FRAU ZIEMENS. Dies nützte die Unglückliche in ihrer Noth. —

VATER ZIEMENS. Meine Ahnung!

FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand hält).

Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich

Enttäuschte nun reumüthigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, daß Marie

in seine thörichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein

blieb.

VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen — dessen bin

ich gewiß.

FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden,

schmeichelhaften Sprache.

VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit

schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbürtig an Geist und Gefühl steht

Ihr Euch gegenüber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch

fehlt zur Glückseligkeit nichts! und nun, was ist's, daß sich feindlich

zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der

Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klägliche Gebilde

alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid

Ihr verloren — Ihr seid — und keine Zufluchtsstätte sehe ich mehr, kein

Ziel für Eure Wünsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?!

(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel

zerschellt und trostlos an die nächste Planke festgeklammert, treibt

Euch des Schicksals finstre Welle auseinander!

FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern

Leidenskelch?!

VATER ZIEMENS. Was wünschest Du, daß ich den Edelmüth'gen rathe?

FRAU ZIEMENS. Sich den Verhältnissen zu fügen!

VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Würde? — Weib!

FRAU ZIEMENS. Hätt' ich es einst gethan, hätt' ich der Zeit

Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in

schimmernden Palästen, säugte an des Reichthums voller Brust der Jugend

unbefangene Freuden und hegte ein Töchterchen im Schooß, der ersten

Frühlingsblüthe gleich, so frisch und schön! Der großen Blashammer, von

Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten

Verträgen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf

meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwärmergeist bereits

verdunkelt, mir die Wege ungekränkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich,

er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, über

Stock und Stein bald links, bald rechts. — Weit hinten blieb der selige

Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges

Rächerantlitz warnend mir erschien — warst Du nicht umzustimmen! Taub

bliebst Du meiner Liebe zärtlichstem Gebot, sangst: „Ein' feste Burg ist

unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen“ . . . Ja, blicke nur beschämt —

er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen Pfuhl,

regnete Himmelsmanna und läßt's uns wohlbehagen . . . Daß diesem

lügnerischen Streben der Stab gebrochen werde, — in mir das letzte Opfer

ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und

nicht der Mühe werth es zu erhalten! Glücklich alle, die's leicht

erfassen, die schlau, verwegen, kühn die wenigen Körnlein lautern Goldes

aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin müde sein morsches

Kreuz noch länger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden höre

auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reiße, eine neue Zeit

beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich

ausgesöhnt, — vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnöden

Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in

ihren dumpfen Wölbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten.

VATER ZIEMENS. So hört' ich Dich noch nie! — Welchem fürchterlichen

Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz! — Hast Du kein Blut mehr in den

Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst

nun morsch zusammen, gleich dem Gerüst des stolzesten Tempels, von der

unsterblichen Himmelsflamme verglüht!?

ALBERT. Ehrwürd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle

Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heißersehnten

Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit

fünftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen

und verlieren, wird, selber sich in's Böse kehrend, aus edlem Eifer fort

und fort sein ältres Werk dem jüngeren zum Opfer bringen und nie

erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich

gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehärmt vom

blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schönsten

Inhalt sich betrogen fühlt und mir nun weise räth, die Welt zu nehmen

wie sie ist, nicht wie sie sollte sein, — dem Zufall zu vertrau'n und

dem Verstand, der reich an Kenntniß und an List, das Netz nur auswirft

wo's zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten läßt, die Herzenskammern

wohl verriegelt, das Christliche, die allgemeine Brüderschaft, Freiheit

und Gleichheit blos als Mittel conservirt, (lächelnd) — als Mittel zur

Umschüttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der süße Genius sich zu

Boden senkte . . . Ich hätt's schon lange wissen sollen und anders

stünd' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Rächerin, wär' nicht

beschworen, ihr flammendes Geschoß auf uns zu schleudern!

FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein!

VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir

fallen, sie zu versöhnen.

ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Füchsen nach, die sich aus Eifer

für das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz hüllen, Gesangbuch,

Katechismus, Bibel unterm Arm, demüthigen bußfertigen Schritt's

alltäglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in

lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Börsenraum, ein

jedes Wörtlein ihres süßen Odems mit Priesterbalsam würzen und

gottgefälligen Sprüchen, als wie „unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das

Seine; ehrlich währt am längsten; selig die reines Herzens sind“ —

VATER ZIEMENS. Albert, Albert!

FRAU ZIEMENS. Lass' ihn!

ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein

Mann zu sein, dem die Ehrwürdigen der Stadt und alle Freunde guter alter

Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen.

VATER ZIEMENS. O wär' mein Name dann bereits vergessen!

ALBERT. Menschenhaß, Eigendünkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid — unter dem

Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale

Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Königen

erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkühr öffnet und

schließt. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern

Säulen als Ihr Glaube an — an — ich weiß nicht woran!

FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen.

VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind.

FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muß unsrer echt

katholischen Kirche sich zu Füßen legen.

ALBERT. Sie ist die einzige Brücke zum verlornen Paradies.

FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort.

ALBERT (ihre Hand schüttelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels

Frieden!

VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Hütte?

ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern

Platz für sie als hier, an meiner Brust! — Ich beschwöre Euch, weilt!

MARIE. Fasse — halte — leite mich, Vater . . .

ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?! — Die Bagatelle, Vater,

welche Euch erzürnt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den

Lauschern fremd. — Wovor deswegen Anstand nehmen?! — Marie, kannst Du

für ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund

verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt!

Vierte Scene.

Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten · 第 110 / 167 题