Adelsnamen,
die ja, soweit ursprünglich und echt, fast sämtlich von Ortsnamen
abgeleitet sind, z. B. _von Falkenstein_, _von der Asseburg_.
Doch ebenso alt ist die schon erwähnte Ableitung auf ~er~: _der
Bodensteiner_, _der Toggenburger_. So nennt sich Hartmann (im 13.
Jahrhundert) bald „_der von Ouwe_“, bald „_der Ouwaere_“. So wird noch
im Tell der Freiherr von _Attinghausen_ von dem Hirten in der ersten
Szene „der _Attinghäuser_“ genannt.
Jetzt ist die präpositionale Bezeichnung allgemein durchgedrungen und
zwar die mittels des Verhältniswortes _von_, welche die andern in den
Hintergrund gedrängt hat und als Kennzeichen des Adels schlechthin gilt.
Wie aus obiger Darstellung erhellt, hat dieses _von_ einen Sinn nur
vor Ortsbezeichnungen, und es ist eine Verirrung, auch Namen anderer
Art, ursprünglichen Personennamen, Handwerksnamen usw. es vorzusetzen.
_Von Hermann_, _von Schmidt_, _von Schulz_ u. dergl. ist sprachlich
entschiedener Nonsens, und daß man in hunderten von Fällen ein _von_
so ganz äußerlich anheften konnte, ist ein unleugbarer Beweis von
erloschenem Sprachgefühl.
Ein Rest dieses Gefühles hat sich in Österreich erhalten; aber wie
hilft man sich dort? Man bildet (wie schon in den Zeiten des alten
deutschen Reiches)[69] aus dem bisherigen Familiennamen des zu
Adelnden durch Anhängung von -feld, -burg, -thal usw. einen Ortsnamen,
unbekümmert darum, ob es einen solchen Ort in der Welt gibt oder nicht,
also: _Kuhn von Kuhnenfeld_, _Planck_ Edler _von Planckburg_, _Braun
von Braunthal_ -- lauter Namen, welchen man es sofort ansieht, daß sie
nichts als Phantasiegebilde sind.
Besser ist in dieser Hinsicht eine Namengebung wie: _Schubert_, Edler
_von dem Kleefelde_ (wegen seiner Verdienste um den Kleebau geadelt,
Pott, Personennamen S. 3), und _Escher von der Linth_, wie der
Staatsrat Escher wegen Regelung des Laufes der Linth und Austrocknung
der durch diesen Fluß gebildeten Sümpfe auf Beschluß des kleinen
Rates von Zürich genannt wurde. („Die Staatskanzlei sei beauftragt,
künftig in allen betreffenden öffentlichen Schriften den verewigten
hochverehrten Herrn Staatsrat Hans Konrad Escher und dessen männliche
Nachkommen als „Escher von der Linth“ zu benennen, eine Bezeichnung,
die jetzt urkundlich um so begründeter festgesetzt wird, da sie schon,
während das Vaterland sich noch des lebendigen Wirkens des Vollendeten
erfreute, von der öffentlichen Meinung aufgefaßt und von Mitbürgern und
Eidgenossen übereinstimmend geübt ward.“)
Häusernamen.
Wenn in manchen Geschlechtsnamen, z. B. _Amthor_, die Bezeichnung der
~Lage~ des Hauses entnommen ist, so entspringt sie auch sehr häufig
aus dem ~Namen~ des Hauses selbst. Denn jene alte Zeit war, wie Becker
S. 20 treffend bemerkt, so jugendfrisch, daß sie allen Dingen, wie
Adam im Paradiese, gleich einen lebendigen Namen zu geben wußte,
nicht nur Burgen, Höfen und Straßen, sondern auch den Häusern.[70] Wir
begnügen uns jetzt mit einer toten Nummer und Littera, während nur die
Straßennamen noch fortdauern. An einzelnen Orten sind freilich auch
diese wenigstens vorübergehend abgeschafft, z. B. in Mannheim, wo es
statt dessen bis vor kurzem armselige Häuserquadrate A, B, C usw. gab,
und jenseit des Ozeans bei den nüchternen, poesielosen Yankees, die da
bloß zählen 1. 2. 3..... Avenue.
Im Mittelalter dagegen führten auch die Häuser Namen, und zwar benannte
der Erbauer oder Besitzer eines Hauses dasselbe entweder nach seiner
alten Heimat -- so hieß das Haus, in welchem der Dichter Konrad von
Würzburg (s. S. 54) in Basel wohnte, _Würzburg_, andere _zum Mailand_,
_zum Venedig_ -- oder nach Tieren, Pflanzen, Geräten, namentlich nach
Geräten oder Erzeugnissen eines Gewerbes oder Dingen, die mit dem
Berufe des Erbauers irgendwie zusammenhingen.
Diese Häusernamen nun wurden nicht angeschrieben, sondern dem
lese-unkundigen Volke zu nutz wurde der im Namen enthaltene
Gegenstand angemalt oder auch in einem Holz- oder Steinbild am Hause
angebracht.[71]
Reste dieser Sitte sind die noch jetzt üblichen besonderen Benennungen
und Bezeichnungen der ~Gasthäuser~ und ~Apotheken~, auch der
~Logierhäuser~ in Bädern. Im übrigen haben sich nur einzelne dieser
Namen und Bilder bis in die Gegenwart erhalten. So heißt in Leipzig
noch jetzt ein schönes, hohes Haus auf dem Neumarkte „_die hohe Lilie_“
(Pröhle), ein Haus in Erfurt „_zum Rebstocke_“, ein anderes in Stettin
„_die weiße Taube_“.
An diese Benennungen knüpfen sich häufig sagenhafte Erzählungen, welche
die Veranlassung und Bedeutung derselben zu erklären suchen. Einige
teilt Pröhle in seinen „Deutschen Sagen“ mit:
„Zu Erfurt sah einst ein Schäfer in seinem Garten einen Bock und ein
Schaf an einem Rosenstocke stehn. Das Schäfchen aber scharrte mit
seinem Fuß etwas Geld aus der Erde. Da grub der Schäfer nach und fand
so viel Geld, daß er davon drei schöne Häuser bauen konnte. Er nannte
aber das erste Haus „~zum güldenen Schafe~“, und es ist daran auch ein
~Schaf in Stein~ zu sehen, das andere „~zum Rosenstock~“ und das dritte
„~zum schwarzen Bock~“.
Geschichtlicher sind nach allem Anscheine die Angaben über das oben
erwähnte Haus „~zum Rebstock~“, welches von Otto v. Ziegler im 15.
Jahrhundert erbaut worden. „Dieser reiste 1447 zum heiligen Grabe und
in die 18 Königreiche. Er brachte aus dem heiligen Lande einen großen
merkwürdigen Rebstock mit, und als er 1451 zu Erfurt in der Futtergasse
ein schönes Haus als Stammhaus erbaute, nannte er es „~zum Rebstock~“.
Oben an dem Hause standen auf steinernen Platten die Wappen der 18
Königreiche gemalt,[72] wodurch der Otto v. Ziegler gereiset. Auch ward
der Rebstock, den er mitgebracht hatte, daran abgebildet und außerdem
in seiner Familie aufbewahrt“ (Pröhle, Deutsche Sagen neue Ausg. S. 248
ff.).
Ähnlich über ein Haus in Würzburg in der Dominikanergasse, welches den
Namen „_zum roten Hahn_“ führt: Auf das Dach desselben wurde von den
Leuten des Wilh. Grumbach nach Überrumpelung der Stadt Würzburg ein
roter Hahn gesetzt und das Haus angezündet. Der rote Hahn krähte (d. h.
die Flamme prasselte) und flog von einem Dache zum andern. Nach seiner
Wiedererbauung erhielt das Haus den Namen „zum roten Hahn“ (Pröhle a.
a. O. S. 237).
Aus diesen Hausnamen und -Bildern sind nun eine Menge Familiennamen
entstanden. So führt Becker aus älterer Zeit unter andern folgende
an: aus Köln 1116 _zum Saphir_, 1178 _Lembechen_ (Lämmchen), 1219
_von Gürzenich_, 1256 _van me Kranen_ (vom Kranich), 1262 _van me
Hane_; aus Basel: 1255 Waltherus ad Stellam, _zum Sternen_, 1262
Anselm _zer Tannen_; später _zer Sonnen_, _zer Rosen_, _zem Haupt_,
_zem Tracken_ (Drachen) usw. Wie hieraus ersichtlich wurden diese
Hausnamen vorzugsweis aus der Tier- und Pflanzenwelt gewählt, und
daher erklärt sich zum guten Teile der Umstand, daß jetzt so manche
Familiennamen nichts anderes als eben Tier- und Pflanzennamen sind. Der
Hausname wurde auf den Besitzer übertragen, ursprünglich wie andere
Ortsbenennungen mit einem Verhältnisworte: _von_ oder _zu_, welches
später abfiel. Einen Beweis für diese Entwickelung bietet unter anderem
der Familienname _Molfenter_, aus _zum Olfenter_ (Kamel), wo das _m_
von der Vorsetzsilbe noch stehen geblieben ist.
Besonders reichliche Beiträge zur Bezeichnung menschlicher Geschlechter
haben unter den vierfüßigen Tieren gegeben: _Schaf_ und _Ziege_,
_Rind_, _Wolf_, _Fuchs_ und _Hase_, nächstdem _Hirsch_ und _Reh_
(_Rehbein_, _Rehfuß_) -- unter den Vögeln außer dem allgemeinen
_Vogel_ nebst seinen Zusammensetzungen (_Brachvogel_, _Schreivogel_)
die Raubvögel: _Adler_, _Geier_, _Falk_, außerdem _Gans_ und _Hahn_.
Innerhalb des Pflanzenreichs überragt die Königin der Blumen, die
_Rose_, die andern auch hier, zumal in mannigfachen Zusammensetzungen
(_Rosenblüt_, _Rosenstiel_, _Rosenstock_, _Rosenzweig_).
Jedoch ist wiederholt darauf hinzuweisen, daß wir uns hier auf einem
sehr trügerischen Gebiete bewegen, in einer Welt, die großenteils eine
Welt des Scheines ist. Wie bei den Gerätschaften und Körperteilen ist
auch hier ein gut Teil anderen Ursprungs und trifft nur zufällig,
oft infolge von Umdeutung und Entstellung, mit neueren Tier- und
Pflanzennamen zusammen. So ist der Name _Strauß_ die regelmäßige
Weiterentwickelung vom althochd. _Struz_, der Schmeichelform von
_Strudolf_, _Appel_ ist Zusammenziehung und Verkürzung aus _Adalbold_,
_Hering_, althochd. _Herinc_, Patronymikum von _Hero_, _Regen_
althochd. _Regino_ (s. Ragan „klug“), _Bock_ meist wohl aus _Bucco_,
Kürzung von _Burkhart_. Andere bezeichnen wirklich Tiere, stammen aber
meistens schon aus der ersten Periode, wie _Bär_, _Roß_, _Schwan_, oder
sie gehen auf Eigenschaften (s. S. 48).
* * * * *
Hiermit schließen wir diese Übersicht. Wie uns die Personennamen
unserer germanischen Altvordern das kampfdurchtobte, waffenfreudige
Leben und Treiben derselben vor Augen führen, so spiegeln die
dem spätern Mittelalter entsprossenen Familiennamen die bunten
Erscheinungen mittelalterlichen Lebens wieder. Die Bilder der
Raubritter, der „frummen“ Landsknechte, der teils gedrückten, teils
übermütigen Bauern, besonders aber der ehrsamen Bürger in Werkstatt und
Rat, in Singschule und Trinkstube werden durch diese Namen vor unsere
Augen gezaubert.
Wenn die Geduld des freundlichen Lesers uns bis hierher gefolgt
ist, so wird derselbe nunmehr wenigstens in den Grundzügen ein Bild
der deutschen Familiennamen erhalten haben. Es mag dieses einem
buntgewirkten Teppich gleichen, in welchem die ~altdeutschen~ und die
~kirchlichen~ Namen den Aufzug, die ~bürgerlichen~ Bezeichnungen den
Einschlag bilden. Damit ist im wesentlichen die Sache abgeschlossen;
was später etwa noch hinzukommt, kann den Grundcharakter der deutschen
Namengebung nicht ändern, es dient nur dazu, hie und da noch einen
neuen Faden in das Gewebe einzufügen, es noch ein wenig bunter zu
machen.
14.
Würdigung der deutschen Familiennamen nach Gehalt und Form.
Nach ihrem innern Gehalt ist die deutsche Namengebung alles Lobes
würdig.
Die Grundlage bilden die ~altdeutschen Heldennamen~ mit ihrem schönen,
idealen Gepräge und in ihrer reichen Fülle, mit einer verhältnismäßig
nicht bedeutenden Beimischung fremdsprachig ~kirchlicher~ Namen, von
Glaubenshelden entlehnt. An diese schließt sich dann, entsprechend
der gesellschaftlichen Entwickelung, in durchaus gesunder Weise eine
fast ebenso große Fülle ~bürgerlicher~ Namen, hergenommen von Amt und
Handwerk, von Geburts- und Wohnort. Freilich hat sich der Schwung
des heroischen Zeitalters ermäßigt, der poetische Blütenstaub ist
abgestreift. Dafür tritt zum Ersatz der ~Witz~, die ~scherzende und
spottende Laune~ ein, die sich am glänzendsten in den ~Satznamen~
offenbart.
Ein Mangel allerdings gibt sich hier sehr bald kund: die zu häufige
Wiederkehr mancher Namen, besonders der vom ~Handwerk~ entlehnten,
wogegen anderseits auch ein ~Fernhalten von leerem Prunk~ anzuerkennen
ist.[73]
Nicht so günstig kann das Urteil in betreff der Form ausfallen.
Hier ist vor allem zu beklagen, daß die klangvollen Namen der ersten
Schicht, wie _Hildebrand_, _Rüdiger_, _Landolf_ durch spätere
Verkürzungen und Verkleinerungen doch sehr gelitten haben, so daß
eine Menge überkurzer, einsilbiger, klangloser Namen entstanden
ist: _Eck_, _Sietz_, _Lemm_, _Thie_, _Deetz_ usw. Hierher gehören
auch viele zweisilbige, insbesondere die niederdeutschen auf _ke_:
_Gefke_, _Gehrke_, _Reetzke_, _Zielke_, denen die süddeutschen auf _l_
entsprechen: _Dietl_, _Atzl_, _Datzl_, _Hutzl_.
Voller tönende Namen finden sich unter den von Ortsbezeichnungen
entlehnten: _Frankenstein_, _Reinthaler_, _Rudinger_ u. a. -- und diese
bilden jetzt die Hauptmasse der längeren, mindestens dreisilbigen
Familiennamen. Manche, viersilbige, haben sogar zuviel Gewicht und
etwas Schleppendes, wie: _Albrechtsberger_, _Koberlechner_.
Außerdem fällt eine ~Härte~ in den konsonantischen Verbindungen, z. B.
in _Hitzke_, _Kratzke_, _Nitzschke_, vielfach unangenehm ins Ohr.
15.
Latinisierungen.
Unter den auf S. 62 erwähnten späteren Zutaten treten hervor die
Latinisierungen.
Im Ausgange des Mittelalters und besonders nach der sonst so
erfreulichen Wiederbelebung der klassischen Studien im 15. und
16. Jahrhundert wurde es Sitte bei den Gelehrten und studierten
Fürstendienern, auch ihre Namen in das Antike zu übersetzen. Ein
Beispiel haben wir unter anderm an dem Dr. juris Olearius in Goethes
Götz in der Tafelszene des ersten Aufzuges:
~Liebetraut~: Ihr seid von Frankfurt? Ich bin da wohlbekannt. --
Euer Name ist Olearius? Ich kenne so niemanden.
~Olearius~: Mein Vater hieß Ölmann. Nur den Mißstand auf dem Titel
meiner lateinischen Schriften zu vermeiden, nennt’ ich mich nach
dem Beispiel und auf Anraten würdiger Rechtslehrer Olearius.
~Liebetraut~: Ihr tatet wohl, daß ihr euch übersetztet. Ein
Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande; es hätt’ euch in eurer
Muttersprache auch so gehen können.
~Olearius~: Es war nicht darum.
~Liebetraut~: Alle Dinge haben ein paar Ursachen.
Die Grundursache war eben die leidige Nachahmung oder vielmehr
Nachäffung des Fremden. Es sollte das alte Römertum wieder erweckt
und alles möglichst auf römischen Fuß gebracht werden. So wurde das
heimische Recht durch das römische Corpus juris verdrängt, und auch die
deutsche Muttersprache suchte man als eine barbarische, wofür sie den
Gelehrten galt, möglichst zu verdrängen und auszurotten, zunächst in
den gelehrten Schulen, damit die lateinische ganz an ihre Stelle träte.
Man betrachtete es als einen großen Vorzug der römischen Kinder, daß
sie von kleinauf Latein sprachen und mit Lateinsprechenden umgingen,
und bedauerte die armen deutschen Kinder, die nicht schon von den Ammen
und beim Spielen auf den Gassen lauter Latein hörten. Den Lehrern wie
den Schülern war darum alles Deutschsprechen untersagt; Spielen ward
unter der Bedingung erlaubt, daß auch dabei nur Latein gesprochen
würde. So hoffte man die „barbarische“ Muttersprache wenigstens aus
den Schulen bald auszutreiben. In diesen traurigen Anschauungen und
Bestrebungen kamen der Straßburger Lehrplan des Joh. Sturm, der
württembergische des Herzogs Christoph und der der Jesuiten überein. Es
war eben allgemeine Zeitrichtung.
Daher darf es nun nicht wundernehmen, wenn im Kreise der Gelehrten
die Namen so eifrig verlateint wurden und man sich wenigstens hierin
zu Römern zu lügen suchte. Ein Lutz nannte sich _Lucius_, ein Kurz:
_Curtius_, ein Köpflin: _Capito_, ein Crachenberger: _Pierius Gracchus_
-- ein Fischer übersetzte sich _Piscator_, ein Habermann: _Avenarius_
-- mit Zuhülfenahme des Griechischen ein Holzmann: _Xylander_, ein
Becker: _Artopoeus_, ein Hausschein: _Oecolampadius_.
Während die vergriechten Namen, fast ausnahmslos zusammengesetzt,
durch ihre Länge ins Ohr fielen, indem sie mindestens dreisilbig,
oft aber vier-, fünf-, ja sechssilbig sind: erschienen die einfachen
lateinischen Namen in ihrer Kürze noch zu kahl; mindestens mußte den
zweisilbigen wie Sartor, Pistor noch eine Endung gleichsam als Schleppe
angehängt werden, um die Würde ihrer pedantischen Träger recht zu
bezeichnen, also: _Sartorius_, _Pistorius_.
In jenen Zeiten bestimmte zuweilen der unreife und phantastische
Einfall eines unbärtigen Literaten auf Jahrhunderte den Familiennamen
seines Geschlechtes. So war, nach Vilmar, ein gewisser Mosmann der
Sohn eines Schmiedes zu Gemünden an der Wohra; da ihm aber einige
lateinische Verse gelungen waren, so konnte er nicht mehr Mosmann
heißen, sondern nahm den lateinischen Namen für das Gewerbe seines
Vaters an: Faber. Indes das drückte doch nicht den poetischen Schwung
aus, den der angehende Virgil in sich fühlte, und so nannte er
sich denn _Fabronius_, welches bedeuten sollte Faber Aonius, d. i.
Musenschmied, und diesen Namen behielten seine Nachkommen bei. Seine
Landsleute waren _Helius Eobanus Hessus_ und _Euricius Cordus_, von
denen bei ihren hochpoetisch klingenden Namen niemand mehr weiß, wie
sie recht geheißen haben.
So entstanden die wunderlichsten und abenteuerlichsten Namengebilde,
z. B. _Osiander_ aus Hosemann, _Chiomusus_ aus Schneesing, _Eucharius_
aus Eckhard, _Chelopoeus_ aus Kistemaker, Namen, die jetzt schwer
zu enträtseln sind oder gar nicht mehr, wie _Chesnecophorus_. Auch
übellautende Mißbildungen, wie _Gueinzius_, _Heineccius_, _Cocceji_[74]
setzten sich fest.
Diese Latinisierungen wucherten am meisten da, wo eben die vorhin
geschilderte, sog. humanistische Richtung besonders blühte, also
namentlich in Sachsen, in der Pfalz, in Basel, vor allem aber am Hofe
des hessischen Landgrafen Philipps des Großmütigen.
Manche kehrten von den Pistorius, Episcopius, Melissander ihrer Väter
zu den Becker, Bischoff, Bienemann ihrer Großväter zurück; andere aber
behielten die bunten lateinischen und griechischen Namen bei, wenn
sie sich auch nicht auf der wissenschaftlichen Höhe ihrer Vorfahren
behaupten konnten, und so finden wir diese Fremdnamen gegenwärtig noch
überall in Deutschland.[75]
Jetzt bekommt diese Namenklasse glücklicherweise keinen Zuwachs mehr.
Nur einige Stockphilologen haben es in neuerer Zeit noch nicht lassen
können, Namen in dieser Weise für ihre Zwecke zu antikisieren: _Öhler_
in Olearius, _Sillig_ in Siligius. Doch gründlicher verfuhr hierin
Reisig. Dieser Gelehrte, der jedesmal, wenn er glaubte eine glückliche
Konjektur gemacht zu haben, dies der Welt durch Trompetenstoß von dem
Boden seiner Wohnung aus verkündete, leistete auch Entsprechendes
auf dem Gebiete der Antikisierung, besser gesagt, Entstellung der
Namen. So verwandelte er _Wunderlich_ in Vunderilicus, _Poppo_ ganz
unnötigerweise in Pomponius, _Mitscherlich_ gar in Midoscherilix,
als wäre dieser Horazerklärer des 19. Jahrhunderts einer von den
Keltenhäuptlingen des alten Galliens, gleich den Viridovix und
Vercingetorix.
16.
Jüdische Namen.
Am spätesten haben die Juden sich dazu verstanden, Familiennamen
anzunehmen; meist wurden sie erst durch die Gesetzgebung, in Österreich
unter Joseph II., in Preußen durch Hardenbergs Edikt vom 11. März
1812 dazu genötigt. Sie hatten nun die Wahl und wählten, was auch am
nächsten lag, zum großen Teil hebräische, alttestamentliche Namen,
indem einfach die bis dahin geführten Personennamen zu Familiennamen
gestempelt wurden: _Abraham_, _Jakob_, _Moses_, _Simon_; auch
patronymische Ableitungen hebräischer Namen: _Jakoby_, _Jakobson_
(entsprechend dem hebräischen _ben_, welches in _Benary_ „Löwensohn“
erscheint).
Doch in der Mehrzahl wurden neuhochdeutsche Namen gewählt, zunächst
Bezeichnungen von ~Eigenschaften~, natürlich guten: _Edel_,
_Freundlich_, _Treu_ -- sodann ~Tier~benennungen: _Hirsch_, _Wolf_,
_Adler_, meist wohl mit Rücksicht auf die Bedeutung, welche denselben
im Alten Testamente beigelegt wird[76] -- jedoch mit besonderer
Vorliebe ~Orts~bezeichnungen: _Cassel_, _Falkenstein_; häufig mit
der Ableitungsendung _er_: _Friedländer_, _Wronker_, _Exiner_,
_Meseritzer_. Diese Namen weisen großenteils nach dem Osten, nach
Westpreußen und Posen.
Eigentümlich ist hierbei die Vorliebe für schönklingende Namen,
Zusammensetzungen nicht nur mit ~Gold~[77] und ~Silber~ -- sondern auch
mit ~Löwen~, mit ~Rosen~, ~Lilien~ und ~Veilchen~: _Löwenstamm_ und
_Löwenthal_, _Rosendorf_ und _Rosenberg_, _Lilienthal_, _Veilchenfeld_
u. ähnl. Woher diese prächtig klingenden Namen, welche zu den
die jüdische Namengebung beherrschenden gehören? Ist es noch ein
Nachklang jenes poetischen Sinnes, der sich einst in den Dichtungen
des Alten Testamentes kundgegeben, ein Stück von dem Farbenreichtum
des Morgenlandes nach dem Abendlande verpflanzt? Oder ist es nur das
Bestreben, wie die Ware so auch den Namen möglichst herauszuputzen,
durch schönes Etikett Reklame zu machen?[78]
Dabei wird nun nicht gefragt, ob derlei Ortsbezeichnungen auch in
Wirklichkeit vorkommen; diese _Lilienthal_, _Veilchenfeld_ usw. sind
großenteils rein erdachte Namen, wie auch _Cohnfeld_ und _Cohnheim_,
_Aronsbach_, _Lewinthal_ -- denn wo gäbe es in Deutschland Orte
dieses Namens? Es gleichen diese scheinbaren Ortsnamen trügerischen
Luftspiegelungen, die bei der Annäherung zerrinnen.
Hingegen treten zurück die altdeutschen Namen, die kirchlichen und, was
besonders bezeichnend ist, auch die Handwerksnamen.
Im ganzen hat die jüdische Namengebung etwas Gemachtes, Künstliches,
was allerdings teilweis mit der Art ihrer Entstehung zusammenhängt.
In Österreich standen zu Ende des 18. Jahrhunderts besonders die Juden
Ungarns, Galiziens und der Bukowina auf einer tiefen Stufe, sie kannten
das Bedürfnis nach Familiennamen gar nicht und hielten an dem alten
orientalischen Brauche fest, nach welchem jeder bloß mit dem eigenen
Personennamen (und dem des Vaters) benannt wurde. Rücksichten der
Verwaltung, der Steuererhebung und Rechtspflege forderten Beseitigung
solcher Zustände. Darum beauftragte Joseph II. seinen Hofkriegsrat,
binnen zweier Jahre die nötigen Maßregeln durchzuführen. Zu dem Ende
wurden nun Kommissionen von Offizieren ernannt. Ein panischer Schreck
fuhr in die Juden, welche besonders vor dem Militärdienste wahre
Todesangst empfanden und einen Abscheu vor den „heidnischen“ Namen
hatten, die sie neben ihren „heiligen“ hebräischen tragen sollten.
Zunächst konnten die Juden ihre Familiennamen selbst wählen. Da
sie sich aber vielfach hartnäckig ablehnend verhielten, so blieb
den Kommissionen nichts anderes übrig, als selber ihnen Namen zu
erteilen. Dabei war vorgeschrieben, solche Namen zu wählen, die
möglichst große Besonderheit hätten; auch sollten die Kommissionen
viele Familiengruppen bilden und wiederholte Wahl desselben Namens in
ihrem Bezirk vermeiden. Außerdem spielten Soldatenwitz und Schneid,
auch wohl der Ärger über mißglückte Erpressungsversuche eine große
Rolle. So kamen denn wunderbare Namengebilde zum Vorschein, als da
sind: _Wohlgeruch_, _Veilchenduft_, _Schöndufter_; _Armenfreund_,
_Wohlthäter_, _Weisheitsborn_; _Geldschrank_, _Smaragd_; _Singmirwas_,
_Küssemich_ -- _Ladstockschwinger_, _Pulverbestandtheil_,
_Maschinendraht_, _Nußknacker_, _Schulklopfer_, _Reinwascher_;
_Temperaturwechsel_, _Maulwurf_, _Nachtkäfer_, _Rebenwurzel_ --
_Notleider_, _Hungerleider_; _Schnapser_; _Eselskopf_, _Ochsenschwanz_,
_Drachenblut_; _Stinker_, _Kanalgeruch_; _Galgenvogel_, _Galgenstrick_,
_Taschengreifer_, _Hirschtödter_, _Wanzenknicker_, _Saumagen_,
_Groberklotz_ u. a. m.[79]
17.
Französierungen, Polonisierungen und andere Metamorphosierungen der
Neuzeit.
Die in Kap. 16 geschilderten Latinisierungen fanden eine bemerkenswerte
Fortsetzung in der neuesten Zeit. Das infolge der traurigen staatlichen
Verhältnisse gesunkene Nationalgefühl der Deutschen hatte schon seit
dem Dreißigjährigen Kriege eine bei andern Völkern unerhörte Schwäche
hervortreten lassen, die sich in Mißachtung des Heimischen und
Überschätzung alles Fremden kundgab.[80] Daher in der Literatur die
sklavische Nachahmung fremder Muster, in der Sprache die Überschwemmung
mit fremden, namentlich französischen Wörtern. Auf einzelnen Gebieten
überwunden trat diese einmal vorhandene Schwäche und Krankheit wieder
in andern Symptomen hervor -- neuerdings in der Unsitte, in fremden
Landen seinen deutschen Namen zu entdeutschen, zu französieren,
polonisieren, madjarisieren, wie es gerade kommt.
So werden denn in Frankreich die Namen verfranzöselt:[81] ein Solger
nennt sich _Saulier_, ein Nagler -- _Naguiller_, ein Witzel --
_Ficelle_, ein Kleemann -- _Clément_ und ein Vogler schämt sich seines
schönen deutschen Namens, nicht Vogler mehr -- er wohnt ja in Paris --
nein, _Fouclair_! mag auch das Französisch, welches er spricht, noch
recht sehr seine Abstammung aus Deutschland, vielleicht speziell aus
Thüringen verraten.
Besonders ungerechtfertigt und tadelnswert ist es, wenn dergleichen in
Deutschland selbst geschieht, wenn sich z. B. ein Dessauer -- _Dessoir_
nennt, um durch diesen aufgehefteten französischen Lappen seinem Namen
ein vornehmeres Aussehen zu geben, oder wenn echt deutsche Namen mit
französischen Accenten versehen werden: _Nägelé_, _Schultsé_ (!),
_Salingré_, _Ledérer_.
Während diese Französelei sich häufig bei Schauspielern findet,
veritalienern sich Sänger und Sängerinnen: der Schwabe Stiegele in
_Stighelli_, die Sängerinnen Crüwell in _Cruvelli_, Röder in _Rodani_
(!) -- als ob Deutsche nicht singen könnten und alles, was gut singt,
aus Italien herstammen müßte.
Wie im Westen die Namen französiert werden, so werden sie im Osten
polonisiert. Ein Feldmann benamset sich klangvoller _Feldmanowski_, ein
Krauthofer zunächst Krauthofski, dann aber, damit doch ja nicht eine
Faser einer deutschen Kohlrübe an ihm hängen bleibe: _Krótowski_. Wird
keine polnische Endung angehängt, so muß wenigstens die Schreibung eine
polnische sein: _Szuman_ (Schumann), _Szrajber_ (Schreiber), _Szulc_
(Schulz).[82]
Man sollte dergleichen nicht für möglich halten, da die polnische
Nation doch in geringerer Achtung steht (s. „polnische Wirtschaft“,
„polnischer Reichstag“) und die deutsche sich stets überlegen gezeigt
hat, und doch geschieht es. Hieraus erklärt sich zum Teil das erneute
Vordringen des Slawischen in manchen östlichen Bezirken Preußens. Es
wäre nicht möglich gewesen, wenn die Deutschen in polnischer Umgebung
die Fahne ihrer Nationalität immer hochgehalten hätten, wenn sie nicht
in jämmerlicher Schwäche ihr Deutschtum verleugnet, ja zum Teil sich
den Polen im Kampfe gegen ihr Vaterland, gegen deutsche Sprache und
Nationalität angeschlossen hätten. So weigerte sich ein Gutsbesitzer
Arndt (!) bei Gnesen, an einer in deutscher Sprache geführten
Gerichtsverhandlung teilzunehmen, weil er -- ein Pole sei. Entartete
Deutsche sind vielfach gerade die Vorkämpfer der Polen und Tschechen.
In Österreich schließen sich an die Slawisierungen deutscher Namen
in den slawischen Landstrichen ~Madjarisierungen~ in Ungarn. Die
öffentlichen Blätter haben in neuerer Zeit häufig lange Listen
österreichischer Staatsbürger gebracht, denen auf ihren Antrag
Madjarisierung ihres Namens bewilligt worden. Am bekanntesten unter
diesen Talmi-Madjaren ist der berühmte Reisende _Vambéry_, dessen
Name nichts weiter ist als eine Verdrehung aus Bamberger. Ähnlich hat
sich ein Hundsdörfer in _Hunfalvy_, ein Benkert in _Kertbeny_, ein
Schedel in _Toldy_ umgewandelt, der dann als Sekretär der ungarischen
Akademie der Wissenschaften im ungarischen Unterrichtsrate gegen seine
Muttersprache wütete und die nichtmadjarischen Nationalitäten Knall und
Fall zu Madjaren zu machen suchte.
In Amerika endlich werden die Namen anglisiert: Schmid in _Smith_,
Grünbaum in _Greenbaum_.
Diese Umwandlung ist übrigens verhältnismäßig am unschuldigsten,
da es mehr nur Umsetzung aus einer Mundart in die andere, aus der
hochdeutschen in die angelsächsische ist. Wenn aber auf diesem Wege ein
so schöner Name wie Rosenkrantz in _Rosecrans_ entstellt wird, so tritt
auch hier wiederum das Widerwärtige dieser Erscheinung hervor.
Alles in allem -- es ist eine sehr betrübende Erscheinung. Daß auf
diese Weise echtdeutsche Namen verhunzt werden, ist noch das Geringere.
Schlimmer ist, was damit unvermeidlich zusammenhängt. Wer sich seines
ehrlichen deutschen Namens schämt, der schämt sich auch seiner
Sprache, seiner Nationalität, seines Vaterlandes und sucht sie sobald
wie möglich abzustreifen, er wird Franzose, Pole, Madjare, Slowene,
Slowake, was es sei -- nur ja nicht Deutscher bleiben![83] Einem
Franzosen, einem Engländer, Italiener würde es nicht einfallen, seinen
Namen einer fremden Sprache zuliebe zu entstellen -- dem Deutschen war
es vorbehalten, sich so wegzuwerfen!
Ein edler ~Stolz~ -- das ist es, was dem Deutschen in den letzten
Jahrhunderten nur zu sehr gefehlt hat. Und doch hätte er wohl Ursache,
auf sein Vaterland stolz zu sein! auf das Land der Guttenberg und
Luther, der Leibnitz und Humboldt, der Goethe und Schiller, der
Scharnhorst, Stein und Bismarck!
18.
Geographische Verbreitung der deutschen Familiennamen.
Nachdem wir die geschichtliche Entwickelung der deutschen Familiennamen
in den Grundzügen verfolgt haben, wird es nunmehr an der Zeit sein,
auch in geographischer Beziehung einen prüfenden Blick auf dieselben zu
werfen.
Stellen wir zu dem Ende vorerst die Grenzen des deutschen
Sprachgebietes fest, welche im wesentlichen ja auch die der deutschen
Familiennamen sind![84]
Wenn wir im ~Nordwesten~ beginnen, so folgt die Grenze zwischen Deutsch
und ~Niederländisch~ vom Dollart aus im ganzen der politischen Grenze
zwischen Deutschland und Holland.
Bei Eupen setzt das ~Französische~ ein, und die Grenze zwischen Deutsch
und Französisch fällt nun seit Rückgewinnung des Elsasses meist wieder
mit der politischen zusammen, indem nur bei Malmedy und Metz das
deutsche Sprachgebiet zurückweicht, während es anderseits bei Luxemburg
bis nach Arlon in Belgien hinübergreift.
Von der Schweiz ist der Norden und die Mitte deutsch, derart, daß etwa
Solothurn, Freiburg, Gsteig (Kanton Bern) und Leuk (Kanton Wallis) die
äußersten deutschen Punkte nach Westen sind.
Am Rosaberge bildet Issime den südlichsten Vorsprung in das romanische
-- westlich französische, östlich ~italienische~ Sprachgebiet. Von hier
geht die Grenze nordöstlich über den St. Gotthard, Chur, Martinsbruck,
die Ortlerspitze, Salurn (Tirol), Brunecken bis Pontafel in Kärnten, wo
drei Sprachen: Deutsch, Italienisch, Slawisch zusammenstoßen.
Von Pontafel zieht sich die Grenze zwischen Deutsch und ~Slawisch~, im
ganzen der Drau folgend, ostwärts bis Radkersburg an der Mur, von da
nordwärts bis zur Mündung der Feistritz in die Raab, wo wir zuerst auf
das ~Madjarische~ stoßen.
Weiterhin bis Preßburg ist die Sprachgrenze -- zwischen Madjarisch und
Deutsch -- in welche sich überdies slawische Sprachinseln eindrängen,
vielfach zerrissen; doch greift das Deutsche bedeutend nach Ungarn
hinüber bis Körmönd, Güns, Wieselburg und bildet auch im eigentlichen
Ungarn viele Sprachinseln, besonders in der westlichen Hälfte und im
Banat.
Bei Preßburg stoßen wir wieder auf das ~Slawische~ (Westslawen).
Durch das mährische Tor zwischen Olmütz und Znaym haben sich die
Tschechen tief hinein ergossen bis Budweis, Pilsen, Leitmeritz, Turnau,
Josephstadt, so daß nur die inneren Abhänge der Grenzgebirge Böhmens
deutsche Landbevölkerung bewahrt haben.
In Preußen ist der ganze Ostrand von Pleß bis Oletzko überwiegend
slawisch (~polnisch~), also der Südosten von Schlesien etwa bis
Ratibor, Zülz, Namslau, die größere östliche Hälfte von Posen, das
mittlere Drittel von Westpreußen, nördlich von Bromberg bis zur
Ostsee (Kassubei), der Süden von Ostpreußen (Masuren). Doch sind auch
diese als überwiegend polnisch bezeichneten Landschaften von vielen
deutschen Sprachinseln durchsetzt und zeigen in dieser Hinsicht ein
sehr buntes Bild.
Noch ist eine slawische Sprachinsel zu erwähnen: die ~Sorbenwenden~ in
der Lausitz, zwischen Bautzen, Muskau, Senftenberg, Peitz.
Östlich von Goldap beginnt die Grenze zwischen Deutsch und
~Littauisch~, welche zuerst fast ganz mit der politischen Grenze gegen
Rußland übereinstimmt, dann nördlich von Pillkallen sich westwärts
wendet und an der Mündung der Gilge ins Kurische Haff die Küste trifft.
Endlich im Norden die Grenze gegen das ~Dänische~! Dieselbe wird
ungefähr durch eine Linie von Hoyer an der Nordsee über Tondern nach
Gravenstein bezeichnet; aber nördlicher gelegene Orte, namentlich
Apenrade, Hadersleben, Christiansfeld sind noch deutsch.
Außerhalb dieses Hauptgebietes finden sich noch mannigfache deutsche
Inseln, besonders an dem ganzen Südost- und Ostrande: so Gottschee
in Krain, viele Kolonien in Ungarn (Arad, Weißkirchen, die Zips), in
Siebenbürgen (Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz), in Russisch-Polen
(Lodz), in den russischen Ostsee-Provinzen Kurland, Livland, Estland,
an der Wolga, endlich jenseit des Ozeans in Amerika und Australien.
Innerhalb des zusammenhängenden deutschen Gebietes sind nun zwei
sich kreuzende Linien zu ziehen: eine von Nord nach Süd, um die
Grenze zu bezeichnen, bis zu welcher sich slawische Einflüsse infolge
früherer Besiedelung (s. Beilage 3) noch heutzutage in der Namengebung
bemerklich machen -- eine zweite von West nach Ost, um die Scheide
zwischen Ober- und Niederdeutsch[85] festzustellen.
~Die Scheidelinie zwischen Deutsch und Slawisch~ (Wendisch) wird im
allgemeinen gebildet durch Elbe, Saale, Böhmerwald. Das Genauere ist,
daß eine Linie von der Kieler Bucht in einigen Windungen, doch im
ganzen nach Südost verlaufend (zwischen dem 28. und 32. Meridian), über
Lüneburg, Oschersleben, Naumburg, Koburg, Waldmünchen (im Böhmerwalde),
Windisch Garsten (in Österreich ob der Enns), Pontafel die äußerste
Westgrenze der slawischen Eroberungen im 6.-9. Jahrhundert bezeichnet.
~Die Scheidelinie zwischen Oberdeutsch und Niederdeutsch~ geht über
Bonn, den Harz, die Niederlausitz -- genauer: von Eschweiler (an
der holländischen Grenze) über Bonn, Siegen, Münden, Aschersleben,
Wittenberg, Lübben bis Birnbaum (Posen), wo das Polnische beginnt.
Doch ist diese Linie natürlich nicht haarscharf zu ziehen; denn
Übersiedelung, gegenseitiger Verkehr, Unterjochung des einen Stammes
durch den andern, Vermischungen aller Art haben beide Mundarten --
besonders an der Grenze -- oft durcheinander geworfen. Daher finden
sich südlich jener Linie noch an manchen Orten niederdeutsche Elemente,
nördlich oberdeutsche, ja beträchtliche deutsche Sprachinseln am
Oberharz (um Klausthal) und in Ostpreußen (um Wormditt und Guttstadt),
letztere wohl durch Einwanderer entstanden, welche im Anfange des 17.
Jahrhunderts aus Oberdeutschland in das pestverheerte Littauen zogen.
Durch Ziehung dieser beiden sich kreuzenden Linien wird das ganze
Gebiet in vier Viertel zerschnitten: Nordwest, Nordost, Südwest,
Südost, die wir nach dem Grundcharakter der Familiennamen bezeichnen
als: niederdeutsch, niederdeutsch-wendisch -- oberdeutsch,
oberdeutsch-wendisch.
Im folgenden soll nun für das deutsche Reich eine genauere
Charakteristik der geographischen Verteilung der Familiennamen versucht
werden.
19.
Genauere Angabe der Verteilung der Familiennamen.
a) Niederdeutschland.
Nordwest.
An der Nordseeküste sitzen seit Urzeiten in einem schmalen Streifen von
der Scheldemündung ostwärts -- soweit es Marschen und Inseln gibt --
die ~Friesen~, „der deutsche Seestamm, zäh und spröde im Festhalten des
Alten, im Verteidigen der Freiheit, ein kerniges Geschlecht.“
Die Sprache ist erst allmählich durch das nahverwandte Niederdeutsche
zurückgedrängt worden und behauptet sich gegenwärtig östlich der Ems
besonders noch im Saterlande (Oldenburg), in der Gegend von Husum und
Tondern und auf den Inseln.[86]
In diesen vom Weltverkehr abgelegenen Gauen bildeten sich, den
einfachen bäuerlichen Verhältnissen entsprechend, vorzugsweis
~patronymische~ Geschlechtsnamen aus.
Beginnen wir mit ~Ostfriesland~! Hier bilden die genetivischen Namen
wie _Reiners_, _Gerdes_, _Gerjets_, _Dirks_ -- _Focken_, _Rippen_,
_Tjaden_, _Ufken_, mit Anschluß der seltneren auf -_sen_ (_Bohlsen_)
in den Kreisen Aurich und Emden die Hälfte aller Namen, in Leer noch
ein Drittel. Als ganz besonders charakteristisch, nur hier vorkommend,
sind dabei die Namen auf _a_ (Gen. Plur.) hervorzuheben: _Wiarda_,
_Ebbinga_, _Ukena_ -- außerdem die Zusammensetzungen mit _ma_ (mann):
_Bolema_.
Von Gewerben finden sich nur die einfachsten (ländlichen): _Smidt_,
_Müller_, _Fischer_, _Schipper_, _Bakker_, _Kramer_.
Die Lautverhältnisse haben manches Eigentümliche: _sm_ (_Smidt_ neben
Schmidt), _tj_ (_Warntjes_), _kk_ (_Dekker_), _ui_ = _ü_ (_Luitjens_),
_ou_ = _au_ (_Wildebouer_). Wie hieraus ersichtlich, weisen sie zum
Teil auf das Holländische hin, dessen Einfluß sich an der ganzen
westlichen Sprachgrenze von Ostfriesland bis zum Niederrhein geltend
macht.
Auch im ~Oldenburgischen~ treten die patronymischen Namen wie
_Redlefs_, _Oltmanns_, _Rieniets_, _Taddiken_, _Knutzen_ (= Knudsen)
am nördlichen Küstenrande stark hervor, am stärksten (mit 80 v. H.)
im Kreise Jever. Überhaupt findet große Übereinstimmung mit den
ostfriesischen Namen statt, nur daß die auf _a_ und _ma_ fehlen, wie
auch die Anklänge an das Holländische.
Kommen wir nach ~Hannover~, so treten hier, selbst in den Marschen
zwischen Weser und Elbe, die genetivischen Namen merklich zurück. Ihre
Zahl wächst erst wieder in ~Holstein~ (Ditmarschen: mindestens 40 v.
H.) -- und hier, an der ~schleswig~-holsteinischen Küste, treten die
bis dahin mehr vereinzelten Zusammensetzungen auf -_sen_, je weiter
nach Norden, desto stärker hervor, namentlich im Herzogtum Schleswig,
bis in den Kreisen Husum und Tondern die _Hansen_, _Thomsen_ und
_Nissen_, _Christiansen_ und _Gidionsen_, _Detlefsen_ und _Hinrichsen_
alles so überwuchern, daß sie fast 90 v. H. aller Familiennamen
füllen. Doch diese Bildungen greifen auch nach der Ostseite des
meerumschlungenen Landes hinüber, zum Stamm der Angeln, und bilden dort
ebenfalls die Mehrheit, im Kr. Flensburg wiederum 90 v. H., im Kr.
Schleswig noch die Hälfte, bis sie im daran grenzenden Kr. Eckernförde
plötzlich nahezu verschwinden.
Gehen wir wieder nach unserm Ausgangspunkte, Ostfriesland, zurück, so
schließen sich an dieses in der Namengebung die südlicher gelegenen
~hannöverschen~ Bezirke, namentlich ~Papenburg~, wo die genetivischen
(ungerechnet einige auf _ing_) wieder die Hälfte aller Namen bilden.
In ~Lingen~ machen diese nur noch etwa ein Fünftel aus, und anderseits
treten als Namenelemente Bezeichnungen von Örtlichkeiten wie _brink_,
_horst_, auch _hoff_, desgleichen Zusammensetzungen mit _Meyer_ hervor
-- die Vorläufer der eigentümlich ~westfälischen~ Namengebung.
Patronymika (auf ing und genet. Bildungen) finden sich durch das ganze
preußische Westfalen mit Einschluß Osnabrücks -- am stärksten an der
holländischen Grenze.
Patronymika und zwar genetivische (_Giesen_, _Otten_, _Wienands_,
_Ludwigs_, _Gompertz_ -- selbst Namen der dritten Schicht wie
_Schippers_, _Schmitz_, _Kox_) bilden das Charakteristische auch am
preußischen ~Niederrhein~, ganz besonders auf der linken Seite des
Flusses von Kleve bis Aachen, wo dieselben ungefähr die Hälfte aller
Namen ausmachen (Höhenpunkt mit mindestens 60 v. H. im nördlichsten
Teile des Regierungsbezirks Aachen).
Dann aber gibt sich das spezifisch Eigentümliche der ~westfälischen~
Namengebung in den zahlreichen an die Besonderheiten der ~Örtlichkeit~
angelehnten Namen kund. Die Landschaft hat hier nicht mehr die
Einförmigkeit des Küstenrandes, der Marschen an der Nordsee; Berge
und Hügel (_hövel_), hochliegende Grasflächen (_brink_) treten in ihr
hervor; anderseits Teiche (_diek_), Brücher (_brok_), häufig ein Wald
oder Gebüsch (_loh_, _holt_, _horst_), dann das Feld in abgeschlossene,
umhegte ~Kämpe~ geschieden. Alles dies spiegelt sich auch in den
Familiennamen, in welchen demnach _brink_, _brock_, _horst_, _kamp_,
demnächst _beck_ (Bach), _diek_, _holt_, _loh_ Hauptelemente sind, in
Namen wie: _Windhövel_, _Hasenbrink_, _Uhlenbrock_, _Hasselhorst_,
_Lohkamp_, _Möllenbeck_, _Buddendieck_, _Eickholt_, und abgeleitet
mit der Endung _er_: _Steinbrinker_, _Hüttebräuker_, _Behrhörster_,
_Roggenkämper_ -- oder präpositional: _auf dem Brauke_, _Tenberge_,
_Terbeck_.
Eine solche Bezeichnungweise konnte um so eher Platz greifen, da
die Ansiedelung in diesen Gegenden nach altgermanischer Weise
eine zerstreute ist. Münster und die nördlichen Teile von Minden
und Arnsberg gehören zu denjenigen Gegenden, wo das Land nicht in
geschlossenen Dörfern, sondern durch einzelne Höfe angebaut ist, die
erst für staatliche Zwecke zu Bauerschaften zusammengefaßt werden.
Dazu stimmen auch die vielen Namen auf _hof_ (_Lohoff_) und _haus_ (im
Münsterschen auch _hues_: _Grothues_).
Auf die Abstufung nach dem Grundbesitz gehen _Meyer_ und _Kötter_,
welche in außerordentlich vielen Zusammensetzungen erscheinen.
Insbesondere tritt _Meyer_ mit seiner Sippe im Mindenschen hervor, bis
zu 25 v. H. aller Namen.
Rechnen wir nun noch dazu, daß auch andere Namen, mit denen man
in andern Gegenden an sich zufrieden sein würde, hier gern durch
Zusammensetzungen noch näher bestimmt werden (wie _Bowenschulte_,
_Brinkschröder_, _Oberste-Kampmann_, _Hemkensamkenschnieder_), daß
ferner in Sproßformen der ersten Schicht das altertümliche _o_ sich
häufiger behauptet hat (_Danco_, _Teuto_): so werden wir zugeben
müssen, daß hier auf echt deutschem Boden, wo deutsche Bevölkerung
und Sitte sich verhältnismäßig ungeschwächt erhalten hat, auch die
Namengebung eine ureigene und höchst bezeichnende ist, wie sie sich
kaum in einem andern Teile Deutschlands findet.
Das ~oldenburgische~ Binnenland schließt sich an den Küstenrand an, es
bietet bei entschieden niederdeutschem Gepräge (sogar -_borg_ st. burg)
wieder eine Fülle ~genetivischer~ Namen, in Rastede und Westerstede
noch an 50 v. H., doch nach Osten hin stark abnehmend, während der
Süden (Vechta) nebst den hannöverschen Kreisen Diepholz und Hoya schon
zum westfälischen Charakter überleitet.
Auch im ~östlichen Hannover~ zwischen Weser und Elbe, dem alten
Ostfalen, finden sich noch bedeutende Anklänge an die westfälische
Namengebung, indem die örtlichen Elemente, namentlich _brink_, _brock_,
_horst_, _kamp_ noch weithin ausgestreut sind, östlich bis an die
ehemalige slawische, südlich bis an die hochdeutsche Sprachgrenze.[87]
Indessen sind sie doch entschieden weniger zahlreich, und die
Ableitungen _brinker_, _kämper_ usw., sowie die etwas langatmigen
Zusammensetzungen (auch auf _kötter_) fehlen. Dasselbe tritt bei dem
Namen _Meyer_ hervor, der auch hier außerordentlich häufig erscheint,
jedoch überwiegend einfach, während in Westfalen die Zusammensetzungen
auf -_meyer_ vorherrschen.
So bietet diese Namengebung trotz vielfacher Verwandtschaft doch nur
ein sehr abgeblaßtes Bild der westfälischen.
Dagegen gehen die Patronymika in wesentlich unverminderter Häufigkeit
hindurch. Als neu treten hinzu eigentümliche Ortsbezeichnungen
auf -_bostel_, -_horn_, -_sen_ (Abkürzung aus -_sheim_), z. B.
_Rodenbostel_, _Ehrhorn_, _Bellersen_ (wie diese schon unter den
Kreisstädten durch _Fallingbostel_, _Gifhorn_, _Wennigsen_ vertreten
sind).
Als Verkleinerungsform begegnet hier zuerst häufiger _ke_ (wofür bisher
das friesische _je_ und das genet. _ken_ oder _gen_), insbesondere nach
dem Wendlande und der Altmark hin.
Im Kreise ~Dannenberg~ erinnern Ortsnamen wie _Lüchow_, _Liepe_ daran,
daß wir nunmehr die Linie überschritten haben, welche die slawischen
Eroberungen vor dem 9. Jahrhundert bezeichnet, daß wir uns in dem
hannöverschen Wendlande befinden, wo (in den Ämtern Lüchow und Gartow)
bis ins 18. Jahrhundert hinein wendisch gesprochen wurde und in der
Volksmundart noch jetzt einzelne dem Wendischen entlehnte Ausdrücke
sich erhalten haben.
Hier stoßen nun auch unter den Familiennamen wendische Formen wie
_Wiebelitz_, _Glabbatz_, _Gramüsch_ auf.
Und so kommen wir zu dem Nordosten Deutschlands, dessen Charakter im
allgemeinen als niederdeutsch-wendisch zu bezeichnen ist.
Nordost.
Der Nordost umfaßt die weitausgedehnten Ebenen östlich der Elbe, die
seit Gründung der Nordmark in jahrhundertelangem Ringen den Slawen
(Wenden) wieder abgewonnen wurden, d. h. das östliche Holstein,
Mecklenburg, Brandenburg, Pommern, West- und Ostpreußen, bis zur
polnischen beziehungsweise littauischen Sprachgrenze im Osten und
Südosten (s. S. 71) und bis zur Grenze des Hochdeutschen im Süden.
Hier, in der Heimat Fritz Reuters, wird man auch in den Familiennamen
noch den ~niederdeutschen~ Charakter ausgeprägt erwarten.
Derselbe zeigt sich in Namen wie _Schröder_ und _Schrader_, _Pieper_,
_Voß_, woneben die hochdeutschen Formen (Schröter, Pfeifer, Fuchs)
weit seltener vorkommen, ferner in Namen wie _Kruse_ (besonders in
Holstein, Mecklenburg, Vorpommern), _Niemann_, _Grote_ (_Groth_),
_Möller_, _Schütte_ u. a.,[88] ebenso in den von Ortsnamen entlehnten
auf -_beck_ (st. -bach), -_husen_ (st. -hausen). Selbst der
ursprüngliche niederdeutsche Name von Salzwedel: _Soltwedel_, als
Ortsbezeichnung längst verhochdeutscht, hat sich noch als Familienname
erhalten.
Dazu treten die Verkleinerungen auf -_ke_ (_Lüdicke_, _Lemke_, _Wilke_,
_Jahnke_), welche hier so recht ihre Heimat und Geburtsstätte haben.
Doch überwiegt das Niederdeutsche hier im Osten, von Holstein und
Mecklenburg abgesehen, nicht so wie im Westen. Es ist gerade in den
Namen nicht mit solcher Entschiedenheit festgehalten worden; der
Übergang in das Hochdeutsche ist merklich weiter vorgeschritten. Als
ein auffallender Beweis bietet sich der Name Schulz, der in Westfalen
meist noch _Schulte_ lautet (auch in Mecklenburg häufig _Schult_),
während dies in Brandenburg und Pommern eine seltene Form ist.
Anderseits sind entschieden hochdeutsche Formen hier nicht selten,
namentlich die Deminutivbildungen mit _z_ und _l_, wie _Barz_, _Kunze_,
_Wetzel_, _Neitzel_, zu denen Zwitterformen wie _Neitzke_ den Übergang
bilden.
Solche Namen auch in der Landbevölkerung weisen wohl darauf hin, daß
die deutsche Einwanderung in diese dem Slawentum allmählich wieder
abgewonnenen Gaue, wenn auch überwiegend aus Niederdeutschland, doch
teilweis auch aus oberdeutschem Sprachgebiet erfolgt ist.
Patronymische Bildungen, die in Ostholstein noch beinahe 20 v. H., in
Mecklenburg aber nicht mehr 10 v. H. betragen, verschwinden weiterhin
fast ganz.
Von der ~schwedischen~ Herrschaft sind einige Familien, besonders in
Neuvorpommern, welches bis 1815 schwedisch war, sitzen geblieben. Doch
sind diese „alten Schweden“ schon sehr dünn geworden; in einem Kataster
der Stadt Stralsund vom Jahre 1844 (Verzeichnis der Hauseigentümer)
fanden sich nur noch acht unzweifelhaft daher stammende Namen, wie:
_Sjöborg_, _Wallengreen_, _Weström_.
Nun aber ist die ~wendische~ Beimischung festzustellen. Daß in diesen
Landschaften außerordentlich viel wendische Ortsbezeichnungen auch nach
der Rückgermanisierung in meist wenig veränderter Form stehen geblieben
sind, ist schon in der Einleitung angemerkt worden (Genaueres darüber
in Beilage 3). Dies beeinflußt nun auch die Familiennamen, welche
ja zum guten Teile einfach übertragene Ortsnamen sind. Unter ihnen
schlagen vor die auf _ow_, demnächst die auf _in_ (betont) und _witz_,
wie: _Bütow_, _Grabow_; _Leppin_, _Ladenthin_, _Pentzien_; _Bublitz_,
_Gerwitz_.[89]
Neben diesen halbschlechtigen Namen, die, auf dem linken Elbufer
(Altmark), auch noch in Ostholstein vereinzelt, auf dem rechten sich
bis zu 10, ja in Pommern in manchen Kreisen fast bis zu 20 v. H.
steigern, treten nun, zuerst in der Priegnitz, vollgültige wendische
Personennamen auf, als da sind: _Noack_, _Mitzlaff_, _Petrick_, _Nimz_,
_Pechek_.[90]
Doch bleiben auch hier die deutschen Namen ganz überwiegend in der
Mehrheit, derart, daß, alles zusammengerechnet, die wendischen kaum
irgendwo ein Drittel der gesamten Zahl erreichen.
Ihre Zahl wächst allerdings überall nach der slawischen Sprachgrenze
hin, so in Brandenburg nach der Niederlausitz, in Pommern nach der
Kassubei hin. In Pommern bezeichnet der Küstenfluß Lupow etwa die
Grenze, hinter welcher erst das Übergewicht der slawischen Namengebung
hervortritt. Wunderlich klingende Gebilde wie _Gromoll_, _Pigorsch_,
_Piotraschke_, _Quardux_ beherrschen hier das Gebiet, während
südöstlich, hinter Bütow, die sich vordrängenden -_ski_ an die Nähe der
polnischen Sprachgrenze gemahnen.
Überspringen wir die Kassubei, so kommen wir zu dem schönen deutschen
Stücke zwischen den beiden Angelpunkten Danzig und Königsberg. Hier an
der nördlichen Ostmark deutschen Wesens, wo drei Sprachen: deutsch,
slawisch (in Masuren), littauisch zusammentreffen, zeigt sich eine sehr
bunte Mischung auch im Bereiche der Familiennamen. Die Grenze gegen
diese beiden Sprachen ist im vorigen Kapitel angegeben; aber auch in
den verbleibenden deutschen Teil sind häufig slawische und littauische
Namen (s. Beilage 3) eingesprengt. Doch können diese weniger auffallen,
als eine eigentümliche Klasse unter den deutschen Namen, nämlich die
mit entschieden süddeutschem Gepräge wie: _Fischöder_, _Scharfetter_,
_Rohrmoser_, _Obersperger_. Diese Namen, welche auf Österreich (und
Bayern) hinweisen, sind durch die 1724 aufgenommenen Salzburger hierher
verpflanzt.
b) Oberdeutschland.
Südwest.
Südlich der Linie, die von Bonn am Rhein über den Harz bis zur
Nordgrenze der Niederlausitz (Lübben) geht, beginnt das oberdeutsche
Gebiet. Dieses kennzeichnet sich im Bereich der Familiennamen zunächst
durch den Wegfall des eigentümlich Niederdeutschen in Lautverhältnissen
und Wortformen. Namentlich gilt dies auch von den Bildungselementen
der Verkleinerungsformen: an Stelle des _k_ (_g_, _j_) tritt _l_ in
seinen mannigfaltigen Gestaltungen (s. Seite 33) und _z_.[91]
Beginnen wir am Rhein, mit der preußischen Rheinprovinz, so handelt es
sich besonders um die Regierungsbezirke ~Koblenz und Trier~.
Die genetivischen Namen, welche in dem nördlichen linksrheinischen
Teile dieser Provinz überwogen (_Henrichs_, _Reichartz_, _Caspers_,
_Eckes_, _Hoppen_), bilden auch hier im Nordwesten (Kr. Daun, Prüm)
fast noch die Hälfte der Familiennamen, sie nehmen aber je weiter nach
Osten und Süden desto mehr ab, bis sie in den Kreisen Saarbrücken
und St. Wendel sowie Altenkirchen (auf dem rechten Ufer) nahezu
verschwinden.
Das bisherige Verkleinerungssuffix _k_ (_Hünnekes_, _Wilkens_,
_Klömpges_, _Nüßgen_, _Büschgens_) weicht den _l_ und _z_ (_Eckel_,
_Thiel_ -- _Heinz_, _Lutz_), die hier zum erstenmal im Westen
erscheinen.
Was die von Ortsnamen stammenden Familiennamen betrifft, so treten
-_ich_ (_nich_), -_rath_, -_scheid_ zurück, besonders südlich der
Mosel. Statt -_rath_ erscheint auf dem rechten Rheinufer (schon im
Regierungsbezirke Köln) -_roth_ (Wilmeroth), welches bis zur Ostgrenze
von Thüringen hindurchgeht.
Wichtiger aber ist, daß die Ortsnamen, um Familiennamen zu werden,
nunmehr häufig die Endung -_er_ annehmen: -_bacher_, -_burger_,
-_heimer_, -_inger_, z. B. _Morschbacher_, _Straßburger_,
_Weinsheimer_, _Dillinger_ -- mit Umlaut: -_becher_, -_häuser_,
-_thäler_: _Dörrenbecher_, _Oppenhäuser_, _Lichtenthäler_.
Die Nähe der französischen Sprachgrenze (Kr. Malmedy) verrät sich in
Namen wie _Dieudonné_, _Dollibois_ u. a.[92]
Überschreiten wir den Rhein ostwärts, so finden wir in dem Nassauischen
(Regb. Wiesbaden) den allgemein oberdeutschen Charakter, ohne stark
hervortretende Besonderheiten. Derselbe setzt sich auch in Hessen
und Thüringen fort, so daß wir diese Landschaften bis zur Saale hier
zusammenfassen können.
Genetivische Namen können hier kaum noch in Betracht kommen; sie bilden
schon im Nassauischen nur etwa 2 v. H. und verlieren sich weiter nach
Osten so gut wie ganz. Dagegen gehen die Patronymika auf _ing_, wenn
auch in geringem Hundertsatz, durch bis zur Saale.
Verkleinerungsformen werden auf -_el_ gebildet (bisweilen in Thüringen
verstärkt durch _n_: -_lein_, z. B. _Gäbelein_) und auf _z_, für
welches letztere mitunter das vergröberte _tsch_ eintritt: _Fritsch_,
_Götsch_ neben _Fritze_, _Götze_. Da jedoch die Dialektgrenze nicht
fern ist und diese Scheidelinie sogar durch das ehemalige Kurfürstentum
geht, somit ein, wenn auch nur kleiner Teil desselben (Kr. Hofgeismar,
Wolfhagen) in den Bereich des Niederdeutschen fällt, so ist es nicht
verwunderlich, daß auch südlich von dieser Linie niederdeutsche
Formen öfters begegnen, besonders in Hessen und Thüringen: _Gerke_,
_Hennicke_, _Meinecke_, _Fricke_.
Von den Handwerksnamen sind am häufigsten _Schmidt_ und _Müller_ nebst
einigen Zusammensetzungen und in den Hannover benachbarten Landschaften
_Meyer_, einfach und in Zusammensetzungen, _Schulz_ dagegen findet sich
nur sehr vereinzelt. Auch in dieser Klasse zeigen sich niederdeutsche
Formen, so auffallend häufig in Hessen _Möller_ neben _Müller_.
Die Ortsnamen werden überwiegend ohne Ableitungsendung übertragen:
_Lauterbach_ (bach hier das häufigste Grundwort), _Henneberg_,
_Sonnefeld_ usw., dabei wird -_rode_ meist in -_roth_ gekürzt
(_Germeroth_), auch in -_rott_ (_Ascherott_), ähnlich das eigentümlich
thüringisch-sächsische -_leben_ (_Hallensleben_) häufig in -_leb_:
_Rinkleb_, _Witzleb_. Viel seltener (in Nassau etwa ⅓ in Hessen
und im nördlichen Thüringen noch weit weniger zahlreich) sind die
Ableitungen auf -_er_: _Reichenbächer_, _Dillenburger_, _Henneberger_,
_Saalfelder_, _Staudinger_, _Herchenröder_.
Die Annäherung an die ehemals slawische Ostgrenze macht sich bemerklich
in Bildungen wie _Stiebritz_, _Löbnitz_ -- _Gölitzer_.
Gehen wir wieder zurück an den Rhein, um nach dem eigentlichen
~Süddeutschland~ -- südlich vom Main -- zu gelangen!
Dieser Übergang markiert sich in Hessen-Darmstadt (Starkenburg,
Rheinhessen) durch das Auftreten des _ai_, _ay_ (statt _ei_): _Hainz_,
_Mayer_ neben _Meyer_, sodann dadurch, daß die Ableitungen auf -_er_
von Ortsnamen gegenüber den einfach übertragenen Ortsnamen häufiger
werden und letzteren nunmehr schon das Gleichgewicht halten.
In ~Baden~ tritt auf dem Gebiete der Schmeichelformen das _z_
(vergröbert _tsch_: _Fritz_, _Dietz_ -- _Fritsch_, _Dietsche_,
_Bertsch_) entschieden in den Hintergrund gegen das andere Suffix
_l_. Dieses nimmt hier die eigentümliche Form -_le_ an, welche im
Unterrheinkreis (auf fränkischem Boden) noch gegen -_el_ zurückstehend,
je weiter nach Süden desto mehr an Zahl wächst, so daß südlich von
der Murg (auf alemannischem Boden), namentlich aber im Seekreise
die _Merkle_ und _Bürkle_, die _Enderle_ und _Eberle_ eine fast
unbestrittene Alleinherrschaft üben. Selbst Namen der dritten Schicht
müssen sich dieser Herrschaft fügen: _Kränzle_, _Drechsle_ (statt
_Drechsel_ = _Drechsler_), _Sütterle_ (von Sutter, Schuhmacher). Nur im
Oberrheinkreise tritt daneben ziemlich häufig -_lin_ auf: _Bürklin_,
_Brendlin_, _Sütterlin_, wie dieses auch auf der andern Seite des
Rheines, im Elsaß, nicht selten ist, man denke an _Oberlin_, _Köchlin_.
Nach der Schweiz weisen einige Formen auf _i_ wie _Erni_, _Bläsi_,
_Rudy_ (bisweilen verstärkt durch _n_: _Lüttin_, _Wältin_, _Willin_).
Unter den Vollnamen sind eigentümlich einzelne Verkürzungen des -_hart_
in -_et_ wie _Bernet_, _Ehret_, _Werneth_.
Unter den von Örtern entlehnten Familiennamen gewinnen die Ableitungen
auf -_er_ nunmehr schon im Unterrheinkreis die Oberhand und verdrängen
weiter nach Süden die einfache Übertragung der Ortsnamen fast
vollständig. Den Reigen führt -_inger_: _Götzinger_, _Hottinger_,
_Zähringer_, demnächst -_berger_. Beide zusammen bilden ⅔ aller
bezüglichen Namen. Während -_ingen_ und -_berg_ abgesehen von
Adelsnamen wohl immer umbiegen, verhält sich -_bach_ wie auch sonst
auffallend spröde dagegen und bildet nur in der Minderzahl der Fälle
weiter: -_bacher_ seltner -_becher_.
Wie hieraus hervorgeht, schwankt der Umlaut; so auch in -_hauser_ und
-_häuser_, -_hofer_ und -_höfer_; doch herrschen im allgemeinen in
dieser Klasse die nicht umgelauteten Formen vor, wie auch unter den
Namen, welche von der Beschäftigung hergenommen sind, _Kammerer_ und
_Kuster_ (_Kusterer_) und _Kohler_ auffallen.
Ähnliche Verhältnisse wie im Badischen herrschen wesentlich in
~Württemberg~ mit Einschluß von ~Hohenzollern~. Auch hier überwiegt
als Verkleinerungsf. -_le_. Schon im Nordosten, im Jagstkreise (auf
fränkischem Boden) mindestens die Hälfte der Verkleinerungsformen
mit dem Kern _l_ bildend, füllt es im südlichen Württemberg (auf
schwäbisch-alemannischem Boden) über 75 v. H. Schier endlos ist die
Reihe dieser _Schmelzle_ und _Schwämmle_, _Bäuerle_ und _Mayerle_,
_Endele_ und _Bendele_, _Dägele_, _Hägele_, _Nägele_, _Wegele_. Daneben
kommt nur noch -_el_ einigermaßen in Betracht (_Denzel_, _Immel_),
da -_lin_ (_Hölderlin_), -_len_ (_Enßlen_) und -_lein_ (_Merklein_)
nur vereinzelt auftreten. Hingegen gehen die Verkleinerungen auf _z_
in mäßiger Zahl durch alle Kreise, ohne die badische Vergröberung in
_tsch_.
Patronymika auf _-ing_ (_Schilling_, _Gehring_, _Scheuring_) sind hier
häufiger als im Badischen. Unter den von der Beschäftigung entlehnten
Namen sind besonders häufig _Müller_ und _Maier_ (_Mayer_ -- immer mit
_a_), beide, namentlich letzterer auch in vielfachen Zusammensetzungen
wie: _Steinmaier_, _Burkardsmaier_, _Katzenmaier_, _Stegmayer_. Ihnen
ziemlich gleich an Zahl kommen _Schmid_[93] und _Schneider_, die aber
die Zusammensetzungen fast ganz entbehren.
Eigentümlich süddeutsche Handwerks- und Amtsbezeichnungen sind:
_Beck_ (in Baden meist noch _Becker_), auch in Zusammensetzungen wie
_Brodbeck_, _Pfister_, und _Pfisterer_ (aus lat. _pistor_), _Sautter_
(aus lat. _sutor_), _Hafner_ -- _Forstner_, _Sigrist_.
Was die Lokalia betrifft, so herrschen wie in Baden die Ableitungen
auf -_er_ von der Tauber bis zum Bodensee ganz entschieden vor. Unter
ihnen stehen, entsprechend der großen Zahl württembergischer Ortsnamen
auf -_ingen_, die -_inger_ obenan: _Breitinger_, _Griesinger_,
_Junginger_, _Sickinger_. Als eigentümlich süddeutsche Formen (auf
alemannisch-schwäbischem Boden) schließen sich an: _Allgöwer_,
_Ettwanger_, _Beißwänger_, _Winterhalter_, _Dannegger_, _Moosbrugger_,
_Sonnenmoser_, _Bogenrieder_.
In lautlicher Hinsicht ist anzumerken, daß häufig _ai_ für _ei_
eintritt: _Aichele_, _Sailer_, _Stainer_, _Schnaithmann_, wie dieses
_ai_ sich auch schon in den Ortsnamen bemerklich macht (_Waiblingen_,
_Spaichingen_, _Crailsheim_ u. a.) -- sodann hin und wieder _uo_
statt _u_: _Ruof_, _Schraishuon_. Konsonantisch fällt eine gewisse
Einfachheit der Schreibung auf. Ganz entgegen der sonstigen
Orthographie der Familiennamen, die mit Vorliebe soviel Buchstaben
als möglich setzt, stimmt hier die Schreibung im allgemeinen mit den
gewöhnlichen Regeln überein und enthält sich besonders der unnötigen
Häufungen _ck_, _tz_, _dt_, _ll_.[94]
Südost.
Das thüringisch-sächsische Gepräge der Familiennamen setzt sich auch
noch östlich der Saale in den dorthin sich erstreckenden Teilen der
preußischen Provinz ~Sachsen~ (den Kr. Delitzsch, Bitterfeld, Torgau,
Schweinitz, Liebenwerda) sowie in dem Königreich Sachsen im allgemeinen
fort.
Die häufigste Verkleinerungsendung ist -_el_ in Namen wie _Göthel_,
_Hähnel_, _Neydel_, _Seidel_, _Siegel_, _Weigel_; _Barthel_, _Jäckel_.
Den oberdeutschen Formen auf _l_ und _z_ (häufig vergröbert _tsch_)
tritt in den nördlichen Gegenden ziemlich oft das niederdeutsche _k_
zur Seite; so finden sich nebeneinander _Heinze_ und _Heinecke_,
_Dietze_ und _Diecke_. In den südlichen Landschaften (dem Königreich
Sachsen) tritt an Stelle des _ke_ (-_icke_) das mehr hochdeutsche -_ig_
(-_ich_): _Heinig_ (_Heinich_), _Theurig_, _Uhlig_, _Gerbig_.
Ableitungen auf -_er_ von Ortsnamen (_Straßberger_, _Schönfelder_,
_Clausnitzer_) treten hier zurück, mit Ausnahme der nicht seltenen
zweisilbigen, wie _Berger_, _Langer_ (von Ortsnamen _Berg_, _Lang_),
_Birkner_, _Jeßner_, _Klingner_, _Ließner_, _Lindner_, _Meißner_,
_Ölsner_ (von Ortsnamen auf -_en_: _Birken_, _Jessen_ usw.).
Durch das Zusammentreffen von Oberdeutsch und Slawisch werden
in Namensformen (deutschen wie auch slawischen Ursprungs) harte
Zischlautverbindungen erzeugt: _zsch_, _tzsch_, nicht allein im
Auslaut: _Fritzsche_, _Klotzsch_, _Pietzsch_, _Roitzsch_, sondern
(im Königreich Sachsen) auch im Anlaut: _Zschweigert_, _Zschinsky_,
_Tschucke_.
Überhaupt blickt der slawische Untergrund, wenn auch die deutschen
Namen, von der Lausitz abgesehen, ganz bedeutend überwiegen, doch
noch hie und da durch in Namen wie _Gaudlitz_, _Muschwitz_ (von den
entsprechenden Ortsnamen), _Nowak_, _Noack_ (= Neumann), _Schunak_,
_Hannusch_.
Die südlichen Kreise des Regierungsbezirks ~Frankfurt a. d. O.~,
die den größten Teil der Lausitz mit ihrer urspr. sorben-wendischen
Bevölkerung in sich schließen, haben zwar ebenfalls die deutschen
Verkleinerungsformen auf _l_ und _z_ (_tsch_), doch häufiger das
aus zwei Quellen (niederdeutsch und wendisch) fließende Suffix _k_:
_Janke_, _Paulke_, _Hannuske_, _Dammaschk_, _Scholtka_, _Hanko_.
Bisweilen sind _l_ oder _z_ mit _k_ in deutschen Zwitterformen wie
_Henkel_, _Kunzke_ vereinigt.
Ortsnamen werden fast immer unmittelbar übertragen: _Goldbach_,
_Hanstein_, _Wollenberg_ -- _Ukrow_, _Schillow_, _Matzkow_, _Dubrau_;
-_ow_ und daraus verdeutscht -_au_ (wie in den Städtenamen Kalau,
Luckau, Sorau usw.) sind hier die gewöhnlichen Endungen slawischer
Ortsnamen. Das Wendische tritt natürlich stark hervor, bis zu 40 v.
H. und drüber, in Gebilden wie (außer den schon erwähnten): _Kuba_,
_Koalick_, _Mudrak_, _Woitschach_, _Natusch_, _Nawotnik_.
Eine ebenfalls starke wendische Beimischung zeigt die ~Oberlausitz~, am
stärksten im Kreis Hoyerswerda. Im übrigen leitet die Oberlausitz (wie
auch schon Sachsen) durch das Vorschlagen der Verkleinerungsform -_el_
und die Ableitungen auf -_er_ von Ortsnamen, wie _Elsner_, _Wiesner_,
nach Schlesien hinüber.
Da ~Schlesien~ wie eine langgestreckte Halbinsel in das slawische
Sprachmeer, zwischen Tschechenland und Polen, hinausragt, so ist
es natürlich, daß fast überall slawische Elemente auch in den
Familiennamen hervortreten. Im Innern der Provinz ist dies freilich
nur in geringem Maße der Fall, in desto größerem aber an den Rändern,
besonders im Osten, wo Preußisch-Schlesien unmittelbar an das Polnische
(in Posen und Russisch-Polen) und im Südosten, wo es an das sogenannte
Wasserpolnische (in Oberschlesien) stößt, während im Westen noch ein
Streifen deutscher Bevölkerung (in Österreich) vorgelagert ist. Am
stärksten ist diese slawische Beimischung in der Ecke zwischen dem
Posenschen (Rawitsch) und Oberschlesien (Kreuzburg), besonders in den
Kreisen Namslau und Wartenberg,[95] wo die -_ek_ (_Adamek_) und -_ak_
(_Stepaniak_), die -_owski_ und -_inski_ usw. 40-50 v. H. ausmachen.
Dagegen ist in den oberschlesischen sprachlichen Grenzkreisen
Leobschütz, Neustadt, Falkenberg, Neiße, Grottkau nur etwa ⅕ der
Familiennamen slawisch.[96] In der ~deutschen~ Namengebung fehlen
die Patronymika (Genetiv, Ableitungen auf -_ing_, Zusammensetzungen
auf -_sen_). Von den Verkleinerungsendungen ist -_ke_ wohl meist dem
Slawischen zuzuweisen, _z_ begegnet fast nur in den bekannten „_Hinz_
und _Kunz_“ (_Heinze_ und _Kunze_), häufiger in den breiteren Form
_tsch_: _Bartsch_, _Fritsch_, _Nitsche_ -- bisweilen _sch_: _Kunsch_
-- mit _k_ verbunden: _Nitschke_. Obenan steht jedoch wie in Sachsen
-_el_: _Göbel_, _Menzel_, _Riedel_, _Seydel_, _Thiel_ (aus _Thiedel_)
-- _Hensel_, _Jäckel_ -- _Hentschel_.
Ortsnamen werden meist einfach übertragen: _Steinberg_, _Kunzendorf_,
_Süßenbach_, _Baumgart_, wobei -_berg_, -_dorf_, -_bach_ voranstehen,
während die urspr. slawischen Ortsnamen überwiegend auf -_witz_
und -_itz_ endigen: _Plagwitz_, _Nittritz_. Doch wird die Endung
-_er_ an Ortsnamen auf -_berg_ häufig gehängt: _Grünberger_,
_Riesenberger_, _Rosenberger_, und einsilbige Ortsnamen erfahren
gewöhnlich diese Verlängerung: _Brieger_, _Glatzer_. Ganz besonders
aber sind zweisilbige Ortsnamen auf -_en_ anscheinend immer nur in
dieser Weiterbildung verwendet, so daß sich hieraus eine lange Reihe
solcher Familiennamen ergibt: _Elsner_, _Ilgner_, _Kösner_, _Kutzner_,
_Klingner_, _Langner_, _Lindner_, _Moschner_, _Wiedner_, _Wiesner_ von
den Ortsnamen Elsen, Ilgen, Kösen usw.
Unter den von Amt und Handwerk entlehnten Namen sind als eigentümlich
schlesisch hervorzuheben: _Scholz_ (vgl. auch „Erbscholtisei“ --
slawisch _Woita_ = Vogt) und _Kretschmer_ vom slaw. Kretscham
(Dorfkrug).
20.
Stillstand oder Bewegung in der Namenwelt?
Der Prozeß der Festwerdung der Familiennamen ist, nachdem auch die
letzten Nachzügler (s. S. 29 und 66) sich ihm haben anbequemen müssen,
nunmehr seit beinah einem Jahrhundert zum Abschluß gelangt. Es fragt
sich aber, ob damit nun ein völliger Stillstand auf diesem Gebiete
eingetreten, ob nicht auch hier bei genauerer Betrachtung eine Bewegung
zu erkennen ist, gleichwie der Spiegel eines scheinbar still und tot
daliegenden Gewässers doch eine leichte Bewegung auf der Oberfläche
verrät.
Diese Frage ist entschieden zu bejahen; einen völligen Stillstand gibt
es auch auf diesem Gebiete nicht.
1. ~Es sterben Familien aus und damit auch Familiennamen.~ Dies läßt
sich am leichtesten bei adeligen Geschlechtern verfolgen. So starb, um
nur ein Beispiel aus dem vorigen Jahrhundert herauszugreifen, im Jahre
1836 zu Stralsund Graf August Wilhelm _von Mellin_ als letzter eines
Geschlechtes, das nach einer Äußerung des geistreichen und gemütvollen
Mannes „älter war als die Stubbenkammer“ (Berghaus, Sprachschatz der
Sassen).
2. ~Vorhandene Namen werden geändert.~ Besonders häufig ist der
Übergang aus der mundartlichen in die hochdeutsche Form, namentlich
auf niederdeutschem Sprachgebiete: _Möller_ in _Müller_, _Röwenhagen_
in _Rübenhagen_ u. a. noch in neuester Zeit (s. Beilage 2). Davon
abgesehen werden vereinzelte Namen aus den mannigfachsten Gründen
geändert: _Czech_ in _Echt_, _Kamphaus_ in _Kamphausen_, _Laabs_ in
_Labes_.
3. ~Es bilden sich neue Namen~ -- zunächst durch Zusammensetzung
zweier: bei adeligen Geschlechtern infolge Verschmelzung zweier
Familien, deren eine bis auf eine Erbtochter erloschen ist: _von
Kleist-Retzow_, _Henckel von Donnersmarck_ -- bei Schauspielerinnen,
die im Fall einer Verheiratung den Namen, unter welchem sie berühmt
geworden, gern beibehalten: _Hendel-Schütz_, _Birchpfeiffer_. In
einzelnen Fällen ist ein solcher Doppelname gestattet worden,
um das Aussterben eines berühmten Namens zu verhindern, so
_Bessert-Nettelbeck_ (des Kolberger N. Schwiegersohn).
In einigen Gegenden ist es Sitte, den Vaternamen der Frau mit dem
eigenen zu verbinden. Beispielsweise nannte sich _Hollweg_ nach
Frankfurter Sitte _Bethmann-Hollweg_; bei dem Sohne kam dieser
Doppelname bald in alleinigen Gebrauch und wurde auch 1840 von
Friedrich Wilhelm IV. geadelt. Diese Sitte scheint besonders in der
Schweiz verbreitet zu sein.
Endlich entstehen Namen, wenn auch nur ganz vereinzelt, durch völlige
Neubildung. Dies wird hauptsächlich der Fall sein bei Findlingen und
bei Proselyten. So hat ein dem Verfasser persönlich bekannter Proselyt
sich _Bußin_ genannt, von dem Hauptwort „Buße“ mit Anlehnung an die
Ortsnamen auf -_in_.
Beilage 1.
_Godeberaht._{1}
a) ~Die im Altdeutschen möglichen Bildungen~ (s. S. 22 f.).
Einstämmig gekürzte Form _Godo_,{2} zweistämmig gekürzt _Godbo_{3} mit
den Nebenformen _Gobbo_{4} und _Gobo_.{5}
Hieraus als einfach verkleinerte Formen mittels der Endung -_ilo_:
_Godilo_{6} mit den Nebenff. _Godlo_,{7} _Gollo_{8} und _Golo_,{9}
sowie _Godbilo_{10} mit den Nebenff. _Gobbilo_{11} und _Gobilo_{12} --
mittels der Endung _izo_: _Godizo_{13} nebst _Godzo_,{14} _Gozzo_,{15}
_Gozo_,{16} sowie _Godbizo_{17} nebst _Gobbizo_{18} und _Gobizo_{19} --
mittels der Endung _iko_: _Godiko_{20} nebst _Godko_,{21} _Gokko_,{22}
_Goko_,{23} sowie _Godbiko_{24} nebst _Gobbiko_{25} und _Gobiko_.{26}
Daraus wieder als doppelt verkleinerte Formen (_l_ + _n_)
_Godilin_{27} nebst _Godlin_,{28} _Gollin_,{29} _Golin_,{30} sowie
_Godbilin_{31} nebst _Gobbilin_{32} und _Gobilin_{33} -- ferner
(_l_ + _k_) _Godiliko_{34} nebst _Godliko_,{35} _Golliko_{36} und
_Goliko_,{37} sowie _Godbiliko_{38} nebst _Gobbiliko_{39} und
_Gobiliko_{40} -- ferner (_z_ + _n_) _Godizin_{41} nebst _Godzin_,{42}
_Gozzin_,{43} _Gozin_,{44} sowie _Godbizin_{45} nebst _Gobbizin_{46}
und _Gobizin_{47} -- ferner (_z_ + _l_) _Godizilo_{48} nebst
_Godzilo_,{49} _Gozzilo_,{50} _Gozilo_,{51} sowie _Godbizilo_{52} nebst
_Gobbizilo_{53} und _Gobizilo_{54} -- ferner (_z_ + _k_) _Godiziko_{55}
nebst _Godziko_,{56} _Gozziko_,{57} _Goziko_,{58} sowie _Godbiziko_{59}
nebst _Gobbiziko_{60} und _Gobiziko_{61} -- ferner (_k_ + _n_)
_Godikin_{62} nebst _Godkin_,{63} _Gokkin_,{64} _Gokin_,{65} sowie
_Godbikin_{66} nebst _Gobbikin_{67} und _Gobikin_{68} -- endlich (_k_ +
_l_) _Godikilo_{69} nebst _Godkilo_,{70} _Gokkilo_,{71} _Gokilo_,{72}
sowie _Godbikilo_{73} nebst _Gobbikilo_{74} und _Gobikilo_.{75}
b) Die wirklich vorhandenen neudeutschen Familiennamen.
1. a) _Gottbrecht_.
b) _Gottbrath_.
c) _Gobbert_.
d) _Joppert_.
e) _Göppert_; _Göpper_.
f) _Juppert_.
g) _Gobert_.
Gen. _Goverts_.
2. a) _Gohde_.
Gen. _Gohdes_ -- patr. A. _Goding_.
b) _Göde_.
Gen. _Göden_; _Gödens_; _Göens_.
c) _Gödde_.
d) _Gäde_.
e) _Gude_.
f) Gen. _Gudden_.
g) _Gothe_; _Goth_.
h) _Goethe_; _Göth_.
i) _Köth_.
k) _Gotte_; _Gott_ (_Gottmann_).
l) _Götte_; _Gött_.
Gen. _Götten_ -- patr. A. _Götting_.
m) _Kott_.
n) _Gute_ (_Guthe_); _Gut_ (_Gutmann_).
Patr. A. _Guting_.
o) _Güte_; _Güth_.
Patr. A. _Güting_.
p) _Gutte_ (_Guttmann_).
q) _Jütte_.
4. a) _Gubbe_.
b) _Kopp_.
5. a) _Göb_.
Gen. _Goeben_.
b) _Gube_.
6. a) _Godel_ (_Godelmann_).
b) _Gödel_.
c) _Göthel_.
Patr. A. _Göthling_.
d) _Gottel_.
e) _Göttel_ (_Göttelmann_).
f) _Güttel_; _Gütl_.
7. a) _Göttle_; _Göttl_.
Patr. A. _Göttling_.
b) Patr. A. _Güthling_.
8. a) _Golle_; _Goll_ (_Gollmann_).
Patr. A. _Golling_.
b) _Göll_.
c) _Kölle_.
d) _Güll_.
9. a) _Gohl_.
b) _Johl_.
c) _Göhle_; _Göhl_.
Patr. A. _Göhling_.
11. a) _Gobbel_.
b) _Göbbel_.
c) _Köppel_.
12. a) _Göbel_.
b) _Göpel_.
15. a) _Gotz_ (_Gotzmann_).
Gen. _Gotzens_.
b) _Kotz_.
c) _Gotsch_.
d) _Gosse_; _Goss_ (_Gossmann_).
e) _Götze_; _Götz_ (_Götzmann_).
Gen. _Götzen_.
f) _Gödsche_; _Götsch_.
g) _Gutz_ (_Gutzmann_).
h) _Gütz_.
i) _Gutsch_.