Ah, stille! St!
Es summt über meinem Kopf! Das muß eine Biene sein, die geflogen kommt.
Aber nein, so sei doch nur still! Welch ein Duft! So wahr ich lebe, sind
das nicht Levkoien und Lavendel und Flieder und Narzissen? Das ist eine
wahre Wohltat an diesem grauen Herbstabend mitten in der Stadt. Wenn ich
nur an das entzückende Fleckchen Erde denke, so fängt es rings um mich
her gleich an zu duften und zu summen, und ehe ich michs versehe,
befinde ich mich mitten in einem kleinen, viereckigen Rosengarten voller
Blumen, von einer Ligustrumhecke eingeschlossen. In den Ecken stehen
Fliederlauben mit schmalen, hölzernen Bänken, und rings um die
Blumenbeete, die wie Sterne und Herzen geformt sind, läuft der schmale,
mit weißem Sand bedeckte Steig. An drei Seiten ist der Rosengarten von
Wald umgeben. Ebereschen und Faulbäume, die halb zivilisiert sind und
schöne Blumen haben, stehen dem Garten zunächst und vermischen ihren
Duft mit dem der Fliederbüsche. Hinter ihnen kommt die Birke, und dann
beginnt der Tannenwald, der richtige Wald, still und finster,
hochaufragend und bärtig.
Und an der vierten Seite liegt ein kleines, graues Haus.
Der Rosengarten, an den ich jetzt denke, war vor sechzig Jahren das
Eigentum der alten Frau Moräus, die sich durch Sticken ernährte. Daneben
ging sie auch als Kochfrau auf die umliegenden Bauernhöfe.
Liebe Freunde! Von allem Guten, was ich euch wünsche, möchte ich in
erster Linie einen Stickrahmen und einen Rosengarten nennen. Einen
großen, altmodischen Stickrahmen von der Art, an denen fünf, sechs
Personen auf einmal arbeiten können, wo man wetteifert, wer am
geschwindesten ist und wessen Kehrseite die hübschesten Stiche
aufzuweisen hat, wo man Bratäpfel ißt und gesellige Spiele spielt und so
dabei lacht, daß die Eichhörnchen vor Schrecken aus den Bäumen
herabfallen. Einen Stickrahmen für den Winter und einen Rosengarten für
den Sommer! Keinen großen Garten, in den man mehr Geld hineingraben muß,
als Vergnügen wieder daraus emporsproßt, nein, einen kleinen
Rosengarten, den man mit den eigenen Händen pflegen kann. Es müssen
kleine Rosenbüsche mitten zwischen den Beeten stehen, und ein Kranz von
Vergißmeinnicht müßte sich um ihren Fuß schlingen, der großblumige Mohn,
der sich selbst sät, müßte überall aufschießen, sowohl in der Rasenkante
als in dem Kieswege, und da müßte eine von der Sonne braungesengte
Rasenbank sein, auf deren Sitz und Lehne Akelei und Kaiserkronen
wachsen.
Die alte Frau Moräus besaß allerlei. Sie hatte drei fröhliche, fleißige
Töchter und ein kleines Haus am Wegesrande. Sie hatte einen Notschilling
auf dem Boden ihrer alten Truhe, dicke seidene Schals, hochlehnige
Stühle und Erfahrung in mancherlei Dingen, die nützlich für denjenigen
sind, der sich sein Brot selber verdienen muß. Das beste aber, was sie
besaß, war der Stickrahmen, der ihr das ganze Jahre hindurch Arbeit gab,
und der Rosengarten, der ihr Freude machte, solange der Sommer währte.
Dann ist noch zu vermelden, daß sich in Frau Moräus' kleinem Häuschen
eine Mieterin befand, eine kleine, verdörrte alte Jungfer von ungefähr
vierzig Jahren, die ein Giebelzimmer auf dem Boden bewohnte. Mamsell
Marie, wie sie allgemein genannt wurde, hatte ihre eigenen Anschauungen
über mancherlei, wie sie derjenige leicht bekommt, der viel allein sitzt
und dessen Gedanken alles das umkreisen, was das Auge einmal gesehen
hat.
Mamsell Marie glaubte, daß die Liebe die Wurzel und der Ursprung zu
allem Bösen hier in dieser traurigen Welt sei.
»Es würde ja das reine Elend werden«, sagte sie. »Ich bin alt und
häßlich und arm. Nein, Gott bewahre mich nur davor, daß ich mich
verliebe.«
Sie saß tagaus, tagein auf der Bodenkammer in Frau Moräus' kleinem
Häuschen und filierte Gardinen und Decken. Die verkaufte sie dann an die
Bauern und auf den Gütern in der Umgegend. Sie hatte sich bald ein
ganzes kleines Haus zusammenfiliert, denn ein kleines Haus auf dem
Aussichtshügel, der Svartsjöer Kirche gegenüber, das war ihr höchster
Wunsch, ein Haus, das hoch oben auf einem Hügel lag, so daß man weit in
die Ferne hinausschauen konnte, das war ihr Traum. Von der Liebe wollte
sie aber nichts wissen.
Wenn sie an Sommerabenden die Violine vom Kreuzwege herüberschallen
hörte, wo der Spielmann auf dem Zaun saß und die Jugend sich zu den
Takten der Polka schwang, daß ihnen der Staub um die Ohren wirbelte, da
machte sie einen langen Umweg durch den Wald, um nur nichts davon zu
hören und zu sehen.
Am zweiten Weihnachtstage, wenn die Bauernbräute kamen, oft fünf bis
sechs an der Zahl, um von Madame Moräus und ihren Töchtern angekleidet
zu werden, wenn sie mit Myrtenkränzen und hohen, mit Glasperlen
verzierten Kronen, mit Gürteln aus Seide und selbstgemachten Rosen
geschmückt wurden und das Kleid unten mit einer Girlande aus Stoffblumen
besetzt wurde, da schloß sie sich auf ihrem Zimmer ein, um nur nicht zu
sehen, wie man sie der Liebe zu Ehren herausputzte.
Wenn die Schwestern Moräus an Winterabenden am Stickrahmen saßen und das
große Zimmer von Gemütlichkeit strahlte, wenn die Bratäpfel im Ofen
prasselten und wenn der schöne Gösta Berling oder der gute Ferdinand,
die zu Besuch gekommen waren, die Mädchen neckten, indem sie ihnen den
Faden aus der Nadel zogen oder sie verwirrten, so daß sie schiefe Stiche
machten, und das Zimmer von Gelächter, Geschwätz und Neckereien
widerhallte und die Hände sich unter dem Stickrahmen begegneten, da
rollte sie ärgerlich ihre Filetarbeit auf und ging hinauf, denn sie
haßte die Liebe und alles, was dazu gehörte.
Aber die Übeltaten der Liebe, die kannte sie, und davon wußte sie zu
erzählen. Sie konnte nicht begreifen, daß Gott Amor es noch wagte, sich
auf der Erde zu zeigen, daß er sich nicht hatte verscheuchen lassen
durch die Klagen der Verlassenen, durch die Verfluchungen derer, die er
zu Missetätern gemacht, durch die Weherufe aller, die er in verhaßte
Fesseln geschmiedet hatte. Sie konnte es nicht begreifen, daß seine
Flügel ihn so leicht und frei zu tragen vermochten, daß er nicht in eine
unendliche Tiefe hinabgesunken war, bedrückt von Sorge und Scham.
Nein, auch sie war jung gewesen wie andere, aber die Liebe hatte sie
niemals geliebt. Niemals hatte sie sich zu Tanz und Liebkosungen
verlocken lassen. Verstaubt und ohne Saiten hing die Gitarre ihrer
Mutter auf dem Boden. Niemals sang sie Liebeslieder zu ihren Tönen.
Die Rosenbäume ihrer Mutter standen in ihrem Fenster. Sie begoß sie
kaum. Sie liebte die Blumen nicht, diese Kinder der Liebe! Die Blätter
hingen staubig herab, die Spinnen spannen ihre Gewebe zwischen den
Zweigen, und die Knospen brachen niemals auf. Und in Madame Moräus'
Rosengarten, wo die Schmetterlinge flatterten und Vögel sangen, wo
duftende Blumen den schwärmenden Schmetterlingen Liebesgrüße sandten, wo
alles von dem Verhaßten sprach -- da hinein setzte sie nur selten den
Fuß.
Da geschah es einstmals, daß die Gemeinde von Svartsjö eine Orgel in
ihrer Kirche setzen ließ. Es war in dem Sommer vor dem Jahr, in welchem
die Kavaliere regierten. Ein junger Orgelbauer kam in den Ort. Auch er
mietete sich bei Frau Moräus ein und bewohnte das zweite kleine
Giebelstübchen auf dem Boden.
Und dann stellte er die Orgel auf, die so wunderliche Töne hat, deren
gewaltige Posaunenstimme plötzlich hervorbricht, niemand weiß, woher
oder wodurch; mitten in einem friedlichen Gesang erschallt sie, so daß
die Kinder in der Kirche anfangen zu weinen.
Daß der junge Orgelbauer kein Meister in seiner Kunst war, mag ja sein.
Aber ein lustiger Bursch war er, mit Sonnenschein in den Augen. Er hatte
freundliche Worte für einen jeden, reich oder arm, alt oder jung. Er
ward bald der gute Freund seiner Hausgenossen -- ach, mehr als ein
Freund!
Wenn er des Abends von seiner Arbeit heimkehrte, hielt er Madame Moräus
das Garn und arbeitete an der Seite der jungen Mädchen im Rosengarten.
Da deklamierte er »Axel« und sang »Frithjof«. Da nahm er Mamsell Mariens
Knäuel auf, wie oft sie es auch fallen ließ, ja brachte sogar ihre alte
Tafeluhr so weit, daß sie wieder ging.
Niemals verließ er einen Ball, ohne mit allen getanzt zu haben, von der
ältesten Frau bis zu dem jüngsten kleinen Mädchen; und wenn ihn ein
Mißgeschick betraf, setzte er sich neben das erste weibliche Wesen und
machte es zu seiner Vertrauten. Ja, er war ein Mann, wie ihn die Frauen
in ihren Träumen erschaffen. Ich will nicht sagen, daß er zu irgendeiner
von Liebe sprach. Als er aber einige Wochen in Madame Moräus' kleinem
Giebelstübchen gewohnt hatte, waren alle Töchter in ihn verliebt, und
selbst die arme Mamsell Marie wußte, daß sie alle ihre Gebete umsonst
gebetet hatte.
Es war eine Zeit des Kummers und eine Zeit der Freude. Tränen fielen auf
den Stickrahmen und löschten die Kreidestriche aus. Zur Abendzeit saß
oft eine bleiche Träumerin in der Fliederlaube, und oben in Mamsell
Mariens kleiner Kammer wurden neue Saiten an die Gitarre befestigt und
zu deren Tönen altmodische Liebeslieder gesungen, die sie von ihrer
Mutter gelernt hatte.
Der junge Orgelbauer aber ging sorglos und fröhlich umher, streute
Lächeln und Dienstleistungen unter diese sehnsuchtsvollen Frauen aus,
die sich um ihn stritten, wenn er fern vom Hause bei seiner Arbeit war.
Und endlich kam der Tag, an dem er reisen mußte.
Der Wagen stand vor der Tür, das Gepäck war schon aufgeladen, und der
junge Mann sagte Lebewohl. Er küßte Madame Moräus die Hand, umarmte die
weinenden Mädchen und küßte sie auf die Wangen. Er weinte selber, weil
er gezwungen war zu reisen, denn er hatte einen sonnenhellen Sommer in
dem kleinen Hause verlebt. Zu allerletzt sah er sich nach Mamsell Marie
um.
Da kam sie in ihrem besten Staat die enge Bodentreppe herab. Die Gitarre
hing ihr an einem breiten, grünen, seidenen Bande um den Hals, und in
der Hand hielt sie einen Strauß Monatsrosen, denn in diesem Jahre hatten
die Rosenbäume ihrer Mutter Blüten getragen.
Sie stand vor dem jungen Manne still, klimperte auf der Gitarre und
sang:
»Du reisest nun von uns. Ach, kehr einst zurück,
Wir sehen dich scheiden mit Schmerzen.
Vergiß nicht die Freunde in deinem Glück,
Wir tragen dich treulich im Herzen.«
Darauf befestigte sie die Blumen in seinem Knopfloch und küßte ihn
gerade auf den Mund. Ja, und dann floh sie die Bodentreppe hinauf -- die
arme Alte!
Die Liebe hatte sich an ihr gerächt und sie zum Gespött für alle
gemacht. Sie aber hat nie wieder auf die Liebe gescholten. Sie legte die
Gitarre nicht wieder beiseite und hat es nie wieder verlernt, die
Rosenbäume ihrer Mutter zu pflegen.
»Lieber traurig mit der Liebe, als fröhlich ohne sie«, pflegte sie zu
sagen.
* * * * *
Die Zeit ging dahin. Die Majorin wurde von Ekeby fortgejagt, die
Kavaliere kamen ans Ruder und es geschah, wie vorhin erzählt ist, daß
Gösta Berling eines Abends der jungen Gräfin auf Borg ein Gedicht vorlas
und daß sie ihm darauf die Tür wies.
Man erzählt, daß, als Gösta Berling die Tür hinter sich schloß, er
einige Schlitten vor der Freitreppe vorfahren sah. Er warf einen Blick
auf die kleine Dame, die in dem ersten Schlitten saß. Wie dunkel auch
die Stunde für ihn war, wurde sie bei diesem Anblick doch noch dunkler.
Er eilte von dannen, um nicht erkannt zu werden, aber eine Vorahnung von
kommendem Unheil erfüllte seinen Sinn. Hatte die Unterhaltung da drinnen
diese Frau herbeigezaubert? Ein Unglück hat stets ein anderes im
Gefolge.
Diener kamen herbeigeeilt, Fußsäcke wurden aufgeknöpft, Decken beiseite
geworfen. Wer war denn gekommen? War es wirklich Märta Dohna selber, die
weitberühmte Gräfin?
Sie war die heiterste und leichtsinnigste von allen Frauen. Die Weltluft
hatte sie auf ihren Thron erhoben und sie zu ihrer Königin gemacht.
Spiele und Scherze waren ihre Untertanen. Spiel und Tanz und Abenteuer
waren ihr als Anteil zugefallen, als die Lebenslose verteilt wurden. Sie
war jetzt nicht weit von den Fünfzigern, aber sie gehörte zu den weisen
Menschen, die nicht die Zahl der Jahre zählen. »Wer den Fuß nicht mehr
zum Tanz, den Mund nicht mehr zum Lächeln bewegen kann,« pflegte sie zu
sagen -- »der ist alt. Der kennt die schwere Last der Jahre -- nicht ich.«
In den Tagen ihrer Jugend saß die Freude nicht ungestört auf ihrem
Thron, aber die Unsicherheit und das Schwankende machten das lustige
Dasein Ihrer Majestät nur noch lustiger. Ihre Majestät mit den
Schmetterlingsflügeln gab den einen Tag eine Kaffeegesellschaft in den
Hofdamenzimmern auf dem Stockholmer Schloß, tanzte den nächsten Tag im
Frack und mit dem Knotenstock bewaffnet in Paris, besuchte Napoleons
Feldlager, segelte auf Nelsons Flotte über das blaue Mittelmeer, wohnte
einem Kongreß in Wien bei, wagte sich am Tage vor einer berühmten
Schlacht auf einen Ball nach Brüssel. Und wo die Freude war, da war
Gräfin Märta ihre auserwählte Königin. Tanzend, spielend, scherzend
durchflog Gräfin Märta die Welt. Was hatte sie nicht gesehen, was hatte
sie nicht erlebt? Sie hatte Throne umgetanzt, um Fürstentümer im Ecarté
gespielt, hatte darüber gelacht, wenn verheerende Kriege über Europa
dahingebraust waren.
War die Freude zeitenweise heimatlos in der zu einem Schlachtfeld
verwandelten Welt, so pflegte sie auf längere oder auf kürzere Zeit nach
dem alten Grafenschloß am Löfsee zu ziehen. Dahin war sie auch gezogen,
als die Fürsten und ihr Hof ihr zur Zeit der Heiligen Allianz zu
trübselig wurden. In einer solchen Zeit hatte sie es für gut befunden,
Gösta Berling zum Hauslehrer ihres Sohnes zu machen. Sie pflegte sich
wohl zu fühlen da oben. Niemals hatte die Freude ein herrlicheres Reich.
Da waren Gesang und Spiel, zu Abenteuern aufgelegte Männer und schöne,
lebensfrohe Frauen. Da fehlte es nicht an Gastmählern oder Bällen, an
Segelfahrten auf mondbeschienenen Seen oder Schlittenfahrten durch
dunkle Wälder oder an herzerschütternden Ereignissen oder an der Liebe
Freuden und Schmerzen. Seit dem Tode ihrer Tochter aber hatte sie ihre
Besuche auf Borg eingestellt; sie hatte das Schloß seit fünf Jahren
nicht gesehen. Jetzt kam sie, um sich zu überzeugen, wie ihre
Schwiegertochter das Leben da oben zwischen den Tannenwäldern,
Schneeschanzen und Bären aushalten könne. Sie hielt es für ihre Pflicht,
nachzusehen, ob der dumme Henrik sie nicht mit seiner Langweiligkeit zu
Tode gepeinigt hatte. Jetzt wollte sie des Hauses milder Engel sein.
Sonnenschein und Glück lagen wohlverpackt in ihren vierzig ledernen
Koffern, Heiterkeit hieß ihre Kammerzofe, Scherz ihr Kutscher, Spiel
ihre Gesellschaftsdame.
Und als sie die Treppe hinaufflog, wurde sie mit offenen Armen
empfangen. Ihre alte Wohnung im unteren Stockwerk stand für sie bereit.
Ihr Diener, ihre Kammerzofe, ihre Gesellschaftsdame, ihre vierzig
ledernen Koffer, ihre dreißig Hutschachteln, ihre Necessaires, ihre
Schals und Pelze, alles kam nach und nach ins Haus. Überall herrschte
Lärm und geschäftiges Treiben. Türen wurden zugeschlagen, man lief
treppauf und treppab. Es war nicht schwer zu merken, daß Gräfin Märta
gekommen war.
* * * * *
Es war an einem Frühlingsabend, an einem wundervollen Abend, obwohl man
sich erst im April befand und das Eis noch nicht geschmolzen war.
Mamsell Marie saß oben auf ihrer Kammer vor dem offenen Fenster,
klimperte auf der Gitarre und sang.
Sie war so vertieft in ihr Spiel und in ihre Erinnerungen, daß sie es
nicht bemerkte, wie ein Wagen des Weges kam und vor dem kleinen Hause
hielt. Im Wagen saß Gräfin Märta und die hatte ihren Spaß daran, Mamsell
Marie zu beobachten, die am Fenster saß, die Gitarre an einem Bande um
den Hals, die Augen gen Himmel gerichtet, und alte, längst abgedroschene
Liebeslieder sang. Schließlich stieg die Gräfin vom Wagen und trat in
das Zimmer, wo die jungen Mädchen um den Stickrahmen saßen. Hochmütig
war sie nicht; der Wind der Revolution hatte sie umsaust und ihr frische
Luft in die Lungen geblasen.
Sie bestellte Stickereien bei Madame Moräus und lobte die Töchter. Sie
schaute sich im Rosengarten um und erzählte von ihren Reiseabenteuern.
Sie erlebte stets Abenteuer. Schließlich wagte sie sich die Bodentreppe
hinauf, die entsetzlich steil und schmal war, und besuchte Mamsell Marie
auf ihrem Giebelstübchen.
Dort ließ sie ihre schwarzen Augen über das einsame kleine Wesen blitzen
und ihre melodische Stimme einschmeichelnd in die Ohren der alten
Jungfer klingen. Sie kaufte Gardinen von ihr. Sie könne nicht leben auf
Schloß Borg, ohne filierte Gardinen vor allen Fenstern zu haben, und auf
allen Tischen müsse sie von Mamsell Mariens filierten Decken haben.
Dann ergriff sie ihre Gitarre und sang ihr von Freude und Liebe. Sie
erzählte ihr Geschichten, so daß sich Mamsell Marie mitten in die
heitere, brausende Welt hinausversetzt fühlte. Und der Gräfin Lachen war
eine solche Musik, daß die verfrorenen Vögel im Rosengarten zu singen
begannen, als sie es hörten, und ihr Antlitz, das kaum mehr schön war --
denn der Teint war durch Schminke verdorben, und um den Mund lagen Züge
roher Sinnlichkeit --, erschien Mamsell Marie so schön, daß sie nicht
begriff, wie der kleine Spiegel es verschwinden lassen konnte, wenn er
es einmal auf seiner blanken Fläche aufgefangen hatte. Als sie ging,
küßte sie Mamsell Marie und bat sie, nach Borg zu kommen.
Mamsell Mariens Herz stand leer, wie die Schwalbennester zur
Weihnachtszeit. Sie war frei, aber gleich dem alten, freigelassenen
Sklaven seufzte sie nach Ketten.
Jetzt begann abermals eine Zeit der Freuden und der Sorgen für Mamsell
Marie; sie währte aber nicht lange -- nur acht kurze Tage. Die Gräfin
holte sie jeden Augenblick nach Borg. Sie spielte ihr Komödie vor und
erzählte von ihren Freiern, und Mamsell Marie lachte, wie sie nie im
Leben gelacht hatte. Sie wurden die besten Freundinnen von der Welt.
Bald wußte die Gräfin alles von dem jungen Orgelbauer und von dem
stattgefundenen Abschied. Und in der Dämmerstunde brachte sie Mamsell
Marie so weit, daß sie sich in dem kleinen blauen Kabinett in die
Fensternische setzte, die Gitarre um den Hals hängte und Liebeslieder
sang. Dann beobachtete die Gräfin, wie die trocknen, mageren Finger und
der häßliche kleine Kopf der alten Jungfer sich gegen den roten
Abendhimmel abhoben, und sie sagte, daß die arme Mamsell einem
schmachtenden Burgfräulein gleiche. Aber alle Lieder handelten von
verliebten Hirten und grausamen Hirtinnen, und Mamsell Mariens Stimme
war so dünn, so dünn, und ein jeder wird begreifen können, daß eine
solche Komödie für die Gräfin ein köstliches Vergnügen sein mußte.
Und dann ward ein Gastmahl auf Borg gegeben, was ganz selbstverständlich
war, da ja die Mutter des Grafen heimgekehrt war. Wie gewöhnlich ging es
munter her. Die Gesellschaft war nicht groß, es waren nur die Nachbarn.
Der Speisesaal lag im untern Stockwerk, und nach der Mahlzeit gingen die
Gäste nicht wieder hinauf, sondern begaben sich in Gräfin Märtas Zimmer,
die ebenfalls im Erdgeschoß lagen. Da ergriff die Gräfin Mamsell Mariens
Gitarre und fing an, der Gesellschaft etwas vorzusingen. Sie war eine
muntere Dame, Gräfin Märta, und sie konnte alle Menschen in Gebärden und
Stimme nachahmen. Jetzt hatte sie den Einfall, Mamsell Marie zu spielen.
Sie wandte den Blick gen Himmel und sang mit dünner, kreischender
Kinderstimme.
»Ach nein, ach nein, Frau Gräfin!« flehte Mamsell Marie.
Aber Gräfin Märta machte es Vergnügen, und die meisten der Gäste konnten
sich ebenfalls des Lachens nicht enthalten, obwohl sie fanden, daß es
unrecht gegen Mamsell Marie sei.
Die Gräfin nahm eine Handvoll trockener Rosenblätter aus einer
Potpourrikruke, trat unter tragischen Gebärden an Mamsell Marie heran
und sang:
»Du reisest nun von uns; ach, kehr einst zurück,
Wir sehen dich scheiden mit Schmerzen.
Vergiß nicht die Freunde in deinem Glück!
Wir tragen dich stets im Herzen.«
Dabei streute sie ihr die Rosenblätter auf den Kopf. Die Gäste lachten,
Mamsell Marie aber geriet ganz außer sich vor Zorn. Sie sah aus, als
wolle sie der Gräfin die Augen auskratzen.
»Du bist ein schlechtes Geschöpf, Märta Dohna«, sagte sie. »Keine
anständige Frau sollte mit dir verkehren.«
Aber nun ward Gräfin Märta ebenfalls zornig. »Heraus mit der Mamsell!«
rief sie. »Ich habe genug von ihren Verrücktheiten.«
»Ja, ich will schon gehen,« sagte Mamsell Marie, »erst aber will ich das
Geld für meine Gardinen haben.«
»Das alte Jux!« sagte die Gräfin. »Für solchen Bettel will sie noch Geld
haben? Nimm es nur mit! Ich will den Schund nicht mehr vor Augen sehen.«
Und die Gräfin reißt die Gardinen herunter und wirft sie ihr hin, denn
jetzt ist sie in voller Wut.
Am nächsten Tage bat die junge Gräfin ihre Schwiegermutter, sich doch
mit Mamsell Marie zu versöhnen. Das wollte aber die Gräfin nicht. Sie
war ihrer überdrüssig. Da fuhr Gräfin Elisabeth hin und kaufte Mamsell
Marie ihr ganzes Gardinenlager ab und hängte sie in dem oberen Stockwerk
auf. Das war eine große Genugtuung für Mamsell Marie.
Gräfin Märta neckte ihre Schwiegertochter mit ihrer Vorliebe für
filierte Gardinen. Aber sie konnte ihren Zorn auch verbergen und ihn
Jahre hindurch frisch und neu bewahren, denn Gräfin Märta war eine
begabte Dame.