An einem kalten Tag im Dezember kam ein Bettler den Brobyer Hügel
hinaufgewandert. Seine Kleidung bestand aus den elendsten Lumpen, und
seine Schuhe waren so zerrissen, daß der kalte Schnee seine Füße
durchnäßte.
Der Löfsee ist ein langes, schmales Gewässer in Wermland, das sich an
ein paar Stellen zu einem schmalen Sund verengert. Er erstreckt sich
nach Norden zu bis an die finnischen Wälder und nach Süden bis an den
Wenersee. Mehrere Kirchspiele liegen an seinen Ufern, von allen aber ist
die Broer Gemeinde die reichste und größte. Sie nimmt einen guten Teil
des östlichen wie auch des westlichen Ufers ein, an letzterem aber
liegen die größten Güter, Edelsitze wie Ekeby und Björne, weitberühmt
wegen ihres Reichtums und ihrer Schönheit, sowie Broby, ein größerer
Flecken mit einem Krug, Gasthaus, Thinghaus, Amtmannswohnung, Pfarrhof
und Marktplatz.
Broby liegt an einem steilen Abhang.
Der Bettler war an dem Kruge vorübergekommen, der an dem Fuß des Hügels
liegt, und arbeitete sich nun nach dem auf dem Gipfel gelegenen Pfarrhof
hinauf.
Vor ihm her ging ein kleines Mädchen, das einen Schlitten zog, auf dem
ein Sack Mehl lag.
Der Bettler holte das kleine Mädchen ein und begann eine Unterhaltung
mit ihm.
»Das ist doch ein kleines Pferd für eine so schwere Last«, meinte er.
Das Kind wandte sich um und sah ihn an. Es war ungefähr zwölf Jahre alt,
klein, mit spähenden, scharfen Augen und einem zusammengekniffenen Mund.
»Gott gebe, daß das Pferd kleiner und die Last größer wäre, dann hielte
sie wohl länger vor«, erwiderte das Mädchen.
»Ist es vielleicht dein eigenes Futter, was du da schleppst?«
»Ja, Gott sei's geklagt. Ich muß mir meine Nahrung selber verschaffen,
so klein ich bin.«
Der Bettler schob von hinten an dem Schlitten. Das Mädchen wandte sich
um und sah ihn an.
»Du brauchst nicht zu glauben, daß du etwas dafür bekommst«, sagte sie.
Der Bettler lachte laut auf. »Du bist wohl die Tochter des Pfarrers von
Broby,« sagte er, »das kann man merken.«
»Freilich bin ichs. Einen ärmeren Vater hat manch ein Kind -- einen
schlechteren Vater hat keins. Es ist die reine Wahrheit, wenngleich es
auch eine Schande ist, daß sein eigen Kind es sagen muß.«
»Er ist wohl geizig und böse obendrein, dein Vater?«
»Geizig ist er und böse obendrein, aber seine Tochter wird, wenn sie am
Leben bleibt, noch schlimmer als er, das sagen alle Leute.«
»Darin mögen die Leute recht haben. Ich möchte wohl wissen, wie du zu
dem Sack Mehl gekommen bist.«
»Es kann wohl nicht schaden, wenn ich dirs sage. Ich nahm heute morgen
Korn aus des Vaters Scheune, und nun bin ich damit zur Mühle gewesen.«
»Wird er dich denn nicht sehen, wenn du nun damit angeschleppt kommst?«
»Du scheinst mir noch ziemlich grün zu sein! Vater ist auf einer
Amtsreise!«
»Da kommt jemand hinter uns den Hügel hinaufgefahren. Ich kann den
Schnee unter den Schlittenkufen knirschen hören. Wenn er das nun wäre?«
Die Kleine lauschte und spähte; dann fing sie an zu brüllen. »Das ist
Vater!« schluchzte sie. »Er schlägt mich tot. Er schlägt mich tot!«
»Ja, nun ist guter Rat teuer, und ein schneller Rat ist besser als Gold
und Silber«, sagte der Bettler.
»Weißt du was,« sagte das Kind, »du kannst mir helfen. Nimm den Strick
und zieh den Schlitten, dann glaubt Vater, daß es der deine ist.«
»Was soll ich denn damit machen?« fragte der Bettler und warf den Strick
über die Schulter.
»Geh damit hin, wohin du willst, komm aber, sobald es dunkel wird, nach
dem Pfarrhof. Ich werde dir schon aufpassen.«
»Ich kann es ja versuchen.«
»Gott gnade dir, wenn du nicht kommst!« rief das Mädchen und lief dann,
so schnell es konnte, um vor dem Vater nach Hause zu kommen.
Der Bettler wandte den Schlitten schweren Herzens und schob ihn nach dem
Krug hinab. Der Ärmste hatte seinen Traum gehabt, während er dort auf
nackten Füßen durch den Schnee watete. Er hatte von den großen Wäldern
nördlich vom Löfsee -- von den großen finnischen Wäldern geträumt.
Hier unten in der Broer Gemeinde, wo er jetzt an dem schmalen Sund
entlang wanderte, der den oberen und den unteren Teil des Sees
miteinander verband, in diesen reichen, fröhlichen Gegenden, wo ein
Schloß neben dem andern, ein Eisenwerk neben dem andern liegt, hier war
ihm der Weg zu schwer, jedes Zimmer zu eng, jedes Bett zu hart. Hier
empfand er ein schmerzliches Sehnen nach dem Frieden der großen, ewigen
Wälder.
Hier hörte er den Dreschflegel auf die Tenne fallen, als solle das
Dreschen nie ein Ende haben. Holz- und Kohlenladungen kamen unablässig
aus den unerschöpflichen Waldungen herab. Endlose Reihen erzbeladener
Wagen zogen in tiefen Spuren, die Hunderte von Vorgängern hinterlassen
hatten, die Wege entlang. Hier sah er Schlitten von Gehöft zu Gehöft
fahren, und es war ihm, als führe die Freude die Zügel, als stehe
Schönheit und Liebe hinten auf den Kufen. Ach, wie sich der arme einsame
Wanderer nach dem Frieden der großen Wälder sehnte!
Dort oben, wo die Bäume wie schlanke Säulen aus der ebenen Fläche
emporragen, wo der Schnee in schweren Schichten auf den unbeweglichen
Zweigen liegt, wo der Wind keine Macht hat, sondern nur ganz leise mit
den Nadeln der Wipfel spielen kann, _dort_ wollte er tiefer und tiefer in
den Wald hinein wandern, bis ihn die Kräfte eines Tages verlassen würden
und er unter den großen Bäumen umsank, um vor Hunger und Kälte zu
sterben.
Er sehnte sich nach dem großen, sausenden Grab oberhalb des Löfsees, wo
ihn die zerstörenden Mächte übermannen konnten, wo es endlich dem
Hunger, der Kälte, der Ermattung und dem Branntwein gelingen mochte,
die Herrschaft über diesen elenden Körper zu gewinnen, der allem zu
widerstehen schien.
Er war nach dem Krug hinuntergekommen und wollte dort bis zum Abend
warten. Er trat in die Schenkstube und saß in stumpfer Ruhe auf der Bank
neben der Tür, von den ewigen Wäldern träumend.
Die Schenkwirtin hatte Mitleid mit ihm und gab ihm ein Glas von ihrem
starken, süßen Branntwein. Und sie gab ihm noch eins dazu, weil er sie
so inständig darum bat.
Mehr wollte sie ihm nicht geben, und der Bettler geriet in helle
Verzweiflung. Er _mußte_ mehr haben von diesem starken, süßen Branntwein.
Er mußte noch einmal fühlen, wie ihm das Herz im Leibe hüpfte, wie die
Gedanken im Rausch aufflammten. O, dies herrliche Kornbräu! Des Sommers
Sonne, des Sommers Vogelsang, des Sommers Duft und Schönheit umfluteten
ihn auf seinen Wogen. Noch einmal, ehe er in Nacht und Finsternis
verschwindet, will er Sonne und Glück trinken.
Und so vertauschte er denn erst das Mehl, dann den Mehlsack und
schließlich den Schlitten -- alles gegen Branntwein. Damit trank er sich
einen tüchtigen Rausch an und verschlief den größten Teil des
Nachmittags auf einer Bank in der Schenkstube.
Als er erwachte, sah er ein, daß ihm nur eins hier auf der Welt
übrigblieb. Sintemal dieser elende Körper die ganze Herrschaft über
seine Seele gewonnen hatte, sintemal er das vertrinken konnte, was ihm
ein Kind anvertraut hatte, sintemal er eine Schande für die Erde war,
mußte er sie von der Last all dieses Elends befreien. Er mußte seiner
Seele die Freiheit schenken, mußte sie zu Gott gehen lassen.
Er lag auf der Bank in der Schenkstube und ging mit sich selber ins
Gericht: »Gösta Berling, abgesetzter Pfarrer, angeklagt, das Eigentum
eines hungernden Kindes vertrunken zu haben, wird zum Tode verurteilt.
Zu welchem Tode? Zum Tode im Schnee.«
Er griff nach seiner Mütze und wankte hinaus. Er war weder ganz wach
noch ganz nüchtern. Er weinte aus Mitleid mit sich selber, mit seiner
armen, erniedrigten Seele, der er die Freiheit schenken mußte.
Er ging nicht weit und entfernte sich auch nicht vom Wege. Am Rande des
Weges hatte der Wind den Schnee hoch aufgetürmt, dort legte er sich hin,
um zu sterben. Er schloß die Augen und versuchte zu schlafen.
Niemand weiß, wie lange er so gelegen haben mochte, aber es war noch
Leben in ihm, als die Tochter des Brobyer Pfarrers die Landstraße
dahergelaufen kam, eine Laterne in der Hand, und ihn am Wegesrande im
Schnee liegen sah. Sie hatte stundenlang auf ihn gewartet, jetzt war sie
die Brobyer Hügel hinabgelaufen, um sich umzusehen, wo er denn nur
blieb.
Sie erkannte ihn sofort und fing an ihn zu schütteln und aus
Leibeskräften zu schreien, um ihn zu erwecken.
Sie mußte wissen, was der Mann mit ihrem Mehlsack gemacht hatte. Sie
mußte ihn ins Leben zurückrufen -- wenigstens so lange, daß er ihr sagen
konnte, was aus ihrem Schlitten und ihrem Mehlsack geworden war. Ihr
Vater würde sie totschlagen, wenn sie seinen Schlitten fortgebracht
hatte. Sie beißt den Bettler in den Finger, zerkratzt ihm das Gesicht
und schreit wie eine Verzweifelte.
Da kam jemand die Landstraße entlang gefahren.
»Wer zum Teufel schreit denn da so?« fragte eine barsche Stimme.
»Ich will wissen, was er mit meinem Schlitten und mit meinem Mehlsack
gemacht hat«, schluchzte das Kind und schlug den Bettler mit den
geballten Fäusten vor die Brust.
»Schämst du dich nicht, einen erfrorenen Mann so zu zerkratzen? Fort mit
dir, du wilde Katze!«
Eine große, grobknochige Frau entstieg dem Schlitten und näherte sich
dem Schneehaufen. Das Kind ergriff sie beim Nacken und schleuderte es
auf die Landstraße. Dann beugte sie sich herab, schob den Arm unter den
Rücken des Bettlers und hob ihn in die Höhe. So trug sie ihn bis an den
Schlitten und legte ihn hinein.
»Komm mit in die Schenke, du wilde Katze!« rief sie der Pfarrerstochter
zu, »damit wir hören, was du hierüber zu erzählen weißt.«
* * * * *
Eine Stunde später saß der Bettler auf einem Stuhl neben der Tür in der
besten Stube der Schenke, und vor ihm stand die willensstarke Frau, die
ihn aus dem Schnee errettet hatte.
So wie Gösta Berling sie jetzt auf dem Heimwege vom Kohlenfahren in den
Wäldern sah, mit rußigen Händen, eine Tonpfeife im Munde, bekleidet mit
einem kurzen, ungefütterten Pelz aus Lammfellen und einem Kleide aus
gestreiftem Beiderwand, mit eisenbeschlagenen Schuhen an den Füßen, ein
Messer in einer Scheide in das Mieder gesteckt, so wie er sie da vor
sich stehen sah, das graue Haar über dem alten, schönen Gesicht glatt
in die Höhe gestrichen -- so hatte er sie wohl tausendmal beschreiben
hören, und er wußte, daß er mit der weit und breit bekannten Majorin aus
Ekeby zusammengetroffen war.
Sie war die mächtigste Frau in Wermland, die Herrin über sieben
Eisenwerke, gewohnt zu befehlen und zu gebieten. Und er war nur ein
elender, zum Tode verurteilter Bettler, der nicht das Geringste besaß
und der es fühlte, daß ihm jeder Weg zu schwer, jede Stube zu eng war.
Sein Körper bebte vor Angst, während ihr Blick auf ihm ruhte.
Sie stand schweigend da und sah herab auf diesen Haufen menschlichen
Elends vor ihr, auf die roten, geschwollenen Hände, die abgezehrte
Gestalt und den herrlichen Kopf, der trotz des Verfalls und der
Vernachlässigung in wilder Schönheit strahlte.
»Er ist Gösta Berling, der tolle Pfarrer?« fragte sie.
Der Bettler saß unbeweglich da.
»Ich bin die Majorin auf Ekeby.«
Es ging ein Beben durch den Bettler. Er faltete seine Hände und erhob
die Augen mit sehnsuchtsvollem Blick. Was wollte sie ihm? Wollte sie ihn
zwingen zu leben? Er bebte vor ihrer Stärke. Er war ja doch dem Frieden
der ewigen Wälder so nahe gewesen!
Sie begann den Kampf, indem sie ihm sagte, daß die Tochter des Brobyer
Pfarrers ihren Schlitten und ihren Mehlsack wiederbekommen, und daß sie,
die Majorin, für ihn wie für so viele andere ein Heim im Kavalierflügel
auf Ekeby habe. Sie biete ihm ein Leben in Lust und Freude an.
Er aber antwortete, daß er sterben müsse.
Da schlug sie mit der geballten Faust auf den Tisch und sagte ihm ihre
Ansicht offen heraus.
»Also sterben will Er -- sterben? Ja, darüber würde ich mich nicht
wundern, wenn Er überhaupt lebte. Aber seh Er nur Seinen abgezehrten
Körper, Seine ohnmächtigen Glieder, die matten Augen an -- glaubt Er
wirklich, daß da noch viel zu töten ist? Glaubt Er, daß man, um tot zu
sein, unter einem zugenagelten Sargdeckel zu liegen braucht? Glaubt Er
nicht, daß ich es Ihm ansehen kann, wie tot Er ist, Gösta Berling, tot!
Ich sehe, daß ein grinsender Totenkopf auf Seinen Schultern sitzt, und
es scheint mir, als sehe ich die Würmer durch Seine Augenhöhlen aus- und
einkriechen. Merkt Er nicht, daß Er den Mund voll Erde hat? Kann Er
nicht hören, wie die Gebeine rasseln, sobald Er sich bewegt? Er hat sich
in Branntwein ertränkt, Gösta Berling, und tot ist Er. Was sich jetzt in
Ihm rührt, ist nur das Totengebein, und dem will Er es nicht gönnen zu
leben -- wenn man das überhaupt Leben nennen kann? Es ist fast, als wolle
Er den Toten einen Tanz über die Gräber im Mondschein mißgönnen.
»Schämt Er sich, daß Er Pfarrer gewesen ist, weil Er jetzt sterben will?
Es wäre ehrenvoller, wenn Er jetzt Seine Gaben dazu verwenden wollte,
Nutzen zu schaffen auf Gottes grüner Erde -- das kann Er mir glauben.
Weshalb ist Er nicht gleich zu mir gekommen? Da hätte ich die Sache
schon für Ihn ordnen wollen. Ja, nun erwartet Er wohl viel Ehre davon,
eingekleidet und auf Hobelspäne gelegt und eine schöne Leiche genannt zu
werden!«
Der Bettler saß ruhig, halb lächelnd da, während sie ihre heftigen
Worte über ihn hindonnern ließ. Das hat keine Not, jubelte er, keine
Not! Die ewigen Wälder warten, und sie hat keine Macht, meine Seele
davon abzuwenden.
Die Majorin aber schwieg und ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder;
dann nahm sie Platz am Kamin, setzte die Füße auf den Rost und stützte
die Ellbogen auf die Knie.
»Tausend Teufel auch,« fuhr sie fort und lachte vor sich hin. »Was ich
da sage, ist so wahr, daß ich es selber kaum gemerkt habe. Glaubt Er
nicht, daß die meisten Menschen in dieser Welt tot oder doch halbtot
sind? Glaubt Er etwa, daß ich lebe? Ach nein! Ach nein!
»Ja, sieh Er mich nur an! Ich bin die Majorin auf Ekeby, und ich sollte
meinen, daß ich die mächtigste Frau in ganz Wermland bin. Winke ich mit
einem Finger, so springt der Landrat, und winke ich mit zweien, so
springt der Bischof, und winke ich mit dreien, so tanzen Domkapitel und
Ratsherren und alle Grundbesitzer in ganz Wermland Polka auf dem Markt
zu Karlstad. Tausend Teufel, ich sage Ihm, Pfarrer, ich bin nichts als
eine aufgeputzte Leiche. Unser Herrgott weiß am besten, wie wenig Leben
in mir ist.«
Der Bettler beugte sich vor und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit.
Die alte Majorin saß vor dem Feuer und wiegte sich hin und her. Sie sah
ihn nicht an, während sie sprach.
»Glaubt Er nicht,« fuhr sie fort, »daß ich, wenn ich ein lebendiges
Menschenkind gewesen wäre, das Ihn dort so elend und traurig mit
Selbstmordgedanken im Herzen sitzen sah -- daß ich sie da nicht alle mit
einem Atemhauch aus Seinem Herzen hätte vertreiben können? Da hätte ich
Tränen für Ihn gehabt und Gebete, die alles in Ihm aufgerührt hätten,
und ich hätte Seine sündige Seele erlöst. Jetzt aber bin ich tot. Gott
allein weiß, wie wenig Leben noch in mir ist.
»Hat Er gehört, daß ich einstmals die schöne Margarete Celsing war? Das
war nicht gestern, aber noch heute kann ich dasitzen und meine alten
Augen rot weinen über sie. Weshalb mußte Margarete Celsing sterben und
Margarete Samzelius leben? Weshalb soll die Majorin auf Ekeby leben?
Kann Er mir das sagen, Gösta Berling?
»Weiß Er, wie Margarete Celsing beschaffen war? Sie war schlank und fein
und sittsam und unschuldig, Gösta Berling. Sie gehörte zu denen, auf
deren Grabe die Engel weinen. Sie kannte nichts Böses, niemand hatte ihr
Kummer gemacht, sie war gut gegen alle. Und schön war sie.
»Da war ein herrlicher Mann, Altringer hieß er. Gott mag wissen, wie es
kam, daß er da oben in die wilde Einöde des Elfdals hinaufgeriet, wo
ihrer Eltern Gut lag. Ihn sah Margarete Celsing, er war schön, er war
ein Mann, und er liebte sie. Aber er war arm, und sie kamen überein, daß
sie fünf Jahre aufeinander warten wollten, wie es im Liede heißt.
»Als die drei ersten Jahre verstrichen waren, meldete sich ein anderer
Freier. Er war häßlich zu schauen, ihre Eltern glaubten aber, daß er
reich sei, und sie zwangen sie durch Reden und Versprechungen, durch
Schläge und böse Worte, ihn zum Manne zu nehmen. An jenem Tage starb
Margarete Celsing.
»Seit jener Zeit hat es keine Margarete Celsing gegeben, sondern nur
eine Majorin Samzelius, und sie war nicht gut, nicht sittsam; sie
glaubte an viel Böses und gab nicht acht auf das Gute.
»Du weißt es wohl, wie dann alles gekommen ist. Wir wohnten in Sjö, hier
am Löfsee, der Major und ich. Aber er war nicht reich, wie die Leute
gesagt hatten.
Ich hatte oft schwere Tage.
»Da kam Altringer heim, und nun war er reich. Er ward Besitzer von Ekeby
und unser Nachbar. Er kaufte auch noch sechs andere Güter am Löfsee. Er
war tüchtig, unternehmend; ein herrlicher Mann war er. Er stand uns bei
in unserer Armut, wir fuhren in seinem Wagen, er sandte uns Speisen für
unsere Küche, Wein für unsern Keller. Er füllte mein Leben mit Fest und
Freude. Als der Krieg ausbrach, reiste der Major fort, was aber kehrten
wir uns daran! Den einen Tag war ich sein Gast auf Ekeby, den nächsten
Tag kam er nach Sjö. Ach, es ging wie ein Freudenreigen an den Ufern des
Sees entlang!
»Dann aber fingen sie an, Böses über mich und Altringer zu reden. Hätte
Margarete Celsing gelebt, so würde es sie sicherlich betrübt haben, mir
aber tat es nichts. Doch wußte ich noch nicht, daß ich, weil ich tot
war, so gefühllos war.
»Die bösen Gerüchte über uns fanden ihren Weg bis zu meinem Vater und
meiner Mutter, die da oben zwischen den Kohlenmeilern im Elfdalswalde
lebten. Die Alte besann sich nicht lange; sie reiste hierher, um mit mir
zu reden.
»Eines Tages, als der Major fort war und ich mit Altringer und mehreren
anderen zu Tische saß, kam sie nach Sjö. Ich sah sie in den Saal
eintreten, aber ich fühlte nicht, daß es meine Mutter war. Gösta
Berling. Ich begrüßte sie wie eine Fremde und bat sie, an meinem Tische
niederzusitzen und teil an der Mahlzeit zu nehmen. Sie wollte mit mir
reden, als wenn ich ihre Tochter sei, aber ich sagte ihr, sie irre sich,
meine Eltern lebten nicht mehr, sie seien beide an meinem Hochzeitstage
gestorben.
»Da ging sie auf das Spiel ein. Siebzig Jahre zählte sie, dreißig Meilen
war sie in drei Tagen gefahren. Jetzt setzte sie sich ohne weitere
Umstände an den Mittagstisch und aß mit uns; sie war eine kräftige alte
Frau.
»Sie meinte, es sei doch traurig, daß ich just an dem Tage einen solchen
Verlust erlitten habe.
»Das Traurigste bei der Sache war, entgegnete ich, daß meine Eltern
nicht einen Tag früher gestorben wären, denn dann wäre nichts aus der
Hochzeit geworden.
»Frau Majorin sind also nicht glücklich in Ihrer Ehe? fragte sie darauf.
»Ja, sagte ich, jetzt bin ich glücklich. Ich werde stets glücklich sein,
dem Willen meiner teuren Eltern zu folgen.
»Sie fragte, ob es der Wille meiner Eltern gewesen sei, Scham und
Schande über sie und mich selber zu bringen und meinen Gatten zu
betrügen. Wenig Ehre erzeige ich meinen Eltern, indem ich mich selber in
der Leute Mund bringe.
»Sie müssen so liegen, wie sie sich gebettet haben, erwiderte ich. Und
übrigens mag die fremde Dame wissen, daß ich mich nicht darein finde,
daß jemand die Tochter meiner Eltern verhöhnt.
»Wir aßen allein, wir beide. Die Männer rings um uns her saßen
schweigend da und konnten weder Messer noch Gabel rühren.
»Die Alte blieb einen Tag und eine Nacht, um sich auszuruhen. Aber
solange ich sie sah, konnte ich nicht begreifen, daß es meine Mutter
war. Ich wußte nur, daß meine Mutter gestorben sei.
»Als sie reisen wollte, Gösta Berling, und ich neben ihr auf der Treppe
stand und der Wagen vorgefahren war, da sagte sie zu mir: Einen Tag und
eine Nacht bin ich hier gewesen, ohne daß du mich als Mutter hast
anerkennen wollen. Auf öden Wegen bin ich hierhergereist, dreißig Meilen
in drei Tagen. Und aus Scham über dich zittert mein alter Körper, als
sei er mit Ruten gepeitscht. Möchtest du verleugnet werden, wie ich
verleugnet worden bin, verstoßen werden, wie ich verstoßen bin. Möge die
Landstraße dein Heim, der Graben dein Bett, der Kohlenmeiler deine
Feuerstätte werden. Schande und Verschmähung sei dein Lohn, mögen dich
andere schlagen, so wie ich dich jetzt schlage!
»Und sie versetzte mir einen harten Schlag auf die Wange.
»Ich aber hob sie auf, trug sie die Treppe hinab und setzte sie in den
Wagen.
»Wer bist du, daß du mich verfluchst? fragte ich. Wer bist du, daß du
mich schlägst? Das leide ich von niemand!
»Und ich gab ihr die Ohrfeige zurück. Im selben Augenblick fuhr der
Wagen, aber da, in dem Augenblick, Gösta Berling, wußte ich, daß
Margarete Celsing tot war. Sie war gut und unschuldig. Sie kannte
nichts Böses. Die Engel würden auf ihrem Grabe geweint haben. Hätte sie
gelebt, sie würde niemals ihre Mutter geschlagen haben.«
Der Bettler an der Tür hatte gelauscht, und die Worte hatten für einen
Augenblick das Sausen der ewigen Wälder übertäubt. Sieh, diese reiche
Frau stieg zu ihm herab in ihren Sünden, ward seine Schwester in ihrem
Elend, nur um ihm Mut zum Leben zu machen. Er sollte erkennen lernen,
daß auch auf den Häuptern anderer Sorge und Schuld lastete. Er erhob
sich und trat auf die Majorin zu.
»Willst du jetzt leben, Gösta Berling?« fragte sie mit einer Stimme, die
von Tränen fast erstickt war. »Weshalb willst du sterben? Du hättest ein
tüchtiger Pfarrer werden können, nie aber war der Gösta Berling, den du
in Branntwein ertränktest, so strahlend unschuldsrein wie die Margarete
Celsing, die ich in Haß erstickte. Willst du jetzt leben?«
Gösta fiel vor der Majorin auf die Knie. »Vergib mir«, sagte er, »aber
ich kann nicht!«
»Ich bin eine alte Frau,« sagte die Majorin, »verhärtet in bitterem
Kummer, und ich sitze hier und gebe mich selber einem Bettler preis, den
ich halb erfroren in einer Schneewehe am Wege gefunden habe. Es
geschieht mir recht. Geh Er nur hin und werd' Er ein Selbstmörder, dann
kann Er jedenfalls nichts von meiner Torheit erzählen.«
»Ich bin kein Selbstmörder, ich bin ein zum Tode Verurteilter. Mache mir
den Kampf nicht zu schwer! Ich kann nicht leben. Mein Körper hat die
Obergewalt über meine Seele gewonnen, deswegen muß ich die freigeben,
damit sie zu Gott kommen kann.«
»Er glaubt also, daß sie zu Gott kommt?«
»Lebt wohl, Majorin Samzelius, und habt Dank!«
»Leb wohl, Gösta Berling!«
Der Bettler erhob sich und ging mit hängendem Kopf und schleppenden
Schritten auf die Tür zu. Diese Frau machte ihm den Weg zu den ewigen
Wäldern schwer.
Als er an die Tür kam, mußte er sich umwenden. Da begegnete er einem
Blick der Majorin, die regungslos dasaß und ihm nachsah. Er hatte
niemals eine solche Veränderung in einem Gesicht wahrgenommen, und er
stand still und starrte sie an. Sie, die eben noch böse und drohend
gewesen war, saß still da wie verklärt, und ihre Augen strahlten vor
erbarmender, mitleidiger Liebe. Es war etwas in ihm, in seinem
verwilderten Herzen, das vor diesem Blick schmolz; er lehnte seine Stirn
gegen den Türpfosten, hob die Arme über dem Kopf in die Höhe und weinte,
als wenn sein Herz brechen sollte.
Die Majorin warf die Tonpfeife ins Feuer und kam zu ihm hin. Ihre
Bewegungen waren plötzlich so sanft wie die einer Mutter.
»Nun, nun, mein Junge!«
Und sie zog ihn zu sich auf die Bank neben der Tür, so daß er, den Kopf
in ihrem Schoß, weinte.
»Will Er noch sterben?«
Er wollte aufspringen. Sie mußte ihn mit Gewalt festhalten.
»Jetzt sage ich Ihm zum letztenmal, daß Er tun kann, was Er will. Das
aber verspreche ich Ihm, wenn Er leben will, so werde ich die Tochter
des Brobyer Pfarrers zu mir nehmen und sie zu einem tüchtigen Menschen
erziehen: dann kann Er ja Gott danken, daß Er ihr Mehl stahl. Nun, will
Er?«
Er hob den Kopf in die Höhe und sah ihr in die Augen.
»Ist das Euer Ernst?«
»Freilich ist es das, Gösta Berling.«
Da rang er die Hände in unsagbarer Angst. Er sah vor sich die
eingeschüchterten Augen, die zusammengekniffenen Lippen, die kleinen,
abgemagerten Hände. Das arme kleine Wesen sollte Schutz und Pflege
haben, das Brandmal der Erniedrigung sollte aus ihrem Körper getilgt
werden, wie das Böse aus ihrer Seele. Jetzt ward ihm der Weg zu den
ewigen Wäldern verschlossen.
»Ich werde mir das Leben nicht nehmen, solange sie unter Eurem Schutz
steht«, sagte er. »Ich wußte es ja, daß die Majorin stärker sei als ich,
daß sie mich zwingen würde zu leben.«
»Gösta Berling,« sagte sie feierlich, »ich habe um dich gekämpft wie um
meine eigene Seligkeit. Ich sagte zu Gott: Wenn noch eine Spur von
Margarete Celsing in mir ist, so mache, daß sie sich zu erkennen gibt
und den Mann verhindert, sich das Leben zu nehmen! Und Gott erhörte mein
Flehen, und du hast sie gesehen, und deswegen konntest du nicht gehen.
Und sie flüsterte mir zu, daß du vielleicht um des armen Kindes willen
den Gedanken an den Tod aufgeben würdest. Ach, ihr fliegt so kühn, ihr
wilden Vögel, Gott aber kennt das Netz, das euch fangen kann.«
»Er ist ein großer, wunderbarer Gott!« sagte Gösta Berling. »Er hat mich
zum Narren gehabt und mich verworfen, aber er will mich nicht sterben
lassen. Sein Wille geschehe.«
Seit jenem Tage wurde Gösta Berling Kavalier auf Ekeby. Zweimal
versuchte er es, sich loszumachen und sich einen Weg zu bahnen, um von
der eigenen Arbeit zu leben. Das einemal gab ihm die Majorin ein Haus in
der Nähe von Ekeby; er zog dahin und wollte versuchen, als Arbeiter zu
leben. Es gelang ihm auch eine Zeitlang, aber er ward bald der
Einsamkeit und der täglichen Arbeit müde und wurde wieder Kavalier. Das
zweitemal ward er Hauslehrer auf Borg bei dem jungen Grafen Heinrich
Dohna. Dort verliebte er sich in Ebba Dohna, des Grafen Schwester; als
sie aber starb, gerade als er sie zu gewinnen meinte, gab er jeden
Gedanken, etwas anderes als ein Kavalier auf Ekeby zu werden, auf. Es
schien ihm, als seien einem abgesetzten Pfarrer alle Wege zur
Wiederherstellung seiner Ehre verschlossen.