Er öffnete die Salontür.
Das erste, was er erblickte, war . . . war . . . Na ja: er erblickte das
Gesicht seiner Mutter und zwei Hände, die sich ihm aus dem Lehnstuhl
entgegenstreckten: das Gesicht war gealtert und die Hände zitterten im
durchbrochenen Goldlicht der Laternen, die gerade draußen hinter den
Fenstern angezündet wurden.
Und er hörte eine Stimme:
»Kolenka, mein geliebter, mein teuerer!«
Er verlor die Fassung, sein ganzes Wesen flog ihr entgegen.
»Bist du's, mein Junge . . .«
Nein, er konnte sich nicht mehr halten: er kniete vor ihr nieder, er
umschlang krampfhaft ihre Taille: er drückte sein Gesicht in ihren Schoß
und brach in Weinen aus; er weinte -- weiß Gott warum: ohne sich darüber
Rechenschaft zu geben, unaufhaltsam, schamlos weinte er, und seine breiten
Schultern bebten (bedenken wir doch, daß Nikolai Apollonowitsch in den
letzten drei Jahren keine Liebkosung kannte).
»Mama, Mama . . .«
Auch sie weinte.
Apollon Apollonowitsch stand abseits, in der Dämmerung der Fensternische;
er berührte mit der Hand den Kopf einer chinesischen Porzellanpuppe: der
Chinesenkopf wiegte sich: Apollon Apollonowitsch trat aus der Dämmerung der
Nische heraus; er hüstelte leise; mit kleinen Schrittchen näherte er sich
dem weinenden Paar, und plötzlich trompetete er neben dem Lehnstuhl heraus:
»Beruhigt euch, meine Lieben!«
Er hatte eigentlich solche Gefühle bei seinem Sohne nicht vermutet, bei dem
kalten, in sich verschlossenen Sohne, an dessen Gesicht er in diesen
zweieinhalb Jahren nie was anderes als Grimassen gesehen hatte; einen bis
zu den Ohren breitgezogenen Mund, nach unten blickende Augen; dann drehte
sich Apollon Apollonowitsch um und lief aus dem Zimmer -- um etwas zu
holen.
»Mama . . . Mama . . .«
Die Angst, die Demütigungen der letzten vierundzwanzig Stunden, das
Verschwinden der Sardinenbüchse, das Gefühl der völligen eigenen
Unzulänglichkeit, all das flatterte in verworrenen Augenblicksgedanken
durch sein Hirn; alles versank in dem warmen Dunst des Wiedersehens:
»Mein Knabe, mein geliebter . . .«
* * *
Die eisige Berührung von Fingern an seiner Hand brachte ihn zu sich:
»Da, Kolenka, nimm einen Schluck Wasser.«
Als er sein verweintes Gesicht vom Schoß der Mutter hob, sah er vor sich
die Kleinkinderaugen eines achtundsechzigjährigen Greises: der kleine
Apollon Apollonowitsch stand da mit einem Glas Wasser in der Hand; seine
Finger tanzten; er tätschelte, vielmehr er versuchte, Nikolai
Apollonowitsch über Rücken, Wange und Schulter zu tätscheln; plötzlich
strich er mit der Hand über die flachsweißen Haare. Anna Petrowna lachte;
ganz unnötigerweise richtete sie ihren Kragen am Halse zurecht; ihre
glückberauschten Blicke übertrug sie von Nikolenka auf Apollon
Apollonowitsch; und umgekehrt: von ihm auf Nikolenka.
Nikolai Apollonowitsch erhob sich langsam von den Knien:
»Verzeihen Sie, Mama: das war nur so . . .«
»Es war nur die Überraschung . . .«
»Ich . . . es ist nichts weiter dabei . . . Danke, Papa . . .«
Und er schluckte ein wenig Wasser herunter.
Apollon Apollonowitsch stellte das Glas auf das Perlmuttertischchen; und
plötzlich begann er -- zu lachen, wie Knaben zu den Scherzen des lustigen
Onkels lachen und sich gegenseitig mit den Ellbogen anstoßen; zwei
altbekannte, liebe Gesichter!
»Soo . . .«
»Soo . . .«
»Sooo . . .«
Nikolai Apollonowitsch stand neben dem Trumeau, das von einem goldbackigen
Amor oben gekrönt war; unter dem Amor wanden sich Lorbeer- und Rosengewinde
durch Fackelflammen; plötzlich flog wie ein Blitz durch sein Gehirn: die
Sardinenbüchse! . . .
Was ist nun damit? Wie ist es nun? Seine Gefühlswallung wurde jäh
abgebrochen.
»Ich muß einen Augenblick . . . Ich komme gleich wieder.«
»Was hast du, Liebling?«
»Das macht nichts . . . Lassen Sie ihn, Anna Petrowna . . . Ich rate dir,
Kolenka, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben . . . fünf Minuten
. . . Ja, weißt du . . . Und dann -- komm wieder . . .«
Den Gefühlsausbruch noch weiter ein wenig simulierend, wackelte Nikolai
Apollonowitsch leicht, ließ theatralisch das Gesicht in die Hände fallen:
wie etwas Totes schimmerten die flachsweißen Haare in der Dämmerung des
Zimmers. Wackelnd ging er hinaus.
Verwundert sah der Vater die glückliche Mutter an.
* * *
»Wahrhaftig, ich erkannte ihn nicht . . . Diese, diese . . . diese Gefühle
--« Apollon Apollonowitsch lief vom Spiegel zum Fenster . . . »Diese, diese
. . . Gefühle« -- er streichelte sich über den kleinen Backenbart.
»Sie zeugen« -- er machte eine scharfe Wendung, hob die Fußspitzen ein
wenig vom Fußboden, balancierte einen Moment lang auf den Absätzen und
machte dann mit dem ganzen Körper einen Ruck nach vorne, den den Fußboden
berührenden Fußspitzen nach --
»Sie zeugen« -- er kreuzte die Hände auf dem Rücken und lief auf und ab
durch den Salon:
»Sie zeugen von natürlichen Gefühlen und sozusagen« -- er zuckte mit den
Achseln -- »von guten Charaktereigenschaften . . .«
»Ich habe es keinesfalls erwartet . . .«
Eine auf dem Tisch stehende Tabakdose zog die Aufmerksamkeit des
Staatsmannes auf sich; von dem Wunsch erfaßt, sie in symetrische Lage zu
dem danebenstehenden chinesischen Tablettchen zu bringen, lief er plötzlich
mit rasch-raschen Schrittchen dem Tische zu und langte . . . nach einer auf
dem Tablettchen liegenden Visitenkarte, die er ziellos zwischen den Fingern
zu drehen begann. Seine Zerstreutheit kam daher weil in ihm im selben
Augenblick ein tiefer Gedanke auftauchte, der sich im Nu zu einem Labyrint
weitverzweigter, gedanklicher Entdeckungen ausgedehnt hat. Doch Anna
Petrowna, die in wonniger Selbstverlorenheit im Lehnstuhl saß, bemerkte mit
Überzeugung:
»Ich habe immer gesagt . . .«
»Ja, weißt du . . .«
Apollon Apollonowitsch erhob sich auf die Fußspitzen, dann lief er vom
Tisch zum Fenster:
». . . Wissen Sie . . .«
Apollon Apollonowitsch lief vom Fenster in die Ecke:
»Kolenka hat mich in Verwunderung versetzt: und aufrichtig gesagt -- mich
hat sein Benehmen -- beruhigt« -- er zog die Stirn in Falten -- »in bezug
auf . . . in bezug auf« -- er nahm die Hand vom Rücken und trommelte über
das Tischchen:
»Mja! . . .«
Plötzlich unterbrach er sich scharf:
»Macht nichts!«
Und er wurde nachdenklich; er sah Anna Petrowna an; ihre Blicke begegneten
sich; sie lächelten einander zu.
* * *
Nikolai Apollonowitsch trat in sein Zimmer; er betrachtete mit starrem
Blick das arabische Taburett: das inkrustierte Muster aus Elfenbein und
Perlmutter. Langsam schritt er zum Fenster: dort zog sich der Fluß hin; ein
Kahn schaukelte auf den Wellen; die Wellen schlugen leicht auf den Granit;
die Stille des Zimmers wurde plötzlich von Klavierklängen erhellt, die aus
der Ferne, aus dem Salon, hereinbrachen; so pflegte sie auch früher zu
spielen, unter diesen Klängen pflegte er über den Büchern einzuschlafen.
Nikolai Apollonowitsch blieb vor dem Haufen hingeworfener Gegenstände
stehen und dachte qualvoll nach:
»Was bedeutet das . . . Wie ist das möglich . . . Wo konnte ich sie
hingetan haben? . . .«
Und -- ihm fiel nichts ein.
Schatten, Schatten und Schatten: die Ledersessel grünten hinter den
Schatten; eine Büste -- Kants natürlich -- trat aus den Schatten hervor.
Plötzlich bemerkte er auf dem Schreibtisch einen Briefbogen, der doppelt
gefaltet dalag: solche doppelt gefaltete Zettel pflegen Besucher, die den
Wirt nicht antrafen, etwas aber mitzuteilen hatten, liegenzulassen;
mechanisch griff er nach dem Bogen, mechanisch blickte er auf die ihm
bekannte Lichutinsche Schrift. Ja, wahrhaftig: er hatte ganz vergessen, daß
Lichutin in seiner Abwesenheit am Vormittag hier gewesen war, alles
durchsucht, in den Sachen herumgestöbert hatte. (Lichutin hat es ihm ja
selbst bei ihrem peinlichen Zusammentreffen mitgeteilt). . .
Ja, ja, ja: Lichutin hatte das Zimmer durchsucht.
Nikolai Apollonowitsch atmete erleichtert auf. Nun ist alles auf einmal
klar geworden: Lichutin! Natürlich, natürlich; hier war er und hat überall
herumgestöbert; er hat nach der Bombe gesucht, sie gefunden und
mitgenommen; es war kein Zweifel: der Offizier hat die Sardinenbüchse
mitgenommen.
Erleichtert ließ er sich in den Sessel nieder; wieder wurde die Stille von
Chopinklängen durchzogen; so war es auch früher: immer wurde die Stille
durch Chopinklänge durchzogen -- vor neun, vor zehn Jahren -- immer hatte
Anna Petrowna Chopin gespielt (nicht Schumann). Und es schien ihm jetzt,
als hätte es gar keine Ereignisse gegeben: alles hat sich ja so einfach
aufgeklärt: die Sardinenbüchse wurde von Lichutin fortgetragen (von wem
denn sonst? Außer, er nähme an . . . -- aber wozu eine solche Annahme!);
nein, es hatte keine Ereignisse gegeben.
Jenseits der Newagewässer erhoben sich Riesen -- als Schattenrisse der
Inseln, der Häuser, und blickten in den Nebel mit bernsteinglänzenden
Augen, als -- weinten sie. Die Laternenschnur längs dem User ließ feurige
Tränen in die Newa fallen: kochender Glanz sprudelte auf ihrer Oberfläche.