Edgars Unruhe war nun vorbei. Endlich genoß er ein reines, klares
Gefühl: Haß und offene Feindschaft. Jetzt, da er gewiß war, ihnen im Weg
zu sein, wurde das Zusammensein für ihn zu einer grausam komplizierten
Wollust. Er weidete sich im Gedanken, sie zu stören, ihnen nun endlich
mit der ganzen geballten Kraft seiner Feindseligkeit entgegenzutreten.
Dem Baron wies er zuerst die Zähne. Als der morgens herabkam und ihn im
Vorübergehen herzlich mit einem »Servus, Edi« begrüßte, knurrte Edgar,
der, ohne aufzuschauen, im Fauteuil sitzen blieb, ihm nur ein hartes
»Morgen« zurück. »Ist die Mama schon unten?« Edgar blickte in die
Zeitung: »Ich weiß nicht.« Der Baron stutzte. Was war das auf einmal?
»Schlecht geschlafen, Edi, was?« Ein Scherz sollte wie immer
hinüberhelfen. Aber Edgar warf ihm nur wieder verächtlich ein »Nein« hin
und vertiefte sich neuerdings in die Zeitung. »Dummer Bub«, murmelte der
Baron vor sich hin, zuckte die Achseln und ging weiter. Die Feindschaft
war erklärt.
Auch gegen seine Mama war Edgar kühl und höflich. Einen ungeschickten
Versuch, ihn auf den Tennisplatz zu schicken, wies er ruhig zurück. Sein
Lächeln, knapp an den Lippen aufgerollt und leise von Erbitterung
gekräuselt, zeigte, daß er sich nicht mehr betrügen lasse. »Ich gehe
lieber mit euch spazieren, Mama«, sagte er mit falscher Freundlichkeit
und blickte ihr in die Augen. Die Antwort war ihr sichtlich ungelegen.
Sie zögerte und schien etwas zu suchen. »Warte hier auf mich«, entschied
sie endlich und ging zum Frühstück.
Edgar wartete. Aber sein Mißtrauen war rege. Ein unruhiger Instinkt
arbeitete nun zwischen jedem Wort dieser beiden eine geheime feindselige
Absicht heraus. Der Argwohn gab ihm jetzt manchmal eine merkwürdige
Hellsichtigkeit der Entschlüsse. Und statt, wie ihm angewiesen war, in
der Hall zu warten, zog Edgar es vor, sich auf der Straße zu postieren,
wo er nicht nur den einen Hauptausgang, sondern alle Türen überwachen
konnte. Irgend etwas in ihm witterte Betrug. Aber sie sollten ihm nicht
mehr entwischen. Auf der Straße drückte er sich, wie er es in seinen
Indianerbüchern gelernt hatte, hinter einen Holzstoß. Und lachte nur
zufrieden, als er nach etwa einer halben Stunde seine Mutter tatsächlich
aus der Seitentür treten sah, einen Busch prachtvoller Rosen in der Hand
und gefolgt vom Baron, dem Verräter.
Beide schienen sie sehr übermütig. Atmeten sie schon auf, ihm entgangen
zu sein, allein für ihr Geheimnis? Sie lachten im Gespräch und schickten
sich an, den Waldweg hinabzugehen.
Jetzt war der Augenblick gekommen. Edgar schlenderte gemächlich, als
hätte ein Zufall ihn hergeführt, hinter dem Holzstoß hervor. Ganz, ganz
gelassen ging er auf sie zu, ließ sich Zeit, sehr viel Zeit, um sich
ausgiebig an ihrer Überraschung zu weiden. Die beiden waren verblüfft
und tauschten einen befremdeten Blick. Langsam, mit gespielter
Selbstverständlichkeit kam das Kind heran und ließ seinen höhnischen
Blick nicht von ihnen. »Ah, da bist du, Edi, wir haben dich schon drin
gesucht«, sagte endlich die Mutter. Wie frech sie lügt, dachte das Kind.
Aber die Lippen blieben hart. Sie hielten das Geheimnis des Hasses
hinter den Zähnen.
Unschlüssig standen sie alle drei. Einer lauerte auf den andern. »Also
gehen wir«, sagte resigniert die verärgerte Frau und zerpflückte eine
der schönen Rosen. Wieder dieses leichte Zittern um die Nasenflügel, das
bei ihr Zorn verriet. Edgar blieb stehen, als ginge ihn das nichts an,
sah ins Blaue, wartete, bis sie gingen, dann schickte er sich an, ihnen
zu folgen. Der Baron machte noch einen Versuch. »Heute ist
Tennisturnier, hast du das schon einmal gesehen?« Edgar blickte ihn nur
verächtlich an. Er antwortete ihm gar nicht mehr, zog nur die Lippen
krumm, als ob er pfeifen wollte. Das war sein Bescheid. Sein Haß wies
die blanken Zähne.
Wie ein Alp lastete nun seine unerbetene Gegenwart auf den beiden.
Sträflinge gehen so hinter dem Wärter, mit heimlich geballten Fäusten.
Das Kind tat eigentlich gar nichts und wurde ihnen doch in jeder Minute
mehr unerträglich mit seinen lauernden Blicken, die feucht waren von
verbissenen Tränen, seiner gereizten Mürrischkeit, die alle
Annäherungsversuche wegknurrte. »Geh voraus«, sagte plötzlich wütend die
Mutter, beunruhigt durch sein fortwährendes Lauschen. »Tanz mir nicht
immer vor den Füßen, das macht mich nervös!« Edgar gehorchte, aber immer
nach ein paar Schritten wandte er sich um, blieb wartend stehen, wenn
sie zurückgeblieben waren, sie mit seinem Blick wie der schwarze Pudel
mephistophelisch umkreisend und einspinnend in dieses feurige Netz von
Haß, in dem sie sich unentrinnbar gefangen fühlten.
Sein böses Schweigen zerriß wie eine Säure ihre gute Laune, sein Blick
vergällte ihnen das Gespräch. Der Baron wagte kein einziges werbendes
Wort mehr, er spürte, mit Zorn, diese Frau ihm wieder entgleiten, ihre
mühsam angefachte Leidenschaftlichkeit jetzt auskühlen in der Furcht vor
diesem lästigen, widerlichen Kind. Immer versuchten sie wieder zu reden,
immer brach ihre Konversation zusammen. Schließlich trotteten sie alle
drei schweigend über den Weg, hörten nur mehr die Bäume flüsternd
gegeneinander schlagen und ihren eigenen verdrossenen Schritt. Das Kind
hatte ihr Gespräch erdrosselt.
Jetzt war in allen dreien die gereizte Feindseligkeit. Mit Wollust
spürte das verratene Kind, wie sich ihre Wut wehrlos gegen seine
mißachtete Existenz ballte. Mit zwinkernd höhnischem Blick streifte er
ab und zu das verbissene Gesicht des Barons. Er sah, wie der zwischen
den Zähnen Schimpfworte knirschte und an sich halten mußte, um sie nicht
gegen ihn zu speien, merkte zugleich auch mit diabolischer Lust den
aufsteigenden Zorn seiner Mutter, und daß beide nur einen Anlaß
ersehnten, sich auf ihn zu stürzen, ihn wegzuschieben oder unschädlich
zu machen. Aber er bot keine Gelegenheit, sein Haß war in langen Stunden
berechnet und gab sich keine Blößen. »Gehen wir zurück!« sagte plötzlich
die Mutter. Sie fühlte, daß sie nicht länger an sich halten könnte, daß
sie etwas tun müßte, aufschreien zumindest unter dieser Folter. »Wie
schade,« sagte Edgar ruhig, »es ist so schön.«
Beide merkten, daß das Kind sie verhöhnte. Aber sie wagten nichts zu
sagen, dieser Tyrann hatte in zwei Tagen zu wundervoll gelernt, sich zu
beherrschen. Kein Zucken im Gesicht verriet die schneidende Ironie. Ohne
Wort gingen sie den langen Weg wieder heim. In ihr flackerte die
Erregung noch nach, als sie dann beide allein im Zimmer waren. Sie warf
den Sonnenschirm und ihre Handschuhe ärgerlich weg. Edgar merkte sofort,
daß ihre Nerven erregt waren und nach Entladung verlangten, aber er
wollte einen Ausbruch und blieb mit Absicht im Zimmer, um sie zu reizen.
Sie ging auf und ab, setzte sich wieder hin, ihre Finger trommelten auf
dem Tisch, dann sprang sie wieder auf. »Wie zerrauft du bist, wie
schmutzig du umhergehst! Es ist eine Schande vor den Leuten. Schämst du
dich nicht in deinem Alter?« Ohne ein Wort der Gegenrede ging das Kind
hin und kämmte sich. Dieses Schweigen, dieses obstinate kalte Schweigen
mit dem Zittern von Hohn auf den Lippen machte sie rasend. Am liebsten
hätte sie ihn geprügelt. »Geh auf dein Zimmer«, schrie sie ihn an. Sie
konnte seine Gegenwart nicht mehr ertragen. Edgar lächelte und ging.
Wie sie jetzt beide zitterten vor ihm, wie sie Angst hatten, der Baron
und sie, vor jeder Stunde des Zusammenseins, dem unbarmherzig harten
Griff seiner Augen! Je unbehaglicher sie sich fühlten, in um so satterem
Wohlbehagen beglänzte sich sein Blick, um so herausfordernder wurde
seine Freude. Edgar quälte die Wehrlosen jetzt mit der ganzen, fast noch
tierischen Grausamkeit der Kinder. Der Baron konnte seinen Zorn noch
dämmen, weil er immer hoffte, dem Buben noch einen Streich spielen zu
können, und nur an sein Ziel dachte. Aber sie, die Mutter, verlor immer
wieder die Beherrschung. Für sie war es eine Erleichterung, ihn
anschreien zu können. »Spiel nicht mit der Gabel«, fuhr sie ihn bei
Tisch an. »Du bist ein unerzogener Fratz, verdienst noch gar nicht unter
Erwachsenen zu sitzen.« Edgar lächelte nur immer, lächelte, den Kopf ein
wenig schief zur Seite gelegt. Er wußte, daß dieses Schreien
Verzweiflung war, und empfand Stolz, daß sie sich so verrieten. Er hatte
jetzt einen ganz ruhigen Blick, wie den eines Arztes. Früher wäre er
vielleicht boshaft gewesen, um sie zu ärgern, aber man lernt viel und
rasch im Haß. Jetzt schwieg er nur, schwieg und schwieg, bis sie zu
schreien begann unter dem Druck seines Schweigens.
Seine Mutter konnte es nicht länger ertragen. Als sie jetzt vom Essen
aufstanden und Edgar wieder mit dieser selbstverständlichen
Anhänglichkeit ihnen folgen wollte, brach es plötzlich los aus ihr. Sie
vergaß alle Rücksicht und spie die Wahrheit aus. Gepeinigt von seiner
schleichenden Gegenwart, bäumte sie sich wie ein von Fliegen gefoltertes
Pferd. »Was rennst du mir immer nach wie ein dreijähriges Kind. Ich will
dich nicht immer in der Nähe haben. Kinder gehören nicht zu Erwachsenen.
Merk dir das! Beschäftige dich doch einmal eine Stunde mit dir selbst.
Lies etwas oder tu, was du willst. Laß mich in Ruh! Du machst mich
nervös mit deinem Herumschleichen, deiner widerlichen Verdrossenheit.«
Endlich hatte er es ihr entrissen, das Geständnis! Edgar lächelte,
während der Baron und sie jetzt verlegen schienen. Sie wandte sich ab
und wollte weiter, wütend über sich selbst, daß sie ihr Unbehagen dem
Kind eingestanden hatte. Aber Edgar sagte nur kühl: »Papa will nicht,
daß ich allein hier herumgehe. Papa hat mir das Versprechen abgenommen,
daß ich nicht unvorsichtig bin und bei dir bleibe.«
Er betonte das Wort »Papa«, weil er damals bemerkt hatte, daß es eine
gewisse lähmende Wirkung auf die beiden übte. Auch sein Vater mußte also
irgendwie verstrickt sein in dieses heiße Geheimnis. Papa mußte
irgendeine geheime Macht über die beiden haben, die er nicht kannte,
denn schon die Erwähnung seines Namens schien ihnen Angst und Unbehagen
zu bereiten. Auch diesmal entgegneten sie nichts. Sie streckten die
Waffen. Die Mutter ging voran, der Baron mit ihr. Hinter ihnen kam
Edgar, aber nicht demütig wie ein Diener, sondern hart, streng und
unerbittlich wie ein Wächter. Unsichtbar klirrte er mit der Kette, an
der sie rüttelten und die nicht zu zersprengen war. Der Haß hatte seine
kindische Kraft gestählt, er, der Unwissende, war stärker als sie beide,
denen das Geheimnis die Hände band.