Wir konnten fast weder essen noch trinken, nur fragte einer den andern,
wie's ihm ergangen. Der Wirt wunderte sich, daß ich einen so lausigen
Kerl bei mir litte, ich aber sagte, solches sei unter Kriegskameraden
Brauch. Da ich auch verstund, daß sich Herzbruder bisher im Spital
aufgehalten, vom Almosen sich ernähret, und seine Wunden liederlich
verbunden worden, dingte ich dem Wirt ein sonderlich Stüblein ab, legte
Herzbruder in ein Bette, ließ ihm den besten Wundarzt kommen, wie auch
einen Schneider und eine Näherin, ihn zu kleiden und den Läusen aus den
Zähnen zu ziehen. Ich hatte eben diejenigen Dublonen, so Olivier dem
toten Juden aus dem Maul bekommen, bei mir in einem Säckel. Dieselben
schlug ich auf den Tisch und sagte dem Wirt zu Gehör:
»Schau Herzbruder, das ist mein Geld, das will ich an dich wenden und
mit dir verzehren.«
Darnach der Wirt uns wohl aufwartete. Dem Barbier aber wies ich den
Rubin, der ungefähr zwanzig Taler wert war und sagte, weil ich mein
wenig Geld vor uns zu Zehrung und Kleidung aufwenden müßte, so wollte
ich ihm denselben Ring geben, wenn er meinen Kameraden in Bälde von
Grund aus kurieren wollte, dessen er dann wohl zufrieden war, daß er
seinen besten Fleiß aufwandte.
Also pflegte ich Herzbrudern wie meinem andern Ich. Der Kommandant, dem
ich alles anzeigete, gönnte mir zu bleiben, bis mein Kamerad mir würde
folgen können und versprach uns beide alsdann mit gemeinsamen Paß zu
versehen.
Demnach ich nun wieder zu Herzbrudern kam, bat ich ihn, er wollte mir
unbeschwert erzählen, wie er in einen so armseligen Stand geraten
wäre, dann ich bildete mir ein, er möchte vielleicht eines Versehens
halber von seiner vorigen Dignität verstoßen, unredlich gemachet und in
gegenwärtiges Elend versetzt worden sei.
Er aber sagte: »Du weißt, Bruder, daß ich des Grafen von Götz
~Factotum~ und geheimster Freund gewesen, daß aber der verwichene
Feldzug unter seiner Generalität eine unglückliche Endschaft erreichet,
indem wir die Schlacht bei Wittenweyer verloren. Weil nun deswegen
hin und wieder von aller Welt sehr ungleich geredet ward, zumalen
wohlgemeldter Graf sich zu verantworten nach Wien ist citieret, so
lebe ich beides: vor Scham und Forcht freiwillig in dieser Niedere und
wünsche mir oft entweder in diesem Elend zu sterben oder doch wenigst
mich so lang verborgen zu halten, bis der Graf seine Unschuld an Tag
gebracht. -- Vor Breisach armierte ich mich selbst, da ich sahe, daß
es unserseits so schläfrig herging, den andern zum Exempel. Ich kam
unter den ersten Angängern an den Feind auf die Brücke, da es dann
scharf herging. So empfing ich zugleich einen Schuß in meinen rechten
Arm und den andern Schenkel, daß ich weder ausreißen, noch meinen Degen
gebrauchen konnte. Und als die Enge des Ortes und der große Ernst nicht
zuließ, viel von Quartiernehmen und -geben zu parlamentieren, kriegte
ich einen Hieb in Kopf, davon ich zu Boden fiel. Und weil ich fein
gekleidet war, wurde ich in der Furi von etlichen ausgezogen und vor
tot in Rhein geworfen. In solchen Nöten schrie ich zu Gott, indem ich
unterschiedliche Gelübde tät, spürete auch seine Hilfe. Der Rhein warf
mich ans Land, allwo ich meine Wunden mit Moos verstopfte und beinahe
erfror. Jedoch ich kroch davon und stieß unter etliche Merode-Brüder
und Soldatenweiber, die sich meiner erbarmeten. Ich mußte aber sehen,
daß sich die Unsrigen zu einem spöttlichen Abzug rüsteten, resolvierte
derhalben bei mir selbsten, mich niemand zu offenbaren, und nahm meinen
Elendsweg, von dem du mich hast aufgehoben.«
Ich tröstete Herzbrudern so gut ich konnte und vertraute ihm, daß ich
noch mehr Geld hätte als jene Dublonen. Und ich erzählte ihm Oliviers
Untergang und was Gestalt ich seinen Tod habe rächen müssen. Welches
sein Gemüt dermaßen erquickte, also daß es ihm auch an seinen Leib
zustatten kam, maßen es sich an allen Wunden täglich mit ihm besserte.