,« sagt der Philosoph und schlägt mit der geballten Faust auf den

großen Haufen, »hier werden alle Götter gemordet, und ich habe Eros

nicht vergessen. Was ist die Liebe anders als das Bedürfnis des

Fleisches? Warum sollte sie höher stehen als andere Forderungen des

Körpers? Mache den Hunger zu einem Gott! Mache die Müdigkeit zu einem

Gott! Sie sind ebenso würdig. Aber diese Torheiten sollen ein Ende

haben! Die Wahrheit soll leben!«

Da senkt die junge Gräfin das Haupt. So ist es nicht. Es ist nicht wahr,

dies, aber sie kann nicht mit ihm streiten.

»Deine Worte haben meine Seele verwundet,« sagt sie, »aber noch glaube

ich dir nicht. Die Götter des Hasses und der Rachsucht könnt ihr töten,

aber nur sie.«

Aber der Alte ergreift ihre Hand, legt sie auf das Buch und erwidert mit

dem Fanatismus des Unglaubens:

»Wenn du dies gelesen hast, mußt du glauben!«

»Dann möge es mir niemals vor Augen kommen,« sagt sie, »denn wenn ich es

glaube, kann ich nicht leben.«

Und sie verläßt den Philosophen, in Kummer versunken. Er aber sitzt

lange da und grübelt, nachdem sie gegangen ist. --

Diese alten Hefte, dicht beschrieben mit gotteslästerlichen Worten, sind

noch nicht von der Welt geprüft. Noch hat Onkel Eberhards Name die

Zinnen des Ruhmes nicht erklommen.

Sein großes Werk liegt verwahrt in einer Truhe in der Rumpelkammer unter

der Pulpiturtreppe in der Svartsjöer Kirche; erst am Ausgang des

Jahrhunderts soll es ans Licht kommen.

Aber warum hat er das getan? Fürchtete er seine Behauptungen nicht

beweisen zu können? War er bange vor Verfolgungen? Ach -- ihr kennt Onkel

Eberhard nicht.

So sollt ihr es denn wissen! Die Wahrheit hat er geliebt, nicht seine

eigene Ehre; darum hat er diese, nicht jene geopfert, damit das Kind,

das er wie ein Vater geliebt hat, im Glauben an das sterben kann, was es

geliebt hat!

O Liebe, du bist der in Wahrheit Ewige!

Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland · 第 42 / 56 题