BLASHAMMER. Was säuselte er Ihnen in's Ohr?
DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen.
V. ZITTERWITZ. Wir müssen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie
werden lachen, indessen ich Thränen vergieße . . . Der junge Doctor ist
auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum
Anfang).
DER SÄNGER (mit Orchesterbegleitung).
Was ist des Deutschen beste Kunst?
Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
In jedem Herzen wiedertönt,
Zur Einheit Jung und Alt versöhnt?
O halte ein!
Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein.
Was ist des Deutschen beste Kunst?
Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
Den Schwachen schützt, den Starken wehrt,
Des Heilands Worte frömmig ehrt?
O halte ein!
Sie könnt' es wohl und darf's nicht sein.
Was ist des Deutschen beste Kunst?
Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
In Land und Stadt der Leute Fleiß
Zum Ziel des Heils zu lenken weiß?
O halte ein!
Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein.
Was ist des Deutschen beste Kunst?
Die, welche frei von Schwulst und Dunst
Das Recht verklärt, den Geist erhebt,
Die Menschheit zu vergöttern strebt?
O halte ein!
Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein.
Was ist des Deutschen beste Kunst?
Die, welche frei von Schwulst und Dunst
Die Sitte lenkt, das Leben führt
Und jede Handlung edel ziert?
O halte ein!
Sie kann es schon gewiß nicht sein.
Was ist des Deutschen beste Kunst?
So nennt sie endlich mit Vergunst!
Es ist doch nicht die Niedertracht,
Wo feig der Schalk sich selbst belacht!
O halte ein!
Sie kann es nie von Herzen sein.
Sie kann es nie von Herzen sein,
O Gott vom Himmel sieh' darein
Und stärk' uns bald mit heil'ger Kraft:
Es falle ihre Meisterschaft!
O stimmet ein,
So soll es und so wird es sein.
Fünfte Scene.
Alles wie vorher, ohne den Sänger. Nach kleiner Pause allgemeinen
Schweigens, wo man nur das monotone Geräusch der Essenden, die
klappernden Heller, Messer und Gabeln hört, beginnt V. ZITTERWITZ zum
DOCTOR:
V. ZITTERWITZ. Das schöne Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem
Verhältniß steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen
Persönlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen
Galanterie?
DER DOCTOR. In keinem.
V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht übel. Ihr „leben
und leben lassen“, Ihre geniale Lüderlichkeit und ästhetische Bummelei,
mit Permission gesagt —
DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Höchst schmeichelhaft . . . .
V. ZITTERWITZ. — ist leutekundig. Nie hätte ich in Ihnen einen
Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht.
DER DOCTOR. Betrachten Sie alle großen Worthelden unserer Zeit, zum
Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER
erhebt sich mit einem Becher.)