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NARREN, GAUKLER UND VOLKSLIEBLINGE
HERAUSGEGEBEN VON ALBERT WESSELSKI
DRITTER BAND: DER HODSCHA NASREDDIN I
[Illustration]
DER HODSCHA
NASREDDIN
Türkische, arabische, berberische,
maltesische, sizilianische, kalabrische,
kroatische, serbische und griechische
Märlein und Schwänke
Gesammelt und herausgegeben von
Albert Wesselski
I. Band
Alexander Duncker Verlag
Weimar MCMXI
Alle Rechte vorbehalten.
DIESES BUCH WURDE IM AUFTRAGE VON
ALEXANDER DUNCKER VERLAG
IN WEIMAR IN DER OFFIZIN VON
OTTO WIGAND M. B. H.
IN LEIPZIG IN EINER AUFLAGE VON 1000
NUMERIERTEN EXEMPLAREN GEDRUCKT;
AUSSERDEM WURDEN 50 EXEMPLARE AUF
BÜTTENPAPIER ABGEZOGEN. DER EINBAND
WURDE VON DER
LEIPZIGER BUCHBINDEREI A.-G.
VORM. GUSTAV FRITZSCHE ANGEFERTIGT.
DIESES EXEMPLAR TRÄGT DIE
NUMMER
1007
Herrn Professor
Dr. theol. et phil.
AUGUST WÜNSCHE
in Verehrung
und Dankbarkeit
gewidmet.
_Einleitung des Herausgebers._
Die Motive der Märchen sind der Ausdruck gewisser Vorstellungen,
denen die Menschen irgendwo und irgendwann angehangen haben müssen.
Es müssen wohl einmal, vielleicht auf der ganzen bewohnten Erde, wenn
auch nicht zu derselben Zeit, das Tier, die Sonne, der Stein, die
Wolke für den Menschen Dinge gewesen sein, deren Wesenheit er nicht
von der seinigen unterschied, und sicherlich hat er sich von diesen
Vorstellungen seines Kindheitsalters nur sehr langsam emanzipiert.
Unbestreitbar ist es wohl auch, daß solche, gewissermaßen religiöse
Anschauungen, die viele Generationen überdauert haben mögen, nicht von
allen Angehörigen eines Rudels oder Stammes gleichzeitig aufgegeben
worden sind, und ebenso darf man annehmen, daß sich ganze Völker von
manchen Anschauungen früher losgesagt haben als andere. Es ist nun nur
natürlich, daß bei denen, die irgendeinen Standpunkt längst überwunden
hatten, Verwunderung und ein Überlegenheitsgefühl rege wurden, wenn sie
auf andere stießen, die noch in dem alten Wahne befangen waren, und
diese Empfindungen haben sich bei ihnen auch einstellen müssen, wenn
sie auf naive Vorstellungen, die für sie etwa schon äußerer Umstände
wegen unmöglich gewesen wären — zum Beispiele für Binnenvölker, daß
die untergehende Sonne im Meere ertrinke — bei andern gestoßen sind.
Nichts liegt nun näher, als daß diese Empfindungen der Höherstehenden
ihren vorläufigen Ausdruck in einem Verlachen oder Belächeln der
rückständigen Vorstellung gefunden haben. Während wir bei jedem der an
der Zahl immer geringer werdenden Naturvölker ganze Gruppen von ihm
eigenen und ursprünglichen Vorstellungen noch unmittelbar vorfinden,
sind uns diese bei den alten Kulturvölkern nur in ihren Überlieferungen
erhalten und zwar, primär, im Märchen, dann aber auch, mit einer Kritik
verbunden, im Schwanke: das Märchen kennt keine oder nur eine falsche
Logik; im Schwanke wird der Mangel der Kausalität belacht.
Die Entstehung des Schwankes, der nur ein einziges Märchenmotiv
braucht, das eben belacht wird, ist also zum Unterschiede von dem
Märchen, das dasselbe Motiv verarbeitet, an eine Kulturstufe gebunden,
die schon einzelne früher im Schwange gewesene oder anderswo noch
geltende Meinungen als widersinnig, als falsch erkennt. Der Vater, der,
als ihm ein Kind stirbt, ein zweites tötet, damit das erste nicht den
langen Weg allein zu gehn brauche[1], kann erst dann verlacht werden,
wann die Vorstellung, daß der Tote noch die Bedürfnisse des Lebenden
hat, im allgemeinen überwunden ist, oder nur dort, wo sie nie existiert
hat; der Haß gegen ein Bild[2] kann erst dann ein Gegenstand des
Spottes werden, wann der Glaube, daß dem Bilde die Eigenschaften des
Originals innewohnen, seine Lebenskraft so ziemlich verloren hat, oder
nur dort, wo er nie vorhanden war.
Wenn diese Theorie richtig ist, dann ist die älteste Gattung des
Schwankes die Erzählung von der Dummheit des andern oder der andern,
und mit jeder menschlichen Anschauung, die, ob sie nun der einfachen
Naturbetrachtung oder einer höhern Geistestätigkeit entsprungen ist,
im Laufe der Jahrtausende ihre Berechtigung verliert, wächst ein neues
Schwankmotiv zu; von dem Lachen über den, der ein Tier durch Strafen
witzigen will wie ein ungehorsames Kind, bis zu dem Lachen über das
Weib, das einem Vaganten glaubt, er komme schnurstracks aus dem Himmel,
liegt eine Reihe von unendlich vielen Gliedern. Der Schlauheitsschwank,
der schon eine weitere Person einführt, die sich die Dummheit der
ersten zunutze macht, darf keinen Anspruch auf das Alter des reinen
Dummheitsschwankes erheben.
Der Dummheitsschwank trägt aber schon, und sei er noch so primitiv,
den Charakter einer bewußten Verarbeitung eines freilich noch nicht
als solches erkannten Märchenmotivs an sich, das er uns oft, indem er
die Kuriosität der kindlichen Vorstellung demonstrieren will, in einer
reinern Form als das Märchen überliefert; er ist gewissermaßen schon,
wenn der Ausdruck gestattet ist, eine Art literarisches Erzeugnis, und
diese Eigenschaft muß ihn befähigen, auch dort, wo für seine Grundlage,
nämlich das betreffende Märchenmotiv, als eine für die Ortsverhältnisse
ungereimte Vorstellung eine Neuverbreitung oder als eine in grauer
Vorzeit überholte Vorstellung eine Wiederverbreitung ausgeschlossen
gewesen wäre, durch seinen absoluten Wert als Unterhaltungsstoff im
weitesten Maße vorzudringen. Gar viele Märchenmotive, und gerade die
ursprünglichsten, mögen erst durch den sie parodierenden Schwank auf
fremden Boden verpflanzt oder auf dem eigenen zu neuem Leben erweckt
worden sein.
Von den außerordentlich zahlreichen Dummheitsschwänken, die in der
vorliegenden Sammlung — vorläufig sei nur von ihrem ersten Teile die
Rede — an einen einzigen Namen geknüpft erscheinen, beruhen sehr viele
auf so primitiven Vorstellungen, daß schon daraus erhellt, daß sie dem
Manne, von dem sie erzählt werden, nur beigelegt worden sind. Wenn
auch bei dem Mangel an alten Aufzeichnungen derartiger leichter und so
lange mit Unrecht verachteter Geschichtchen viele Typen nicht sehr weit
zurückverfolgt werden können, so müssen doch die obigen Erwägungen zu
der Annahme eines ehrwürdigen Alters genügen, umsomehr als es klar ist,
daß von dem Auftauchen eines Dummheitsschwankes bis zu seiner ersten
Niederschrift eine geraume Zeit verflossen sein muß, in der er sich
so wie das in ihm behandelte Märchenmotiv und oft mit diesem mündlich
fortgepflanzt hat. Deswegen aber die Existenz des nunmehrigen Trägers
dieser Überlieferungen zu leugnen, hätte wohl keine Berechtigung;
es wird ja auch niemand einfallen zu behaupten, König Franz I. von
Frankreich habe nie gelebt, weil von ihm eine Schnurre erzählt wird,
die schon im Conde Lucanor steht.
Von dem Hodscha Nasreddin wird uns als von einem Zeitgenossen dreier
wohlbekannter Fürsten gesprochen. Zuerst des Sultans Alaeddin III.
(II.), des letzten Herrschers der Seldschukendynastie in Karamanien,
der im Jahre 1392 Konia, das alte Iconium, und Akschehir, das
alte Philomelion, an Bajazet I. verloren hat, dann eben dieses
Osmanensultans und endlich des tatarischen Eroberers Timur, der am 20.
Juli 1402 Bajazet in der Schlacht von Angora aufs Haupt geschlagen
und gefangen genommen hat; dort, wo der betreffende Gewalthaber
einfach Bei genannt wird, hat man die Wahl zwischen den drei genannten
Fürsten und dem von Timur eingesetzten Bei von Karamanien, nämlich
Mohammed, dem ältesten Sohne Alaeddins III., doch dürfte wohl meistens
Timur gemeint sein, bei dem Nasreddin die Stelle eines lustigen
Rates eingenommen haben soll. In dieselbe Verbindung wird Nasreddin
allerdings auch mit Bajazet gebracht, einmal von dem Historiker De la
Croix[3] und dann noch von Karl Friedrich Flögel[4]; beide vermeiden
es aber, ihre Quellen anzugeben. Von seinem Freundschaftsverhältnisse
zu Timur berichtet hingegen schon Demetrius Cantimir oder Kantemyr,
der 1723 verstorbene ehemalige Fürst der Moldau, das Mitglied der
Berliner Akademie der Wissenschaften[5], und dieser schickt nicht
nur seinen Erzählungen von Timur und Nasreddin die Bemerkung voraus,
daß sich Timur nach den Historikern drei Tage lang bei Jenischehir
aufgehalten habe, um den Erzählungen des türkischen Äsops zu lauschen,
der ihm so lieb geworden sei, daß er ihm zuliebe auf die Plünderung
dieser Stadt verzichtet habe, sondern sagt auch weiter, er entnehme
die folgenden Schnurren einem türkischen Buche. Dem Alter, das dieses
Buch gehabt haben muß, entspricht das von mehrern Manuskripten, die
Decourdemanche für seine große Ausgabe von Nasreddins Schwänken[6]
benutzt hat, und deren eines schon um 1600 niedergeschrieben worden
ist; daher müßte sich wohl die Annahme, daß Nasreddin eine mythische
Person sei, auf andere Prämissen stützen als auf die Tatsache, daß mit
seinem Namen uralte Schwankmotive verknüpft worden sind. Daran ändert
es auch nichts, daß eine Sage wissen will, er habe schon zu der Zeit
Harun al Raschids gelebt: Mohammed Nasreddin, der damals einer der
weisesten Männer gewesen sei, habe sich mit seinen Lehren in einen
Widerspruch zur Religion gesetzt und sei deshalb zum Tode verurteilt
worden; um sein Leben zu retten, habe er sich wahnsinnig gestellt. Der
ungarische Gelehrte Kúnos, der sie erzählt, hat sicherlich recht, wenn
er die Entstehung dieser Sage darauf zurückführt, daß man versuchen
wollte, manche Späße des Hodschas zu rechtfertigen[7]. Nicht mehr
Bedeutung darf einer persischen Überlieferung beigemessen werden, die
Nasreddin als einen Zeitgenossen und Untertanen des Schahs Takasch
(um das Jahr 1200 unserer Zeitrechnung) nennt[8]; hier war wohl der
Wunsch maßgebend, den berühmten Nasreddin als persischen Landsmann
beanspruchen zu können. In beiden Fällen handelt es sich überdies um
ganz vereinzelte, von dem Massiv der übrigen Überlieferungen abseits
stehende Anekdoten.
Weniger als das hohe Alter der von den Historikern übernommenen
Traditionen fällt bei der Frage, ob Nasreddin der Mythe angehört, der
Umstand ins Gewicht, daß der Hodscha Nasreddin im letzten Viertel des
16. Jahrhunderts eine solche Berühmtheit genossen haben soll, daß
einer seiner Nachkommen eben dieser Abstammung wegen ein kaiserliches
Geschenk erhalten hätte. Wäre diese Geschichte tatsächlich, wenn
auch nur in ihren Grundzügen und ohne das lustige Moment, von einem
Historiker dieser Zeit bezeugt[9], dann wäre sie eine glückliche
Illustration zu der Tatsache, daß damals schon Nasreddin als derselbe
galt, als der er heute gilt, einer Tatsache, die aber schon aus dem
Alter des ältesten der von Decourdemanche benützten Manuskripte
hervorgeht.
Von nicht viel größerer Bedeutung für die Lösung jener Frage ist es
wohl auch, daß noch heute in Akschehir das Grab des Hodschas Nasreddin
gezeigt wird, wenn dieses auch schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts
von dem berühmten osmanischen Reisenden Evlija Tschelebi besucht
worden ist[10], und obwohl ihm, wie von mehrern Geschichtsschreibern
bewährt wird, der Sultan Murad IV. (1623-40), der sich dort auf einem
Feldzuge längere Zeit aufgehalten hat, die Anregung zu einem Gedichte
verdankte[11].
Dieses Grab beschreibt der Grieche Walawani in einer dem Hodscha
Nasreddin gewidmeten Monographie folgendermaßen[12]:
»Gleich beim Eintritte in den Friedhof von Akschehir zieht den
Blick des Besuchers ein sonderbares Bauwerk auf sich. Vier in die
Erde eingerammte hölzerne Säulen tragen ein viereckiges, einem
rechtwinkeligen Vierflächner ähnelndes baufälliges hölzernes
Dach, das ein Grab schützt; über diesem Grabe befindet sich ein
außerordentlich großer Turban, der keineswegs aus Stein ist, sondern
aus Leinwandbändern, die um das Grabsäulchen gewickelt sind. Drei
Seiten des Grabes sind offen, und nur die dem Beschauer zugewandte,
die nördliche, ist mit einer zweiflügeligen hölzernen Tür geschlossen,
an der zwei ebenfalls hölzerne Schlüssel hangen. Das Bild des Grabes
berührt wunderlich; der Beschauer wird nämlich gleich beim ersten
Anblicke unwillkürlich von einem unbezähmbaren Gelächter befallen, weil
er nicht sofort begreifen kann, warum das allen Winden preisgegebene
Grab so sorgfältig verschlossen wird. Indessen dauert es nicht
lange, so kommt er darauf, daß es sicherlich die Absicht des oder
besser der geistigen Schöpfer gewesen sei, den Witz jenes Mannes zu
versinnbildlichen, der auch noch im Tode Heiterkeit um sich ausgießt
und ein Lächeln auf die Lippen zwingt; diese geistreiche Darstellung zu
ersinnen war ein einziger, und noch dazu ein Asiate nicht imstande.«
Trotz Walawani kam man aber mit der Behauptung, es sei ein einziger
Mann und wirklich ein Asiate gewesen, der die Idee zu diesem Grabmale
gefaßt und auch ausgeführt habe; und dieser eine sollte niemand anders
als Nasreddin selber gewesen sein. Kúnos erzählt nämlich, leider wieder
ohne Quellenangabe[13]:
»Nasreddin verlangte einmal von Timur zehn Goldstücke, um sich ein
Denkmal errichten zu lassen. In seiner gewohnten Freigebigkeit, aber
auch aus Neugier erfüllte ihm Timur diesen eigentümlichen Wunsch. Der
Hodscha ließ sich für die zehn Goldstücke ein Türbeh, ein Grabmal,
bauen, das an drei Seiten offen und nur an der vierten durch eine
Mauer geschützt war. In diese Mauer ließ er eine Tür machen, und an
dieser ließ er ein Vorhängschloß anbringen. Das Türbeh trugen vier
Holzsäulen, und er ließ es mit einem viereckigen Holzdache versehn, um
darunter seinen Grabstein zu stellen. Den sonderbaren Bau, den er in
dem Friedhofe von Akschehir aufstellen ließ, erklärte er, wie folgt:
›Den Nachkommen werden die großartigen Steinbauten Timurs nur Anlaß
zu Tränen geben; Nasreddins Grab aber wird die Leute zur Heiterkeit
stimmen und ein fröhliches Lachen auf ihre Lippen locken.‹ Und so
geschah es auch. Der Hodscha wurde dort begraben« usw. usw.
Einzelnes aus dieser Geschichte stimmt mit dem überein, was Cantimir
aus seinem livre turc über Nasreddin mitgeteilt hat[14]; aber Cantimir
spricht von dem Bau einer einfachen Tür auf freiem Felde, und mit
keinem Worte ist davon die Rede, daß sie dem Hodscha hätte als Grabmal
dienen sollen. Diese Tür spukt auch in manchen Überlieferungen:
die Serben erzählen von ihr, versuchen jedoch für die unklare
Reminiszenz eine befriedigende Erklärung zu finden[15], und dasselbe
tut der rumänische Dichter, der ja auch nur Volksüberlieferungen
wiedergibt[16]. Aber mit Nasreddins Grab hat das Türmotiv nichts zu
tun, und die sich so hübsch lesende Beschreibung Walawanis entspricht
samt ihrer erweiterten Bearbeitung durch Kúnos keineswegs der Wahrheit.
Die Fabel von der Tür hat schon der erste Engländer, der sich mit
Nasreddin befaßt hat, William Burckhardt Barker, dem sie freilich in
einer andern, immerhin aber den Kern bringenden Form erzählt worden
sein muß, mit der Autorität, die der Augenschein verleiht, klar und
deutlich abgelehnt[17]: »Among other contradictions related of
Nasr-il-deen Khoja, the Turks say that ›such were the contradictions
in his character and throughout his whole life—sometimes appearing
so learned, sometimes so stupid, etc.—that even after death these
contradictions were kept up‹: and that ›his tomb has now an iron
grate, with a large gate and lock, but no railing round it.‹ The author
has, however, visited his tomb at Ackshahír, and can attest that it is
›a vulgar error,‹ and that it is a simple unassuming monument, with an
iron railing round it, and a small gate and lock like the rest of the
tombs of the Mosolmen near it.«
Und ganz gegenstandslos wird die Fabel, wenn man die auch auf eigenen
Wahrnehmungen fußende Beschreibung liest, die der letzte Türke, der
über Nasreddin geschrieben hat, von dem Grabmal gibt[18]: »Das Grabmal
trägt eine Kuppel, die auf vier glatten, hübschen Säulen ruht. In
der Mitte steht der Sarg mit dem gestreiften Turban, wie ihn die
Hodscha zu tragen pflegen. Die Wände des Sarges sind auf den den
Besuchern zugewandten Seiten voll einer großen Zahl von Aufschriften
in Versen und Prosa.« Das ist alles; keine Spur von einer Tür, einem
Vorhängschlosse oder einem Schlüssel. Im übrigen sei auf die in der
Ausgabe Behaïs enthaltenen Lichtbilder verwiesen, die das Grabmal von
innen und von außen und vor und nach seiner in den letzten Jahren der
Regierung Abdul Hamids erfolgten Restaurierung wiedergeben.
Ob das Grab überhaupt als das Nasreddins betrachtet werden darf, ist
eine andere Sache. Zu Häupten des Sarges findet sich nämlich folgende
Inschrift:
Dies ist das Grab des Verewigten,
dem Verzeihung gewährt worden ist, der bedarf
des Erbarmens seines Herrn, des Verzeihenden,
des hochehrwürdigen Nasreddin.
Für seine Seele
(bete) eine Fatiha. 386.
Diese Jahreszahl macht Behaï viel Kopfzerbrechens[19]; denn auch wenn
man sie verkehrt liest, erhält man als Todesjahr Nasreddins — und das
soll sie ja wohl bedeuten — spätestens 1285 unserer Zeitrechnung,
und Timur ist 1405 gestorben, Bajazet 1403. Aber weder von dem einen
Herrscher, noch von dem andern wird ein Grab gezeigt; zu dem ihres
Spaßmachers pilgern noch heute Tausende gläubiger Menschen. Was tut es
diesen, wenn die Jahreszahl falsch ist? oder wenn das Grab wirklich
nichts andres ist als die Frucht einer glücklichen Laune eines oder
mehrerer Asiaten? Andächtig hängen die Wallfahrer ihre Zeugfetzchen,
die das Fieber abwehren sollen, an die Gitterfenster des Grabmals; und
die Einwohner von Akschehir bringen dem Hodscha sogar Speiseopfer,
und werden die verschmäht, so glauben sie, eine Hungersnot werde
hereinbrechen[20].
Die von Akschehir haben ja Nasreddins Macht, Wunder zu wirken, schon zu
seinen Lebzeiten verspüren müssen. Als sie ihn einmal erzürnt hatten,
ging Nasreddin auf den Akschehir beherrschenden Berg, der, etwa durch
ein Erdbeben vergangener Zeiten, gespalten ist; vor diesen Spalt hing
er einen kleinen Teppich, und damit machte er es den Winden unmöglich,
über die Stadt hinzustreichen und die Wolken über sie zu schicken. Als
der Regenmangel empfindlich zu werden begann, schickten seine Mitbürger
eine Abordnung zu ihm mit der Bitte, er möge den verwunschenen
Teppich von dem Spalte wegnehmen und seiner Vaterstadt einen Regen
vergönnen. Der Hodscha ließ sich erweichen; und kaum hatte er den Rand
des Teppichs ein klein wenig gehoben, so erquickte schon ein kühles
Lüftchen die unter der Hitze schmachtende Stadt, und der Himmel säumte
nicht lange, seine wohltätigen Schleusen zu öffnen[21].
Der Hodscha ist aber noch immer ein leicht reizbarer Herr; wenn einer,
der an seinem Grabe vorbeikommt, so verstockt ist, daß er durchaus
nicht lachen will, so straft er ihn schier augenblicklich mit seinem
Zorne. Davon weiß der Verfasser der letzten türkischen Ausgabe ein
Liedchen zu singen[22]; geben wir ihm das Wort: »Als wir, nämlich ich,
die arme Schreiberseele, die dieses Buch verfaßt hat, mein Vater und
der Gatte meiner Schwester, auf einer Reise die Straße nächst dem
Mausoleum Nasreddins fuhren, ja dicht an diesem vorüberkamen, sagte
mein Schwager: ›Wenn ich jetzt nicht über den Mann lache, wer weiß,
was mir da schlimmes zustoßen wird.‹ So sprach er und hörte nicht
auf uns, obwohl wir ihn inständigst baten. Als wir nun unter einem
herabhängenden Aste einer alten Platane dahinfuhren, verfing sich
dieser in dem Sommerdache des Bauernwagens und riß es in Fetzen; die
Pferde wurden scheu, und auf ein Haar wäre der Wagen umgestürzt. Das
Weinen war uns näher als das Lachen.«
Glücklicherweise können derartige Unfälle nicht oft vorkommen; denn es
wird einem Türken recht schwer, bei dem Anblicke des Grabes, der die
Erinnerung an Hunderte von Schwänken erweckt, ernsthaft zu bleiben,
und ein drastischer Beleg ist dafür eine Geschichte, die Kúnos in
Aidin aus dem Munde eines Augenzeugen gehört hat[23]: »Nach euerer
Zeitrechnung war es im Jahre 1832, daß wir, als wir unter der Führung
Ibrahim Paschas in Kleinasien waren, um den Aufruhr in der Gegend von
Konia zu ersticken, auch bei Akschehir vorübermarschierten. Unser
Weg führte an dem Friedhofe vorbei, und da entging es dem Blicke des
Paschas nicht, daß keiner von den Soldaten, wenn ihre Blicke auf den
Turban des Hodschas[24] fielen, ein Lächeln verhalten konnte. Der
Pascha ließ halten; als er nun erfuhr, warum die Soldaten lachten,
ließ er unter ihnen verlautbaren, wer an dem Grabe vorbeigehn könne,
ohne zu lachen, den werde er beschenken. Manchen gelang es auch, das
Lachen zurückzuhalten; endlich ging aber ein Albanese vorüber, der
seinen Ernst um jeden Preis bewahren wollte. Kaum hatte er jedoch den
sonderbaren Turban erblickt, so platzte er auch schon los, obwohl er
seine Lippen und Zähne zusammengepreßt und die Augen fest geschlossen
hatte, und schrie: ›So ein Mensch ist dieser Hodscha, daß er die Leute,
wenn er es schon von oben nicht kann, so doch von unten zum Lachen
bringt!‹«
Bei solchen Zeugnissen ist es denn nicht zu verwundern, daß sich eine
Legende gebildet hat, die eine Begründung zu geben versucht, daß das
Lachen über den Hodscha die Jahrhunderte überdauert hat und daß schon
die Nennung seines Namens genügt, um es stets wieder hervorzurufen.
Diese Legende, oder besser, dieses ätiologische Märchen, das ich
allerdings nur in einer einzigen, serbischen Fassung[25] nachweisen
kann, erzählt:
Es lebte einmal ein Evlija, ein Heiliger; er hatte drei Söhne, die alle
drei Imame waren. Sein ganzer Besitz bestand in einem Widder. Eines
Tages fragten ihn die Söhne: »Was werden wir heute essen?« Der Evlija
zeigte auf den Widder. Alsbald sprangen die Söhne auf, schlachteten
den Widder und zogen ihm das Fell ab; dann brieten sie ihn und
verzehrten ihn. Sie sammelten hierauf alle Knochen, der Evlija stand
auf, nahm den Koran in die Hand und betete über den Knochen, und die
Söhne sagten Amen. Er betete, sie sagten Amen, er betete und sie sagten
Amen, bis zuletzt der Widder wieder lebendig wurde. »Führt ihn in den
Garten,« sagte der Evlija, und die Söhne führten den Widder in den
Garten.
Am nächsten Tage fragten wieder die Söhne: »Was werden wir heute zu
Mittag essen?« und der Evlija deutete mit dem Finger in den Garten und
sagte: »Den Widder.« Die Söhne schlachteten ihn wieder, brieten ihn und
aßen ihn. Sie sammelten wieder die Knochen und der Evlija nahm wieder
den Koran und betete; die Söhne sagten Amen. Er betete und die Söhne
sagten Amen, und der Widder wurde wieder lebendig.
Eines Tages ging der Evlija zu einem Grabe. Die Söhne ergriffen wie
gewöhnlich den Widder, schlachteten ihn, brieten ihn und aßen ihn; auch
die Knochen sammelten sie wieder. Einer von ihnen nahm den Koran und
betete, und die andern zwei sagten Amen. Der eine betete und die andern
sagten Amen, aber siehe da — der Widder wurde nicht lebendig.
Unterdessen kam der Evlija heim, und er fragte seine Söhne: »Wo ist der
Widder? was habt ihr mit ihm gemacht?« Sie zuckten die Achseln: »Du
siehst ja selber, was wir mit ihm gemacht haben.« Der Evlija besann
sich, wie eben ein Evlija, sofort; er wußte alles, und darum wollte
er sie nicht erst schelten, sondern fragte sie nur: »Wer hat ihn denn
getötet?« »Der da,« antwortete Nasreddin. Und der Evlija sagte: »Auch
er soll getötet werden!« Und er fragte wieder: »Wer hat ihm denn das
Fell abgezogen?« »Der da,« antwortete Nasreddin. »Amen auch ihm! Und
was hast du gemacht?« »He, he,« antwortete Nasreddin, »ich habe nur
gelacht!« Nun sagte der Evlija: »Drum soll es geschehn, daß auch die
Leute über dich lachen, und Gott gebe, daß alle Völker, weß Glaubens
immer, über dich lachen, solange die Welt besteht!«[26]
Das Volk hat den Hodscha Nasreddin nicht nur unter die Märchenhelden,
sondern auch unter die Heiligen versetzt; er hat ja auch kurz nach
seinem Hinscheiden die Gläubigen, die in einer nahe bei seinem Grabe
gelegenen Moschee versammelt waren, vor dem ihnen durch den Einsturz
der Kuppel drohenden Tode errettet[27]. Und dort, wo sein Grab ist, in
Akschehir, gibt es kaum eine Gasse, einen Brunnen oder eine Dschami,
woran sich nicht Überlieferungen von Nasreddin knüpften, und von jeder
Moschee wird behauptet, Nasreddin habe in ihr gepredigt: man zeigt dem
Fremden, wo er über die Allgegenwart Gottes die Worte gesprochen hat:
»Wenn Gottes Hand nicht alles lenkte, dann müßte wenigstens einmal
etwas geschehn, wie ich es wollte!« und mit besonderm Stolze führt
man den Besucher zu der Kanzel, auf der der Hodscha die berühmte
dreigeteilte Predigt gehalten hat, die unsere Sammlung eröffnet[28].
Mag immerhin einer oder der andere, weil die Kette der Beweise nicht
lückenlos ist, behaupten: Nasreddin hat nicht gelebt; das eine wird
niemand leugnen wollen: Nasreddin lebt.
Über seinen Geburtsort gehn die Überlieferungen auseinander. Kúnos läßt
die Entscheidung offen zwischen Siwri-Hissar und Akschehir, Behaï gibt
Siwri-Hissar an, und Ali Nouri[29], der pseudonyme Verfasser einer
deutschen Ausgabe von Nasreddins Schwänken, sagt kurzer Hand, daß er in
Akschehir geboren sei. Flögel nennt Jenischehir als Geburtsort; aber
die von Akschehir, die förmlich mit Eifersucht alles hüten, was an den
Hodscha erinnert, weisen es entschieden zurück, daß er in Jenischehir
jemals auch nur gewesen sei[30]. Wohl nur auf dem Schlusse aus seiner
Zeitgenossenschaft mit Timur und Bajazet beruhen die Angaben, daß
er, wie Behaï sagt, in der Regierungszeit Sultan Orchans (1326-1359)
oder, nach andern, um 1360 geboren sei. Kombination ist natürlich auch
alles übrige, was über seine Lebensumstände erzählt wird, obwohl es
im allgemeinen herzlich wenig ist; andere Quellen als die Schwänke
gibt es ja nicht. Und bei dem jüngsten Biographen Nasreddins fühlt man
leicht, daß der Wortschwall als Mittel verwandt wird, um die peinlich
empfundene Unwissenheit zu verdecken; immerhin sei mitgeteilt, was
dieser zu berichten weiß[31]:
»Nach der herrschenden Meinung hat sich der verewigte Hodscha in
Akschehir und wohl auch in Konia dem Studium und der Vervollkommnung
in den Wissenschaften hingegeben. Dann war er in einigen Städten
und Bezirken in der Nähe von Akschehir Kadi. In seiner Vaterstadt
Siwri-Hissar war er Prediger. In einigen andern Orten war er Lehrer
an geistlichen Seminaren und Vorbeter. Auch hat er Amtsreisen
unternommen in die Wilajete Konia, Angora und Brussa, sowie in einige
andere angrenzende Provinzen. ... Er gehörte zu den Juristen aus der
Rechtsschule Abu Hanifas[32] ... Als er einmal von der Regierung in
Staatsgeschäften nach Kurdistan geschickt wurde, sagte dort einer,
der ihn erkannte: ›Unser Hodscha versteht sich sogar auf Politik und
Regierungskunst und ist darum ein ganzer Mann.‹ Ein andermal wurde
er in Akschehir mitten aus einer Versammlung herausgeholt; für die
Regierung hatte sich nämlich die Notwendigkeit ergeben, sofort Eilboten
dorthin zu schicken und ihn aufzufordern, so schnell wie möglich
in die Hauptstadt zu kommen. Meistens beschäftigte er sich mit der
mohammedanischen, auf Koran und Überlieferung gegründeten Rechtskunde.«
Die Naivetät, die aus diesen Erzählungen spricht, wird noch übertroffen
durch die groteske Art der Lobsprüche, die Behaï dem Hodscha
angedeihen läßt. Mit Entrüstung erfüllt es ihn, daß man versucht hat,
unwahre Behauptungen über Nasreddin durch erfundene Geschichten zu
stützen, und daß in einem von ihm nicht näher bezeichneten Buche der
Ausspruch getan wird: »Der Hodscha zeigt manchmal den höchsten Grad
von Freigeisterei; auch ist er nicht Wandermönch geworden. Es ist
dem Gedächtnis überliefert, daß seine durch anderweitige Beispiele
erwiesene fluchwürdige Gottlosigkeit gewiß der als göttliche Strafe
zu gewärtigenden Vernichtung würdig ist, und daß er Fragen der
Jurisprudenz und der Theologie im Verkehre mit den verschiedensten
Klassen der Muselmanen unter der Verhüllung durch Schwänke behandelt
hat. Möge ihm Gottes Barmherzigkeit noch zu teil werden!« Dagegen
donnert Behaï in folgender Philippika: »Nirgends ist bei Sr.
Hochehrwürden und Sr. Heiligkeit — nämlich Nasreddin — irgendein
der Welt schmeichelnder Unglaube festzustellen. Seine Gerechtigkeit
steht außer Zweifel, gemeine und niedrige Handlungen finden sich bei
ihm nicht; ja nicht einmal in Gedanken hat er gesündigt. Freilich gibt
es — das sei in aller Ehrerbietung gesagt — auch für den Hodscha
eine Grenze, über die hinaus seine sittliche Kraft nicht reicht: da
auch er nur ein Mensch war, da auch ein Muselman nicht ohne Sünde ist,
hat wohl auch er in Sünde fallen können, und es ist möglich, daß er
in seiner Kindheitszeit und seinem Jünglingsalter unpassendes getan,
ja eine Sünde begangen hat; nur allmählich vervollkommnete er sich,
machte er Fortschritte in der Wissenschaft, in den Kenntnissen, in der
sittlichen Vervollkommnung und in der Weisheit und bildete Körper und
Charakter aus, bis er schließlich zu dem höchsten Grade der Vereinigung
mit Gottes Heiligkeit und seinem heiligen Geiste gelangt ist.« Und
an einer andern Stelle heißt es: »Staunenswert war seine asketische
Frömmigkeit; selbst im Schlafe hat er sich nie durch unreine Gedanken
befleckt.« Und weiter: »Er zog es vor, sich betrügen zu lassen,
ja sogar einen empfindlichen Schaden zu erleiden, als irgendeinem
Menschen eine schändliche Lüge oder einen Betrug zuzutrauen ... Se.
Hochehrwürden, der verewigte Nasreddin war ein tiefgründiger Gelehrter,
der der Weltlust und den weltlichen Dingen entsagt hat; er war eine
durchaus reine und lautere Natur in des Wortes tiefster Bedeutung, er
war geradezu eine Engelsnatur.«
Der Leser soll nicht weiter gelangweilt werden; hoffentlich begleitet
ihn aber die Erinnerung an diese Panegyriken bis zu der Lektüre der
Schwänke.
Ebenso schmerzlich wie den dem Hodscha gemachten Vorwurf der
Gottlosigkeit empfindet es Behaï auch, daß dieser manchen nur als
einfacher Spaßmacher gilt: »Wir zählen den verewigten Hodscha zu einer
Art von Persönlichkeiten, die nur auf ein einziges Volk — nämlich
das türkische — beschränkt geblieben ist; weder Behlewal Dana in der
Anfangszeit des Islams, noch der sprichwörtlich gewordene Mudschadib,
noch Dschoha, noch Männer wie Abdal, die sich ihn zum Vorbilde nahmen,
noch Abu Dulama von den Arabern, noch Talhak von den Persern, diese
Schmarotzerseelen, noch irgendein anderer von den übrigen Völkern kann
mit unserm Hodscha verglichen werden.«[33]
Dieser Ausspruch ist nicht unwichtig; er beweist, daß man auch in dem
Volke, dem Nasreddin angehört, schon die Verwandtschaft erkennt, die
ihn mit andern Gestalten verbindet, die, ob historisch oder nicht, als
wenig verschiedene Typen die Helden des Dummheitsschwankes und oft
zugleich des Schlauheitsschwankes darstellen. Von diesen haben wir uns
hier noch mit Dschoha zu beschäftigen.
Der Umstand, daß Dschoha viele sonst mit Nasreddin verbundene
Schwanküberlieferungen auf sich vereinigt, hat einzelnen Gelehrten
den Anlaß zu der Behauptung gegeben, Nasreddin und Dschoha seien
einunddieselbe Person, und man hat sogar versucht, das arabische Wort
Dschoha als eine Ableitung des türkischen Hodscha zu erklären[34].
Diese Meinungen sind aber unhaltbar, da Dschoha als ein dem Hodscha
Nasreddin ähnlicher Typus lange vor diesem belegt ist.
Schon der _Fihrist_ des 995 gestorbenen ibn Ishak an Nadim, eine
Bibliographie der damals vorhandenen arabischen Literatur, nennt
unter den Schwankbüchern unbekannter Verfasser ein von Dschoha
handelndes[35]; dieses ist ebenso wie die andern dieser Gruppe
angehörenden Schriften verloren. Die nächste Erwähnung Dschohas findet
sich in dem _Kitab madschma al amthal_ des 1124 verstorbenen al
Maidani, einer großen arabischen Sprichwörtersammlung[36]; Maidani
belegt einzelne Sprichwörter, die mit dem Namen eines Einfaltspinsels
verknüpft sind, mit kleinen Erzählungen von dem betreffenden, und
so hat er auch drei Geschichten von Dschoha[37]. Dieser führt aber
auch noch zugleich mit Nasreddin ein von ihm unabhängiges Dasein; der
_Thamarat al aurak_ von ibn Hidschdscha al Hamawi (1366-1434) bringt
von ihm einige Schwänke und sagt über ihn: »Manche behaupten, daß
er der unterhaltendste Mensch von der Welt gewesen sei, daß es aber
zwischen ihm und den Leuten Zwistigkeiten gegeben habe, und daß man ihm
alle möglichen Geschichten beigelegt habe; andere sagen, er sei der
leichtfertigste Taugenichts gewesen.«[38]
Bis zum fünfzehnten Jahrhunderte, oder wenn man auf die Tatsache,
daß keine ältere Aufzeichnung Nasreddinscher Schwänke erhalten ist,
pochen will, bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts können also die
Überlieferungen des Dschohakreises als die ältern nicht von solchen
der Nasreddingruppe beeinflußt worden sein; daß aber später Dschoha
und Nasreddin, die ja, der eine für die Araber, der andere für die
Türken, gleichartige Typen des Narren und Volkslieblings darstellen,
ineinander übergeflossen sind, ist leicht verständlich. Dem tragen
die heute im arabischen Oriente außerordentlich verbreiteten Drucke
Rechnung, die schon im Titel die beiden Personen identifizieren:
_Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi dschoha_. Freilich läßt der
Umstand, daß Nasreddin oft auch als Dschoha er-rumi, als rumelischer
oder türkischer Dschoha bezeichnet wird[39], den Schluß zu, daß der
Araber noch immer zwischen den beiden unterscheide und durch diese
Bezeichnung nur die Ähnlichkeit, die auch er zwischen ihnen erkennt,
ausdrücken wolle; dies erscheint aber als nebensächlich, weil zur
Ausstattung beider Volkslieblinge der Schatz der alten Überlieferungen
gleichmäßig geplündert worden ist und noch weiter geplündert wird. Was
man heute vorläufig nur von Nasreddin erzählt — abgesehn natürlich
von dem genannten oder ungenannten Schwankhelden, von dem es zuerst
berichtet worden ist — wird morgen auch von Dschoha erzählt, und
ebenso umgekehrt; klar ist es dabei, daß die Araber bei ihrer reichen
Schwankliteratur meist die gebenden, die Türken die empfangenden sind.
Die verschiedenen Ausgaben des _Nawadir el chodscha nasr ed-din effendi
dschoha_, deren Inhalt so ziemlich identisch zu sein scheint, enthalten
fast alle Geschichten des noch zu besprechenden, zum ersten Male 1837
erschienenen türkischen Volksbuches von Nasreddin und in derselben
Anordnung. Wenn der Schluß, den Basset aus dem das Jahr der Hidschra
1041 zeigenden Chronogramme einer ihm vorliegenden Bulaker Ausgabe
zieht, richtig ist[40], wenn also der Nawadir in seiner heutigen Form
schon im 17. Jahrhunderte — das Jahr 1041 der Hidschra entspricht dem
Jahr 1631 n. Chr. — abgefaßt worden ist, dann haben das türkische
Volksbuch und der arabische Nawadir dieselbe Vorlage gehabt, die
allerdings im Nawadir fast auf das Doppelte erweitert worden ist;
jedenfalls hat der Verfasser des Nawadirs neben der türkischen Quelle
auch arabische und vielleicht andere bereits niedergeschriebene
Schnurren vor sich gehabt: aus dem _Mustatraf_ von al Abschihi († 1446)
sind zum Beispiele in den Nawadir ganze Seiten aufgenommen worden[41].
Durch die Araber ist Dschoha, und zwar dieser Dschoha des Nawadirs,
die allbeliebte Schwankfigur auch im nördlichen Afrika geworden,
und so wie die dem türkischen Volksbuche noch nicht angehörenden
Dschohageschichten in die türkische Überlieferung übergegangen
sind, so haben auch Erzählungen des Nasreddinkreises zugleich mit
Dschohageschichten oder als solche in dem Volksmunde des Maghribs
Aufnahme gefunden. Natürlich haben die Araber ihr sowieso beschränktes
Eigentumsrecht an Nasreddin-Dschoha nicht behaupten können, sondern
haben ihn mit den Berbern teilen müssen. Die Kabylen der Küste Algiers
haben ihren Dscheha, die Beni Msab der Sahara ihren Dschoha, die
Berbern von Tamazratt ihren Dschuha, die in der Oase Ghat ihren Schaha;
und wie der tunisische und der tripolitanische Araber von Dschuha
erzählt, so hat sich der Nubier einen Dschauha geschaffen. Der Schwank
von der Schüssel, die zuerst gebiert und dann stirbt, begegnet mit dem
türkischen Nasreddin, mit dem türkisch-arabischen Nasreddin-Dschoha,
mit dem arabischen Dschoha und mit dem berberischen Dscheha als Helden;
schließlich kehrt er auch auf Malta wieder, und dort ist aus dem
Dschoha ein Dschahan geworden[42].
Gemeiniglich wird auch angenommen, daß der sizilianische Volksnarr
Giufà oder Giucà, der in Piana de’ Greci, in Palazzo Adriano und in
andern albanesischen Ansiedelungen Siziliens Giuχà heißt[43], der
nationalisierte arabische Dschoha sei; dem steht entgegen, daß auch
in Toskana der bevorzugte Träger von Dummheitsschwänken Giucca,
Giucco, Ciocco heißt. In jedem italiänischen Wörterbuche findet man
neben sciocco auch giucco = Dummkopf, neben scioccaggine, scioccheria
usw. auch giuccaggine, giuccheria usw. = Dummheit, und in Pitrès
Sammlung toskanischer Volkserzählungen kommt eine moglie giucca, eine
dumme Frau, vor, die ihrer Dummheit halber Giucca gerufen wird[44].
Wahrscheinlich ist ja eine oder die andere von den Giufàgeschichten
arabischen Ursprungs; ob man aber deswegen und wegen des flüchtigen
Gleichklanges eines aus der italiänischen Sprache ebenso gut
erklärbaren Wortes mit einem arabischen Namen so weittragende Schlüsse
ziehen darf, bleibe dahingestellt.
Eher könnte man wohl eine Namensentlehnung bei dem entsprechenden
kalabrischen Typus annehmen, dessen einer Name Hiohà — der andere
lautet Juvadi oder Juva’, was wieder zu Giufà stimmt — sicherlich
mehr als Giufà an Dschoha erinnert; was die innerliche Verwandtschaft
betrifft, so findet man, auf diesen übertragen, sogar eine als reine
Dschohageschichte nicht belegte Erzählung des Nasreddinkreises vor.
Für das Verhältnis Nasreddins zu Dschoha ist die Feststellung wichtig,
daß aus der Zeit vor Nasreddins angeblichem oder wirklichem Leben noch
keine einzige Dschohageschichte bezeugt ist, die als Quelle eines
Nasreddinschen Schwankes angenommen werden müßte[45], während das
sonst Nasreddin zugeschlagene Gut wahrlich nicht gering ist. Eine
ganze Reihe von Schnurren — es ist hier wieder nur von dem ersten
Teile unserer Ausgabe die Rede, genauer ausgedrückt von den Nummern
1 bis 331 — findet sich schon bei dem Perser Ubeid Zakani († 1370
oder 1371), nicht so viele bei dem syrischen Bischofe Bar-Hebraeus
(1226-1286), und einige stehn schon in dem _Kitab al ikd al farid_ von
ibn Abdirabbihi (860-940); daß äsopische Fabeln Verwendung gefunden
haben ist weniger verwunderlich, als daß auch die unter dem Namen
der Facetien von Hierokles bekannte, vielleicht schon im fünften
Jahrhunderte verfaßte Sammlung ausgebeutet worden ist. Auf vereinzelte
Parallelen, wie sie sich zum Beispiele bei az Zamachschari (1074
bis 1143) und al Habbarija († 1100) finden, sei hier nicht näher
eingegangen. Daß von Nasreddin Geschichten erzählt werden, die auch
Karakusch, dem Wesir Saladins, beigelegt worden sind, kann, da sie noch
in keinem sicher dem ursprünglichen Verfasser der Karakuschanekdoten
al Mammati († 1209) zugehörigen arabischen Texte, sondern nur in einer
viel spätern türkischen Bearbeitung nachgewiesen sind[46], nicht in
Betracht kommen, und dasselbe gilt von den Erzählungen, zu denen
sich Gegenstücke auch in den türkischen _Vierzig Wesiren_ finden,
deren arabisches Original noch nicht bekannt ist[47]. Mehrere Stoffe
Nasreddins sind vor diesem von abendländischen Erzählern behandelt
worden; hier darf wohl manchmal eine europäische Quelle angenommen
werden, zum Beispiele bei dem in den europäischen Überlieferungen so
oft wiederkehrenden und im Oriente nur mit Nasreddin belegten, schon
von Boccaccio zu einer Novelle gestalteten Schwanke von den angeblich
einbeinigen Gänsen oder Kranichen, die sich, als man sie erschreckt,
auf beiden Beinen davonmachen. Mit jeder Spanne Zeit, um die man
überdies das erste Auftauchen eines Schwankes bei Nasreddin hinaufrückt
— der Spielraum ist auch bei den schon in den ältesten Manuskripten
enthaltenen immerhin fast zweihundert Jahre — wird eine Übertragung
durch die Vermittlung der Literatur wahrscheinlicher; und daß die heute
noch nicht abgeschlossene Übertragung der mündlichen Überlieferungen
schon sehr zeitlich begonnen hat, ist bei Gestalten wie Nasreddin
selbstverständlich.
Die erste gedruckte Ausgabe der Schwänke Nasreddins ist 1837 in
Konstantinopel erschienen und drei Jahre vorher hat J. Dumoret im
_Journal asiatique_ nach einem Pariser Manuskripte drei Erzählungen
veröffentlicht, für deren Verfasser er Nasreddin hielt[48]; vorher
wußte man von diesem in Europa nicht mehr, als was Flögel und die
genannten Historiker berichteten und was Goethe im _West-östlichen
Diwan_ mitgeteilt hat[49].
Goethe verdankt seine Kenntnis Nasreddins dem Berliner Orientalisten
Prälaten von Diez, der für ihn fünf Schwänke übersetzt hat[50]. Diez,
der »würdige Mann« mit der »strengen und eigenen Gemütsart« hatte an
Nasreddin kein sonderliches Gefallen; in einem vom 24. April 1816
datierten Briefe an Goethe schreibt er: »Fürs Weitere möchte ich Ihnen
gern ein Paar Erzählungen von Nusreddin Chodscha mitsenden, der nicht
sowohl ein witziger Kopf als ein ziemlich platter und unsauberer
Schwänkemacher gewesen.« Und am 11. Oktober 1816: »Nussreddin
Chodscha war nur ein ziemlich gemeiner Spaßmacher und Zotenreißer.
Die Erzählungen die man von ihm hat, sind daher noch jetzt nur der
Gegenstand der Unterhaltung gemeiner Leute in den langen Winterabenden.
Er lebte im vierzehnten Jahrhundert als Lehrer (Chodscha) auf einem
Dorfe in Kleinasien, um die Zeit, als Timur oder Timurlenk, der lahme
Timur (woraus man in Europa Tamerlan gemacht) in Asien auf Eroberungen
ausging. Timur fand Vergnügen an den Schwänken und Einfällen des
Mannes und führte ihn auch eine Zeitlang als Gesellschafter mit sich
herum. Man hat mehrere kleine Sammlungen seiner Einfälle. Mir ist aber
niemals bekannt geworden, daß man in Europa etwas davon übersetzt habe.
Ich habe daher einige der züchtigsten und besten Erzählungen in der
Beilage wörtlich übersetzt, damit Ew. Hochwohlgeb. daraus den Geist
des Mannes näher kennen lernen mögen. Wenn Timur ihn als Spielzeug
gebrauchte, so mußte er sich auch manche Grobheiten von ihm gefallen
lassen.«
Goethens Gesichtskreis war etwas weiter als der des Prälaten; in
seiner Antwort an ihn, datiert vom 23. Oktober 1816, heißt es: »Die
Stellung solcher Lustigmacher an Höfen bleibt immer dieselbe, nur das
Jahrhundert und die Landschaft machen Abstufungen und Schattierungen,
und so ist denn dieser sehr merkwürdig, weil er den ungeheuren Mann
begleitet, der in der Welt so viel Unheil angerichtet hat und den
man hier in seinem engsten und vertrautsten Zirkel sieht.« Und in
den _Noten und Abhandlungen_ zum Diwan hat Goethe aus den fünf ihm
von Diez übersandten Erzählungen[51] von dem »lustigen Reise- und
Zeltgefährten des Welteroberers« den Schluß gezogen, »daß gar manche
verfängliche Märchen, welche die Westländer nach ihrer Weise behandelt,
sich vom Orient herschreiben, jedoch die eigentliche Farbe, den wahren,
angemessenen Ton bei der Umbildung meistens verloren«; und er fährt
fort: »Da von diesem Buche das Manuskript sich nun auf der königlichen
Bibliothek zu Berlin befindet, wäre es sehr zu wünschen, daß ein
Meister dieses Faches uns eine Übersetzung gäbe. Vielleicht wäre sie
in lateinischer Sprache am füglichsten zu unternehmen, damit der
Gelehrte vorerst vollständige Kenntnis davon erhielte. Für das deutsche
Publikum ließe sich alsdann recht wohl eine anständige Übersetzung im
Auszug veranstalten.« Vorher hat er schon eine von den fünf Erzählungen
abgedruckt und ihr die Bemerkung vorausgeschickt, wie er sich die
Ausgestaltung des im Diwan nur zwei Gedichte umfassenden _Buch des
Timur_ gedacht hätte.
Der Anregung Goethes ist, wohl unbewußterweise, der erste Übersetzer
der türkischen gedruckten Sammlung, Camerloher, zum Teile nachgekommen,
indem er einige Stellen, die ihm für den deutschen Leser zu frei
schienen, lateinisch übertragen hat[52]. Eine französische Ausgabe des
inzwischen in Konstantinopel oft aufgelegten Volksbuches ist 1876
von Decourdemanche besorgt worden[52], der später auch den schon
erwähnten, auf einer Reihe von Handschriften beruhenden _Sottisier
de Nasr-Eddin-Hodja_ herausgegeben hat. Eine reiche Auswahl aus dem
Volksbuche in türkischer Sprache mit einer interlinearen englischen
Übertragung hat W. B. Barker seinem ebenfalls schon genannten
türkischen Lesebuche beigegeben; er folgte damit dem Beispiele
Dietericis, der sieben Nasreddingeschichten aus zwei Manuskripten
Diezens in seine 1854 erschienene _Chrestomathie ottomane_ aufgenommen
hatte, und Malloufs, in dessen _Dialogues turcs-français_, Smyrna, 1854
(2. Auflage Konstantinopel, 1856) sich sieben Erzählungen von Nasreddin
finden. Sechs davon hat Mallouf in der _Revue de l’Orient, de l’Algerie
et des Colonies_ von 1853 ins Französische übersetzt; die von Dieterici
veröffentlichten hat H. Ethé in seinen _Essays und Studien_, Berlin,
1872 zur Unterlage eines Aufsatzes über Nasreddin benutzt.
Im Jahre 1299 der Hidschra (1883) hat Mehmed Tewfik in Stambul eine
Sammlung von 71 Schwänken Nasreddins herausgegeben; wenige Monate
später ließ er ihr 130 Schwänke von Buadem folgen. Buadem, zu
deutsch: dieser Mann, ist eine von Tewfik erfundene Gestalt, zu deren
Ausstattung er vorläufig viele Schnurren des Nasreddin-Dschohakreises
verwandt hat. In geringerm Maße ist dies bei den 96 Schwänken
festzustellen, die er seinem Buademwerke in der Ausgabe von 1302
beigegeben hat[53].
Nur zwei anscheinend neue Erzählungen, darunter eine von Timur,
bringen die ihrer Einleitung halber schon oft zitierten _Naszreddin
hodsa tréfái_, die Kúnos in Kleinasien aus dem Munde eines Aidiners
aufgezeichnet hat; die Nummern 1 bis 123 finden sich, eine ausgenommen,
schon in dem 125 Geschichten enthaltenden Volksbuche, und auch die
Reihenfolge ist bis auf zwei Ausnahmen beibehalten worden[54].
Schon 1872 ist in Athen eine griechische Ausgabe der Schwänke
Nasreddins erschienen mit dem Titel Ὁ Ναστραδὶν Χώντζας. Διηγήματα
αὐτοῦ ἀστεῖα καὶ περίεργα[55]. Sie ist mir trotz allen Bemühungen
unzugänglich geblieben, enthält aber angeblich denselben Text wie das
bei Saliber in Athen erschienene Groschenbändchen Ὁ Νάσρ-ἐδδὶν-Χότζας
καὶ τὰ ἀστεῖα ἀνέκδοτα αὐτοῦ. Dieses bringt, augenscheinlich in
Übersetzung, viele Stücke aus dem Volksbuche, daneben solche, die bei
Tewfik wiederkehren, aber auch eine Reihe von Erzählungen, die sich
weder im Volksbuche, noch bei Tewfik finden[56]. Daß übrigens Nasreddin
bei den Griechen eine selbständige Existenz führt, zeigt auch das im
II. Bande S. 250 besprochene Märchen von Naxos[57].