»Was ist das mit mir?« dachte Nikolai Apollonowitsch, »ich versank zu sehr
unrechter Zeit in Träumereien.«
Es war keine Zeit zu verlieren . . . Die Zeit vergeht, inzwischen tickt die
Sardinenbüchse noch immer. Das beste wäre: an den Schreibtisch zu gehen,
das Ganze in ein Papier einschlagen, in die Tasche stecken und dann -- zur
Newa . . .
Er wandte bereits die Augen von dem Riesenbau, vor dem unter den steinernen
Balkons der Unbekannte mit aufgespanntem Regenschirm stand; wieder ergoß
sich der dicke Körperbrei mit den vielen Füßen an ihm vorbei -- der Brei
aus menschlichen Körpern, der hier immer floß, im Frühling, im Sommer, im
Winter: der Brei aus immer gleichen Körpern.
Aber er hielt es nicht aus und sah wieder hin.
Der Unbekannte hatte sich nicht vom Platz gerührt; er wartete offenbar,
ebenso wie Nikolai Apollonowitsch; wartete, bis der Regen aufhört;
plötzlich rührte er sich, plötzlich schloß er sich dem Menschenstrom an;
den Paaren und den Gruppen; er verschwand hinter einem blanken, lackierten
Dreimaster; nur sein Regenschirm ragte hilflos hervor.
»Du solltest dich abwenden und weitergehen! Hol' ihn der Kuckuck, den
Unbekannten, was geht er dich an?«
Kaum hatte er es gedacht, tauchte die Schirmmütze, die ihn so gefesselt
hatte, hinter dem blanken Dreimaster und den sich rasch vorbeiziehenden
Schultern wieder auf; in Gefahr, unter eine Droschke zu kommen, lief der
Unbekannte quer über die Straße; komisch streckte er seinen Regenschirm
vor, den der Wind ihm aus der Hand zu reißen drohte.
Wie sollte er sich jetzt abwenden? Wie jetzt fortgehen?
»Was will er?« dachte Nikolai Apollonowitsch und war, unerwartet für sich
selbst, darüber verwundert.
»Ah, so sieht er also aus!«
In der Nähe verlor der Unbekannte sehr an Interesse; aus der Entfernung
hatte er imposanter ausgesehen; geheimnisvoller, trauriger; seine
Bewegungen waren langsamer.
»He! bitte: er sieht ja ganz idiotisch aus! Diese Mütze, nein diese Mütze!
Wie er auf seinen Kranichbeinen dahintrippelt! Die Schöße des schäbigen
Mäntelchens flattern hin und her, der Schirm mit Löchern, und die
Gummischuhe sind viel zu groß . . .«
Nikolai Apollonowitsch empfand etwas wie Feindseligkeit gegen den Fremden;
erst wollte er ihn vorbeilassen, dann änderte er seine Taktik und rührte
sich nicht vom Platz, um dem anderen nicht etwa den Weg frei zu, machen; so
stießen sie direkt aufeinander; Nikolai Apollonowitsch machte eine
erstaunte Miene, der andere zeigte sich gleichgültig; sonderbar: die
durchfrorene, große Hand (mit Gänsehaut bedeckt) berührte die Mütze; eine
hölzerne, heisere Stimme hämmerte entschlossen:
»Ni--ko--lai A--pol--lo--no--witsch!! . . .«
Da erst merkte Nikolai Apollonowitsch, daß der Unbekannte, der ihn fast
überrannt hatte (offensichtlich ein gewöhnlicher Kleinbürger), um den Hals
einen Verband trug (wahrscheinlich eines, Furunkels wegen, die ja
gewöhnlich dort ihren Sitz nehmen, wo sie am meisten störend empfunden
werden: am Hals, am Schulterblatt oder an einer nicht näher zu
bezeichnenden Stelle! . . .).
Doch seine Betrachtungen über die tückischen Eigenschaften der Furunkel
wurden unterbrochen:
»Sie scheinen mich nicht zu erkennen!«
(Ei, ei!)
»Mit wem hab' ich die Ehre?« hatte schon Nikolai Apollonowitsch mit etwas
beleidigter Miene begonnen, aber er sah aufmerksamer den Unbekannten an,
riß dann plötzlich den Hut vom Kopfe und rief mit entstelltem Gesicht:
»Nein . . . Sind Sie es wirklich? . . .«
Gewiß, in dem zufälligen Passanten, der wie ein Bettler aussah, war nicht
leicht Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin zu erkennen; denn erstens war
jetzt Lichutin in Zivilkleidung, die ihm ungefähr so paßte wie der Kuh ein
Sattel; und dann -- sieh mal einer her! -- war Ssergeij Ssergeijewitsch
Lichutin bartlos. Das war die Hauptsache: an Stelle des welligen runden
Bartes trat ein unangebrachtes, ein wenig unsauberes Nichts hervor; und --
was ist nur mit dem Schnurrbart geworden? Diese haarlose Stelle zwischen
Nase und Lippe war es eben, die das wohlbekannte Gesicht zu einem völlig
fremden, zu einem unangenehmen Nichts machte.
Das Verschwinden des eigens Lichutin gehörenden Bartes, des eigens Lichutin
gehörenden Schnurrbartes verlieh dem Leutnant den erschütternden Ausdruck
eines Idioten:
»Nein, entweder versagen meine Augen . . . oder . . . Sie scheinen,
Ssergeij Ssergeijewitsch . . .«
»Ganz richtig: ich bin in Zivil . . .«
»Das mein' ich nicht, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Das nicht . . . Nicht
das erstaunt mich . . . es ist aber immerhin etwas erstaunlich . . .«
»Was ist erstaunlich?«
»Sie haben sich ganz verwandelt, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Ich bitte
Sie vielmals um Verzeihung . . .«
»Das sind Kleinigkeiten . . .«
»O, gewiß . . . Ich sage es nur so . . . Ich wollte nur sagen, daß Sie sich
den Bart abgenommen haben . . .«
»Was ist dabei?« sagte etwas gereizt Lichutin, »Den Bart abgenommen! Warum
auch nicht? . . . Ja, ich habe mir den Bart abgenommen . . . Diese Nacht
habe ich nicht geschlafen . . . Warum dürfte ich mir da nicht den Bart
wegrasieren? . . .«
In der Stimme des Leutnants Lichutin klang seltsamerweise eine gewisse
Erbostheit, eine Rauheit, die mit dem bartlosen Gesicht wenig harmonierte.
»Ja, ich habe mich rasiert . . .«
»Natürlich, natürlich . . .«
»Hol's der Kuckuck!« regte sich noch immer Lichutin auf, »Ich quittiere
eben den Dienst . . .«
»Warum quittieren Sie? . . . Wieso? . . .«
»Aus privaten Gründen, die nur mich allein angehen . . . Uns gehen diese
Lappalien nichts an, Nikolai Apollonowitsch . . . Uns gehen unsere privaten
Angelegenheiten nichts an . . .«
Hier rückte Leutnant Lichutin näher an Ableuchow heran.
»Übrigens gibt es Angelegenheiten, die . . .«
Mit dem Rücken die Vorübergehenden stoßend, begann Nikolai Apollonowitsch
zurückzuweichen.
»Es gibt Angelegenheiten, Ssergeij Ssergeijewitsch, die . . .?«
»Angelegenheiten, die, mein Herr . . .«
In der heiseren Stimme des Leutnants merkte Nikolai Apollonowitsch deutlich
unheimliche Noten; es schien ihm, als bemühte sich der Offizier, seine Hand
zu erhaschen.
»Sie sind erkältet?« änderte Ableuchow brüsk das Thema und stieg vom
Trottoir herunter; zur Erklärung seiner Worte berührte Ableuchow seinen
eigenen Hals und deutete damit auf den Halsverband des Offiziers hin, auf
eine mögliche Halsentzündung oder Grippe.
Ssergeij Ssergeijewitsch aber wurde rot, sprang schnell vom Trottoir
herunter und bemühte sich um jeden Preis, an Ableuchow heranzukommen, um
. . . um . . . um . . . Ein paar Passanten blieben stehen und sahen zu:
»Ni--ko--lai Apol--lono--witsch! . . .«
»?«
»Ich habe Sie wahrhaftig nicht deswegen eingeholt, damit Sie -- von dem
Hals . . . und weiß der Teufel wovon reden . . .«
Es blieb ein dritter, dann ein fünfter, ein zehnter Passant stehen, wohl in
der Meinung, daß ein Taschendieb gefangen wurde.
»Das gehört gar nicht zur Sache . . .«
Ableuchows Aufmerksamkeit war aufs äußerste geschärft, er dachte bei sich:
»So--so--so? . . . Was gehört denn eigentlich zur Sache?«
Lichutin ausweichend, befand er sich nun wieder auf dem Trottoir.
»Um was handelt es sich also?«
Wo war nur sein Gedächtnis?
Die Angelegenheit mit dem Offizier schien ernst zu werden. Ja: der Domino!
Zum Teufel! Er hatte die Geschichte mit dem Domino gänzlich vergessen;
jetzt erst fiel sie ihm wieder ein.
»Es gibt was, es gibt was . . .«
Sofja Petrowna Lichutina hat sicher über den Vorfall im dunklen Entree und
vorher am Kanal geplaudert.
Das ist wohl die Angelegenheit, mit der ihn Lichutin jetzt bedrängte.
»_Das_ hatte noch gefehlt . . . Ach, zum Teufel, auch das noch jetzt, auch
das noch . . .«
Plötzlich wurde alles ganz trüb.
Der Hutstrom wurde dunkel; rachsüchtig glänzten die Zylinder; wieder sprang
die Kleinbürgermasse überall vor; in Mengen zogen Nasen vorbei: Adlernasen,
Hahn- und Hühnernasen, grünliche, blaurote und mit Warzen geschmückte;
ausdruckslose, eilige, große Nasen.
Vor Lichutins Blick ausweichend überflog Nikolai Apollonowitsch sie alle
mit den Augen und wandte sich dann dem Schaufenster zu.
Inzwischen hatte Ssergeij Ssergeijewitsch Lichutin sich Ableuchows Hand
bemächtigt und hielt sie, halb drückend, halb knetend, in der seinen;
während sich allmählich ein Kreis von Neugierigen um sie versammelt hatte,
trommelte seine hölzerne Fistel unaufhaltsam weiter:
»Ich . . . ich . . . ich . . . erlaube mir, Ihnen zu versichern, daß ich
. . . Sie schon seit dem Morgen . . .«
»?«
»Ich suche Sie . . .«
»War schon überall -- auch in Ihrer Wohnung . . . Wurde in ihr Zimmer
geführt . . . Bin dort lange gesessen . . . habe einen Zettel hinterlassen
. . .«
»Ach, wie ärgerlich . . .«
»Aber«, unterbrach ihn der Offizier, »die Angelegenheit ist sehr wichtig,
ein unaufschiebbares, geschäftliches Gespräch . . .«
»So? Nun beginnt es«, hüpfte es durch Ableuchows, Kopf, und er erblickte
zugleich im großen Fenster sein Spiegelbild zwischen Schirmen, Stöcken,
Handschuhen und allerlei ähnlichen Dingen.
Inzwischen heulte und tanzte durch den Newskij-Prospekt der kalte Wind, und
die Regentropfen fielen wie Schrotkerne auf die Schirme, auf die ernst
gebeugten Rücken, raunten und flüsterten und übergossen die Haare und die
erstarrten Hände der Kleinbürger, der Arbeiter, der Studenten mit ihrem
kalten Naß.
»Ich habe eine Angelegenheit mit Ihnen . . . Ich will sagen -- eine Sache,
die keine Verzögerung duldet, die aufgeklärt werden muß; ich forschte
überall nach, wo ich Sie treffen könnte; zu diesem Zwecke besuchte ich auch
. . . wie heißt sie nur? . . . unsere gemeinsame Bekannte -- Warwara
Ewgrafowna . . .«
»Ssolowjowa? . . .«
»Ganz richtig . . . Mit Warwara Ewgrafowna hatte ich eine sehr unangenehme
Auseinandersetzung -- Ihretwegen . . . Sie verstehen mich? . . . Um so
schlimmer . . . Wovon sprach ich aber? . . . Ja, diese Warwara Ewgrafowna
Ssolowjowa (die habe ich übrigens eingesperrt) gab mir die Adresse eines
Ihrer Freunde . . . Dudkin, glaube ich. Es ist übrigens gleich . . . Ich
ging nun nach dieser Adresse; aber gerade während ich den Hof betreten
hatte, sah ich Sie aus dem Hause kommen. Sie liefen eilig weiter, und Sie
waren nicht allein; mit Ihnen war ein mir unbekannter Herr . . . Lassen Sie
es: Nomina sunt odiosa . . . Sie sahen sehr erregt aus, der Herr aber
. . . der Herr . . . Nomina sunt odiosa . . . sah kränklich aus . . . Ich
wollte Ihre Unterhaltung mit dem Herrn nicht stören . . . Verzeihung, Sie
können den Namen des Herrn durchaus für sich behalten . . .«
»Ssergeij Ssergeijewitsch, ich . . .«
»Warten Sie! . . . Ich traute mich nicht, Ihre Unterhaltung zu stören,
obwohl ich Sie -- aufrichtig gestanden -- mit solcher Mühe gefunden hatte
. . . Nun also, ich folgte Ihnen; natürlich in gewisser Distanz, um nicht
zufällig Ohrenzeuge Ihres Gesprächs zu werden: ich liebe es nicht, die Nase
in fremde Angelegenheiten zu stecken, Nikolai Apollonowitsch . . . Aber
davon später . . .«
Hier wurde Lichutin nachdenklich, er sah sich, weiß Gott warum, um und
verlor sich mit dem Blick in der Ferne des Newskij-Prospektes.
»Ich verfolgte Sie . . . bis zu dem Platz dort . . . Sie unterhielten sich
immerzu miteinander . . . Ich folgte Ihnen und ärgerte mich ein wenig,
offen gesagt . . .« -- »Halt!« -- unterbrach er plötzlich seinen Worterguß
-- »hören Sie nichts?«
»Nein . . .«
»Tsss . . . Horchen Sie . . .«
»Aber was eigentlich? . . .«
»Ein Ton . . . Ein U-Ton . . . Dort . . . Von dort kommt er . . .«
Nikolai Apollonowitsch wandte den Kopf; merkwürdig: wie eilig die Droschken
plötzlich vorbeirasten, und alle in eine Richtung; die Fußgänger
beschleunigten die Schritte (und stießen die beiden immerfort); manche
drehten sich um und sahen zurück; sie stießen dabei auf die
Entgegenkommenden; das Gleichgewicht des Verkehrs war gestört worden.
Nikolai Apollonowitsch sah auf alle Seiten und hörte Lichutin gar nicht zu.
»Sie blieben dann schließlich allein und lehnten gegen eine Vitrine; da
begann es auch zu regnen . . . Ich lehnte mich auch auf der anderen Seite
der Straße gegen eine Vitrine . . . Sie sahen mich fest an, taten aber, als
merkten Sie mich nicht.«
»Ich erkannte Sie nicht . . .«
»Ich grüßte Sie aber . . .«
»Also,« dachte geärgert Ableuchow, »er verfolgt mich . . . Er will mich
. . .«
Was wollte er?
Vor etwa zweieinhalb Monaten hatte Nikolai Apollonowitsch von Lichutin ein
Briefchen bekommen, in dem dieser ihn sehr eindringlich bat, die Ruhe
seiner heißgeliebten Gattin nicht zu stören. Das geschah nach der Szene an
der Brücke; einige Sätze in diesem Briefchen waren zweimal unterstrichen,
und auf dem Ganzen lag ein ernster Hauch, ein Zugwind aus Worten, könnte
man sagen, wobei es nicht an dem Inhalt der Worte lag, sondern überhaupt
. . . Und in seiner Antwort hatte Nikolai Apollonowitsch zugesagt . . .
Er hatte ein Versprechen gegeben und es -- gebrochen.
Was ist das nur?
Zusammengedrängt blieben auf einmal die Passanten auf den Trottoirs stehen;
auf dem breiten Prospekt war plötzlich keine Droschke zu sehen; weder das
eilige Klatschen der Gummiräder noch das helle Aufschlagen der Pferdehufe
aufs Pflaster war zu hören; die vorübergesausten Droschken bildeten am Ende
der Straße, in der Ferne, eine unbewegliche schwarze Masse, während sie
hier eine holzgepflasterte Leere hinterließen, in die der pfeifende Wind
kaskadenartig hüpfende Schwärme rastloser Tropfen schleuderte.
»Sehen Sie doch nur hin!«
»Wie merkwürdig, wie merkwürdig! . . .«
Aus der Ferne des Prospektes, von dort, wo er leer und rein war, zwischen
den zwei schwarz wimmelnden Trottoirs, durch die jetzt ein anwachsendes,
tausendstimmiges Summen (ähnlich wie in einem Wespennest) kam, sauste eine
Droschke heran; in gebückter, halb sitzender Stellung hielt dort ein
bartloser Herr, ohne Hut, mit zerzausten Haaren, eine lange, schwere Stange
mit den Händen umklammert; ein an der Stange befestigtes großes rotes Tuch
durchschnitt mit leichtem Pfeifen die Luft; indem es sich in der kalten
weiten Leere wellenförmig wand, krümmte und seine zungenartigen Enden
vorstreckte; merkwürdig war dieser Flug der roten Flagge durch den leeren
Prospekt; als aber der Wagen mit dem fliegenden roten Tuch vorüber war,
gerieten die steifen Hüte, Dreimaster, Zylinder, Schirmmützen, Federhüte
und die buschigen, mandschurischen Mützen auf den Trottoirs in Bewegung; es
entstand ein Wogen, ein Stampfen von Füßen, ein Stoßen von Ellbogen, und
plötzlich ergoß sich die schwarze Menge von den Trottoirs auf die Mitte des
Prospektes; aus den zerrissenen Wolken sandte die blasse Sonnenscheibe für
einen Augeblick gelbliches Licht auf die Häuser, die Spiegelscheiben, die
lackierten Schirmmützen; der Sturm war mit seinem tollen Tanz zu Ende. Der
Regen hatte ausgeweint.
Die Menge riß auch Ableuchow und Lichutin mit sich; sie wurden vom Trottoir
geschoben und durch ein paar kräftige Ellbogen voneinander getrennt;
Nikolai Apollonowitsch wollte die Gelegenheit benutzen, um eine Droschke zu
erreichen und nach Hause zu fahren, ohne auf die Auseinandersetzung mit
Lichutin einzugehen: denn zu Hause lag noch immer . . . die Bombe im
Schreibtisch und . . . tickte! Solange sie noch nicht in der Newa lag,
konnte er ja nicht ruhig sein!
Er wurde fortwährend von den Dahinstürmenden gestoßen: aus den Geschäften,
den Friseurläden, Häusern, aus den Querstraßen ergossen sich immer neue
Bäche in den Menschenstrom; und immer wieder fluteten Teile dieses Stromes
in die Häuser, Läden, Friseurläden, Querstraßen zurück, ein Heulen,
Brüllen, Stoßen: mit einem Wort -- eine Panik; über den Köpfen in der Ferne
breitete sich plötzlich etwas wie Blut: aus den schwarzen Massen erhoben
sich kochend rote Zungen, wie Flammen und wie Hirschgeweih.
Und nun -- ach wie ärgerlich!
Durch zwei -- drei Schultern von ihm getrennt erblickte er die verhaßte
Mütze und zwei besorgte Augen, die nach ihm spähten; Leutnant Lichutin hat
ihn auch im Gedränge nicht aus den Augen gelassen; gerade als sich
Ableuchow von ihm befreit glaubte, suchte dieser ihn durch die Menge wieder
zu erreichen.
»Daß wir uns nicht verlieren, Nikolai Apollonowitsch; ich werde mich
übrigens schon an Sie halten.«
»Natürlich,« dachte nun vollständig überzeugt Nikolai Apollonowitsch, »der
verfolgt mich; ich werde mich von ihm nie mehr frei machen können . . .«
Und er suchte sich durchzudrängen, um nur einen Wagen zu erreichen.
Hinter der Menge her, über den Köpfen und dem Stimmengewirr flatterten die
Fahnen wie fließende Zungen und wie fließende Helligkeiten; plötzlich aber
blieb alles -- Fahnen, wehende Flammen -- still, alles erstarb; es ertönte
Gesang, deutlich und klar.
Nikolai Apollonowitsch erreichte endlich eine Droschke; schon hatte er den
Fuß auf das Trittbrett gesetzt und war im Begriff, dem Kutscher zuzurufen,
so rasch als es die Menge erlaubte, wegzufahren, als er an der Schulter
über eine fremde Schulter hinweg, von einer Hand gefaßt wurde; es war der
Offizier; wie angewurzelt blieb Ableuchow stehen; Gleichgültigkeit
simulierend, sagte er mit gezwungenem Lächeln:
»Eine Manifestation! . . .«
»Ganz einerlei: ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen . . .«
»Ich . . . wissen Sie . . . Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden . . . Wir
müssen etwas miteinander erledigen . . .«
Plötzlich kam von irgendwoher ein zerrissenes Knattern; in einzelne Teile
zerrissen fiel dieses Knattern in der Ferne, aber sofort begannen die über
den Köpfen flatternden Helligkeiten hin und her zu schwanken; der rote
Fahnenwirbel geriet in heftige Bewegung, und bald sah man die roten Zungen
vereinzelt an verschiedenen Stellen zaghaft zappeln.
»Dann wollen wir in ein Café, Ssergeij Ssergeijewitsch . . . Sie haben doch
nichts gegen ein Café?«
»Wieso in ein Café?« entrüstete sich Lichutin.
»Ich bin nicht gewohnt, an solchen Orten ernste Besprechungen zu haben
. . .«
»Aber wo denn, Ssergeij Ssergeijewitsch? . . .«
»Ich denke . . . Sie wollten ja eine Droschke nehmen, dann fahren wir
zusammen in meine Wohnung . . .«
Der Ton dieser Worte war offensichtlich geheuchelt; Nikolai Apollonowitsch
biß sich fast bis zum Bluten auf die Lippen.
Nach Hause, nach Hause . . . Wie konnte er das? Das hieße ja unter vier
Augen dem Offizier über sein Benehmen gegen Sofja Petrowna Rechnung geben;
das hieße dem beleidigten Gatten vielleicht sogar in Anwesenheit Sofja
Petrownas wegen des Wortbruches Genugtuung geben . . . Es war klar: es
konnte sich nur um eine Falle handeln . . .
»Ich glaube aber, Ssergeij Ssergeijewitsch, daß aus Gründen, die uns beiden
bekannt sind, ein Besuch bei Ihnen für mich nicht ganz passend ist . . .«
»Ach was, lassen wir das!«
Nikolai Apollonowitsch war vernünftig genug, sich nicht weiter zu sträuben.
»Ich bin bereit«, sagte er ergeben. Er verhielt sich auch ganz ruhig; sein
Unterkiefer bebte nur ein wenig -- das war alles.
»Als gebildeter und humaner Mensch, Ssergeij Ssergeijewitsch, werden Sie
mich verstehen . . . Kurz . . . kurz . . . was Sofja Petrowna betrifft
. . .«
Weiter kam er nicht.
Sie stiegen nun in die Droschke. Und -- es war auch höchste Zeit: denn wo
noch soeben die vielen Fahnen flatterten, war jetzt keine einzige mehr zu
sehen; aber von dort her, wo das Knattern in zerrissenen Teilen durch die
Luft geflogen war, stürzte ein so fest zusammengeknäulter Menschenstrom,
daß die Droschken, die hier in einem Rudel gestanden, sich im raschesten
Tempo in die entgegengesetzte Richtung davonmachten und den Teil des
Newskij-Prospektes zu erreichen suchten, wo die Zirkulation schon
wiederhergestellt wurde und nur graue Polizeihauptmänner zu Fuß neben
berittener Gendarmerie zu sehen waren.
Die Droschke mit Lichutin und Ableuchow bewegte sich.
Nikolai Apollonowitsch sah, wie sich der menschliche Vielfüßler
gewohnheitsgemäß vorwärts bewegte, als wäre nichts geschehen; er bewegte
sich, wie er sich schon vor Jahrhunderten bewegt hatte, die Zeiten flossen
dort oben dahin, über den Menschen; auch den Zeiten war eine Grenze
bestimmt; für den menschlichen Vielfüßler gab es aber keine Grenze; wie
bisher bewegt er sich und wird sich in allen Ewigkeiten weiterbewegen
. . .
Plötzlich verschwand alles: sie verließen den Prospekt.
Tief über den Häusern hingen bauschige Wolken, von einem dunklen,
wassergesättigten Streifen beschwert, vom Himmel herunter; Nikolai
Apollonowitsch knickte unter dieser unerwarteten schweren Last zusammen;
die bauchige Wolke kroch näher heran; und als der dunkelblaue Streifen
allmählich grau geworden, sie zudeckte, begannen geschäftige Tropfen zu
klappern und zu lispeln und bildeten in den glucksenden Pfützen kalte
Luftblasen; ganz zusammengekauert, mit dem Gesicht in den italienischen
Überwurf eingehüllt, saß Nikolai Apollonowitsch im Wagen; er vergaß für
einen Augenblick, wohin es ging; es blieb nur ein dunkles Gefühl in ihm
zurück, er werde gegen seinen Willen gefahren.
Die unglückliche Verkettung von Umständen wälzte sich wieder an ihn heran.
Die unglückliche Verkettung von Umständen -- kann man so die Pyramide von
Geschehnissen bezeichnen, die sich in den letzten vierundzwanzig Stunden
wie Felsen übereinander aufgetürmt hatten? Eine Felsenpyramide, die Seelen
zermalmt; ja -- eine Pyramide! . . .
An einer Pyramide liegt etwas, was die Macht der menschlichen Vorstellung
übersteigt; die Pyramide ist ein Delirium der Geometrie, das heißt, sie ist
ein Delirium, für das es kein Maß gibt; die Pyramide ist ein von Menschen
geschaffener Begleiter des Planeten; sie ist auch gelb und tot wie der
Mond. Die Pyramide ist ein durch Zahlen meßbares Delirium.
Es gibt ein Grauen der Zahl, ein Grauen, das aus dreißig
aneinandergereihten Ziffern besteht, wobei jede Ziffer eine Null ist;
dreißig Nullen neben einem Einser -- das ist ein Grauen; streichen Sie den
Einser aus -- und die dreißig Nullen versinken in ein Nichts.
Dann gibt's nur eine -- Null.
In dem Einser liegt das Grauen nicht; an sich ist ein Einser ein
Imponderabilium; er ist eben nur -- ein Einser! . . . Aber ein Einser plus
dreißig Nullen bildet das Ungetüm einer Pentallion: die Pentallion -- oh,
oh, oh! -- hängt an einem schwarzen dünnen Stäbchen; der Einser der
Pentallion wiederholt sich mehr als eine Milliarde mal Milliarde
Milliarden.
Sie zieht sich durch Unermeßlichkeiten.
So zieht sich der Mensch durch den Kosmos aus urewigen in urewige Zeiten.