Der Baron drückte sich rasch vorbei. »Ja, ja, wir warten schon.«

Edgar stürmte zum Postamt. Er mußte warten. Ein Herr vor ihm hatte ein

Dutzend langweiliger Fragen. Endlich konnte er sich des Auftrags

entledigen und rannte sofort mit den Rezipissen zurück. Und kam eben

zurecht, um zu sehen, wie seine Mutter und der Baron im Fiaker

davonfuhren.

Er war starr vor Wut. Fast hätte er sich niedergebückt und ihnen einen

Stein nachgeschleudert. Sie waren ihm also doch entkommen, aber mit

einer wie gemeinen, wie schurkischen Lüge! Daß seine Mutter log, wußte

er seit gestern. Aber daß sie so schamlos sein konnte, ein offenes

Versprechen zu mißachten, das zerriß ihm ein letztes Vertrauen. Er

verstand das ganze Leben nicht mehr, seit er sah, daß die Worte, hinter

denen er die Wirklichkeit vermutet hatte, nur farbige Blasen waren, die

sich blähten und in nichts zersprangen. Aber was für ein furchtbares

Geheimnis mußte das sein, das erwachsene Menschen so weit trieb, ihn,

ein Kind, zu belügen, sich wegzustehlen wie Verbrecher? In den Büchern,

die er gelesen hatte, mordeten und betrogen die Menschen, um Geld zu

gewinnen, oder Macht, oder Königreiche. Was aber war hier die Ursache,

was wollten diese beiden, warum versteckten sie sich vor ihm, was

suchten sie unter hundert Lügen zu verhüllen? Er zermarterte sein

Gehirn. Dunkel spürte er, daß dieses Geheimnis der Riegel der Kindheit

sei, daß, es erobert zu haben, bedeutete, erwachsen zu sein, endlich,

endlich ein Mann. Oh, es zu fassen! Aber er konnte nicht mehr klar

denken. Die Wut, daß sie ihm entkommen waren, verbrannte und verqualmte

ihm den klaren Blick.

Er lief hinaus in den Wald, gerade konnte er sich noch ins Dunkel

retten, wo ihn niemand sah, und da brach es heraus, in einem Strom

heißer Tränen. »Lügner, Hunde, Betrüger, Schurken« -- er mußte diese

Worte laut herausschreien, sonst wäre er erstickt. Die Wut, die

Ungeduld, der Ärger, die Neugier, die Hilflosigkeit und der Verrat der

letzten Tage, im kindischen Krampf, im Wahn seiner Erwachsenheit

niedergehalten, sprengten jetzt die Brust und wurden Tränen. Es war das

letzte Weinen seiner Kindheit, das letzte wildeste Weinen, zum

letztenmal gab er sich weibisch hin an die Wollust der Tränen. Er weinte

in dieser Stunde fassungsloser Wut alles aus sich heraus, Vertrauen,

Liebe, Gläubigkeit, Respekt -- seine ganze Kindheit.

Der Knabe, der dann zum Hotel zurückging, war ein anderer. Er war kühl

und handelte vorbedacht. Zunächst ging er in sein Zimmer, wusch

sorgfältig das Gesicht und die Augen, um den beiden nicht den Triumph zu

gönnen, die Spuren seiner Tränen zu sehen. Dann bereitete er die

Abrechnung vor. Und wartete geduldig, ohne jede Unruhe.

Die Hall war recht gut besucht, als der Wagen mit den beiden Flüchtigen

draußen wieder hielt. Ein paar Herren spielten Schach, andere lasen ihre

Zeitung, die Damen plauderten. Unter ihnen hatte reglos, ein wenig blaß

mit zitternden Blicken das Kind gesessen. Als jetzt seine Mutter und der

Baron zur Türe hereinkamen, ein wenig geniert, ihn so plötzlich zu

sehen, und schon die vorbereitete Ausrede stammeln wollten, trat er

ihnen aufrecht und ruhig entgegen und sagte herausfordernd: »Herr Baron,

ich möchte Ihnen etwas sagen.«

Dem Baron wurde es unbehaglich. Er kam sich irgendwie ertappt vor. »Ja,

ja, später, gleich!«

Aber Edgar warf die Stimme hoch und sagte hell und scharf, daß alle

rings es hören konnten: »Ich will aber jetzt mit Ihnen reden. Sie haben

sich niederträchtig benommen. Sie haben mich angelogen. Sie wußten, daß

meine Mama auf mich wartet, und sind ...«

»Edgar!« schrie die Mutter, die alle Blicke auf sich gerichtet sah, und

stürzte gegen ihn los.

Aber das Kind kreischte jetzt, da es sah, daß sie seine Worte

überschreien wollten, plötzlich gellend auf:

»Ich sage es Ihnen nochmals vor allen Leuten. Sie haben infam gelogen,

und das ist gemein, das ist erbärmlich.«

Der Baron stand blaß, die Leute starrten auf, einige lächelten.

Die Mutter packte das vor Erregung zitternde Kind: »Komm sofort auf dein

Zimmer, oder ich prügle dich hier vor allen Leuten«, stammelte sie

heiser.

Edgar aber war schon wieder ruhig. Es tat ihm leid, so leidenschaftlich

gewesen zu sein. Er war unzufrieden mit sich selbst, denn eigentlich

wollte er ja den Baron kühl herausfordern, aber die Wut war wilder

gewesen als sein Wille. Ruhig, ohne Hast wandte er sich zur Treppe.

»Entschuldigen Sie, Herr Baron, seine Ungezogenheit. Sie wissen ja, er

ist ein nervöses Kind«, stotterte sie noch, verwirrt von den ein wenig

hämischen Blicken der Leute, die sie ringsum anstarrten. Nichts in der

Welt war ihr fürchterlicher als Skandal, und sie wußte, daß sie nun

Haltung bewahren mußte. Statt gleich die Flucht zu ergreifen, ging sie

zuerst zum Portier, fragte nach Briefen und anderen gleichgültigen

Dingen und rauschte dann hinauf, als ob nichts geschehen wäre. Aber

hinter ihr wisperte ein leises Kielwasser von Zischeln und unterdrücktem

Gelächter.

Unterwegs verlangsamte sich ihr Schritt. Sie war immer ernsten

Situationen gegenüber hilflos und hatte eigentlich Angst vor dieser

Auseinandersetzung. Daß sie schuldig war, konnte sie nicht leugnen, und

dann: sie fürchtete sich vor dem Blick des Kindes, diesem neuen,

fremden, so merkwürdigen Blick, der sie lähmte und unsicher machte. Aus

Furcht beschloß sie, es mit Milde zu versuchen. Denn bei einem Kampf

war, das wußte sie, dieses gereizte Kind jetzt der Stärkere.

Leise klinkte sie die Türe auf. Der Bub saß da, ruhig und kühl. Die

Augen, die er zu ihr aufhob, waren ganz ohne Angst, verrieten nicht

einmal Neugierde. Er schien sehr sicher zu sein.

»Edgar,« begann sie möglichst mütterlich, »was ist dir eingefallen? Ich

habe mich geschämt für dich. Wie kann man nur so ungezogen sein, schon

gar als Kind zu einem Erwachsenen! Du wirst dich dann sofort beim Herrn

Baron entschuldigen.«

Edgar schaute zum Fenster hinaus. Das »Nein« sagte er gleichsam zu den

Bäumen gegenüber.

Seine Sicherheit begann sie zu befremden.

»Edgar, was geht denn vor mit dir? Du bist ja ganz anders als sonst? Ich

kenne mich gar nicht mehr in dir aus. Du warst doch sonst immer ein

kluges, artiges Kind, mit dem man reden konnte. Und auf einmal benimmst

du dich so, als sei der Teufel in dich gefahren. Was hast du denn gegen

den Baron? Du hast ihn doch sehr gern gehabt. Er war immer so lieb gegen

dich.«

»Ja, weil er dich kennen lernen wollte.«

Ihr wurde unbehaglich. »Unsinn! Was fällt dir ein. Wie kannst du so

etwas denken?«

Aber da fuhr das Kind auf.

»Ein Lügner ist er, ein falscher Mensch. Was er tut, ist Berechnung und

Gemeinheit. Er hat dich kennen lernen wollen, deshalb war er freundlich

zu mir und hat mir einen Hund versprochen. Ich weiß nicht, was er dir

versprochen hat und warum er zu dir freundlich ist, aber auch von dir

will er etwas, Mama, ganz bestimmt. Sonst wäre er nicht so höflich und

freundlich. Er ist ein schlechter Mensch. Er lügt. Sieh dir ihn nur

einmal an, wie falsch er immer schaut. Oh, ich hasse ihn, diesen

erbärmlichen Lügner, diesen Schurken ...«

»Aber Edgar, wie kann man so etwas sagen.« Sie war verwirrt und wußte

nicht zu antworten. In ihr regte sich ein Gefühl, das dem Kind recht

gab.

»Ja, er ist ein Schurke, das lasse ich mir nicht ausreden. Das mußt du

selbst sehen. Warum hat er denn Angst vor mir? Warum versteckt er sich

vor mir? Weil er weiß, daß ich ihn durchschaue, daß ich ihn kenne,

diesen Schurken!«

»Wie kann man so etwas sagen, wie kann man so etwas sagen.« Ihr Gehirn

war ausgetrocknet, nur die Lippen stammelten blutlos immer wieder die

beiden Sätze. Sie begann jetzt plötzlich eine furchtbare Angst zu haben

und wußte eigentlich nicht, ob vor dem Baron oder vor dem Kinde.

Edgar sah, daß seine Mahnung Eindruck machte. Und es verlockte ihn, sie

zu sich herüberzureißen, einen Genossen zu haben im Hasse, in der

Feindschaft gegen ihn. Weich ging er auf seine Mutter zu, umfaßte sie,

und seine Stimme wurde schmeichlerisch vor Erregung. »Mama,« sagte er,

»du mußt es doch selbst bemerkt haben, daß er nichts Gutes will. Er hat

dich ganz anders gemacht. Du bist verändert und nicht ich. Er hat dich

aufgehetzt gegen mich, nur um dich allein zu haben. Sicher will er dich

betrügen. Ich weiß nicht, was er dir versprochen hat. Ich weiß nur, er

wird es nicht halten. Du solltest dich hüten vor ihm. Wer einen belügt,

belügt auch den andern. Er ist ein böser Mensch, dem man nicht trauen

soll.«

Diese Stimme, weich und fast in Tränen, klang wie aus ihrem eigenen

Herzen. In ihr war seit gestern ein Mißbehagen erwacht, das ihr dasselbe

sagte: eindringlicher und eindringlicher. Aber sie schämte sich, dem

eigenen Kinde recht zu geben. Und rettete sich, wie viele, aus der

Verlegenheit eines überwältigenden Gefühls in die Rauheit des Ausdrucks.

Sie reckte sich auf.

»Kinder verstehen so etwas nicht. Du hast in solche Sachen nicht

dreinzureden. Du hast dich anständig zu benehmen. Das ist alles.«

Edgars Gesicht fror wieder kalt ein. »Wie du meinst,« sagte er hart,

»ich habe dich gewarnt.«

»Also du willst dich nicht entschuldigen?«

»Nein.«

Sie standen sich schroff gegenüber. Sie fühlte, es ging um ihre

Autorität.

»Dann wirst du hier oben speisen. Allein. Und nicht eher an unseren

Tisch kommen, bis du dich entschuldigt hast. Ich werde dich noch

Manieren lehren. Du wirst dich nicht vom Zimmer rühren, bis ich es dir

erlaube. Hast du verstanden?«

Edgar lächelte. Dieses tückische Lächeln schien schon mit seinen Lippen

verwachsen zu sein. Innerlich war er zornig gegen sich selbst. Wie

töricht von ihm, daß er wieder einmal sein Herz hat entlaufen lassen und

sie, die Lügnerin, noch warnen wollte.

Die Mutter rauschte hinaus, ohne ihn noch einmal anzusehen. Sie

fürchtete diese schneidenden Augen. Das Kind war ihr unbehaglich

geworden, seit sie fühlte, daß es seine Augen offen hatte und ihr gerade

das sagte, was sie nicht wissen und nicht hören wollte. Schreckhaft war

es ihr, eine innere Stimme, ihr Gewissen, abgelöst von sich selber, als

Kind verkleidet, als ihr eigenes Kind herumgehen und sie warnen, sie

verhöhnen zu sehn. Bisher war dieses Kind neben ihrem Leben gewesen, ein

Schmuck, ein Spielzeug, irgendein Liebes und Vertrautes, manchmal

vielleicht eine Last, aber immer etwas, das in derselben Strömung im

gleichen Takt ihres Lebens lief. Zum erstenmal bäumte das sich heute auf

und trotzte gegen ihren Willen. Etwas wie Haß mischte sich jetzt immer

in die Erinnerung an ihr Kind.

Aber dennoch: jetzt, da sie die Treppe, ein wenig müde, niederstieg,

klang die kindische Stimme aus ihrer eigenen Brust. »Du solltest dich

hüten vor ihm.« -- Die Mahnung ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Da

glänzte ihr im Vorüberschreiten ein Spiegel entgegen, fragend blickte

sie hinein, tiefer und immer tiefer, bis sich dort die Lippen leise

lächelnd auftaten und sich rundeten wie zu einem gefährlichen Wort. Noch

immer klang von innen die Stimme; aber sie warf die Achseln hoch, als

schüttelte sie all diese unsichtbaren Bedenken von sich ab, gab dem

Spiegel einen hellen Blick, raffte das Kleid und ging hinab mit der

entschlossenen Geste eines Spielers, der sein letztes Goldstück klingend

über den Tisch rollen läßt.

Brennendes Geheimnis: Erzählung · 第 16 / 23 题