DIE VORIGEN OHNE FRAU ZIEMENS.

MARIE. Hörtest Du, Albert?

KLAUS. Er! oder nur sein Gespenst?!

MARIE. Er selbst, Klaus! Die Kugel tödtete ihn nicht.

KLAUS. Und so starb der Alte denn umsonst!

ALBERT. Wirklich, ist's wirklich wahr!

KLAUS. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl! — Der edle Greis, dasselbe

mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der

Kunde Deines Frevels überrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet

beklemmt: „verloren mein Kind!“ und liegt entseelt mir im Arm.

ALBERT. O schauder — schaudervoll!

KLAUS. Höchst schaudervoll!

MARIE. Gemach, Klaus! Keine Vorwürfe, keinen Zorn! — Ihre Hand, braver

Mann! — Gönnen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die

Vorsehung, welche nicht anders es fügte!

KLAUS. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen.

MARIE. Was bleibt ihm übrig in seiner Ohnmacht!

ALBERT (wirft sich ihr zu Füßen).

MARIE. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut! — Welcher Gewinn, trotzten

wir ferner unerforschlichem Rathschluß!

KLAUS (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du sühnst nicht anders das

Geschehene!

ALBERT. Weh, wehe mir! — Ach, es straft mich härter als der Tod — bricht

meine Seele in tiefster — tiefster Brust! — Marie, Marie, unsere Sonne —

dort ging sie unter!

MARIE. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir

von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schöpfer nur und seinen

himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt!

KLAUS. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche

feststeht! Wie auf Kälte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch

die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und

Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kümmerlicher

Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit prächtigen

Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den

ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt

die Segel straff, steuertest als echter Römer, kühn von Entschluß und

That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes

Versprechen, daß ich am Lottospiel der Börse mich betheiligen könnte —

He, sollte zum Ergötzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht in

einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell

erborgter Fülle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend

unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt,

geringschätzig belächelt! — Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf

die Füße machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut

von Dir! — Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es für Marie und

ihre Mutter, der Du den sicheren Ernährer raubtest! — Komm'! — Leih'n

Sie ihm den Arm nur, Jungfer.

MARIE. Wohin? errieth ich Ihre Absicht.

KLAUS. Nachher davon.

ALBERT. Klaus, Klaus, es ist zu spät.

KLAUS. Das Mögliche niemals! Und wer da weiß, daß alles möglich, achtet

keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Güte nicht, so üben wir

Gewalt!

ALBERT. Wie ich Dir sage, Klaus.

KLAUS. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung für

die mir zugefügte Schmach entrinnst Du meinen Händen nicht! Ich schwör's

bei einem Buckel Schläge Dir! Ja, ja, das merke!

ALBERT. Ließe sich Geschehenes noch ändern!

KLAUS. Bube, ich handle nach Gewissen!

MARIE. Welch ein Erkühnen!

KLAUS. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu üben!

MARIE. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches

für ihn!

KLAUS. Das darf nicht geschehn.

MARIE. Sie sind ein Tyrann!

KLAUS. Ich würde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich

schweigend, daß Jemand — und wär's mein Feind — schnödester

Spitzbüberei, wie der, zum Opfer fiele!

MARIE. Ihre Verblendung ist groß!

KLAUS. So klein Ihre Erkenntniß!

ALBERT. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich

mit uns'rer Ansicht!

KLAUS. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin

ein Heide, unempfänglich für solchen Tand!

ALBERT. Traun, so erwäge, daß die Achtmalhunderttausend bereits

verschlungen wurden von den Gläubigern!

KLAUS. Bereits!

ALBERT. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn

brachten. . . Das weißt Du nicht?!

KLAUS. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Müh' wär's,

gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr

luftigen Schlösser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf! — Man sollte

es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt,

nennt edelmüthig unter Schurken — christlich! Entsagung persönlichen

Vortheils, irdischer Freude — gottgefällig! Selbstmord — höchstes

Rechtthun! vernünftig denken, bedeutsam wirken — ruchlos,

verbrecherisch! das kalte Grab allein — Erlösung aus Sünde und Elend! —

O hätte doch ein Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm

lehren können, wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein

Fluch der menschlichen Natur, daß sie, je reifer, desto sinnbethörter

wird! — Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die

Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich

dem großen Märtyrer hinab zur Hölle, dann gen Himmel fahren! — Bist Du

von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsühnen, so sprich! wenn nicht,

verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du

entkrochst!

ALBERT. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet! —

Halb Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich

mein Leben unter Schmerzenskrämpfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um

ein unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde flücht'ger

Fantasie, im dunkeln Strom der Zeit! — Was hast Du . . .

KLAUS. Kehre Dich um und sieh!

ALBERT. Gott, Gott! — Wie findest Du das?

KLAUS. Erst wissen, was er bringt. . .

ALBERT. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich

rangst!

Zehnte Scene.

Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten · 第 165 / 167 题