DIE VORIGEN. QUESTENBERG.

QUESTENBERG. . . Ihr ließet mich auf eine erschütternde Nachricht

vorbereiten, — was giebt's, meine Freunde?

BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel.

QUESTENBERG. Krieg? Handelsstörungen? Schiffbrüche?

BLASHAMMER. Lies, lies!

QUESTENBERG (lesend). „Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser

Kriegsdampfer, König Ferdinand, einen auf der Höhe von Palermo

kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an

die Revolutionäre der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was

die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluß beweisen. Das

Ereigniß macht großes Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher

bisher des höchsten Vertrauens der Königlichen Regierung genoß und erst

kürzlich von ihr mit einem Auftrage für ein und eine halbe Million

beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswürdigen Expedition ist. —

Es klingt wie eine Verleumdung.

BLASHAMMER. Meine Gläubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten

in die Schuhe . . .

QUESTENBERG. Ich möchte es auch thun.

BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Börse, soll mit

den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und

Rathgeber von Ministern und Fürsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's

und allen Ausbund der Menschheit — Waffen?!

QUESTENBERG. 's ist unglaublich!

BLASHAMMER. Für den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der große

Blashammer Ehre und Existenz!?

QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken!

BLASHAMMER. Niemand — wehe dem, der's that! Und nun frag' ich,

Questenberg, woher kommt's, daß es wahr ist?

DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien!

BLASHAMMER. Diese Briefe überbrachte mir die Post.

QUESTENBERG (den größesten entfaltend). Vom neapolitanischen

Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich

zwischen den Zeilen, daß man den Auftrag für die anderthalb Millionen

wieder abbestellt.

BLASHAMMER. Der bereits ausgeführt und zur Absendung fertig! — Es sind

die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . .

QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab!

BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade.

DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die

Arme.

BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater.

DER DOCTOR. — Ich an Ihrer Stelle besönne mich nicht lange, sondern

strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen.

BLASHAMMER. Wodurch?

DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien.

BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten!

DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend — da kann's Ihnen auf ein

oder zwei nicht ankommen.

BLASHAMMER. Danke bestens.

DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt.

BLASHAMMER. Ach, bestünde er nur in einem Schiff! aber — öffne den

andern Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains. — Der

gute Mann mußte für mich sterben! . .

QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurückgebend). Leichtsinn,

Leichtsinn!

DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa!

BLASHAMMER. Sapperment, außerordentlich viel.

DER DOCTOR. Hat ein Capitain höheren Werth für Sie als ein Schifflein?!

BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . .

DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen

und alles was er thut, mit sich selber auszumachen.

BLASHAMMER. Ich lass' es gelten.

DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's

seine eigene Schuld.

BLASHAMMER. Meinetwegen.

DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?!

BLASHAMMER. Ja, für solche wahnsinnige Unternehmung!

DER DOCTOR. Warum, sage ich?!

BLASHAMMER. Er hätte es unterlassen können!

DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's hätte unterlassen können, eben

weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muß er Ihnen

gleichgültiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm

anvertrauten.

BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch

gleichgültiger.

DER DOCTOR. Bravo!

BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der

ihn vor jeder Gefahr schützen sollte . . .

DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare.

BLASHAMMER. Laut desselben würde man die Waffen als die für Neapel

bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von

Palermo ungehindert fortgelassen haben.

DER DOCTOR. Sie erschöpften den Born aller List!

BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem

unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da

sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . .

DER DOCTOR. — selbst bei Gefahr Ihres Lebens!

BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie

glauben!

DER DOCTOR. Sie hätten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb

Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . .

BLASHAMMER. Ah, der Teufel ließ mich das nicht sagen!

DER DOCTOR. Nicht wahr?

BLASHAMMER. Ja, ja, hätte ich das gesagt, so könnten wir Ihrem Vater

morgen die Gläubiger vom Halse schaffen!

DER DOCTOR. — — Für morgen können Sie die Aussteuer nicht zahlen?

BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund.

DER DOCTOR. Nicht für übermorgen denn?

BLASHAMMER. Nicht für übermorgen über funfzig Jahr.

DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlägt der Verlust des winzigen

Schiffleins Ihrem Vermögen, Ihrem Credit!?

BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcül. — Ich bin

ein ruinirter Mann!

DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht.

BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, daß der Himmel mir erspare dies

Sie zu fragen!

DER DOCTOR. Papa, was denken Sie?

QUESTENBERG. Nichts mein Sohn.

DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil!

QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, während

der Vorhang fällt).

Vierter Akt.

Abtheilung I.

Vor der Hütte des Vater Ziemens.

Erste Scene.

Der Bankerott: Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten · 第 103 / 167 题