Die Elefanten

Die Mutter blieb noch eine Zeitlang unten mit dem Baron bei Tisch, aber

sie sprachen nicht von Elefanten und Jagden mehr. Eine leise Schwüle,

eine rasch auffliegende Verlegenheit kam in ihr Gespräch, seit der Bub

sie verlassen hatte. Schließlich gingen sie hinüber in die Hall und

setzten sich in eine Ecke. Der Baron war blendender als je, sie selbst

leicht befeuert durch die paar Glas Champagner, und so nahm die

Konversation rasch einen gefährlichen Charakter an. Der Baron war

eigentlich nicht hübsch zu nennen, er war nur jung und blickte sehr

männlich aus seinem dunkelbraunen energischen Bubengesicht mit dem kurz

geschorenen Haar und entzückte sie durch die frischen, fast ungezogenen

Bewegungen. Sie sah ihn gern jetzt von der Nähe und fürchtete auch nicht

mehr seinen Blick. Doch allmählich schlich sich in seine Reden eine

Kühnheit, die sie leicht verwirrte, etwas, das wie Greifen an ihrem

Körper war, ein Betasten und wieder Lassen, irgendein unfaßbar

Begehrliches, das ihr das Blut in die Wangen trieb. Aber dann lachte er

wieder leicht, ungezwungen, knabenhaft, und das gab all den kleinen

Begehrlichkeiten den losen Schein kindlicher Scherze. Manchmal war ihr,

als müßte sie ein Wort schroff zurückweisen, aber kokett von Natur,

wurde sie durch diese kleinen Lüsternheiten nur gereizt, mehr

abzuwarten. Und hingerissen von dem verwegenen Spiel versuchte sie am

Ende sogar, ihm nachzutun. Sie warf kleine, flatternde Versprechungen

auf den Blicken hinüber, gab sich in Worten und Bewegungen schon hin,

duldete sogar sein Heranrücken, die Nähe seiner Stimme, deren Atem sie

manchmal warm und zuckend an den Schultern spürte. Wie alle Spieler

vergaßen sie die Zeit und verloren sich so gänzlich in dem heißen

Gespräch, daß sie erst aufschreckten, als die Hall sich um Mitternacht

abzudunkeln begann.

Sie sprang sofort empor, dem ersten Erschrecken gehorchend, und fühlte

mit einem Male, wie verwegen weit sie sich vorgewagt hatte. Ihr war

sonst das Spiel mit dem Feuer nicht fremd, aber jetzt spürte ihr

aufgereizter Instinkt, wie nahe dieses Spiel schon dem Ernste war. Mit

Schauern entdeckte sie, daß sie sich nicht mehr ganz sicher fühlte, daß

irgend etwas in ihr zu gleiten begann und sich beängstigend dem Wirbel

zudrehte. Im Kopf wogte alles in einem Wirbel von Angst, von Wein und

heißen Reden, eine dumme, sinnlose Angst überfiel sie, jene Angst, die

sie schon einige Male in ihrem Leben in solchen gefährlichen Sekunden

gekannt hatte, aber nie so schwindelnd und gewalttätig. »Gute Nacht,

gute Nacht. Auf morgen früh«, sagte sie hastig und wollte entlaufen.

Entlaufen nicht ihm so sehr, wie der Gefahr dieser Minute und einer

neuen, fremdartigen Unsicherheit in sich selbst. Aber der Baron hielt

die dargebotene Abschiedshand mit sanfter Gewalt, küßte sie, und nicht

nur in Korrektheit ein einziges Mal, sondern vier- oder fünfmal mit den

Lippen von den feinen Fingerspitzen bis hinauf zum Handgelenk, zitternd,

wobei sie mit einem leichten Frösteln seinen rauhen Schnurrbart über den

Handrücken kitzeln fühlte. Irgendein warmes und beklemmendes Gefühl flog

von dort mit dem Blut durch den ganzen Körper, Angst schoß heiß empor,

hämmerte drohend an die Schläfen, ihr Kopf glühte, die Angst, die

sinnlose Angst zuckte jetzt durch ihren ganzen Körper, und sie entzog

ihm rasch die Hand.

»Bleiben Sie doch noch«, flüsterte der Baron. Aber schon eilte sie fort

mit einer Ungelenkigkeit der Hast, die ihre Angst und Verwirrung

augenfällig machte. In ihr war jetzt die Erregtheit, die der andere

wollte, sie fühlte, wie alles in ihr verworren war. Die grausam

brennende Angst jagte sie, der Mann hinter ihr möchte ihr folgen und sie

fassen, gleichzeitig aber, noch im Entspringen, spürte sie schon ein

Bedauern, daß er es nicht tat. In dieser Stunde hätte das geschehen

können, was sie seit Jahren unbewußt ersehnte, das Abenteuer, dessen

nahen Hauch sie wollüstig liebte, um ihm bisher immer im letzten

Augenblick zu entweichen, das große und gefährliche, nicht nur der

flüchtige, aufreizende Flirt. Aber der Baron war zu stolz, einer

günstigen Sekunde nachzulaufen. Er war seines Sieges zu gewiß, um diese

Frau räuberisch in einer schwachen, weintrunkenen Minute zu nehmen, im

Gegenteil, den fairen Spieler reizte nur der Kampf und die Hingabe bei

vollem Bewußtsein. Entrinnen konnte sie ihm nicht. Ihr zuckte, das

merkte er, das heiße Gift schon in den Adern.

Oben auf der Treppe blieb sie stehen, die Hand an das keuchende Herz

gepreßt. Sie mußte ausruhen eine Sekunde. Ihre Nerven versagten. Ein

Seufzer brach aus der Brust, halb Beruhigung, einer Gefahr entronnen zu

sein, halb Bedauern; aber das alles war verworren und wirrte im Blut nur

als leises Schwindligsein weiter. Mit halbgeschlossenen Augen, wie eine

Betrunkene, tappte sie weiter zu ihrer Türe und atmete auf, da sie jetzt

die kühle Klinke faßte. Jetzt empfand sie sich erst in Sicherheit!

Leise bog sie die Türe ins Zimmer. Und schrak schon zurück in der

nächsten Sekunde. Irgend etwas hatte sich gerührt in dem Zimmer, ganz

rückwärts im Dunkeln. Ihre erregten Nerven zuckten grell, schon wollte

sie um Hilfe schreien, da kam es leise von drinnen, mit ganz

schlaftrunkener Stimme: »Bist du es, Mama?«

»Um Gottes willen, was machst du da?« Sie stürzte hin zum Diwan, wo

Edgar zusammengeknüllt lag und sich eben vom Schlafe aufraffte. Ihr

erster Gedanke war, das Kind müsse krank sein oder Hilfe bedürftig.

Aber Edgar sagte, ganz verschlafen noch und mit leisem Vorwurf: »Ich

habe so lange auf dich gewartet, und dann bin ich eingeschlafen.«

»Warum denn?«

»Wegen der Elefanten.«

»Was für Elefanten?«

Jetzt erst begriff sie. Sie hatte ja dem Kinde versprochen, alles zu

erzählen, heute noch, von der Jagd und den Abenteuern. Und da hatte sich

dieser Bub auf ihr Zimmer geschlichen, dieser einfältige, kindische Bub,

und im sicheren Vertrauen gewartet, bis sie kam, und war darüber

eingeschlafen. Die Extravaganz empörte sie. Oder eigentlich, sie fühlte

Zorn gegen sich selbst, ein leises Raunen von Schuld und Scham, das sie

überschreien wollte. »Geh sofort zu Bett, du ungezogener Fratz«, schrie

sie ihn an. Edgar staunte ihr entgegen. Warum war sie so zornig mit ihm,

er hatte doch nichts getan? Aber diese Verwunderung reizte die schon

Aufgeregte noch mehr. »Geh sofort in dein Zimmer«, schrie sie wütend,

weil sie fühlte, daß sie ihm unrecht tat. Edgar ging ohne ein Wort. Er

war eigentlich furchtbar müde und spürte nur verworren durch den

drückenden Nebel von Schlaf, daß seine Mutter ein Versprechen nicht

gehalten hatte und daß man in irgendeiner Weise gegen ihn schlecht war.

Aber er revoltierte nicht. In ihm war alles stumpf durch die Müdigkeit;

und dann, er ärgerte sich sehr, hier oben eingeschlafen zu sein, statt

wach zu warten. »Ganz wie ein kleines Kind«, sagte er empört zu sich

selber, ehe er wieder in Schlaf fiel.

Denn seit gestern haßte er seine eigene Kindheit.

Brennendes Geheimnis: Erzählung · 第 10 / 23 题