DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr
ernst.
ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß.
DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst
ohne Geld, Amt, Ehre oder — ohne Frau.
ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.
DER DOCTOR. Nicht zu leugnen — Da's aber in unserm Jahrhundert keine
gültigere giebt —
ADELGUNDE. Ich hielt Sie für einen Anhänger der Freiheit.
DER DOCTOR (lächelnd). Mein Fräulein . . . .
ADELGUNDE. — und zwar im Sinne jenes schönen Spruches: „strebet, die
Wahrheit wird euch erlösen.“
DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und paßt nicht in die Bibel.
ADELGUNDE. Das ist mir neu.
DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten
Würdenträger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn.
ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie
glauben?
DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, liebe Freunde, ich muß
im Interesse des Staates eure schönen Einkünfte um die Hälfte
vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen
Jenseits tausendfach vergolten —
ADELGUNDE. So murren Sie nicht?
DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fräulein, zu dem der Papa
sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen
Herrn Doctor.
ADELGUNDE. Sie sind barock.
DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefällt, — allein ich denke das Beste
von den Menschen und habe den höchsten Respect vor der christlichen
Tugend, die nach unsern berühmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten
Unterwürfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht.
ADELGUNDE setzt sich und seufzt.
DER DOCTOR. Mein Fräulein, bitte, bitte, — nehmen Sie sich meine Worte
ja nicht zu Herzen — ich spreche nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig,
nur in Thorheit.
ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, daß Sie die
Maske eines Heuchlers verabscheuen.
DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen Mitleid.
ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da!
Fünfte Scene.