DER DOCTOR. Lust? nein.
QUESTENBERG. Du möchtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt
umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen?
DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es würdiger als hier
unter vergitterten Thüren und Fenstern den Judas von allem Schönen und
Sittlichen zu spielen.
QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000 — der
Seide 20,000 — Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermählen
müssen . . .
DER DOCTOR. Müssen?
QUESTENBERG. 11,000, — 20,000, — 5000, — und 1500 macht — macht
37,500 . . .
DER DOCTOR. Das heißt also, Sie wünschen nicht mehr für mich zu
bezahlen.
QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich
noch lange bei mir auf der Bärenhaut halten!
DER DOCTOR. Schön.
QUESTENBERG. Nicht wahr?
DER DOCTOR. — — Ich werde mich denn vermählen . . . Sie haben vielleicht
eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen?
QUESTENBERG. Fräulein Blashammer.
DER DOCTOR. Ah gratulire! (für sich schaudernd) Brrr . . .
QUESTENBERG. Ein Mädchen von vielseitigster Bildung.
DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr).
QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig
französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich für
Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für Naturwissenschaft —
dichtet Liebeslieder und Trinksprüche, verfertigt Oden und Sonnette,
steht mit bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt,
wenn ich nicht irre, sogar Kritiken für belletristische Journale . . .
(Er steht auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?
DER DOCTOR. Darf ich eine äußern?
QUESTENBERG. Ich bitte.
DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit.
QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?! — Ah, thu' man den
Schlimmen etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem
Schlage zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment!
DER DOCTOR. Sie hätten keine Rücksicht auf meinen Charakter nehmen,
sondern nach Ihrem innersten Geschmacke wählen sollen, folglich ein
Mädchen, welches Sinn für das Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche
schaltet, Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst
Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld,
Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden,
Herr Papa — auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glück!
QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig oder aus
Vernunft so verrückt.
DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er
in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich für
Sie aus Paris mit. 's ist die berühmte Schutzzollrede Ihres
Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben.
Möge die Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit
meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)
QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die großen Städte
seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.)
Abtheilung II.
Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund
steht ein Modell.
Vierte Scene.
ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von
KLAUS.
KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, daß er Dich mit
einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet?
ALBERT. Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden täglich von der
Arbeit schenkt . . .
KLAUS. Welche Gnade!
ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des
gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt?
KLAUS. Hätte ich Deine Finger — ah, ich säß' längst in Paris oder London
und scharrte das Geld haufenweis, ungezählt . . .
ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die
fähiger und geschickter sind als ich . . . Man muß Deine Einfalt
aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie
von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der
Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der Akademie —
Machten Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten Europa's? . . Der
Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen machen! . . . Ich erwarte
von Herrn Questenberg keine goldene Gerechtigkeit, aber bin überzeugt,
daß er mich besser stellen wird, sobald ich ein Verdienst besitze.
KLAUS. Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von
hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe?
ALBERT. Hier?
KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem
Modell zu irgend einem großen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen
Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben
und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden
wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Straße.
ALBERT. Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich würde gute Geschäfte
mit Dir machen.
KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Büchern zusammen, daß das
Talent in jenen freien Ländern schneller zu etwas kommt.
ALBERT. Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran.
KLAUS. Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . .
ALBERT. Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich für mich habe.
KLAUS. Weißt Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger
der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen
eifersüchtigen Concurrenten verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit
erhalten.
ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn.
KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell — ich helfe daran
so gut ich kann — miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf
und machen mit großer Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst
merkwürdig für alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung
von unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der
in halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen leistet. Zu sehen
täglich und stündlich. Entrée fünf Silbergroschen.
ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.
KLAUS. Hole ihn doch der — Ehe wir das Modell ausstellen, schicken
wir's nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe läßt es von
Sachverständigen prüfen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir
ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu
entschädigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie,
die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst
sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeiströmen und den großen
Fortschritt des neuen Jaquard begrüßen.
ALBERT. Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf.
KLAUS. Es fördert unsern Zweck!
ALBERT. Ich schätze die Erfindung gering. — Und gehörte sie mir allein,
so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen
gelehrten Technikern gebührt das größere Verdienst . . .
KLAUS (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen.
ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu
sehen; ich fühle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich
erstrebe ist meiner Begabung gemäß; mit Recht darf ich ausharren und
meinen Durst nach Vervollkommnung löschen . . .
KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst
lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet! — Wohin Dich die
falsche Bescheidenheit führt! — Elender Sclav', richte Dich empor,
erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch
ich habe zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein
Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen macht, gute
fromme Leute zum Schlechten zu verleiten. —
ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der
Meister meines Geschickes bleiben.
KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst! — Begreife den allmächtigen
Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschüttert und um und um
geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände und
Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; 's ist klar wie das
Einmaleins! — Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem
Rath! — O besäßest Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der
Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter
Deinem Talente nicht verkriechen.
ALBERT. Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer Banquier verloren ging.
KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild.
ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung.
KLAUS. Zunächst nichts weiter.
ALBERT. Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr einer Million?
KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue
Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus
der Fremde mitgebracht hat, — Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug?
ALBERT. Nein.
KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet. — Ich
begegnete ihn mit seinem neufundländischen Hunde in der Allee. Nach
Gebühr zog ich die Mütze, — indeß der Dank wurde mir von dem Herrn wie
von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . .
MARIE (singt draußen).
KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im
Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei süß schmecken und die Wahrheit verläugnet
werden. Pah, ich verstehe Dich längst, Albert — mag's mit heute aber
genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus
der Tasche und lies't.) „Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist
geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer
Bedürfnisse“ . . .
Fünfte Scene.