Das elfte Kapitel

Wir konnten fast weder essen noch trinken, nur fragte einer den andern,

wie's ihm ergangen. Der Wirt wunderte sich, daß ich einen so lausigen

Kerl bei mir litte, ich aber sagte, solches sei unter Kriegskameraden

Brauch. Da ich auch verstund, daß sich Herzbruder bisher im Spital

aufgehalten, vom Almosen sich ernähret, und seine Wunden liederlich

verbunden worden, dingte ich dem Wirt ein sonderlich Stüblein ab, legte

Herzbruder in ein Bette, ließ ihm den besten Wundarzt kommen, wie auch

einen Schneider und eine Näherin, ihn zu kleiden und den Läusen aus den

Zähnen zu ziehen. Ich hatte eben diejenigen Dublonen, so Olivier dem

toten Juden aus dem Maul bekommen, bei mir in einem Säckel. Dieselben

schlug ich auf den Tisch und sagte dem Wirt zu Gehör:

»Schau Herzbruder, das ist mein Geld, das will ich an dich wenden und

mit dir verzehren.«

Darnach der Wirt uns wohl aufwartete. Dem Barbier aber wies ich den

Rubin, der ungefähr zwanzig Taler wert war und sagte, weil ich mein

wenig Geld vor uns zu Zehrung und Kleidung aufwenden müßte, so wollte

ich ihm denselben Ring geben, wenn er meinen Kameraden in Bälde von

Grund aus kurieren wollte, dessen er dann wohl zufrieden war, daß er

seinen besten Fleiß aufwandte.

Also pflegte ich Herzbrudern wie meinem andern Ich. Der Kommandant, dem

ich alles anzeigete, gönnte mir zu bleiben, bis mein Kamerad mir würde

folgen können und versprach uns beide alsdann mit gemeinsamen Paß zu

versehen.

Demnach ich nun wieder zu Herzbrudern kam, bat ich ihn, er wollte mir

unbeschwert erzählen, wie er in einen so armseligen Stand geraten

wäre, dann ich bildete mir ein, er möchte vielleicht eines Versehens

halber von seiner vorigen Dignität verstoßen, unredlich gemachet und in

gegenwärtiges Elend versetzt worden sei.

Er aber sagte: »Du weißt, Bruder, daß ich des Grafen von Götz

~Factotum~ und geheimster Freund gewesen, daß aber der verwichene

Feldzug unter seiner Generalität eine unglückliche Endschaft erreichet,

indem wir die Schlacht bei Wittenweyer verloren. Weil nun deswegen

hin und wieder von aller Welt sehr ungleich geredet ward, zumalen

wohlgemeldter Graf sich zu verantworten nach Wien ist citieret, so

lebe ich beides: vor Scham und Forcht freiwillig in dieser Niedere und

wünsche mir oft entweder in diesem Elend zu sterben oder doch wenigst

mich so lang verborgen zu halten, bis der Graf seine Unschuld an Tag

gebracht. -- Vor Breisach armierte ich mich selbst, da ich sahe, daß

es unserseits so schläfrig herging, den andern zum Exempel. Ich kam

unter den ersten Angängern an den Feind auf die Brücke, da es dann

scharf herging. So empfing ich zugleich einen Schuß in meinen rechten

Arm und den andern Schenkel, daß ich weder ausreißen, noch meinen Degen

gebrauchen konnte. Und als die Enge des Ortes und der große Ernst nicht

zuließ, viel von Quartiernehmen und -geben zu parlamentieren, kriegte

ich einen Hieb in Kopf, davon ich zu Boden fiel. Und weil ich fein

gekleidet war, wurde ich in der Furi von etlichen ausgezogen und vor

tot in Rhein geworfen. In solchen Nöten schrie ich zu Gott, indem ich

unterschiedliche Gelübde tät, spürete auch seine Hilfe. Der Rhein warf

mich ans Land, allwo ich meine Wunden mit Moos verstopfte und beinahe

erfror. Jedoch ich kroch davon und stieß unter etliche Merode-Brüder

und Soldatenweiber, die sich meiner erbarmeten. Ich mußte aber sehen,

daß sich die Unsrigen zu einem spöttlichen Abzug rüsteten, resolvierte

derhalben bei mir selbsten, mich niemand zu offenbaren, und nahm meinen

Elendsweg, von dem du mich hast aufgehoben.«

Ich tröstete Herzbrudern so gut ich konnte und vertraute ihm, daß ich

noch mehr Geld hätte als jene Dublonen. Und ich erzählte ihm Oliviers

Untergang und was Gestalt ich seinen Tod habe rächen müssen. Welches

sein Gemüt dermaßen erquickte, also daß es ihm auch an seinen Leib

zustatten kam, maßen es sich an allen Wunden täglich mit ihm besserte.

Der abenteuerliche Simplicissimus · 第 65 / 78 题