Patron Julius trug seine rotangemalte Kiste aus dem Kavalierflügel
hinunter. Er füllte ein größeres Lägel, das ihn auf vielen Reisen
begleitet hatte, mit duftendem Pomeranzenbranntwein, den großen,
geschnitzten Vorratskasten packte er voll Brot und Butter und alten
Käse, schön grün und braun schattiert, voll fetten Schinken und
Reiskuchen, die in Himbeerkompott schwimmen.
Und dann ging Patron Julius umher und sagte allen Herrlichkeiten Ekebys
mit tränenden Augen Lebewohl. Er streichelte zum letztenmal die
blankgeschliffenen Kegelkugeln und die rotwangigen Kinder auf dem Hügel.
Er ging umher zu den Lauben im Garten und zu den Grotten im Park. Er war
im Stall und in den Scheunen, streichelte die Pferde, rüttelte den bösen
Stier an den Hörnern und ließ sich die Hände von den Kälbern lecken.
Schließlich ging er mit fließenden Tränen in das Hauptgebäude hinauf, wo
das Abschiedsfrühstück seiner harrte.
Wehe über das Dasein! Wie kann es so viel Elend enthalten? Da war Gift
in den Speisen, Galle im Wein. Die Kehlen der Kavaliere waren vor
Gemütsbewegung zusammengeschnürt so wie seine eigene. Der Schleier der
Tränen lag wie ein Nebel vor seinen Blicken. Die Abschiedsrede wurde von
Schluchzen unterbrochen. Wehe über das Dasein! Sein Leben würde hinfort
nur eine einzige lange Sehnsucht sein. Niemals sollten sich seine Lippen
zu einem Lächeln formen. Die Lieder würden aus seiner Erinnerung
fortstreben, wie die Blumen von der herbstkalten Erde fortsterben. Er
würde verblassen, abfallen, welken wie eine frostgeknickte Rose, wie
eine dürstende Lilie. Nie wieder sollten die Kavaliere den armen Julius
sehen. Schwere Ahnungen durchzuckten seine Seele, wie Schatten von
sturmgepeitschten Wolken über frisch gepflügte Felder dahinjagen. Er
wollte nach Hause reisen, um zu sterben.
Blühend von Gesundheit und Kraft stand er jetzt vor ihnen. Nie wieder
sollten sie ihn so sehen. Nie mehr sollten sie ihn scherzend fragen,
wann er zuletzt seine eigenen Knie gesehen habe; nie mehr sollten sie
sich seine Wangen zum Kegelspiel wünschen. Das Übel hat sich ihm schon
in Leber und Lunge festgesetzt. Es wühlte und nagte. Schon lange hatte
er es gefühlt. Seine Tage waren gezählt.
Möchten doch die Ekebyer Kavaliere den Toten in treuer Erinnerung
bewahren! Möchten sie ihn doch niemals vergessen!
Die Pflicht rief ihn. Daheim saß seine Mutter und wartete auf ihn.
Siebzehn Jahre lang hatten sie ihn aus Ekeby heim erwartet. Jetzt hatte
sie geschrieben und ihn nach Hause gerufen, und er wollte gehorchen. Er
wußte, daß es sein Tod sein würde, aber als guter Sohn wollte er
gehorchen.
O, diese göttlichen Festmähler! Diese schönen Fluren, der stolze
Gießbach! O, die jubelnden Märchen, der geliebte Kavalierflügel! O
Violine und Waldhorn, o Leben voll Glück und Freude! Von alledem zu
scheiden war der Tod.
Und dann ging Patron Julius in die Küche hinaus und sagte den Leuten im
Hause Lebewohl. In überströmender Rührung umarmte und küßte er jeden
einzelnen, von der Haushälterin bis zu dem Bettler auf dem Hofe. Die
Mägde weinten und jammerten über sein Schicksal. So ein guter und
munterer Herr sollte sterben, nie sollten sie ihn wiedersehen!
Patron Julius befahl, daß sein Gig aus dem Wagenschuppen herausgeschoben
und sein Pferd aus dem Stall gezogen werden sollte. Was wohl die alte
Kajsa dazu sagen würde, hügelauf und hügelab zu traben nach einer
siebzehnjährigen Ruhe vor der gefüllten Krippe?
Die Stimme war nahe daran, Patron Julius zu versagen, als er diese
Befehle erteilte. So sollte denn das Gig nicht in Ruhe auf Ekeby
vermodern, so sollte denn die alte Kajsa von der bekannten Krippe
getrennt werden. Er wollte nichts Schlechtes von seiner Mutter sagen,
aber sie hätte an die alte Kajsa und an das Gig denken sollen, wenn sie
auch nicht an ihn dachte. Wie sollten die die lange Reise überstehen?
Das Bitterste war aber doch der Abschied von den Kavalieren. Der kleine
rundliche Patron Julius, dessen Figur mehr danach angetan war zu rollen
als zu gehen, fühlte sich tragisch bis in die Fingerspitzen hinein. Er
dachte an den großen Athener, der ruhig den Giftbecher im Kreise seiner
Schüler leerte. Er dachte an den alten König Gustav, der dem
schwedischen Volke prophezeite, daß es einstmals wünschen würde, man
möchte ihn aus seinem Grabe herausgraben.
Schließlich sang er ihnen sein schönstes Lied vor. Er dachte an den
Schwan, der im Singen stirbt. So wünschte er, daß sie sich seiner
erinnern möchten: eines königlichen Geistes, der sich zu keiner Klage
herabläßt, sondern auf den Schwingen der Töne heimfährt.
Endlich war der letzte Becher geleert, war das letzte Lied gesungen,
die letzte Umarmung ausgetauscht. Er zog seinen Mantel an und nahm die
Peitsche in die Hand. Kein Auge ringsumher blieb trocken. Seine eigenen
Augen waren so verschleiert von dem dämmernden Nebel des Leids, daß er
nichts unterscheiden konnte.
Da ergriffen die Kavaliere ihn und trugen ihn Portechaise hinunter.
Hurrarufe umdonnerten ihn. Sie setzten ihn irgendwo nieder, er sah nicht
wo. Eine Peitsche knallte, der Wagen setzte sich mit ihm in Bewegung. Er
fuhr. Als er den Gebrauch seiner Augen wiedergewann, war er draußen auf
der Landstraße.
Wohl hatten die Kavaliere geweint und waren von tiefer Wehmut ergriffen,
aber der Kummer hatte doch nicht alle frohen Gefühle des Herzens bei
ihnen erstickt. Einer von ihnen -- war es Gösta Berling, der Poet, oder
Beerencreutz, der Rabougespieler, der alte Kriegsmann, oder der
lebensmüde Vetter Kristoffer? -- hatte es so eingerichtet, daß die alte
Kajsa nicht aus ihrem Stall und der mottenzerfressene Wagen nicht aus
seinem Schuppen hervorgeholt zu werden brauchte. Sie hatten einen
großen, weißscheckigen Ochsen vor einen Heuwagen gespannt, und nachdem
die rote Kiste, das grüne Lägel und der geschnitzte Vorratskasten auf
den Wagen gestellt waren, wurde schließlich Patron Julius selbst, dessen
Augen von Tränen geblendet waren, nicht auf den Vorratskasten oder auf
die Kiste gesetzt, sondern auf den Rücken des weißscheckigen Ochsen.
Seht, so ist der Mensch, zu schwach, um dem Leid in all seiner
Bitterkeit zu begegnen! O Freunde, sicher beweinten die Kavaliere diesen
Freund, der von dannen zog, um zu sterben, diese welkende Lilie, diesen
sterbenden Singschwan, und doch erleichterte es die Beklommenheit ihres
Herzens, als sie ihn so von dannen ziehen sahen, auf dem Rücken des
großen Ochsen reitend, während sein fetter Körper vom Schluchzen bebte;
seine Arme, zu einem letzten Umfangen ausgebreitet, senkten sich in
Verzweiflung, und seine Augen suchten Gerechtigkeit bei einem strengen
Himmel.
Da draußen auf der Landstraße kehrten dem umnebelten Patron Julius die
Sinne zurück, und er merkte, daß er auf dem schaukelnden Rücken eines
Tieres saß. Und da, so erzählt man, begann er über alles nachzugrübeln,
was sich in siebzehn Jahren ereignen kann. Die alte Kajsa war auffallend
verändert. Hatten die Haferkrippe und die Kleewiesen auf Ekeby so viel
vermocht? Und er rief -- ich weiß nicht, ob die Steine am Wege oder die
Vögel in dem Gesträuch es hörten --, aber wahr ist es, daß er rief: »Der
Teufel soll mich frikassieren, wenn ich nicht glaube, daß du Hörner
bekommen hast, Kajsa!«
Nachdem er noch eine Weile gegrübelt hatte, ließ er sich sanft von dem
Rücken des Ochsen hinabgleiten, stieg in den Heuwagen, setzte sich auf
den Vorratskasten und fuhr in tiefe Gedanken versunken weiter.
Bald darauf, in der Nähe von Broby, vernahm er taktfesten Gesang:
»Eins zwei,
Nur immer zu!
Pantoffel und Schuh.
Die Wermlandjäger kommen herbei!
Eins zwei, eins zwei!«
So tönte es ihm entgegen; aber es waren keine Jäger, es waren die
munteren Fräulein aus Berga und einige von den schönen Töchtern des
Amtmanns aus Munkerud, die des Weges daherkamen. Sie hatten ihre kleinen
Vorratsbeutel an langen Stöcken aufgehängt, die sie wie ein Gewehr
schulterten, und zogen mutig dahin in der Sommerhitze und sangen
taktfest:
»Eins zwei, nur immer zu!«
»Wohin geht die Reise, Patron Julius?« riefen sie, als sie ihm
begegneten, ohne auf die Wolken der Sorge zu achten, die seine Stirn
umflorten.
»Ich ziehe fort aus dem Hause der Sünde und Eitelkeit,« sagte Patron
Julius. »Ich will nicht länger unter Tagedieben und Missetätern
verweilen. Ich kehre heim zu meiner Mutter.«
»Ach!« riefen sie, »das ist ja nicht wahr! Patron Julius kann doch Ekeby
nicht verlassen!«
»Ja,« entgegnete er und schlug mit der geballten Hand auf die
Kleiderkiste. »Wie Loth aus Sodom und Gomorra, so fliehe ich aus Ekeby.
Jetzt gibt es dort nicht _einen_ Gerechten mehr. Aber wenn sich die Erde
unter ihnen auftut, wenn Feuer und Schwefel vom Himmel herabregnen, da
will ich mich über Gottes gerechtes Gericht freuen. Lebt wohl, ihr
kleinen Mädchen! Hütet euch vor Ekeby!«
Er wollte weiterfahren, aber damit waren die munteren Mädchen keineswegs
einverstanden. Sie hatten die Absicht, den Donnerfelsen zu besteigen.
Aber der Weg war lang, und sie hatten wohl Lust, in Julius' Heuwagen bis
an den Fuß des Berges zu fahren. Glücklich, wer sich über den
Sonnenschein des Lebens freuen kann und keiner Kürbispflanze bedarf, um
seinen Scheitel zu beschatten! In zwei Minuten hatten die jungen
Mädchen ihren Willen durchgesetzt. Patron Julius kehrte um und fuhr sie
bis an den Donnerfelsen. Lächelnd saß er auf dem Vorratskasten, während
die jungen Mädchen den Heuwagen füllten. Am Wege entlang wuchsen Winden
und Kamillen und Pechnelken. Der Ochse mußte von Zeit zu Zeit ein wenig
ruhen, dann stiegen die jungen Mädchen ab und pflückten Blumen. Bald
hingen bunte Kränze um Julius' Kopf und um die Hörner des Ochsen.
Ein wenig weiterhin kamen sie an helle, junge Birken und dunkle
Erlenbüsche. Da stiegen sie vom Wagen und brachen Zweige ab, um ihn
damit zu schmücken. Bald war er zu schauen wie ein wandernder Wald. So
ging es den ganzen Tag mit Spiel und Lustigkeit.
Je weiter der Tag vorschritt, um so sanfter und milder wurde Patron
Julius. Er traktierte die jungen Mädchen aus seinem Vorratskasten und
sang ihnen Lieder vor. Als sie auf dem Gipfel des Donnerfelsens standen,
die ausgedehnte Landschaft so stolz und schön unter sich -- da fühlte
Julius sein Herz mächtig pochen, die Worte strömten ihm über seine
Lippen, und er redete über sein geliebtes Land:
»Ach, Wermland,« sagte er, »du schönes, du herrliches Land! Oft wenn ich
dich auf einer Karte vor mir gesehen habe, dann habe ich darüber
nachgedacht, was du eigentlich vorstellst; aber jetzt verstehe ich, was
du bist. Du bist ein alter, frommer Eremit, der mit gekreuzten Beinen,
die Hände im Schoß, still dasitzt und träumt. Du hast eine Zipfelmütze
über deine halbgeschlossenen Augen gezogen. Du bist ein Grübler, ein
heiliger Träumer, und du bist wunderbar schön. Große Wälder sind dein
Gewand. Lange Bänder von blauem Wasser und gerade Reihen von blauen
Bergen verbrämen es. Du bist so natürlich, daß der Fremde nicht sieht,
wie schön du bist. Du hast die Armut, die die Frommen zu besitzen
wünschen. Regungslos sitzest du da, während die Wellen des Wenersees
deine Füße und deine gekreuzten Beine umspülen. Zur Linken breiten sich
deine Erzlager und deine Gruben. Das ist dein pochendes Herz. Gen Norden
liegen die dunklen, schönen Wiesen der Einsamkeit, des Geheimnisvollen.
Das ist dein träumendes Haupt.
»Wenn ich dich sehe, du alter, ernsthafter Riese, so füllen sich meine
Augen mit Tränen. Du bist strenge in deiner Schönheit, du bist Andacht,
Armut, Entsagung, und doch sehe ich mitten in deiner Strenge die sanften
Züge der Milde. Ich sehe dich und bete dich an. Sehe ich nur hinein in
den tiefen Wald, berührt nur ein Zipfel deines Gewandes mich, so findet
meine Seele Heilung. Stunde für Stunde, Jahr für Jahr habe ich in dein
heiliges Antlitz geschaut. Welche Rätsel verbirgst du nicht unter den
gesenkten Augenlidern, du Gottheit der Entsagung? Hast du das Rätsel des
Lebens oder des Todes gelöst, oder grübelst du nach, du Heiliger, du
Riesengleicher? Für mich bist du der Hüter ernster, großer Gedanken.
Aber ich sehe Menschen auf dir und um dich wimmeln, Wesen, die nie die
Hoheit des Ernstes auf deiner Stirn gespürt haben. Sie sehen nur die
Schönheit deines Antlitzes und deiner Glieder und lassen sich davon
betören, so daß sie alles vergessen.
»Wehe mir, wehe uns allen, uns Kindern Wermlands! Schönheit, Schönheit
und nichts weiter verlangen wir vom Leben! Wir, Kinder des Entsagens,
des Ernstes, der Armut, erheben unsere Hände in einem einzigen langen
Gebet und begehren dies einzige Gut: Schönheit! Möge das Leben sein wie
ein Rosenbusch, blühend von Liebe, Wein und Freude, und mögen seine
Rosen einem jeden erreichbar sein! Siehe, dies wünschen wir, und unser
Land trägt die Züge der Strenge, des Ernstes, der Entsagung. Unser Land
ist das ewige Symbol der Grübelei, wir aber haben keine Gedanken.
»O Wermland, du schönes, du herrliches Land!«
So sprach er mit Tränen in den Augen und mit einer Stimme, die vor
Begeisterung bebte. Die jungen Mädchen lauschten ihm voll Staunen, aber
nicht ohne Rührung. Nur wenig ahnten sie die Tiefe des Gefühls, die sich
unter dieser Oberfläche verbarg, die von Scherz und Lachen glitzerte.
Als der Abend nahte und sie wieder auf den Heuwagen stiegen, wußten die
jungen Mädchen kaum, wohin Patron Julius sie gefahren hatte, ehe sie vor
der Treppe von Ekeby hielten.
»Nun wollen wir hierhinein und ein Tänzchen machen, ihr kleinen
Mädchen!« sagte Patron Julius.
Was sagten denn die Kavaliere, als sie Patron Julius herbeikommen sahen,
einen welken Kranz um den Hut und den Wagen voll junger Mädchen?
»Dachten wirs uns doch, daß die jungen Mädchen mit ihm abgezogen wären,«
sagten sie, »sonst hätten wir ihn schon vor Stunden wieder hiergehabt!«
Denn die Kavaliere entsannen sich sehr wohl, daß dies genau das
siebzehnte Mal war, daß Patron Julius den Versuch gemacht hatte, Ekeby
zu verlassen, -- regelmäßig einmal jedes Jahr. Jetzt hatte Patron Julius
sowohl diesen Versuch als auch alles andere vergessen. Sein Gewissen
schlief von neuem seinen einjährigen Schlaf.
Er war ein seltener Mann, dieser Patron Julius. Er war leicht im Tanz,
munter am Spieltisch. Feder und Violinbogen lagen ihm gleich leicht in
der Hand. Er hatte ein leichtbewegliches Herz und schöne Worte auf der
Zunge, sein Mund war voll von Liedern. Aber was hätte ihm dies alles
genützt, wenn er nicht ein Gewissen gehabt hätte, das nur einmal im Jahr
von sich hören ließ, gleich jenen Eintagsfliegen, die sich aus der
dunklen Tiefe erheben und die Flügel ausbreiten, um nur einige Stunden
in Tageslicht und Sonnenschein zu leben.